Die Gartenlaube (1876)/Heft 5

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1876) 077.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


Inhaltsverzeichnis

[77]

No. 5.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


„Warum denn so zart verblümt, Großmama? Die Partei selbst nennt das Ding ziemlich unverfroren beim Namen,“ warf Flora geflissentlich leicht und nachlässig hin. „Meine Jungfer hat heute Morgen beim Oeffnen der Läden wieder einmal einen Drohbrief auf meinem Fenstersims gefunden; sie sah sich gezwungen, ihn mit der Feuerzange anzufassen und mir zur Einsicht hinzuhalten – so unappetitlich war der Wisch; er liegt in ihrer Stube, für den Fall, daß Du ihn zu Deinen Acten legen willst, Moritz. Neues enthält er selbstverständlich nicht – immer dieselben Phrasen! Wissen möchte ich aber doch, weshalb diese Menschen gerade mich so ganz besonders mit ihrem Classenhasse beehren.“

Käthe konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß es sich hier wohl weniger um den Haß gegen die bevorzugte Classe, als gegen die Persönlichkeit selbst handle. Sie begriff, daß diese herrische Erscheinung in fürstlich reichen Gewändern, mit den verächtlichen Linien um den Mund und der männlich schroffen Redeweise von Fernstehenden leicht für alle vom Hause ausgehenden Maßregeln verantwortlich gemacht wurde.

„Die gehässigen Angriffe sind doppelt lächerlich durch den Umstand, daß gerade ich mich für die sociale Frage lebhaft interessire,“ fuhr Flora unter kurzem Auflachen fort; „ich habe schon manchen zu Gunsten der Arbeiterclasse wirkenden Artikel in die Welt hinausgeschickt.“

„Mit dem Schreiben allein macht man das heute nicht mehr,“ sagte Doctor Bruck vom Fenster herüber. „Die besten Federn haben sich stumpf daran geschrieben und die Wogen der Bewegung gehen immer höher und schwemmen die Theorien vom Papier.“

Aller Augen richteten sich auf ihn. „Ei, und was soll man thun?“ fragte Flora spitz.

„Sich die Leute und ihre Forderungen selbst ansehen. Was nützt es, wenn Du aus dem Heer von Denkschriften und Brochüren über dieses Problem ‚das Für und Wider‘ an Deinem Schreibtische mühsam zusammensuchst –“

„O, bitte“ – in ihren Augen entzündete sich plötzlich ein grelles Feuer.

„Und Todtes zu dem vielen Todten wirfst?“ fuhr er unbeirrt fort. „Deine Artikel werden diesen Leuten schwerlich zu Gesicht kommen, und wenn auch – was helfen sie ihnen? Worte bauen ihnen keine Heimstätte. Gerade den Frauen in den Familien der Arbeitgeber fällt ein bedeutender Theil der Lösung zu, ihrem milden Einfluß auf das härtere Männergemüth, ihrer sanften hülfreichen Vermittelung, ihrer Klugheit. Aber die Wenigsten geben sich die Mühe, darüber nachzudenken oder, was ich in erster Linie von ihnen verlange, ihr Herz zu befragen. Sie nehmen die Mittel zur Bestreitung ihrer heutzutage fast schrankenlosen Bedürfnisse aus den Händen der Männer, ohne zu erwägen, daß vor ihrer Thür alle Elemente zu einem furchtbaren Conflict stetig emporwachsen.“

Die Präsidentin strich mit ihren schlanken Händen langsam über die atlasspiegelnde Fläche ihres Ueberkleides, und ohne auf den letzten Ausspruch einzugehen, sagte sie gelassen: „Ich gebe sehr gern; nur bin ich nicht gewöhnt, meine Almosen direct in die Hand der Heischenden zu legen, und so mag es kommen, daß man nicht weiß, wie viel und wie oft ich gebe. Dieses Mißkennen läßt mich übrigens sehr ruhig, selbst wenn es mich verantwortlich machen möchte für die Rohheiten, denen wir augenblicklich ausgesetzt sind.“

„Die Rohheiten sind abscheulich. Niemand kann sie strenger verurtheilen als ich,“ versetzte Doctor Bruck ebenso kalt; „aber –“

„Nun, ‚aber‘? Sie behaupten schließlich doch, wir Frauen im Hause des Arbeitgebers hätten sie provocirt?“

„Ja, Frau Präsidentin, Sie haben den Arbeitgeber abgehalten, seinen Leuten helfend entgegenzukommen, die Forderung der Arbeiter aber war keine unbillige, keine jener häßlichen Ausschreitungen, welche gegenwärtig die an sich vollkommen gerechte Sache der Partei verdunkeln und anrüchig machen – sie wollten auch kein Almosen, sondern mit Hülfe des Fabrikherrn sich selbst emporarbeiten zu einer beglückteren Existenz.“

Die alte Dame klopfte ihn leicht auf die Schulter und sagte freundlich, aber doch in jenem bestimmten, kurz abfallenden Tone, mit welchem sie das Gespräch abzubrechen wünschte: „Sie sind ein Idealist, Herr Doctor.“

„Nur ein Menschenfreund,“ versetzte er flüchtig lächelnd und griff nach seinem Hute.

Seine Braut hatte ihm längst den Rücken gewendet und war in das andere Fenster getreten. Kein Frauengesicht war mehr geeignet, den Ausdruck der Feindseligkeit anzunehmen, als dieses Profil, das die Lippen so fest über den Zähnen zu schließen vermochte. … Der Mann dort hatte mit dürren Worten gesagt, sie suche an ihrem Schreibtische mühsam fremde Ideen zusammen – unerhört, bei ihrer Begabung! Sie [78] hatte allerdings nie ihre feinen Sohlen mit dem Arbeitsstaub in des Schwagers Spinnerei befleckt; sie wußte auch in der That nicht, wie es bei den Leuten aussah, die das dringende Verlangen nach Reformen unter eine Fahne rief und sie zu einer Macht anwachsen ließ, die sich wie ein Keil zwischen die gesellschaftliche Ordnung schob und sie zu zersprengen drohte. Aber wozu denn auch? Mußte man denn Alles in Wirklichkeit gesehen und erlebt haben, was man schilderte? Lächerlich! wozu waren denn Geist und Phantasie da? … Bis heute hatte der Doctor ihre literarischen Bestrebungen mit keiner Silbe berührt – „aus Scheu und Respect“ hatte sie gedacht, und nun griff er dieses Wirken plötzlich so plump, so verständnißlos an – er! Sie rang schwer mit sich. „Ich begreife nicht, Großmama, wie Du Dich zu der Bezeichnung ‚Idealist‘ versteigen konntest,“ rief sie mit funkelnden Augen herüber. „Ich dächte, Bruck hätte vorhin das große Thema trocken genug beleuchtet. Nach seinem Programme sollen wir schleunigst Comfort und Eleganz abstreifen und in Sack und Asche gehen; wir sollen uns beileibe nicht geistig beschäftigen, sondern Volkssuppen kochen. Daß wir die Stille und Abgeschlossenheit unsers Parkes vertheidigen, ist Todsünde – es versteht sich von selbst, daß wir die hoffnungsvolle Schuljugend direct unter unseren Fenstern turnen und lärmen lassen etc., und wenn wir nicht brav sind und schön folgen, da stellt er uns ein Gespenst vor die Thür.“ – Sie lachte kurz und hart auf. „Uebrigens verrechnet sich solch ein Menschenfreund mit seinen Sympathien ganz gewaltig. Sollte es wirklich zu dem geweissagten Zusammenstoß kommen, dann wird das Gespenst mit ihm ebenso kurzen Proceß machen, wie mit uns auch.“

„Ich habe nicht viel zu verlieren,“ sagte der Doctor mit einem halben Lächeln.

Flora kam raschen Schrittes herüber. Ihre Löckchen flogen, und die schwere Sammetschleppe fegte den Marmorfußboden.

„O, seit heute Morgen darfst Du das nicht mehr sagen, Bruck,“ entgegnete sie beißend. „Bist ja Hausbesitzer geworden, wie mir Moritz mittheilte. Alles Ernstes – hast Du wirklich Deine Drohung von gestern wahr gemacht und die entsetzliche Baracke drüben am Flusse erstanden?“

„Meine Drohung?

„Nun, anders kann ich’s doch nicht nennen, wenn Du mir ein solches Schreckbild für die Zukunft hinstellst? Du hast, wie Du es gestern selbst bezeichnet, Deine Ersparnisse in einem Grundstücke angelegt, das für mich das non plus ultra der Einöde, der Aermlichkeit und der abstoßenden Häßlichkeit ist. Zur Augenweide allein hast Du doch das Kleinod unmöglich an Dich gebracht, und deshalb frage ich Dich ernstlich: ‚Wer soll darin wohnen?‘“

„Du brauchst es mit keinem Fuße zu betreten.“

„Das werde ich auch niemals – darauf kannst Du Dich verlassen. Eher –“ es war ein schwer zu enträthselnder Blick, mit welchem der Doctor unterbrechend die Hand hob, aber dieser verdunkelte Blick hatte etwas so gewaltig Zwingendes, daß der rothe Mund des schönen Mädchens unwillkürlich verstummte.

„Ich habe das Haus für meine Tante bestimmt und werde nur ein Zimmer für mich reserviren, das mir für meine freien Stunden einen ungestörten Arbeitswinkel im Grünen bietet,“ sagte er gleich darauf weit ruhiger, als man nach seinem vorherigen Gesichtsausdrucke[WS 1] hätte erwarten können.

„Ah, viel Vergnügen dazu! Also ein specielles Sommerasyl! – Und im Winter, Bruck?“

„Im Winter werde ich mich mit dem grüntapezirten Zimmer begnügen müssen, das Du in unserer zukünftigen Wohnung selbst für mich bestimmt hast.“

„Aufrichtig gestanden – ich mag die Wohnung nicht mehr. Gerade um dieses Eckhaus tost der Straßenlärm unaufhörlich und wird mich stören, wenn ich arbeiten will.“

„Nun, dann werde ich dem Hauswirthe Abstandsgeld zahlen und eine andere suchen,“ entgegnete er mit unerschütterlichem Gleichmuth.

Flora wandte sich achselzuckend von ihm weg, und zwar so, daß Käthe ihr voll in’s Gesicht sehen konnte. Fast schien es, als stampfe die schöne Braut den Boden. Sie warf den Kopf in den Nacken und sah mit einem Augenaufschlage nach der Zimmerdecke, als ob sie verzweifelt ausrufen wollte: „Gott im Himmel, ist ihm denn gar nicht beizukommen?“

In diesem Augenblicke schellte die Präsidentin so stark, daß das Geklingel scharf und anhaltend vom Ende des langen Corridors hereindrang. Die alte Dame sah streng und beleidigt aus – in ihrem Beisein durfte es zu solchen tactlosen Auseinandersetzungen nicht kommen. „Du magst nicht gerade vortheilhaft über die Gastfreundschaft und den guten Ton im Hause Deines Schwagers denken, Käthe,“ sagte sie zu dem jungen Mädchen. „Man hat Dir weder die Reisejacke abgenommen, noch einen Stuhl zum Niedersitzen angeboten; statt dessen mußt Du, gleichviel ob Du Lust hast, oder nicht, unnütze Erörterungen anhören und auf dem kalten Steinfußboden stehen, während dort die dicken, warmen Teppiche liegen.“ Sie zeigte nach den zwei entgegengesetzten[WS 2] Zimmerecken, welche Gruppen von Polstermöbeln und in der That kostbare, schwellende Smyrnateppiche ausfüllten, dann gab sie dem eintretenden Bedienten Befehle für die Hausmamsell hinsichtlich der schleunigen Instandsetzung einiger Gastzimmer.

Damit war die athemlose, herzbeklemmende Spannung gelöst, welche sich bei dem zugespitzten Wortwechsel der Zuhörenden bemächtigt hatte. Der Commerzienrath beeilte sich, der Angekommenen das Jaquet abzunehmen, und Henriette verließ mit einer tiefen Fiebergluth auf den eingefallenen Wangen den Wintergarten, um ihre Taube fortzutragen.

„Wollen Sie nicht zum Thee bleiben, Herr Doctor?“ fragte die Präsidentin den Arzt, der sich abschiednehmend vor ihr verbeugte. Er entschuldigte sich mit einigen Krankenbesuchen, die er noch zu machen habe – Gründe, bei welchen es sarkastisch um Flora’s Lippen zuckte, aber das schien er nicht zu bemerken; er reichte ihr die Hand, ebenso dem Commerzienrathe, vor Käthe aber neigte er sich ritterlich ehrerbietig, durchaus nicht wie vor einer jungen, neuen Schwägerin; für ihn war und blieb sie vorderhand das Mädchen aus der Fremde, und die Anderen schienen diese Auffassung ganz in der Ordnung zu finden … Mit ihm zugleich verließ Henriette das Zimmer.

„Hör’ mal, Flora, für künftig verbitte ich mir dergleichen unerquickliche Scenen, wie wir sie eben mitansehen mußten,“ sagte die Präsidentin stirnrunzelnd mit sehr verschärfter Stimme, nachdem sich die Thür hinter den Hinausgehenden geschlossen hatte. „Du hast Dir die vollkommene Freiheit gewahrt, auf Dein Ziel loszusteuern, wie es Dir paßt und gefällt – gut – von meiner Seite ist Dir bisher nicht das Geringste in den Weg gelegt worden, aber ich protestire energisch, sobald Du Lust zeigst, die widerwärtige Sache vor meinen Augen auszufechten. Wie gesagt, ich verbitte mir das ernstlich! Soll ich Dir wiederholen –“

„Liebe Großmama,“ unterbrach sie die junge Dame persiflirend und verächtlich, „wiederhole nicht! … Du willst doch nur sagen: ‚In diesem Hause kann gemordet werden; es kann brennen – gleichviel, wenn nur die Frau Präsidentin Urach leuchtend wie ein Phönix aus der Asche hervorgeht‘ …. Pardon, Großmama! Ich will es in meinem ganzen Leben nicht wieder thun. Das Haus ist ja groß genug; man kann auch außer Deinem Gesichtskreise auf die Mensur gehen. Ach, wenn es mir nur nicht so entsetzlich schwer gemacht würde! Ich fürchte, eines schönen Tages verliere ich doch die Geduld –“

„Flora!“ rief der Commerzienrath mit einer Art von bittender Mahnung.

„Schon gut, mein Herr von Römer! Ich habe selbstverständlich jetzt auch Rücksicht auf Deine neue Standeswürde zu nehmen. Gott, was Alles lastet auf meinen armen Schultern! Und womit verdiene ich die Heimsuchung, daß sich die Herzen wie die Kletten an mich hängen?“

Sie griff nach ihrem Hute und nahm die Sammetschleppe auf, um zu gehen – vor Käthe hielt sie den Schritt an.

„Siehst Du, mein lieber Schatz,“ sagte sie und legte der jungen Schwester den Zeigefinger unter das Kinn, „so geht es dem armen Frauenzimmer, wenn es sich für einen kurzen Moment mit der Sentimentalität einläßt und zu lieben sich einbildet. Es hat plötzlich den Fuß im Tellereisen und sieht wehklagend ein, daß die abgedroschene gute Lehre: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet!‘ eine abscheuliche neue Wahrheit enthält – denke an Deine Schwester und nimm Dich in Acht, Kind!“

[79] Damit ging sie hinaus, und Käthe sah ihr mit großoffenen Augen nach. Was für eine seltsame, unbräutliche Braut war doch die schöne Schwester! –




6.


Nahe der westlichen Grenze des Parkes lagen die Ueberreste des ehemaligen alten Herrenhauses Baumgarten. Von dem ganzen einst wohlbefestigten und mit Wassergräben umgebenen Ritterschlosse stand nur noch ein Zimmerthurm von bedeutenden Dimensionen, an den sich der geschwärzte Mauerrest eines Seitenflügels festklammerte. Vor sechszig Jahren war der Bau niedergerissen worden. Der damalige Besitzer, meist im Auslande lebend, hatte das Herrenhaus im modernen Styl, als Villa Baumgarten, an das entgegengesetzte Ende des Grundstückes, an die Promenade, verlegt, um bei seinem zeitweiligen Aufenthalt in der Heimath „unter Menschen zu sein“, und die schönbehauenen Granitblöcke des alten Schlosses beim Neubau verwenden lassen. Den Thurm mit seinem Ruinenanhängsel hatte man als Schmuck der Parkanlagen respectirt. Er erhob sich auf einem grünberasten künstlichen Hügel; um seine Basis drängte sich verwildertes Buschwerk; auf dem anstoßenden Mauerstück mit seinem mächtigen Fensterbogen hatten sich Stachelbeersträucher und Heckenrosen eingenistet, und der wilde Hopfen kletterte ihnen nach und streute grüne Ornamente über das dunkle Gestein.

Diese Ruine inmitten eines Wasserringes hatte jedenfalls ihren Zweck als Decoration erfüllt, aber nach dem damaligen Besitzer war eine praktische nutzenheischende Generation gekommen – sie hatte das Wasser aus dem Graben abgeleitet und in den vortrefflichen Schlammboden Gemüse gepflanzt. Das war nach dem Ausspruche des Schloßmüllers das einzige Vernünftige gewesen, das er bei seinem Ankauf im Parke vorgefunden, und als solches hatte er auch das einträgliche Stückchen Boden sofort zur eigenen Benutzung reclamirt. Käthe war als Kind sehr gern in dem kleinen Thale, wie sie den Graben nannte, umhergewandert. Das himmelschreiende Attentat auf die Romantik und den historischen Nimbus des ehemaligen Wasserschlosses war ihr selbstverständlich damals nicht zum Bewußtsein gekommen; sie war mit Suse stundenlang pflückend durch die Wildniß der Stangenbohnen und jungen Erbsen geschlüpft, ahnungslos, daß bei einem plötzlichen Durchbruche vom Flusse her die Fluthen hereinströmen und sie und Suse und die ganze grüne Herrlichkeit verschlingen könnten.

