Der Tempel Salomonis

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Autor: W. Belka
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Titel: Der Tempel Salomonis
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Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ein Abenteuerromanzyklus, welcher die Bändchen 89–96 umfaßt. Handlungsort ist Arabien.
Band 96 der Romanreihe Erlebnisse einsamer Menschen.
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[I]
96. Band. Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
96. Band Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
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Der Tempel Salomonis.[1]
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Wie eine Staubwolke flog es dem Piraten in die Augen.


[1]
(Nachdruck, auch im Auszuge, verboten. – Alle Rechte vorbehalten. – Copyright by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin 14. 1916.)


Der Tempel Salomonis.
W. Belka.


1. Kapitel.
Der Überfall.

„Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet!“

Von all den Lippen der zum Abendgebet in den warmen Wüstensand hingestreckten Gestalten klangen murmelnd die Schlußworte, die der Vorbeter mit heller Stimme in singendem Tonfall vorgesprochen hatte.

Die Beduinen, gegen zweihundert Mann etwa, erhoben sich. Es war, als ob plötzlich in ein Feld von kleinen, braunen Hügeln Leben käme. Braun waren ja zumeist die weiten, aus Schafwolle gewebten Mäntel der Iringi, dieses gefürchteten, gemiedenen Stammes, der sich größtenteils aus Ausgestoßenen anderer arabischer Völkerschaften zusammensetzte.

In der vordersten Reihe der Andächtigen hatte ein hoher, kräftiger, prächtiger als die anderen gekleideter Mann gekniet, in dessen Gesicht sich trotz aller brutalen Wildheit der Zug von Vornehmheit ausprägte.

Dieser heimatlose Beduine, weit über die Grenzen Arabiens hinaus bekannt und berüchtigt, war Ibrahim ben Garb, der waghalsigste und frechste aller Wüstenräuber. Für seinen Kopf hatten Türken und Engländer [2] einen hohen Preis gesetzt. Ibrahim aber spottete aller Verfolger, zumal er gerade unter den Briten genug einflußreiche Freunde besaß, die ihn stets rechtzeitig warnten, wenn ihm ein Hinterhalt gelegt werden sollte.

Einer dieser Engländer, ein Mann namens Shlook, saß vor seinem etwas abseits aufgestellten Zelte und wartete auf Ibrahims Rückkehr. Als der Pirat der Wüste zu ihm trat, forderte er ihn durch eine Handbewegung zum Niedersetzen auf und begann sodann ganz unvermittelt:

„Wie lange soll diese Belagerung der zehn Leute, die wir dort im Süden in dem versteinerten Walde umzingelt haben, noch dauern?! – Wir müssen endlich mit dieser Sache zu Ende kommen, Ibrahim. Ein kecker Angriff bringt die zehn fraglos in unsere Gewalt.“

„… und kostet mindestens zehn der Iringi das Leben“, fügte Ibrahim hinzu, indem er sich ruhig seine mit einem langen Rohr versehene Pfeife stopfte.

„Was spielen hier zehn Iringi für eine Rolle, wo es sich für uns beide darum handelt, die Goldschätze zu erringen, die unsere Widersacher sich angeeignet haben!“ meinte Shlook ungeduldig.

Ibrahim schaute den Briten ernst an und sagte. „Du weißt, wie gut sie zu zielen wissen, jene Leute, mit denen wir seit Monaten auf dem Kriegsfuße leben. Die Iringi schonen gern ihre Leiber. Ich habe ihnen nichts zu befehlen, bin nur ihr Gast …

Weiter und weiter spann sich die Unterhaltung. Sie drehte sich immerfort um denselben Gegenstand: um das lockende Gold eines alten Mannes, der ein wertvolles Geheimnis in seiner Todesstunde einem Deutschen anvertraut hatte, dem es dann mit Hilfe tatkräftiger Gefährten geglückt war, diese reichen Schätze an sich zu bringen. (Vergleiche Band 94 dieser Sammlung „Die Schätze des Wahhabiten“.)

Die Dunkelheit brach herein. Einer der Wachposten, die den versteinerten Wald ständig beobachteten, kam und meldete Ibrahim, daß vielleicht in kurzem ein Unwetter losbrechen würde. Im Südosten stehe eine schwarze Wolkenwand, die nichts Gutes verheiße.

[3] Shlook erhob sich schnell. „Gehen wir die Posten ab, Ibrahim“, forderte er seinen braunen Verbündeten auf. „Nötigenfalls müssen wir die Wachen verstärken. Ein Gewitterregen könnte den zehn Leuten Gelegenheit zum Entweichen bieten.“

Ibrahim stand auf, und beide verließen nun das Zeltlager, überschritten den Kamm des Sandhügels, hinter dem die Iringi ihre Zeltstadt aufgeschlagen hatten und wanderten schweigend in die Nacht hinaus.

Hin und wieder trafen sie auf eine der Wachen, wechselten stets ein paar Worte mit dem Manne und gelangten so nach einer Viertelstunde in die Nähe des versteinerten Waldes, dessen verkieselte Stämme seltsam fantastisch in die Luft ragten – wie dünne, schiefe Säulen, die ganz natürlich aufgestellt waren.

Jetzt wurden sie vorsichtiger, krochen auf allen Vieren weiter und machten so und so oft halt, um mit Augen und Gehör die Umgebung auf verdächtige Zeichen abzusuchen.

Etwa noch hundert Meter von der Außenreihe der dicht stehenden versteinerten Bäume entfernt, packte Ibrahim plötzlich den Arm des Engländers mit hartem Griff und raunte ihm zu:

„Dort vor uns … Ein Kundschafter der Belagerten. Er naht sich uns wie wir auf allen Vieren. Weichen wir ihm aus …“

Lautlos, sehr gewandt im Anschleichen offenbar, kam eine dunkle Gestalt daher. Es war nicht die ungewisse Beleuchtung, die diesen ausgesandten Späher so klein erscheinen ließ. Der, der sich freiwillig dieser gefahrvollen Aufgabe erboten hatte, war ein schlanker Knabe, gekleidet in einen Anzug aus Fellen und bewaffnet mit einer kurzen Büchse, die er eng um den Hals gehängt trug.

Paul Loring hieß der wackere Junge. Seit Jahren hatte er in der Wüste Ostarabiens gelebt, hatte die merkwürdigsten, traurigsten Abenteuer hinter sich, hatte hier in den Glutebenen Vater und Mutter verloren und sich dann drei deutschen Landsleuten angeschlossen, die zu einem von allerlei Geheimnissen durchwebten Befreiungswerke [4] sich ins Innere der großen asiatischen Halbinsel gewagt hatten.

Der Knabe ahnte nicht, daß jetzt zwei seiner Feinde dicht hinter ihm blieben. Ganz erfüllt von seinen Plänen, die auf nichts anderes abzielten als die sämtlichen Reittiere der Iringi zu entführen, ließ er es gerade heute an jener Vorsicht fehlen, die diesen Gegnern gegenüber nur zu sehr am Platze war.

Wo das Lager der Beduinen, das diese gezwungenerweise weiter zurückverlegt hatten, um den Schüssen aus den alten Vorderladerkanonen zu entgehen, die die Belagerten im Sande der in der Mitte des versteinerten Waldes befindlichen kleinen Oase entdeckt hatten, - wo dieses Lager sich befand, wußte er ganz genau. In großem Bogen schlich er darauf zu, kam dabei durch ein ausgetrocknetes, steiniges Bachbett. Das sollte seine Rettung werden. Der Engländer war ungeschickt genug, einen Stein einen kleinen Abhang hinab zustoßen. Polternd stürzte der Stein, Paul Loring fuhr hierum … Gegen den helleren Hintergrund einer sandigen Stelle bemerkte er die beiden dunklen Flecken, erkannte sofort deren wahre Natur, sprang auf und stürmte davon.

Ein schriller Pfiff Ibrahims alarmierte sofort sämtliche Wachen. Eine wilde Hetzjagd begann. Doch der Knabe war nicht mehr zu fassen. Die Wolkenbank hatte jetzt die Hälfte des Himmels mit einem riesigen, schwarzen Tuche überzogen. Die Finsternis nahm von Minute zu Minute zu. In der Luft lastete eine drückende Schwüle. Kein Windhauch war zu spüren. Nur in der Ferne ward plötzlich ein dumpfes Brausen vernehmbar …

Ibrahim und der Engländer, ganz außer Atem und in Schweiß gebadet, gaben nun das nutzlose Suchen auf und wandten sich dem Lager wieder zu. Da hörte der heimatlose Räuber zum ersten Male die dumpfen Laute, die das Nahen eines Orkanes ankündigten.

