Die kaiserlichen Privilegien der Universität Marburg - Eine academische Rede

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Textdaten
Autor: Friedrich Wilhelm Rettberg
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Titel: Die kaiserlichen Privilegien der Universität Marburg - Eine academische Rede
Untertitel: Die kaiserlichen Privilegien der Universität Marburg - Eine academische Rede am Geburtstage Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten von Hessen.
aus: Universitätsbibliothek Marburg (Sig: VIII C 1182, 1841)
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Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: N. G. Elwert
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Erscheinungsort: Marburg
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Einleitung[Bearbeiten]

Bei dem vorliegenden Dokument handelt es sich um eine Rede, die der Kirchenhistoriker und Theologieprofessor der Universität Marburg Friedrich Wilhelm Rettberg am 28.07.1841 auf der Geburtstagsfeier des Landgrafen und Kurfürsten von Hessen-Kassel Wilhelm II. gehalten hat. Darin spricht er darüber, wie die Universität Marburg ihre Privilegien als Universität von Kaiser Karl V. erhalten hat, und welche Lehren er für die (seine) Gegenwart in diesem Prozess sieht. So beschreibt er Philipp I. als Vorbildfigur, der im Erstarken der Landesfürsten, bei damit einhergehendem Machtverlust auf Reichsebene „die Lage Deutschlands mit dem gewohnten Scharfblicke durchschauete, die Veränderung als schon durchgesetzt anerkannte“ (S. 15), sich mit der Reformation für Fortschritt und Umgestaltung einsetzte, jedoch „das Band einer volksthümlichen Einheit“ (S. 26) dabei nicht vernachlässigte und deshalb auch die Anerkennung seiner Universität auf Reichsebene erwirkte.

Der Autor[Bearbeiten]

Friedrich Wilhelm Rettberg (* 21. August 1805 in Celle; † 7. April 1849 in Marburg) war ein deutscher evangelischer Kirchenhistoriker und Theologe. Zum Zeitpunkt der Abfassung war er ordentlicher Professor für Theologie an der Universität Marburg. Rettberg, dessen Eltern früh starben, besuchte ein Gymnasium in seiner Heimatstadt. In den Jahren 1824 bis 1827 studierte er in Göttingen und im Jahr 1827 in Berlin Philologie und Evangelische Theologie. 1827 wurde ihm in Göttingen der Doktortitel der Philosophie verliehen. Als Gymnasiallehrer in Celle arbeitete Friedrich Rettberg von 1827 bis 1830; in den nächsten drei Jahren hatte er eine Stellung als Repetent der theologischen Fakultät in Göttingen inne. Weitere drei Jahre lang war Rettberg als Hilfsprediger der St.-Jacobi-Kirche in Göttingen tätig. Zum Lizentiaten der Evangelischen Theologie wurde er 1833; im nächsten Jahr wurde er als außerordentlicher Professor der Evangelischen Theologie ernannt. 1838 wurde er zum Doktor der Evangelischen Theologie ernannt und zugleich als ordentlicher Professor nach Marburg berufen, wo er 1841/42 und 1848/49 (bis zu seinem Tod) als Rektor amtierte.[1] Ab 1847 gehörte Friedrich Wilhelm Rettberg dem oberhessischen Konsistorium an.

Kontexte der Rede[Bearbeiten]

Die Rede Friedrich Wilhelm Rettbergs fällt in die Zeit des Vormärz. Rettberg war während der Semester 1841/42, also zu dem Zeitpunkt der Rede, Rektor an dieser und ein weiteres Mal 1848/49, bis zu seinem Tod am 7.4.1849 .Die Universität in Marburg hatte unter der Politik des Hauses Hessen-Kassel „eine fortlaufende Zeit des Notstands ertragen müssen.“[2] Während der Restauration wurde die staatliche Besoldung der Universität wieder durch Kurfürst Wilhelm I. aufgehoben, welche in der Administration im Königreich Westphalen Bestand hatte. Weiter war die Marburger Universität von der konfessionellen Gebundenheit gelöst und ab 1822, unter Wilhelm II. in eine auch offiziell von einer „reformierten“ in eine „evangelische“ Universität umgewandelt worden. Ebenso lehrten katholische Dozenten an dieser. Am 5.1.1831 musste Wilhelm II. von Hessen-Kassel eine Konstitution unterzeichnen, welche als die fortschrittlichste im gesamten Vormärz galt. Dennoch floh er wegen seiner im Volk unbeliebten zweiten Ehefrau aus Kassel und erhob seinen Sohn Friedrich Wilhelm zum Mitregenten, da Wilhelm II. nicht wieder nach Kassel zurückkehrte war dies faktisch eine Abdankung.[3] Unter diesem Aspekt kann sich die Frage gestellt werden, warum Rettberg die Rede Wilhelm II., welcher zu diesem Zeitpunkt offiziell immer noch Monarch war und nicht seinem Sohn Friedrich Wilhelm gewidmet hat.

Rettberg thematisiert ausführlich die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Karl V. Und Philipp dem Großmütigen von Hessen. Es kann eine Parallele zwischen diesem Konflikt und, dem zu seiner Zeit aktuellen, Konflikt gezogen werden. So waren auch die Absichten Wilhelms II. Ein Königreich Hessen mit der Restauration zu erschaffen, welches er aber gegen Österreich, Preußen und Russland nicht durchsetzen konnte. Weiter stellte sich unter anderem Hessen-Kassel (Kurfürstentum Hessen) gegen einen Zollverein mit Preußen und Hessen-Darmstadt (Großherzogtum Hessen) und gründete einen eigenen Zollverein, welcher allerdings nicht lange bestand hielt. Prinz Friedrich Wilhelm schloss, gegen den Willen Wilhelms II. das Kurfürstentum 1831 dem Preußisch-Hessischen Zollverein zu.[4] Dies kann interessant sein, da Rettberg ab S. 26 von den geeinten Bruderstämmen spricht.

Die kaiserlichen Privilegien[Bearbeiten]

Der historische Kontext[Bearbeiten]

Die kaiserliche Anerkennung der Universität Marburg, zu deren dreihundertjährigem Jubiläum die Rede gehalten worden ist, ist nicht nur für die Geschichte der Universität von großer Bedeutung. Bis zu ihrer Gründung im Jahr 1527 war jede Universität im Reich durch päpstliche und vielerorts auch kaiserliche Autorität bestätigt und mit Privilegien versehen worden. Obgleich sich Landgraf Philipp I. schon bei der Gründung um eine solche Bestätigung bemühte,[5] sollte es 14 Jahre dauern, bis die Universität sie erhielt, denn ohne sie wurden Abschlüsse der Hochschule nur in ihrem Territorium anerkannt, im Gegensatz zu reichsweit anerkannten Generalstudien, deren Promovierte und Professoren in der Regel auch im ganzen Reich lehren durften.

Dass die Universität nie ein päpstliches Stiftungsprivileg erhielt, wird durch ihre protestantische Ausrichtung ersichtlich, doch Landgraf Philipps führende Position innerhalb der protestantischen Gegner des Kaisers, dem sogenannten Schmalkaldischen Bund, sollte auch sein Bemühen um die kaiserliche Bestätigung lange behindern. Obgleich Karl V. bereits im Jahr 1531 das erste Gesuch erreichte, leugnete dieser die Kenntnis über die Gründung einer Universität in Marburg.[6] Seine nächsten Versuche, die kaiserliche Anerkennung zu erhalten, unternahm Philipp im Jahr 1535, in welchem die politische Lage sich durch den Frieden von Kaaden entspannte, über den von ihm unterstützten König Ferdinand, und erneut in 1536, doch mit Verweis auf die Bedenken von kaiserlicher Seite, auf der einen Seite die Privilegien unter Ausschluss einer Fakultät zu verleihen, auf der anderen Seite jedoch die Problematik der Lehrerlaubnis und Einnahme von Kirchenpfründen für promovierte Theologen aus Marburg bemerkend, scheiterten auch diese Versuche.

Die 1540 vollzogene Bigamie Landgraf Philipps, auf die zu dieser Zeit die Todesstrafe stand, zwangen diesen im Jahr 1541 schließlich zu Verhandlungen mit dem Kaiser. Auf dem Reichstag von Regensburg, auf welchem dieser den Religionsstreit beizulegen versuchte, damit jedoch scheiterte, vermochten Kaiser und Landgraf dennoch, am 13. Juni 1541 einen Vertrag abzuschließen, in dem Philipp zugestand, den Kaiser politisch zu unterstützen. Hierfür erhielt er die Vergebung des Kaisers für die Doppelehe und sein vergangenes politisches Vorgehen gegen ihn. Obgleich die Bestätigung der Universität im Regensburger Vertrag[7] keine Erwähnung findet, wurde die Urkunde der kaiserlichen Bestätigung am 16. Juli 1541 ausgestellt.