Heute nun, am fünften Tage nach ihrer Ankunft, betrat sie zum ersten Mal wieder diese entlegene Parkpartie und stand wie geblendet. Noch hingen die Hopfenranken blätterlos wie ein fahles Netz um die Mauern, und der Hügelrasen, winterdürr und zerwühlt, zeigte noch keine grüne Halmspitze, aber die Aprilsonne lag breit und glänzend auf dem ruinengekrönten Hügel und hob ihn malerisch von dem Tannenwalde, der im Hintergrunde sich über eine lange Bergwand hindehnte. Nicht eine Spur von frischem Mörtel zeigte die aufbessernde Menschenhand an den Mauern; kein neuer Stein war eingefügt worden, aber es schien auch keiner zu fehlen; nur die mächtigen Fensterhöhlen des Thurmes, vor denen früher vermorschte Holzläden gelegen, gähnten weit offen, und es glitzerte so seltsam aus dem Steinrahmen, als webe ein abgesperrter Sonnenstrahl drin im tiefen Dunkel ein geheimnißvolles Goldgespinnst. Und neues liebliches Leben regte sich um den verfallenen Stammsitz Derer von Baumgarten; über der Mauerkrone des Thurmes kreisten in graziösem Fluge weiße und bunte Tauben, und aus dem Dickicht, unter der uralten Nußbaumgruppe hervor, die den Thurm nach Süden hin flankirte, kamen lautlos zwei Rehe und wandelten langsam über den Rasenhang. Das kleine Thal aber war verschwunden. Ein breiter funkelnder Wassergürtel umfluthete wieder, wie vor Zeiten, den Hügel, Alles, was drunten gegrünt und geblüht und emporgestrebt, nivellirend, als habe die regsame Menschenkraft nie seinen stillen Grund usurpirt gehabt.

Eine Brücke, in Ketten hängend, schwang sich über den Graben, und drüben, vor ihren schmalen Ausgang quer hingestreckt, lag eine riesige Bulldogge; den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, beobachtete sie mit wachsamem Auge das jenseitige Ufer.

„Da siehst Du nun Moritzens Tusculum, Käthe,“ sagte Henriette, die an Käthe’s Arm hing. Einst Burgverließ mit den üblichen Marterwerkzeugen und Todesseufzern, vor noch vier Monaten unbestrittener Wohnsitz verschiedener Eulen und Fledermäuse und meiner Tauben, und jetzt Salon, Schlafgemach und sogar Schatzkammer des Herrn Commerzienrath von Römer. … Gelt, schwarz genug sieht das Ding noch aus, und man meint, der nächste Sturmwind müsse das Mauerstück über den Haufen blasen, aber das Alles ist niet- und nagelfest, und gerade dort unter den überhängenden Steinen haust Moritzens Diener – der Mensch wohnt beneidenswerth.“

Flora war auch mitgekommen. „Wem’s gefällt!“ sagte sie trocken und achselzuckend. „Uebrigens eine merkwürdig originelle Idee für einen Krämerkopf – meinst Du nicht, Käthe?“ Sie schritt an den Schwestern vorbei über die Brücke. Ein Stoß ihres schönen Fußes scheuchte den Hund aus dem Wege, dann stieg sie den Rasenhang hinauf. Schüchtern flohen die Rehe vor der seidenrauschenden Erscheinung; die Tauben flatterten geängstigt von den unteren Fenstersimsen, und der Hund knurrte widerwillig und ging der herrischen Dame um einige Schritte langsam nach. … Wie sie droben stand, die schlanken Hände auf das Schloß der eisenbeschlagenen Thurmpforte gelegt und den Kopf mit dem metallisch funkelnden Blondhaar über die Schulter zurückwendend, im hellgrauen, silberflüssig schimmernden Seidenkleid mit Puffärmeln und seitwärts aufgenommener Schleppe, da war sie das leibhaftige Sagenbild der schönen Kaisertochter im Kyffhäuser.

Unwillkürlich glitt Käthe’s Blick von ihr weg auf Henriette, die sich dicht an ihre Seite schmiegte, und das Herz that ihr weh. Die hinfällige Gestalt mit ihren eckigen Linien in dem knappanliegenden Ueberkleid von glänzenden Farben balancirte förmlich auf übermäßig hohen Absätzen. Sie athmete so kurz und hastig und sah so grellbunt, so kokett und dadurch fast lächerlich aus. Aber sie hatte in den letzten zwei Tagen an häufig wiederkehrenden Erstickungsanfällen gelitten, und sie wollte doch nicht krank sein – die Welt sollte nun einmal nicht wissen, daß sie leide. Sie konnte mitleidigen Blicken oder theilnehmenden Bemerkungen gegenüber so zornig und beißend werden. Und doch hatte sie schwerer als sonst gelitten; denn Doctor Bruck, der sie behandelte und ihr stets Linderung zu verschaffen wußte, war verreist, und zwar wenige Stunden nach seinem neulichen Weggange aus der Villa; er sei von einem Freunde telegraphisch nach L.....g berufen worden und werde mehrere Tage ausbleiben, hatte er seiner Braut in einem kurzen Billet mitgetheilt. Der ärztliche Beistand des Medicinalrath von Bär aber war von der Kranken energisch zurückgewiesen worden – „lieber sterben!“ hatte sie, mit ihrer Erstickungsangst kämpfend, geflüstert. Käthe hatte die Schwester fast allein gepflegt und hütete sie seitdem mit zärtlicher Sorgfalt. Jetzt legte sie sanft ihren Arm um die gebrechliche Gestalt und führte sie über die Brücke, nach der Ruine.

Wie oft war sie als Kind den Rasenabhang hinabgelaufen und durch das Gestrüpp gekrochen! Wie oft hatte sie durch das weite Schlüsselloch der Thurmpforte gelugt! In den Kellern des Thurmes sollte noch Pulver aus dem dreißigjährigen Kriege liegen, und an den Wänden herum hänge „lauter grausiges Zeug“, hatten die Dienstleute gesagt. Aber es war immer rabenschwarze Finsterniß drin gewesen, und eine dicke, schwere Luft hatte das lauschende Kindergesicht erschreckend angehaucht; hatten nun gar ein Paar Eulenflügel sich von droben geregt, dann war sie, wie von Furien gejagt, den Hügel hinabgesprungen und hatte sich mit beiden Händen, von Grauen geschüttelt, an Suse’s Schürze angeklammert. … Jetzt stand sie drin, am Fuße einer teppichbelegten schmalen Wendeltreppe, und bestaunte mit großen Augen die Wunder, die das Geld des reichen Kaufmanns bewirkt. Draußen scheinbar zusammensinkendes Trümmerwerk, und innen ein vollkommenes Ritterheimwesen. Der einst mit den Augen nicht zu durchdringende Raum war ein weites Gewölbe, das mit seinen starken Steinbögen die ganze Last der oberen Stockwerke trug. An den Wänden hing noch „das grausige Zeug“, Helme und Waffen, aber es war geschmackvoll geordnet, und die blanken Flächen sprühten den Sonnenschein zurück, der blendend und ungehindert durch die Fenster fiel. Man hatte, um dem Thurme von [80] außen den Charakter der Ruine zu belassen, selbst das Fensterkreuz vermieden und ungebrochene Spiegelscheiben in die dicken Mauern eingesetzt – daher das wunderliche Glitzern tief drinnen. … Der Bau war ein sogenannter Bergfriet, in Zeit der höchsten Gefahr ein Zufluchtsort für die Burgbewohner gewesen. Als solcher hatte er damals in seinen oberen Gemächern jedenfalls nur die allerprimitivste Einrichtung enthalten, jetzt aber durfte er sich an Prachtentfaltung getrost mit den ehemaligen, nun längst von der Erde verschwundenen Banketsälen im Haupthause messen.

Als die beiden Schwestern in das erste Zimmer des oberen Stockwerkes traten, da lehnte Flora bereits, eine glimmende Cigarette in der Rechten, graziös nachlässig zwischen den purpurfarbenen Kissen eines Ruhebettes und sah zu, wie der Commerzienrath in der silbernen Maschine den Nachmittagskaffee braute. Er hatte die drei Schwägerinnen dazu eingeladen.

„Nun, Käthe?“ rief er dem jungen Mädchen entgegen und deutete mit dem ausgestreckten Arme bezeichnend rundum über das Neugeschaffene.

Sie stand auf der Schwelle, einen schwarzen Schleier lose über die goldbraunen Flechten geworfen, hellen, lachenden Auges und so hoch und kraftvoll, als entstamme sie selbst dem alten Reckengeschlechte Derer von Baumgarten.

„Hochromantisch, Moritz! Die Täuschung ist vollkommen,“ antwortete sie heiter. „Der da unten“ – sie zeigte durch das nächste Fenster hinab auf den flimmernden Wassergürtel – „könnte Einen durch seine ernsthafte Vertheidigungsmiene erschrecken, wüßte man nicht, daß ein Commerzienrath des neunzehnten Jahrhunderts dahinter sitzt.

Er zog die feinen Augenbrauen finster zusammen, und sein Blick streifte unsicher ihr Gesicht – sie bemerkte es nicht. „Hübsch und löblich ist es ganz gewiß nicht gewesen, daß sich Kohl und Rüben früher auf seinem Grunde breit machen durften,“ fuhr sie fort; „das weiß ich nun, wenn mich auch das kleine Thal in der Erinnerung anheimelt. Aber ist es nicht ein interessantes, wunderliches Spiel des Wechsels, daß der Kaufmann die Schranken erneut, die das alte Rittergeschlecht zuletzt selbst mißachtet und als überflüssig entfernt hat?“

„Vergiß nicht, meine liebe Käthe, daß ich nunmehr der Ritterschaft selbst angehöre!“ versetzte er gereizt und in sehr pikirtem Ton. „Traurig genug, daß sich die alten Geschlechter dem Zeitgeist anbequemt und ehrwürdige Institutionen achtlos aufgegeben – nicht ein Iota durften sie fallen lassen. Es ist ein unverantwortlicher Raub an uns, die wir die Nachfolgenden sind.“

„Schwachkopf! Er ist katholischer als der Papst,“ murmelte Henriette ergrimmt; sie schritt tiefer in’s Zimmer, während Käthe mechanisch die Thür hinter sich fester zuzog, ohne den halb erschrockenen, halb nachdenklichen Blick von dem sichtlich erregten Manne am Credenztisch wegzuwenden. Sie hatte ihn als Kind gern gehabt, wie alle Menschen, die mit ihm verkehrten. Früh verwaist, aus einer braven Handwerkerfamilie stammend, von bestechend schönem Aeußern und einschmeichelndem Wesen, war er in das Geschäft des Banquier Mangold als Lehrling gekommen und schließlich dessen Schwiegersohn geworden. Käthe wußte, daß er ihre Schwester Clotilde bis zu deren frühem Tod auf den Händen getragen; sie hatte ihn immer nur fügsam bis zur Unterwürfigkeit ihrem Vater gegenüber gesehen, auch war er stets gleichmäßig freundlich und hülfreich selbst gegen die untersten Dienstleute des Hauses gewesen – und jetzt schwebte um den schön geschwungenen Männermund dort ein scharf ausgeprägter Zug von widerwärtigem Hochmuth. Der Seilersohn stieß verächtlich die Leiter um, auf der er emporgeklommen; sein Glücksrausch blendete ihn dergestalt, daß er in den Jargon der eingefleischtesten Krautjunker verfiel.

Henriette hatte sich auf einen niedrigen, polsterbelegten Schemel gekauert, und die Arme um die Kniee legend, sagte sie beißend: „Liebster Moritz, ich bitte Dich, thue nicht so entsetzlich herausfordernd! Es könnte irgend eine alte Ahnfrau d’rüber aufwachen und sehen, wie der tapfere Nachfolger und Burgherr Kaffee kocht, und das züchtige Burgfräulein bequem dort liegt und Cigaretten raucht – na, die würde Augen machen!“

Flora veränderte ihre Stellung nicht um eine Linie; sie nahm nur langsam die Cigarre aus dem spöttisch lächelnden Munde. „Genirt es Dich, Schätzchen?“ fragte sie in verstellt phlegmatischem Ton und stäubte mit dem Ringfinger die Asche ab.

„Mich?“ – Henriette lachte hart auf. „Du weißt, daß ich mich durch Dein genialisches Thun und Treiben nicht geniren lasse – die Welt ist weit, Flora; man kann sich aus dem Wege gehen und –“

„Pst, nicht so bissig, Kleine! Ich fragte aus purem Mitleid, weil Du brustkrank bist.“

Ein fliegendes Roth erschien und verschwand in jähem Wechsel auf den schmalen Wangen der Kranken, und in ihren Augen funkelten Thränen – sie bezwang sich mühsam. „Danke schön, aber sorge Du zuerst für Dich selber, Flora! Ich weiß, es zuckt Dir in allen Fingern, das qualmende Ding da zum Fenster hinauszuwerfen, denn es beräuchert Deine Perlenzähne wie Meerschaum und jagt Dir einen Schauder des Abscheues nach dem anderen über die Haut – trotzalledem diese heroische Selbstüberwindung! Aus Emancipationssucht? Bah, Du hast zu viel guten Geschmack, Flora, um zu den allerordinärsten Requisiten des Blaustrumpfes zu greifen; auch bringst Du dieser Neigung, die ja schließlich doch nur auf öffentliche Verherrlichung ausgeht, kein Opfer, das verhäßlicht –“

„Schau, was sie für eine hohe Meinung von mir hat, die liebe Seele!“ sagte Flora, unter ironischem Auflachen den Kopf schüttelnd, zu dem Commerzienrath.

„Du übst Dich im Rauchen und wirst das vielleicht drei bis vier Wochen consequent durchführen,“ fuhr Henriette unbeirrt, aber mit sichtlicher Erbitterung fort; „weil es Leute giebt, die den Tabaksrauch im Frauenmunde verabscheuen wie Pesthauch. Du suchst Händel, willst erzürnen, es ist der letzte Hebel, den Du ansetzest –“

Flora richtete sich aus ihrer halbliegenden Stellung auf. „Nun, und wenn, mein Fräulein?“ fragte sie stolz zurückweisend. „Ist es nicht meine Sache, ob ich gefallen oder abstoßen will?“

„Weit entfernt! In Deinem Falle bleibt Dir nur noch die Aufgabe, zu beglücken,“ brauste Henriette empört auf.

„Lächerlich! Trage ich hier vielleicht den Ehering?“ – Sie zeigte auf den elfenbeinweißen Goldfinger der Rechten. „Gott sei Dank, nein! … Uebrigens hast Du am allerwenigsten Ursache, Dich zu echauffiren und eine Lanze einzulegen – Du bist krank, armes Ding, und mehr als je auf Deinen Arzt angewiesen, aber er zieht es vor, eine Vergnügungsreise zu machen und auf die unmotivirteste Weise wochenlang fortzubleiben.“

Jetzt mischte sich auch der Commerzienrath in den Wortwechsel der erbitterten Schwestern. „Unmotivirt, Flora, weil er Dir den Grund seiner Reise nicht des Langen und Breiten mitgetheilt hat?“ rief er ärgerlich. „Bruck spricht nie über seinen Beruf und die damit verknüpften Vorkommnisse, das weißt Du. Er ist ohne Zweifel an ein Krankenbett gerufen worden –“

„Nach L.....g, wo man berühmte Universitätsprofessoren haben kann? Ha, ha, ha! Eine kostbare Idee! Mache Dich doch nicht lächerlich mit dergleichen Illusionen, Moritz! Uebrigens ist das ein Punkt, über den ich grundsätzlich nicht mehr mit Euch streite – basta!“ Sie streckte ihre Rechte nach der Kaffeetasse aus und schlürfte den köstlich duftenden Trank. Henriette aber schob grollend die gebotene Labung zurück; sie stand auf und trat an die Glasthür, die auf die anstoßende Ruine hinausführte. Das Mauerstück war der Rest einer Colonnade, die einst von dem ersten Stockwerk des Haupthauses in den Thurm geführt hatte; die zwei schön gewölbten, auf schlanken Säulchen ruhenden Bögen bildeten jetzt eine Art Söller mit prachtvoller Fernsicht.


(Fortsetzung folgt.)




[81]
Ein ungarisches Königsschloß.


Von Michael Klapp.


Cavaliere haben bekanntlich ihre noblen Passionen, die sie sich theils bezahlen, theils Anderen schuldig bleiben. Besteht erst ein ganzes Volk aus Cavalieren, wie man von dem magyarischen behaupten könnte, aus geldstolzen, zum Theil verarmten, aber stets ahnenstolzen Cavalieren, so macht es seine Passionssachen nicht besser. Und Ungarn hat seine alten Passionen, hat deren, namentlich seit dem Jahre des Heils, in dem König Franz Joseph der Erste seinen Frieden mit ihm gemacht und seine politische Selbstständigkeit anerkannt hatte, wahrlich nicht wenige. Eine Schuld von über zweihundert Millionen ist lebendige

Die Gartenlaube (1876) b 081.jpg

Schloß Gödöllö in Ungarn.

Zeugin hierfür. Bei der großen Ehrfurcht, welche die Kinder des Ungarlandes vor den Gewohnheiten und Gepflogenheiten ihrer Altvordern und Altvordersten, bei der Vorliebe, welche sie für alles haben, was einst in altersgrauer Zeit ihre Väter gethan, und wären das auch Dinge, die das milde Aufklärungslicht unserer Zeit nicht mehr vertragen, bei dem heillosen Respect vor allem „Avitischen“, wozu bis vor ganz kurzem auch noch die Todtschlägereien bei den Landtagswahlen und der Prügel des Herrn Stuhlrichters gehörten, kann es nicht Wunder nehmen, daß sie auch die noblen Passionen und Bräuche der Väter nicht vergessen. Ein solcher nobler, alter Brauch des Magyarenvolkes brachte es mit sich, daß der ehrsamen Landesfrau, wenn sie zur Krönung schritt, ein „Krönungsgut“ dargebracht wurde. Da kamen dann die Magnaten und offerirten der neuen Königin ein großes Stück Landes, ein Schloß im Walde oder ein fettes Gut in wein- und maisreicher Ebene, je nachdem die großen Herren eben in der Gebelaune waren und je nachdem sie gerade mit dem Landesherrn in herrlichem Frieden oder auf schlechtem Unterthansfuße lebten.

