Die Gartenlaube (1858)/Heft 14

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 14. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Blätter aus der Krisis.
Von Ludwig Rein.
Nr. 1.  Fabrikantenbrod.


Kein Stück Torte, nicht Marcipan und süßliches Biscuit, – ein Stück Fabrikantenbrod, genommen aus dem Schranke der Gegenwart, tische ich hier auf für die Leser.

Die Namen des Ortes und der Personen thun nichts zur Sache, – sie werden verändert oder gar nicht ausgeschrieben stehen. Genug, daß die Sache nicht erfunden ist. Die gesunde Kost ist jeder Zeit mehr werth, als der Küchenzettel, und mancherlei Rücksichten bestimmen mich, den Küchenzettel zu fälschen und nur die Kost im Auge zu behalten.


In einem s–schen Fabrikdorfe qualmten die Schornsteine, welche hoch emporragten über die Gebäude des umfangreichen Etablissements. Es war kurz nach der Leipziger Ostermesse vorigen Jahres. Ein gar reges Leben herrschte in den Arbeitssälen, auf dem Hofe, auf der anstoßenden Wiese, auf welch letzterer sich eine Reihe von Tuchrahmen befand. Zwischen Wiese und Hof lag ein hübscher Garten, und hier saß der Fabrikant, Herr L., in der Laube. Der alte Herr – so wollen wir ihn nennen – hielt eine der ersten Nummern des „Ernst Heiter“ in der Hand, welche Zeitschrift, redigirt von Adolph Glaßbrenner, damals seit etwa einem halben Jahre in’s Leben getreten war.

Der alte Herr senkte die Hand mit dem Zeitungsblatte nieder auf sein Knie. Nachdenklich erhob er die Hand wieder und las lächelnd von Neuem. Er stand dann auf, verließ die Laube, schritt auf dem Sandwege des Gartens hin und her, – aber das Zeitungsblatt ließ er nicht aus seiner Hand.

„Der Mann hat vollkommen Recht,“ sprach er dann vor sich hin, „er trifft den Nagel auf den Kopf, – Papiere, Noten, Banken, Zettel, Lumpen, Schwindelthum!“

Er schritt wieder in den Gängen sinnend auf und ab. Dann und wann nahm er das Blatt vor die Augen und las laut:

„Heil dir, mein Deutschland! Nicht im Siegeskranze
Des blutgetränkten Lorbeers strahlest du;
Auch nicht im goldnen, nicht im Silberglanze
Der Bürgerwohlfahrt pflegst du fauler Ruh’!
Du schreitest vorwärts über alle Schranken,
Machst in Papieren und in Noten kühn;
Heil dir, mein Deutschland! Du bist reich an Banken,
Und deine Zettel, deine Lumpen blüh’n!“

„Gefeiert Reich der Denker einst und Eichen,
Du hast die alten Banner keck verbrannt;
Du siehst der Geistesmacht Gespenster schleichen
Mit gierem Blick durch dein zersplittert Land,
Doch hebst du nicht gleich wildem Leu die Branken,
Sie zu verjagen; wer wird sich bemüh’n
Um Licht und Wissen? Du bist reich an Banken,
Dem Himmel Dank, und deine Zettel blüh’n!“

Er schüttelte heftig mit dem Kopfe und las einige Zeilen leise. Sein Inneres war sichtlich erregt, als er nach einigen Minuten laut fortfuhr:

„Armin und Nibelungen, Hohenstaufen
Und Luther und die große Dichterzeit,
Das ist vergess’ner Kram jetzt, wo wir laufen
Papierbepanzert in der Fixer Streit!
Vergess’ner Kram die Schwerter auch, die blanken
Des Jahres Dreizehn und ihr Flammensprüh’n!
Was Freiheit! Pah! Gefesselt an die Banken,
Genügt es uns, daß ihre Zettel blüh’n!“

„Die deutsche Einheit, lang umsonst erbettelt,
Sie ist errungen in dem Schwindelthum;
Sie ist errungen, wird dabei verzettelt
Auch Freiheit, Ehre, Zukunft, Stolz und Ruhm!
Für solche Faxen, Deutschland! laß die kranken,
Und pauvern Dichter immerhin erglüh’n!
Komm selber außer Cours – doch laß die Banken,
Der Menschheit höchstes Interesse, blüh’n!“

„Der Mann hat vollkommen Recht,“ wiederholte er, „aber nicht Deutschland nur dreht sich im Schwindelthum, ganz Europa tanzt mit, und Amerika macht die Musik dazu.“

Langsamer wurden seine Schritte, oft blieb er stehen und sah hinauf nach den Vögeln, welche in dem Frühlingslaub der Obstbäume und weiter draußen in den frischgrünen Zweigen der hohen Pappeln singend ihre Arbeit trieben beim Nesterbau.

„Da lobe ich mir euere Musik!“ fuhr er fort, „ihr spielt nicht zu einem Schwindelthum auf, ihr folgt nur dem einfachen Gesetz der Natur. Da ist nichts Ueberstürztes, nichts Widernatürliches, ihr bauet ein einziges Nest, legt einige Eier, brütet und freuet euch. Ja was sollte auch werden, wenn es jedem Vogel einmal einfiele, zehn oder zwanzig Nester zu bauen, sie alle mit Eiern zu belegen, – wie, wie,“ unterbrach er sich, „nun, das Bauen möchte gehen, vielleicht auch das Eierlegen – aber das Brüten, das richtige Ausbrüten – Schwindelthum!“

Er schwieg, denn Hufschlag drang vom Hofe her. Da sah [186] der alte Herr hinüber. Sein Sohn Karl war es, der aus dem benachbarten Städtchen kam, in welchem er mit dem alten Herrn eigentlich wohnte, doch so, daß Beide wochenweise abwechselten in dem nächtlichen Aufenthalt auf dem Etablissement.

„Karl, ich bin im Garten!“ rief der alte Herr, wahrend Jener den feinen Schimmel, auf welchem er gekommen, einem Arbeiter übergab, und dann zu seinem Vater eilte.

„Briefe gekommen?“ fragte der Alte.

„Mehr als ein Dutzend! Hier, Vater! Neue Bestellungen, neue bedeutende Aufträge!“

„So so, auch Geld, wie ich sehe, Zettel, nach drei Monaten zahlbar, – auch Briefe von den Maschinenbauern, – schriebst Du bereits an die Maschinenfabrik? Da sie antwortet, nehme ich’s an.“

„Ja, Vater, ich that es. Du siehst ja auch aus den heutigen neuen Aufträgen, wie nöthig es wird, unser gangbares Zeug zu vergrößern, ja, zu verdoppeln. Wenigstens müssen wir den Plan annehmen, wie ihn die Maschinenfabrik uns vorschlägt, – zwei Drittel gangbares Zeug mehr, dazu eine Dampfmaschine von zwanzig Pferdekraft; die Hälfte der nöthigen Räume für die neue Anschaffung haben wir, die andere Hälfte wird gebaut; willigst Du ein, so stimmen wir dem Plane bei, und noch heute bestelle ich Maurer und Zimmermann.“

Der alte Herr blickte lächelnd nach den Vögeln auf den Bäumen.

„Die bauen auch,“ sagte er ruhig, „aber sie sind nicht ergriffen von einem Schwindelthum. Hier, Karl, lies einmal dieses Zeitungsblatt, lies dieses Gedicht, lies es langsam, lies es zwei Mal, – ich will unterdessen die Briefe durchgehen.“

Vater und Sohn schritten neben einander auf dem Sandgange hin und her. Nach einigen Minuten erklärte der alte Herr:

„Ich bin fertig.“

„Ich ebenfalls,“ antwortete der Sohn.

„Und das Gedicht, wie gefällt Dir’s?“

„Als Kunstproduct gut, als Wegweiser für’s Geschäftsleben schlecht, sehr schlecht. Der Dichter erkennt die Zeit nicht, begreift die Gegenwart nicht. Wie ist jetzt Alles anders geworden auf dem Boden des gewerblichen und mercantilen Lebens! Mein Gott, wer wird mit einem so alten, verbrauchten Maßstabe die Gegenwart messen? Großartiger Bedarf überall, großartiger Aufschwung überall, – großartige Production darf da nicht fehlen.“

„Auf solidem Boden, richtig!“ fiel der alte Herr ihm in’s Wort, „der aber fehlt, das Ganze beruht auf Schwindelthum!“

„Schwindelthum, Vater, ich bitte Dich!“

„Papiere, Noten, Banken, Zettel, Lumpen!“ rief warm der alte Herr, „der Dichter hat Recht! Da sieh doch, Karl, warum schicken uns die Leute wieder Papiere, zahlbar nach drei Monaten? Warum schicken sie nur die Hälfte der Summe, welche sie uns schulden? Ja, ja, sie machen neue, großartige Bestellungen, aber wenn der Bedarf so bedeutend ist, warum denn die Zahlung für frühere Sendung nur halb, warum nicht ganz und voll? Warum die Hälfte auch noch in solchen Zetteln und Lumpen?“

„Aber Vater, der ganze Geschäftsgang basirt jetzt –“

„Auf Schwindel! Laß uns vorsichtig sein, Karl, glaube mir, so geht’s nicht fort, wie es jetzt geht! Auch ich begreife die Zeit, in welcher wir stehen.“

„Vater, wie könnte ein Gedicht mich so in Eifer bringen!“

„Glaubst Du, das habe das Gedicht allein gethan? Wer Augen und Verstand besitzt, sah ja längst, daß das Geld- und Papierschwindeln geradezu ein Erwerbszweig geworden. Oder hat das traurige Börsenspiel mit Scheinkäufen, mit den Lieferungen zu bestimmten Zeitfristen einen soliden Grund? Man kauft jetzt täglich Millionen für Millionen – und Niemand besitzt sie, Niemand kann sie bezahlen. Weißt Du nicht, daß man jüngst an der Berliner Börse in drei Wochen mehr Spiritus verkaufte, als ganz Preußen in fünfzig Jahren zu erzeugen vermag? Nicht viel anders in Leipzig – denke an die Scheingeschäfte mit Oel; noch toller in Stettin – denke an die Getreidespeculation, vor Allem aber denke an den verderblichsten aller Schwindel, an den Schwindel in Actien!“

„Allerdings ist die Speculation in Actien sehr verlockend,“ bemerkte Karl, „es wird da oft Reichthum ohne Mühe in kurzer Zeit gewonnen; aber das paßt Alles nicht auf uns, Vater, nicht auf unser Geschäft. Wir sind nicht ergriffen von der Sucht, in wenigen Stunden ohne Arbeit reich werden zu wollen; wir beabsichtigen nur, vernünftigerweise zu thun, was unsere Concurrenten thun, nämlich das Geschäft zu erweitern durch Vergrößerung des Etablissements.“

„Wir sind nicht ergriffen, Karl, von der Sucht, in wenigen Stunden ohne Arbeit reich zu werden,“ wiederholte langsam der alte Herr, „aber dennoch wird die Folge des Schwindelthums auch uns ergreifen. Schon sind wir wider Willen hineingeködert worden in den Papierkram. Wir konnten und können nicht ausweichen, das sehe ich ein. Aber ich sehe auch ein, wie dieser Papier- und Zettel- und Lumpenkram gleich einer Kette sich durch die ganze Geschäftswelt zieht, hinüber bis nach Amerika, wohin der größte Theil unserer Waaren geht. Laß in dieser Papierkette nur einige derbe Brüche entstehen – dann reißt sie uns vorwärts und rückwärts – und wir, Karl, wir sind immerhin ein Glied in der Kette – ein Papier reißt das andere, das größere Haus stürzt das kleinere um – – also besonnen, besonnen, Karl!“

„Aber vorwärts müssen wir doch!“ behauptete Karl entschieden. „Wir werden ja die Bestellungen nicht zurückweisen, werden den sichern Gewinn doch nicht Andern überlassen? Vater, es liegt viel Wahrheit in der gewöhnlichen Redensart: „„die Menge muß es bringen!““ Wenden wir die Redensart an im bessern Sinn auf unser Geschäft – Vater, was läßt sich da in der Gegenwart ausführen!“

Der alte Herr schwieg und sah nach den Vögeln auf den Bäumen.

„Was ist Dein Beschluß, Vater? sage mir ihn kurz und rund,“ bat oder forderte der Sohn.

„Kurz und rund?“ fragte gespannt der alte Herr. „Du kommst mir erregt vor, Karl, was hast Du? Ueberhaupt – ich weiß nicht – Du trägst Dich heute fein, trägst den besten Frack und Hut –“

„Sollst Alles erfahren, Vater – auch auf den Schimmel ließ ich das beste Reitzeug legen, – aber Deinen Beschluß –“

„Wolltest ihn haben kurz und rund? Wohlan denn, Karl, so höre ihn. Aus dem Bau neuer Säle und aus der Anschaffung neuer Maschinen wird nichts! Auf die übrigen Briefe die Antwort: daß wir die Aufträge ausführen würden, wenn man uns die Ablieferungsfrist um ein Jahr verlängern wolle.“

„So höre auch mich, Vater,“ erwiderte bestimmt, aber nicht ohne kindlichen Ausdruck der Sohn. „Es wird gebaut, das Etablissement erhält die Erweiterung ganz nach dem vorliegenden Plan, unser Geschäft nimmt einen großartigen Aufschwung! Du selbst, Vater, sollst keinen Thaler dabei wagen, das neue Unternehmen geht auf meine alleinige Rechnung.“

„Auf Deine Rechnung? Flüchtige Improvisationen!“ antwortete lächelnd der alte Herr. „Auf Deine alleinige Rechnung – nun ja, bei der heut zu Tage üblichen Methode, Geld zu machen, – und das wirst Du nicht wollen, Karl!“

„Nein, Vater, nein, das will ich nicht – aber einen Ritt will ich thun, einen Ritt, an welchen sich Geld, Glück, Geschäfte knüpfen! Vater, ich habe das Jawort von Fräulein Cölestine! Siehst Du, das ist von ihr!“

Aus der Brusttasche des feinen modernen Fracks zog er ein Sträußchen, bestehend aus Aurikeln, Maiblumen, grünen Blättern, und hielt es dem Vater vor die Augen.

Der alte Herr stand freudig erschrocken.

„Karl, Karl,“ hob er nach einer Weile an, „ja, wenn das wäre, – dann allerdings, – Vierzigtausend hat Fräulein Cölestine als Erbtheil von ihrer verstorbenen Mutter, – und wenn der Vater – höre, Karl, diese Methode, Geld zu machen, ist zwar auch nicht die beste, aber besser, weit besser doch, als jene Papiermethode mit Schwindel. Warum soll man es dem reellen Geschäftsmanne verdenken, eine reiche Heirath zu thun! Immerhin, Karl, immerhin! Wenn Du Deiner Sache gewiß bist, – ich weiß es nicht, freilich trittst Du auf als der einzige Sohn und einzige Erbe eines wohlhabenden Vaters, bist ein stattlicher junger Mann, – aber – nun, Du mußt selbst am Besten wissen, wie weit Du gekommen, wie viel das Jawort Cölestinens Dir gelten darf.“

Der alte Herr nahm den Sohn an der Hand, er führte ihn in die Laube, während er weiter sprach:

„Ich weiß wohl, Karl, daß Du seit Jahr und Tag öfter [187] nach – dorf geritten bist, aber ich hielt es nicht für etwas Ernstes, weil – Karl, lieber Sohn, ich dachte dabei an – ich muß Dir das sagen, Karl, –“

Aber der alte Herr sagte weiter nichts. Es war, als falle ein Schmerz auf seine Seele.