Die Urkunde[Bearbeiten]

In der Dispositio der Urkunde konfirmiert Karl V die Universität zu Marburg und verleiht ihr „Freyhaiten, Priuilegien und Gnaden, so wie obgemelt anndere vniuersiteten vnd hohe Schuelen im heiligen Reiche haben,“[8] sie damit in den Rang einer vollwertigen Universität erhebend, mit denselben Privilegien wie andere Hochschulen. Anschließend wird unter Strafandrohung gemahnt, sich diesem kaiserlichen Willen nicht zu widersetzen und die neu erworbenen Rechte der Universität nicht nur zu respektieren, sondern ein Zuwiderhandeln auch nicht zu dulden. Dass die Bedenken, die die kaiserliche Kommission äußerte, ihren Anklang im Wortlaut der Urkunde finden, wird durch den detailreichen Vergleich ersichtlich, den Roderich Schmidt zu anderen Universitätsprivilegien zieht.[9] Während in vielen anderen Verleihungen von Universitätsprivilegien (katholischer Universitäten) etwa explizit die einzelnen Fakultäten erwähnt werden, das ihnen zustehende Promotionsrecht, die Zuständigkeit für die Ernennung von Professoren, sowie das Recht ius ubique docendi, überall zu lehren, ist die Marburger kaiserliche Bestätigung äußerst allgemein gehalten. Des Weiteren reflektiert das wiederholte Mahnen des Kaisers, sich der Verfügung nicht zu widersetzen, Philipps Sorge, dass die neu erworbenen Rechte seiner protestantischen Universität missachtet werden könnten.[10]

Original, Drucke und der Forschungsstand[Bearbeiten]

Heute liegt das Original der Urkunde im Archiv der Philipps-Universität Marburg (Signatur: UniA Marburg Bestand Urk. 91 Nr. 309), Digitalisate lassen sich sowohl in der Datenbank des Lichtbildarchivs älterer Originalurkunden der Universität[11] als auch des Universitätsarchivs Marburg[12] begutachten. Eine älterer Abdruck der Urkunde befindet sich in der Urkundensammlung[13] von Bruno Hildebrand zur Verfassung und Verwaltung der Universität Marburg in der Herrschaftszeit Philipps I. Eine Edition der Urkunde ist in einer, 1982 erschienenen, von Hans Georg Gundel herausgegebenen Edition der Statuten der Universität Gießen 1629[14] enthalten, in welcher die Statuten der Marburger Universität aufgrund ihrer zeitweiligen Zusammenführung mit Gießen und Schließung aufgeführt werden. Neben der hier vorliegenden Rede wird das Privileg der Universität Marburg zum Beispiel auch in der Festtagsrede zum 400-jährigen Geburtstag des Landgrafen von Dr. Conrad Varrentrapp 1904 behandelt.[15] Für eine ausführliche Analyse der Vorgeschichte und des Inhalts der Urkunde und ihrer Bedeutung im Kontext der Privilegierungen protestantischer Universitäten besonders im 16. und 17. Jahrhundert, s. „Die kaiserliche Bestätigung der Marburger Universitätsgründung von 1527 durch Karl V. 1541“ von Roderich Schmidt in der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde Nr. 108.[16]



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Die kaiserlichen

Privilegien

der

Universität Marburg

verliehen

den 16. Julius 1541.

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Eine academische Rede

am Geburtstage

Seiner Königlichen Hoheit

des

Kurfürsten von Hessen

am 28. Julius 1841

gehalten

von

Dr. Friedrich Wilhelm Rettberg,

ordentlichem Professor der Theologie.

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Marburg.

Druck und Verlag von N. G. Elwert.

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1841.

[2]

[3]
Bei einer Universität, die so tief wie die unsrige ihre Wurzeln in den Boden der Geschichte verzweigt hat, ist es kaum möglich, einen festlichen Tag zu begehen, ohne dabey ergreifender Vorgänge der Vergangenheit eingedenk zu seyn. So hat uns diese festliche Stunde zur Feyer eines Tages vereint, der einst dem Vaterlande den Fürsten schenkte, für dessen Wohlseyn jeder getreue Unterthan die heißesten Wünsche dem Geber alles Guten darbringen wird. Indem wir nach alt academischer Sitte diese Gelegenheit ergreifen, um uns zu sammeln, um gleichsam einen höhern Gesichtspunkt zu gewinnen über unser alltägliches Thun, ist es sofort das Gedächtniß der Vergangenheit, das mit großartiger Mahnung an uns herantritt, und einen Blick in die Geschichte unserer Universität uns abnöthigt. Ihre Stiftung war ja ein wesentlicher Theil der Reformation Deutschlands; darum vergeht besonders in diesen Decennien, innerhalb deren vor 300 Jahren jenes große Ereigniß verlief, kaum ein Jahr, das, so wie es ein Blatt in der Geschichte Deutschlands umwendet, nicht auch irgend ein bedeutendes Andenken an unsere Anstalt ins Gedächtniß zurückbrächte. Sehen wir nach, welches Ereigniß durch das gegenwärtige Jahr zu dreihundertjähriger Erinnerung uns vorgeführt wird, so ist es in der That kein geringes, sondern wohl werth, als ein Nachhall des Jubels zu dienen, in welchen vor 14 Jahren unsere Philippina am Gedächtnißtage ihrer Stiftung ausbrach. Im Jahre 1541 im Monat Julius, und zwar am 16. desselben, vollzog Kaiser Karl V. die Privilegien der Universität Marburg, und erhob dadurch die Stiftung Philipps des Großmüthigen zu einer allgemeinen Bildungsanstalt

1*

[4]
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Deutschlands. Dort die Scepter der Universität bewahren das Andenken des gewaltigen Kaisers durch ihre Inschrift: Carole quinte vale, tu sceptra scholamque dedisti. Hier die Urkunden unserer Stiftung enthalten den kaiserl. Erlaß *).
      Fragen wir zunächst was dieser Schritt des Kaisers bedeute, was er einer Anstalt Großes bringen konnte, die ja auch ohne diese Gunstbezeugung des Reichshaupts 14 Jahre lang geblühet, die damals schon ihre Zöglinge zu den höchsten Würden des Staats und der Kirche, andere zu noch höhern Ehren, zu der Würde von Märtyrern für die evangelische Wahrheit hatte erhoben gesehn, fragen wir, was bei solchem Bestehen jener äußere Umstand ihr Erhebliches verleihen konnte: so stellte er sich nach der ganzen damaligen Bedeutung des deutschen Reichs doch als sehr einflußreich heraus. Zunächst für die Sache der Reformation, womit die Stiftung Philipps so eng verwachsen war, lag darin die Anerkennung unserer Anstalt als völlig zu Rechte bestehend im deutschen Reich, und die Verbindung des Evangeliums mit menschlicher Wissenschaft und Bildung als gerechtfertigt vor dem damaligen höchsten Richter auf Erden.
      Sämmtliche Hochschulen Deutschlands, die bis dahin gestiftet waren, so noch die letzte zu Wittenberg 1502 gegründet, hingen eng mit dem Leben der catholischen Kirche und den ihr verwandten Formen des Studiums zusammen; sie standen unter der Aufsicht des Papstes, leiteten von ihm im letzten Maße ihre Berechtigung ab, dienten nach ihrer ganzen Anlage dem catholisch kirchlichen Systeme, das im Papste seinen Hochpunct fand. Als tonangebend und vorbildlich für diese ältere Form deutschen Studienlebens galt die Universität Paris, von der eine ununterbrochene Tradition auf die deutschen Hochschulen Prag, Heidelberg, Leipzig, Tübingen, Wittenberg sich verfolgen, und in ihnen dasselbe Gepräge der Bildung wiederfinden läßt, womit Paris seit längern Jahrhunderten das Studium

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     *) S. dieselben in Lünigs Reichsarchiv Bd. IX. S. 713.