Die ersten neunzehn Jahre der Regierungszeit Franz Joseph des Ersten waren bekanntlich nicht darnach angethan, in den Magyaren große Sehnsucht nach seiner Krönung wach zu rufen. Im Gegentheil. Der Groll wucherte an der Donau und der Theiß von Jahr zu Jahr mehr auf; die Nation wollte das Brod, das constitutionelle Brod seiner Väter und bekam doch nur die Steine des Herrn von Bach. Der Kaiser und seine Räthe gingen, so oft sie auch kamen, unbeliebt wieder von dannen, und keine Ungarseele frug nach der schönen Königin. Im Sommer 1867 endlich gab es Versöhnung zwischen Land und Reich, zwischen Volk und König von Ungarn.

Die Sonne von Königgrätz hatte das Eis, das sich in starker Kruste zwischen Deutsche und Ungarn in Oesterreich angelegt, zum Schmelzen gebracht; man einigte sich hüben und drüben und der durch achtzehn Jahre anerkennungslos regierende König der Magyaren ging nach Budapest, um sich seine Anerkennung zu holen und sich zum König krönen zu lassen.

Und da kamen denn die Magnaten wieder, von denen einige, wie z. B. Graf Andrassy, Anno 1848 dem kaiserlich-königlichen Galgen rechtzeitig entgangen waren, um neunzehn Jahre später dem Throne am nächsten stehen zu können, und brachten der schönen Königin ihre ritterliche Huldigung dar. Wußten sie ja doch seit Längerem, daß Elisabeth ihrer Nation sehr gewogen, daß sie ihre Sprache, die der Tochter Baierns nicht leicht geworden sein mag, mit Eifer erlernt und gern und vortrefflich spreche, daß sie ihre Dichter liebe, ihre erste Gesellschafterin [82] und Vorleserin und ihren intimsten Umgang dem Ungarvolke entnommen und die Zeit herbeigewünscht, wo der endliche Friede mit Ungarn ihr gestatten würde, ihrer romantischen Sehnsucht nach Land und Leuten jenseits der Leitha Genüge zu thun. Einer solchen Königin gegenüber schien bloße ceremonielle Huldigung den Großen des Landes zu wenig, und der alte Brauch der Verabreichung eines „Krönungsgutes“ kam ihnen wieder in den Sinn.

Solch schöne und der Nation gewogene Königin mußte beschenkt werden – das sahen die Herren, die alle dazumal nach langer Zeit wieder in ihren diamantenstrotzenden Kalpaks, Dolmans und reich geschmückten Waffen durch die Straßen Pests schritten und es wieder in ihren prächtigen Palästen lebendig werden ließen nach so vielen Jahren der Zurückgezogenheit und politischen Trauer, sehr wohl ein. Und sie gingen hin und griffen in den Säckel des Landes, den sie ja von jeher als den ihren zu betrachten gewohnt waren, und suchten der schönen Königin ein Krönungsgut aus. Schloß Gödöllö war dazu ausersehen, das Krönungsgut der Königin Elisabeth zu werden. Mit drei Millionen Silbergulden ward es angekauft – ob es heute schon ganz bezahlt sein mag? –, vom Grunde auf restaurirt, hergestellt, eingerichtet und der Königin verehrt, die es dann so rasch lieb gewann, daß sie beinahe den größeren Theil des Jahres aus den Salons und Gefilden von Gödöllö gar nicht hinwegkommt.

„Dann muß dieses Gödöllö wohl ein herrlicher Fürstensitz sein?“ höre ich die Leser fragen. Wenige Menschen, die das Krönungsgut kennen gelernt, werden dies so ganz behaupten können. Man muß vielmehr ein hartgesottener Stock-Magyar, was man so einen „Magyar ember“ nennt, sein, um Gödöllö herrlich zu finden – man muß von der in den Theißebenen freilich viel verbreiteten, aber deshalb noch immer nicht durch die Erfahrung bestätigten Ansicht erfüllt sein, daß „magyarisch“ und „herrlich“ synonyme Begriffe seien, um sich frei und ungenirt der Bewunderung jenes Fürstensitzes an der Pest–Losonzer Bahn widmen zu können. Leuten, welche die Welt gesehen, welche sich in Compiègne und Fontainebleau herumgetrieben, die preußischen Königsschlösser kennen gelernt, in den lieblichen Winkeln von Windsor geträumt, die stylvoll schönen Besitzungen italienischer Nobili angestaunt, werden Gödöllö kaum zu den schönsten Landsitzen der europäischen Welt zu zählen vermögen. Schönbrunn, Laxenburg und sogar Hetzendorf – was seid ihr für Paradiese gegen das Königsschloß von Gödöllö!

Und doch – Kaiserin Elisabeth mag nicht mehr viel von euch wissen, seitdem ihr die „ritterliche“ Nation das Haus am Rakosch-Felde als Morgengabe zur Krone des heiligen Stephan dargebracht. Sie meidet euch, soviel sie nur kann, wandelt nicht gern in euren lauschigen Alleen, auf euren Blumenparterren und Glorietthöhen, welche die Lieblingsplätze so vieler ihrer hohen Vorgängerinnen auf dem Throne gewesen; sie kommt selten, und kommt sie, so kommt sie nur, um rasch wieder nach Gödöllö von dannen zu ziehen – die Laune einer Königin! Wer will ihr mit Gründen beikommen, ihr nachgehen bis zum Ursprungsquell? Gödöllö ist schön; Gödöllö ist herrlich – „la reine l’a dit; die Königin hat’s gesagt.“

Sehen wir es uns einmal an! Von Pest aus erreichen wir es mit der Hatvaner Bahn in kaum einer halben Stunde. Ein hübscher Herbsthimmel liegt über der weithingestreckten Ebene, die das Rakosch-Feld genannt wird, aber er vermag nichts mit seinen leicht schimmernden Lichtern für die Landschaft zu thun.

Es giebt Landstriche, aus denen der echteste italienische Himmel nichts zu gestalten vermöchte, über welche die Schönheit keine zaubervolle Gewalt hat. Ein solcher ist der „Rakosch“ bei Pest; was landschaftliche Langeweile zu bieten vermag, er bietet es, ja er überbietet es. Da giebt es keine sanftgeschwungenen Linien, weit und breit kein Hügelchen, keinen waldbekränzten Berg; das reine Husarenterrain könnte man den Rakosch nennen. Und wirklich hat es schon mehr Schlachten- als Landschaftsmaler gereizt. Die Schrecken des Krieges sind über den Rakosch zu wiederholten Malen dahingezogen, und so manche „wilde Jagd“ hat er, von Rakozy’s bis auf Kossuth’s Zeiten herab, über sein ödes Gefilde dahinjagen sehen.

Kriegerische Naturen, deren Phantasien gern die Gewaltpfade der Geschichte rückwandeln, mögen sich auf Gödöllö, das so oft den Schauplatz blutiger Thaten abgegeben, wohlbefinden und auf all die „Husarenstückchen“ horchen, deren um das Königsschloß herum jedes Fleckchen Erde zu erzählen hat, denn von alten und modernen Helden der Nation weiß die Umgegend Gödöllös viel zu erzählen, von Helden der Kriegssage und Helden der Geschichte, von tapferen Männern des Volkes und ihren streitlustigen Feinden, von Görgey und Kossuth, von Windischgrätz und Haynau. Gödöllö hat sie bei sich gesehen, wenn die Würfel der Schlacht bald für diesen, bald für jenen Theil gefallen waren und viele, viele Söhne dieses Landes, vereint mit vielen, vielen Söhnen deutscher und slavischer Erde, den Rakosch mit ihren entseelten Leibern weithin gedeckt hatten.

„C’est la guerre“ – das ist der Krieg!“ ruft vielleicht die schöne Königin, während sie durch den Park dahinwandelt oder mit verhängten Zügeln über die weite Ebene jagt, wenn die bleichen Schatten der Vergangenheit zudringlich sich ihr in den Weg stellen, und dann wandelt die schöne Frauengestalt, ein kleines, zierliches Geschöpfchen an der Hand führend, weiter, oder die kühne Reiterin sucht nach ein paar Hindernissen, die zu „nehmen“ sind; sie thut es mit derselben Lust, mit der an derselben Stelle früher einmal der Husar lebendigen Hindernissen an den Leib gegangen.

Die reitende Königin mag es auch sein, die Schloß Gödöllö so lieb gewonnen hat. Königin Elisabeth ist eine Passionsreiterin, eine der kühnsten, die der Sport unter den Frauen hat. Stundenlange Ritte auf weiter, menschenleerer Ebene sind ihre Lieblingsbeschäftigung.

Meilenweit umher hat der Häusler und Gutsbesitzer des Rakosch seine Königin immer nur zu Pferde gesehen. Und sie ist ein prächtiger Anblick, wie sie, den schlanken Oberkörper in graziösen Linien wiegend, fest und sicher, wie über dem Sattel schwebend, von ihren Lieblingshunden, zwei prächtigen Thieren, gefolgt, dahin jagt, die Oede, die vielleicht für sie keine ist, weil sie dieselbe mit ihrer Sportphantasie zu bevölkern weiß, so recht genießend. Und nicht nur ein prächtiger Anblick, auch ein seltener ist sie, da man unter den Großmüttern des Landes wohl kaum noch eine zweite finden dürfte, die der Reitpassion mit solcher Leidenschaft und solcher Kraft obzuliegen vermag. Für ein Reitervolk, wie die Magyaren doch sind, bedeutet eine solche Virtuosität nicht wenig, und sie wissen dieselbe an der Königin nicht hoch genug zu schätzen. Ein gewisser Grad von Tapferkeit ist ja immerhin mit dieser Passion eng verbunden, und Naturvölker missen auch im Weibe die Tapferkeit nicht gern. Der Reiterstolz ist also das Erste, was aus dem Magyaren spricht, wenn er auf diese seine Königin zu reden kommt.

Die Aristokratie des Landes, die bekanntlich auf allen Sportfeldern Europas sich hervorzuthun weiß und aus der ein Graf Sandor (Vater der Fürstin Melanie Metternich) hervorgegangen, um den sich ein ganzer Reitermythenkreis gebildet, hat erst recht an Königin Elisabeth ihre Freude und schafft Gelegenheiten, um sich der hohen Sportgenossin im allem Sportglanze zeigen zu können. Auf dem Felde des nahen Dorfes B. arrangirt sie alljährlich Herbst- und Frühlingsrennen und entwickelt da ihren alten gediegenen Reiterglanz, das Auge der Königin nicht wenig erfreuend. Ist der Kaiser und König im Schlosse, zumeist dann, wenn Regierungsgeschäfte ihn auf die Residenz in Ofen durch Wochen hindurch anweisen, so sind die langen Ritte erst recht das Hauptvergnügen des Hofes von Gödöllö, da Franz Joseph der Erste doch selbst ein kühner Reiter vor dem Herrn ist.

Es ist noch ein Glück für die gekrönten Insassen von Gödöllö, daß ihre Passion sie so oft hinausführt aus den Räumen des Schlosses, denn drinnen in seinen Mauern wachsen die Reize nicht üppig. Es ist ein ziemlich weitläufiger, aber auch ziemlich langweiliger Bau, der sich weder durch Styl, noch durch Eleganz auszeichnet. Wie bereits einmal gesagt, darf man mit Gedanken an andere bekannte Fürstensitze Europas nicht in Gödöllö eintreten. „Königliche Hallen“ sind sie schon deshalb nicht zu nennen, all die Räume, die sich da in langer Flucht hindehnen, weil sie überhaupt keine „Hallen“ sind. Sie entsprechen – und da darf man nicht allzu streng sein – höchstens dem Begriffe der größeren Salons. Alle Pracht der inneren [83] Ausstattung, wie sie mit Königsschlössern in Verbindung gebracht zu werden pflegt und wie sie namentlich in Versailles und dem St. Cloud des zweiten Kaiserreichs blühte, war hier von vornherein ausgeschlossen. Franz Joseph ist kein Freund von reichem Appartementsschmuck, von üppig goldenen Sälen und damastenen Brocaten. Einfach und überaus mäßig in seiner Lebensweise, duldet er auch nur Comfort und nichts als Comfort um sich. Der orientalische Pomp der magyarischen Granden, so weit er noch auf einigen alten Schlössern existirt, zählt den König nicht zu seinen Freunden, wie ihn aller Pomp ja kalt läßt und aller nicht gerade mit der Würde streng verknüpfte Aufwand ihm widerwärtig ist.

Einfache Eleganz war also bei der Wiederherstellung von Schloß Gödöllö geboten, und die Schenker haben es sich nicht zweimal sagen lassen und Alles vermieden, was an Großartigkeit der Ausstattung auch nur erinnern könnte. Ein schöner, weiter Park, hübsche Rasenplätze (wenn auch nicht im englischen Sinne hübsch), lauschige Plätzchen, wohlgepflegte Alleen ziehen sich hinter dem Hause hin. Von den Fenstern der Zimmer der Kaiserin und Königin, die zunächst den Zimmern der kleinen Prinzessin Valerie liegen, kann der Blick über die endlos gedehnte Ebene des Rakosch hinschweifen. Es ist ein Blick, der echt Lenau’sche Stimmungen erregen muß, Stimmungen, die ja viel Verwandtes mit dieser Rakoschlandschaft haben. Vor solchen Stimmungen rettet wohl die Königin ein Griff nach der geliebten Cither oder die Flucht auf den Sattel eines der schönen Thiere, die in prächtigen Stallungen untergebracht sind, oder endlich die Vorlesungen des Fräuleins Ferenzy, welche die Dichter des Landes so schön recitiren soll; denn die Poesie der Steppe – und das ist doch die ungarische – ist auch manchmal ausersehen, die Wunden zu heilen, welche die Langweiligkeit des Rakosch der Königin zu schlagen pflegt. Reiten, Citherschlagen und Lectüre haben auf diesem Königsschlosse, wie man sieht, einen großen Beruf. Die kleine, zierliche Prinzessin Valerie thut dann das Uebrige, um den Aufenthalt auf Gödöllö zu versüßen. Das reizende Wesen ist der Liebling der ganzen Umgebung, und auch sie schon versteht es, auf ihren Wanderungen mit ihrem Erzieher, einem ungarischen Bischofe, dem Rakosch Reize abzugewinnen. Wenn nicht ein großes Diner oder ein Empfang, den Mitgliedern der beiden Häuser des Pester Parlaments abwechselnd vom Könige gegeben, die Räume von Gödöllö lärmend belebt, liegt den Spätherbst und Frühling über ein tiefer, bürgerlicher Friede über dem Schlosse gebreitet, und man merkt kaum das Walten einer Hofhaltung.

Wie anders war es doch etwa fünfzig Jahre früher auf Gödöllö! Welch lärmender Geist beherrschte dazumal diese heute so ruhig hingebreitete Rakoschebene! Aus den Zimmern des Schlosses, die im üppigen Glanze strahlten, ertönte mit jedem neuen Tage das weinlaunige Treiben der vielen Gäste, die sich’s an dem reichbesetzten Tische des Fürsten von Grassalkowitsch wohl sein und Gott Gott und Metternich Metternich sein ließen. Da führte Fürst Anton der Zweite, der letzte der Grassalkowitsch, ein flottes, königliches Leben. Den Namen seines Hauses umrankte von jeher die üppigste Romantik. Unter der Regierung Maria Theresia’s hatte es seine glänzenden Tage begonnen; der erste Grassalkowitsch hatte Gödöllö groß und berühmt gemacht im ganzen Reiche, so wie Maria Theresia ihn zu Reichthum und Größe erhoben hatte. Soll sich doch dieser erste der Grassalkowitsch vom Bettelstudenten zum Fürsten emporgearbeitet haben. Die Gunst einer Kaiserin war dazumal noch mehr werth, als heute, und Maria Theresia hatte an dem schönen Studenten ihr Gefallen gefunden. Als ich vor zehn Jahren zum ersten Male in Gödöllö war, zeigten sie noch in dem schon damals in andere Hände gerathenen Schlosse das altmodische Doppelgefäß mit den schweren Holzhenkeln, mit dem in der Hand, um Speise und Trank bettelnd, der arme slovakische Student sich durch’s Land „fechtend“ fortgeschleppt haben soll. Aber er muß wohl genial gebettelt haben, dieser Grassalkowitsch, denn er bettelte sich in die besten, einträglichsten Staats- und Kronämter, in die Liebe der Königin und nach und nach in den Fürstenstand hinein. Er ward königlich von seiner Königin, für die er wohl mehr als jeder andere Ungar zu sterben bereit gewesen sein mochte, belohnt, und sein fürstlicher Leib ward immer fetter und fetter vom Fette Anderer, deren Güter eingezogen worden waren. Als er Gödöllö auf jenem nicht ungewöhnlichen Wege „erbettelt“, weihte er es mit einem großen pompösen Feste, zu dem der ganze Adel des Landes freundlichst geladen war, ein. Auch die Mönche eines damals in der Nähe befindlichen Klosters kamen zu Gast. Diese mochten nun von der Art und Weise, wie Gödöllö und andere weit größere Gütercomplexe in die Hände des Fürsten gekommen waren, nicht sehr moralisch erbaut sein, und so zeichnete einer dieser Mönche, bevor er Gödöllö verließ, auf eine seiner Mauern sein lateinisches Prophetenwort hin, das da nichts Anderes auf deutsch besagt, als ungefähr das Folgende:

„Ebenso wie die Güter des Fürsten Grassalkowitsch durch Annectirung (der Mönch wird wohl einen kräftigeren lateinischen Ausdruck für unser zahmes modernes „Annectirung“ gebraucht haben?) anderer, fremder Besitzthümer rasch groß geworden, ebenso werden sie in der dritten Generation schon an unterschiedliche Herren und Herrchen alle versprengt werden.“

Diese lateinische Mönchsprophezeiung – man zeigt die Stelle noch, wo sie geschrieben stand – sie ist wahr geworden. In der dritten Generation ist das gesammte ungeheure Hab und Gut der mächtigen Grassalkowitsch in der That in wildfremde Hände gerathen, und auch der Name Grassalkowitsch ist in alle Winde verweht. Die Nachkommen des ersten gefürsteten Grassalkowitsch freilich haben sich die Prophezeiung des Mönches nicht sehr zu Herzen genommen. Der kalte Sturm, der die merkwürdigen Mauern von Gödöllö draußen auf dem weiten todesdüstern Rakosch heute umweht, weiß interessante Geschichten von schöneren Zeiten und üppig lebenden Menschen, die da drin gehaust, zu erzählen, Geschichten, die sogar lehrreich sind für Alle, die hören wollen. Seine lärmend bewegteste Periode hatte Gödöllö unter dem letzten Fürsten Anton dem Zweiten. Der lebte da in aufsehenmachender Weise flott und wußte sich sein Dasein so verschwenderisch glänzend zu gestalten, daß selbst die in der materialistischen Deutung des Wortes: „Man lebt nur einmal“ so sehr bewanderte altungarische Aristokratie von damals nicht genug staunen konnte. Die schönen Tage von Gödöllö leben noch heute in dem Angedenken Mancher, die sie mitgemacht.