„Du dachtest dabei an Mathilde? Lieber Vater, an sie habe auch ich oft gedacht, wenn ich hinüber ritt, um Cölestinen zu sehen.“

„Karl,“ hob der Alte väterlich an und legte seine Hand auf des Sohnes Schulter, „Karl, Mathilde war Dir nicht gleichgültig, ich glaube sogar, Du hättest ihr gern Dein ganzes Herz gegeben, – und ich, Karl, der ich Deine Neigung still beobachtete, ich habe Dich niemals darum getadelt. Noch jetzt würde ich nichts dagegen einwenden, wenn Du Mathilde heirathen wolltest. Prüfe Dich, frage Dein Herz.“

„Mein lieber Vater,“ entgegnete Karl und drückte des Alten Hand, „das Herz will ich nicht fragen. Der Geschäftsmann in unserer Zeit hat es mehr mit der Vernunft zu halten, als mit dem Herzen, selbst wenn es dem Herzen wehe thut.“

„Und dem Deinen thut es weh, Karl?“

„Sei ruhig, Vater, jetzt nicht mehr, aber es wurde mir nicht leicht, das stille Mädchen aufzugeben. Du wirst die Vernunftgründe, welche bei meiner Lossagung mich leiteten, nicht verwerfen.“

„Und die waren und sind?“

„Berechnungen, lieber Vater. Der Geschäftsmann muß sein Auge nicht nur auf das europäische, er muß es auch auf das überseeische Schachbret des jetzigen Verkehrs richten. Wie will er ohne bedeutende Capitalkraft mit Erfolg und Gewinn seine Steine ziehen? Ohne Capital kann er weder den jetzt geltenden Bedingungen und Nothwendigkeiten genügen, noch den Chancen und Gefahren für die Zukunft ausweichen.“

„Gut, gut, Karl, das verwerfe ich nicht, ich bin einverstanden mit dem, was die Vernunft Dir sagt. Und Dein Herz, Karl?“

„Das darf nicht mitreden.“

„Aber Dein Gewissen, Deine Ehre, Karl?“

„Die sind unverletzt, Vater. Nie habe ich Mathilden gesagt, daß ich sie liebe, nie von einer Heirath, nie von einer Zukunft gesprochen. Meine Neigung zu dem stillen Mädchen war eine stille, eine reine.“

„Und weiß Mathilde,“ hob nach einer Pause der alte Herr wieder an, als Karl vor die Laube trat und nach dem Pferde rief, „weiß Mathilde von Deiner Absicht auf Fräulein Cölestine?“

„Möglich, Vater, daß, sie es weiß oder doch ahnt. Ich habe in der letzten Zeit vermieden, sie zu sprechen, selbst, wenn es ging, sie zu sehen, ihr zu begegnen. Vater, Du siehst, daß ich offen bin, ich gestehe Dir: es ward mir das Alles nicht ganz leicht.“

„Und dennoch?“

Dennoch, Vater!“ antwortete lächelnd, aber bestimmt der Sohn. „Der Geschäftsmann muß sein, wie ein Feldherr, – er schlägt die Schlacht, er freut sich des Sieges.“

„Und der Sieg wird aushalten?“

„Sicher, so sicher und fest, wie mein Streben!“

„Und Dein Streben ist?“

„Auf dem Strome des Geschäftslebens statt des Kahnes, in welchem wir jetzt rudern, ein Schiff zu besitzen!“

„Reite mit Gott, Karl!“ rief der alte Herr, „gewinne ein Schiff!“

Einige Secunden noch stand der Alte, hielt fest des Sohnes Hand und sah ihm treu und zufrieden in die Augen. Dann küßte er ihn. Schweigend gingen sie zusammen auf den Hof. Das Pferd wurde vorgeführt, aber der junge Geschäftsmann bestieg es noch nicht. Eifrig ertheilte er auf dem Hofe einige Befehle und war eben im Begriff, sich noch in einen der Arbeitssäle zu begeben. Da zupfte der alte Herr ihn am Rockärmel, und in demselben Augenblicke rief der Alte:

„Suchst Du mich, Mathilde?“

Statt des Rockärmels ergriff er schnell des Sohnes Hand, er ließ ihn nicht fort, und redete weiter:

„Komm doch näher, Mathilde, nur einige Worte wegen des Blumenbeetes.“

„Sie meinen das links dort?“ fragte Mathilde, indem sie befangen näher trat.

„Links liegt das Herz!“ neckte ein betagter, vorbeischreitender Arbeiter.

Der alte Herr lächelte, – der Sohn grüßte mit sicherem Anstand, – Mathilde schlug erröthend die großen, schwarzen Augen nieder.

„Entschuldige, Vater,“ sprach mit Festigkeit Karl, indem er den Arm aus seines Vaters Arm losmachte, „Du weißt, daß ich noch einige Augenblicke lang in den Mittelsaal muß.“

Er grüßte mit dem Hute abermals nach dem Mädchen hin, indem er ganz im gewöhnlichen Schritt nach einer Thüre des Mittelgebäudes ging.

Mathilde erhob die gesenkten Augen, sie blickte hin nach der Thüre, wo Karl verschwand, – blickte mit Augen, in denen unbewußt ihre träumende Seele lag.

Dem alten Herrn entging das nicht. Er kam darüber in eine gewisse Verlegenheit, in jene Stimmung, welche oft zwischen Pflicht und Mitleid, zwischen Vernunft und Herz sich erhebt, und statt mit dem Mädchen über das Blumenbeet zu sprechen, stellte er die ungeschickte, aber von dem Ton inniger Theilnahme durchdrungene Frage:

„Warum redet Ihr denn nicht miteinander? Karl spricht wohl jetzt selten mit Dir? – Warum denn, Mathilde?“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete leise und erröthend das Mädchen.

„Er hat Dir also noch gar nichts gesagt?“ fuhr der alte Herr gutmüthig fort; „nun, warte nur, warte, liebes Kind, –“

Er wendete sich einige Schritte hinweg zu einem Werkführer, der ihm eine Mittheilung zu machen hatte. Herr und Werkführer gingen zusammen im Gespräch nach der Thüre des Mittelgebäudes. In demselben Augenblicke trat Karl heraus. Der alte Herr verließ nun den Werkführer, schloß sich an den Sohn an und sagte zu diesem:

„Karl, sprich doch einige Worte mit dem Mädchen. Das kannst Du, ohne dem Uebrigen zu schaden, und das arme Kind dauert mich.“

„Still, still, Vater,“ antwortete unwillig der Sohn, „wozu sollte das dienen, wohin führen? – mache mich nicht irre.“

Der Vater bat nochmals; – so kamen sie bis an’s Pferd, welches der junge Mann nun schnell bestieg. Gleichsam als wolle er den Wunsch des Vaters erfüllen, soweit dies möglich, grüßte er beim Wegreiten nicht ohne Freundlichkeit nach Beiden zurück.

Ein Gruß kann unter gewissen Umständen gar tief in die Seele fallen; er fiel in die Seele Mathildens.

Kaum hatte Roß und Reiter sich gewendet, da kehrte der alte Herr zu dem Mädchen zurück; das Mädchen aber sah dem Reiter nach, bis er am Ende der Wiese verschwand.

„Siehst ihn nicht mehr?“ fragte lächelnd der alte Herr.

Da zog Mathilde ihre Hand rasch und erschrocken von den Augen.

„Mich blendete die Sonne,“ sagte sie halblaut; „ich wollte warten, bis Sie kämen, ich sollte ja Ihre Befehle hören. Sie wollten mit mir sprechen über das Blumenbeet im Garten.“

Da wurde der alte Herr wieder abgerufen. Es mußte dringlich sein, denn der erste Bote hatte kaum ausgeredet, da kam schon ein zweiter.

„Allerdings, allerdings,“ sagte lächelnd der alte Herr im Weggehen, „links, – über das Blumenbeet links müssen wir reden, ich werde Dich rufen lassen, Kind. Geh’ jetzt in Gottes Namen, Kind.“

Und das schöne Kind ging, – ging sinnend von dannen. War es Wehmuth, war es Sehnen und Hoffen, war es Schmerz oder Freude oder Liebe: sie wußte nicht, was sie bewegte.




Es war eine gar regsame Zeit, die Zeit nach der Leipziger Ostermesse 1857. Die Arbeiten in den Fabriken reichten nicht mehr aus, der Lohn mußte erhöht und die Besteller mußten befriedigt werden. Ueberall Aufschwung, überall ein frisches Schaffen und Thun, überall ein lebendiges Drängen und Treiben.

Auch in unserm Etablissement. Schon ist es gegen Abend, aber in den Fabrikgebäuden herrscht eine Thätigkeit, als sei kaum der Morgen angebrochen.

Schon von außen her verkündet sich der Fleiß. Wie qualmen noch die hohen Schornsteine im frischen Feuer, wie arbeiten noch die Dampfmaschinen! Und drinnen in den Gebäuden, wie heult [188] da „der Wolf“, der mit eisernen Zähnen die Wolle zerreißt und sie vorbereitet für die feineren Maschinen, durch die sie dann gehen muß, bis sie zum glatten, haltbaren Faden wird! Und die „Krempel-“, die „Locken-“, die „Spinn-“ und „Feinspinnmaschinen“, wie sie summen und surren, wie Tausende von Spindeln pfeifend sich drehen! Ist’s doch, als sitze an jeder einzelnen Maschine ein unsichtbarer Geist und hauche hinein mit seinem Athem in die blanken, eisernen Räder und Getriebe; ein Geist, allgewaltig, allumfassend, allgroß, und doch ist’s nur der Geist des kleinen Menschen, der das erdachte, erfand; des kleinen Menschen, der durch den Geist eben so groß da steht!

Und einen Blick weiter. In den andern Sälen stehen die Webstühle. Wie fliegt da der „Schütz“ durch die „Werfte“, wie läßt er die „Spule“ von einem Ende zum andern sausen, so daß Faden auf Faden sich legt und „Werfte“ und „Einschlag“ sich einen und binden zum Ganzen! Und unten in dem Raume, wo die „Walke“ sich befindet, dann daneben in dem Saale. wo die Maschinen für „Appretur“ stehen: welch’ ein Greifen und Eingreifen, welch’ ein Regen und Bewegen, daß die Tuche nun Glätte und Glanz und somit ein schönes Aeußere erhalten! Und diese kleine Welt, diese Tuchmacherwelt durchschreitet jetzt der alte Herr noch ein Mal, ehe es Feierabend wird. Das sämmtliche Arbeiterpersonal sieht den alten Herrn immer lieber kommen, als den jungen Herrn. Der Letztere ist einzig und allein nur bei der Sache, – er lobt oder tadelt. Der alte Herr hat nebenbei noch immer ein kleines Gespräch, wenigstens mit den Werkführern, ein scherzendes Wort auch für manchen einzelnen Arbeiter; sein Lob ist herzlicher, sein Tadel milder. Heute hat er den Werkführern das Gedicht von „Ernst Heiter“ vorgelesen.

Er war in allen Sälen, – sah, hörte, sprach. Jetzt zieht er aus den lärmvollen Räumen sich zurück. Er geht nach dem stillen Zimmer, welches sich am Ende des einen Gebäudes befindet. Nicht der Stille wegen sucht er es auf, an den Lärm in den Sälen, an die ganze Maschinenmusik ist sein Ohr ja längst gewöhnt, er hört sie gern, er hat sie lieb, – es ist die Niederlage für fertige Waaren, in welche er jetzt eintritt. Hier betrachtet er die Stöße der aufgespeicherten Tuche. Hier ist’s ihm wohl, recht wohl. Er zählt und mustert. Dann blickt er mit Behagen durch’s Fenster hinab auf das Färbehaus, aus dessen Luftzügen der Kesselrauch dampft, und spricht berechnend vor sich hin: „was heute gefärbt wird an Wolle, kann nach wenigen Tagen „gewolft“ werden; bei solcher Witterung geht’s schnell mit dem Trocknen; nach vierzehn Tagen muß die heute gefärbte Wolle als Waare fix und fertig in die Niederlage kommen.“

„Will’s Gott,“ setzte er nach einer Weile hinzu und schloß das Fenster.

Kaum hatte er den Wirbel gedreht, so begab er sich an ein anderes Fenster. Nicht hinaus auf den Hofraum führte die Aussicht, sondern hinein in die Packstube, welche an die Niederlage angrenzte und aus verschiedenen, durch Tapetenverschläge getrennten Abtheilungen bestand. In einer dieser Abtheilungen saß Mathilde. Sie stickte die Firma des Hauses und die fortlaufende Nummer in die Tuche, wie jedes Stück an der Ecke des Endes diese Marke tragen mußte. Solche und ähnliche Arbeiten waren jetzt Mathilden zugewiesen. Früher hatte sie einer Spinnmaschine vorgestanden, und hatte, wie viele Mädchen und Frauen, in einem der Säle gearbeitet. Dieser mißlichen Stellung wich sie aus und konnte ihr ausweichen, seit sie – es war ein Jahr her – von einer verstorbnen Tante fünftausend Thaler erbte. Da erklärte sie dem Hause oder vielmehr einem Werkführer desselben, daß sie dem Fabrikleben entsagen wolle, es sei denn, sie fände ihren Platz am Sticktische und in der Verpflegung des Gartens. Das wurde ihr gewährt, und so blieb sie. – War sie aber schon früher ein Liebling des Hauses geworden, so steigerte sich dies durch die neue Stellung, in welcher sie mit dem alten Herrn und dessen Sohn oft in geschäftliche Verbindung kam, gar sehr.

Ein einfaches Mädchen der Fabrik, – und doch, welch’ ein Ausdruck in der vollen, schlanken Gestalt, welch’ ein Ebenmaß in den Gliedern, welch’ eine Seele in den Augen! Genug, Mathilde war schön, Mathilde war auch gut.

Am Fenster also stand der alte Herr, er blickte hinein in die Packstube.

„Karl hätte ja doch mit Dir sprechen können, armes Kind,“ sagte er vor sich hin, „und wie Du ihm nachsahst, als er fortritt! wer weiß, wer weiß, wie’s mit Deinem Herzen steht, – darum – gesprochen muß doch werden, es stehe so oder so.“

Er griff an die Klinke der Thür, welche in die Packstube führte. Er sann und sann, – er zog die Hand von der Klinke zurück, – er trat wieder an das Fenster, und auch hier stand er noch unentschlossen oder überlegend.

Endlich klopfte er mit dem Finger an die Scheibe, – er winkte, durch die Thür trat Mathilde.

Die Frühlingsabendsonne warf ihren Schein in das Zimmer, der alte Herr und das frischblühende Mädchen standen theilweise in lichter Vergoldung, als habe der Himmel an Beiden seine Freude.

„Sie haben befohlen, – Sie wollten über das Blumenbeet sprechen? – fast kann ich mir denken, was Sie meinen,“ sagte unbefangen und mit sanfter Stimme Mathilde.

„So, so, und was mag ich da wohl meinen?“ fragte lächelnd der alte Herr.

„Sie wünschen, daß das Beet, welches sich links am Eingange befindet, mehr mit Sommerblumen bepflanzt wird, als dasjenige, welches rechter Hand liegt.“

Der alte Herr zog seine Hände auf den Rücken, ging unruhig hin und her und sagte etwas verworren:

„Nun ja, – aber eigentlich doch nein, – nein, nein, Mathilde, bepflanze das Beet, wie Du willst, – Lüge und Schwindel stehen auf einer Linie, – nichts da! Höre mich, liebes Kind, ich wollte Dich eigentlich fragen, – ich wollte Dich wirklich fragen nach Deinem Herzen, nach diesem Blumenbeete, – aber eigentlich auch das nicht, – ich wollte Dich fragen über Karl, – oder nicht fragen, gar nicht fragen, – ich wollte Dir sagen, daß Karl –“

Er hielt inne, er blieb stehen, – er blickte hinab nach dem Hofraume, – er sah es nicht, wie über Mathildens Gesicht ein dunkles Roth sich ergoß.

(Fortsetzung folgt.)




Wild-, Wald- und Waidmanns-Bilder.
Von Guido Hammer.
3. Aus dem Fuchsleben.

Hassen sollte man den Liebenswürdigen – und lieben muß man Dich, Du Hassenswerther!

Dich meine ich, Du schlauester, ränkevollster Gauner der Thierwelt, der bald als Cavalier, bald als gemeiner Lump, dann wieder als ehrsamer Biedermann oder als frecher Räuber auftritt, gerade, wie sich’s eben paßt. Schlau jeder Gefahr ausweichend, unbekümmert, wie es scheint, ob sein Ruf darunter leidet und er als Feigling gilt, ist er, wenn es zum Treffen kommt, ein tapferer Kämpfer, und wahrlich nicht leicht macht er seinem Erzfeind, dem todesmuthigen Dachshund, den Sieg, der wohl oft zweifelhaft bliebe, stände letzterem nicht der überlegene Mensch zur Seite. Ja, noch mehr Muth, als im offenem Kampfe mit Feinden, beweist er im Kampfe gegen sich selbst; denn nicht zu selten kommt es vor, daß ein Fuchs eher Hungers stirbt, als einen Brocken anrührte, den er von Menschen als Lockspeise für ihn hingelegt glaubt. Oder auch: wenn er sich hat überlisten und fangen lassen, so ist er, wie die Erfahrung immer auf’s Neue lehrt, im Stande, sich selbst zu amputiren, um so mit Verlust eines Lauftes dem verderblichen Eisen zu entgehen. Außer dieser heroischen Tugend hat er noch manche andere, besonders die, ein treuliebender Gatte und ein sorgliches Familienhaupt zu sein. Freilich macht er in diesem Falle den jesuitischen Grundsatz: „der Zweck heiligt das Mittel,“ nur allzusehr geltend; denn gerade um deswillen wird er in der Zeit der ehelichen und väterlichen Pflichttreue der Schrecken seiner Mitgeschöpfe, der sich bis auf die harmlosesten „Springinsfeld,“ die zirpenden Grashüpfer oder einen summenden

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Die Gartenlaube (1858) b 189.jpg

Eine Fuchsfamilie vor dem Bau.

[190] Käfer und krabbelnden Wurm erstreckt. An ihrem Erhaschen nämlich ertheilt er seiner lungernden Brut den ersten Unterricht im schlauen und raschen Erbeuten, wobei er deren angeborenen Trieb des Mordens mit sarkastisch emporgezogenen Lefzen gleichsam belächelt.