„Es wird ein Gewitter geben“, rief er laut. „Im Schutze der Regenmassen können wir bis zur Oase vordringen. Es ist ein Glückszufall! Besseres kann sich kaum ereignen als ein solches Unwetter …!“ –

Inzwischen war der Knabe, matt zum Umsinken nach [5] dieser Verfolgung, die sich stundenlang hingezogen hatte, endlich glücklich wieder von Süden her dem versteinerten Walde nahegekommen. Noch galt es, die auch hier aufgestellte Postenkette zu durchschleichen.

Vor ihm tauchte jetzt eine lange Reihe von Beduinen auf, die sich lautlos um den Südteil des seltsamen Waldes zu einer engen Kette zusammenschloß, indem sie allmählich vorrückte. Sofort ahnte er, was die Iringi planten. Hatte doch auch er vorhin die fernen Töne des drohenden Gewitters gehört, die ihm nichts Unbekanntes waren. –

Ein Angriff während eines Gewitters! Ein Angriff, bei dem in den niederprasselnden Regenschleiern nicht Freund, nicht Feind einander erkennen würden …! – Die Gefährten waren verloren. Dieses Naturereignis war der Iringi bester Verbündeter …! –

Und dann brach auch wirklich schon das Unwetter los. Gleich die ersten Windstöße wirbelten den feinen Sand in dichten Schleiern hoch. Paul Loring durfte den Elementen hier draußen nicht trotzen. So drang er denn dicht hinter den Feinden in den versteinerten Wald ein, dessen äußerste Reihe von Stämmen künstlich zu einer Palisadenwand von den Eingeschlossenen umgewandelt worden war. Dieses Hindernis half unter gewöhnlichen Umständen genügend, die Iringi sich vom Leibe zu halten. Jetzt kletterten die braunen Söhne der Wüste mit Leichtigkeit darüber hinweg, nachdem sie den hier stehenden Posten der zehn Belagerten unversehens überwältigt hatten.

Der Knabe war mit sich schnell ins Reine gekommen, wie er sich zu verhalten hätte. Umhüllt von den Massen des niederpeitschenden Regens kroch er in die Höhlung zwischen drei der verkieselten Bäume, die ganz eng aneinandergelehnt dastanden, mühsam hinein, wollte sich dann gerade etwas aufrichten, um sich seine Lederjacke über den Kopf zu breiten, als der Sandboden unter ihm nachgab und er tief – tief hinabstürzte, wobei er mit dem Kopf hart auf einen Steinblock aufschlug … Er verlor für eine halbe Stunde das Bewußtsein.

Als er wieder zu sich kam, fühlte er, wie ihm das Blut warm über die Schläfe rieselte, sah er sich von [6] einer solchen Dunkelheit umgeben, daß er nur durch Umhertasten ungefähr feststellen konnte, wo er sich eigentlich befand.

Zunächst aber suchte er die Blutung der Kopfwunde zu stillen. Dies gelang. Dann begann das vorsichtige Befühlen der Gegenstände, die sich in Reichweite rings um ihn befanden. So glaubte er denn annehmen zu können, daß er am Fuße einer von Sand verschütteten Treppe hockte, während vor ihm eine feste Steinmauer – er fühlte deutlich die Fugen der einzelnen Steine – sich erhob.

Wieder ließ er eine geraume Weile verstreichen und dachte angestrengt über seine Lage nach.

Hier unten war’s totenstill … Ebenso still wie dunkel. Wo war er jetzt, wo nur …?! – Die drei Steinbäume, zwischen denen er Schutz gesucht hatte, standen am südöstlichen Außenrande des seltsamen Waldes. Sie waren ihm nicht unbekannt gewesen. Schon vorher während der etwas langen Wochen der bisherigen Belagerung hatte er sie wiederholt bemerkt und sich dabei stets gesagt, daß die Höhlung zwischen diesen toten, verkieselten Bäumen ein prächtiges Versteck abgab für die Stunde der Not. Und jetzt hatte es sich gezeigt, wie unsicher der Boden war, den diese Stämme abteilten, wie heimtückisch das Schicksal gespielt, als er hier Schutz suchte …

Weiter erinnerte er sich, daß außerhalb des versteinerten Waldes gerade an dieser Stelle die Wüste sich kuppelförmig hochwölbte.

War hier vielleicht irgend ein Bauwerk vom Sande in endlos langen Jahren verweht worden? – Ja – es mußte so sein. Der kuppelförmige Hügel barg in seinem Innern irgend ein fraglos uraltes Gebäude …




[7]
2. Kapitel.
Die Befreiung.

Wieder verging eine gute halbe Stunde. Ein neuer Schwächeanfall hatte den Knaben unfähig gemacht, auch nur ein Glied zu rühren oder einen klaren Gedanken zu fassen. Als diese Schwäche jetzt nachließ, hörte zum Glück auch das dumpfe Sausen in den Ohren auf und jenes „sprühende Sterne Sehen“, das stets eine Begleiterscheinung einer leisen Gehirnerschütterung ist.

Nun erst fühlte sich Paul Loring wieder völlig Herr seines Körpers und Geistes, nun erst fiel ihm ein, daß der Chemiker Doktor Wallner, einer seiner deutschen Leidensgefährten, ihm ein Feuerzeug und eine kleine, von Wallner selbst hergestellte Laterne mit auf den Kundschaftergang gegeben hatte. –

Die Finsternis ringsum durchzitterte ein grüngelblicher Lichtschein, der schnell an Helligkeit zunahm, hin und her glitt, hier und dort länger halt machte und schließlich wieder erlosch, da der Knabe die Laterne ausdrehte, um mit dem Leuchtstoff zu sparen.

[8] Paul wußte jetzt genau Bescheid. Die Hauptfragen, mit denen er sich vorhin beschäftigt hatte, waren gelöst. Er war tatsächlich in das Innere eines vom Wüstensande verschütteten Bauwerks hinabgestürzt und zwar in einen Säulenanbau, an den sich nach Süden hin das Hauptgebäude anschloß. Die Sandmassen waren in diesen überdachten Anbau durch schadhafte Stellen des Daches eingedrungen und bedeckten den Boden hier und da bis zu einem Meter Höhe. Dieses Sandpolster hatte Paul Loring das Leben gerettet. Wäre er bei seinem Sturz durch die Südwestecke des Daches nicht so weich gefallen, so hätte er sich bei der Tiefe des Falles – etwa fünf Meter – auf dem Steinboden fraglos die allerbösesten Verletzungen zugezogen. –

Nach einer Weile benutzte er dann die Laterne abermals, um zu prüfen, ob es ihm nicht möglich wäre, mir Hilfe der letzten rechten Säule der Halle wieder ins Freie zu gelangen.

Die Säule zeigte zahlreiche erhabene Tierfiguren, Schriftzeichen und Blumenornamente. Jedenfalls konnte es einem so gewandten Kletterer wie Paul Loring nicht schwer fallen, all diese Vorsprünge für seine Zwecke auszunutzen.

Zehn Minuten später finden wir den mutigen Jungen bereits wieder oben zwischen den drei versteinerten Stämmen, die ganz dicht neben der Südwestecke des alten Bauwerkes durch die Sandmassen hindurchgingen, die auch das Grab des merkwürdigen Gebäudes geworden waren. Der Trichter, der nach dem Loche in dem Dache hinführte, verlief schräg nach Süden zu und war bereits wieder halb zugeschüttet, so daß Paul Loring sich mit aller Kraft hatte hindurchzwängen müssen.

Oben bemerkte er sofort, daß der Sturm vorüber war. Nachdem er die Iringi, die jetzt Herren der Oase waren und die die Gefangenen am Ufer der kleinen Wasseransammlung nebeneinander gefesselt niedergelegt hatten, eine geraume Zeit von einem Versteck auf einem der verkieselten Bäume aus beobachtet hatte, mußte er notgedrungen von seiner Schußwaffe gebrauch machen und dem Engländer Shlook eine Kugel durch das rechte Handgelenk [9] jagen, da der habgierige Mensch durchaus wissen wollte, wo die Deutschen auf ihrem Wege nach dem versteinerten Walde die Schätze Kir Balis einstweilen verscharrt hatten, und der gewissenlose Brite es besonders auf den Ingenieur Ring abgesehen hatte, den er allen Ernstes zu erschießen drohte.