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in der christlichen Welt beherrschte. Diese Form hieß Scholastie, jenes subtile Gewebe von Speculation und Auctoritätsglauben, das zwar in seinen Hochpuncten auch eine Entfaltung des menschlichen Talentes bleibt, allein gerade damals in leeres Wortgefecht ausgeartet namentlich auf dem Gebiete der Theologie und Kirche die entsetzlichste Verödung und Verwüstung angerichtet hatte. In Wittenberg, der zuletzt in jener Reihe gestifteten Universität, war zwar der große Kampf schon durchgefochten, wo die Sentenzen des Lombarden und die Subtilitäten der Summisten dem lautern Worte Gottes hatten weichen müssen; allein die Anstalt selbst fand ihre Berechtigung doch immer noch in der Vorzeit, und deren bereits abgelaufenen Leistungen; ihr Bestehen war rechtlich nur durch Theilnahme an jenem traditionellen Faden der Bildung gewährt, so daß sich wesentliche Reste der alten Form selbst auch dort erhalten hatten, wie sich in der bald erneuerten Scholastic innerhalb der lutherischen Kirche hinreichend auswies. Dagegen die Stiftung Marburgs, als der ersten evangelischen Universität, brach jenen traditionellen Faden ab; hieher zog keine Erinnerung herüber, die sich auf Paris und die Scholastic zurückführen ließe, hier war es das reine Bedürfniß nach Bildung und wissenschaftlicher Leitung, der unverbrüchliche Bund zwischen dem Evangelium und der Wissenschaft, der eine neue Hochschule ins Leben rief. Ihre innere Berechtigung trug sie in sich selbst, in der Forderung geistiger Bildung, wie sie ein christlicher Staat an seine Glieder, so gebietende wie gehorchende, stellt; ihre äußere Gewährleistung hatte sie in dem Willen eines hochherzigen Fürsten, wie ihn Deutschland damals nicht weiter zählte. Nur ihr Bestehen zu Rechte in Deutschland neben ihren älteren Schwestern fehlte ihr, so lange nicht das Reichshaupt sie eintreten ließ in deren Reihen. Eben dieß geschah durch Verleihung der kaiserlichen Privilegien, zu deren 300jährigem Gedächtniß wir uns heute veranlaßt finden. Es war also ein Zugeständniß an die Sache der Reformation selbst, dessen Gewicht Niemand so zu schätzen
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wußte als der Stifter Philipp, indem er unablässig deren Erwerbung betrieb, und dessen Bedeutung Niemand so sehr anerkannte, als Kaiser Karl, weil er mit der Gewährung so lange gezögert hatte. Es war das Eingeständniß, daß Bildung und Wissenschaft, diese höchsten Güter der Menschheit, nicht gebunden seyen an die äußere Einheit der catholischen Kirche, daß die Wissenschaft, wie sie selbstständig geworden war im Gebiete des evangelischen Glaubens, so auch zu Recht dastehen solle im Umfange des heiligen römischen Reichs deutscher Nation; es war die Mündigkeitserklärung des Protestantismus, die zwar ihm selbst keinen weitern Gehalt hinzufügte, den er nicht in sich selbst gehabt hätte, die aber wie alle Rechtsformen durch äußere Bestätigung dessen, was sich mit innerer Nothwendigkeit herausgestellt hat, dem Ganzen auch ein geordnetes Bestehen zusichert. Dieß war die factische Bedeutung jenes Schrittes des Kaisers auf dem Reichstage zu Regensburg. Allein sehen wir genauer nach, so hat jedes bedeutsame Ereigniß nicht bloß einen Sinn für seine Gegenwart, sondern auch eine Ahnung für die Zukunft, trägt einen prophetischen Character in sich. Auch bei den Schritten Philipps, um seiner Stiftung die volle Anerkennung durch Kaiser und Reich zu verschaffen, handelte es sich um mehr, als daß etwa künftig die Marburger Doctoren und Licentiaten als rite promovirt im Reich anerkannt werden sollten; es war die Ahnung eines Friedens in Deutschland überhaupt, wodurch beide Bekenntnisse als gleichmäßig im Reiche zu Rechte bestehend betrachtet würden. Es war der erste Sonnenstrahl des Friedens nach mehr als zwanzigjährigen Stürmen, war das Vorgefühl einer Lösung des großen Haders, wie sie die Zukunft bringen mußte. Zwar bis zum völligen Eintritt dieses Friedens waren noch mehrjährige Kämpfe zurück, ja zur eigentlich blutigen Entscheidung sollte es noch erst kommen; Philipp selbst hatte noch erst den Krieg nicht allein gegen die Macht des Kaisers und der catholischen Stände, sondern auch gegen Zaghaftigkeit und Verrath unter seinen eigenen Verbündeten zu bestehen; noch
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erwartete ihn erst die lange Haft im Kerker zu Mecheln. Allein daß der Kampf mit dem Siege der evangelischen Sache enden, daß ein geordneter Rechtszustand im Reiche mit Anerkennung derselben errungen werden müsse, dafür war ihm eben die Geltung eine Bürgschaft, die er damals seiner Stiftung an der Lahn erwarb. Der Frieden Deutschlands war damals schon geistig errungen; die Parteien erkannten einander auf dem Gebiete des Glaubens und der Wissenschaft als ebenbürtig an; und das ist ja das große Uebergewicht, das jedesmal das geistige Leben über bloß materielle Kräfte besitzt, daß Entscheidungen, die dort erst durchgeführt sind, auch hier einer sichern, nicht mehr zu vereitelnden Lösung entgegen gehen. So wie Philipps Stiftung, die bisher nur hessische Universität, zu einer Bildungsanstalt des deutschen Reichs geworden war, so mußte auch die evangelische Sache selbst der Anerkennung im Reiche entgegen gehen. Dieß war die prophetische Bedeutung des Regensburger Reichstags im Julius 1541, und der Anerkennung unserer Philippina daselbst, dieß das Ahnungsvolle in dem Namenszuge Karls, womit er die Privilegien unserer Stiftung vollzog. Es war die Zukunft Deutschlands in einen kurzen Augenblick zusammengedrängt.
     Indeß jedes Ereigniß der Geschichte erhält erst sein rechtes Licht durch Beachtung des Grundes und Bodens, auf welchem es erwuchs, durch Aufdeckung des hinter der äußern Hülle der Ereignisse verborgenen geistigen Verlaufs. Die Handlung des Kaisers in jenem Augenblick war doch auch nur das einzelne Glied einer höher hinauf liegenden Kette. Nicht treffender werden wir deßhalb den ganzen Vorgang erläutern können, als durch ein Nachfragen in der Geschichte, welche Beweggründe etwa dem Kaiser dabei vorschwebten, war es wirkliche Zuneigung zum Landgrafen und dessen Sache, oder war es irgendwie ein Act der Noth, wobei freilich ein tieferes Eingehen in Kaiser Karls Character und Politic uns nicht erspart werden kann.
      Jeder Schritt des Kaisers bei der damaligen Verwicklung
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der Verhältnisse in Deutschland, bei dem Ineinandergreifen von Staat und Kirche, hatte eben so sehr eine kirchliche wie eine politische Seite, und von beiden aus werden wir sein Verhältniß zum Landgrafen Philipp aufzufassen haben. Karls eigentliche Stellung zum Landgrafen, dessen Sache mit der Reformation völlig zusammenfiel, ist allerdings nicht leicht auszumachen, da sich des Widersprechenden so viel bei ihm findet: Zugeständnisse an die evangelische Sache, und dann doch wieder harte Bedrückung derselben, Milde gegen die protestirenden Stände, und dann doch wieder Scheiterhaufen und Blutgerüst besonders in den Erblanden, freundlicher Verkehr mit ihren Fürsten, und dann wieder im Schmalkaldischen Kriege zuletzt die offene, und was schlimmer ist, die tückische Gewalt, so daß man wohl schon am wenigsten zu irren glaubte, wenn man geradezu das Schwankende, Unentschlossene als den hervorstechenden Zug in seinem Character anerkannte. So viel indeß wird sich hier leicht herausstellen, daß Karl das ganze Ereigniß nur von der politischen, nicht aber von der kirchlich-religiösen Seite aufzufassen geneigt war.
      Der Eindruck, den die Reformation von der kirchlichen Seite auf ihn machte, war ein durchaus getheilter, so daß die streitenden Gefühle sich gegenseitig aufhoben, und ihm völlig freie Hand ließen, dabei nur nach seinen politischen Entwürfen zu verfahren. Von der einen Seite war und blieb Karl in seinem Herzen catholischer Christ: er war durch seine Abstammung aus dem Hause Burgund, durch seine Kronen und Reiche diesseits und jenseits des Weltmeers fest an den catholischen Glauben gebunden, so daß die Vermuthung, wenigstens sein Sterbelager im Kloster St. Iust haben evangelische Anklänge umstanden, durch nichts weiter unterstützt wird, als daß seine geistliche Umgebung, die ihn aus Deutschland nach Spanien begleitet hatte, bald darauf den Griffen der Inquisition erlag. Karl war in seinem Glauben catholischer Christ, und mußte darum in der Reformation nur die gefährlichste Häresie erblicken. Allein die
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catholische Kirche ist nicht bloß ein System des Glaubens; sie hatte ihrer ganzen Stellung nach auch eine äußere Seite, womit sie tief in das Leben der Einzelnen und der Staaten eingriff: sie zählte einen wohlorganisirten Weltklerus mit dem Papst an der Spitze, umfaßte zahlreiche Vereine von Ordensgeistlichen mit den allerstreitigsten Interessen, besaß umfangreiche geistliche Herrschaften, hielt in ihrer Hand Bann und Interdict, die Gewalt des Beichtstuhls und der Sacramente, kurz der Mittel unzählige, wodurch sie das Leben der abendländischen Christenheit bewegen und leiten konnte. Hier nun läßt sich behaupten, daß durch Mißbräuche und Uebelstände in der äußern Erscheinung der Kirche des Kaisers Seele hinreichend verletzt, und sein Entschluß zur Abstellung derselben fest genug war, um jenem ungünstigen Eindrucke der Reformation völlig die Wage zu halten.
      Zunächst eine solche Unterscheidung zwischen dem catholischen Glauben, so viel man dessen bedurfte, um als rechtgläubiger Christ nach damaliger Ansicht des Himmels gewiß zu seyn, und zwischen der Kirche als bedeutender Macht in den europäischen Welthändeln, eine Unterscheidung zwischen dem Papst als Nachfolger Petri im Besitz der Himmelsschlüssel, und zwischen ihm als angesehener Macht, so wichtig für den Besitz Italiens, diese Unterscheidung zwischen Glauben an die Lehrsätze der Kirche und zwischen Gehorsam gegen ihre anderweitigen Forderungen, war nichts Besonderes bei Kaiser Karl, sondern seinem ganzen Zeitalter eigen. Einen solchen Zwiespalt in den Gemüthern hatte die Politic des römischen Stuhls längst selbst hervorgerufen, indem sie Lehren und Dogma nur zum Deckmantel ihrer weltlichen Entwürfe nahm. Der Kunstgriff war längst entdeckt, und selbst viel entschiedenere Anhänger des catholischen Glaubens, als Kaiser Karl, gestatteten sich ohne Zagen jene Unterscheidung. Wer war doch wohl catholischer, als Herzog Alba, der die Gefilde Brabants und Flanderns entvölkerte zur Ehre der catholischen Kirche? allein brachte es die Politic seines Herrn mit sich, so stand er gar nicht an, denselben
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Statthalter Christi, dem er den Kuß der Devotion nicht versagte, doch zugleich als Gefangenen nach dem Rechte des Siegers zu behandeln. Ja gab doch der heil. Vater selbst das Beyspiel zu jener Unterscheidung: die Protestanten in Deutschland, die er als ruchlose Ketzer mit allen Flüchen in den Abgrund der Hölle wünschte, waren ihm von der andern Seite gar ersehnte Bundesgenossen, um dem Kaiser in Deutschland eine stete Opposition zu erhalten, und seinen Entwürfen Fesseln anzulegen. In der Seele des Kaisers traf aber dieser Widerspruch am schneidendsten zusammen. Als catholischer Christ mußte er über die Reformation entrüstet seyn, da sie an den Dogmen und Gebräuchen, worin der catholische Glaube seine Befriedigung fand, den trügerischen Schein aufdeckte; allein sicher mußte dieser Eindruck durch die Beobachtung der andern Seite wieder aufgehoben werden, durch Anerkennung der vielen und schreienden Mißbräuche im Leben der catholischen Kirche selbst. Sollte wohl die Klage, der Unwille, der Zorn der deutschen Nation über Plünderung und Mißhandlung durch alle Kreaturen Roms ihm dem deutschen Kaiser unbekannt und gleichgültig geblieben seyn? Seit Jahrhunderten erscholl der Ruf durch die Christenheit nach einer Reform an Haupt und Gliedern: die ruhmvollen Hohenstaufen hatten dafür Krone und Blut gespendet; ganze Völker, wie die Böhmen, waren mit blutiger Begeisterung dafür aufgestanden; auf den großen Concilien des 15ten Jahrhunderts hatten die Häupter der Kirche, der Wissenschaft, des Staats dafür gekämpft; wie oft waren in der entschiedensten Fassung gravamina nationis germanicae nach Rom gesandt; aber jedesmal durch italiänische Arglist ohne Erfolg! Jetzt erhob sich der norddeutsche Geist, der mit der Waffe des Glaubens jene Ungebühr angriff, und die Wurzel aller Mißbräuche darin aufdeckte, daß der Papst der Antichrist sey. Die Wirkung gegen das kirchliche Verderben war deßhalb so unwiderstehlich, weil sie auf der Grundlage des frommen Glaubens erwuchs. Sollte wohl nicht auch bei dem Kaiser die Billigung, die er der Reformation zollen