Versuchen wir einmal, an das Raubnest dieses rothhaarigen Freibeuters heranzuschleichen, um ihn möglicher Weise in seinem Familienleben zu belauschen. Mit der gehörigen Vorsicht, namentlich wenn das saubere Elternpaar auswärts ist und der Jagd obliegt, um die hoffnungsvolle, nimmersatte Jugend zu befriedigen, kann man schon auf günstigen Erfolg für die Beobachtung rechnen. Am besten ist’s, wenn man Gelegenheit hat, sich in der Nähe des Baues, natürlich außer Wind, auf einen Baum zu setzen, um von dieser Kanzel[1] aus Rundschau zu halten und in Augenschein zu nehmen, was da kommen wird. Sind die Jungen bereits vor dem Bau, so werden sie allerdings, bei dem Geräusch, das man nicht ganz vermeiden kann, sofort verschwinden; denn sie scheinen den gemessensten Befehl zu haben: beim geringsten Anschein von Gefahr in den Bau zu flüchten. Jedoch nicht lange leidet es die leichtsinnige Teufelsbrut unter der Erde; zumal, wenn eben die Maisonne mit ihren wärmenden, goldenen Strahlen verlockend auf den Tummelplatz vor der Hauptröhre scheint. Aufgepaßt! Behutsam streckt jetzt einer der Neugierigsten von der jugendlichen Räuberbande den Kopf aus dem Portale ihrer Spelunke. Wie kleine grüne Lichterchen flammen die funkelnden Seher im niedlichen, weichen Köpfchen aus dem dunkeln Eingange des Baues hervor. Weiter und weiter wagt sich der schelmische Pfiffikus heraus, bis er vor dem Baue ist, den einen Hinterlauft noch in der Röhre, um augenblicklich umwenden und in die schützende Festung zurückkehren zu können, sollte es ihm noch nicht ganz geheuer erscheinen. Geraume Zeit bleibt er in dieser Stellung, während man hinter ihm ein zweites Augenpaar im Dunkel erglänzen sieht. Nichts Verdächtiges bietet sich ihm dar und ein vorüberschwirrender Grashüpfer gibt ihm Veranlassung, mit einem Satze nach demselben auf dem Vorplatz zu springen. Sofort folgen ihm drei andere kleine Taugenichtse in purzelnden Sprüngen nach, und sich kollernd und überstürzend sind sie bald ein Knäuel, einer des andern Ruthe haschend oder sonst sich beißend und zerrend. Dann sich auseinanderwickelnd, fahren sie blitzschnell wieder zum Baue; aber schon im nächsten Augenblicke sieht man sie abermals erscheinen und toller als zuvor sich tummeln, so daß man merkt, nicht etwa eine gewohnte Gefahr habe sie in den Bau getrieben, sondern vielmehr das Bedürfniß eines Exercitiums für künftige Fälle, was gelegentlich mit als Spiel getrieben wurde.

Jetzt springt einer nach einem herumgaukelnden Schmetterlinge; ein anderer zerrt und zaust an einem Entenflügel herum, der von der letzten Mahlzeit her noch auf dem Platze liegt; plötzlich schießt ein dritter herbei, reißt ihn weg und schleudert ihn empor, um ihm nachzuspringen und in der Luft zu erhaschen; aber der vierte, sein jüngstes Brüderchen, kommt ihm zuvor, und eilt wie mit einem Raube davon, nun verfolgt von der ganzen Sippschaft – da hört man es in einer gewissen Entfernung leis und leiser bellen, und augenblicklich machen sie Halt. Es war das Signal der herannahenden Mutter! Alle lauschen sie der Gegend zu, woher die Ersehnte kommt, und siehe – mit einem Häschen erscheint die sorgliche Alte.

Keckernd eilt ihr die Schaar entgegen. Alles zerrt nun am Raube herum, so daß die Alte kaum bis zum Baue kommen kann, vor dem sie sich unter den gierigen Nimmersatts niederläßt, um das Mahl unter sie zu theilen. Bald ist es unter Zank und Hast verzehrt und da es heute nicht die erste Beute ist, so kann Frau Reinecke gelassen warten, ob vielleicht der Herr Gemahl noch etwas bringt, und sich’s bequem machen. Behaglich streckt sie sich im schönen Frühlingssonnenschein dahin. Freilich lassen ihr die Rangen keine Ruhe. Einer tummelt sich auf ihrem Rücken herum, während ihr ein anderes Lieblingskind am Lauscher zerrt, ein drittes gar sie an der Kehle würgt, wogegen das vierte an der beweglichen Lunte[2] eines seiner Geschwister Fangstudien macht. Halb wohlgefällig, halb unwirsch über die tollen Streiche ihrer Bande, erwidert sie halb den Spaß, halb wehrt sie ihn ab; aber es hilft nichts, sie muß sich’s schon gefallen lassen. Endlich erlöst sie der Gatte durch seine Dazwischenkunft. Was wird er mitbringen? Wie? Kommt er diesmal leer nach Hause? Denn ein armseliges, noch lebendes Mäuslein kann kaum für einen Bissen gelten; es soll auch nur zur Lection dienen. Mit welcher Begierde drängen sie sich heran, ihr Schlachtopfer in Empfang zu nehmen, das, aus dem Rachen des alten Räubers losgelassen, die Flucht versucht, aber sofort von der Rotte verfolgt und vom Gewandtesten auf nicht eben zärtliche Art wieder eingefangen wird, worauf die Andern es ihm zu entreißen trachten, so daß das arme kleine Geschöpf, von Maul zu Maul gerissen, schließlich halb todt einem der jugendlichen Raubgesellen zur Beute wird, der es dann nicht ohne abermalige verschiedene Hindernisse verzehrt.

Da nahen Tritte, und augenblicklich ist die ganze Klerisei verschwunden. Ungefährliche Kinder sind es, die im Dickicht nach Pilzen umherstreifen und zufällig an den Bau kommen. Die Rudera der raubgräflichen Küche reizen sie, sich den Bau näher anzuschauen, und dieses ist genug, um die Insassen zum Auszug aus ihrer bisher unberührt gebliebenen Burg zu bestimmen. Sobald wieder Ruhe geworden ist, recognoscirt der alte schlaue Räuber, ob Ausfall und Flucht bereits thunlich sei. Nichts rührt sich mehr, und der Wind verräth kein verdächtiges Menschenkind mehr. Soll er es darauf ankommen lassen, bis die Gefahr sich vielleicht in drohender Gestalt wiederholt? Nein, ohne Zögern benutzt er den günstigen Augenblick. Aus einer vom Hauptbau ziemlich entlegenen Fluchtröhre sieht man nun den Burgherrn, hinter ihm die Dame, herausschlüpfen, denen eiligst die Familie folgt. Vorsichtig, ohne die Flucht zu überstürzen, verschwinden sie in dem den Bau umgebenden Dickicht, um dort in einer der verwahrtesten Stellen die schützende Nacht zu erwarten, in deren Dunkel das Familienhaupt die Gattin und die edlen Sprößlinge aus der interimistischen Waldwohnung herausführt, um sie unmittelbar in einem Kornfeld einzuquartiren. Hier werden noch in derselben Nacht einige Fluchtröhren ausgeführt, in denen das Feldlager bezogen wird. Sind doch die Jungen bereits so weit, um selbstständig jagen zu lernen, und dazu eignet sich kein Revier besser, als der neue Sommeraufenthalt. Ueberlassen wir ihn hier einstweilen seinen Freuden und Leiden. Wir sehen ihn schon ein ander Mal wieder, wenn keine Familiensorgen sein raffinirtes Haupt bedrücken, und nehmen dann Veranlassung zu einem neuen Bilde.




Kinkel‘s deutsche Vorträge in London.


„Zehn Jahre sind dahin gegangen!
Es wächst mein Sehnen und Verlangen,
Mein Sehnen und Verlangen wächst:
Die alte Frau hat mich behext.“

Deutschland ist‘s, mein altes liebes Deutschland, der geographische und Culturmittelpunkt Europa‘s und der meines Herzens, so vieler, vieler Herzen, die unter allen Längen- und Breitengraden der Erde in allen möglichen Stufen der Gesellschaft, der Völker und Racen pulsiren oder längst nicht mehr schlagen, und das Auge zum letzten Schlummer schlossen, nachdem es vergebens heiß und brechend nach einer der lieben Gestalten der Heimath umherirrte, die durch den letzten Fiebertraum schritten; Deutschland, das ist die alte Frau, unsere Mutter, nach der unser Sehnen und Verlangen wächst. Diese alte Frau hat uns behext. Behalten wir den Heine’sche Ausdruck für seine leibliche Mutter bei, der er sein rührendstes Lied sang. Und gestehen wir es: die dahingegangenen zehn Jahre, unser Sehnen und Verlangen idealisiren die alte Frau. Sie ist unsere Mutter, die wir lieben; aber wir lieben sie schwärmerischer, heißer, als wenn wir alle Tage bei ihr gewesen wären. Wir stellen sie uns viel edeler, schöner, liebevoller vor, als sie wirklich ist. Wir vergöttern sie, obgleich sie menschlich ist. Nach dem ersten Wiedersehen würden gewiß sehr unangenehme [191] Enttäuschungen eintreten. Sie wohnt so beschränkt, Alles ist so klein geworden, seitdem wir in der großen Welt draußen den Maßstab für diese behäbige Gemüthlichkeit verloren. Und dann muß man sich wegen des Passes, der Aufenthaltskarte, des Heimathsrechts, des Pockenimpfungsscheins, der Subsistenzmittel u. s. w. citiren, examiniren oder wohl gar einstecken oder ausweisen lassen; ist nun einmal so Sitte bei Muttern.

Wir idealisiren Deutschland, weil wir nicht in Deutschland leben. Die Deutschen idealisiren dagegen den Boden, den wir Ausländer mit Füßen treten. So haben wir Jeder eine ferne Geliebte, die von entgegengesetzten Seiten, aber aus demselben Sehnen und Verlangen, in den Himmel erhoben wird, Dieses tragikomische Verhältniß hat sich namentlich zwischen England und Deutschland notorisch scharf ausgebildet. Wir deutschen Helden der Feder in England sind förmlich verrufen in unserer lieben Heimath wegen unserer Engländerfresserei. Ich habe schon manchen langen deutschen Artikel darüber gelesen, Artikel aus allen Tonarten, aber immer mit dem Grundgedanken: Ihr schmäht England, ihr kennt es nicht! Ihr seid blind gegen die Schönheiten, die wir aus der Ferne an ihm lieben, verehren, anbeten, vergöttern! Ihr macht euch lächerlich, wenn ihr Deutschland auf seine eigene Kraft und Schönheit verweis’t. Wo ist etwas von dieser Kraft und Schönheit? Nicht bei uns, Alles in England. – Wir wollen darüber nicht streiten, und beugen uns demüthig unter den Vorwurf: Ihr kennt England nicht! ohne die Retourkutsche zu besteigen und euch mit dem Gegenvorwurfe in’s Gehege zu fahren: Ihr kennt Deutschland nicht! Ich treibe meine Resignation so weit, daß ich selbst auf unsern Vortheil, daß wir Deutschland und England zugleich factisch und praktisch kennen gelernt, durchlebt und im Detail kennen gelernt haben, während ihr blos die eine Größe wirklich kennt, daß ich selbst auf diesen sehr bedeutenden Vortheil nichts mehr gebe.

Wir sind verliebt in Deutschland, weil wir ausgerissen oder davongejagt sind, und hassen England, weil es uns fremd ist und blieb. Gut. Hier habt ihr so viel Blöße für uns, als ihr nur wünschen mögt. Schreibt diesen Satz ab und donnert uns vollends nieder. Schad’t uns nichts: wir raffen uns doch wieder auf. Wir haben Thatsachen! Nun sind wir allerdings nicht so jung mehr, keine solchen Illusionäre, daß wir glauben sollten, etwas mit Thatsachen gegen echten, wahren Glauben ausrichten zu können. O nein! Es ist psychologisch und historisch erwiesen, daß der wahre Glaube, wenn ihn Thatsachen zu rütteln und zu schütteln suchen, nur um so fanatischer und fester wird. Aber wir haben Thatsachen beiderlei Geschlechts, so zu sagen, englische und deutsche Erlebnisse dicht neben einander. Erstere haben den Vorzug vor letzteren, daß sie uns in ganzer Größe auf eigenem Boden umgeben, während letztere von unserm Patriotismus im Auslande erst mühsam im Kleinen geschaffen werden mußten. Und doch gelingen diese letzteren besser, als erstere, selbst nach englischem Urtheil. Das ist etwas, und könnte allein den kleinmüthigsten Deutschen mitten im stolzen, reichen, mächtigen, freien England stolz machen. Das ist etwas, aber nicht der Rede Werth vor den Augen unserer höheren constitutionellen Herrschaften, die deutschen Stolz auf Deutschland offenbar für einen überwundenen Standpunkt halten. Aber merkwürdig ist’s, daß die Deutschen in England ganz ohne Unterschied ihrer Gesinnungen, Antecedentien und gesellschaftlichen Stellungen – die sie einander entfremden – sich immer unwiderstehlicher von England abgestoßen und zu einander getrieben fühlen.

In dem südlichen Stadttheile Londons, Camberwell, erhebt sich ein breiter Hügel – Dänemark-Hill – mit einer großen deutschen Colonie ohne Flüchtlinge, ohne Noth und Entbehrung. Im Gegentheil: lauter reiche, zum Theil fürstliche Kaufleute, sehr antirevolutionär, sehr flüchtlingsabhold, sehr mäßig constitutionell, vollblut-englisch in ihren City-Geschäften, die sie nicht wegen mangelnder Amnestie treiben, sondern aus freier Wahl und mit alter Liebe, seit Menschenaltern zum Theil. Mancher verdient in einem Tage den Jahresgehalt eines wirklichen Professors oder Geheimeraths. Sie alle leben fürstlich in heitern Palästen in aller Fülle der Lebensfreuden: Palast und Garten, Equipage, Dienerschaften, Weinkeller mit 15 bis 20 Sorten, liebenswürdige Frauen, schöne, blühende Töchter, stattliche Söhne, alle Abende treue, liebe Nachbarn und seidenrauschende, gold- und geschmeidestrahlende Gesellschaften. Was fehlt ihnen noch? Theater? Concerte? Tausenderlei großartige Vergnügungen? Nein, Alles zehn- bis hundertfach häufiger und reichlicher, als irgendwo in Deutschland. Kosten kein Gegenstand. Crösusse zum Theil. Nun, warum genießen sie das große, vergnügungsstrotzende London nicht? Warum stecken sie immer so beisammen auf ihrem Hügel, ohne einen einzigen Engländer unter sich – sie, die seit 20 bis 30 Jahren alle Tage persönlich mit Engländern verkehrten und Geschäfte machten? Warum sieht man nicht einmal englische Dienstboten mehr in ihren Häusern? In der großen, glänzenden deutschen Colonie da oben im Süden draußen keine einzige englische Freundschaft. Selbst eine eigene deutsche Kirche haben sie sich expreß gebaut, und einen eigenen deutschen Pastor haben sie sich verschrieben, obgleich es deutsche Kirchen und deutsche Prediger schon genug gibt in London, und englische noch viel mehr in allen Glaubens- und Secten-Sorten. Und was fehlt ihnen nun noch in dieser Fülle englischen Reichthums? In dieser Fülle ihres deutschen Lebens? Noch mehr Deutschland, das wahre, einige, große, schöne Deutschland, das Literaten- und Dichter-Deutschland. Es gibt deutsche Leihbibliotheken und Buchhandlungen genug in London, und sie haben Geld genug.

Aber warum genügt das nicht? Warum gibt man 500 Thaler für acht Vorträge über deutsche Literatur von Gottfried Kinkel, der zehn englische Meilen weit davon im Norden Londons wohnt? Warum gibt man noch 500 Thaler für acht noch andere Vorträge Kinkel’s über deutsche Literatur? Tausend Thaler für 16 Stunden von etwa 40 Familien, die mitten im Luxus und Reichthum, mitten in dem reichsten, dichtesten Lebensglanze Englands alle englische Herrlichkeit weit billiger haben könnten? Tausend Thaler für 16 Stunden deutsche Literatur und eine siebzehnte zum Besten deutscher Nothleidender? Das ist etwas und will erklärt sein. Die herrliche Kunst freien, flüssigen, sonoren, oratorisch anmuthigen Vortrags von dem großen, stattlichen, blühenden, wenn auch graubärtigen Redner erklärt etwas, aber wenig, denn man kannte auf Dänemark-Hill Kinkel vorher noch nicht mit seiner beneidenswerthen Gabe. Seine früheren Vorträge wurden deutschen Arbeitern in London, die ihn zu diesem Zweck expreß einluden und aus ihren spärlichen Mitteln glänzend honorirten, über Geographie, Geschichte, Literatur u. s. w. gehalten, also in einem Kreise, der den Kaufmannsfürsten am Camberwell fern lag. Sein politisches Märtyrerthum war’s auch nicht. Sie sind sehr mäßig constitutionell, und dieses Märtyrerthum wär’ ein Hinderniß gewesen, wenn das Sehnen und Verlangen nach deutscher, geistiger Nahrung in dem reichen England nicht so stark empfunden worden wäre. Das ist die Erklärung. So hab’ ich sie erlebt, gesehen, empfunden, genossen sechzehn Stunden lang.