Nach diesem Meisterschuß, der Shlook für alle Zeiten die rechte Hand lähmte, mußte der Knabe natürlich schleunigst wieder in das alte Gebäude hinab, da unter Ibrahims Leitung die Beduinen eine sorgfältige Suche nach dem kecken Schützen vornahmen. Daß diese ergebnislos bleib, war nicht weiter wunderbar. Wie sollten die Iringi oder selbst der schlaue Ibrahim darauf kommen, daß Paul Loring hier einen so seltsamen Schlupfwinkel gefunden hatte!

In der vierten Nacht gelang es dem Knaben dann während eines Sandsturmes, die neun Gefangenen ohne Zwischenfall nach seinem unterirdischen Versteck zu bringen.

So leicht auch die eigentliche Befreiung der Gefährten und das Hinführen bis zu den drei versteinerten Bäumen gewesen war: das Hinabschaffen eines Einzelnen, und zwar des dicken Bolz, in den Anbau des verschütteten Bauwerks bereitete Schwierigkeiten, die Paul Loring nicht vorausgesehen hatte, die aber doch schließlich überwunden wurden. Der Trichter aus Sand war eben für den Dicken viel zu eng gewesen!

Man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Spannung die glücklich Geretteten sich nun in dem einer Säulenhalle gleichenden Anbau umschauten! Besonders Doktor Pinkemüller als Forscher war ganz außer sich vor Freude, hier einer Entdeckung gegenüberzustehen, die er wissenschaftlich so recht nach Herzenslust ausbeuten konnte. Kaum unten angelangt, begann er auch schon die Skulpturen an den Säulen und Wänden beim Lichte der einzigen vorhandenen Laterne zu untersuchen. Als man dann auch den rothaarigen Dicken endlich wohlbehalten unten gelandet und den Trichter von unten her sehr geschickt gefüllt hatte, um nicht durch das Sandloch verraten zu [10] werden, setzte der Zug sich unter Vortritt des Knaben nach dem Hauptgebäude hin in Bewegung.

Dieses bildete ein Quadrat von etwa vierzehn Meter Seitenlänge und bestand aus einer einzigen Halle, die lediglich durch Säulenreihen in verschiedene besondere Räume abgeteilt war. An der einen Wand erhob sich in der Mitte ein Altar aus poliertem, dunklem Holz, in das die prächtigsten Verzierungen aus leider jetzt stark gelb gewordenem Elfenbein eingelassen waren. Auf dem Altar standen noch die mannigfachsten Tempelgeräte aus einem schwarzbraunen Metall, während zu beiden Seiten an der Wand eine Art von Teppichen mit eingesticktem Bildschmuck hingen. Diese Zeichnungen stellten Szenen aus dem religiösen Leben irgend eines uralten Kulturvolles dar.

In dem schmalen, langen Raume links von dem Hauptschiff des Tempels – denn daß es sich um einen solchen handelte, mußte auch jeder Laie sofort erkennen! – gab es noch weit seltsamere Überraschungen. Hier lagen auf niedrigen Ruhebetten fünf in altertümliche Gewänder gekleidete, vollkommen zu Mumien ausgetrocknete Leichen, fraglos die letzten Priester, die hier ihres Amtes gewaltet hatten, bevor irgend ein Naturereignis sie gleichzeitig hinweggerafft und den Tempel unter dem Sande hatte verschwinden lassen.

Ferner fand sich hier auch ein kleines, abgeteiltes Gelaß vor, das ohne Zweifel als Küche und Vorratsraum gedient hatte. Hier standen noch verschiedene hohe Krüge, deren Deckel mit Wachs luftdicht verschlossen waren. Sie enthielten Olivenöl, das sich wunderbar gehalten hatte. Weiter aber lagen hier auf Wandbrettern steinhart gewordene Brote, ferner in weitbauchigen Gefäßen völlig zusammengetrocknete, verschrumpelte Fleischstücke und anderes mehr.

Doktor Pinkmüller nahm all dies sehr genau in Augenschein, schwieg aber zunächst noch, obwohl man ihm anmerkte, daß er sich bereits klar darüber war, aus welcher Kulturepoche dieser Tempel stammte.

Die nach Süden zu liegende doppelflügelige Holztür des Gebäudes, zu dem als Material ausschließlich Steine [11] und große Steinplatten verwendet worden waren, ließ sich nicht öffnen. Sie schlug nach außen, und offenbar lag davor die Sandmauer der Wüste, die bis zum Dache und noch weiter hinaufreichte.

Der Chemiker Doktor Wallner, der auf einer Orientreise in Begleitung seines Neffen gewesen war und den dann eine Verkettung besonderer Umstände in allerlei Abenteuer gestürzt hatte (vergl. Band Nr. 93, „Die Rätsel des Dschebel el Dachali“) machte nach dieser ersten Besichtigung des Tempels den Vorschlag, man solle die Öllampen des Altares füllen und anzünden, um sich hier bei besserer Beleuchtung bewegen zu können.

Diese Arbeit war bald getan. Dann wurden die Mumien auf Bitten des roten Knirpses hin, wie ja Karl Bolz von den Gefährten allgemein genannt wurde, in den Sandanhäufungen des Anbaus bestattet und die Ruhelager in den Hauptraum gebracht, wo es jetzt ganz leidlich hell war.

Die meisten der zehn Leidensgefährten waren so todmüde, daß sie zunächst einmal im Schlafe neue Stärkung suchten. Nur die beiden Ingenieure Fritz Tümmler und Gustav Ring, Doktor Pinkemüller und Paul Loring setzten sich auf die Stufen des Altars und begannen die Lage zu besprechen.

Jetzt hatte auch Pinkemüller Gelegenheit, mit seinen wissenschaftlichen Eröffnungen über den Tempel herauszurücken.




[12]
3. Kapitel.
Etwas vom weisen Salomo.

König Salomo, Davids Sohn, regierte um das Jahr 1000 vor Christi Geburt vierzig Jahre lang in ungestörtem Frieden, trotz der gut ausgebildeten Militärmacht dem Kriege abhold, über Israel, vereinte alle regierende Macht im Lande im Königtum, förderte Handel, Kunst und Gewerbe, erwarb den Namen eines Weisen und seinem Volke Ruhe und Reichtum.

Besonders als Erbauer des prächtigen Tempels auf dem Berge Moria bei Jerusalem hat er sich einen Namen gemacht. Für dieses Gotteshaus lieferte ihm der König Hiram von Tyrus das Material, und phönikische und ägyptische Künstler vollendeten das Werk in sieben Jahren. Außerdem ließ Salomo aber auch für sich selbst einen nicht minder glänzenden Palast errichten, ferner ein Zeughaus mit Säulen- und Thronhalle, großartige Gartenanlagen und nicht minder starke Festungswerke zum Schutze der Hauptstadt.

Daß König Salomo in der späteren morgenländischen [13] Literatur als Beherrscher der Geister und als Urbild der Weisheit gilt, daß sein Siegelring der Talisman der Zauberei für die arabischen Dichter ist, beweisen die Märchen aus Tausend und eine Nacht zu Genüge.

Eine arabische Sage berichtet nun, daß ein Baumeister namens Joreb, gebürtig aus Galiläa, dem König Salomo seine Dienste für den Bau des neuen Tempels angeboten habe, aber abgewiesen wurde, da der mächtige Herrscher leider Fremden weit mehr zutraute als seinen Landeskindern. Diese Vorliebe für alles, was von außerhalb der Landesgrenze kam, wurde dem König sehr verdacht. Ebenso aber wurden auch viele heimliche Klagen laut über die harte Fronarbeit, die das Volk bei den öffentlichen Bauten leisten mußte. So fand sich denn bald unter Jorebs Führung eine Menge von Unzufriedenen zusammen, die die alte Heimat verlassen und anderswo eine mächtige, neue Kolonie gründen wollten.

Gegen tausend Menschen, Männer, Weiber und Kinder, vereinigten sich heimlich zu einer großen Karawane und zogen nach Osten zu in das Unbekannte und Ungewisse hinaus. Als Salomo hiervon hörte, soll er seinen Geistern befohlen haben, die Auswanderer an einen Ort zu locken, wo eine durch Zaubersprüche geschaffene fruchtbare Gegend sie zur Niederlassung verleiten sollte und ihnen hier zwanzig Jahre lang Ruhe zu gönnen, ja, das Gedeihen der Ansiedlung sogar zu fördern und dann plötzlich nach Ablauf dieser Zeit jenes Land zurückzuverwandeln in eine öde Wüstenei, in der es kein Wasser, keinen Baum, keinen grünen Halm gab.