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mußte in ihrem Kampfe gegen Mißbräuche und Entartung im kirchlichen Leben, hingereicht haben, um den minder günstigen Eindruck zu entkräften, den er als catholischer Christ aus ihrer Abweichung von den Lehren entnahm? Drang er darum nicht selbst unaufhörlich auf ein allgemeines Concil, um da zu helfen, wo er die Reformation in ihrem Rechte sah? Wie wenig er in den Protestanten die religiöse Partei haßte, wie vollkommen jene verschiedenen Eindrücke sich bey ihm ausgeglichen hatten, bewies er durch die That nach seinem Siege im Schmalcaldischen Kriege: als er Wittenberg in seiner Gewalt hatte, dauerte der evangelische Gottesdienst fort; die spanischen Soldaten durften ja nicht einmal die Asche Luthers beschimpfen; das Interim, das er den Protestanten auflegte, enthielt zwar viel Hartes, aber bei Weitem nicht so viel, als man in Rom wünschte; zog doch der Papst sofort im Aerger darüber seine Hülfstruppen aus Deutschland zurück. Es darf demnach wohl ausgemacht seyn, daß wenn Karl auf dem Reichstage zu Regensburg durch manche Gunstbezeugung an den Landgrafen Philipp, und so auch durch Verleihung der Privilegien unserer Universität eine ausnehmende Milde gegen die Sache der Reformation bewies, dieß wenigstens nach seiner religiösen Denkart nicht als Täuschung zu gelten braucht. So viel ihn die Reformation von der Seite des Glaubens und der Lehre verletzte, eben so viel stimmte er ihr rücksichtlich der Praxis und des Lebens auch wiederum bey. Nach der kirchlichen Seite hin haben wir ein Recht, seine Stellung als indifferent zu bezeichnen.
     Es bleibt nur die politische Seite an jenem Schritte des Kaisers zu prüfen über. Indessen die Frage, war die kaiserliche Gunstbezeugung an Philipp von Hessen vom Standpuncte der Politic aufrichtig gemeint, oder nur Eingebung des Interesses, diese Frage hat streng genommen keinen Sinn, da sie voraussetzt, es gäbe überhaupt auf dem Felde der Politic Aufrichtigkeit, und es entschieden dort die Interessen nicht unbedingt: für Karls V. Zeit oder das 16. Jahrhundert, und
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noch mehr für die so viel schlimmere Zeit eines Louis XIV. wird diese Anklage nicht zu hart seyn; ob seitdem sich die Politic gebessert, möge hier ununtersucht bleiben. Stellen wir also die Frage vielmehr etwa so, ob sich der Kaiser zu jener Gunstbezeugung verstanden haben würde, wenn er nicht anderweitige Vortheile dabey im Auge gehabt hätte. Wir müssen antworten: schwerlich! denn daß er dem Streben Philipps überhaupt, und so auch in Stiftung unserer Universität besonders zugethan, daß er von irgend andern freundlichen Gefühlen gegen ihn erfüllt gewesen wäre, als wie sie etwa der schwächere Character sich von dem durch Rath und That kräftigern Gegner abzwingen läßt, muß sehr bezweifelt werden. War es auch nicht die kirchliche Secte, die er in Philipp haßte, so war es doch wenigstens die bewaffnete Partei, in der er Rebellion gegen seine kaiserliche Autorität erblickte.
     Wie Karl in dieser Hinsicht über Philipp von Hessen, und den durch ihn geschaffenen Schmalkaldischen Bund dachte, kann allein aus der Ansicht entschieden werden, die er von der Bedeutung eines deutschen Kaisers, und von der Stellung der Reichsfürsten zu ihm hatte. Freylich wird auch diese Frage viel Unsicheres enthalten; war ja doch die deutsche Kaiserwürde selbst seit Jahrhunderten im Schwanken, ja in der Auflösung begriffen. Von der alten Glorie eines römischen Kaisers deutscher Nation, die seit Karl dem Großen so ganz mit germanisch-christlicher Weltansicht verwachsen war, daß der Kaiser das weltliche Regiment von Gott zu Lehen trage, wie der Papst zu Rom das geistliche, daß also in diesen beiden Häuptern der Christenheit alle Gewalt und Ordnung aufgehe, und alle Könige wiederum ihre Kronen vom Kaiser zu Lehen haben, von dieser Glorie wie sie eigentlich nur einmal, in Karl dem Großen selbst Wahrheit gewesen war, wie weit war doch die europäische Praxis davon schon zurückgekommen! Selbst die Ottonen hatten nur sehr gelegentlich und zufällig benachbarten Königen und Fürsten, wenn sie etwa in kaiserliche Gewalt fielen, eine Art
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von Vasallengelübde abpressen können. Besonders durch das Erstarken der französischen Krone durch Demüthigung der großen Thronvasallen in einem Maße, wie es in Deutschland nicht gelang, war dieser Traum des früheren Mittelalters längst verraucht. Am wenigsten mochte aber wohl gerade der damalige König von Frankreich Franz I. geneigt seyn, in Karl V. als deutschem Kaiser seinen Lehnsherren anzuerkennen, da er vielmehr umgekehrt in ihm als Herzog aus dem Hause Burgund einen Lehensmann der französischen Krone zu erblicken geneigt war. Wenn darum bey Karl V. doch irgend einmal dergleichen Träume von Weltherrschaft wieder aufgestiegen waren, so lag der Grund dazu höchstens in dem Besitze eines Reiches, in welchem die Sonne nicht unterging, wie er es aus Familienbesitz und Erbrecht bei einander hatte. Mochte nun auch wirklich die Erlangung der Kaiserkrone zu diesem Besitz hinzu, und zwar in sehr früher, fast noch unreifer Jugend, ihn zu manchen Entwürfen für Herstellung jener Glorie gespornt haben: gewiß war doch damals durch 21jährige Erfahrung an diesen Träumen Manches wieder abgekühlt. An Herstellung einer Weltherrschaft im Sinne Karls des Großen dachte er damals schwerlich noch.
     Etwas Anderes bleibt es aber, wie er sich das Verhältniß innerhalb des deutschen Reichs, die Stellung des Königs zu den Territorialfürsten denken mochte. Auch hier hatte sich ja in kleinerem Maßstabe derselbe Entwickelungsgang wiederholt, daß die Fürsten, geistliche wie weltliche, die als Würdeträger des Reichs den Thron des Königs umstanden, zu immer größerer Selbstständigkeit gelangt waren. Mag man diesen Entwickelungsgang in Deutschland, der dem in Frankreich so völlig entgegengesetzt verlief, nun von der verderblichen Politic der Kaiser ableiten, die mit Römerzügen, mit Plänen für Gewinnung des schönen Italiens beschäftigt darüber das eigene Stammland vernachlässigten, und so die Erstarkung der Localherren herbeyführten, oder mag man den Grund dazu tiefer in der Organisirung[17]