Ueber den Inhalt der Kinkel’schen Vorträge selbst sprechen wir nicht. Es kam uns nur darauf an, auf das Terrain, die Physiognomie und die Motive derselben hinzuweisen, auf das tiefe, allgemein gefühlte, heiße Bedürfniß auch der englisirten Deutschen in London (die hier ihre Heimath, ihr Brod und ihre Fülle von Lebensfreuden genießen), als Deutsche zu leben, auf die Unfähigkeit aller englischen Herrlichkeiten, deutsche Culturbedürfnisse zu befriedigen, auf die Unversöhnlichkeit des englischen und deutschen Wesens. Wenn wir letzterem als Deutsche einen Vorzug geben, können wir uns parteiisch irren. Aber irren ist menschlich und in diesem Falle schön, ewig schön.




Die Erziehung des Feuerschwamms.
Von Berthold Sigismund.

Der Feuer- oder Zündschwamm, der in England German tinder (deutscher Zunder) heißt und in Frankreich den zarten, an das sanfte familiäre Wort für Schmeicheln und Streicheln erinnernden Namen Amandou führt, ist ein aus dem Röhrenpilze Polyporus fomentarius hergestelltes Product.

Die Form des ausgewachsen Pilzes hat außer dem naturgeschichtlichen [192] auch ein ästhetisches Interesse. Wenn irgend die Annahme verstattet ist, daß der Mensch bewußt oder unbewußt für bildnerische Zwecke Formen der organischen Natur entlehnt hat, und der Akanthus des korinthischen Capitäls, sowie das Kleeblatt der gothischen Baukunst sind so dafür sprechende Beweise: so sieht man sich zu der Vermuthung gedrängt, daß auch die Pilze mancherlei plastische Modelle abgegeben haben. Wem fiele nicht bei den gewöhnlichen Hutpilzen. z. B. dem Champignon, sogleich ein Gartentisch, ein Schemel, ein Elfenbein-Sonnenschirm, ein Kiosk-Gartenhäuschen ein? Unser Feuerschwamm aber erinnert auf den ersten Blick an eine Console, die zum Tragen einer Bildsäule bestimmt ist. Er gleicht einem längs der Achse durchschnittenen Kegel und ist, ein je höheres Alter er erreicht, mit um so mehr concentrischen Rundstäbchen gar zierlich geschmückt. Der berühmte Bildhauer Schwanthaler sammelte gern im Walde holzartige Pilze und wußte diesen durch geringe Nachhülfe mit dem Messer so groteske Aehnlichkeiten mit Eremiten, Rittern und Jägern zu geben, daß sie als phantastische Decorationen seiner Humpenburg dienen konnten. Aber wer auch nicht die Gabe hat, diese Schwämme mit Callot’scher Phantasie zu gestalten, kann sie zum Zimmerschmucke verwenden; sie gehen, zumal wenn der Rand der Grundfläche mit Moostroddeln behangen wird, die zierlichsten Consolen für Statuetten.

Die ausgewachsenen Pilze jedoch, welche als reizende Ornamente für Gartenhäuser bestens zu empfehlen sind, eignen sich nicht zur Zunderbereitung, diese „Pferdehufe“ werden vom Schwamm- Mann gleichgültig weggeworfen. Sie sind zu sehr verholzt, um reichen Zunder zu geben. Sie erreichen eine ansehnliche Größe,

Die Gartenlaube (1858) b 192.jpg

Der Feuerschwamm.

ich habe deren von zehn Zoll Querdurchmesser und drei bis vier Zoll Höhe gefunden. Ihre Farbe ist sanft braungrau. Auf der breiten, ziemlich ebenen Fläche tragen sie eine Menge feiner Löcher, die Eingänge in zarte Röhrchen, in denen die staubähnlichen Sporen (Samen) gebildet werden. Sie wachsen, gleich den Baumstämmen, durch jährliche Zuwachsstreifen oder Jahresringe, welche auf dem Mantel des kegelförmigen Pilzes die Rundleistchen darstellen

Für den Schwamm-Mann brauchbar ist nur der junge Pilz, wie er auf unserer Abbildung einem Wappenschild ähnlich am spitzen Ende des Pferdehufes ansitzt. Dieser jugendliche Feuerschwamm ähnelt einem sehr runzligen und zähen, gelbbraunen Leder, welches oft die Dicke eines Zolles erreicht und in unregelmäßigen Lappen an den Baumstämmen anklebt. Dieses Pilzleder hat eine dünne, außen grauliche, innen tiefbraune, zähe Oberhaut; die von ihr bedeckte, lederbraune und korkartig sich anfühlende Masse ist die Substanz, welche den Zunder liefert.

Der Zunderpilz wächst nur an an Buchen und zuweilen an Ebereschen auf dem Gebirgen. Schon dadurch unterscheidet er sich hinlänglich von dem sehr ähnlichen Pilze Polyporus igniarius, der an alten Weiden- und Obstbaumstämmen vorkommt, aber nur ein elendes hartes Surrogat des echten Zunders abgibt. Unser Löcherpilz gleicht den gewöhnlichen weichen Pilzen nicht in der sprüchwörtlichen Schnelligkeit ihres Wachsthums, aber auch nicht in der raschen Vergänglichkeit. Er braucht zur vollen Entwickelung seiner Größe zehn bis zwanzig Jahre, trotzt aber auch nach seinem Tode noch lange der Verwesung. Ich habe Veteranen mit sechszehn Jahrringen gefunden, die noch rüstig vegetirten, obgleich mancherlei Insectenlarven sich in ihnen eingehaust hatten.

Die Herstellung des Zunders aus diesem Pilze ist ein einfache, seit unvordenklichen Zeiten aus dem thüringer Walde heimische Industrie. In der besseren Hälfte des Jahres, die auf dem Gebirge die kürzere ist, durchstreift der Schwamm-Mann den Forst, um sein Rohmaterial zu suchen. In manchen Revieren gehört der Feuerschwamm, wie die eßbaren Pilze überall, zu den herrenlosen Dingen, die jeder sammeln darf, wer Lust hat; in andern Forsten, wo man der Rückert’schen Weissagung, daß man zuletzt zum Fangen eines Schmetterlings eine Jagdkarte werde lösen müssen, näher gekommen ist, wird der Schwammertrag der Waldung verpachtet. In einem linnenen Quersacke führt der Feuerschwamm-Sammler seinen Proviant mit sich, denn er muß den ganzen Tag umherstreifen und dabei glücklich sein, wenn er seine Schubkarren mit einem Viertelcentner befrachten will. Wenn ein Pilz an einem niedrigen Buchenstocke sitzt, wird er leicht mit dem Messer abgeschält; zur Abnahme der hoch an den Stämmen lebender Buchen sitzenden Schwämme bedient man sich eines Meißels, der auf eine Stange gesteckt wird; zu den allerhöchsten Schwämmen klettert man empor, wozu oft Steigeisen an die Kniee gebunden werden müssen. Es erfordert einen Kennerblick, um die Reife eines Pilzes genau zu ermessen, da ein Schwammleder, dem man noch ein Jahr Frist gönnt, später einen ansehnlicheren Lappen Schwamm liefert. Ein auf die Zukunft denkender Sammler verfehlt nie, Etwas von der lederartigen Grundlage des Pilzes am Baumstammne sitzen zu lassen, da sich aus einem solchen Reste leichter eine Ernte regenerirt, als aus dem Pilzsamen ein ganz neuer entsteht.

Aber trotz alle Rücksicht auf die Zukunft reicht der Ertrag der thüringer Forsten lange nicht mehr aus, um den nöthigen Rohstoff zu liefern. Einmal sind seit der regelrechten Schlagwirthschaft der Forsten die alten Buchen, an denen die Pilze entstehen, seltener geworden; dann aber hat sich die Zahl der Consumenten seit dem dreißigjährigen Kriege, wo das Tabakrauchen in Thüringen und anderwärts allgemeine Sitte geworden ist, außerordentlich vermehrt. Die thüringer Fabrikanten beziehen des halb schon seit längerer Zeit große Massen von Rohmaterial aus dem Auslande. Namentlich kommen viele rohe Feuerschwämme aus den Wäldern Skandinaviens über Stralsund und aus denen der Apenninen über Triest, ehemals über Nürnberg nach Thüringen; auch der Böhmer Wald, der Schwarzwald, die schweizer Forsten und die Karpathenwaldungen Siebenbürgens haben manche bedeutende Sendung geliefert.

Der rohe Schwamm wird zuerst etwa vierzehn Tage lang in feuchte Asche gelegt, damit er „aufbrause und mild werde.“ Das dadurch mürbe und dehnbar gewordene Filzgewebe wird nun auf einem hölzernen Ambose mit einem hölzernen Hammer geklopft und dadurch das Pilzfell auf die drei- bis vierfache Flächenausdehnung ausgestreckt. Hierauf werden die „Lappen“ in Aschenlauge eingeweicht und getrocknet und zuletzt zwischen den Händen gedehnt und weich gerieben.

Da es unter den Schwamm,-Consumenten nicht Wenige gibt, die den dunkelfarbigen Schwamm für besser halten, als den leder- und honigbraunen, so sieht sich der Schwamm-Fabrikant oft genöthigt, einen Theil seiner „Lappen“ mit Blauholzbrühe zu färben. Salpeterauflösung wird zur Tränkung des Schwammes nicht verwendet, denn der mit Salpeter oder Schießpulver versetzte Schwamm versprüht zu rasch, um dem Raucher ein behagliches Anzünden seines Krautes zu gestatten. Und als Lunte für die Pfeife findet ja der Schwamm seine Hauptanwendung. Zwar verbrauchen auch die Chirurgen etwas Zündschwamm zum Blutstillen, zwar verarbeitet man auch zuweilen einen besonders großen Schwamm zu einer Mütze ohne Naht (und der schönbraune, sich wie Sammetplüsch anfühlende Pilzstoff sieht wirklich so hübsch aus, daß er Empfehlung verdiente, wenn eine solche Mütze nicht zu leicht Feuer finge): aber die hauptsächlichen Verbraucher des deutschen Zunders sind und bleiben doch die Raucher. Gleich der Tabakspfeife ist der Schwamm Privilegium der Männer geblieben; selbst die Bauersfrau, die anmaßlich genug ist, bei schlechtem Wetter ihres Mannes Stiefeln und Röcke ohne eingeholte Erlaubniß zu mißbrauchen, versteigt sich nie so weit, sich im seinem Feuerzeuge zum Küchengebrauche zu vergreifen, Ob sich die emancipirten Cigarrenraucherinnen, die hier und da auch in Deutschland aufgeschossen sein sollen, auch Das Mannslehn des Schwammes anmaßen, weiß ich nicht; aber die atmen Irländerinnen sah ich ihre Thonpfeifen stets nur mit einer Torfkohle anstecken.

[193] Wird sich der Feuerschwamm in der Gunst der Manner behaupten? Fast möchte dem Wanderer, der den thüringer Gebirgsort Neustadt am Rennsteige besucht, bange werden um die zahlreichen Familien in den armseligen Schindelhäusern, die seit den Zeiten der Urväter vom Schwammgewerbe leben, und deren Familienväter auf den thüringer Jahrmärkten so schwermüthig die braunen Lappen, die sie auf der Schulter hängen haben, feil bieten. Hat sich doch schon fast die Hälfte der Einwohnerschaft jenes Ortes zur Phosphorstreichholz-Manufactur wenden müssen; ist doch seit wenigen Jahren der Preis des Pfundes Schwamm von 32 auf 30 bis 28 Kreuzer gesunken!

Aber nur getrost! „Schwamm bleibt Schwamm!“ sagt der Raucher, der im Freien bei Wind und Regen seinen Nasenwärmer anzünden muß, der Holzhauer, Förster, Bauer und Landarzt; „die Stubenraucher mögen die neue Mode annehmen, wir bleiben der altväterlichen Sitte treu. Es macht ein wenig mehr Mühe, dem Feuerstahle Funken zu entlocken; aber ein ohne alle Mühe zu erreichendes Vergnügen ist gar kein rechter Genuß. Und dann der Duft, das süße Arom des brennenden Zunders gegen den infernalischen Gestank des Zündhölzchens!“

„Vater,“ sagte ein thüringer Knabe zum Alten, der seinen Ulmer in Brand steckte, „Vater, wenn ich nur ein Fürst wäre!“

„Warum?“

„Daß ich den ganzen Tag Schwamm rauchen könnte!“

„O Kindermund, o Kindermund, unbewußter Weisheit voll!“ singt Rückert mit Recht. Wie oft ist der Duft des Zunders lieblicher, als der des Rauchwerks selber!

Nein, der Schwamm wird nicht außer Gebrauch kommen. Für die Raucher, denen im Zeitalter der Eisenbahnen das alte Feuerzeug aus Stein und Stahl nicht geschwind genug Dienste leistet, lieferte Miram in Bettenhausen bei Cassel u. A. sichern trefflichen Streichschwamm, mit dem man für zwei Kreuzer hundert Cigarren anzünden kann bei Ersparung von zehn Minuten Zeit, und Zeit ist Geld.

Aber die hauptsächlichen Gönner und Erhalter des Feuerschwammes werden die gemüthlichen Conservativen abgeben, denen ein behagliches Leben lieber ist, als Zeit und Geld zugleich; vor Allen die Maurer, die da wissen, daß nur ein mit Aufopferung von Zeit und Mühe erkauftes Vergnügen wahren Genuß schafft.

Der witzige Schauspieler Devrient sah einst, als er mit seinen Freunden in einer Berliner Weinstube saß, einen Maurer auf dem Gerüste die Pfeife laden.

„Was gilt es,“ rief der alte Menschenkenner, „ich trinke eher meine Flasche durch mein Pfeifenröhrchen aus, ehe der da drüben den ersten Zug Rauch trinkt?“

Die Wette wurde eingegangen. Sowie die Pfeife gestopft war, ließ Devrient den Stöpsel knallen, schenkte ein und brach sein holländisches Pfeifchen entzwei. Der Maurer holte das Feuerzeug aus der Tasche und führte so resignirt, als wüßte er, daß kein Baum auf den ersten Hieb fällt, den ersten Schlag aus. Der Schauspieler beginnt in aller Ruhe seinen Champagner zu schlürfen, sowie die Südamerikaner ihren Maté saugen. Ein Glas ist leer.

„Ich brauche mich nicht zu übereilen,“ scherzt Devrient, „das Stück hat wenigstens fünf Acte!“

Ein zweiter Streich entlockt dem Stahle einige Funken, der Maurer schüttelt verwundert den Kopf und sieht sich stumm ringsum, um auszuruhen, Devrient aber schenkt sich lachend das dritte Glas ein. Da dreht der Maurer den Stein um, die Wettenden blicken mit beklommenem Athem bald den Maurer, bald den Schauspieler an, aber der Trinker bleibt kaltblütig. Jetzt regnet es Funken.

„Ja, ich müßte den Maurerschwamm nicht kennen!“ sagt Devrient und schenkt wieder ein.

Neuer Streich, frisches Glas; und so geht es fort, bis der Trinker lachend die Nagelprobe macht. Da endlich legt der Maurer höchst selbstvergnügt das Zündkraut auf seine Pfeife und bläst den süßen Schwammduft durch die Nase.

„Nun soll er aber auch die gewonnene Flasche haben!“ ruft der gutmüthige Schauspieler.

Wenn die thüringer Volksweisheit Recht hat, thun die Maurer in der That wohl, ihrem alten Brauche treu zu bleiben. Die Arbeit fördert freilich nicht sehr dabei; aber Bauleute, die echten Maurerschwamm führen, übereilen und verpfuschen auch nichts, wie die neumodischen Accordarbeiter. In großen Städten, selbst in solchen, wo Bauschulen blühen, sind nicht wenige eben errichtete Häuser zusammengestürzt; so etwas kommt in Thüringen nie vor. Das macht, die großstädtischen Maurer haben das unselige Fixfeuerzeug eingeführt, und dabei ist kein Segen. Wer aber Maurer hat, die echten Maurerschwamm führen, der hat wohlgebaut!




Hotel Park in Newyork.

Wenn in Deutschland ein Handwerksbursche reist, so weiß er, wo er einzukehren und zu übernachten hat, in der Herberge nämlich; wenn ein ehrlicher Bürgersmann sich über Feld macht, und fremder Herren Länder besucht, so geht er, falls er sich müde gelaufen und ein gutes Bett sucht, in ein Gasthaus, sei es nun das Gasthaus zum schwarzen Mohren oder zum rothen Ochsen; ist’s ein Student oder ein Weinreisender, oder Einer, der in Leder macht, oder sonst einer der auf der ersten Stufe der Bildung Stehenden, so wird ein Gasthof aufgesucht, denn wenn auch die Herberge vielleicht dem Inhalt des Geldbeutels mehr entspräche, so ist doch nur der Gasthof dem Range entsprechend, den man in der Gesellschaft einnimmt; macht aber vollends ein Adeliger, oder ein Officier oder ein hoher Würdenträger oder sonst ein Mann, der auf Rang und ein eigenes Fuhrwerk Anspruch macht, eine Reise, so thut’s nicht einmal ein Gasthof, wenigstens keiner zweiten Ranges, sondern ein Hotel muß her und zwar ein Hotel de Russie oder d’Angleterre.

