Die gebatikte Schusterpastete

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Textdaten
Autor: Joachim Ringelnatz
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Titel: Die gebatikte Schusterpastete
Untertitel:
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Herausgeber:
Auflage: 1. und 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: Oktober 1921
Verlag: Alfred Richard Meyer
Drucker: Mänicke und Jahn, Rudolstadt
Erscheinungsort: Berlin-Wilmersdorf
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Die Titelzeichnung von Rudolf Schlichter (1899–1955) kann hier nicht präsentiert werden, weil sie nicht gemeinfrei ist.
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[1]
Joachim Ringelnatz
Die gebatikte Schusterpastete



[2]
Dem Hetsko Dietzel gewidmet


Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck verboten. Titelzeichnung von Rudolf Schlichter. Erste und zweite Auflage. Alfred Richard Meyer Verlag, Berlin-Wilmersdorf. Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt, Oktober 1921.



[3]

 Avant-propos

Ich kann mein Buch doch nennen, wie ich will
Und orthographisch nach Belieben schreiben!
Wer mich nicht lesen mag, der lass es bleiben.
Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil

5
Und jeden andern Gegenstand bedichten,

Darf ich doch ungestört daheim
Auch mein Bedürfnis, wie mir’s passt, verrichten.
Was könnte mich zu Geist und reinem Reim,
Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? –

10
Bescheidenheit? – captatio – oho!

Und wer mich hasst, – – sie mögen mich nur hassen!
Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen
Sowie an den avant-propos.


 Billardopfer

Er starb am Billard, beim letzten Stosse.
Engel trugen ihn in die Höh’.
Abraham fand in seinem Schosse
Blaue Kreide und ein Billardqueue,

5
Und er stiess in spielerischer Idee

Nach den Sternen und Monden mit Linkseffet.
Abraham bekam das Spielen satt,
Weil der Himmel keine Bande hat.
Warf also das Queue wütend zur Erde zurück.

10
Das brach einer alten Frau das Genick.

Die stand auf der Strasse, doch nicht auf der Einwohnerliste.
Die nächste Gemeinde begrub und bezahlte die Kiste.
Und von dem Blitze, der bald dieses, bald jenes vernichtet,

[4]

Wurde dann unter „Lokales“ berichtet,

15
Dass er eine fremde Zigeunerin draussen erschlug,

Die einen gestohlenen Billardstock bei sich trug.

Ob wohl in Afrika oder am Delta des Nils
Auch Leute so sterben als Opfer des Billardspiels??


 Abendgebet einer erkälteten Negerin

Ich suche Sternengefunkel
All mein Karbunkel
Brennt Sonne dunkel.
Sonne drohet mit Stich.

5
Warum brennt mich die Sonne im Zorn?

Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?

Ich folge weissen Mannes Spur.
Der Mann war weiss und roch so gut.

10
Mir ist in meiner Muschelschnur

So neglige zu Mut.

Kam in mein Wigwam
Weit übers Meer,
Seit er zurückschwamm,

15
Das Wigwam

Blieb leer.

Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – –

Warte nur balde

20
Kängurst auch Du.


[5]

 Was der Liftboy äussert

Fahrstuhl ahoi!
Ich bin der Boy
An Silbersteins Lift.
Bin ich mal nicht dabei,

5
Reissen die Stricke entzwei

Und zermalmt oder zerquetscht, wen’s gerade trifft.

Aber wenn ich bediene,
Saust die Maschine
Im Nu

10
Aus dem Hochparterre bis zum dritten.

Um ein Trinkgeld darf ich nicht bitten,
Aber feine Herrschaften drücken ein Auge zu.

Am Zahltage sagte Herr Silberstein:
Ich dürfte stolz auf den Posten sein,

15
Wo ich immerfort stiege,

Und ich bekäme nur kleines Salär,
Weil ich fürs Lift so geeignet wär’,
Weil ich so sehr wenig wiege.

Da lernt man so allerlei,

20
Und da ist viel Verantwortung bei.

Aber ich kenne schon meine Kunden.
Da hat’s eine auf mich abgesehn,
So eine Dicke mit rundem
Busen, die will mir den Kopf verdrehn.

25
Und da blieb der Fahrstuhl im Dachstuhl stehn.

Und da meinte sie, müsste was geschehn,
Und da hat sie plötzlich entbunden.

[6]

Das geht so ungefähr:
Bitte sehr! Immer herein!

30
Wer will noch mal von unten geliftet sein?

So 2, 4, 8 Halt! Nicht mehr!
RRRRR!
Unsereins leidet am Nervenschock.
Das kann auch nicht jeder.