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[18]des deutschen Volks suchen, das von jeher ein individuelles Leben in seinen Stämmen als Alemannen, Franken, Sachsen, Bayern, Thüringer geführt, und deßhalb Bewahrung seiner Nationalität unter seinen Stammesfürsten durchgesetzt hatte, wobei die gewaltige Einheit der fränkischen Monarchie unter Karl dem Großen nur als Abnormität, dagegen das Wiederauftreten des Stammescharacters seit dem 3ten und 4ten Heinrich als Rückkehr zu der eigentlich deutschen Entwicklung erscheinen würde: genug so viel steht fest, daß seit dem Interregnum des 13ten Jahrhunderts die monarchische Stellung des Königs vollends erbleicht war, und die Landesfürsten stets mehr der Hoheit in ihren Territorien entgegen gingen, wenn auch der Ausdruck Landeshoheit für sie erst im westphälischen Frieden gefunden ward. An diesen Auflösungsproceß war dicht vor Karls Zeit unter Kaiser Max die letzte Hand gelegt durch die versuchte Errichtung eines Reichsregiments aus Bevollmächtigten der einzelnen Fürsten, die geradezu den König zur Stellung eines eingeschränkten Monarchen im Sinne der neuern Zeit herabzusetzen suchten. Schwerlich wird man nun aber über des Kaisers Ansicht von solchem Zustande zweifelhaft seyn können: Herstellung der königlichen Auctorität wenn auch nicht im Sinne Karls des Großen und der Ottonen, doch wenigstens im Sinne der Heinriche und Friedriche mußte er um so mehr als seine Aufgabe auch in Deutschland betrachten, da die Stellung der Krone in seinen übrigen Reichen so entschieden dazu einlud. Wie hätte aber auch der Kaiser über seine Stellung zu den Reichsfürsten anders denken mögen, war doch die Idee jener Auflösung noch bei Weitem nicht in das ganze Volk gedrungen, war doch selbst bei denen, die eine Erstarkung der Localherren mit dem größten Eifer hätten betreiben sollen, um darin Schutz gegen die etwaigen dem Evangelio feindlichen Pläne des Kaisers zu finden, war doch selbst bei dem Churfürsten von Sachsen, bei den Theologen in Wittenberg jeder Gedanke daran mit Abscheu zurückgewiesen, daß ein Reichsfürst, selbst


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zum Schutze des Evangeliums, mit den Waffen in der Hand sich den Forderungen des Kaisers widersetzen dürfe! War es doch Luthern jedesmal ein Stich ins Herz, wenn er und seine Predigt als Ursache einer Rebellion gegen kaiserliche Majestät erscheinen sollte; hielt er doch jedesmal dem Churfürsten vor, seine Stellung als Reichsfürst zum Kaiser sey keine andere, als die des Bürgermeisters von Torgau, seines Unterthanen, zu ihm. Hegte man also in Wittenberg und am chursächsischen Hofe noch die alte respectvolle Ansicht vom kaiserlichen Namen, wie hätte Karl selbst darüber aufgeklärter seyn sollen?
     Dagegen war es nun auch hier Landgraf Philipp, der die Lage Deutschlands mit dem gewohnten Scharfblicke durchschauete, die Veränderung als schon durchgesetzt anerkannte, und deßhalb bey aller Verehrung gegen den kaiserlichen Namen doch auch der Pflichten eingedenk war, die ihm als Reichsfürsten durch jene factische Auflösung gegen sein eigenes Land jetzt oblagen, und namentlich wo es sich um das lautere Wort Gottes handelte. Hier wo er hinter der Glorie des kaiserlichen Namens die Arglist aller Creaturen Roms diesseits und jenseits der Alpen sich verstecken sah, hielt er sich für berechtigt und verpflichtet, die junge Pflanzung des Evangeliums in seinen Landen sogar mit den Waffen auch gegen kaiserliche Autorität zu vertheidigen. Nicht er hatte das Reich aufgelöset, sondern fand es durch die Entwicklung einer Reihe von Jahrhunderten so vor, fand das deutsche Volk wieder zurückgekehrt in die vielseitige Selbstständigkeit seiner Stämme. Sollte er sich jetzt durch den Rest der Glorie kaiserlichen Namens blenden lassen, um dem Papst, der sich hinter dem kaiserlichen Mantel verbarg, das Spiel gewonnen zu geben, und ihm die Gewissen seiner Unterthanen zu überantworten? Auch er trug seine Landgrafschaft von Gottes Gnaden, und hatte darüber einem höheren Lehensherrn als dem Kaiser dereinst Rechenschaft zu geben. Wir ehren die Gewissenhaftigkeit der Wittenberger, die im festen Vertrauen, daß Gott die Sache des Evangeliums nicht sinken[19]


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[20]lassen werde, auf jedes eigene Mittel zur Rettung verzichten, die bereit sind, dem Kaiser Land und Städte zu eröffnen, wenn er als Herr des Reiches Eingang fordert, auch selbst nur, um den Papst mit Messe und Ablaß zurückzuführen; wir ehren ihre Zaghaftigkeit, denn sie erwuchs aus zartem Gewissen: aber höher stellen wir dennoch den Fürsten Hessens, der nicht bloß auf die verschwundene Vergangenheit sah, sondern auch seinen Beruf erkannt hatte innerhalb der Gegenwart, und seine Pflichten eben so gut gegen Gott, wie gegen den Kaiser erwog. In diesem Sinne hatte er den Schmalkaldischen Bund zusammengebracht, hatte dem zaghaften Churfürsten eine andere Politic, als die der Theologen in Wittenberg eingehaucht, hatte ihm das Selbstvertrauen wiedergegeben, oder vielmehr die Ueberzeugung, daß der Schutz des Himmels nur dem zu Theil werde, der sich selbst nicht verläßt.
     Freilich war durch diese Stellung des Bundes als bewaffneter Partei gegenüber kaiserlicher Autorität zum erstenmale als Wirklichkeit herausgetreten, was bisher das so zarte Gewissen eines Luthers sich noch nie hatte eingestehen wollen, der Bund stand da als drohendes Symptom des schon factisch aufgelöseten Reichs. Welche Gesinnung deßhalb der Kaiser gegen Philipp, die Seele des Bundes, hegen, wie wenig er dessen Schöpfungen, und so auch unsere Anstalt mit günstigen Augen betrachten mochte, läßt sich leicht ermessen. Wenn er nun aber dennoch zu Regensburg sich zu solcher Gunstbezeugung für die neue Anstalt an der Lahn bereit finden ließ, wenn er den politischen Unwillen niederkämpfte gegen Philipps Person und Stiftung: so müssen hier offenbar andere Gründe überwogen haben, die zu ermitteln so gar schwer nicht ist.
     Karl war bey seinen Entwürfen stets auf zwei Hindernisse gestoßen, im Westen Frankreich mit seiner so concentrirten Macht, und im Osten die Türkengefahr. So oft er meinte, einmal freye Hand zu haben, dann fiel Franz I. wieder in Italien ein, oder Suleiman pflanzte den Halbmond[21]