So ist im lieben Deutschland Alles recht hübsch eingetheilt, und es weiß ein Jeder, wo er hingehört, beinahe schon gleich nach seiner Geburt. Wie spanisch muß es ihm also vorkommen, wenn er in ein Land geräth, wo man von dieser wohllöblichen Ordnung nichts weiß, ja, wo man diese Ordnung ganz und gar umkehrt und auf den Kopf stellt! Da weiß man ja wahrhaftig gar nicht, wo man nur einkehren und sein müdes Haupt zur Ruhe niederlegen soll; denn wenn z. B. jedes Einkehrhaus „Hotel“ getauft ist, so kann einen das Schicksal bei Nacht und Nebel in ein Haus führen, wo man zwei Thaler für’s Uebernachten zahlen muß, während das ganze Vermögen in dreißig Kreuzern besteht! Und doch ist’s so, in Newyork wenigstens, denn dort heißt jedes Wirthshaus, in dem man Nachtherberge finden kann, „Hotel“!

Aber lieber Himmel! Welcher Unterschied zwischen Hotel und Hotel! Da stehst Du vor einem. Es führt den stolzen Titel: „European Hotel“, „Europäischer Hof.“ Du siehst Dir’s an. Es kommt Dir accurat vor, wie eine erbärmliche Holzbaracke, die über’s Jahr von selbst einfällt. Du gehst hinein. Eine Wirthsstube voll Schmutz und Unrath, eine Wirthin mit ungemachtem Haar, ein Wirth mit betrunkener Nase empfangen Dich. Du verlangst ein Zimmer. Ein Zimmer? Es sind nur zwei Fremdenzimmer im ganzen Hause vorhanden! Man führt Dich die wankende Stiege hinauf; drei Betten stehen in jedem Zimmer, drei große breite Betten, je für zwei, zur Noth drei Personen; Du kannst wählen, mußt Dir’s aber jedenfalls gefallen lassen, einen Schlafkameraden in’s Bett zu bekommen, der vielleicht vergißt, wenn er Nachts ankömmt, auch nur seine kothigen Schuhe auszuziehen; Du deckst den Teppich auf, unter dem Du die Nacht zubringen sollst (denn ein amerikanisches Bett, wie man sie in solchen Gasthäusern hat, besteht aus nichts, als aus einer Grasmatratze, einem Graskopfkissen, einem Teppich und einem Leintuch), um zu sehen, ob das Leintuch reinlich sei, aber schnell wendest Du Dich ab, damit es Dir nicht übel werde, denn das Linnen ist von unzähligen Wanzenmalen gesprenkelt. Das ist das European Hotel, und Du darfst darauf schwören, daß es ein Irländer ist, der es hält.

Da stehst Du vor einem andern Hotel. Es führt keinen so stolzen Titel, wie das vorige; es heißt nur „Sanct-Nicolashotel.“ Aber es steht im Broadway; es ist fünf Stockwerke hoch und zweihundertfunfzig Fuß lang; es ist ganz aus Marmor gebaut und die [194] Front ist von eleganten Fuhrwerken belagert. Du betrittst die Treppe, sie ist von Marmor und doch mit Teppichen belegt; Du betrittst den Herrensalon, Du staunst ob der Pracht und Herrlichkeit; Du betrittst den Damensalon und Du bebst zurück vor dem Reichthum und Luxus; Du trittst auf nichts, als auf Sammet und Seide, Du siehst nichts, als Gold und Goldeswerth; Du nimmst ein Zimmer, schwellende Teppiche zieren den Boden, der Spiegel reicht von der Decke bis auf die Teppiche, die Möbel sind von Palisanderholz, das Bett ist blendend weiß überzogen, und auf solcher Matratze mit solchen Springfedern hast Du in Deinem Leben noch nicht geschlafen. Du gehst in den Speisesalon, das Frühstück besteht aus Thee oder Kaffee oder Chocolade und dazu hast Du Eier, Beefsteaks, Cotelettes, Schinken, Fische, Geflügel; ganz im Verhältniß fällt das Mittag’ und Abendessen aus; wolltest Du von Allem nur versuchen, Du müßtest einen herculischen Appetit haben. Du willst ein Bad, eine ganze Reihe Badezimmer steht parat und keine Secunde brauchst Du zu warten, bis das Bad fertig ist. Du willst Dich rasiren und frisiren lassen, Du darfst Dich nur ein paar Zimmer weiter bemühen, und der Barbier mit seinen Gehülfen nimmst Dich in Behandlung, denn ihm ist ein besonderes Local im Souterrain angewiesen, und eine solche Barbierstube findest Du in ganz Deutschland nicht. Die ganze Nacht schimmert das Hotel in einem Gasmeer, denn das Gas wird im Hotel selbst bereitet; es hat seinen eigenen Gasometer, feine eigene Gasfabrikation. Tausend Personen können alle Tage logirt werden, und vierhundert Dienstboten sind in den Zimmern und in Küche und Keller aufgestellt, um die Gäste zu bedienen. Fünfhundert Fremde müssen jeden Tag hier verkehren, wenn das Hotel nicht fallit gehen soll; so groß ist der tägliche Aufwand! Eine Person zahlt täglich von 3 1/2 bis 7 Dollars für Kost und Logis, je nachdem dieses Letztere feiner oder einfacher! Das ist das Sanct-Nicolashotel in Newyork, und kein Hotel in der Welt wird es an Größe und Luxus (möglicherweise aber an Geschmack und Bequemlichkeit) übertreffen.

Mitten inne zwischen dem European Hotel und dem Sanct-Nicolashotel liegen die übrigen Gasthöfe und nicht wenige nähern sich dem Nicolashotel, so das Metropolitanhotel, das Girardhouse, das Astorhouse, das Lafargehotel, das Delmonicohotel, das Howardhotel und wie sie Alle heißen.

Doch ein Hotel haben wir vergessen, ein Hotel, wie es kein zweites gibt auf Gottes weiter Erde, das berühmte Hotel Park.

Saubere und unsaubere, theuere und wohlfeile, großartige und winzige Gasthäuser findest Du in Leipzig wie in Paris, in Stuttgart wie in Katzenellenbogen, aber ein Hotel Park findest Du nur in Newyork. Nicht einmal Amerika hat ein zweites der Art aufzuweisen, nur die einzige Stadt Newyork besitzt es. Es ist das größte und besuchteste, das wohlfeilste und frequentirteste in der ganzen Welt, und so weit Du reisen magst, es findet nicht seines Gleichen.

Vor dem großen Marmorrathhause in Newyork, der Cityhall, dehnt sich ein ziemlich weitläufiger Park aus mit grünen Wiesen und schattigen Bäumen. Er mag wohl zehn Acker groß sein, dieser Park, und im Sommer, wenn die Sonnenstrahlen glühend herabfallen, ergehen sich täglich Zehntausende in demselben. Es ist eine grüne Oase mitten in dem ungeheuren Häusermeere. Hier säuseln Dir die hohen Bäume frische Luft entgegen und die Wasserwerke inmitten der grünen Umgebung erfrischen Deinen lechzenden Mund. Breite Marmorstufen führen zu der Cityhall hinauf, dorische Säulen schmücken den Eingang. Herrliche Fußwege, von grünem Rasen eingefaßt, führen im Zickzack um das weißglänzende Rathhaus herum. Du bist im Freien, bist in Gottes Natur, mitten in der geschäftsdurchwühlten, von Luxus und Elend gepeitschten Stadt. Und wenn die Sonne längst hinunter im fernen Westen, wenn das Regiment des Mondes und der Sterne begonnen, wenn das Gewühl in den Straßen sich gelegt und die Spaziergänger alle in ihren Wohnungen der Ruhe genießen, wenn man nichts mehr hört, als die fernen Carossen, die die Reichen vom Theater und Concert heimführen, oder den Tritt der leichtfüßigen Nymphe, die dem Blick des wachhabenden Sicherheitswächters zu entgehen sucht, wenn man nichts mehr sieht, als den lauernden Dieb, der an einer Straßenecke sich niederduckt, oder den faulen Polizeischutzmann, der das Auge kaum offen zu halten vermag, dann sammelt sich’s wieder an im Park von Cityhall. Von allen Seiten kommen sie herbei, leise und unsichern Trittes, denn das Elend tritt kraftlos auf. Vom Broadway und der Chathamsstreet, von der Centrestreet und von der Williamsstreet, von überall her nahen sie sich und lassen sich im Parke nieder. Lautlos, ohne ein Wort zu sprechen, schleichen sie sich heran, und der Eine setzt sich auf die breiten Marmorstufen, die zum Rathhaus hinaufführen, der Andere lehnt sich a» die dorischen Säulen, der Dritte macht sich’s in einer Ecke bequem und der Vierte streckt sich unter einen Baum. Wohl denen, die einen bevorzugten Platz bekommen haben! Viele müssen sich, damit begnügen, auf dem Grasboden oder den Steinplatten zu liegen, wenn die andern Plätze schon alle besetzt sind. Ein Stein ist das Kopfkissen, auf welches das müde Haupt niedersinkt, der nackte Erdboden ist die Matratze, auf welcher sich der Leib dehnt, der abgeschabte Rock ist die Bettdecke, mit der sie sich vor Sturm und Regen schützen.

Und nicht Einzelne sind’s, die sich allda ihr Nachtquartier suchen; auch nicht Dutzende sind es, sondern nach Hunderten kannst Du sie zählen. Freilich im Winter geht ihre Zahl etwas zusammen. Die meisten suchen eine Unterkunft in den Stationshäusern. Denn die Polizei in Newyork hat in jedem District vier oder fünf Stationshäuser und in jedem dieser Häuser, das gewissermaßen als Hauptquartier für diesen Unterdistrict gelten mag, befindet sich ein großes geheiztes Zimmer für die „Mühseligen und Beladenen“, die kein Nachtquartier fanden. Aber oft sind deren über Fünfhundert, und die Stationshäuser können sie nicht alle fassen! Oft werden so viel Vagabunden, Betrunkene und Diebe eingefangen, daß die „Andern“, die „Armen“, die „Mühseligen und Beladenen“ keinen Raum mehr haben. Wo sollen sich nun diese hinwenden? Wohin anders, als in ihr altes Quartier, den Park von Cityhall! Haben sie eine Stunde da geschlafen, so weckt sie der Hunger; dann richten sie sich auf, und recken die erfrornen Glieder und rennen durch ein paar Straßen, bis sie warm sind, und dann treffen sie sich wieder auf den harten Marmorstufen von Cityhall. Der Hunger allein rettet sie vor dem Erfrieren! Und doch sind deren nicht wenige, die man allmorgentlich im Winter halb erfroren findet und die dann das Spital von ihren Leiden erlöst, denn nur Wenige kehren vom Spitale in’s Leben zurück!

Das ist das berühmte Hotel Park, der besuchteste Gasthof in ganz Newyork!

„Und wer sind nun diese Unglücklichen, die allda ihr Nachtquartier suchen? Sind’s Bettler und Vagabunden, oder Diebe und Räuber?“

O nein, es sind keine Bettler und Vagabunden, keine Diebe und Räuber! Der Bettler in Newyork ist nicht schlecht daran. Gibt man ihm nicht gern, so gibt man ihm doch ungern, nur um den Zudringlichen los zu werden. Er hat seine Heimath, seine Familie und lebt nicht selten in Saus und Braus, wenn er ein gutes Tagewerk gehabt hat. Noch besser ist der Dieb in Newyork daran. Ihm darf es nicht bange sein, etwas „Stehlbares“ zu finden und an Absatzwegen für’s Gestohlene fehlt’s noch weniger. Der Schlechte, der Nichtsnutzige, der, dem alle Mittel recht sind, kommt durch in Newyork, er hat sogar ein gutes Leben. Ihm braucht nicht bange zu sein, einmal die Marmorstufen von Cityhall benutzen zu müssen. Die, welche hierzu genöthigt sind, sind ehrliche Leute, aber Leute, die keine Arbeit finden; es sind Leute, die zu viel Schamgefühl haben, um eine milde Gabe zu erflehen, zu viel Rechtlichkeitsgefühl, um sich etwas „Fremdes“ als Eigenthum anzueignen; es sind Leute, die den ganzen Tag von einem Platz zum andern gehen, um sich ein Geschäft zu verschaffen, Leute, die keine Mühe scheuen, um nur ein Stückchen Brod auf ehrliche Weise zu erwerben. Nicht Schneider und Schuhmacher sind’s, auch keine Tagelöhner und Bauernknechte von Hause aus; diese finden fast alle Arbeit oder wenigstens (auch in den schlechtesten Zeiten) so viel, daß sie ihr „Warmes“ verdienen und ein Eckchen in der Stube zum Schlafen.

Aber wie ist’s mit den Gebildeten und Halbgebildeten? Den Gelehrten und Halbgelehrten? Den Provisoren und Schulmeistern, den Theologen und Juristen, den Künstlern und Kaufleuten? Das schwindelt und windbeutelt in den Zeitungen, wenn’s Frühjahr herankommt! Das lospreist und lobhudelt in den Anlockungsannoncen zur Auswanderung! Das lügt und betrügt in den Reisehandbüchern und anderen im Solde der Ländereienbesitzer in Amerika geschriebenen Schriften! Und wenn dann einer, dem die Luft zu schwül wurde im alten Vaterlande, wenn einer, der fein Glück nicht fand auf dem heimischen Boden, wenn solch’ einer sich verlocken [195] läßt, hinüber zu gehen in’s Eldorado, nicht der Auswanderer, sondern der Auswanderungsagenturen, was bleibt ihm gewöhnlich? Das Loos, ein Handarbeiter zu werden, ein Bauernknecht oder ein Schneider, wenn er nicht das Schreinerhandwerk vorzieht. Und Monate braucht er, um sein neues Handwerk gewohnt zu werden, Monate, es zu erlernen! Und wenn ihm das Geld inzwischen ausgeht, so ist sein Loos: – ein Nachtquartier im Hotel Park!

Amerikaner sieht man keine, jedenfalls nur sehr Wenige unter den Gästen von Hotel Park. Wenn ja sich einer darunter befindet, so ist es einer, der vor Jahren vielleicht Hunderttausende besessen und durch einen speculativen Wurf um Alles gekommen ist, auch um den letzten Freund! Oder einer, der früher als Stadtbeamter oder Kaufmann hochgeachtet die Stufen zur Cityhall hinanstieg, nunmehr aber durch Spiel und Freudenhäuser ruinirt, durch Betrug und Schlechtigkeit blamirt, keinen Weg findet, in die alte Gesellschaft zurückzukehren. Wenn’s ein Amerikaner ist, so ist’s jedenfalls ein Auswürfling, ein von Freund und Feind Verlassener. Weit öfter sieht man allda Irländer, aber diese wissen sich auch hier zu trösten und ihr Trost ist der Whiskey, der Branntwein. Der Irländer ist von Hause aus, ohne Ausnahme, an harte Arbeit gewöhnt, und so kann es ihm, auch in den geschäftslosesten Zeiten, wo Tausende brodlos sind, nicht fehlen, daß er sich als Lastträger, Holzspalter, Kohlenfahrer, beim Ein- und Abladen der Schiffe, beim Reinigen der Straßen u. dergl. wenigstens etwas verdient. Er verdient vielleicht in solchen Zeiten, die sich übrigens in Amerika regelmäßig alle drei bis vier Jahre wiederholen, nicht so viel, um sich ehrlich und redlich in einem Kosthause durchzuschlagen, aber er verdient doch immer so viel, daß er sich ein Brod und Whiskey kaufen kann. Und hat er Whiskey, hat er Branntwein, was will er mehr? Zwei Gläser um einen Sixpence (zweit gute Groschen) machen ihn schon taumeln; fügt er das dritte Glas hinzu, so ist er toll, verrückt, wahnwitzig und dann sieht er die steinernen Stufen von Cityhall für ein Bett an, das die Houris des Paradieses gemacht haben. Der andere Morgen findet ihn wie zerschlagen, gerädert, zermalmt, seine Augen triefen, seine Zunge klebt ihm am Gaumen, seine Glieder zittern vor Frost und Hitze, aber – ein Glas Whiskey und Alles ist wieder im Blei, und er bringt die nächste Nacht eben so vergnügt im Hotel Park zu, als im Hotel Sanct Nicolas! –