So geschah es auch. Als die Kolonisten, die in Arabien irgendwo ein Paradies entdeckt zu haben glaubten, eines Morgens erwachten, stand die junge Stadt mitten in einer kahlen Sandwüste; die Felder, die Palmen- und Olivenhaine, der rauschende Fluß, die fruchtbaren Wiesen, die schattigen Wälder, die murmelnden Quellen waren verschwunden.

Da erkannten die Flüchtlinge, wie der große König von Israel sie gestraft hatte. Tiefe Verzweifelung bemächtigte sich aller. Das Vieh starb dahin, Seuchen rafften die Menschen schnell hinweg. Und eines anderen [14] Tages wieder tat sich die Erde auf, verschlang die Stadt. Nur der Tempel blieb erhalten und ein Hain von Bäumen, die Salomo in Stein verwandelte. Diese und der Tempel sollten der Welt für alle Zeiten als Wahrzeichnen dafür dienen, was denen widerfahren war, die Salomo, dem Sohne Davids, zu trotzen gewagt hatten. –

An diese Sage anknüpfend suchte der gelehrte, vielgereiste Doktor den aufmerksam lauschenden Gefährten zu beweisen, daß wohl in diesem Märchen von der Zauberstadt ein Körnlein Wirklichkeit liege, wie ja nun dieser von Paul Loring entdeckte, im Sande begrabene Tempel und der versteinerte Wald mit hoher Wahrscheinlichkeit bewiesen.

„Es ist dies fraglos eine verkleinerte Nachbildung des Tempels Salomonis“, führte der Doktor weiter aus. Die Skulpturen und vieles andere deuten darauf hin. Möglich, daß tatsächlich einst eine Auswandererschar Jerusalem verließ und sich bis hierher verirrte. Jedenfalls haben wir hier ein Bauwerk vor uns, das dem Gotte Israels geweiht war und dessen Alter ich auf etwa 3000 Jahre schätze.“

Zulegt hatten die Zuhörer des Doktors doch schon wiederholt heimlich gegähnt und legten sich nun gleichfalls zum Schlafe nieder. Nur Pinkemüller fand keine Ruhe. Der Gedanke, daß die Sandmassen der Wüste im Süden dieses Tempels vielleicht eine ganze Stadt verbargen, daß er, der deutsche Forscher, hier an einer Stätte weile, die seit unendlichen Zeiten keines Lebenden Fuß betreten, scheuchte ihm den Schlaf von den Lidern.

Lautos wie ein Gespenst, eine Öllampe in der Hand, wandelte er umher, untersuchte nochmals die Wände des uralten Bauwerks und bemerkte so gerade in der Mitte der großen Halle, deren Boden mit hellen und dunklen Steinen mosaikartig belegt war, eine viereckige Steinplatte, in die hebräische Schriftzeichen eingegraben waren.

Die Platte lag lose in einer rahmenartigen Vertiefung, und vier handgriffähnliche Wülste machen es dann dem kleinen, aber muskelstarken Doktor leicht, diesen [15] Teil des Mosaikfußbodens zu lüften und schließlich ganz hochzuklappen.

Das Nächste, was sich ereignete, war ein leiser Pfiff der Überraschung und Befriedigung, den Pinkemüller ausstieß. Weit vorgebeugt stand er über der quadratischen, gähnenden Öffnung, senkte nun die Lampe tiefer und tiefer und … setzte vorsichtig den Fuß auf die oberste Stufe einer Steintreppe, die steil in die Tiefe führte. – –

Oben im versteinerten Walde und in dessen Umgebung suchten die Iringi, ganz besonders Ibrahim ben Garb, fünf Tage lang unermüdlich nach den auf so rätselhafte Weise verschwundenen Gefangenen. Dann brachen die Beduinen auf und zogen nach Westen zu davon.

Als letzte verließen Shlook und Ibrahim den versteinerten Wald und die kleine Oase. Der Engländer, seit seiner Verwundung sehr in sich gekehrt, schaute sich dann nochmals nach den am Horizont nur noch undeutlich zu erkennenden Steinsäulen um und sagte müde und kläglich:

„Ich werde diesen Ort nie vergessen! Er hat mich mein gesundes rechtes Handgelenk gekostet.“

Über des Wüstenräubers braunes Gesicht flog ein verächtliches, gleichzeitig auch schadenfrohes Lächeln.

„Wenn die zehn wirklich unsere durch den Sandsturm auseinandergejagten Dromedare, von denen fünfzehn fehlen, gefunden und eingefangen haben sollten, werden sie doch trotz der Reittiere nicht weit kommen. Sie haben keinen Proviant, und Wasser gibt es hier im Umkreise von hundert Meilen nicht für einen Unkundigen! Außerdem – die fünfzehn Iringi, die im Süden noch nach Spuren der Entflohenen suchen sollen, müssen ja etwas von Fährten finden. Und dann – dann wird Ibrahim ben Garb schließlich doch triumphieren!“

Shlook erwachte aus seiner stumpfen Gleichgültigkeit. Die Aussicht, sich noch an dem rächen zu können, der ihn halb zum Krüppel gemacht hatte, weckte wieder alle schlechten Instinkte in ihm. – –

Das Leben, das die zehn nunmehr in dem verschütteten Tempel wiedervereinigten Gefährten während dieser fünf Tage führten, war das denkbar eintönigste und entbehrungsreichste. [16] Kein Trinkwasser, keine Nahrungsmittel, dazu der dauernde Aufenthalt in halb verbrauchter Luft und halber Dunkelheit (denn die Öllampen verpesteten die Luft nur allzu sehr!) – das waren die traurigen Umstände, unter denen sie hier ausharren mußten.

Jede Nacht stieg Paul Loring mit Hilfe der Säule an die Oberwelt empor, um zu sehen, was die Feinde trieben, ob sie nicht bald die Oase verlassen würden und ob es ihm selbst vielleicht gelänge, etwas Wasser heimlich aus dem bescheidenen Teiche zu erbeuten oder gar Lebensmittel sich irgendwie anzueignen.

Jede Nacht kehrte er enttäuscht und traurig heim. Die Oase und der versteinerte Wald hatten stets von Beduinen gewimmelt, die mit Fackeln aus Palmfasern hin und her eilten und diejenigen suchten, die sich so sehr in ihrer Nähe befanden, nur durch eine vielleicht zwei Meter hohe Sandschicht von den Verfolgern getrennt.

Am meisten litten der dicke Bolz, der Chemiker Doktor Wallner und Janos Preszöni, der Ungar, unter dem vollständigen Mangel an Speise und Trank. Bei dem roten Knirps stellten sich am vierten Tage abends bereits Erscheinungen des Hungerfiebers ein.

Da war es der Ingenieur Ring, der auf den Gedanken kam, die steinharten Lebensmittel, in denen man noch Brot und gedörrtes Fleisch erkannte, zu Pulver zu zerkleinern und in dieser Form hinabzuwürgen, nachdem man das Pulver noch mit Olivenöl zu einem dicken Brei angerührt hatte.

Niemals haben wohl Menschen merkwürdigere Dinge zur Stillung ihres Hungers benutzt, als die jetzigen Bewohner des alten, verschütteten Tempels. Aber – auch nur auf diese Weise überstanden sie diese Tage der Einkerkerung. Der rote Knirps erholte sich etwas, und als am fünften Tage dann die Meldung kam, daß die Iringi abgezogen wären, da war der Dicke einer der ersten, die ans Licht des Tages zurückstrebten.




[17]
4. Kapitel.
Das Gold des Wahhabiten.

„Den halben Teich haben wir ausgetrunken!“ meinte Doktor Pinkemüller zu Ring, der neben ihm im Schatten des Gebüsches unter den wenigen Dattelpalmen der Oase saß. „Ich wünschte nur, die Iringi wärren so aufmerksam gewesen, uns noch eine Ladung Reis und ein paar Hammel hierzulassen. – Ja, – Wasser haben wir jetzt! – Wo aber nehmen wir Lebensmittel her?!“

Paul Loring war soeben zu ihnen getreten.

„Dafür werde ich hiermit sorgen!“ sagte er in seiner frischen Art und klopfte gegen den Kolben seiner Büchse.

„Eine Jagd in der Wüste ohne Reittier?“ warf Ring zweifelnd ein.