Von dem Treiben auf den Schlössern des zweiten Fürsten Anton erzählt man wunderbare Dinge. Er war der letzte seines Stammes – was war ihm also die Hinterlassenschaft? Nichts; er wollte nichts hinterlassen. Da es keinen und keine Grassalkowitsch mehr geben sollte in dieser Welt, so sollte es auch keine Grassalkowitscher Reichthümer, kein Grassalkowitscher Besitzthum mehr geben.

„Der Fiscus soll nichts von mir haben,“ sagte Fürst Anton Jedem, der ihn betreffs seiner Verschwendungen zu Rede stellte. Es lag ein charakteristischer Trotz gegen das Schicksal, das ihm den Erben versagt, in seinem ausschweifenden Gebahren. Aber es ward ihm nicht so leicht, seine Reichthümer los zu werden. Der Fürst mußte die außerordentlichsten Anstrengungen machen, um das viele Geld zum Teufel zu schicken. Der Luxus auf seinen Schlössern, und auf Gödöllö zumeist, soll fabelhaft gewesen und die barockste Decorationsphantasie da ihr theueres Spiel getrieben haben. Der Fürst hatte oft die extravagantesten Ansichten über Prunk; er imitirte mit Vorliebe den Pomp altitalienischer Feste. So hatte ihm in Palermo einst der Palast des Fürsten Forca imponirt. Und er ging heim und kleidete die Mauern seiner Palastsäle in kostbare, barocke Mosaiken und ließ in dem reichgeschmückten Fußboden des Festsaales auf Gödöllö ein großes Alabasterbassin anbringen, in das er – Goldfische hineinwarf. Diese sonderbare Placirung eines Teiches für Goldfischchen machte ihm das größte Vergnügen. Was hatte er nur einst noch für eine andere kostbare Idee? Er gab ein pompöses Sommerfest und versammelte die gesammte Aristokratie des Landes um sich. Die Säle präsentirten sich an jenem Tage wie die Gärten der Armida. Die Sinne schwelgten in orientalischen Blumendüften – man befand sich wie inmitten der schönsten Feerie; es war ein Schwelgen in Licht und Blumen. Und Fontainen erhoben sich in allen Sälen des Schlosses, Fontainen, von denen die einen – Mandelmilch (!!), die anderen Limonade ausstrahlten. Welch kostspieliges Raffinement!

Der Fürst fand übrigens auch noch andere Behelfe, sich von seinen vielen Reichthümern zu befreien; er ließ beispielsweise seine Leibwäsche in Paris waschen, aus dem für ihn triftigsten [84] Grunde, weil ihm die in Paris gewaschene Wäsche noch theurer kam, als ganz neue.

Auch soll Fürst Anton der Zweite in seine Sammlung damals modischer französischer Brustkrausen ein Vermögen gesteckt haben; daß er bei den verschiedenen Fêten, die er alljährlich gab, die geladenen Freunde förmlich zwang, ihre Pfeifen und Cigarren mit – Hundertguldennoten, die in albernen Gefäßen, zu Fidibus gedreht, umherstanden, anzuzünden, soll auch nicht selten vorgekommen sein. Hätte Fürst Anton ein höheres Alter erreicht – er starb in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts – sein Werk der Verschwendung wäre ihm doch noch gelungen. Seinen fernen Verwandten, die sich in das Uebriggebliebene getheilt, soll aber noch Manches in der Richtung gelungen sein. Gödöllö kam bald in die Hände jener neuen Aristokratie, die sich an dem „Arrangement“ der alten emporarbeitete, sich zuerst die Güter der Grassalkowitsch und dann dazu ein Prädicat erwarb. Gödöllö fiel um eine Million Kaufschilling dem Banquier Sina zu. Von dem kaufte es dann die „Belgische Bank“ oder vielmehr Langrand-Dumonceau, der es dann gelegentlich der Krönung mit dem hübschen Gewinn von zwei Millionen an die magyarische Nation weiter verkaufte.

Ein Bett, das noch heute zum Andenken in einem der Gemächer von Schloß Gödöllö steht, bezeichnet so recht seine reiche Vergangenheit, seine kriegerische und friedliche Geschichte. In dem Bette schlief oftmals Maria Theresia, die den ersten Grassalkowitsch groß gemacht und die in sorgenschwerer Zeit den Aufenthalt in Gödöllö sehr liebte; Kossuth und Fürst Windischgrätz haben kurz nacheinander in demselben übernachtet, beide nach einer gewonnenen Schlacht am Rakoschfelde, und auch Langrand hatte einmal seinen schwindelerfüllten Kopf dort gebettet. Heute schläft Franz Joseph darin den Schlaf der beliebten Fürsten.




Pritschenschläge deutschen Volkshumors.


Von Moritz Busch.


Nr. 1: Ein „Nichtsfürungut!“ zur Einleitung. – Die uralte deutsche Necksucht. – „Stadtfiguren.“ – Der Schabernack als Gevatter bei Familiennamen. – Die Gewerbe unter der Pritsche des Volkshumors: der Schuster, der Schneider, der Maurer und Andere. – Die Wirthshausschilder. – Ganze Stämme als Zielscheibe der Necksucht. – Deutsche Narrenstädte: Schilda, Lalenburg etc. – Lustige Stückchen aus allerlei Städtchen. – Der Humor in den Spitznamen der Städte.


Das Folgende möge der Beitrag der „Gartenlaube“ zur diesjährigen Carnevalsfeier – der Narrenkirmeß – sein. Sein Motto aber heiße: „Mit Gunst, und nichts für ungut!“ Denn es soll hier geschildert werden, wie die Deutschen einander schrauben, necken, foppen und hänseln, oder – um einen volksthümlichen Ausdruck zu brauchen – „sich zum Narren haben“, und da giebt es zuweilen Dinge, die wehthun oder doch verstimmen könnten, wenn in diesen lustigen Wochen das Uebelmeinen und Uebelnehmen überhaupt gestattet wäre, und wenn sich’s nicht ganz andere Leute als wir, Doctor Luther, der alte Fritz, andere große Helden und Heilige, der Herr Christus, ja der liebe Gott selber, hätten gefallen lassen, daß die Ausgelassenheit unserer Witzbolde ihrem Wesen eine ganz artige Dosis Komik beimischte.

Von alten Zeiten her liebten es die Deutschen wie andere Völker, und mehr als diese, närrische Seiten aneinander herauszufinden oder sich lächerliche Züge und Streiche anzudichten. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte scheint diese Necksucht ganz besonders geblüht und reichlich Blüthen und Früchte getragen zu haben, aber noch jetzt ist sie namentlich in kleinen Städten und auf dem Lande, bald Altes nacherzählend, bald Neues erfindend, fleißig und mit Erfolg am Werke. Fast jedes Dorf hat seinen Narren. Kaum ein größerer Ort, der nicht, wie Dresden früher in Helmert, Rehan und Peter Groll, wie Leipzig in seinem „Spittelgottlob“ und seiner „Gänsehalsen“, ein paar „Stadtfiguren“ besäße. Keine ausgedehntere Genossenschaft, die sich nicht eines Hasenfußes oder Bramarbas, eines Urgrobians, eines Lügenschmieds, eines Pechvogels, eines Confusionsrathes, oder sonst eines wunderlichen Kauzes erfreute. Aber nie bleiben diese Persönlichkeiten auf die Dauer reines Naturproduct, sondern immer wird das Burleske, das Komische, das Närrische an ihnen vom dichtenden Humor der Nachbarn durch Uebertreibung oder Erfindung gesteigert und noch burlesker gemacht. Manche von diesen Scherzen, namentlich die ältesten, sind recht grob und unfläthig. Von Verblümtheit ist in der Regel nicht die Rede. Aber sie gefielen dem Geschmacke der Zeit, die sie erdachte, und sie gefallen wohl auch heute noch den Gästen im Rathskeller der Kleinstadt und in der Schenke des Dorfes. Das scheint sich mit der Gemüthlichkeit der Deutschen nicht recht zu vertragen. Aber es scheint auch nur so. Die Fopperei war in der Regel nicht böse gemeint, und am Ende galt das Sprüchwort: „Was sich liebt, das neckt sich“ auch von dieser Neckerei, selbst wenn sie sehr unzart war. Sehr wahr sagt Auerbach in seinem „Volksbüchlein“: „Gott verhüte, daß das Necken unter den deutschen Landsleuten abkomme! Es wäre das ein übles Anzeichen, daß auch das Lieben bei ihnen abgekommen sei.“

Eine ganze Anzahl seltsamer Familiennamen dankt diesem Hange zu Neckereien ihre Entstehung. Man denke an Rindsmaul, Ziegenbalg, Duvenkropp (Taubenkropf) und Ossenkopp (Ochsenkopf), an Käsebier und Schluckebier, an Sauerhering und Brathering, an Luderhaas und Grasewurm, an Hauto oder Hotho (Hau zu), an Griepenkerl (Greif den Kerl), Störtebecher (Stürze den Becher, gleich: Zecher, Saufaus) und Hebenstreit (Heb’ an den Streit, gleich: Zänker, Störenfried)!

Wie aber das Gefallen am Carrikiren und humoristischen Fabuliren den Einzelnen oft recht derb vorgenommen hat, wie der Volkshumor in seinen Uebermuthe und seiner Harmlosigkeit sich selbst an das Höchste und Heiligste gemacht, dem Weltheilande allerlei Schwänke in den Mund gelegt, Gott Vater in manchen Geschichtchen aus dem Himmel ungefähr wie König Nobel im Reinecke Fuchs aufgefaßt, und selbst des Teufels nicht geschont, sondern ihn in hundert lustigen Anekdoten als Bethörten und Geprellten dargestellt hat, so sind im Laufe der Zeit auch ganze Berufsclassen, ganze Orte, ganze Stämme und Landschaften in das Bereich dieser schnurrpfeiferischen Behandlung von Menschen und Dingen gezogen und mit neckischen Anhängseln bedacht worden.

Zunächst ist hier daran zu erinnern, daß eine Anzahl von Gewerben vom Volkswitze Spitznamen bekommen haben. Der Schuhmacher ist ihm ein Pechhengst, der Seemann ein Jan Maat oder eine Theerjacke, der Seiler ein Galgenposamentirer, der Maurer ein Lehmklitsch, der Leineweber ein Knirrficker, der Materialist ein Tütchenkrämer, der Apotheker ein Pillendreher.

Uebel beleumundet – natürlich nur in Narragonien – sind die Barbiere als Schwätzer und Herumträger, die Jäger als vollkommene Lügner, die Müller als Schelme, weil die Metze, die sie bezahlt, nach der Meinung der bösen Zungen, die bei ihnen mahlen lassen, meist reichlicher als billig ausfällt. Ein alter Spruch in der Schweiz sagt von ihnen: „Die Schelme sind nicht alle Müller, aber die Müller alle Schelme.“ Der Beamte ist auf diesem Gebiete ein Federfuchser; die Advocaten sind Rabulisten, böse Christen und Beutelräumer, die Wundärzte Pflasterkasten, und bei der höheren Classe der Mediciner wurde früher, wo Marktschreierei und Pferdecuren an der Tagesordnung waren, vielfach an Doctor Eisenbart gedacht.

Zahllos sind die Dönchen und Schwänke, mit denen der Bauer einst an Pastoren und Schulmeistern sein Müthchen kühlte und seinem humoristischen Bedürfnisse, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen, Genüge that. Der Unterofficier flucht und wettert im Volksmunde ohne Unterlaß und viel geläufiger und phantasiereicher als in der Wirklichkeit; ein Amtmann kann nur sackgrob sein; der Matrose ist allezeit und immerdar ein gutmüthiger Tölpel. Die Leineweber gelten für Hungerleider – „mit Fasten halten sie Zusammenkunft,“ heißt es von ihnen im Liede. Der Maurer ist [85] faul. Wer kennte nicht den Maurerschwamm, „der da gar nicht, gar nicht brennen thut“? „Die Zimmerleut’ und Maurer sind die ärgsten Laurer,“ meint ein Reimspruch, „während sie essen, messen und sich besinnen, ist der halbe Tag von hinnen.“ Von den Schuhmachern sagt ein alter Spottvers mit Bezug auf den blauen Montag:

„Montag ist des Sonntags Bruder,
Dienstags liegen sie auch noch im Luder,
Mittwoch gehen sie nach Leder,
Donnerstag kommen sie weder,
Freitag schneiden sie zu,
Samstags machen sie Pantoffel und Schuh.“

Ganz übermäßig reichlich hat endlich der Geist des Schabernacks dasjenige ehrsame Handwerk gezaust und mit der Lauge seines Spottes begossen, welches unser sterbliches Theil mit Kleidern versorgt, was um so mehr verwundern muß, als nach dieses selben neckischen Kobolds Behauptung Niemand geringeres der erste Meister dieser Innung gewesen ist, als Gott der Schöpfer, wie er Adam und Eva nach dem Sündenfalle Schürzen aus Feigenblättern machte. Factum für den Volksglauben ist, daß die Schneider – mit Gunst, Meister und Gesellen, und nichts für ungut, wegen dieser Narrenfreiheit! – von den ihrer Scheere anvertrauten Rock- und Hosenstoffen mehr in die „Hölle“ werfen, als nothwendig und mit einem reinen Gewissen verträglich ist. Behauptet wird ferner, doch ist’s nicht erwiesen, daß ihrer einst neunundneunzig auf einem Kartenblatt Ball gehalten, nachdem sie sich insgesammt aus einem Fingerhute betrunken hätten, und daß sie, beim Tanze durch einen Ziegenbock überrascht und erschreckt, zum Schlüsselloch hinausgesprungen wären. „Was ein echter Schneider ist, muß wiegen sieben Pfund.“ Allbekannt ist endlich, daß der alte Volkswitz geradezu von einer Verwandtschaft der Schneider mit dem Thiere wissen wollte, das den ersten Bart auf Erden trug. Schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts verlautet davon etwas in einem Spottliede, das 1469 zu Regensburg verboten wurde. Hans Sachs dichtete einen Schwank von der Feindschaft der Schneider und der Gaiß, aber Anspielungen auf die Vetterschaft zwischen beiden blieben beliebter, obwohl man sich vergeblich den Kopf zerbrechen wird, wenn man nach dem Grunde sucht. Das Sprüchwort, daß neun Schneider an einem Ei genug haben, war schon zu Luther’s Zeit im Umlaufe. Für dumm aber haben sie niemals gegolten. Im Gegentheile, im Märchen überlistet ein schlauer Kleiderkünstler sogar den Gottseibeiuns, und ein Reimspruch sagt: „Mutterlist und Schneidertrug dem Teufel selber sind zu klug.“

Daß ungastliche Wirthshäuser mit prellsüchtigen Wirthen, von denen es früher mehr gab als jetzt, vom Volkshumor nicht ohne Denkzettel gelassen wurden, versteht sich von selbst, und nach den Spottnamen, welche diese Schenken oder Gasthöfe von ihm erhielten, haben hin und wieder ganze Orte, die sich um sie bildeten, ihre jetzige Benennung bekommen. Von letzteren führe ich Fegebeutel, Zehrbeutel und Leerbeutel in Schlesien und Vegesack an der Unterweser an. Ein Wirthshaus in Holstein hieß Luerup (Lauere auf), ein anderes „biem Dredüwel“ (dreifachen Teufel), wieder ein anderes Nobiskrug (ein Name der Hölle). Sowohl bei Dresden wie bei Hildesheim giebt es eine Schenke, die den Namen „Der letzte Heller“ führt.

Wir begegnen dann ganzen Stämmen, denen die Necksucht der Nachbarn einen oder mehrere Mängel, Schwachheiten oder Narrheiten angedichtet hat. Die Sachsen, richtiger die Meißner, sollen knausernde Hungerleider sein, deren Lieblingsgericht Kalbsbraten mit Backpflaumen, und deren Leibgetränk der „Blümchenkaffee“ wäre, zu dessen Bereitung alljährlich in der Sylvesternacht eine Bohne Mokka auf den Boden des Kaffeetopfes genagelt würde, die mit viel Wasser und noch mehr Genügsamkeit die nächsten zwölf Monate der Familie zur Herstellung ihres Morgenlabsals zu dienen hätte. Ein Stück Zuckerkand hinge die Zeit über zur Versüßung des letzteren an einem Faden von der Decke herab. „Ei Herrjeses!“ und „nu eben!“ sind Ausrufe, mit denen jeder, der einen Sachsen sprechen läßt, dessen Rede verzieren zu müssen meint. Die Pommern und die Altbaiern gelten für grob und ungelenk. Die Hessen sind blind, was irrthümlich als von ihrem blinden Draufgehen im Kriege herrührend gedeutet worden ist, da andere Leute das, wo es noththut, ebenfalls verstehen. Vor Allen aber sind die Schwaben Stichblatt und Zielscheibe des Witzes und der Spottlust der übrigen Deutschen gewesen. Sehr alt sind die Behauptungen, daß die Schwaben erst mit vierzig Jahren klug werden, daß sie bis dahin allerlei „Schwabenstreiche“ begehen, daß sie nur vier Sinne haben (weil sie schmecken für riechen sagen), daß sie kein Herz, aber zwei Magen besitzen, daß sie, wenn ihnen die Braut am Charfreitag stirbt, noch vor Ostern heirathen, und dergleichen Possen mehr. Ebenfalls alt ist die Mähr von den sieben Schwaben, dem Gelbfüßler, dem Nestelschwab, dem Knöpfleschwab, dem Spiegelschwab, Blitzschwab, Seehaas und Allgäuer oder, wie sie anderswo heißen, dem Herrn Schulz, dem Jackli, dem Marli, dem Jergli, dem Michel, dem Hans und dem Veitli, die gegen den Hasen ausrückten und dabei in ihrer Einfalt allerhand Abenteuer, unter anderen das von ADB:Paulus Diaconus schon von den Herulern erzählte, erlebten, daß sie ein blühendes Flachsfeld für Wasser hielten und darin zu schwimmen versuchten.