35
Halt!!!

Meine Damen, bitte schön! Zwischenstock!
Abteilung Knochen und Leder!


 Lied aus einem Berliner Droschkenfenster

Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte Gehirn
Verlaufen in zierlichen Fädchen.
Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn.
Damit nähen und sticken die Mädchen.

5
Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein „B“

In ein seifensteifes Unterhös’chen.
Im Kielwasser eines Dampfers auf See
Ersäuft ein vertrocknetes Rös’chen.

Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschrickt

10
Über eine sich lösende Tapete.

Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt,
Die sah aus wie eine Rakete.

Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will,
Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren.

15
Nee, dann trink’ ich meinen Gilka. Und belausche dabei still,

Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.


[7]

 Flie und Ele

Fliegend entfernten sich die Fliegen.
Doch liessen sie auf Ei und Kaviar
Zwei, drei, vier Fliegenexkremente liegen.
Die ass der Mensch und ward es nicht gewahr.

5
Ein Elefant bemerkte diesen Fall

Und rollte einen schweren, goldnen Ball
Nicht ohne leises Lächeln durch den Stall.

 *
Es stand sehr schlimm um des Bandwurms Befinden.
Ihn juckte immer etwas hinten.
Dann konstatierte der Doktor Schmidt,
Nachdem er den Leib ihm aufgeschnitten,

5
Dass dieser Wurm an Würmern litt,

Die wiederum an Würmern litten –
 (Fortsetzung folgt.)

 *
Es war eine lustige Wendeltreppe.
Dann kam eine ernste würdige Schleppe
Und hat gerauscht und hat sich gebläht
Und sprach: „Ich bin eine Majestät.“

5
Da lachte die Wendeltreppe munter

Und warf die Schleppe acht Stufen hinunter.

 *
Es redete die Exegese.
Ihr Hörer war ein Zopfchinese.
Der nickte nur von Zeit zu Zeit;
Die Exegese war erfreut.

5
Auf einmal fragte der Chinese;

Da ward die Exegese bese.


[8]

 Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht

5
Und an dem Zollwächter vorbei.

Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten,
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.

10
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.


Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

15
Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.

Deswegen begrüsste der Wirt ihn freundlich: „Hallo old sayler!“
Daddeldu liebte solch freie herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri

20
Und sagte: „Da nimm, du Affe!“

Daddeldu sagte nie „Sie“.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“,

25
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse

Und behielt für die Braut nur noch drei.

[9]

Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne dass sich Daddeldu selber verletzte.

30
Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold

Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold

35
Und goss noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.

Daddeldu dachte an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,

40
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.


Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,

45
Rannte der grosse Spiegel gegen den kleinen Wirt.

Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Strasse.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:

50
„Sie Daddel Sie!“

Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draussen stand Daddeldu

[10]
55
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.

Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?

60
Und klappte die Tür wieder zu.

An der Tür stand: „Für Damen“.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.


 Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein

Daddeldu malte im Hafen mit Teer
Und Mennig den Gaffelschoner Claire.
Ein feiner Herr kam daher,
Blieb vor Daddeldun stehn

5
Und sagte: „Hier sind fünfzig Pfennig,

Lieber Mann, darf man wohl mal das Schiff besehn?“
Daddeldu stippte den Quast in den Mennig,
Dass es spritzte, und sagte: „Fünfzig ist wenig.
Aber, God demm, jedermann ist kein König.“

10
Und der Fremde sagte verbindlich lächelnd: „Nein,

Ich bin nur Fürst Wittgenstein.“
Daddeldu erwiderte: „Fürst oder Lord –
Scheiss Paris! Komm nur an Bord.“
Wittgenstein stieg, den Teerpott in seiner zitternden Hand,

15
Hinter Kutteln das Fallreep empor und kriegte viel Sand

In die Augen, denn ein schwerer Stiefel von Kut-
Tel Daddeldu stiess ihm die Brillengläser kaput,
Und führte ihn oben von achtern nach vorn

[11]

Und von Luv nach Lee.

20
Und aus dem Mastkorb fiel dann das Brillengestell aus Horn,

Und im Kettenkasten zerschlitzte der Cutaway.
Langsam wurde der Fürst heimlich ganz still.
Daddeldu erklärte das Ankerspill.
Plötzlich wurde Fürst Wittgenstein unbemerkt blass.