„Der Erfolg bleibt abzuwarten“, erklärte der Knabe zuversichtlich. „Sie dürfen nicht vergessen, Herr Ring, daß alles Getier weit und breit gewöhnt sein dürfte, hier in der Oase seinen Durst zu löschen. Wenn die Vierfüßler jetzt ferngeblieben sind, so war die Anwesenheit der Menschen die Ursache. Ich möchte wetten, daß, wenn [18] wir uns gegen Abend gut verbergen, bald ein Antilopenrudel – denn noch vor einer Woche sahen wir ja einen starken Trupp Säbelantilopen in der Ferne, sich einfinden und mir gute Gelegenheit zum Schuß geben wird.“

„Hm – das wäre wirklich ein Glück für uns!“ meinte der Doktor, schon halb und halb überzeugt von dem guten Erfolg dieser mühelosen Jagd. „Ich fühle mich nämlich jetzt auch bereits zum Sterben matt. – Übrigens, mein braver kleiner Freund, wie denkst Du Dir unsere Zukunft, die mir sehr, sehr dunkel erscheint. Wie sollen wir hier fortkommen, wenn wir …“

Ali Mompo unterbrach hier das Gespräch durch sein Erscheinen. Er fuchtelte schon von weitem mit den Armen in der Luft umher und rief jetzt ganz atemlos:

„Antilopen – Antilopen! Wir müssen …“

Der Doktor winkte ab. „Schon gut, Ali, schon gut. Paul hat uns bereits gesagt, daß er mit dem Auftauchen eines Antilopenrudels rechnet.“

Die graziösen, schnellfüßigen Tiere ließen nicht lange auf sich warten. Da die Gefährten sich unter Wind zwischen den verkieselten Stämmen verborgen hatten und die Antilopen die Nähe der Menschen daher nicht wittern konnten, war es Paul möglich, zwei kräftige Böcke zu erlegen, nachdem man allen Tieren Zeit gegönnt hatte, ihren Durst zu stillen.

Das Rudel hatte denselben Durchgang durch die an den meisten Stellen ganz dicht stehenden versteinerten Bäume benutzt, der schon von den Iringi breit ausgetreten war. Den Antilopen folgten nach einer halben Stunde drei Wüstenfüchse, die dann wieder durch mehrere Dromedare verscheucht wurden.

Es waren dies dieselben Tiere, die sich verlaufen hatten und deren sicherer Instinkt sie nun zu der Tränke zurückführte.

Nach und nach fanden sich zwölf Dromedare ein, die dann von den Gefährten unschwer eingefangen werden konnten. Leider waren sie sämtlich ungesattelt, so daß Ali Mompo sofort mit der Herstellung von Sätteln beginnen mußte, wobei ihm die beiden Ingenieure und auch Heinz Brennert hilfreich zur Hand gingen, während [19] Doktor Pinkemüller und Paul Loring die Zeit vor dem Eintritt völliger Dunkelheit noch zu einem Kundschaftergang nach Westen benutzten, da man sich noch immer nicht recht sicher fühlte und mit der Möglichkeit rechnete, die Iringi könnten vielleicht einen Trupp absenden, um in der Oase abermals nach den Verschwundenen Ausschau zu halten.

Die beiden deutschen Späher erklommen einen hohen Sandhügel, der ihnen eine gute Fernsicht bot. Der Horizont nach Westen hin war jedoch leer. Nichts als die endlose Wüste war zu sehen. – Schon wollten die Gefährten beruhigt kehrtmachen, als Paul Loring sich umdrehte und schärfer auch den Rest der Horizontkreislinie mit seinen vorzüglichen Augen absuchte. So kam es, daß er im Südosten mehrere sich schnell bewegende Punkte zu bemerken glaubte, die offenbar der Oase sich näherten.

Drei Minuten später wußte er mit aller Bestimmtheit, daß es sich um Kamelreiter handelte, – also ohne Frage um Beduinen. Im Dauerlauf eilten die beiden Kundschafter daher nach dem versteinerten Walde zurück, wo sie bereits sehnsüchtig und ängstlich erwartet worden waren, da Ali Mompo, von demselben Gedanken geleitet, den Ausguck erklettert und so gleichfalls das Nahen einer verdächtigen Kamelreiterschar gemeldet hatte.

Schleunigst wurde nun in der Oase alles so hergerichtet, wie diese nach dem Abzug der Iringi vorgefunden worden war. Kamen die fremden Reiter wirklich in den versteinerten Wald hinein, so sollten sie nichts von der Anwesenheit von Leuten wahrnehmen. – Mittlerweile war die Abenddämmerung hereingebrochen. Paul Loring, der den Somali auf dem Ausguck abgelöst hatte, wußte zu berichten, daß es im ganzen fünfzehn Reiter wären, die jetzt kaum noch dreihundert Meter vom Rande des seltsamen Waldes entfernt seien. Auf diese Kunde hin zogen sich alle mit Ausnahme Pauls und Ali Mompos wieder in den unterirdischen Tempel zurück. Der Knabe hoffte nämlich zuversichtlich, die fremden Reiter belauschen und über deren Woher und Wohin auf diese Weise Aufschluß erhalten zu können.

Gut verborgen hinter ein paar der merkwürdigen [20] Steinsäulen harrten Paul und der Somali der Ankunft der Beduinen. Daß dies die fünfzehn Iringi waren, die der schlaue Ibrahim den Flüchtlingen nachgeschickt hatte, konnten sie nicht wissen, reimten sich dann aber das Richtige zusammen, als die braunen Söhne der Wüste in der Oase auftauchten, ihre Tiere tränkten und sich anschickten, vor dem Weiterritt hier Rast zu machen.

Leider entdeckte dann jedoch einer der Iringi, der nach Osten zu in dem versteinerten Walde ohne bestimmten Zweck umhergewandert war, die dort versteckten zwölf Dromedare. Der Mann kam in heller Aufregung zu dem Führer der Schar gelaufen, meldete das, was er vorgefunden hatte und knüpfte daran sofort die Bemerkung, die Dromedare seien dort festgebunden, mithin läge der Verdacht nahe, daß die Tiere von den Flüchtligen, die man bisher umsonst gesucht habe, eingefangen seien. – Sofort befahl der Führer zweien seiner Leute, im Eiltempo dem Stamme zu folgen und das hier Beobachtete zu melden.

Als Paul Loring diesen Befehl vernahm, flüsterte er dem dicht neben ihm liegenden Somali zu:

„Diese beiden Boten müssen wir unschädlich machen. Schnell – hin zu dem Durchgang durch die versteinerten Stämme! Erst in der offenen Wüste werden die beiden ihre Tiere besteigen. Diesen Augenblick benutzen wir und sehen zu, ob wir sie lautlos überwältigen können.“

Ali Mompo erhob sich und huschte hinter dem Knaben davon. Die Ausführung ihres Vorhabens gelang ihnen vollkommen. Paul Loring schlug den einen Boten mit dem Büchsenkolben nieder, während der andere durch des Somalis eiserne Fäuste am Schreien gehindert wurde. Nachdem die Iringi dann geknebelt und gefesselt worden waren, wurden sie auf ihren Dromedaren ein gut Stück in die Wüste hinausgeschafft und dort zwischen einer kleinen Felsgruppe niedergelegt.

Überaus wertvoll war es für die Gefährten, daß man auf diese Weise wieder in Besitz der Gewehre des Ingenieurs Ring und Doktor Wallners gelangt war, die bei der Verteilung der Waffenbeute der zehn in der Oase Überrumpelten gerade den beiden Boten zugefallen [21] waren. Auch die Reittiere dieser Iringi verbesserten die Lage der zehn Gefährten, zumal sich in den Sattelsäcken reichlich Proviant vorfand. – Nachdem die beiden Dromedare an anderer Stelle mit sicher zusammengebundenen Vorderbeinen zurückgelassen worden waren, begaben sich Paul Loring und der Somali auf Umwegen in den Tempel hinab, erzählten hier das Vorgefallene und baten Doktor Pinkemüller und den Ingenieur Ring, gemeinsam mit ihnen zu versuchen, die übrigen dreizehn Iringi zu überwältigen. Diese hatten inzwischen ein paar Feuer angezündet und sich ganz zum Bleiben eingerichtet, nachdem sie den versteinerten Wald und dessen nähere Umgebung vergebens nach den Flüchtlingen sehr sorgfältig durchforscht hatten. Offenbar wollten sie also hier auf das Eintreffen ihrer Stammesgenossen warten, die die beiden Eilboten hatten herbeiholen sollen.