Aber nicht Amerikaner und auch nicht Irländer sind die Hauptbesucher von Hotel Park. Deutsche sind’s, und zwar zu mehr als drei Vierteln Deutsche! Diese sind die eigentlichen Stammgäste. Und wie kann es anders sein? Sie kommen hinüber in’s ferne Land, ohne der dort herrschenden Sprache mächtig zu sein. Sie sind also die Letzten, auf die ein Amerikaner beim Beschäftigunggeben Rücksicht nimmt! Sie kommen hinüber zum Theil ohne ein praktisches Geschäft, ohne ein Handwerk zu verstehen, wie sollen sie sich fortbringen in einem Lande, das durch und durch praktisch ist, in einem Lande, wo Wissenschaft und Kunst erst anfangen, Wurzeln zu schlagen? Wißt Ihr, wie viel Professoren und Doctoren (nicht Medicinae, aber Philosophiae und Juris utriusque) in Newyork und Pennsylvanien an Canälen und Eisenbahnen arbeiten, weil es für sie unmöglich war, mit geistiger Beschäftigung ihr Fortkommen sich zu erwerben? Ihre Anzahl beträgt viele Hunderte und das Ende ihres traurigen Geschicks ist: Stammgast im Hotel Park zu werden! Nie erfahren ihre Verwandten und Angehörigen in Deutschland ihr Loos, denn sie schämen sich, die Wahrheit heraus zu berichten. Sie sterben unbekannt und unbeweint. „Es ist nur ein armer Dutchman, der auf dem Armenkirchhofe in Pottersfield eingescharrt wurde!“

Noch immer sehe ich ihn vor mir, den dicken Professor aus M. Er verstand Latein, Griechisch und Hebräisch. Er verstand Mathematik, Numismatik und noch vieles Andere. Er kam herüber, weil er sich drüben im alten Vaterlande mit seiner Behörde überworfen hatte; er wollte den Amerikanern Unterricht geben. Wie konnte es einem Manne mit so vielen Kenntnissen fehlen? Er hatte auch etwas Englisch gelernt, nach der Grammatik; aber wie er nach Newyork kam, sah er ein, daß er eigentlich gar nicht Englisch verstehe, denn er vermochte es nicht, auch nur den einfachsten Satz zu sprechen. Er glaubte Englisch zu verstehen, aber kein Mensch verstand ihn! Zwar gib er sich Mähe, unsägliche Mühe, und nach einem Vierteljahre konnte er sich erträglich ausdrücken und das Allergewöhnlichste auf Englisch verlangen, aber was nützte es ihm? Kein Mensch wollte Griechisch oder Lateinisch oder gar Hebräisch lernen; kein Mensch dachte daran, Mathematik oder Numismatik zu studiren. Er wandte sich an Dutzende von Instituts- und Collegien-Vorstehern. Alle Stellen waren besetzt und Viele, Viele hatten sich vor ihm gemeldet, die auf die erste vacante Stelle mit Schmerzen warteten. Vor Jahr und Tag war gar nicht daran zu denken, placirt zu werden, und wenn er sich in eine andere Stadt gewandt hätte, so hätte er hier wieder mit dem Suppliciren von vorn anfangen müssen. So blieb er, aber von Tag zu Tag wurde er magerer, von Tag zu Tag blässer. Er logirte so wohlfeil, als nur immer möglich; er speiste in dem gewöhnlichsten Eßhause, ja, am Ende schränkte er sich so ein, daß er nur noch einmal des Tages aß. Vom Trinken, d. h. vom Bier- oder Weintrinken war ohnehin schon lange keine Rede mehr. Diesen Luxus hatte er schon nach den ersten vier Wochen aufgegeben. Aber dennoch schrumpfte sein Geldbeutel immer mehr zusammen und er konnte den Tag genau voraussehen, wenn förmliche Ebbe eintreten mußte. Auf einmal war er verschwunden. Kein Mensch wußte, wo er Hingerathen sein konnte. Wer kümmerte sich auch viel darum? In einem so selbstsüchtigen Lande, wie Amerika, hat Jeder für sich selbst zu sorgen, und wenn man auch hier und da nach einem Andern fragt, so geschieht’s mit solcher Gleichgültigkeit, daß man wohl sieht, es kommt nicht vom Herzen. Plötzlich war er wieder da, aber, Gott im Himmel, wie sah er aus! War er vorher schon blaß und mager gewesen, so war er jetzt zum Skelett geworden. Er hatte am Canal gearbeitet, aber nur drei Wochen lang hatte er es ausgehalten, dann warf ihn die ungewohnte Arbeit und die ungesunde, sumpfige Luft in ein Fieber und mit dem Fieber in’s Spital, daß er nicht mehr hoffen konnte, lebendig davon zu kommen. Und doch kam er davon! Er schleppte sich nach Newyork, ohne Geld, ohne Hoffnung, mit gebrochenem Herzen. Das Hotel Park ward jetzt sein Boardinghouse (d. i. Kost- und Logishaus). So trieb er’s noch vierzehn Tage. Da fand man ihn eines Morgens halb erstarrt, halb verhungert, halb erfroren. Man brachte ihn in’s Spital. Einige Landsleute hörten von ihm und sammelten einige wenige Gaben. Noch einmal konnte er sich gütlich thun an deutschem Wein, aber nur noch einmal. Er starb schon den zweiten Tag; seine Kräfte, so wie sein Muth war gebrochen. Man schleppte seine Leiche nach Pottersfield, wo die „Lumpen und Selbstmörder“ liegen. Was kann ein deutscher Professor in Amerika mehr verlangen?

Einem Andern ging’s besser, ja, das Hotel Park wurde der Gründer seines Glückes. Er war zwar kein Professor, auch kein Doctor, wohl aber ein Kaufmann, und noch dazu ein sehr junger und sehr geschickter, der verschiedene lebende Sprachen verstand und sogar ziemlich viel vom Englischen. Seine Eltern waren reiche Leute in Deutschland, und somit wurde er im Reichthum erzogen und lernte Ansprüche machen, wie es die Reichen thun. Da starb sein Vater und es zeigte sich, daß der Reichthum desselben auf einem hohlen Grunde gestanden hatte. Man sprach den Bankerott über seinem Grabe aus und die Mutter folgte ihm dahin in kurzer Zeit nach. Der reich erzogene Sohn schämte sich, im alten Vaterland« eine Stelle anzunehmen; er glaubte, man deute dort mit Fingern auf ihn. So ging er nach Amerika. Natürlich dachte er, es könne ihm bei seinen kaufmännischen Kenntnissen nicht fehlen. Allein der Mensch denkt, Gott lenkt. Er fand keine Stelle, wie er eine ansprechen zu dürfen glaubte, und als er einmal einen geringeren Platz auf einem Comptoir, der ihn doch wenigstens ernährt hätte, erhalten konnte, schlug er ihn als „zu gering“ aus. Der deutsche Hochmuth war ihm noch nicht vergangen! Aber bald verging es ihm. Das mitgebrachte Geld verschwand, ein Kleidungsstück nach dem andern verschwand ebenfalls, und als Nichts mehr zum Versetzen da war, wurde das Hotel Park sein Nachtquartier. Wie da sein Rock, der einzige, den er noch hatte, bald aussah, kann man sich denken! Eines Abends, als er sich eben in sein „Hotel“ zu früherer Stunde als gewöhnlich – er konnte vor Hunger kaum mehr gehen – zurückziehen wollte, begegnete ihm ein Mädchen. Es war die Tochter seiner Amme und fast mit ihm aufgewachsen.

„Sind Sie’s, Herr Wilhelm?“ rief das Mädchen erschrocken, denn der Jüngling, den sie sich nur als den Sohn des reichen Fabrikanten denken konnte, sah gar zu herabgekommen aus. Zwar hatten sie sich in Newyork schon öfter gesehen, – das Mädchen [196] war schon früher nach Amerika gegangen, weil es Verwandte da hatte, – aber damals hatte der junge Kaufmann noch Geld und lebte im Gasthof.

„Gewiß, Marie, ich bin’s,“ erwiderte der junge Mann. „Doch warum erschrickst Du so?“

Marie stotterte, sie mochte ihm nicht sagen, wie heruntergekommen er ihr vorkomme.

„O, ich sehe schon, Du willst mit der Sprache nicht herausrücken,“ sprach der junge Mann mit bitterem Grimm weiter. „Aber was ist da zu verhehlen? Du siehst’s ja, ich logire im Hotel Park.“

Wenn aber Jemand in Newyork zu einem Andern sagt, er logire im Hotel Park, so weiß dieser schon, wo Bartel den Most holt, und man braucht ihm nicht weiter mit dem Holzschlägel zu winken. Marie war daher tiefinnerlich bewegt. Thränen traten ihr in die Augen, aber sie unterdrückte sie schnell, daß er’s nicht merke und dadurch beleidigt sei. Er, ihr Milchbruder, der reiche, schöne Jüngling, der nur das Theuerste und Ausgesuchteste gewöhnt war, er im Hotel Park!

„Ich habe mir Etwas erspart,“ sagte sie endlich schüchtern. „Es ist zwar nicht viel, aber wenn Ihnen damit gedient sein sollte, so ....“

So konnte nicht fortfahren, denn er hielt ihr den Mund mit der Hand zu.

„Sprich nicht weiter,“ rief er, „beschäme mich nicht noch mehr. Ich weiß es, daß es eine Schande ist, daß ein kräftiger Mann, wie ich, es so weit kommen ließ. Aber Du weißt, daß ich lieber verhungerte, ehe ich eine Unterstützung annähme!“

„Allein,“ warf sie wieder mit ihrer schüchternen Stimme ein, „ich habe ein Stübchen für mich allein. Die Möbel drinnen sind mein Eigenthum. Ich könnte auf die nächsten paar Tage zu einer Freundin ziehen und dort schlafen, und Sie könnten dann mein Stübchen benutzen. Es ist zwar nicht so, wie Sie’s sonst gewohnt waren, aber .....“

Abermals lag seine Hand auf ihrem Munde.

„Du bist das beste, treueste Herz auf der Welt,“ rief er, ohne ihr jedoch eine Antwort auf ihren Antrag zu geben; denn er dachte, es verstehe sich von selbst, daß er diesen nicht annehmen könne. – „Wo arbeitest Du jetzt?“ frug er nach einer Weile.

„In einer Tintenfabrik in Duanestreet,“ erwiderte sie. „Ich muß da die kleinen Gläser (in solchen wird nämlich in Newyork die Tinte verkauft) füllen und petschiren und bekomme vom Dutzend vier Cents; aber man kann gut seine sechzehn Dutzend den Tag fertig machen. So kann ich ganz gut in der Woche vier Thaler verdienen. Nur sind wir gegenwärtig etwas aufgehalten, weil unser Chemiker, der die Tinte macht, krank geworden ist, und der Boß (der Inhaber der Fabrik) sich nicht recht darauf versteht.“

„Also ist die Stelle des Chemikers vacant?“ fragte der Jüngling hastig. „Wie viel Nummer ist Dein Shop (Arbeitslocal), Marie?“

Natürlich sagte es ihm Marie mit doppelter Freudigkeit, als sie vernahm, daß er sich um die Stelle bewerben wollte, da er die Tintenfabrication gut verstehe. Hätte man dem jungen Manne ein halbes Jahr vorher gesagt, er werde noch Tintenmischer werden, so hätte er einen die Treppe hinuntergeworfen. Jetzt aber war sein Stolz gebrochen, und zwar durch das Hotel Park. Vielleicht trug auch die Begegnung der Marie und sein Gespräch mit ihr Manches dazu bei, seinem Hochmuth Adieu zu sagen.

Dies war die letzte Nacht, welche der junge Mann im Hotel Park zubrachte. Den andern Tag war er in aller Frühe bei dem Tinten-Boß und erhielt die Stelle des „Chemikers.“ Abends aber begleitete er Marie nach ihrer Wohnung und genirte sich nun gar nicht, von ihr etliche Thaler zu borgen, damit er in einem anständigen Logishause sich einmiethen konnte. Er hatte ihr aber zuvor unumwunden erklärt, daß sie ein paar Wochen warten müßte, bis er im Stande sei, mit nur etwas Sicherheit in die Zukunft zu sehen. Jetzt erst hatte er bemerkt, wie unsäglich ihn das Mädchen liebe. Jetzt erst ließ e« der anerzogene Hochmuth zu, sich zu gestehen, daß auch er dem lieben Kinde gut sei, ob es gleich nur seiner Amme Töchterlein war.

Mit der Hochzeit – aber eine recht stille war’s – stand’s auch gar nicht lange an, denn der Tintenboß merkte bald, daß sein Chemiker noch andere Dinge verstehe, als das Tintenmischen, wie z. B. Waschblaufabrication und Stiefelwichse-Producirung. Dazu kam noch, daß er schon lange daran laborirte, eine Schwefelhölzchenfabrik zu errichten, und weil der junge Kaufmann derlei Dinge in seiner Jugend im Polytechnikum mit hatte laufen lassen müssen – damals schienen sie ihm ganz unnütz und jetzt ernährten sie ihn, – so kamen sie überein, sich zu vereinigen, und jetzt macht hier Wilhelm Schwefelhölzchen über Schwefelhölzchen, ganz nach Wiener Art und Färbung. Seine Frau aber führt die Aufsicht über die Sortirmädchen und verdient somit immer noch ihre vier Thaler in der Woche.

So hat das Hotel Park auch manchmal seinen Nutzen, weil es dem Stolz und Hochmuth das Genick bricht.

Th. Gries.


Heimgegangene.
Von Herm. Marggraff.
Friedrich Ludwig Jahn. Friedrich List.

Die Überschrift nennt Männer, welche bei aller Verschiedenheit der Bestrebungen und der geistigen Bildung doch auch viel Verwandtes hatten. Schon in Bezug auf Leibesgestalt zeigten Beide etwas Schweres und Massiges; doch war Jahn mehr knochig, List mehr fleischig; in Beiden aber erschien der deutsche Urtypus ohne Zweifel sehr rein ausgeprägt, nur mit dem Unterschiede, welchen die niederdeutsche Natur des Einen und die schwäbische des Andern bedingte. Beide waren, wie man weiß, rastlose Agitatoren, Beide machten gegen das Bestehende Opposition; aber in ihren letzten politischen Zielpunkten gingen Beide doch weit auseinander, wie Mittelalter und Neuzeit. Volksthümlichen Gepräges waren Beide; sie liebten, sich populär, körnig und gemeinverständlich auszudrücken, nur hatte Jahn etwas von der Schalksnatur des niedersächsischen Eulenspiegels; er war eine mehr trockene humoristische, List eine mehr feurige gewaltsame Natur. Beide haßten alles Bureaukatische und hielten sich gern zu Leuten von freier Stellung; List, der die Macht der Feder kannte und ehrte, mehr zu Schriftstellern, Jahn, der lieber sprach als schrieb und sich gern selbst sprechen hörte, zu der studirenden Jugend. List war Autodidakt, Jahn ein studirter Mann; doch hatte auch dieser wohl mehr durch sich und durch das Leben, als durch den Besuch von Collegien und Bücherlecture gelernt. Beide waren dem Aeußern nach Erscheinungen, welche auf den ersten Blick auffielen, aber Jahn strebte danach, auffallend zu sein, während sich bei List von Koketterie und Schauspielerei keine Spur wahrnehmen ließ; seine Person galt ihm nichts; die Sache, für die er wirkte, Alles. List war der bei weitem praktischere Kopf, aber doch auch nicht ganz frei von Phantastik und Idealistik, die freilich bei Jahn in viel bemerkbareren Zügen hervortraten. Um die Popularisirung gewisser nationalökonomischer Fragen hat sich List große Verdienste erworben, wie Jahn um die Popularisirung gewisser nationalpolitischer Fragen; aber die Schutzzölle des Einen gegen ausländische Waaren und die Schutzmaßregeln des Andern gegen ausländische Ideen haben sich dem Geiste der Zeit gegenüber doch mehr und mehr als unwirksam erwiesen. Doch ich will mit dieser Parallele aufhören, um so mehr, da ich mich an andern Orten gegen die Sucht, zu parallelisiren, erst jüngst ausgesprochen habe. Indeß lag es gerade bei diesen beiden Individuen nahe, einen Vergleich anzustellen. Ich bemerke nur noch, daß wir List in Deutschland die Eisenbahnen, Jahn die Turner verdanken, daß Beide im Leben wenig Dank geerntet haben, während man jetzt für ein in Reutlingen aufzustellendes Listdenkmal sammelt und in neuester Zeit auch ein dem Turnvater Jahn zu errichtendes Monument in Anregung gebracht worden ist. List hat inzwischen an Häusser und Jahn an Pröhle einen Biographen erhalten, und wem es um genauere Kenntniß dieser beiden merkwürdigen Männer

[197]
Die Gartenlaube (1858) b 197.jpg

Kant’s Denkmal in Königsberg.