25
Irgendwas war ihm zerquetscht und irgendwas nass.

Darum sagte er mit verbindlichem Gruss:
„Vielen Dank, aber ich muss – – –“
Daddeldu spuckte ihm auf die zerquetschte Hand
Und sagte: „Weet a Moment, ich bringe dich noch an Land.“

30
Als der Fürst unterwegs am Ponte San Stefano schmollte,

Weil Kuttel durchaus noch in eine Osteria einkehren wollte,
Sagte dieser: „Oder schämst du dich etwa vielleicht?“
Da wurde Fürst Wittgenstein wieder erweicht.
Als sie dann zwischen ehrlichen Sailorn und Dampferhallunken

35
Vier Flaschen Portwein aus einem gemeinsamen Becher getrunken,

Rief Kuttel Daddeldu plötzlich mit furchtbarer Kraft:
„Komm, alter Fürst, jetzt trinken wir Brüderschaft.“
Und als der Fürst nur stumm auf sein Chemisette sah,
Fragte Kuttel: „Oder schämst du dich etwa?“

40
Wittgenstein winkte ab und der Kellnerin.

Die schob ihm die Rechnung hin.
Und während der Fürst die Zahlen mit Bleistiftstrichen
Anhakte, hatte Kuttel die Rechnung beglichen.

Der Chauffeur am Steuer knirschte erbittert.

45
Daddeldu hatte schon vieles im Wagen zersplittert,

Während er dumme Kommandos in die Strassen und Gassen

[12]

Brüllte. „Hart Backbord!“ „Alle Mann an die Brassen!“
Rasch aussteigend fragte Fürst Wittgenstein:
„Bitte, wo darf ich Sie hinfahren lassen?“

50
Aber Daddeldu sagte nur: „Nein!“

Darauf erwiderte jener bedeutend nervös:
„Lieber Herr Seemann, seien Sie mir nicht bös;
Ich würde Sie bitten, zu mir heraufzukommen,
Aber leider – –“ Daddeldu sagte: „Angenommen!“

55
Auf der Treppe bat dann Fürst Wittgenstein

Den Seemann inständig:
Um Gottes willen doch ja recht leise zu sein;
Und während er später eigenhändig
Kaffee braute – und goss in eine der Tassen viel Wasser hinein, –

60
Prüfte Kuttel nebenan ganz allein,

Verblüfft, mit seinen hornigen Händen
Das Material von ganz fremden Gegenständen.
Bis ihm zu seinem Schrecken der fünfte
Zerbrach. – Da rollte er sich in den grossen Teppich hinein.

65
Dann kam mit hastigen Schritten

Der Kaffee. Und Fürst Wittgenstein
Sagte, indem er die Stirne rümpfte:
„Nein, aber nun muss ich doch wirklich bitten – –
Das widerspricht selbst der simpelsten populären Politesse.“

70
Daddeldu lallte noch: „Halt’ die Fresse!“



 Kuttel Daddeldu besucht einen Enkel

„Mein lieber Heini! – Denn so heisst du ja wohl? –
Über die Folgen der Weiber und des Alkohol
Musst du mal deine Mutter befragen, –

[13]

Oder nein!! Besser schon gehst du

5
Damit zum Lehrer. – Ich will dir nur Eines sagen:

Gehe niemals zur See!! Verstehst du?
Denn das Seemannsleben ist sauer ernst und schwer;
Und wie du mich hier mit meinem weissen Bart
Siehst – du dummer Bengel, so kik doch her! –

10
Habe ich mir bis heute noch keinen Groschen erspart.


Mein lieber Heini! du bist heute konfirmiert oder eingesegnet.
Ich schenke dir hiermit, weil du nun eingesegnet oder gefirmt
Bist, diesen Schirm. Nicht, dass er dich jemals beschirmt.
Sondern, wenn’s mal recht kabelgarndick vom Himmel regnet,

15
Sollst du ihn an der nächsten Kante in Stücke zerschlagen.

Denn ein rechter Kerl muss jedes Wetter vertragen
Und nur auf Gott und seinen Kaptein vertraun.
Und sollte dir jemals jemand was andres sagen,
Dem musst du deine Seekiste über den Bregen haun.

20
Weil ein Mann sich soll as ein Kerl benehmen,

Und lass dich nicht vor den Landratten lumpen.
Wenn wir uns auch mal im Hafen den Schlauch vollpumpen,
Deswegen braucht sich von uns an Deck keiner zu schämen.
Denn jedes Frauenzimmer will sich doch mal amüsieren,

25
Und als Schiffsjunge heisst es vor allem parieren.

Wenn einem draussen solch dicker Teifun
Durch Nase und Arschloch pfeift, – –
Dann hättest du Grossvater Daddeldun
Sehen sollen, wie er den Jungens die Eier schleift!