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[22]dicht vor die Thore Wiens. Diesesmal traf aber sogar Beides zusammen: der Frieden zu Nizza 1538 geschlossen drohete jeden Augenblick zu zerreißen, und stürmender als je drang der Erbfeind die Donau herauf. Nimmt man dazu Karls Plan zum Zuge nach Algier, den er im Herbste 1541 freylich mit so viel Unglück vollzog, damals aber schon vorbereitete: so wird nichts so erklärlich seyn, als sein Nachgeben gegen das Haupt des Schmalkaldischen Bundes. Eine Entsagung auf jede Verbindung mit Frankreich war ja eine der ersten Bedingungen, an die Karl seine Gunst gegen den Landgrafen knüpfte; wegen der Türkengefahr bedurfte er aber nicht allein der Reichshülfe unter Beytritt auch der Protestanten, sondern hier mußte auch dem moralischen Eindrucke einer offenen Spaltung im Reich begegnet werden. Der Divan war über die inneren Verhältnisse Deutschlands hinreichend unterrichtet: hatte doch schon Suleiman den Drohungen König Ferdinands erwiedert, ob er denn mit dem Dr. Luther Frieden geschlossen.
Dieß waren die Umstände, aus denen des Kaisers Nachgiebigkeit gegen Philipps Wünsche entsprang; schon auf der Reise zum Reichstage verstand er sich zur Milde gegen Städte, die wie Minden und Goslar des Evangeliums wegen in der Reichsacht lagen; auch dem Landgrafen Philipp bewilligte er mehrere Puncte, und unter ihnen die Privilegien für unsere Universität. Ihre reichsrechtliche Geltung ging also so recht eigentlich aus den Geburtswehen Deutschlands hervor, das den Uebergang suchte aus dem Mittelalter in die neuere Zeit; es war ein Bekenntniß über Deutschlands Zukunft, daß neben der alten Eiche des Kaiserthums längst die jungen kräftigen Stämme der Landesfürsten aufgegangen seyen, um Deutschlands Größe zu sichern, und seine Einheit zu bewahren in einem andern Sinne als bisher. Der Augenblick in Regensburg, wo der Kaiser, obwohl widerstrebend dem Landgrafen die Hand reichte, um die bis dahin bloß hessische Universität zu einer deutschen zu erheben, wo er also von Reichswegen anerkannte, was


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jener nur als Territorialherr, und zwar bisher ohne Zustimmung des Reichs gestiftet hatte, war ein Beweis, daß Deutschland schon in seinen neuern Entwicklungsgang eingetreten sey, war ein Beweis, daß trotz der Spaltung in die ursprünglichen Volksstämme, die in der Herrschaft der Territorialfürsten wieder hervortrat, trotz des gewaltigen Risses durch Deutschland, den jetzt noch die Reformation hinzugefügt hatte, dennoch der gemeinsame Sinn des deutschen Namens nicht verloren gehe, sondern zusammenhalte nach volksthümlicher Weise.
     So standen also die zwei Fürsten dort neben einander als Repräsentanten des alten und neuen Bildungselements für Deutschlands Zukunft. Allein wenn auch sie einander die Hand reichten einträchtig in ihren Entwürfen, durften sie wohl auf dieselbe Fügsamkeit auch bey den Parteien rechnen, die sie vertraten; namentlich durften sie hoffen, daß der kirchliche Zwist sich so weit lösen werde, um Deutschlands Erstarkung unter den neuen Verhältnissen zu gestatten? Blieb es nicht dennoch wahrscheinlich, daß bey allem Nachgeben der Cabinette und aller Fügsamkeit der Politic der Frieden dennoch unmöglich werde, weil die Massen des Volks zu sehr aufgeregt waren durch die kirchlichen Fragen? So war es in der That, und die Fürsten täuschten sich darüber nicht einen Augenblick. Die ganze Frage kam also doch wieder auf den theologischen Boden zurück, und es mußte sich ausweisen, ob die versöhnliche Stimmung sich auch von den beiderseitigen theologischen Wortführern erlangen ließ. Der Versuch dazu wurde durch Eröffnung eines theologischen Gesprächs gemacht, anfangs zu Hagenau im Elsaß, dann zu Worms, und wenn die Fortsetzung davon auf den Tag nach Regensburg verlegt ward, so geschah es auch wohl nur, um die versöhnliche Stimmung, die bereits unter den Fürsten herrschte, wo möglich auch auf die disputirenden Theologen zu übertragen. Selbst die neue Wendung, die der Kaiser hier dem Gespräche gab, indem er statt der bisher zu Grunde der Unterredung gelegten Artikel der Augsburgischen[23]

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Confession, einen anderen durchaus im Geiste der Milde und des Friedens verfaßten Aufsatz, das Regensburger Interim vorlegen ließ, war nur auf das Zustandekommen des Friedens berechnet. Bei dem Gespräche selbst zeigte es sich, wie Viel guter Wille und Entfernung aller Leidenschaft selbst bey so völlig getrennten Standpuncten vermag; von unserer Seite war von einem Melanchthon und dem ihm beigegebenen Bucer aus Straßburg, bekannt durch seine Vermittelungsversuche, nebst dem trefflichen hessischen Prediger Pistorius von Nidda, nur ein Geist der Milde und Versöhnlichkeit zu erwarten; aber auch catholischer Seits fand dieß wenigstens bey zwey Disputatoren, Julius von Pflug und Johann Gropper, dem Verfasser jenes Aufsatzes, in so hohem Maße statt, daß selbst der Dritte, der bekannte Dr. Eck[24] gegen seine Art friedlicher auftreten mußte. Die Erwartung des Kaisers wie des Landgrafen bestätigte sich, daß die eigentliche Grundlage des Christenthums hinreichend klar und einfach sey, um bei redlichem Willen zu gegenseitiger Anerkennung gebracht zu werden. Wegen der eigentlich dogmatischen Grundlehren kam man so weit überein, daß ihretwegen eine Spaltung in der Kirche nicht nöthig erschien; dagegen stellten sich die Differenzen erst da als unheilbar heraus, wo man sich auf die Praxis und das Leben einließ, also auf ein Gebiet überging, wo so viel leichter sich unlautere Beweggründe einmischen. Einig war man über die Puncte, die von jeher in der lateinischen Kirche als die wesentlichen Sätze des Glaubens betrachtet sind, über die Stellung des Menschen zu Gott: rücksichtlich der Lehre von der Sünde war catholischer Seits dem evangelischen Ernste so weit nachgegeben, daß das Gewicht der Sünde durch keine pelagianische Leichtfertigkeit vermindert werden sollte; rücksichtlich der Rechtfertigung des Sünders vor Gott war anerkannt, daß nur der Gemüthszustand des Menschen, der Glaube im evangelischen Sinne es sey, der die Zuflucht zur göttlichen Gnade gewähre, daß dagegen von Verdienst durch Menschenwerk überall keine Rede seyn könne. Dafür

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war denn auch unserer Seits den mehr practischen Forderungen des catholischen Systems eingeräumt, daß allerdings dieser Glaube durch die Liebe thätig seyn müsse, aber dieß auch unzweifelhaft seyn werde, wo er der rechte ist. So war denn also trotz aller spitzigen Begriffe der Schulen ein Boden der Eintracht gewonnen, wo die rein practische Bedeutung des Christenthums als Anstalt der Versöhnung der Menschheit mit Gott hervortrat. Vielleicht gingen die catholischen Disputatoren etwas weiter, als sich mit ihren Vollmachten, wenigstens mit dem System ihrer Kirche vertrug; doch durften sie hoffen, in dem unerschöpflichen Vorrathe der alten Väter Formeln zu finden, die auch für das Zugestandene hinreichend weit erschienen. Dagegen so wie nun das Gespräch von dem geistigen Gebiete des Dogmas und der Lehre herab in das mehr practische der Disciplin, des Cultus, des Regiments hinabstieg, war auch bei dem redlichsten Willen der Disputatoren kein Frieden mehr zu erlangen. Im Abendmahl das Mysterium, die Transsubstantiation zuzulassen, den Layen den Kelch vorzuenthalten, die Priesterehe zu verwerfen, ja auch in dem Begriffe der Kirche das äußere Institut anzuerkennen, an dessen sichtbare Mitgliedschaft die Seeligkeit geknüpft sey, endlich alle die hieraus sich ergebenden Folgerungen über bischöfliche und Papstgewalt zu bestätigen, dazu war auch ein Melanchthon nicht zu bringen, und andererseits davon etwas zu opfern, wagten auch die Vertreter des catholischen Systems nicht.
     Indessen auch die Uebereinstimmung in jenen wesentlich dogmatischen Puncten hat für die Dauer keinen andern Erfolg gehabt, als zu einem großartigen Denkmahl zu dienen, wie jede gesunde Erscheinung in der Kirche, jede Hoffnung des Friedens für diesseits und jenseits auf der evangelischen Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben beruhe, und deren Gewalt groß genug ist, um auch dem Gegner unwiderstehlich sich aufzudrängen, so bald er nur im Geringsten der Wahrheit die Ehre geben will. Sonst freylich war auch die Uebereinkunft in jenen 4 Puncten den zu