Noch im Laufe dieses Jahres wird Deutschland eine Ehrenpflicht erfüllen und das Denkmal eines seiner größten Denker zur Aufstellung bringen. Es hat lange genug gedauert, und wie man sagt, sollen auch heute noch die Unkosten der Statue trotz aller Aufrufe und Sammlungen nicht ganz gedeckt sein. Das alte Lied im alten Deutschland! – Was Kant seiner Zeit war und wie er für Deutschland und dessen geistiges Emporblühen wirkte, werden wir in einem längeren Artikel: „Kant als Philosoph und als Mensch“ aus der Feder eines unserer geistreichsten Kritiker unsern Lesern darzustellen suchen. Für heute, in Bezug auf das Denkmal, nur so viel, daß die Statue (nach Rauch’s Hautreliefstatue am Piedestal des Denkmals Friedrich des Großen) am 18. Juni vorigen Jahres im königlichen Gußhause in Berlin vom Kunstgießer Gladenbeck gegossen und später im Rauch’schen Atelier unter Aufsicht des Meisters zusammengesetzt wurde. Kant ist sprechend, mit aufgehobenem Arme dargestellt und macht einen imponirenden Eindruck. Man hofft (?) die Statue (auf großem marmornem Piedestal) noch im Laufe dieses Jahres enthüllen zu können.

E.     

[198] zu thun ist, der möge auf die betreffenden biographischen Schriften Jahn’s und Pröhle’s hiermit verwiesen sein, wie auf die Nachträge zu dem Pröhle’schen Buche, welche Wilibald Alexis in Nr. 12. und ich selbst in Nr. 14. der Blätter für literarische Unterhaltung für 1857 geliefert hat. Hier kann es sich nur um meine persönlichen Berührungen mit beiden Männern handeln.

Meine Erinnerungen an den alten Jahn fallen schon in meine Knabenzeit, als Jahn von Berlin aus auf einer Turnerfahrt auch meine Vaterstadt besuchte und auf dem Turnplatze des Züllichauer Gymnasiums ein solennes Schauturnen veranstaltete. Jahn war damals, wo die Turnerei in höchster Blüthe stand, einer der populärsten Männer in Preußen und erregte mit seinem langen Barte und der Gefolgschaft der Berliner Turner, welche sich den Spaß machten, in ihrem Gasthause zwei Stock hoch herabzuklettern, begreiflicherweise in Züllichau das größte Aufsehen. Die Kleinbürger oder Philister wußten freilich nicht recht, ob sie in der Jahn’schen Turnerschaft eine Genossenschaft von jungen Recken oder eine Art Seiltänzerbande erkennen sollten. Um so mehr wurden sie von den Lehrern und Schülern des Gymnasiums gefeiert, mit denen Jahn dann nach Kai herauszog, dem Schlachtfelde des siebenjährigen Krieges, auf dem der mit dictatorischer Vollmacht ausgerüstete, aber unbesonnene General von Wedell geschlagen wurde, als er einen Angriff auf die Russen unter Soltikow machte, um ihre Vereinigung mit den Oesterreichern unter Laudon zu hindern. Das Mißlingen des Wedell’schen Angriffs hatte dann die für Friedrich den Großen so unglückliche Schlacht von Kunersdorf zur Folge. Jahn hielt auf dem Schlachtfelde eine feurige Ansprache an die Turner, gewürzt mit historischen Erinnerungen aller Art, namentlich an die noch so frisch im Andenken haftenden Feldzüge gegen die Heerschaaren Napoleons.

Ein paar Jahre später wurde mir Jahn in mehr trauriger Weise wieder in Erinnerung gebracht. Die sogenannte Demagogenverfolgung war in vollem Gange. Das sonst sehr harmlose Züllichauer Wochenblatt brachte Auszüge aus den Untersuchungsacten, darunter feurige Lieder, deren Inhalt sogar jetzt ihren Wiederabdruck vielleicht mißlich machen würde. Es war darin viel von „Volksschmerz“, „Freiheitsblut“, „Teufelsmolchen“, „Freiheitsdolchen“, „Kronen und Bändern“, „Opfergewändern“ u. s. w. die Rede. Diese Gedichte machten auf mich, den damals etwa elf- oder zwölfjährigen Knaben, einen ganz andern Eindruck, als durch ihren Abdruck etwa beabsichtigt sein mochte. Ich lernte sie auswendig und könnte sie heute noch Wort für Wort recitiren. Nur eins derselben will ich hierher setzen; das Lied ist ja doch nur eine historische Reliquie und seine Mittheilung gewiß eine unverfängliche. Es lautete:

Wie nach dem Himmelreich,
So nach dem deutschen Reich
Trachtet, Brüder!
Und mit der achtunddreißig Tracht nieder!

Ja, es summen die Jungen
Frisch, fröhlich und frei,
Die muthigen Söhne
Der Turnerei.

Sternaugen funkeln,
Die Schwerter sind bloß!
So klingt der Freiheit
Drommetenstoß!
 u. s. w., u. s. w.

Jahn spielte in diesen Mittheilungen begreiflicherweise eine Hauptrolle, und ich erinnere mich, daß ich mich der verfolgten und auf verschiedene Festungen des Landes gebrachten Anhänger der Jahn’schen Reichstheorie mit großem Eifer gegen einen alten Onkel annahm, der mich mit den Worten niederzudonnern suchte: „Dummer Junge, was verstehst Du denn davon!“ Ich schwieg, rechnete mir aber diesen „dummen Jungen“ aus so reaktionärem Munde zur Ehre an. Man kann sich denken, mit welcher Teilnahme ich den Erzählungen eines älteren, nun verstorbenen Bruders lauschte, welcher in dem in Küstrin garnisonirenden achten oder Leibinfanterieregiment als Freiwilliger gestanden und mehrmals vor der Kasematte, in welcher Jahn, und zwar in Ketten[WS 1], saß, Wachtdienst gehabt und mit angesehen hatte, wie Jahn in der Freistunde, die ihm für den Genuß der frischen Luft gestattet war, sich auf dem Walle zur nöthigen Leibesbewegung hin- und herwälzte und an den dort liegenden Kanonenkugeln athletische Uebungen anstellte. Auch hatte er die dienstthuenden Unterofficiere, welche Jahn’s Kleider täglich nach irgend etwas darunter Verborgenem zu untersuchen hatten, mehrmals in die Kasematte Jahn’s begleiten müssen, was seine loyale Gesinnung zu verstärken nicht eben sehr geeignet war. Nebenbei gesagt, war ich damals sehr stolz auf diesen Bruder, weil er in einem Regiments gedient, welches außer dem Garderegiment allein das Vorrecht hatte, auf den Czako’s einen Federstutz zu tragen. Wie glücklich war ich, diesen Czako über meine» Kopf zu stülpen; er fiel mir aber immer über’s Gesicht. Es verhielt sich damit, wie mit meiner damaligen politischen Gesinnung, die für meinen kleinen Kopf auch zu umfangreich war.

Diesen Mann, über den ich in der Kindheit so viel gehört, sollte ich nun Ende der dreißiger Jahre in Leipzig persönlich kennen lernen, und zwar zuerst durch Eduard Burckhardt, welcher nebst mir (wie auch Pröhle in seinem Buche anführt) wohl der einzige unter den Leipziger Schriftstellern war, mit welchen Jahn in jener Zeit intime Beziehungen unterhielt. Er unterließ niemals, wenn er später von Freiburg nach Leipzig kam, mich auf meinem Zimmer zu besuchen, machte dann auch in der Regel Anstalten, einen oder den andern Brief zu schreiben, wozu es aber niemals kam, da er von Schreiben kein Freund, der Drang, zu sprechen, aber in ihm um so stärker war. Jahn, über dessen allbekannte äußere Erscheinung ich hier nicht weiter sprechen will, war eine grundgute Natur, und so hatte ich den alten Mann trotz seiner Ecken und Sonderbarkeiten sehr lieb, am liebsten, wenn er mit gespreizten Beinen, in der Luft hin- und herfahrenden Armen und seltsamem Pathos Lieder aus der Kriegszeit recitirte, die von früheren Kampfgenossen gedichtet waren. Ich gab Anfangs der vierziger Jahre eine Sammlung politischer Gedichte seit Klopstock heraus und Jahn hatte mir zu diesem Zwecke reichliche Beiträge versprochen, was er mir aber später lieferte, bestand nur in einem, allerdings schönen und kräftigen Kriegsliede von einem gewissen Mill, das ich auch in meine Sammlung aufgenommen habe, und in Bruchstücken eines Gedichtes von Scholz aus dem Jahre 1798. Mill war 1813 als Feldprediger mit in den Krieg gezogen und Scholz, einer seiner Universitätsgenossen, später auch Kampfgenosse gewesen, übrigens einer der feurigsten Sprecher, wie Wachler von ihm sagt. Obgleich ich den für Jahn und seine Universitätszeit charakteristischen Brief, womit er seine leider nur spärlichen Beiträge begleitete, bereits in der Einleitung zu meiner Sammlung politischer Gedichte mitgetheilt habe, scheint es mir doch nicht überflüssig, hier einige der bezeichnendsten Stellen mitzutheilen. Die eine bezieht sich auf seine Studienzeit. „Bescheiden,“ schreibt Jahn, „waren wir Alle, das gehörte mit zur Zeit. Die Lebensfrische von Goethe, Schiller, F. Richter, Herder u. s. w. duftete mit warmem Odem. Da gingen in den Herzen die Saiten auf. Es keimte und wallte in den Gemüthern. Es war eine allgemeine Abkunft, die sich von selbst verstand und im Allgemeinen feststand, bei Einigen noch überflüssig mit Hand und Wort gelübdet. Jeder solle streben, nach seinen verliehenen Anlagen etwas Tüchtiges zu leisten; es müsse anders werden, und dazu müsse Jeder helfen. Unsere Baumschule war nicht schlecht. Ader wir kannten noch nicht bairisches Bier und die Kunst, mit Redensarten aus allen Wissenschaften Kartenhäuser zu bauen. Ein Theil von uns lag in furchtbarem Kampf mit den Todeskämpfen der nachmittelalterlichen Hochschüler. Darauf die Anspielung (Einleitung zum „deutschen Volksthum“): „Als Jüngling verfocht ich jede Sache, so mir die rechte schien, und die staatsgesetzliche Freiheit und Selbstständigkeit der akademischen Bürger.“ Mehr darüber zu sagen litt die Schriftscheu nicht. Auf dem Fechtboden Derer, die eine Gesammtheit wollten, war unser bester Schläger der jetzige Justizminister Mühler. Damals habe ich von der Hagen mit eingeschlagen. Wir trieben viel Deutsch miteinander.“

Wenn Jahn in seinem Schreiben, welches bei sein« Länge ihm, dem Schreibeunlustigen, viel Ueberwindung gekostet haben mag, und „Weihnachten 1842“ datirt ist, sich auch auf unsere Classiker beruft und auch weiterhin Goethe’s auf’s Ehrenvollste gedenkt, so glaube ich doch nicht, daß seine Sympathie für sie eine sehr bedeutende gewesen. Ja der mündlichen Unterhaltung kam er fast nie auf sie zu sprechen. Poesie und Alles, was Kunst heißt, ließen ihn kalt, waren ihm im äußersten Grade gleichgültig, erschienen ihm vielleicht sogar schädlich. Das vaterländische Interesse allein, und [199] auch dies nur in seinem und seiner Genossen Sinne, lag ihm am Herzen. Auch gegen die Dictatur, welche unsre Classiker ausüben, sträubte er sich; sie war ihm lästig und er glaubte in ihr ein seinen Zwecken feindseliges Element zu erkennen. Ich glaube, daß selbst Körner’s Kriegslieder bei ihm weniger in Gunst standen, als die seiner nächsten Genossen, wie die von Mill und Scholz, die ganz in seinem Ideenkreise befangen waren, und diese Ideen, ohne weitere ästhetische Zuthat „frisch, fröhlich und fromm“ aussprachen. So empfahl er mir auch als „Vorspruch“ (Motto) für meine Sammlung ein paar Strophen, die ihm bei seinem Abgange in Halle ein Commilitone in’s Stammbuch geschrieben hatte, aber in Gedanken wie Ausdruck höchst trivial waren, obschon Jahn selbst darin „Thatengeist“ zu finden vermeinte.

Was das von Jahn erwähnte bairische Bier betrifft, so ist es allerdings richtig, daß Jahn für gewöhnlich kein Bier, aber wohl Wein trank, und diesen mit Vergnügen, es auch recht gern sah, wenn man ihn damit bewirthete. In seiner Abneigung gegen das Bier lag übrigens eine Inconsequenz; denn da die alten Deutschen tüchtige Biertrinker waren und es Jahn daran lag, uns in Urdeutsche zu verwandeln, so hätte er im Grunde für dieses deutsche Nationalgetränk Propaganda machen müssen, denn wer gern Wein trinkt, trinkt auch wohl französische und wälsche Weine, und geräth so auf dem Wege des Stoffwechsels vielleicht auch auf französische und wälsche Ideen. Zudem mußte Jahn durch den Augenschein belehrt sein, daß die am meisten Bier trinkenden Stämme in Deutschland, wie z. B. die Baiern, auch die kräftigsten Körper haben, und diese den Deutschen anzuschaffen war ja Jahn’s höchstes Ziel. Aus diesem Grunde wüthete er in Berlin namentlich auch gegen den Genuß von Kuchen, weshalb auch alle Kuchenfrauen erbarmungslos von den Turnplätzen verjagt wurden, und das Wort „Kuchenbäcker“ als ein arges, in Schimpf und Glimpf zu rügendes Schimpfwort galt. W. Alexis, der selbst unter Jahn Turner gewesen, ohne jedoch zu seinen „Erwählten“ zu gehören, erzählt dies in seinem oben erwähnten Aufsatz, fügt aber weiter hinzu: „Die Einen sagen Jahn nach, daß er es im Altdeutschthum so weit gebracht, Eicheln zu rösten und zu essen, während Andere behaupteten, wenn es ungesehen geschehen könne, verspeise er alle Sorten Kuchen, besonders aber Kirschkuchen, mit ganz besonderem Appetit.“ Zur Erklärung des von Jahn in seinem Briefe gebrauchten Ausdruckes „Schriftscheu“ diene endlich noch, daß dieses Wort eine Verdeutschung des Worte« „Censur“ sein soll; hiernach würde man also statt „Censoren“ fortan, possirlich genug, „Schriftscheue“ zu sagen haben, oder statt Censoramt „Schriftscheuamt“, und statt censiren „schriftscheuen.“

Noch dürfte folgende Stelle aus seinen: Briefe anführungswerth sein, weil sie seine Ansichten über die neueren politischen Dichter ausspricht: „Ueber die neuern Dichter, so die vaterländische Harfe stimmen, könnte man leicht versucht werden, hart zu urtheilen. Sie sind ungefüge in der Kraft, frostig, trippelnd wie auf gebohnten Dielen, und scheinen nothreif, von der Zeit aber nicht gezeitiget. Sie kennen nicht den Umkreis der Welt und was sich darin regt. G. Pfizer nehme ich aus. Der hat Wissenschaft und Geschichte. Unwissend darf Keiner weniger sein, als ein Dichter, und die großen sind auch Weise. Weil ihre Dichtungen um die Heimath einen echten Ring, eine wahre Heimskringla ziehen, leben sie aus einer Zeit in die andre, aus einem Volk in das andere, wie die Psalmen, Homer, Sakuntala und Goethe.“

Im mündlichen Verkehr vermied übrigens Jahn, von den mitlebenden Dichtern und Schriftstellern viel zu sprechen; er erwähnte selbst jenes Conflicts nicht, den er in Kösen mit einem damals renommirten Mitglied des jungen Deutschlands gehabt hatte. In dem engern Kreise der Bekannten Jahn’s erzählte man sich, mit welch cynischem Witz Jahn diesen Herrn abgetrumpft hatte, von dessen französischer Glasur über der hervorstechenden Unterlage deutscher Burschikosität er unangenehm berührt worden war. Auch in seinen politischen Ansichten zeigte sich Jahn im Ganzen sehr vorsichtig; möglich, daß er gegen seine Erwählten mit der Sprache offener herausgegangen sein mag. Von seinen früheren Excentricitäten war er wohl schon längst zurückgekommen, und gewiß dachte er in seinen späteren Jahren nicht mehr daran, von der Schweiz bis Holland eine 15 Meilen breite Wüste zu ziehen und innerhalb dieses Landgürtels Städte und Dörfer auszurotten, dafür aber Waldbäume und dichtes Gestrüpp und darin einen Park von Raubthieren anzulegen, und das Alles, um damit, wie er meinte, das alte Germanien von Frankreich möglichst abzusperren. Diesen monströsen Plan enthüllte Jahn wenigstens gegen Theodor Amadeus Hoffmann, welcher Referent in der Jahn’schen Sache war. Im Uebrigen darf man nicht glauben, daß es Jahn mit diesem Plane gerade sehr ernstlich gemeint habe; seine Phantasie gefiel sich in solchen Abenteuerlichkeiten und ungeheuerlichen Vorstellungen, und wenn die Ausführung de« Plan« in seine Macht gegeben worden wäre, würde er sich gewiß hundertmal bedacht haben, ehe er zu seiner Vollziehung geschritten wäre. Jahn war doch zu sehr Geschichtskundiger, um nicht überhaupt von den Entwickelungen der Zeit Lehre anzunehmen und sich gewissen Notwendigkeiten, wenn auch mit Widerstreben, zu beugen. Ein kaiserliches Haupt Deutschlands wäre ihm selbst im Nahmen constitutioneller Einrichtungen recht gewesen, so sehr ihm der moderne Constitutionalismus von Hause aus auch zuwider war. Im Ganzen lebte er zuletzt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Als ich ihn in Gesellschaft mehrerer Leipziger Freunde eines Tages in Freiburg selbst besuchte, unterhielt er uns vorzüglich mit etymologischen Bemerkungen und historischen Erinnerungen, wozu die Gegend Freiburgs allerdings Stoff genug lieferte. Es ist mir, aufrichtig gesagt, davon nicht viel im Gedächtniß geblieben, eben so wenig von den wunderlichen Mittheilungen über die Einrichtung und besondern Zweckbestimmungen und Eigenschaften seines nach eigenem Plane erbauten Wohnhauses.