Endlich sehen wir den Humor sich aus dem Stamm oder der Landschaft auf eine bestimmten Ort oder mehrere concentriren und hier Bilder aus der verkehrten Welt zu Stande bringen. Es sind die deutschen Narrenstädte, die ihr Gesammtbild in Schilda (nicht zwischen Torgau und Dahlen, sondern in Narragonien gelegen) und im utopischen Lalenburg haben, und mit denen wir im Folgenden genauere Bekanntschaft machen wollen. Die Schild- oder Lalenbürger stammen nach dem humoristischen Historiker, der 1598 die Geschichte ihrer Thaten herausgab, von einem der sieben weisen Meister ab und sind in Folge dessen so klug, daß man sie an alle Höfe als Kanzler und Räthe beruft. Bei ihrer langen Abwesenheit von der Heimath geräth das in dieser Zeit den Weibern überlassene Gemeinwesen in argen Verfall. Endlich nach Hause entboten, finden sie Alles in Zerrüttung, und da sie die Ursache davon in ihrer großen Weisheit suchen, beschließen sie, einmal zu sehen, ob es nicht mit der Thorheit besser gehe. Die Verwandelung der Weisen in Narren gelingt, nicht so aber die hiervon erhoffte Verbesserung der städtischen Zustände. Sie unternehmen verschiedene gemeinnützige Werke, greifen Alles auf das Verkehrteste an, gewinnen aber nichts dabei, als daß jedes Mal auf Kosten des Stadtsäckels wacker getrunken und ein Loch in das öffentliche Gut gegessen wird.

Das Buch, in welchem dies berichtet wird, war nur eine Sammlung und Verschmelzung von Witzen und Schwänken, die in den einzelnen Landschaften von gewissen Orten erzählt wurden und zum Theil schon in älteren Anekdotenbüchern zu lesen waren. Es hat aber unzweifelhaft beigetragen, daß sich die vermuthlich zuerst in Schwaben oder sonstwo im südwestlichen Deutschland entstandenen Anekdoten von angeblichen Pinselstreichen und Gimpeleien dortiger Städtchen und Dörfer auch in der norddeutschen Luft verbreiteten und sich aus dieser auf nieder- und obersächsische, schlesische und pommerische, schleswig-holsteinische und hessische sowie mecklenburgische Orte niederließen. Es war das Magazin, aus dem man in Ermangelung eigenen Witzes und eigener Phantasie das Material nahm, wenn man den Nachbarn etwas am Zeuge flicken oder ihnen eine Narrenschelle anhängen wollte. Der Fall, wo die Necklust stärker war als die humoristische Erfindungsgabe, ist offenbar der häufigere gewesen; denn eine Menge von den im Buche von den Schildbürgern und in den älteren Facetiae Bebel’s erzählten Anekdoten finden sich mit geringen Abweichungen in den Einzelnheiten in der späteren Zeit norddeutschen wie süddeutschen, schwäbischen wie schleswig-holsteinischen Orten angeheftet.

Die beliebtesten und deshalb von mehr als einem Städtchen erzählten Stückchen sind die folgenden. Der Feldhüter des Ortes soll die Störche von einer Wiese vertreiben, aber das Gras dabei nicht zertreten, und man hilft sich damit, daß man den Mann auf eine Bahre setzt und von vier Männern nach allen Richtungen hin über die Wiese tragen läßt.

Man begegnet einem Krebs, bei dessen Anblick man erschreckt Sturm läutet, da man nicht weiß, was man aus dem schrecklichen Thiere machen soll. Ein vielgewanderter Schneider, den man herbeiruft und um Auskunft befragt, kennt es auch nicht, meint indeß, wenn es nicht ein Hirsch sei, so müsse es eine Turteltaube sein. Das Ungethüm wird zuletzt mit Büchsen erschossen.

Die Bürger der Stadt bauen ein neues Rathhaus, vergessen [86] aber dabei Thür und Fenster und bemühen sich dann, das Licht in Säcken aufzufangen und hineinzutragen. Sie versuchen die Sonne mit Stangen vom Himmel zu stoßen oder den Mond aus dem Brunnen oder Fluß zu schneiden. Sie versehen ihre Sonnenuhr mit einem Schutzdache gegen den Regen, sodaß sie nun die Sonne nicht bescheint. Sie messen einen Brunnen dadurch, daß der Bürgermeister eine Stange über die Oeffnung legt und, sich an dieselbe anhaltend, sich in ihn hinabläßt, und daß die Anderen sich, einer immer an die Füße des vorigen, anhängen, bis die Last jenem zu schwer wird, und er den Brunnenrand losläßt, um in die Hände zu spucken, worauf die ganze Gesellschaft natürlich hinabplumpt.

Ebenfalls von mehr als einem Orte wird die Geschichte erzählt, wo das Gras auf der Stadtmauer auf dem erfinderischen Wege entfernt und zugleich nützlich gemacht werden soll, daß man einen Ochsen an einem Stricke um den Hals hinaufwindet. Als er erstickend die Zunge ausstreckt, rufen Alle: „Seht, er leckert schon darnach.“

Ferner gehört hierher die Erzählung, nach welcher die Bauern nach gutem Wetter in die Apotheke schicken. Der Apotheker giebt dem Boten in einer Schachtel eine Hummel oder Horniß mit. Die Schachtel soll bis zur Heimkunft ungeöffnet bleiben, der Bote ist aber neugierig, zu wissen, wie das gute Wetter aussieht; er macht auf dem Wege die Schachtel auf, und als sein gutes Wetter nun fortfliegt, freut er sich, daß es den Flug nach seinem Orte hinnimmt.

Andere, mehreren Städten nachgesagte Pinselstreiche sind folgende. Mann ist in Verlegenheit, wie man einen Balken durch das Stadtthor bringen soll, da man das nur so zu bewerkstelligen meint, daß man ihn quergelegt hineinträgt. Da hilft ein Sperling aus der Noth, indem er mit einem Strohhalm hineinfliegt, den er der Länge nach vor sich hinhält.

Neun Männer haben gebadet. Sie zählen dann einander ab, ob nicht einer fehlt, und da der Zählende sich mitzuzählen vergißt, so sind es richtig nur acht. Einer muß also ertrunken sein, und betrübt wollen sie nach mehrmaliger Zählung nach Hause gehen und das Unglück melden, als ein Fremder ihnen den guten Rath giebt, die Nasen in den Sand zu stecken, worauf die neun Abdrücke sie beruhigen.

Man kauft einem Schwindler einen Kürbiß als Eselsei ab. Der Bürgermeister soll es ausbrüten – nach einer Weile entrollt ihm der Kürbiß in einen Busch, wo er einen Hasen aufscheucht, über den sich die Leute dann als über einen jungen Esel freuen.

Die Bauern wünschen ihre Kirche ein Stück fortzuschieben. Ein Spaßvogel räth ihnen, hinter der Kirche ihre Röcke und Jacken hinzulegen, damit sie sehen können, wie weit sie dieselbe fortgerückt haben. Als sie eine Weile geschoben haben, sind ihre Sachen verschwunden, und der Spaßvogel, der sie bei Seite geschafft hat, weiß sie zu überzeugen, daß sie die Kirche über den mit den Kleidern bezeichneten Punkt hinausgerückt haben.

Endlich heften sich an verschiedene Dörfer humoristische Sagen, nach denen deren Bewohner mit den Vorgängen bei der Feldwirthschaft völlig unbekannt sind, sodaß sie Salzsamen und sogar Kuhsamen säen und die Sense für ein Ungeheuer halten.

Aus dem Histörchen von dem Krebs entwickelten sich ähnliche Erzählungen von unbegreiflicher Unbekanntschaft mit der Thierwelt. Man sagte den Bauern eines und des anderen Dorfes nach, daß sie einen Krebs, einen Aal oder einen Frosch hätten ertränken wollen, und daß, als er lustig im Wasser gezappelt, einer von ihnen ausgerufen: „Seht, wie er sich quält!“ Man berichtet von einem anderen Orte, daß die Leute dort einen Hecht gefangen und, als er nach Wasser geschnappt, ihn für einen Singvogel gehalten und in einen Käfig gesperrt hätten. Man wußte von einer Bauerngemeinde, daß sie einen Müller-Esel für einen Storch angesehen hatte. Man neckte andere Dörfer dann, daß sie mit Wehr und Waffen gegen ein vermeintlich reißendes Thier ausgerückt seien, das sich zuletzt als Katze, Hase oder gar nur als ein im Weiher schwimmender Backtrog erwiesen habe.

Die Erfindung, die solche Thorheitsproben von den Nachbarn ersann, reichte nicht aus, der Necksucht dem nöthigen Stoff zu liefern, und so hat diese zu anderen Bezichtigungen ihre Zuflucht genommen, die geeignet waren, dem betreffenden Orte einen Makel anzuheften. Beinahe jedes Städtchen hat seinen Spitznamen. Ich denke dabei an die Eselsfresser, Räpplesfresser und Herrgottsbader süddeutscher Landschaften, an die „Muffrikaner“, welche die Perle von Meppen im Reichstage vertritt, an die „wendische Türkei“, an komische Deutungen gewisser Städtenamen, z. B. an die des Fleckens Wyk auf der Insel Föhr, das nach dem Gequiek eines Ferkels benannt sein soll, an Bezeichnungen von Orten nach den dort vorzüglich betriebenen Gewerben, z. B. „Kuhpege“ (Pegau in Sachsen) und „Pantoffelgroitzsch“ bei Leipzig, an solche Spitznamen ferner, die von eigenthümlichen Speisen hergenommen sind, wie derjenige der Diedenheimer im Elsaß, welche Mehldesch (von Mehlsuppe), derjenige der Augsburger, welche (nach einem Gebäck mit Aepfeln und Zwetschen) Datschen, und diejenigen der Bewohner einer Anzahl von Orten im Aargau, welche Krautstirzel, Kabisköpfe oder Schnitze heißen, endlich an die Rede, die von mehreren norddeutschen Städten geht, daß in ihnen „Füchse und Wölfe sich gute Nacht sagen“ oder daß dort „die Hunde mit den Schwänzen bellen“, was unter anderen von Buxtehude behauptet wird, aber, wie ich bezeugen kann, erlogen ist.

In einem zweiten Capitel werde ich nun die einzelnen mit solchen und ähnlichen Spöttereien bedachten Orte Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz anführen und dabei noch eine Fülle mehr oder minder hübscher Erfindungen des Volkshumors nachholen.




Ein riesiger Wohlthäter.


Als im Frühjahre 1792 der französische Botaniker de la Labillardière die Insel Vandiemensland besuchte, erregten vor Allem die riesenhaften Gummibäume, aus dem edeln Geschlechte der Myrthengewächse, welche dort Buchten und Schluchten mit ihrem herculischen Wuchse und ihrem aromatischen Dufte füllen, sein Interesse, und da er bei dem gemäßigten Klima ihrer Heimath annehmen durfte, daß sie die französische Luft vertragen würden, rieth er seiner Regierung, einen Anpflanzungsversuch zu machen, weil es ein schneller wachsendes und besseres Nutzholz auf der ganzen Welt nicht gäbe. Sein Vorschlag verhallte in den Revolutionswirren, und erst um die Mitte unseres Jahrhunderts richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit Südeuropas ernstlich auf die australischen Gummibäume, die, ihrer höchst schätzenswerthen Eigenschaften wegen seit zehn Jahren in allen Mittelmeerländern cultivirt, nach hundert Jahren vielleicht deren Landschaftsphysiognomie ebenso verändert haben werden, wie es im Alterthume Pinien und Platanen, seit Beginn der christlichen Aera die Orangenbäume, in der Neuzeit Agaven und Cactus gethan haben, sodaß auf jenen glücklichen Gestaden die Charakterpflanzen nicht weniger oft gewechselt haben, wie die Menschenstämme, unter denen Phönicier, Römer, Gothen und Mauren einander folgten.

Es war, wie gesagt, um die Mitte unseres Jahrhunderts, als der englische Botaniker Dr. Hooker und der Director des botanischen Gartens in Melbourne, Dr. Fr. Müller (ein Schleswig-Holsteiner), die Welt mit der Kunde überraschten, daß die australischen Gummibäume die hochragendsten Größen der Pflanzenwelt seien und ihre Wipfel sogar noch über die berühmten californischen Riesencedern erhöben. Lange galt ein Exemplar des jetzt im Südeuropa und Nordafrika vorzugsweise angepflanzten blauen Gummibaumes, welches Pemperton Walkott in einer reizenden Schlucht Westaustraliens entdeckt hatte, für den höchsten Baum dieses Welttheils. Derselbe besaß eine Höhe von vierhundert Fuß und bildete die ersten Seitenäste in einer Erhöhung von dreihundert Fuß über dem Boden, sodaß die meisten Kirchthürme Europas, ohne ihre Fahnen und Hähne zu beschädigen, darunter hinwegspazieren könnten; der hohle Stamm hatte am Fuße einen solchen Durchmesser, daß drei Reiter nebst Packpferden neben einander in demselben umwenden konnten. Dieser Gigant wurde aber bald durch neuentdeckte Stämme einer nahe verwandten Art, des sogenannten Pfefferminzbaumes, überholt, welche fünfhundert Fuß erreichten, mithin die Spitzen der höchsten Bauwerke der Menschenhand, die große Pyramide von Gizeh und das Straßburger Münster, beschatten könnten.

[87] Je mehr diese Bäume von den australischen Ansiedlern studirt wurden, um so dringender forderten dieselben die Bewohner ihres Mutterlandes auf, es mit dem Anbaue besonders des obenerwähnten blauen Gummibaumes in sumpfigen Gegenden zu versuchen. Sie rühmten demselben nämlich nach, daß er nicht nur durch sein großes Wasserbedürfniß morastigen Boden wie kein anderes Gewächs austrockne, sondern auch durch die aromatischen Ausdünstungen seiner Blätter die gefürchtete Sumpfluft (Malaria) verbessere, außerdem ein unvergleichlich schnell wachsendes Nutzholz und in Blatt und Rinde ein den Eingeborenen seit Urzeit bekanntes ausgezeichnetes Mittel gegen Fieber und Krankheiten der Athmungsorgane darbiete. Gelegentlich der Weltumseglung der Corvette „la Favorita“ kam Capitain Salvy mit zweiunddreißig fieberkranken Matrosen in Botanybay an, die sämmtlich sehr bald unter den Augen des französischen Marine-Arztes Lydoux durch den Theeaufguß der Blätter geheilt wurden.

Nachdem, wie es scheint, zuerst die Engländer in den Capcolonieen günstige Erfolge durch die Anpflanzung des blauen Gummibaumes erzielt hatten und von einer förmlichen Klimaveränderung gewisser Districte sprachen, wurden auch in Europa (im Pariser Acclimatisationsgarten seit 1860) Versuche angestellt, die Pflanze bei uns einzubürgern. Hierbei bestätigten sich nun zunächst die Angaben über das rapide Wachsthum und das ungewöhnliche Feuchtigkeitsbedürfniß der Pflanze vollkommen. Man fand, daß die Schößlinge bei uns durchschnittlich im Jahre um einen Meter Länge zunehmen, aber in günstigen Lagen beträgt der Zuwachs noch mehr, und auf der vorjährigen Kölner Gartenbau-Ausstellung konnte man einjährige Schößlinge aus der Villa Trubetzkoi am Lago maggiore sehen, die es weit über Manneshöhe gebracht hatten. Ein Beobachter, Trottier, stellte fest, daß schon ein abgeschnittener größerer Zweig, in ein Gefäß mit Wasser gesetzt, innerhalb zwölf Stunden fünf Pfund Wasser emporhob und verdunstete, wonach man auf das Entwässerungsvermögen hochragender Bäume schließen kann. Leider ergab sich zugleich, daß der Baum schon das Pariser Klima nicht mehr ertrug und während des Winters im Kalthause untergebracht werden mußte, doch war dies keine Enttäuschung, da ja die nördlichen Sümpfe nicht so mörderisch sind, und die Mission des Baumes vorzugsweise für wärmere Striche in’s Auge genommen war. Dagegen zeigte sich, daß er in Südfrankreich und allen Mittelmeerländern, also dort in Europa, wo die Sümpfe am gefürchtetsten sind, sehr üppig in die Höhe schießt, sodaß die bleichen Leute, welche in den Morastdistricten bei Montpellier und Aiguesmortes, im Var-Delta, in den Maremmen von Toscana und Barri, bei Pästum, Rom und an den pontinischen Sümpfen wohnen, von Neuem auf diesen vegetabilischen Messias hoffen durften. In der That wurden aus dem Var-Delta, aus Corsica und Spanien, besonders aber aus Algier äußerst günstige Berichte erstattet, die das Beste hoffen lassen, wenn man bedenkt, daß keine dieser Anpflanzungen über zehn Jahre alt ist.

Ungefähr fünfunddreißig Kilometer von der Stadt Algier befindet sich der seit jeher wegen seiner Fieberluft verrufene Ort Fondouk, in welchem die Miasmen jeden Sommer zahlreiche Opfer forderten. Im Frühjahre 1867 pflanzte man daselbst dreizehntausend Stück Eukalyptus, und in demselben Sommer, obwohl die Stämmchen kaum drei Meter hoch waren, konnte der seit Menschengedenken nicht vorgekommene Fall constatirt werden, daß nicht ein einziger Fieberfall vorkam. Seit dieser Zeit ist das Klima ein gesundes, aber freilich wird man solche Radicalcuren nur von gleich ausgedehnten Anpflanzungen erwarten dürfen. Eine ähnliche Erfahrung hat man in der Nähe von Constantine gemacht, wo der Ort Ben-Machydlin einen Pestherd bildete, welcher die ganze Gegend in Verruf brachte. Auch hier hat man durch Anpflanzung von vierzehntausend Stämmen die Luft vollkommen gereinigt, und die Gegend gilt seit fünf Jahren für völlig gesund. Entsprechende Erfahrungen liegen von den Inseln Corsica und Cuba vor. Wenn in Italien noch nicht so ausgesprochene Erfolge erzielt worden sind, so liegt dies wohl hauptsächlich an der Lässigkeit der bedrohten Gemeinde, die zu viel von kleinen Versuchen erwarteten und sich nicht zu ausgedehnteren Anpflanzungen aufgerafft haben.