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Regensburg nicht anwesenden Wortführern der Parteien keineswegs recht: Luther in Wittenberg, außerhalb der Hofluft und jener politischen Sphäre, die den Frieden so sehr wünschte, warnte unaufhörlich vor Hinterlist; sey auch der Kaiser mild gestimmt, von dem Einflusse eines Churfürsten von Mainz und Bayern, von der Arglist der Curie sey stets das Aergste zu fürchten: dieselbe Hartnäckigkeit theilte mit ihm auch der Churfürst von Sachsen, theilte schon den Verdacht, daß Melanchthon der evangelischen Sache zu Viel vergebe, ordnete eine gewisse Beaufsichtigung selbst seiner Person an, um ihn gegen fremde Einflüsterungen sicher zu stellen. Dasselbe wiederholte sich catholischer Seits, Bayern drängte geradezu zum Kriege, zur Ausrottung der Ketzerey; wiederholt wies der Kaiser auf die Unmöglichkeit des Krieges hin bey seinen erschöpften Cassen, bey der drohenden Gefahr von Frankreich und der Türkey; bald zog auch Eck sich von seinen Collegen zurück, warf ihnen zu große Nachgiebigkeit vor; von Rom erfolgten die bestimmtesten Weisungen, keine andern als unverfänglich catholische Sätze zuzulassen. Die schönsten Erwartungen des Friedens waren getäuscht; 27. April war das Gespräch zusammengetreten, am 22. Mai lösete es sich wieder auf.
     So war also der eigentliche Plan des Kaisers wie des Landgrafen vereitelt; ein Frieden, wie die Politic ihn anrieth, war durch die größere Zähigkeit der Parteien, durch das Hervortreten der mehr theologischen Interessen unmöglich gemacht. Allein ihre persönlichen Beziehungen wurden dadurch nicht verändert, ja vielleicht nur noch enger geknüpft. Gerade weil zwischen den Parteien für jetzt kein Vertrag möglich war, gingen die beyden Fürsten denselben desto enger ein, als Denkmahl ihrer gegenseitigen Achtung, als Unterpfand für eine vielleicht bessere Zukunft. Landgraf Philipp verpflichtete sich in manchen Puncten dem Hause Burgund, entsagte jedem auswärtigen Bündniß: der Kaiser stand dafür nicht an, so weit er als Reichshaupt handeln konnte ohne alle Rücksicht auf die catholische Partei, dem Landgrafen[25]


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[26]manche politische Forderungen einzugestehen, und darunter auch die Privilegien für unsere Universität. Die Auflösung des Friedensgesprächs in Regensburg hatten diese Gunstbezeugung nicht verhindert; ja sollte wohl nicht geradt der Verdruß des Kaisers über Täuschung seiner Wünsche durch die Parteien ihn bestimmt haben, nun gerade um so mehr seine Verständigung mit dem Haupte des Schmalkaldischen Bundes zu Tage zu legen?
     Es waren also bedeutsame Vorgänge sowohl auf dem Gebiete des Staats, wie der Kirche, aus welcher die Stellung unserer Universität durch den kaiserlichen Gnadenact erwuchs. Auf kirchlichem Gebiete liegt jenem Schritte des Kaisers gewiß eben die Idee unter, die durch das Gespräch ihrer Ausführung so nahe gebracht war Aufgehen aller Spaltungen und Parteien in Anerkennung des Christenthums als Anstalt der Versöhnung der Menschen mit Gott durch den rechtfertigenden Glauben. Auf dem Gebiete des Staats war es die Idee einer Einheit Deutschlands, und zwar nicht mehr im Sinne des Mittelalters als Gesammtmonarchie unter dem kaiserlichen Doppeladler, sondern als gegliederte Einheit, wo jeder deutsche Stamm unter seinem Fürsten und seinem Banner sich als lebendiges Glied der deutschen Gesammtheit fühlt. Seitdem sind drei Jahrhunderte im Laufe der Weltgeschichte entwichen; Vieles hat sich geändert zum Besseren oder Schlimmeren: aber irre ich nicht, so sind die beyden Puncte, die damals als wesentlich für die Sache Deutschlands den beyden Fürsten vorschwebten, auch noch jetzt die Lebensfragen unserer Zustände, und das Andenken daran zugleich die ernsteste Mahnung für die Gegenwart.
     Zunächst auf dem Gebiete der Kirche liegt zwar die Frage nicht gerade in derselben Weise vor, wie einst auf dem Reichstage zu Regensburg; auf Vereinbarung der catholischen und evangelischen Kirche, worauf sich damals die theologische Arbeit richtete, scheint der nächste Beruf unserer Zeit sich nicht zu beziehen; wenigstens wäre die Aussicht für


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Gelingen jenes Plans entmuthigender als je. Die neuesten Conflicte der catholischen Kirche und des evangelischen Staats rücken jede Hoffnung dazu wieder in die ungemessenste Ferne und zeigen, wie man in der Aussöhnung bei Weitem nicht mehr einander so nahe stehet, als in den Tagen Melanchthons. Dafür erscheint indeß unsere Zeit in einer andern Hinsicht besser gestellt, als die des Landgrafen Philipp, weil ein innerer Hader, der damals in den Adern der evangelischen Kirche zu wuchern begann, die Spaltung zwischen dem schweizerischen und sächsischen Bekenntniß, endlich dem Geiste des Friedens und der evangelischen Einheit hat weichen müssen. Der Frieden zwischen reformirtem und lutherischem Bekenntniß besteht, wenn auch nicht überall formell ausgesprochen, doch wenigstens überall durch die That, so daß einzelne Stimmen, die aufs Neue den Saamen der Zwietracht erwecken wollen, doch eben auch nur als Einzelne verhallen müssen, und Philipps des Großmüthigen Gedächtniß, der den Hader damals gleich im Keime zu ersticken trachtete, bleibt auch von dieser Seite bei den Nachkommen gesegnet.
     Diese Puncte sind es also nicht, für deren Erledigung wir einer Mahnung von dem christlich-kirchlichen Sinne jener Zeit bedürften. Dagegen erscheinen die Gefahren, gegen die christlicher Sinn und christliche Wissenschaft gerade jetzt zu kämpfen hat, von ganz anderer Art, aber zugleich auf eine Höhe gesteigert, daß dagegen alle übrigen Zerwürfnisse geradezu verschwinden. Beachten wir nemlich die Stellung, in welche gerade in diesem Augenblick die Wissenschaft des Christenthums durch die neueste Wendung der Philosophie in Deutschland gebracht ist: so handelt es sich nicht mehr darum, auf welche Weise der Mensch vor Gott gerechtfertigt werde, ob durch den Glauben, oder der Hände Werk, es handelt sich nicht mehr darum, auf welche Weise wir die Gegenwart des Herrn im Sacrament zu verehren haben handelt sich nicht darum, wie noch vor wenigen Decennien, auf welche Art im Christenthume die Offenbarung Gottes


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zu erfassen, und welche Rechte dabei der Vernunft abzusprechen oder zu bewilligen seyen, handelt sich endlich nicht mehr darum, wie weit das Halten zur christlichen Kirche zu binden sey an Formel und Symbol: alle diese Fragen waren doch wenigstens darin einverstanden, daß sie ausgingen von der Idee des Gottes, wie Christus ihn seinen Vater und unsern Vater nennt, und wie das andächtige Herz ihn ahnen lehrt, wenn es erdrückt von der Last des Diesseits den Aufschwung gewinnt ins Jenseits. Wie dagegen in diesem Augenblick der Kampf der Wissenschaft steht, so ist die erste Grundbedingung alles Christenthums selbst in Frage gestellt; die Spaltung der Geister, wie sie jetzt heraustritt, handelt sich um nichts Geringeres, als ob die Idee eines christlichen Gottes, an deren Reichthum sich von jeher christliche Wissenschaft übte, und christliche Herzen erwarmten, ob sie ferner noch feststehen solle, oder ob, was bisher als Gott und Welt galt, als Schöpfer und Creatur, aufgehen solle in die Idee eines einzigen Organismus, der von Ewigkeit her sich als nothwendig von selbst entfaltete in der Weltgeschichte, so daß auch der Menschengeist nur einen Durchgangspunct bilde in diesem Processe der Entwicklung. Wo so viel in Frage steht, wo es sich um Seyn oder Nichtseyn handelt, nicht etwa einzelner Gestalten des christlichen Glaubens in seinen nähern Bestimmungen, sondern geradezu der ersten Grundbedingungen einer christlichen Weltansicht: da in der That wird jede Lehre und Weisung erwünscht seyn, die wir aus der Vorzeit zum richtigen Verhalten im Kampfe der Geister für die Gegenwart gewinnen können.
     Sollte auch wohl das Beispiel der Disputatoren auf dem Reichstage zu Regensburg, so wie die von ihnen vertretene versöhnliche Stimmung der Fürsten, aus der zunächst die kaiserliche Bestätigung unserer Anstalt hervorging, sollte wohl ihre Stellung zum Christenthume uns einen Beytrag zur richtigen Stellung in der Gegenwart jener so drohenden Frage gegenüber, gewähren können? Nicht einen Beytrag allein, meine ich, sondern geradezu die völlig ausreichende