In kaum begreiflicher Sorglosigkeit hatten sie sich jetzt um die Feuer gelagert, ihre Flinten aber neben den Satteln abseits gestellt und nur eine einzelne Wache an der Mündung des Ganges durch den versteinerten Wald postiert. Diese Wache wurde zunächst unschädlich gemacht. Der Mann trug seine lange Beduinenflinte umgehängt und Ali Mompos Karabiner unter dem Arm. Der Somali lächelte ganz glücklich, als er sein Gewehr so zurückerhielt.

Mit vier modernen Feuerwaffen konnte man jetzt gegen die noch verbreitenden Gegner schon etwas ausrichten. Nachdem noch der Hüne Emil Kurz herbeigeholt worden war, umstellte man die Oase, und Doktor Pinkemüller war es dann, der die Iringi plötzlich aufforderte, sich zu ergeben. Abgeschnitten von ihren Flinten, völlig überrascht und in Unkenntnis über die Zahl und die Bewaffnung ihrer Gegner, vielleicht auch auf baldige Hilfe durch ihre Stammesgenossen hoffend, ließen die also Überrumpelten sich auf Verhandlungen ein und mußten dann alle fünfzehn unter Zurücklassung ihrer Reittiere, Waffen und des Proviants zu Fuß dem Haupttrupp folgen, begleitet von Paul Loring und Ali Mompo, die den stillen Zug bis gegen Mitternacht begleiteten, [22] damit die Leute nicht etwa auf den Gedanken kamen, wieder umzukehren.

Auf diese unblutige Art hatten die Gefährten sich nicht nur weitere fünfzehn Dromedare, sondern auch Sättel, Lebensmittel und manches andere verschafft, was für sie von höchstem Nutzen war. Nach kurzer Beratung, an der auch Paul Loring und der Somali noch teilgenommen hatten, war beschlossen worden, gegen Morgen die Oase zu verlassen und wieder in großem Bogen nach Norden sich zu wenden, um die Schätze des Wahhabiten aus dem so sorgsam ausgewählten Versteck abzuholen.

Erst kurz vor dem Aufbruch teilte dann Doktor Pinkemüller den zunächst recht ungläubig lauschenden Gefährten mit, daß er unter dem Boden des Hauptraumes des verschütteten Tempels ein Gemach gefunden habe, in dem eine ganze Menge wertvoller goldener Tempelgeräte aufgestapelt lägen.

Die meisten der zehn Abenteurer wider Willen nahmen diese Kunde recht gleichgültig auf. Ihnen lag weit mehr daran, endlich wieder in kultivierte Gegenden zurückzukehren, als an dem Besitz weiterer Goldmengen. Nur der rote Knirps konnte seinen wahren Charakter auch jetzt nicht verleugnen und führte beinahe einen Freudentanz auf, was ihm nur ein allgemeines Kopfschütteln und von seiten des stolzen Somali ein halb verächtliches Lächeln eintrug.

Die Dromedare, die nicht als Reittiere dienen sollten, wurden mit den goldenen Geräten, Wasserschläuchen und Proviantflaschen beladen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Den Führer machte Ali Mompo, der, mit den natürlichen Instinkten des Halbwilden begabt, die Gefährten in wenigen Tagen auch wirklich nach dem Versteck der Schätze Kir Balis brachte, wobei er stets darauf bedacht war, jedes Wadi zu benutzen, in dem der steinige Boden wenig Spuren annahm, ebenso wie der Somali auch sonst allerlei Listen anwandte, um die Iringi, mit deren Verfolgung man rechnen mußte, irrezuleiten.

Auf dem Rückwege nach Süden hin war es jedoch unbedingt nötig, nochmals den versteinerten Wald und [23] die Oase aufzusuchen. Bisher hatten die zehn Gefährten vom Feinde nichts wahrgenommen. Je mehr sie sich jetzt der Oase näherten, desto vorsichtiger wurden sie. Etwa zwei Meilen östlich von dem versteinerten Walde wurde gegen Abend halt gemacht. Ein kleines Tal mit sonderbar geformten Felsen diente als Rastort. Wieder waren es Paul Loring und Ali Mompo, die jetzt als Kundschafter vorauseilten.

Die Nacht, licht, sternklar und völlig windstill, bot den beiden einsamen Reitern all die wunderbaren Reize eines nächtlichen Marsches durch die weite Wüste. Doch der Knabe und sein dunkelhäutiger Begleiter hatten wenig Sinn heute für das Poetische dieses Rittes. In der Oase mußte der Wasservorrat notwendig ergänzt und den Dromedaren Zeit gegönnt werden, auf der Weide neue Kräfte zu sammeln. War die Oase womöglich von den Iringi besetzt, so mußte man warten, bis sie wieder abgezogen waren. Und diese Gedanken, ob man den Platz frei vom Feinde finden werde, nahmen die beiden Reiter neben der Aufmerksamkeit auf die Umgebung völlig gefangen.

Mit äußerster Behutsamkeit näherten sie sich dem schon von weitem erkennbaren toten, versteinerten Wäldchen. Dann blieb Ali Mompo bei den Tieren zurück, und der Knabe schlich zu Fuß auf die verkieselten Stämme zu, hinter denen nur zu leicht die ernstesten Gefahren lauern konnten.

Jetzt hatte Paul die ersten Bäume erreicht, jetzt kroch er auf allen Vieren auf eine Stelle zu, wo er zwischen den engstehenden Stämmen sich gerade noch hindurchwinden konnte.

Da – etwas Metallglänzendes reckte sich ihm plötzlich entgegen – – der Lauf eines vernickelten Revolvers …!

Gleichzeitig hörte er Shlooks Stimme …:

„Keine Bewegung – keinen Laut, wenn Dir Dein Leben lieb ist …!“

Der Engländer lag zwischen den Steinsäulen und hatte den Knaben, dessen er schon von weitem gewahr geworden, vollständig überrumpeln können. Den Revolver [24] hielt er mit der linken, unverletzten Hand und er war auch entschlossen abzudrücken, falls der Knabe, den er mit einer wütenden Rachgier verfolgte und den ein Zufall ihm nun wieder gegenübergeführt hatte, nicht widerstandslos gehorchte.

Paul Loring war einen Augenblick wie gelähmt. Dann überlegte er sich blitzschnell all die verhängnisvollen Folgen dieses Zusammentreffens. Shlook mußte überlistet werden, sonst waren sowohl Ali Mompo als auch die übrigen acht Gefährten in größter Gefahr, abermals in Gefangenschaft zu geraten.

„Schont mich, und ich will Euch sagen, wo die Schätze des Wahhabiten sich befinden“, flüsterte er Shlook zu, indem er auf dessen Habgier rechnete.

Dieser horchte auf. Der Gedanke an das Gold des Mannes, dessen Tod er selbst auf dem Gewissen hatte, da Kir Bali durch des Engländers Kugel in Gegenwart Doktor Wallners, Rings und Heinz Brennerts niedergestreckt worden war, ließ ihn alles andere vergessen.

„Schwöre mir, daß Du die Wahrheit sprichst!“ erwiderte er schnell.

“Gut – ich schwöre!“ war Paul Lorings Antwort.

Nun zwängte sich Shlook zwischen den Steinsäulen hindurch, nahm dem Knaben das Gewehr ab und führte ihn nach rechts herum am Rande des Waldes entlang.




5. Kapitel.
Bestrafter Verrat.

An einer kleinen Einbuchtung, man kann wohl auch sagen Waldblöße, blieb er stehen, richte den Revolver auf den Knaben und fuhr ihn barsch an:

„Setz’ Dich dort mit dem Rücken an jenen Stamm nieder! Und – wage ja keinen Fluchtversuch! Wir sind hier zwar ganz allein, trotzdem werde ich aber mit Dir fertig werden, falls Du … Na, Du weißt wohl Bescheid! – – Wo befinden sich also die Schätze?“

[25] „Gar nicht weit von hier, Master Shlook! Vielleicht zweitausend Meter nach Norden zu in einem kleinen Tale.“

Paul Loring log nicht. Dort lagerten ja die Gefährten, und dort waren auch die schweren, so überaus wertvollen Traglasten der Dromedare niedergelegt.

Der Engländer beugte sich tief zu dem Knaben herab.

„Junge, Du lügst …“, sagte er ganz heiser vor Habgier. Und doch sprach er nur diese Worte, um völlig sicher zu gehen.

„Ich lüge nie!“ erwiderte Paul gelassen, indem sein Auge die Entfernung bis zu Shlooks linker Hand abmaß, die den Revolver hielt.

„Ist das Tal leicht zu finden?“ setzte der Brite das Verhör fort.