Im Uebrigen ist das Gedeihen dieses Desinfectionsmittels in den Mittelmeerländern geradezu überraschend. So rasch schießt der Stamm in die Höhe, daß man ihn in der Jugend stützen muß, wenn er nicht zu Boden sinken und ein kriechendes Dasein führen soll. Obwohl der Gesundheit bringende Gast erst seit höchstens zehn Jahren an den Gestaden des Mittelmeeres Wurzel geschlagen, trifft man in Südfrankreich und Oberitalien bereits sechszig bis siebenzig Fuß hohe Stämme an. So wenig der Baum sonst seinen dürren, grauen Brüdern, welche neben echten, blattlosen Akazien den lichten australischen Wäldern ihren eigenthümlichen Charakter geben, gleicht, in zwei Rücksichten kommt er ihnen nahe, in der graublauen Farbe der lederartigen Blätter (die ihm seinen Namen: blauer Gummibaum gaben) und in der Schattenlosigkeit seiner Krone. Die australischen Bäume zeigen in ihrer überwiegenden Mehrheit die Sonderbarkeit, ihre Blätter und die plattgedrückten Blattstiele, welche in vielen Fällen die fehlenden Blätter ersetzen, nicht wie sonst breit den Sonnenstrahlen des Mittags entgegenzuhalten, sondern sie halten sich senkrecht gegen die gewöhnliche Blattrichtung und lassen die Sonnenstrahlen wie durch ein weitmaschiges Sieb dem Boden zufließen, der deshalb in diesen Wäldern einen viel üppigeren Pflanzenwuchs nährt, als sonst. Obwohl ich unsern australischen Gast in Oberitalien wiederholt begrüßt habe, bin ich doch nicht sicher, ob er diese mit dem trockenen Klima seiner Heimath in Zusammenhang stehende Eigenthümlichkeit auch bei uns bewahrt hat, oder ob er nicht gar bereits in seiner Heimath als Bewohner feuchter Thäler eine Ausnahme macht. Die Durchsichtigkeit der Krone mag bei ihm blos von den weiten Abständen der sich zu zweien gegenüberstehenden Blätter abhängen.

Aber ich sehe, daß ich dem Leser noch eine Personalbeschreibung schuldig bin, und das bringt mich einigermaßen in Verlegenheit, denn dieser Baum zeigt eine Wandelbarkeit in seinem Lande, die fast noch größer ist, als beim Lebensbaum (vergleiche Gartenlaube 1875,[WS 3] Seite 214). Aus den Samen treiben Schößlinge in die Höhe mit kaum zolllangen ungestielten gegenüberstehenden Blättern, die äußerst zart rundlich, wie aus Wachs gebildet erscheinen, Triebe und Blätter mit einem bläulichweißen Reife bedeckt. Aber allmählich schwindet der Schmelz der Jugend von Zweigen und Blättern. Die Rinde wird rissig; die Blätter werden immer länger und länger, zuletzt fußlang und obendrein gestielt, und die schimmernde, weißblaue Farbe ist einem bläulichen Grün gewichen. Das Gewächs hat sich vollkommen verwandelt, und kein Unbefangener würde den jungen und den erwachsenen Baum nebeneinander für dasselbe Gewächs halten. Die Blätter des letzteren lassen sich ihrer allgemeinen Form nach einem stark vergrößerten Weidenblatte vergleichen. Die myrthenartigen Blüthen stehen zu zweien bis dreien in den Blattachseln und bringen eine fast kugelrunde harte Frucht.

Wohl nicht mit Unrecht schreibt man einen Theil der desinficirenden Eigenschaften des Baumes dem stark aromatischen Dufte seines immergrünen Laubes zu, welcher an Lavendelöl und Kampher erinnert, aber noch angenehmer ist. Er rührt von einem reichlich in den Blättern vorhandenen ätherischen Oele her, welches man durch Destillation gewinnt und unter dem Namen Eukalyptöl bereits in allen Apotheken Südeuropas antrifft. Auch haben sich die Blätter in der Volksmedicin wie unter den Aerzten jener Länder einen großen Ruf erworben. Man benützt sie in Form eines Theeaufgusses, oder als Breiumschlag auf bösartige Wunden, ferner als daraus bereitete Tincturen und Liqueure, von denen einige so berühmt geworden sind, wie bei uns der Daubitz. Natürlich werden die Präparate des Fieberbaumes zunächst gegen die Sumpfkrankheiten, Wechselfieber und sonstige schleichende Fieber angewendet, außerdem aber auch gegen Brustkrankheiten mancherlei Art und überall, wo man einen Fäulniß erregenden Krankheitsstoff vermuthet. Eine Unzahl kleinerer und größerer Broschüren, von Aerzten wie von Laien, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind, geben darüber Auskunft. In den Augen seiner Verehrer ist dieser Baum eine lebendige Pestscheuche, der Vertreiber aller schlechten Dünste, die Desinfection in Person. Ohne Zweifel hat er durch sein starkes Aroma, welches vielleicht den Ozongehalt der Luft erhöht, viel vor der Sonnenblume voraus, die man wegen ihrer starken Vegetationskraft ebenfalls als Gesundheitsbringerin im Sumpflande gepriesen hat.

Wenn nun eine allgemeinere Anpflanzung des bläulichen Menschenfreundes schon durch seine gesundheitliche Bedeutung lebhaft [88] empfohlen wird, so kommt glücklicherweise noch ein weiterer Ansporn hinzu, in dem außergewöhnlichen Ertrage an einem sehr nutzbaren Holze. Bei forstmäßiger Aufzucht in geeigneten Strichen, die gar nichts weiter als genügende Sicherheit zu bieten brauchen, schätzt man den Holzertrag auf die fünffache Menge anderer Wälder wegen des weidenartig schnellen Wachsthums. Ein Eukalyptus-Wald kann im Jahrhundert nicht blos wie andere Nutzhölzer einmal, sondern fünfmal abgeholzt werden, und auch darin liegt eine hohe Bedeutung für die holzarmen Südländer. Die jungen gerade aufgeschossenen Stämme können prächtige Telegraphenstangen liefern, die älteren aber würden das beste, dauerhafteste Schiffsbauholz ergeben, welches überhaupt in Europa gewonnen werden kann. Denen, welche sich noch weiter für diese moderne Berühmtheit interessiren, empfehle ich die Broschüre des Herrn Gimbert aus Cannes über den Eukalyptus, welche bei Delajaye in Paris 1870 erschienen ist.

C. St.




Zum Gedächtnisse eines Edlen.


Es war im sturmreichen Frühling des Jahres 1848, in jenen ersten Wochen des Mai, wo das von der Märzrevolution zunächst hervorgerufene Chaos auf Grund der neuen Errungenschaften und durch Berufung constituirender Nationalversammlungen für Preußen und Deutschland in gesetzliche Bahnen gelenkt, zu verfassungsmäßigen Organisationen gestaltet werden sollte. Zum ersten Male hatte so eben das bis dahin dem Staatswesen gründlich fern gehaltene und ihm gänzlich entfremdete Volk durch Vollziehung der sogenannten Urwahlen das wichtigste politische Recht des Bürgers geübt, und in den verschiedenen Bezirken der tonangebenden preußischen Hauptstadt traten nun allabendlich die erkorenen Wahlmänner zusammen, um die Bewerber anzuhören und sich in Bezug auf die geeigneten Persönlichkeiten ein Urtheil zu bilden. Das Geschäft war ein neues, die Stimmung eine aufgeregte, neu auch waren die Männer aller Stände, die hier plötzlich aus der Stille ihres Berufs- und Privatlebens auftauchten, um öffentlich vor den Bürgern ihr politisches Glaubensbekenntniß darzulegen. Es ging daher vielfach sehr stürmisch zu in diesen meist auch von einer leidenschaftlichen Zuhörerschaft besuchten Versammlungen der Berliner Wahlmänner, und die Zahl der unter einem Kreuzfeuer von Interpellationen für ihre Erwählung arbeitenden Redner war so groß, daß in manchen Bezirken oft Mitternacht herankam, ehe der Letzte der Angemeldeten zu Worte gelangen konnte.

Ob die Zeit schon so vorgerückt war, ist mir nicht mehr erinnerlich, aber eine bedenkliche Ermüdung und Ungeduld hatte eines Abends nach lebhaften Debatten und heftigem Widerstreit der Versammelten sich schon bemächtigt, als zu später Stunde auf die Rednerbühne des kleinen, von Bierdunst und Tabakrauch erfüllten Wirthshaussaals noch eine Gestalt trat, die es unzweifelhaft zunächst nur dem Eindrucke ihrer Erscheinung zu danken hatte, wenn ihr mehr als eine flüchtige Notiznahme gewidmet wurde. Es war ein schlanker, hochgewachsener und kräftig gebauter Mann mit hochblondem Haar, dessen Kleidung die einfache Eleganz des hohen preußischen Beamten zeigte, aus dessen Haltung aber, aus dessen Antlitz mit den festen Zügen und dem sicher blickenden tiefblauen Auge die Spuren ernster Gedankenarbeit sprachen und das ruhige Würdegefühl eines reifen Charakters. Während der letzten Abende war man schon daran gewöhnt worden, Mitglieder der Beamtenaristokratie, der Geistlichkeit, ja des Officierstandes mit einem Male als liberale Ankläger des bisherigen Regierungssystems sich entpuppen zu sehen, es kam ihnen jedoch nicht immer das gewünschte Vertrauen entgegen. Auf diesen neu erscheinenden Candidaten aber blieben sofort die Blicke geheftet, und kaum hatte er ein paar Sätze gesprochen, so verstummte bereits alle Beweglichkeit und es herrschte ringsumher ein athemloses Schweigen. Es war so schlicht, was der Redner sagte, und doch waren seine Worte zündendes Feuer, es wehte aus ihnen nicht blos der unverkennbare Hauch einer klaren Ueberzeugung, sondern auch einer aufrichtig mit dem Volke sich einig wissenden, mannhaften und begeisterungsvollen Seele. Wer ist der Mann? So fragte man sich. Niemand kannte ihn, und er selber hatte am Eingange über sich nur gesagt: „Ich heiße Waldeck und bin hier Mitglied des Geheimen Ober-Tribunals.“ Als er seinen Vortrag beendigt hatte, brach ein lang anhaltender Sturm des Beifalls aus – der Eindruck war entscheidend.

Waldeck wurde in Berlin für die preußische Nationalversammlung gewählt, und wenn in jener Zeit sein Name selbst den publicistischen Kreisen der Hauptstadt noch so gänzlich unbekannt war, daß die damals kaum erstandene „Nationalzeitung“ die Ernennung dieses Obertribunalraths als einen selbstverständlichen Sieg der Reaction beklagte, so hat das sicher die Wahlmänner des zweiten Berliner Bezirkes in ihrer Ueberzeugung nicht irre machen können. Sie wußten bereits, daß sie dem jungen parlamentarischen Leben einen charakterstarken Verfechter der Volksrechte und ein rednerisches und organisirendes Talent von hohem Gewichte in dem Manne zuführten, der an dem bezeichneten Abend vor ihnen den ersten Schritt auf die große politische Bühne gethan. Waldeck war damals sechsundvierzig Jahre alt und stand in der vollen Blüthe seiner Kraft; er schaute auch bereits auf ein verdienst- und arbeitsreiches Stück Leben zurück. Schon in früher Jugend hatte er als hervorragender juristischer Selbstdenker und Schriftsteller die Hochachtung seiner Standesgenossen, als richterlicher Beamter, so wie als Mensch und Bürger die Liebe seiner Mitbürger sich erworben. In seiner Heimath Westphalen, wo er früher als Richter gewirkt, hatte seine Gerechtigkeitsliebe ihm den Beinamen eines „Bauernkönigs“ verschafft, und nicht weniger als vier Bezirke der Provinz hatten ihn aus eigenem Antriebe und ohne jegliche Bewerbung seinerseits zu ihrem Abgeordneten für die Nationalversammlung erwählt. So tief war die Anhänglichkeit, welche diese Bevölkerung dem verehrten Manne bewahrte, der ihnen seit 1846 durch seine ehrenvolle Berufung in den höchsten Gerichtshof des Landes entzogen worden war. Im Gewühle der Hauptstadt hatte der Fremdling die zwei Jahre her unbemerkt nur seinen Amtspflichten und Studien gelebt, bis die Revolution seiner innersten Gesinnung die Zunge löste und ihn auf den Kampfplatz führte, für den er geboren war. In der Revolution sah er die Erfüllung der Grundsätze, welche Preußen einst gerettet hatten. Er forderte die aufrichtige, consequente und unverkürzte Durchführung derselben und nahm deshalb sofort seinen Platz auf der Linken des neuen Parlaments. Dieser Schritt entschied über sein weiteres Leben, und es eröffnete sich nunmehr für ihn jene sturmvolle, an unmittelbaren Erfolgen nicht immer ergiebige, aber an geistigen Triumphen, an wohlverdientem Ruhm, an ehrenvollen Leiden und Kämpfen so ungewöhnlich reiche Laufbahn, auf welche nicht wenige unserer heutigen Zeitgenossen so gern ihre Blicke zurücklenken, wenn sie in den drangvollen Wirrnissen unerledigter Zeitfragen eines ermuthigenden Leitsternes bedürfen, einer Aufrichtung ihres Glaubens an die Macht und den Sieg der Wahrheit.

In der ersten Hälfte des Sommers 1848, wo die Ausschreitungen einer übermüthigen Straßendemokratie, wo Clubredner der schlechten und besseren Sorte, demagogische Agitatoren aller Art die Stimmungen der großen Massen beherrschten, konnte freilich die immerhin maßvolle Eigenart eines Waldeck nicht zu volksthümlicher Bedeutung gelangen. Es ist hier nicht die Absicht, eine Geschichte seines ersten parlamentarischen Wirkens zu schreiben. Man weiß, daß er zunächst durch seine hingebungsvolle Arbeit in den Commissionen, durch die Kraft seines Geistes und Willens ein solches Uebergewicht innerhalb der linken Partei des Hauses erhielt, daß diese in ihm ihren eigentlichen Führer sah, man weiß auch, daß der Entwurf der später von Friedrich Wilhelm dem Vierten übernommenen und einseitig octroyirten preußischen Verfassung eine Schöpfung Waldeck’s war, und daß diese Verfassung deshalb von der höhnenden Reactionspartei die „Charte Waldeck“ genannt wurde, ein Ehrenname, den sie noch heute in Bezug auf alle gesunden, freiheitsfreundlichen und patriotischen Grundsätze verdient, die in ihr stehen geblieben sind und nicht durch fernere Revidirungen abgeschwächt wurden. Als der Verfassungsentwurf im October 1848 festgestellt war und im Plenum bereits die öffentlichen Verhandlungen über die einzelnen [89] Punkte begannen, hatte sich bekanntlich die Hand schon erhoben, welche mit den wilden Auswüchsen der Revolution auch ihre berechtigten Früchte nicht zur Geltung kommen lassen wollte. Es wurde die Nationalversammlung durch militärische Gewalt aus ihrem Sitzungssaale vertrieben und das in Belagerungszustand versetzte Berlin genoß eine Reihe von Tagen hindurch das traurige Schauspiel, die vor einigen Monaten erst erwählten Vertreter des Volks von einer Localität zur anderen irren zu sehen, um zur Fassung der ihnen nothwendig erscheinenden Beschlüsse ihre Berathungen fortzusetzen.

Die Gartenlaube (1876) b 089.jpg

Das Waldeck-Denkmal.
Nach dem Modell des Bildhauers Walger.

Nachdem ihnen so am Vormittage des 14. November der Eintritt in den zu ihrer Verfügung gestellten Sitzungssaal der Stadtverordneten durch militärische Besetzung unmöglich geworden, ereignete sich am Abende desselben Tages eine für immer denkwürdig gebliebene Scene. In einem öffentlichen Wirthshauslocale Unter den Linden sollte die am Morgen verhinderte Sitzung abgehalten werden. In tieferregter Stimmung hatten 227 Abgeordnete sich eingefunden und eben hatte Schulze-Delitzsch seinen Antrag zu eventueller Steuerverweigerung verlesen, als die Meldung hereinkam, daß das Haus militärisch besetzt sei. Alsbald drang auch ein Major mit vier Officieren und einem Piquet Soldaten in den Saal und erklärte, auf die Weigerung des Präsidenten von Unruh, daß er Gewalt brauchen müsse, wenn die Versammlung nicht freiwillig das Local verlassen sollte. „Unter diesen Umständen,“ rief Herr von Unruh, „erkläre ich, daß wir abermals der Gewalt weichen.“ Die Worte waren in tiefer Bewegung gesprochen, und eine unbeschreibliche Aufregung hatte in diesem kritischen Momente einer rücksichtslosen Demüthigung der versammelten Abgeordneten sich bemächtigt, als plötzlich aus ihren Reihen die imposante Gestalt Waldeck’s sich erhob. Mit ruhiger Entschlossenheit schritt er auf den Major zu und sagte in festem Tone: „Holen Sie doch Ihre Bajonnette und stoßen Sie uns nieder! Ein Landesverräther, der diesen Saal verläßt!“ Der Major (Herwarth von Bittenfeld, der in den späteren Feldzügen als General berühmt gewordene Heerführer) war sichtlich ergriffen und fühlte wohl im Angesichte dieser erlesenen Männerschaar das Peinliche seiner Aufgabe. Er verließ auf kurze Zeit mit den Soldaten das Local; die Versammlung erhob inzwischen den Antrag Schulze’s zum Beschlusse, und die Sitzung wurde regelmäßig geschlossen. Es war die letzte Sitzung der 1848 zur Vereinbarung einer preußischen Verfassung berufenen Nationalversammlung, die bekanntlich eines gewaltsamen Todes starb und der Waldeck durch seine Mannhaftigkeit einen so edlen und würdigen Abschluß gegeben hatte.