30
Hauptsache ist, dass man nur richtig die Lage peilt.

Was die Studierten predigen, das ist alles Beschiss.
Mein erster Bootsmann hat sich viermal die Syphilis

[14]

Nur mit Spiegelscherben und Branntwein geheilt. –
Was feixt du da, naseweiser Flegel! –

35
Das ist alles Wort für Wort wahr

Und gar nicht zum Lachen.

Na lass man. Du bist erst fünfzehn Jahr.
Da wollen wir beide mal heute mit vollem Segel
So einen Trip durch Sankt Pauli-Liederlich machen.“


 Seemannsgedanken übers Ersaufen

Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt.
Viel schlimmer ist, wenn ein volles Fass verdirbt.
Aber auch wir wollen erst ausgetrunken sein.
Besauft euch beizeiten.

5
Alle Flüssigkeiten

Finden sich wieder ins Meer hinein,
Wo wir den Schwämmen gleich sind,
Wo uns nichts gebricht,
Weil wir weich sind.

10
Und wenn man in eine Leiche sticht:

Sie fühlt es nicht.
Wird mich nie mehr acht Glasen wecken,
Will ich gerne den Fischen wie Hackfleisch mit Rührei schmecken.
Weil das mit Sinn so geschieht,

15
Denn die haben gewiss nicht vergessen,

Wieviel Schollen wir in uns hineingefressen.
Nur bei den Würmern im Sarge ist ein Unterschied.
Wenn uns der Haifisch beim Wickel kriegt –
Das müsste mal einer malen!

[15]
20
Was da wohl alles so unten beisammenliegt –

Zerbrochene Schiffe, Krebse und Apfelsinenschalen.
Frisch ersoffen also und nicht gejammert,
Aber natürlich auch nicht zu übereilt;
Wer sich nicht tapfer noch an die letzte Handuhle klammert,

25
Der ist im Leben nie um die Horn gesailt.

Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er sterben muss!
Aber muss es sein, dann nicht schüchtern.
Ersaufen ist auch ein Genuss,
Und vielleicht wird man dann nie mehr nüchtern.

30
Denn nur über das Fleisch und die Knochen

Weiss man was, offenbar.
Aber sonst hab’ ich noch keinen gesprochen,
Der richtig ersoffen war.


 Kuttel Daddeldu im Binnenland

Schlafbrüchige Bürger von Eisenach
Tapsten ans Fenster. Denn draussen gab’s Krach.
Da sang jemand, der eine Hängematte
Und ein Geigenfutteral auf dem Rücken hatte.

5
Und liess auch Töne frei, die man besser

Sich aufspart für Sturmfahrten im Auslandsgewässer.

Zehn Jahre zuvor und von Eisenach sehr entfernt
Hatte Daddeldu bei Schwedenpunsch, Whisky, Rotwein und Kuchen
In Grönland eine Gräfin Pantowsky kennengelernt,

10
Die hatte gesagt: „Sie müssen mich mal besuchen.“

Und zehn Jahre lang merkte sich Kuttel genau:
Eisenach, Burgstrasse 16, dicke, richtig anständige Frau.

[16]

Auch studierte bei Eisenach oder Wiesbaden herum
Sein Schwager zolologisches Studium;

15
Für den schleppte Kuttel in dem Futteral

Seit Bombay ein seltnes Geschenk herum.
Nun, nach dem Untergange der Lotte Bahl,
Wollte er Schwager und Gräfin sozusagen
Mit zwei Fliegen auf einer Klappe schlagen.

20
Rief also jetzt die nächtlichen thüringer Leutchen

Mit englischen Fragen an. Später mit deutschen.
Aber die Gräfin Pantowsky kannte keiner.
Und auf einmal las Kuttel an Luvseite „Zum Rodensteiner“
Und kalkulierend, dass dort was zu trinken sei,

25
Klopfte er. Teils vergeblich und teils entzwei.


Weil weder Wirts- noch Freudenhaus noch Retirade
Sich öffneten, sagte Daddeldu: „Schade“.
Fand aber weitersteigend und unverdrossen
Das Haus Burgstrasse 16. Leider verschlossen.

30
Die Tür zum Gräflich Pantowskyschen Zwetschengarten

Zersplitterte. Daddeldu hatte beschlossen zu warten.