„Sehr leicht. Am Nordrande der Talwand erheben sich zwei Klippen, die wie ein Paar Ziegenhörner aussehen.“

„Ah! – also dort! Ich besinne mich auf den Ort. – Ist das Gold von Euch vergraben worden?“

Abermals hatte der Knabe im Geiste die Möglichkeit erwogen, Shlook den Revolver durch einen blitzschnellen Griff zu entreißen.

„Nein – nicht vergraben!“ sagte er jetzt schnell. „Die Schätze Kir Balis sind in Ledersäcken verpackt worden. Diese liegen an der Ostseite des Tales dicht nebeneinander. Im ganzen elf.“

„Wie, Ihr habt das Gold wirklich nicht einmal eingescharrt? – Überhaupt – beinahe hätte ich vergessen, Dich auszuforschen, wie Ihr uns damals eigentlich so schlau entschlüpft seid und wie und warum Du hier wieder aufgetaucht bist.“

„Ich wollte sehen, ob die Oase besetzt war. Ich hatte Durst, habe ihn noch! Meine Gefährten …“

„Schon gut – schon gut. Ich darf nicht lange fortbleiben. Ibrahim könnte mich vermissen. Er will mich nach Maskat zurückbringen. Wir glaubten, Ihr wäret längst nach Süden zu unterwegs und hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Euch noch zu begegnen. – Nun – unter diesen Umständen muß ich meine Entschlüsse [26] wohl etwas abändern. Ibrahim soll nichts davon erfahren, daß ich jetzt weiß, wo das Gold, dem wir so lange schon nachjagen, sich befindet. Was soll der braune Räuberhauptmann mit all den Reichtümern?! Dafür habe ich eine bessere Verwendung!“

Paul glaube hinter sich, also hinter dem versteinerten Baume, der ihm als Rückenlehne diente, ein leises Geräusch zu hören. Er hatte gute Ohren, und er sagte sich sofort, daß es nur Ibrahim ben Garb sein könne, der lautlos herbeischlich, um die beiden Leute vor ihm zu belauschen. Aber er war auch sehr begierig darauf, was der Pirat der Wüste nun wohl unternehmen würde, nachdem er doch ohne Zweifel mitangehört hatte, wie kaltblütig der Engländer ihn zu betrügen suchte.

Nun – der wackere Knabe brauchte nicht lange zu warten.

Shlook schien jetzt sehr angestrengt darüber nachzudenken, wie er Ibrahim wohl am besten loswerden könnte, der ihm plötzlich recht unbequem geworden war. In seiner wilden Goldgier hatte er für nichts anderes Gedanken als für die Besitznahme der Schätze. Sonst wäre es ihm doch aufgefallen, daß Paul Loring hier so ganz allein herumschlich, sonst hätte er sich sagen müssen, daß auch die Gefährten Pauls in der Nähe waren.

Nach kurzer Pause erklärte er dann:

„Ich weiß, was ich tue. Ich werde Ibrahim nach den neuen Weideplatz der Iringi zurückschicken, da ich dort eine Satteltasche vergessen habe. Sie enthält zwar nichts von Wert, ich werde aber Ibrahim gegenüber das Gegenteil behaupten. Vor Ablauf von vier Tagen kann er nicht zurück sein. Inzwischen werden wir beide die drei Lastkamele, die ich mitgenommen habe und die jetzt in der Oase grasen, mit den kostbarsten Gegenständen beladen, uns reichlich mit Trinkwasser versehen und davonreiten. – Halt – noch eine Frage, bevor ich …“

Shlook sollte diese Frage in diesem Leben nicht mehr über die Lippen bringen. Die Sekunden des verräterischen Engländers waren gezählt, ohne daß er es ahnte.

Plötzlich fuhr etwas wie eine lange dünne Stange [27] von hinten her über Pauls Kopf hinweg und auf Shlook zu …

Dieser stieß einen gellenden Schrei aus, taumelte nach rückwärts … Gewehr und Revolver entfielen ihm …

Da besann der Knabe sich keinen Augenblick länger … Beides aufheben und mit weiten Sprüngen um die vorspringende Ecke des versteinerten Waldes verschwinden, war eins.

Hinter ihn her dröhnte ein Büchsenschuß. Er kam aus Ibrahims Gewehr. Aber die Kugel flog unschädlich an dem Knaben vorbei. – –

Inzwischen hatte Ali Mompo eine halbe Stunde banger Ungewißheit durchlebt. Paul hatte nach seiner Schätzung längst wieder bei ihm sein müssen – längst! Das Ausbleiben des Knaben machte ihm Sorge.

Dann hörte er auch noch den Schuß, den Ibrahim abgefeuert hatte. Seine Unruhe wuchs. Was sollte er tun?! Die Tiere allein lassen und sich überzeugen, was vor ihm vorgegangen war?

Während er noch unschlüssig die halbe Dämmerung der sternklaren Nacht mit den Augen zu durchdringen suchte, nahm er eine schlanke Gestalt wahr, die in raschem Schritt auf ihn zukam. – Es war der so sehnsüchtig Erwartete.

Paul berichtete schnell, was er erlebt hatte. Als er erwähnte, daß Ibrahim ihn und Shlook belauscht gehabt hätte, meinte der Somali ernst:

„Ibrahim sich rächen an Engländer – Schuft. Ali Mompo wissen, wie Araber Verrat hassen.“

„Ganz recht, lieber Ali! Der berühmte Wüstenräuber hat sich auch gerächt. Ich muß Dir mein Abenteuer noch zu Ende erzählen. - Als die lange Beduinenlanze wie ein Blitz den Verräter mitten ins Herz traf, benutzte ich die gute Gelegenheit zur Flucht.“

„Aha – so enden Abenteuer!“ sagte der Somali finster mit dem Kopfe nickend. „Shlook haben Strafe schon erreicht … Gut so das, sehr gut. Nun wir schnell zurückreiten zu den anderen und Oase umstellen. Ibrahim uns nicht darf entkommen.“

In langem Trab ging’s dem Tale zu. Hier erregte [28] der kurze Bericht Pauls über den Ausgang der Streife nach dem versteinerten Walde hin in allen den Wunsch, den Piraten der Wüste gleichfalls unschädlich zu machen. Dann konnte man ungestört bei der Oase rasten und sich mit Trinkwasser versehen.

Auf Pinkemüllers halben Befehl hin – alle ordneten sich seinen klugen Vorschlägen stets ohne weiteres unter – blieben nur Janos Preszöni und Heinz Brennert in dem Tale und bei den Tieren zurück. Die anderen sattelten schnell ihre Dromedare und ritten dann in zwei Abteilungen zu je vier Mann nach Südosten und Südwesten zu davon, nachdem man ganz genau verabredet hatte, wie man sich in jedem Falle verhalten solle.

In weiter, beweglicher Kette wurde so der versteinerte Wald umstellt. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Ibrahim erschien. Da entschloß sich Paul, abermals den Kundschafter zu spielen.

Diesmal gelangte er unbehelligt in die Oase hinein. Hier fand er nur noch vier weidende Dromedare, ein im Erlöschen begriffenes Lagerfeuer und … die Leiche des Engländers vor, die offenbar von Ibrahim neben dem Feuer mit Hilfe von starken Zweigen als Stützen so natürlich aufgebaut war, als ob Shlook in sitzender Stellung schliefe.

Da Ibrahims Reittier verschwunden war, gab es nur eine Erklärung für sein Entweichen: er hatte sich auf und davon gemacht, bevor die Gefährten den versteinerten Wald hatten einkreisen können.




6. Kapitel.
Wie der Bruder Ungar zum Helden ward.

Heinz Brennert war in seinem tiefsten Herzen höchst ungehalten darüber, daß Doktor Pinkemüller gerade ihn als Wächter zusammen mit Janos bei den übrigen Dromedaren zurückgelassen hatte. Anders der Ungar, der von der Wichtigkeit dieses Auftrags sehr erfüllt war und stolz mit einer Beduinenflinte unterm Arm das Lager [29] mit eiligen Schritten und wehenden Schößen seines Diplomatenfracks umrundete und wiederholt schon in einem Schakal oder einem Wüstenfuchs einen anschleichenden Iringi zu erkennen geglaubt hatte.

Heinz Brennert saß indessen an dem nur leicht glimmenden Feuer und gab auf das leise über der Glut brozelnde Schenkelstück einer von Paul erlegten Säbelantilope acht.