Die Wendung zum Schlimmen war da, und kein Scharfblickender konnte durch die am 5. December erfolgte Proclamirung der freisinnigen „Charte Waldeck“ über die wahre Sachlage getäuscht werden. Um zu wissen, woher eigentlich der Wind wehte, brauchte man nur zu sehen, wie die aller Orten mit trotzigem Frohlocken wiederum aus ihren zeitweiligen Verstecken hervorkriechenden Rückschrittsleute den scheinbaren Sieg der königlichen Gewalt als einen erneuerten Freibrief für ihren eigenen Hochmuth, ihren brennenden Rachedurst betrachteten. Sie hatten genügenden Anlaß zum hoffnungsvollen Aufathmen, denn in der Nähe des Thrones stand schon die Führerschaft der geistlichen und weltlichen Vorrechtskasten, die einflußreiche Clique jener zur äußersten Reaction entschlossenen Gewaltmenschen bereit, um jeden Augenblick die Zügel des Staates zu ergreifen und auf den Trümmern der Revolution eine Herrschaft zu erlangen, nach der sie selbst in den vormärzlichen Tagen nur vergeblich gestrebt hatten. Schon machte ihr Einfluß sich fühlbar in der ungerechtfertigten Aufrechterhaltung der Belagerungszustände, in möglichster Knebelung der Preß- und Versammlungsfreiheit, in einem verzweigten Spionirsystem, in empfindlich verschärftem Polizeidruck und einer Niederhaltung des öffentlichen Urtheils, die leicht hätte ihre Absicht erreichen, zu einer verhängnißvollen Niedergeschlagenheit, einer erneuerten Verdumpfung und Zerfahrenheit des Volksgeistes hätte führen können, wenn dieser nicht ein stärkendes Beispiel vor Augen gehabt, nicht Ermuthigung gefunden hätte im Aufblicke zu den hervorragenden Männern, die bisher tapfer seine Sache geführt und nun auch in aller Gefahr und aller [90] bösen Verkehrung der Dinge offen und unerschütterlich für ihre Ueberzeugung eintraten.

Als solch ein erhebendes Vorbild aber galt jetzt vor Allem die Persönlichkeit Waldeck’s, auf den seit dem Herbste die Blicke der Nation immer mehr und mehr sich gerichtet hatten. Wenn er im traurigen Reactionswinter 1849 in Berlin über die Straße schritt, so entblößten sich vor ihm schon überall verehrungsvoll die Häupter und die Väter stießen ihre Kinder an und zeigten ihnen den großen demokratischen Volksvertreter. Waldeck hatte, seine Wahlreden ausgenommen, niemals in Clubs und Volksversammlungen, überhaupt niemals zu großen Massen gesprochen, keine Volksmenge hatte ihn jemals bei Demonstrationen als Führer oder Theilnehmer an ihrer Spitze oder in ihrer Mitte gesehen, seine Haltung und sein äußeres Wesen zeigten bei jeder Berührung mit ihm die gemessene Zurückhaltung, ja die zugeknöpfte Unnahbarkeit des vornehmen Beamten. Hat er also dennoch neben viel beweglicheren, leichter dem Tone und Wesen des Volkes sich anschmiegenden Gestalten seiner Partei mit verhältnißmäßiger Schnelligkeit eine in unserer deutschen Parlamentsgeschichte fast beispiellos dastehende Popularität gewonnen, so mußte wohl gefragt werden: woraus entsprang dieser außerordentliche Einfluß und worin lag der ungewöhnliche Zauber dieses Mannes? Selbst für Diejenigen, die ihn im Leben gekannt, ist die Frage leichter gestellt als beantwortet. Es sind lange Aufsätze und ganze Bücher darüber geschrieben worden, man wird jedoch nicht irrig urtheilen, wenn man die Erklärung nicht in dieser oder jener Begabung Waldeck’s, sondern in dem Ganzen seiner stark und scharf ausgeprägten Persönlichkeit findet, so wie in der Gluth und Vollgewalt des Herztons, der aus seinen Ueberzeugungen in seine Worte und Thaten floß und um die rührende Schlichtheit seiner Erscheinung und seines Wandels einen Nimbus wob, vor dem unwillkürlich sich die Häupter neigten. Es lag in diesem Manne etwas von der Kraft der alten Propheten und Apostel. Was gesund und wahr, was rein, erhaben und unvergänglich ist an den Grundsätzen des Demokratismus, das hat der bessere, dem Lichte zugewendete Theil des Volkes verkörpert gesehen in der Person des Abgeordneten Waldeck.

Dieselben Eigenschaften aber, welche ihm die Liebe des Volkes erwarben, erweckten ihm natürlich den giftigen Haß aller Förderer der rothen und schwarzen Reaction. Diese herrschgierige und verwegene Gesellschaft von sogenannten „Staatsrettern“, deren Werkstatt hinter den Coulissen des Hofes, deren Organ die hetzende und denuncirende Kreuzzeitung war, hätte so gern die ihren Standesinteressen gefährliche Auflehnung wider Vorrecht, Bevormundung und Ausbeutung den vielen Urtheilslosen als eine schmutzige Sache abenteuernder Schwindler und eines zügellosen Pöbels hingestellt. Ein Dorn im Auge mußte ihr daher jene zahlreiche Schaar angesehener und ehrenhafter Männer der höheren Stände sein, die nach wie vor uneingeschüchtert zur Fahne der Opposition standen und denen sie bereits durch Verfolgungen, Amtsentsetzungen und quälerische Maßregelungen ihren Einfluß auf die Verwaltungsmaschine, die Absicht einer Schreckensherrschaft fühlen ließ. Die höfisch-aristokratisch-pfäffische Clique hatte jetzt ihren Gegnern Vernichtung geschworen, unter diesen aber war kein Einziger von ihr so gehaßt und gefürchtet, wie der Geheime Obertribunalsrath Waldeck, der stille Mann mit der gewaltigen Autorität, der in seiner Unangefochtenheit gleichsam noch als ein lebendiger Protest umherwandelte, als eine weithin leuchtende Bekräftigung der Grundsätze, die man von oben her mit Gewalt und List aus der Welt schaffen zu können glaubte. Konnte es der unter dem Zeichen des Kreuzes arbeitenden Partei kriegerischer Betbrüder gelingen, die Kraft dieses Mannes zu brechen, ihn von seiner hohen Stellung zu stürzen brod- und ehrlos zu machen, so war um einer solchen Thal der Demokratismus tief in’s Herz getroffen, ja es war noch mehr damit erreicht, es war zwischen König und Volk durch die offene Mißhandlung des verehrten Volksvertreters eine Kluft gerissen, wie sie eben die Vorrechtskasten zu ungestörtem Entfalten ihrer Herrschaftspläne erzeugen wollten.

Der Wunsch war jedenfalls schon im Winter 1849 im Stillen sehr lebhaft vorhanden, und Bedenken des Gewissens waren es sicher nicht, die seine Ausführung verzögern ließen. Es war eben nicht leicht, einem Waldeck beizukommen, der schon eine unberechtigte Aufforderung zu freiwilligem Rücktritt aus dem Obertribunal mit Erfolg zurückgewiesen hatte und nun ruhig seines Weges ging, getreu seinen Amtspflichten genügte und nach keiner Seite hin auch nur den leisesten Anlaß zu einem disciplinarischen oder richterlichen Angriffe wider ihn bieten wollte. Je mehr man auf der Lauer lag, je mehr die schnüffelnde Pharisäerrotte sammt ihren Spionen und Liebedienern sich anstrengte, etwas gegen ihn zu finden, um so mehr erkannte sie, daß sie einer unangreifbaren Makellosigkeit gegenüberstand. Hier reichten die gewöhnlichen Mittel gegen Andersgesinnte nicht aus, es mußte, da die Ungeduld sich nicht zähmen ließ, zum Verderben des Opfers ein falsches Spiel gespielt und jener Weg der Lüge und Fälschung betreten werden, den der berühmt gewordene Proceß Waldeck enthüllt hat.

Wo die Fäden dieses Verfolgungsplanes eigentlich gesponnen wurden, das ist unklar geblieben und bis jetzt nicht aufgedeckt. Daß aber sehr einflußreiche Personen dabei im Spiele waren, zeigten die großen, nur durch solchen Einfluß zu bewirkenden Maßregeln, mit denen die Ausführung eingeleitet wurde. Seit November 1848 war über Berlin der Belagerungszustand verhängt, aber er mußte in Ermangelung jedes activen Widerstandes milde gehandhabt werden, und es waren namentlich die ordentlichen Gerichte in Thätigkeit geblieben. Nicht wenig erstaunte man daher, als am 15. Mai 1849 ohne jede sichtliche Veranlassung dieser Belagerungszustand mit einem Male verschärft und schleunigst sogar ein Kriegsgericht in’s Leben gerufen wurde. Schon am nächsten Tage jedoch wurde dieses Räthsel in den Augen aller Klarblickenden gelöst, denn am 16. Mai vernahm die ohnedies grollende und durch polizeiliche Uebergriffe gereizte Hauptstadt die Schreckenskunde, es sei der Abgeordnete Waldeck inmitten seiner Familie verhaftet und dem Gefängnisse überliefert worden. Die Verschärfung des Ausnahmezustandes erschien als die Vorbedingung dieses aufsehenerregenden Schrittes, denn es war dadurch der mächtigste Vertreter der Volksfreiheit in der Kammer seinem ordentlichen Richter entzogen und dem nicht an strenge Schutzformen gebundenen Verfahren eines Kriegsgerichts unterworfen. In den weitesten Kreisen zweifelte man nicht an diesem Zusammenhang der beiden Maßregeln, und Niemand auch glaubte an eine Schuld Waldeck’s, ja auch nur an eine Unvorsichtigkeit, durch welche er seinen Widersachern eine Handhabe zur Antastung seiner Person gegeben hätte. Was konnte denn dieser hochgesinnte, reine und edle Mann verbrochen haben, daß man es wagen durfte, ihn so rücksichtslos zu überfallen, so rauh und grausam den ruhevollen Frieden seines musterhaften Familienlebens zu stören? So fragte bestürzt, aber im äußersten Grade entrüstet, die öffentliche Meinung.

Wie aber erst später sich herausstellte, hätten damals die Veranstalter des frechen Handstreichs in Bezug auf diese Frage ebenso wenig eine Auskunft geben können, als irgend Jemand im Volke. Sie hatten nicht die Spur eines Anhaltspunktes, sondern unternahmen ihr Wagniß wie ein frivoles Hazardspiel. Erst bei der in Folge der Verhaftung möglich gewordenen Hausdurchsuchung hofften sie in den Papieren Waldeck’s etwas zu finden, wodurch der Schritt sich rechtfertigen, worauf eine schwere Anklage sich begründen ließe. Aber schon eine Verhaftung und Hausdurchsuchung durfte ja ohne einen ausreichenden gesetzlichen Grund nicht vorgenommen werden. Hier hatte zunächst die Schwierigkeit gelegen, und um sie zu beseitigen, waren die feigen Verderber vor dem schandbarsten aller Mittel nicht zurückgeschreckt. Da kein wirklicher Grund zum Angriffe vorhanden war, erfolgte die Denunciation und das Einschreiten auf Grund eines erlogenen Schriftstückes, eines absichtlich für diesen Zweck gefälschten Briefes, der „zufällig“ in der Schlafrocktasche eines zum Schein verhafteten Polizeispions gefunden wurde und den ein revolutionärer Flüchtling an Waldeck geschrieben haben sollte. Im Hause Waldeck’s aber fand sich nichts, garnichts von Allem, was man so gierig suchte, und damit war ganz im Stillen und ehe man es im Publicum noch ahnte, die Niederlage der nichtswürdigen Planmacher schon entschieden. Gewiß hätte man den angeblichen Hochverräther nunmehr sofort wieder freigeben müssen, aber um das zu wagen, hatte die Sache bereits in der ganzen Welt ein zu großes Aufsehen erregt. Es blieb nichts übrig, als ihn den ordentlichen Gerichten zu überweisen und auf Grund [91] jenes gefälschten Wisches – weiter hatten die Denuncianten absolut nichts in Händen – eine Untersuchung wider ihn einleiten zu lassen.

„Es war ein Bubenstück, um einen Mann zu verderben.“ So hatte der königliche Oberstaatsanwalt selber ausgerufen, als er am Schlusse der öffentlichen Gerichtsverhandlung sich außer Stande sah, die Anklage gegen Waldeck aufrecht zu erhalten. So deutlich hatte der dramatische Verlauf des Processes alle Specialitäten des plumpen Complotes, das Verfahren verschiedener dabei thätiger Acteure und Helfershelfer, sowie die Reinheit des verfolgten Mannes an’s Licht gestellt. Wurde doch einer der Hauptbelastungszeugen so tief erschüttert von der Macht der auf ihn eindringenden Beweise, daß er zerknirscht das Haupt senkte und seinen Werth mit den Worten bezeichnete: „Ja leider, ich habe gelogen!“ Sieben Monate hindurch hatte das Opfer dieser Lüge in strenger Kerkerhaft geschmachtet, während seine vornehmen und „frommen“ Verfolger wissen mußten, daß sie nur durch ein erkünsteltes Lügenwerk dieses herzbrechende Verhängniß ihm und den Seinigen bereitet hatten. Je länger Waldeck’s Haft dauerte und je dreister und zuversichtlicher die reactionäre Presse von seiner Schuld sprach und seine demnächstige Verurtheilung in Aussicht stellte, um so mehr hatte sich beim Herannahen der öffentlichen Verhandlung weit und breit eine außerordentliche Aufregung selbst Derjenigen bemächtigt, die bisher den politischen Bewegungen fern gestanden. Während der mehrtägigen Dauer des Processes war in Berlin der vor dem Gerichtslocal befindliche Platz bis weit in alle angrenzenden Straßen hinein von einer unabsehbaren Menschenmasse erfüllt, die sich tief ergriffen zeigte, als gleich nach Beginn der ersten Sitzung die Nachricht herabkam, daß Waldeck zwar ungebeugt, mit der schlichten Ruhe eines Helden, ohne jede Klage und jedes Merkmal der Erbitterung vor seinen Richtern stand, daß sein volles blondes Haar aber schneeweiß geworden sei unter den Qualen des unverschuldeten Kerkerleidens.

Auch die Mittheilungen über die richterliche Enthüllung der wider ihn geschmiedeten Ruchlosigkeit verbreiteten sich im Laufe der Tage von Haus zu Haus, und als endlich der Freigewordene am Nachmittage des 3. December in der Begleitung einiger Freunde auf die Straße trat, war die Begeisterung der dichtgedrängten Volksmassen zu einem Sturme angewachsen, den keine Feder zu beschreiben vermag und gegen den die massenhaft aufgestellte Polizei nichts auszurichten vermochte. Es entblößten sich die Häupter; es lagen die Menschen sich in den Armen, und das laute Heulen und Schluchzen der Ergriffenen mischte sich mit dem orkanartiger Brausen der endlosen Hurrahrufe. Der weite Weg bis zur Dessauerstraße, wo Waldeck wohnte, war dicht vom Volke besetzt, das den Märtyrer der Volkssache sehen und ihm zujauchzen wollte. Um sich dem Gedränge zu entziehen, bestieg er mit Frau und Tochter einen Wagen, der mühsam bis zur Kurfürstenbrücke gelangte. Hier aber, in der Nähe des königlichen Schlosses verwandelte sich die Scene ganz unerwartet zu einem Triumphzuge. Menschen aller Stände spannten die Pferde des Wagens aus und unter dem Jubelgeschrei von Tausenden und Abertausenden wurde der Freigesprochene am Schlosse vorbeigezogen, bis er endlich vor dem Hause eines Freundes der Huldigung sich entziehen konnte. Am Abend aber waren viele Theile der Hauptstadt illuminirt und von einem Ende Deutschlands bis zum anderen fühlte und verstand man mit der Bevölkerung Berlins, daß an diesem Tage Recht und Licht einen der durchgreifendsten und denkwürdigsten Hauptsiege gefeiert über die gewissenlose Willkür, die frevelhaften und widersittlichen Knechtungsversuche mächtiger Finsterlinge. Was aus einem Staate werden kann, in dem sie auch nur vorübergehend eine Herrschaft erlangen können, das hat die Geschichte Preußens in jenen Tagen gezeigt.

Allerdings war diese Pharisäerpartei des gewaltsamen Rückschrittes durch den Proceß Waldeck noch nicht thatsächlich gestürzt worden, aber es war doch nur ein künstliches und erzwungenes Scheinwesen, wenn sie nach einer solchen moralischen Zerschmetterung, einer solchen Entlarvung und Ertappung auf schimpflichen Wegen noch zehn Jahre hindurch mit selbstgewisser Unverschämtheit das Haupt erheben und in Staat, Kirche und Schule ihre herabdrückende Macht behaupten konnte. Waldeck hat die unheimliche Gesellschaft noch aus dem Vordergrunde verschwinden und ihren Einfluß erlahmen sehen; noch einundzwanzig Jahre nach jener Antastung seiner Person hat er, mit erschütterter Gesundheit zwar, aber mit voller Ungebrochenheit des Geistes in seinem Richteramte, wie in den vordersten Reihen der Fortschrittskämpfe eingreifend gewirkt und endlich einen zweiten Triumphzug gefeiert, als er im Frühling 1870, kurz vor der folgenreichen Kriegserhebung seiner Nation, mit hochimposanter Trauerfeierlichkeit, begleitet wiederum von ungezählten Tausenden seiner schmerzlich ergriffenen Mitbürger, zur letzten Ruhestätte geleitet wurde. Ueberblicken wir seine Eigenschaften und Verdienste, so ist es sicher nicht das geringste derselben, daß er sofort nach dem Kriege von 1866 den Segen dieser Wendung unserer vaterländischen Geschicke gewürdigt und, uneingedenk aller früheren Conflicte, sich offen zu ihr bekannt hat. Unvergeßlich und in unverwelklicher Frische wird sein Name fortleben in den Institutionen wie in den Erinnerungen unseres Volkes. Um aber die so innig ihm bewahrte Liebe und Dankbarkeit auch durch ein äußeres Zeichen zu den künftigen Geschlechtern sprechen zu lassen, haben seine zahlreichen Freunde und Verehrer schon vor einigen Jahren beschlossen, sein Grab mit einem würdigen Denkmal zu schmücken. Die Bildsäule ist jetzt vom Künstler vollendet, und die unserem Artikel beigefügte Abbildung des vortrefflichen Werkes zeigt dem Leser die Gestalt des großen Volksvertreters in sprechender Aehnlichkeit.