Zuletzt sah ich ihn dann noch zur Zeit des Parlaments in Frankfurt, wo er freilich eine etwas antediluvianische, mammuthartige Erscheinung abgab. Er kam zuweilen auf das Bureau der Deutschen Zeitung. Er selbst mochte sich in diesem Wirrwarr, den er allerdings, so viel es auf ihn ankam, noch vermehren half, nicht sehr behaglich fühlen; indeß hielt er es für Pflicht, auf seinem Posten auszuharren, selbst auf die Gefahr hin, von seiner eigenen Brut, den Turnern, wie er sich gegen mich ausdrückte, „gelegentlich gelyncht zu werden.“ Man hat ihm vorgeworfen, in den Septembertagen sich furchtsam versteckt zu haben; in der Paulskirche selbst und in seinem offenen an die Hanauer Turner gerichteten Sendschreiben zeigte er Unerschrockenheit und den Muth seiner Ueberzeugung. Lange wohlgesetzte Reden hielt er in der Paulskirche begreiflicherweise nicht, aber er fuhr zuweilen mit körnigen Schlagsentenzen voll gesunden Mutterwitzes drein. Gegen das Bescholtenheitsgesetz eiferte er, weil ja Alle bescholten seien, unter den Frauen z. B. diejenige, welche das letzte Wort nicht habe. Das Gelächter, welche« durch diese Anspielung hervorgerufen wurde, bewies, daß der Stich gesessen hatte. Schon im Februar 1849 erklärte er offen, daß das Parlament überreif, todesmatt und verbraucht sei, daß es das Zutrauen von ganz Deutschland verloren habe und daß es am besten sei, nach Hause zu gehen. Einem Club gehörte er nicht an; er wollte als freier Mann seine Meinung sagen.

Obschon Enthusiast für die Kaiseridee, für deren Ausführung er übrigens wohl keine Hoffnung mehr hatte, stimmte er doch in sehr wesentlichen Punkten mit der Linken, z. B. für das allgemeine Wahlrecht, „weil,“ wie er sich ausdrückte, „es in der Welt dahin kommen müsse, daß Niemand sich scheuen dürfe, mit Ehren arm zu sein.“ Damit hätten sich die süddeutschen Turner begnügen lassen sollen. Was sie wollten, hat Jahn nie gewollt und konnte es nicht wollen; nicht er, sondern sie sind von seinen Grundsätzen abgewichen. Jahn, d« eine autokratische Spitze auf demokratischer, volksthümlichen Grundlage wollte, war in seinen politischen Ansichten etwas unklar; aber seine persönlichen Eigenschaften, sein mildthätiger Sinn („wir Armen,“ Pflegten die bedürftigen Leute in Freiburg zu sagen, „finden stets Hülfe bei ihm, obwohl er’s selbst braucht“), seine Verdienste um die Turnerei, sein vaterländisches Gemüth, seine Schicksale, seine grauen Haare hätten mehr Pietät verdient, jene Pietät, ohne die sich überhaupt nichts in’s Werk richten und erhalten läßt. Jahn sollte auch noch diese Erfahrung, vielleicht die härteste seines Lebens, machen. Wenn man will, kann man auch hierin eine geschichtliche Nemesis erkennen; denn man spielt eine politische Rolle, wie Jahn sie zu spielen unternahm, selten ungestraft. Jahn endete nicht gewaltsam, wie List, aber obschon er sich ruhig und still in Freiburg auslebte, ist sein Loos doch ein tragisches zu nennen, weil er in einen Kampf mit dämonischen Mächten gerieth, die er selbst heraufbeschworen hatte, und darin unterlag.


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Blätter und Blüthen.

Haifischfang im Canal von Mozambique. Bisher hatte die günstigste Brise unsere Reise beschleunigt, doch als die blauen Berge von Groß-Comoro in Sicht kamen, wurde der Wind zum leichten Säuseln und erstarb zuletzt vollkommen. Die vorher gleich Adlerfittigen ausgebreiteten Segel hingen jetzt schlaff von den breiten Raaen hernieder und die hochlaufende Dünung der See brachte bald das häßliche „Schlängeln“ des Schiffes hervor; eine taumelnde Bewegung, die durch die seitwärts anlaufenden Grundschwall des Meeres bewirkt wird, die das Schiff erst von einer Seite hebt, darunter wegläuft und es dann auf die andere niedertaumeln läßt, wobei Tauwerk und Blöcke krachend und klatschend gegen Segel und Masten anschlagen, eine jedem Seemann äußerst verhaßte Musik. Dabei gibt das eigenthümliche Zischen, das bewirkt wird, indem das Fahrzeug bald vorn, bald hinten in die Dünung einstampft, immer förmlich Notiz, daß man jetzt durchaus nicht von der Stelle kommt.

Geärgert und gelangweilt durch diesen Aufenthalt der Fahrt, stand ich hinten an der Railing (Umbrüstung) und sah träumend in die blaue Fluth. Da schoß plötzlich durch den kleinen Wasserraum, den ich eben im Auge hatte, ein flinker Lootse; ein etwa spannenlanger, blau- und rothgestreifter Fisch, der sich immer in der Nähe eines Haies aufhält, denselben fortwährend spielend umkreist, ohne von ihm je beleidigt zu werden, und der wegen dieses freundschaftlichen Verkehrs mit dem Hai sein Lootse genannt wird. Um zu sehen, ob nicht der unterm Steuerruder hin und her schießende Fisch einen seiner gewöhnlichen Gesellschafter in der Nähe habe, warf ich ein Stück Speck über Bord, und richtig, sofort kam unter dem Kiel des Schiffes der grünlichgraue Gesell mit seiner schlängelnden Schwimm-Bewegung hervor, drehte sich, um zuschnappen zu können, auf den Rücken, und klapp! war der Speck verschwunden, so daß ich die fürchterlichen Kinnladen deutlich zusammenschlagen hörte. – Gleich neben meinem Standpunkte war ein Häuschen, wo allerhand Eisengeräthschaften aufbewahrt wurden; schnell suchte ich darunter eine alte Wallfischharpune hervor, steckte sie an ein tüchtiges Ende und einen Augenblick danach saß das Eisen tief im Bauche des Schlemmers, der eine zweite Specksendung erwartet haben mochte. Durch gewaltiges Krümmen und Umsichschlagen suchte der Hai sich zu befreien, und das Wasser in seiner Umgebung war, wie ein siedender Kessel, mit weißem Schaume überzogen; doch sein Sträuben half ihm nichts.

Um Beistand rufend, brachte ich die gesammte Schiffsmannschaft in Alarm, Alles eilte herbei; an das festhängende Ende wurde ein zweites angeschoren, dies durch einen Block gesteckt und nun zogen „alle Mann,“ um den wilden Gesellen auf Deck zu bringen. „Hä kommt, hä kommt,“ schrieen schon Alle siegestrunken, da – paff! – ließ auf einmal die Last nach, der Hai hatte sich richtig losgeschlagen und war zurück in’s Meer gestürzt. Es hatte doch wohl zu lange gedauert, ehe wir vorbereitet waren, ihn in unsere Gesellschaft aufzunehmen. Ein trauriges „Ah“ entfloh Aller Munde. Doch Jan, ein alter, ausgewitterter Seemann, der von Anfang an da gewesen warr und mir beigestanden hatte, sagte bedächtig: „Ick glöv, he hat groten Hunger, wi möt mal tokiken.“ (Ich glaube, er hat großen Hunger, wir müssen ’mal zusehen.)

Ungläubig sahen die jüngern Matrosen ihr sonst nie bezweifeltes Orakel an, denn es schien ihnen nicht möglich zu sein, daß der arg zerfleischte Hai noch jetzt bei gesundem Appetite sei. Doch Jan ließ sich nicht stören, nahm einen großen, eisernen Haken, schärfte schnell die Spitze etwas an, steckte ein tüchtiges Stück Speck darauf und an einem starken Tau befestigt wurde schnell der unbeholfene Köder in das Meer hinabgeworfen. Vom Haifisch war indeß lange Zeit nichts mehr zu sehen und die jungen Skeptiker wollten schon prahlen, Recht gegen den Alten behalten zu haben, als der unerschütterliche Jan ausrief: „Stopp! hä kömmt,“ und in der That, der Hai kam wieder angeschwommen. Trotzdem sein Rücken schon so zerrissen war, daß ein großes Stück seines weißen Fleisches heraushing, schien dieser große Raubfisch dadurch wenig incommodirt zu sein und seine Beutelust blieb unverändert.

Jetzt war er beim Köder angekommen, besah ihn mit seinen kleinen, geschlitzten Augen, hob ihn mit dem schaufelförmigem gewaltigen Kopfe, wie prüfend, in die Höhe, ließ ihn wieder sinken und trieb einen Augenblick unentschlossen nebenher. Doch die Freßgier siegte, er kam wieder, drehte sich, und klapp – Köder und Haken war verschwunden, und zwar hatte der Hai mit solcher Kraft zugeschnappt, daß wir deutlich sahen, wie der Haken in Folge des Zuschlagens der Kinnladen, mit der Spitze oben durch den Kopf hindurchgedrungen war. Sofort zogen alle Mann an dem Ende, und bald lag der zweimal betrogene Fresser, wüthend um sich schlagend, auf dem Deck. Es war ein riesiges Exemplar und maß wohl gegen 10 Fuß Länge und die gewaltigen Schläge seines Schwanzes machten das Schiff so stark dröhnen, daß wir fürchteten, er werde die Seitenplanken zerschmettern. Der Koch, ein baumstarker Mann, schlug mit dem Rücken einer Axt gewaltig auf den Fisch los, ohne daß dieser die geringste Wirkung davon zu fühlen schien. Da erhob wieder der alte, erfahrene Jan seiner Stimme: „Lat em gohn“ (Laßt ihn gehen), sagte er, nahm ein armdickes, langes Stück Holz und stellte sich beobachtend vor den Rachen des Hai’s hin. Als dieser einen Augenblick mit Umsichschlagen inne hielt, stieß er ihm plötzlich die lange Stange in den Rachen, dieselbe bis zum Schwanzende hineintreibend. Der Hai, dessen Inneres Nichts als ein gewaltiger Magen, fast ohne alle Eingeweide ist, hatte also jetzt buchstäblich „einen Stock verschluckt“ und war außer Stande, durch die Kraft seines Schwanzes noch schädlich zu werden. Endlich konnte man sich ungefährdet dem in ohnmächtiger Wuth den Stock zerbeißenden Haie nähern; er wurde nun zerschnitten, das Schwanzfleisch dem Koch übergeben, der ganz leidliche Beefsteaks daraus machte, die Haut abgeschält, deren trockne, rauhe Außenseite ein gutes Polirmittel bietet, und die Wirbelsäule wählte ich mir aus, da dieselbe, gleichmäßig abgedreht, einen der schönsten Spazierstöcke liefert.

Ernst Lochner.

Die Sage der Indianer von der Erschaffung der Menschen. Der Neger und Indianerhäuptling Tscha-hu-Tlack erzählte unter allen kleinern Traditionen, die unter den Indianern noch im Schwunge sind, keine besser, als die von der Erschaffung der Menschen. Als ich ihn in Begleitung einer Dame, die sehr viel Antheil an ihm nahm, besuchte, fragten wir ihn über die Religion der Indianer förmlich aus. Bei dieser Gelegenheit erzählte er unter Anderm folgendes:

„Der weise Aneth-Ematla, welcher vor mir Häuptling der Tallogis war, theilte mir bei meiner feierlichen Aufnahme als sein Nachfolger nebst andern weisen Sprüchwörtern, Sagen und Geheimnissen, die ich alle auswendig lernen mußte, in der heiligen Priestersprache sowohl, wie in der Sprache des gewöhnlichen Lebens, und die ich geschworen habe, in jeder Nacht des Neumondes in der tiefsten Waldeinsamkeit laut wieder herzusagen, die Schöpfungsgeschichte mit. Die Geheimnisse darf ich nur meinem Nachfolger mittheilen; alles Andere will ich Euch gern erzählen. Als der Schöpfer, dessen heiligen Namen ich nur im Gebete nennen darf, die Welt erschaffen, erschuf er auch den Menschen. Aus einem Kreidefelsen formte er einen weißen, aus dem braunen Sande unter den Kiefern des Landes einen braunen, und aus dem schwarzen Boden in den Flußniederungen einen schwarzen. Und als sie wohlgerathen waren, machte er heimlich drei Bündel, in Palmblätter gewickelt, auf die drei Menschen zusammen und sprach: Wählet Euch ein jeder nach seinem Gutdünken. Du, Tuatscha (Schwarzer), erst. Du, Eb-ru (Gelber), darauf. Du, Libsche (Weißer), nimmst, was übrig bleibt. Was Ihr wählet, sei Euer Loos hinfür. Der Schwarze wählte das schwerste Bündel und fand darin ein Beil, eine Hacke und einen Spaten, deshalb ist er bestimmt, den Boden zu behauen mit harter Arbeit. (Ich habe aber frevelnd die Gabe des großen Geistes verflucht und von mir geworfen; habe viel erduldet deshalb, bin aber jetzt gereinigt von meiner Schuld.) Der braune Indianer wählte das zweite schwerste Bündel und fand darin Bogen und Pfeil, Lanze, Tomahawk und Messer, deshalb jagt, kriegt und raubt er von Anbeginn der Welt. Der weiße mensch nahm dann das kleinste Bündel, öffnete es und fand darin das Buch. Das sagt ihm Alles. Deshalb ist er weise, aber auch listig, denn das Buch sagt Alles, was er wissen will, Gutes und Böses.“


Zeichen der Zeit. In Nr. 70. (vom 24. März) des Magdeburger Correspondentenden steht wörtlich folgende Todesanzeige:

„Verwandten und Freunden hiermit die Hiobspost, daß uns Gott heute in der Frühe unsre Gertrud wieder genommen hat; das Kind starb an des Satans Stickhusten. Weil wir uns just an diesem Mägdlein fast zu sehr erfreuten, hat uns der Herr gezüchtigt. Gelobt sei Er!
Tangermünde, den 21. März 1858.
Steinbrecht, Superintendent.“     

Das Blut möchte Einem in den Adern erstarren bei Lesung dieser wenigen Zeilen. Wer jemals ein liebes Kind unter den grünen Rasen gebettet hat, vermag den Schmerz zu ermessen, unter dem Elternliebe und Elternlust bei der Leiche des geliebten Wesens zittert. Von einem Lehrer der christlichen Liebe müssen wir jetzt erfahren, daß diese Liebe etwas Verwerfliches, ein Verbrechen war! Und welch’ einen traurig-niedrigen Begriff muß dieser Mann von der Hoheit Gottes haben, daß er in ihm nur den Gott der Strafe sieht, ein Wesen untergeordneter Art mit menschlichen Rachegelüsten, das den Satan benutzt, um allzuheiße Vater- und Mutterliebe zu bestrafen mit dem Tode des Lieblings! Die große, schöne Lehre unseres Herrn und Heilandes – wie falsch und lieblos wird sie doch von Vielen aufgefaßt!


Casernenfutter. Wer, der jemals beim Militair gestanden und in der Caserne Quartier gehabt hat, kennt nicht diesen Ausdruck – den Schrecken aller Hungrigen und an appetitliche Kost Gewöhnten? In vielen deutschen Casernen wird das Möglichste in diesem „Futter“ geleistet, und doch, wenn man den englischen Zeitungen glauben darf, aus denen jetzt wie im Chore ein Schrei des Entsetzens dringt, wird in England die Lebensmittelfrage der Soldaten in einer Weise behandelt, welche die deutsche Praxis weit übertrifft und wahrhaft abschreckend ist. Wir hoffen, nächstens etwas Näheres darüber mittheilen zu können.[WS 2]


Allen Freunden gemüthlichen Humors

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Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Kanzel, beziehentlich Fuchskanzel nennt der Jäger dazu passende Bäume, auf die man sich auf den Anstand setzt.
  2. Lunte, Ruthe, heißt der Schwanz des Fuchses.

Anmerkungen (Wikisource)