Mittags im Pensionat Kurtius
Bewarfen die Mädchen nach Unterrichtsschluss
Mit Stöpseln und leeren Konservendosen

35
Einen furchtbaren Kerl, der mit buchtigen Hosen

Und einem imposanten Revers
Zwischen Ästen in Höhe des Hochparterres
In einer Hängematte schlief
Und nicht reagierte auf das, was man rief.

40
Als er doch endlich halbwegs erwachte,

Weil von zwei Bäumen einer zur Erde krachte,

[17]

Spritzten die Mädchen dem Manne Eau de Kolon ins Gesicht.
Aber die Gräfin Pantowsky kannten sie nicht.
Und verwirrt über die Falschheit des Binnenlands

45
Nannte Kuttel die Vorsteherin „Alte Spinatgans!“

Und taumelte schlaftrunken, römische Flüche stammelnd, zu Tal,
Mit Hängematte, doch ohne das Dingsfutteral.

Alsbald, von wegen das Taumeln und Stammeln,
Begannen sich Kinder um ihn zu sammeln.

50
Und der Kinder liebende Daddeldu,

Nur um die Kinder zu amüsieren,
Fing an, noch stärker nach rechts und nach links auszugieren,
Als ob er betrunken wäre. Und brüllte dazu:
„The whole life is vive la merde!“

55
Und wurde so polizeilich eingesperrt.

An Gräfin Pantowsky glaubte dort keiner.
Und der unglücklich nüchterne Daddeldu
Gab den zerbrochenen Rodensteiner,
Gab alles andre Gefragte eilig zu

60
Und drehte – ohne Tabak – in der Nacht

Wie ein Log zwölf Knoten ins hölzerne Lager,
Oder vielmehr in die Hängematte.
Weil er das schöne Geschenk für den Schwager
In der Mädchenpension vergessen hatte.

65
Gewiss war das Futteral schon erbrochen,

Und das Geschenk war herausgekrochen
Und hatte vielleicht schon wer-weiss-wen gestochen.

Später im D-Zug, unter der Bank hinter lauter ängstlichen Beinen,

[18]

Fing Daddeldu plötzlich an, zum einzigsten Male zu weinen

70
(Denn später weinte er niemals mehr.) – –

Beide Flaschen Eau de Kolon waren leer.


 Kuttel Daddeldu und die Kinder

Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,
Geschieht es wohl, dass er hie und da
Eins oder das andre von seinen Kindern trifft,
Die begrüssen dann ihren Europapa:

5
„Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü!

Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching – tschung! Bablabü!“
Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührt
Und senkt die Hand in die Hosentasche
Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt,

10
– – Whiskyflasche,

Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster,
Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster,
Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: „Ei, ei!“
Und nochmals: „Ei, Ei!“ – Und verschwindet dabei.

15
Aber Kindern von deutschen und dänischen Witwen

Pflegt er sich intensiver zu widmen.
Die weiss er dann mit den seltensten Stücken
Aus allen Ländern der Welt zu beglücken.
Elefantenzähne – Kamerun,

20
Mit Kognak begossnes malaiisches Huhn,

Aus Friedrichroda ein Straussenei,
Aus Tibet einen Roman von Karl May,
Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar,
Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.

[19]
25
Und dann spielt der poltrige Daddeldu

Verstecken, Stierkampf und Blindekuh,
Markiert einen leprakranken Schimpansen,
Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzen
Und Schiffchen schnitzen und Tabak kauen.

30
Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen,

Tätowiert er den strampelnden Kleinchen
Anker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.

Später packt er sich sechs auf den Schoss
Und lässt sich nicht lange quälen,

35
Sondern legt los:

Grog saufen und dabei Märchen erzählen;
Von seinem Schiffbruch bei Feuerland,
Wo eine Woge ihn an den Strand
Auf eine Korallenspitze trieb,

40
Wo er dann händeringend hängen blieb.

Und hatte nichts zu fressen und saufen;
Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen,
Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen.
Ausserdem war da gar nichts zu kaufen;

45
Denn dort gab’s nur Löwen mit Schlangenleiber,

Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber.
Und er hätte gerade so gern einmal wieder
Ein kerniges Hamburger Weibstück besucht.
Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder.

50
Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht,

Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif,
Und Daddeldu sagte: „Ei wont ä weif.“
Und der Vogel Greif trug ihn schnell

[20]

Bald in dies Bordell, bald in jenes Bordell

55
Und schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter. –

So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.

60
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,

Und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.

65
Denkt aber noch tagelang hinter Sizilien

An die traulichen Stunden in seinen Familien.