A. Fr.




Blätter und Blüthen.


Das Jubiläum eines Redacteurs. Am 2. Februar dieses Jahres feiert einer der Matadore der deutschen Presse, einer der hervorragendsten Vertreter der deutschen Zeitungsliteratur, Herr Michael Etienne, Chef-Redacteur und Herausgeber der Wiener „Neuen Freien Presse“, sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Journalist. Bei den großen Verdiensten, der seltenen Begabung und Bildung Etienne’s, mit Rücksicht auf die bedeutende Stellung des Jubilars und des von ihm geleiteten Journals inmitten der Verfassungs-Partei und der deutschösterreichischen Bevölkerung und auf die vielfältigen innigen Beziehungen der „Neuen Freien Presse“ zu der gesammten deutschen Schriftstellerwelt, würde es sich wohl von selbst verstanden haben, daß diese Feier den Anlaß zu einer ehrenden Kundgebung der zahlreichen Freunde Etienne’s und des genannten Journals gegeben haben würde. Es geschieht jedoch auf besonderen Wunsch des Gefeierten, daß dem Feste keinerlei größere Dimensionen gegeben werden und dasselbe als ein Familienfest der Redaction des Blattes begangen werden soll. Gleichwohl dürfte dasselbe einen glänzenden Verlauf nehmen und über den engen Kreis der Mitarbeiter hinaus die wärmsten Sympathien für den Jubilar hervorrufen. Der verdienstvolle Mitherausgeber der „Neuen Freien Presse“, Herr Adolf Werthner, veranstaltet zu Ehren seines Collegen und Freundes ein Bankett; die Mitglieder der Redaction bringen eine Festgabe dar (ein silbernes, nach Zeichnungen eines hervorragenden Künstlers und in dem ersten Atelier Wiens gearbeitetes Schreibzeug im Werthe von hundert Gulden, in welchem eine Festnummer, Leitartikel und Feuilleton, beides Etienne’s Thätigkeit und Individualität charakterisirend, photographirt enthalten ist). Der Journalisten- und Schriftsteller-Verein „Concordia“, wiewohl officiell nicht unterrichtet, betheiligt sich mit einer glänzend ausgestatteten und durch eine Deputation zu überreichenden Adresse; die hervorragendsten Vertreter der liberalen Partei des Parlaments werden an dem Feste theilnehmen, und während das Organ Etienne’s den Festtag äußerlich ignorirt, werden voraussichtlich die meisten Journale Oesterreichs und die in deutscher Sprache erscheinenden Ungarns dem verdienstvollen Jubilar warme Worte der Anerkennung widmen. Wir dürfen wohl die Erwartung aussprechen, das aus all’ jenen journalistischen Kreisen des deutschen Reiches, in welche die Kunde von dem am 2. Februar stattfindenden Feste dringen wird, dem wackern Vorkämpfer des Deutschthums und der Freiheit an der Spitze des anerkannt einflußreichsten und literarisch hervorragendsten Zeitungs-Unternehmens in Oesterreich herzliche und aufrichtige Glückwünsche zukommen werden. Michael Etienne, seinem französischen Namen zum Trotze ein kerndeutscher Mann, hat ein wohlbegründetes Anrecht darauf, aus dem Anlasse der Vollendung eines Vierteljahrhunderts journalistischen Schaffens allgemein gefeiert zu werden. Von 1850 bis 1855 als Correspondent deutscher und Wiener Zeitungen von Paris aus thätig, in welcher Stadt er zu Heinrich Heine in nähere Beziehung trat, der seine hohe Begabung würdigte, war er durch acht Jahre der leitende Geist der „Presse“, begründete 1864 mit Friedländer und Werthner die „Neue Freie Presse“ und brachte dieses Unternehmen zur höchsten Blüthe. Seit Langem gilt seine Feder als eine der glänzendsten in Deutschland.

R.




[92] Mißbrauch der Versicherung. Noch sind alle Gemüther von der Schreckensbotschaft aus Bremerhaven erfüllt, wo ein für alle Zeiten gebrandmarkter Mörder so unendlich viel Unglück angerichtet hat. Und zwar ist es die Assecuranz, die jener Elende auszubeuten versuchte. – Ist es angesichts derartiger Vorkommnisse ein Wunder, wenn dabei so Mancher in kurzsichtiger Voreingenommenheit dem Versicherungswesen selbst etwas am Zeuge zu flicken sucht? Hört man nicht häufig die Ansicht, daß die Feuerversicherung die indirecte Veranlassung der meisten Brände sei?!

So lange aber unter Gottes Sonne neben guten Menschen Lumpe umherwandeln, so lange wird jede menschliche Einrichtung, sei sie auch noch so erhaben und segensreich, von derartigen Geschöpfen mißbraucht werden. Von solchem Mißbrauche ist kein Versicherungszweig frei; namentlich weiß die Lebensversicherung ein Lied davon zu singen. Freilich gehen derartige Betrügereien ohne sonderliches Aufsehen vor sich, denn die gerupfte Gesellschaft hat meist ihren guten Grund, darüber zu schweigen.

Es war im Frühjahre 1871, als einer jungen Berliner Gesellschaft die Versicherung eines im Anfange der dreißiger Jahre stehenden Mannes, welcher Oekonom in dem nahen Dorfe L. sein sollte, angeboten wurde. Wenn ich nicht irre, handelte es sich um eine Summe von fünf- oder sechstausend Thalern. Die Police sollte zu Gunsten eines Fräuleins – nennen wir sie Friederike – ausgefertigt werden. Fräulein Friederike, gab der Agent an, sei die Braut des zu versichernden Herrn K. Einige Tage später stellte sich der angehende Schwiegervater des Herrn K. der Direction vor und erzählte dabei in gesprächiger, vertrauenerweckender Weise, daß der junge Herr ein etwas lockerer Bursche gewesen, der in Wuchererhände gerathen sei. Nun habe seine Tochter schon eine längere Bekanntschaft mit dem jungen Manne, ganz gegen seinen Willen, ja sie habe ihm sogar mit ihrem Privatvermögen hin und wieder ausgeholfen. Aufheben könne und wolle er das Verhältniß nicht, da wolle er denn als vorsichtiger Mann seine Tochter wenigstens auf diese Weise sicher stellen. – Und so wurde, da ärztlicher Seits nichts dagegen sprach, die Versicherung in bester Form geschlossen.

Nach etwa Jahresfrist erhielt die Gesellschaft die Anzeige, daß der zu Gunsten von Fräulein Friederike versicherte K. vor etwa zwei Monaten in der Charité gestorben sei. Die angestellten Erörterungen zeigten auf’s Unzweideutigste, daß die Gesellschaft einem ausgefeimten „Seelenverkäufer“ in die Hände gefallen war. Die Acten des Charité-Krankenhauses ergaben über die Vorgeschichte des Verstorbenen nur dürftige Auskunft. Soviel aber ging daraus hervor, daß der Unglückliche in einer Novembernacht als Obdachloser in der Blumenstraße von einem Blutsturze befallen, auf die nächste Polizeiwache und von da am andern Morgen nach der Charité gebracht worden.

K. war niemals Oekonom. Aus guter Familie stammend, war er früh aus der Provinz nach der Residenz gekommen. Da die Eltern ebenfalls früh verstorben waren, so sah er sich im Besitze eines nicht ganz unbedeutenden Vermögens, womit er ein kaufmännisches Geschäft begründete. Alleinstehend und unerfahren mit dem Getriebe des großstädtischen Lebens, gerieth der charakterschwache, vielleicht auch etwas beschränkte Mensch bald in Gesellschaft, die ihn um das Seinige und in die Hände jenes „dunklen Ehrenmannes“ brachte. Welche Rolle dabei Fräulein Friederike gespielt hatte, blieb unaufgeklärt. Nachdem nun das Versicherungsgeschäft abgeschlossen war, schickte der Ehrenmann den angehenden Schwiegersohn, wie es hieß, als Aufseher in seine Kalkbrennerei, in der Nähe von Fürstenwalde. Doch bald zeigte es sich, daß er sich dazu nicht eignete, und so wurde K., der schon längst jede Willenskraft verloren hatte, bald mit den anderen Arbeitern in Reihe und Glied gestellt. Sein Körper war natürlich dieser schweren und anerkannt der Gesundheit nachtheiligen Arbeit nicht gewachsen. Nachdem er auf diese Weise zwei Monate „Kalk geschluckt“ hatte, war er so weit, daß er mit Erfolg den „Tritt“ erhalten konnte. – Mittellos, an Körper und Geist gebrochen, wanderte im Herbst K. der Residenz wieder zu, um die Zahl jener Existenzen zu vermehren, welche im Munde des Volkes den Namen „Pennbrüder“ führen, bis er in dem Krankenhause eine letzte, menschenwürdige Aufnahme fand.

Jede Lebensversicherungsgesellschaft hat in ihren Acten so manchen „interessanten Fall“, wenn auch in anderer Form, aufzuweisen. Erfahrungsgemäß sind es aber die jüngeren Gesellschaften, welche von derartigen Industrierittern mit Vorliebe ausgebeutet werden.

Dr. Gallus.

Wir haben im Vorstehenden einen Versicherungsbeamten über die Gefahren sprechen lassen, welchen die Gesellschaftsbanken von Seiten des Publicums ausgesetzt sein können und welche ohne Zweifel die Vorsichtsmaßregeln rechtfertigen, welche dem Abschlusse einer Versicherung vorhergehen. Soll aber das Mißtrauen, welches der Ausbreitung des Versicherungswesens in Deutschland als schwerster Hemmschuh anhängt, nicht immer frisches Zugewicht erhalten, so darf die Vorsicht nicht soweit getrieben werden, daß das natürliche Anrecht des Einzelnen auf solche Anstalten dadurch gefährdet und verletzt werde. Dies geschieht aber, wenn z. B. die Agentschaften der Lebensversicherungsbank für Deutschland in Gotha sich nicht mit den Zeugnissen ihrer Vertrauensärzte und der Zeugen begnügen, welche die betreffende Declaration mit unterschrieben haben, sondern hinter dem Rücken derselben geheime Anfragen an weitere Personen ihres Vertrauens über dieselbe richten. Das Schema eines solchen geheimen „Gutachtens“ mit acht Fragen liegt vor uns, ebenso ein lithographirter Agentschaftsbrief. Jene acht Fragen betreffen aber nicht blos den zur Versicherung Angemeldeten, sondern die siebente Frage lautet: „Haben Sie etwas über den Aussteller des betreffenden Gesundheitszeugnisses oder über die auf der Declaration unterzeichneten Zeugen zu bemerken?“ – Hiergegen ist als Hauptfrage aufzustellen: In welche Hände können solche geheime Anfragen kommen? Kann nicht der unbescholtenste Mann um die Aufnahme in die Lebensversicherung gebracht werden, wenn das geheime Frageblatt in ihm feindliche Hände kommt? Und wenn die Direction ihren Vertrauensärzten selbst nicht traut, muß sie nicht über jeden anderen insgeheim Befragten wieder weitere geheime Gutachten einziehen? Wo ist da das Ende – und wo bleibt persönliche Achtung und Ehre?




Eine Sonnenmaschine. In einem Garten der Dictatorstadt Tours konnte man vergangenen Sommer eine gar seltsame Riesenblume schauen, die, einer Sonnenblume gleich, dem Laufe des strahlenden Gestirnes am Himmelsgewölbe nachfolgte, um vom Morgen bis zum Abend alle Strahlen in ihrem Busen zu sammeln. Sie schimmerte wie die Blüthe einer weißen Lilie oder besser wie die kegelförmige Hülle des Aronstabes (calla), den wir an unseren Fenstern ziehen, nur daß der Kelch einen regelmäßigen, aus silberplattirtem Kupfer gefertigten Hohlkegel bildete, dessen Oeffnung einen Durchmesser von 2,6 Meter hatte. Wie bei dem Aronstabe erhob sich inmitten des spiegelnden Kegels ein dicker Kolben, und ebenso wie man ihn bei unserer Zimmerblume zuweilen um fünf oder mehr Grade wärmer als die Zimmerluft findet, ward dieser Kolben im Kelche der Metallblume im Sonnenscheine sehr heiß, denn er stellte einen durch die im Spiegelkelche gesammelten Sonnenstrahlen geheizten Dampfkessel vor. Um also nicht länger durch die Blume zu sprechen – es handelt sich hier um eine jener Sonnenkraftmaschinen des Herrn A. Mouchot,[WS 4] von denen wir den Lesern der Gartenlaube bereits früher (Jahrgang 1874, S. 468) eine Beschreibung gemacht haben.

Hier nun einige Andeutungen über die mit diesem Modelle erzielten Wirkungen. Die in dem hohlcylinderförmigen Raume des Dampfkessels enthaltenen zwanzig Liter Wasser brauchten in der Maisonne keine Stunde, um in’s Sieden zu gerathen, und fünfzehn Minuten später war bereits eine Dampfspannung von fünf Atmosphären vorhanden. Dieselbe würde noch höher gestiegen sein, wenn man dem dünnwandigen Kessel hätte mehr zumuthen dürfen. An einem Julimittage verdampfte der Kessel in der Stunde fünf Liter Wasser, was einer Dampferzeugung von hundertvierzig Litern in der Minute entspricht. Man sieht, es würden sich mit dem durch eine bewegliche Röhre aus dem Kelche geleiteten Dampfe ganz ansehnliche Maschinen treiben lassen, aber vielleicht würde es die angemessenste Verwendung sein, wenn man den durch die Sonnenhitze erzielten Wasserdämpfen die im heiteren Süden so viel betriebene Parfüm-Industrie übertrüge, die Sonne, nachdem sie den Duft der Pflanzen erzeugt, auch veranlaßt, ihn für die Toilettenfläschchen der Damen und die Vorrathsgefäße der Apotheker zu sammeln. Es würde eine eigene Poesie darin liegen, auf die Rosenölfläschchen etc. schreiben zu können: „Ohne fremde Mithülfe von der Sonne bereitet und gewonnen“, oder kürzer: „Product der Sonne“.

C. St.




Noch einmal der New-Yorker Millionendieb. Früher flüchteten sich die Spitzbuben aus Europa nach Amerika, jetzt suchen amerikanische Diebe in Europa ein Asyl. Der New-Yorker Millionendieb Tweed, den seine Advocaten aus dem Zuchthause gebracht hatten und der seither infolge der Civilklagen, welche die bestohlene Stadt New-York gegen ihn angestrengt hatte, in dem Civilgefängnisse in Ludlowstreet saß und dort wie ein Fürst lebte, ist auf und davon gegangen. Er hätte dies auch schon vom Zuchthause aus thun können, aber er hatte die nicht ganz unbegründete Hoffnung, mittelst der politischen Tammany-Hall-Gesellschaft wieder obenauf zu kommen und selbst die Führerschaft dieser ebenso mächtigen wie aus den verworfensten Elementen zusammengesetzten Gesellschaft zu erlangen. Die letzten Wahlen haben aber die Macht von Tammany-Hall gebrochen und dem Millionendieb jede Hoffnung genommen. Die Deutschen aber sind es, welche in diesen Wahlen den Ausschlag gaben und zwar deshalb, weil bei denselben die Schulfrage (eine freie und von keiner religiösen Secte beeinflußte Schule, aus welcher die Bibel wegzubleiben hat) die erste Rolle spielte. Der Millionendieb findet indessen zwei seiner früheren Spießgesellen, die bereits vor ihm die neue Welt verlassen haben, in Europa vor, wo dieselben von den Früchten ihres Diebstahles hoch und herrlich leben. Er blieb, nachdem Tammany-Hall die verdiente Schlappe in den Wahlen erhalten hatte, nur noch so lange, bis er seinen Grundbesitz an Andere in der Art übertragen hatte, daß die Stadt, wenn sie auch in allen den angestellten Civilklagen siegt, dennoch – das Nachsehen hat. Richter Davis, der Tweed zum Zuchthause verurtheilt hatte, äußerte, als ihm dessen Flucht mitgetheilt wurde: „Ach, er wird sich eben ein größeres Feld („Field“ – so heißt auch der Advocat Tweed’s) suchen.“

D.




Uebersetzungen. Von Marlitt’s neuer Erzählung sind jetzt schon Uebertragungen in’s Englische, Französische, Dänische, Holländische, Schwedische und Italienische angekündigt. Von den genannten Nationen sind nur die englische, französische, schwedische und italienische so anständig, der Dichterin ein Honorar zu zahlen; die Dänen und Holländer stehlen eben das geistige Eigenthum sans gêne, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung darüber zu verlieren. – Auch von den Scherrschen Artikeln unseres Blattes: „Das rothe Quartal“ werden Uebertragungen in’s Holländische, Englische und Französische vorbereitet.




Binnen zehn Tagen hat die „Gartenlaube“ drei ihrer ältesten und geschätztesten Mitarbeiter verloren. Kaum haben wir den Tod Ludwig Würkert’s, am 10. Januar, berichtet, so kommt von Zürich die Nachricht vom Ableben Heinrich Lang’s, der unseren Lesern durch sein Lebensbild „Bis zur Schwelle des Pfarramts[WS 5] lieb geworden und der dort, als Prediger an der Petrikirche und Hauptstütze des Protestantenvereins, am 13. Januar gestorben ist. Und heute, am 20., ruft ein Telegramm aus Nizza uns zu, daß gestern dort Franz Wallner, unser alter, liebenswürdiger und stets heiterer Freund, sanft entschlafen sei. So geht Einer nach dem Andern – und bald wird ein neues Geschlecht nur noch die Gräber des alten zu schmücken haben.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Gesichsausdrucke
  2. Vorlage: entgegegensetzten
  3. Vorlage: 1874
  4. Vorlage: Mouchat
  5. Vorlage: „Bis zur Schwelle des Pfarrhauses“