Als der Ungar jetzt abermals von der Höhe des Talrandes ganz aufgeregt einen auf allen Vieren anschleichenden Feind meldete, rief Heinz ärgerlich zurück:

„Sie sehen Gespenster, bester Preszöni! Kommen Sie lieber zu mir herab und holen Sie sich Ihren Anteil an dem Lendenbraten.“

Der Ungar erwiderte nichts. Als Heinz aufschaute, war Janos dürre Gestalt verschwunden.

Das hatte seinen Grund.

Der man im verschossenen Diplomatenrock war sich jetzt seiner Sache ganz sicher. Gewiß – er hatte bisher mit seinem „Alarm, Feinde!“ stets daneben getroffen. Nun aber glaubte er, sich auf keinen Fall zu täuschen.

Die Gestalt, die dort von Westen her langsam tiefgeduckt über den hellen Boden der Wüste hinhuschte, war ohne Zweifel ein Mensch, – ein Mann in einem langen Burnus.

Janos benahm sich jetzt sehr schlau. Er tat, als habe er nichts Verdächtiges bemerkt, setzte seine Runde um die das Tal einschließende Sanddünen fort, versteckte sich dann aber hinter einer von jenen zwei Klippen, die am Nordrande emporragten.

Der Mann im Burnus hatte sich inzwischen lang auf die Erde hingestreckt und war kaum noch zu sehen. Aber Janos verfügte über ein Paar sehr zuverlässige Augen. Er beobachtete die Gestalt des so vorsichtig Anschleichenden mit größter Spannung weiter und hatte dann auch sehr bald die Genugtuung feststellen zu können, daß der feindliche Späher – hierfür hielt er den Mann – sich wieder in Bewegung gesetzt hatte und auf den [30] Talrand zustrebte, natürlich um zu sehen, wieviel Leute hier lagerten.

Janos gedachte nun den Spieß umzudrehen und seinerseits sich von hinten an den Fremden anzupirschen. Dies gelang ihm auch recht gut.

Ibrahim – denn er war der Mann im Burnus – schien es jetzt recht eilig zu haben, einen Blick in das Tal werfen zu können. Er hatte gesehen, daß der Wächter, eben Janos, etwa vier Minuten brauchte, um den Sandkessel zu umkreisen, und hoffte, schon vorher das erforschen zu können, was ihm von Wert war. –

Der Ungar befand sich jetzt vielleicht zwanzig Schritt hinter dem braunen Wüstenpiraten, dessen dunkler Bart und scharfgeschnittenes Profil ihn bereits diesen Gegner hatten erkennen lassen.

Janos war mit einem Male von wildem Ehrgeiz gepackt. Bisher hatte er unter den Gefährten stets eine unfreiwillige komische Rolle gespielt. Wenn er nun aber den berüchtigten Räuber womöglich lebend fing, war er ein Held – auch in den Augen der anderen.

Freilich – ganz leicht wurde ihm der weit kräftigere Ibrahim dieses Bravourstück nicht machen …! Besonders vor der langen Beduinenlanze, die der braune Halunke bei sich trug, hatte er doch eine übergroße Scheu. Wie schnell konnte ihn vielleicht das Schicksal Shlooks ereilen …! Ein Stich – und es war aus mit ihm …!

Janos Bewegungen wurden immer zögernder. [Fast] reute es ihn schon, sich überhaupt auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben …! Aber – umkehren …?! Nein – nie und nimmermehr!

Dann huschte plötzlich über sein Gesicht ein triumphierendes Lächeln. Er griff in die Tasche seiner löcherigen Hose, holte ein längliches, hohes Holzbüchslein hervor und behielt es in der Hand … –

Ibrahim lugte über den Rand der Talwand hinweg. Seine Linke hatte soeben einen Stein ins Rollen gebracht, der nun inmitten eines Bächleins von feinkörnigem Sand in das Tal hinabglitt, wobei ein Geräusch entstand, das für den heimlichen Beobachter leicht zum Verräter werden konnte. Aber Heinz Brennert saß [31] zu weit ab, um das Rieseln des Sandes zu vernehmen.

Der Wüstenpirat schaute jetzt beruhigt schärfer nach dem glimmenden Lagerfeuer hinüber, sah die Lastkamele wiederkäuend am Boden ruhen, sah die Ledersäcke mit dem Golde etwas abseits stehen und – – änderte sofort seinen Entschluß. Er hatte es hier nur mit zweien der Gegner zu tun, von denen der eine sogar noch ein Knabe war, jedenfalls kein vollwertiger Feind.

Dann glaubte er, hinter sich ein Geräusch zu vernehmen, als ob ein Mensch mühsam das hastige Atmen zu unterdrücken sucht. Blitzschnell fuhr er mit dem Oberkörper herum, indem er gleichzeitig mit der Rechten das lange Messer aus dem Gürtel riß.

Fuhr herum … und fuhr zurück, da sein Kopf beinahe mit dem Janos Preszönis zusammengestoßen wäre …

Zu spät wollte er sich jetzt wieder auf den Feind zustürzen, ihn unschädlich machen …

Etwas wie eine Staubwolke flog ihm aus einem Holzbüchschen ins Gesicht, in die Augen, ein furchtbares Brennen zwang ihn, die Lider zu schließen. Er war geblendet – – durch den Inhalt von Janos Tabaksdose, der als leidenschaftlicher Schnupfer sich auf Anraten des Chemikers Doktor Wallner aus zerriebenen Blättern verschiedener Wüstenpflanzen und Paprikapfeffer einen Tabakersatz hergestellt, diesen aber wenig benutzt hatte, weil selbst das abgehärtete Riechorgan eines Pußtasohnes diese Mischung schlecht vertrug.

Als Ibrahim einsah, daß er die Augen nicht wieder öffnen konnte und seinem Gegner auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war, tat er etwas, das Janos nie erwartet hätte: er kreuzte die Arme über die Brust und blieb regungslos stehen – stolz und aufrecht, während ihm die Tränen unaufhörlich aus den gepeinigten Augen hervorquollen.

Der Ungar war darob einen Moment ganz ratlos.

Diese kaltblütige Ergebenheit gegenüber einem mißgünstigen Geschick hatte er von Ibrahim nicht erwartet. Eine gewisse Heldengröße lag in dem Verhalten des Räubers, die jedem Achtung abgezwungen hätte.

Inzwischen hatte aber auch Heinz Brennert die beiden [32] Gestalten oben am Talrande bemerkt, kam herbeigelaufen und half Janos nun, dem Geblendeten die Arme auf dem Rücken zu fesseln. Der Araber ließ alles willenlos mit sich geschehen. Mit kaltblütiger Gelassenheit schritt er, geführt von dem innerlich jubelnden Ungar, dem Lager zu, duldete ebenso ruhig, daß ihm hier nun auch die Fußgelenke mit Riemen umknotet wurden.

Als die anderen Gefährten dann eine halbe Stunde später zurückkehrten, als sie den, den sie hatten fangen wollen, hier vorfanden, gab es eine wahre Sturmflut von Fragen. Und Janos Preszöni erntete nun wirklich all die Anerkennung, auf die er gehofft hatte. Diese Minuten, wo jeder ihm die Hand drückte, wo Doktor Pinkemüller ihn scherzend „Den Drachentöter“ nannte, würde er nie vergessen … – –

Ungestört bliebe unsere Abenteurer dann noch vier Tage in der Oase. Doktor Wallner hatte die Behandlung der schwer entzündeten Augen Ibrahims übernommen. Kurz vor dem Aufbruch, am Morgen des fünften Tages, erklärte er dann nach einer neuen Untersuchung, daß Ibrahim nie mehr die volle Sehkraft wiedererlangen würde; er würde bis an sein Lebensende die Welt um sich herum nur noch wie durch einen Schleier sehen und sei deshalb als ungefährlich zu betrachten. – Daraufhin beschlossen die Gefährten, den ohnehin hart genug Gestraften noch zwei Tagereisen mit nach Süden zu nehmen und dann freizulassen, versehen mit allem Nötigen, um sich bis zu den Weideplätzen der Iringi durchschlagen zu können.

Unsere Freunde erreichten nach weiteren zwei Wochen unangefochten den Hafen von Aden an der Südspitze Arabiens und schifften sich hier nach Europa ein. Nicht alle! Pinkemüller, der Ali Mompo als Diener bei sich behielt, wollte seine Forschungsreisen durch Innerarabien wieder aufnehmen. Vielleicht begegnen wir ihm nochmals in einem der nächsten Bändchen der Erlebnisse einsamer Menschen.


Ende.

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin S. 14.



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