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Weisung selbst. Sie erklärten als das Wesentliche am Christenthume, von wo jede Behandlung desselben anheben müßte dessen practische Bedeutung für die Stellung des Menschen zu Gott; sie wollten also vornehmlich an den Sätzen festgehalten wissen, die unmittelbar im christlichen Bewußtseyn anklingen, von dem Unwerthe menschlicher Leistung vor dem Richterstuhle des Heiligen und von der Gnade Gottes in Christo, deren allein der Mensch sich zu getrösten vermag. Es stand ihnen so unerschütterlich fest, daß das Christenthum keine Anstalt der Lehre und Theorie sey, sondern zur Tröstung der niedergebeugten Herzen, daß es sich nicht um Mittheilung bisher unerhörter Wahrheiten handele, sondern um Gewinnung des Gemüthes und Willens für die große Sache des Reiches Gottes, daß der Herr selbst nicht ein Lehrer der Weisheit sey, sondern der Erlöser der Welt. Dieß also ist der Grund und Boden, wo christliches Leben erblühen kann; aber derselbe ist es auch allein, wo christliche Wissenschaft den Anker einfügen wird, um den Flug der Gedanken zum Stillstand zu bringen, um den Punct zu gewinnen, von wo anhebend sie den Fragen des Verstandes genüge. Giebt sie dieses Fundament auf, diese unmittelbar practische Gewißheit der christlichen Weltansicht, läßt sie sich statt dessen darauf ein, das luftige Gebiet der ungebändigten Speculation ohne diesen Polarstern des unmittelbar gewissen Glaubens zu befahren: so geschieht ihr völlig recht, wenn sie sich selbst, ja ihren Gott verliert. Sie gab den Glauben an die Thatsachen des eigenen Herzens auf, und darf sich nicht beklagen, wenn ihr damit Alles entschwand im trügerischen Wirbel des dialectischen Processes; sie warf die Perle von sich, und sucht nun vergeblich nach ihr im Dunkel umher. Unter den Stürmen der Speculation, die mit dreister Hand Alles umstürzt, mahne uns deßhalb das Beyspiel der Theologen zu Regensburg, als Wesen und Grund des Christenthums dessen Bedeutung als practischer Anstalt fest zu halten; von hieraus wird sich auch eine Weltansicht ergeben, wo Gott mehr ist, als ein Proceß ewiger Selbstentwicklung,[27]



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[28]und die Welt darauf verzichtet, das Andere zu seyn von Gott. Das menschliche Herz im Gefühle seines Unwerths vor dem Angesichte des heiligen Gottes, und im Bewußtseyn der Gnade, deren es sich in Christo trösten darf, wird nicht sich irren lassen durch die Sirenenstimme einer Speculation, die nur dann ihre Aufgabe gelöset zu haben meint, wenn sie dem Christenthume seinen Gott selbst entzog. Dieß die Mahnung des 16. Jahrhunderts an das 19. auf dem Gebiete der Kirche.
     Nicht minder erhebend ist die Mahnung auf dem Gebiete des Staats, wo ja das friedliche Zusammenwirken des Kaisers und des Landgrafen so unverkennbar als Vorbild des in sich einigen, und in Einheit starken Deutschlands erscheint. Wir sahen Karls V. Zeit in der Auflösung des deutschen Reichs im ältern Sinne schon so bedeutend fortgeschritten; die Reformation war ein nicht unerheblicher Beytrag dazu; selbst die Stiftung unserer Anstalt, die 14 Jahre lang ohne Bestätigung durch das Reichshaupt hatte blühen können, galt als Beweis, wie sehr schon die Gewalt der einzelnen Landesfürsten gegenüber dem Kaiser erstarkt war. Und dennoch blieb in der Seele des Landgrafen der Gedanke an Einheit des großen deutschen Vaterlandes lebendig, und ließ ihn nicht ruhen, durch die That zu beweisen, daß was Großes und Edles von ihm gestiftet war, nicht beengt werden sollte durch die Grenzen seiner Landgrafschaft, sondern als Gemeingut dem Gesammtnamen der Deutschen angehören. Der Tag wo der Kaiser und der Landgraf einander die Hand reichten, um der Universität an der Lahn den Eintritt zu eröffnen in die Anstalten des Reichs, hat seine schönste Bedeutung darin, daß trotz alles Zertheiltseyns unsers Volks durch Richtungen, Confessionen, Interessen, dennoch das Band einer volksthümlichen Einheit nie schwinden solle. Giebt es wohl eine Mahnung treffender und gewaltiger gerade für unsere Zeit? Das Band, das damals noch die einzelnen Stämme deutscher Junge zusammenhielt, ist geschwunden; Deutschlands Kaiserthum mit


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seiner 1000jährigen Glorie sank dahin; aber die schönsten Juwelen, die einst in seiner Krone glänzten, sind aufbewahrt in Aller Herzen, der treue deutsche Sinn, der sich durch Einheit stark weiß, und bereit ist, Deutschlands Grenzen gegen jeden Fremdling mit starker Hand zu vertheidigen, sey es gegen Aufgang oder Niedergang. Daß dieser Sinn für Deutschlands Unverletztheit nicht untergegangen sey, als das alte Kaiserbanner dahinsank, hat die kaum verwichene Zeit bewährt. Als sich am westlichen Horizont ein Wetter zu bilden drohete, wie reichten da Deutschlands Herrscher einander die fürstliche Rechte, wie treu schaarte sich ihr Volk um sie her. Hätte es der Ausführung durch die That bedurft, wahrlich auch Philipps Volk, geschaart um Philipps Stamm und Erben seines Throns würde den in den Reihen deutscher Mannen ihm gebührenden Platz zu finden gewußt haben. Das Wetter hat sich zertheilt; aber als Gewinn bleibt in deutschen Herzen die Anfrischung einer Gesinnung zurück, die sich stark weiß in der Einheit deutscher Bruderstämme.
     In diesem Sinne zu wirken und die vaterländische Jugend heranzubilden schwebe darum als Aufgabe auch unserer Universität vor bey dem Gedächtniß ihres glorreichen Stifters und der Sorgen und Mühen, die er aufbot, um ihr die geeignete Stellung zum deutschen Vaterlande zu erwirken: auf dem Boden der Kirche das fromme Festhalten an der ewigen Grundlage evangelischer Wahrheit, auf dem Boden des Staates das Bewahren des deutschen Sinnes, der treu ergeben dem angestammten Fürsten sich um ihn reihet, so um die Segnungen des Friedens aus seiner Hand zu empfangen, wie um seinem Rufe zu folgen, wenn es die ernste Entscheidung gälte.
     In diesem Sinne begeht Philipps Stiftung auch den heutigen Tag, der an Philipps Stamm einst ein neues Reis erblühen ließ, unter dessen Schutze Vaterland und Hochschule sich sicher wissen. Dieß sind die Gefühle, womit unser Aller Herzen die heißesten Wünsche emporsenden zum Throne des Ewigen, daß er seines Seegens viel ausgieße


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über unsern Kurfürsten, und ihm der Jahre noch viele bescheiden möge, damit ein Tag gleich dem heutigen noch oft uns wiederkehre zu froher Gedächtnißfeyer; daß er mit gleicher Huld sich ausbreite über den Genossen seines Thrones, unsern Kurprinzen und Mitregenten, und dessen Scepter in Seegen stehen lasse, daß er ihm lohnen möge die Sorgen und Mühen des Thrones mit eigenem Wohlseyn und Beglückung des Vaterlandes. Dieß sind die Gefühle, wie sie der Hochschule geziemen für ihr erhabenes Fürstenhaus, von dem sie Ursprung und Gedeihen erhielt. Heil darum über unser Fürstenhaus, Heil über unsere Hochschule, die schönste Perle in unseres Fürsten Diadem.


     
     
     

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Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]


  1. Rektoratsreden (HKM) [[1]]
  2. Hermelink, H. / Kaehler, S. A.: Die Philipps-Universität zu Marburg 1527-1927, Fünf Kapitel aus ihrer Geschichte (1527-1866), 1927, S. 508.
  3. Franz, E. G.: Das Haus Hessen, 2005, S. 141.
  4. Franz, S.: 142.
  5. s. Freiheitsbrief des Landgrafen Philipp vom 31. August 1529 - Hrsg. v. Hildebrand, B.: Urkundensammlung über die Verfassung und Verwaltung der Universität Marburg unter Philipp dem Großmüthigen, 1848, S. 6.[2]
  6. Schmidt, R.: Die kaiserliche Bestätigung der Marburger Universitätsgründung von 1527 durch Karl V. 1541. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde Nr. 108, 2003, S. 76.
  7. Näheres s. Kohler, A.: Karl V. 1500-1558, 2001, S. 269-271.
  8. zitiert n. Schmidt, Bestätigung, S.93
  9. Schmidt, Bestätigung, S. 82-90.
  10. Schmidt, Bestätigung, S. 89.
  11. LBA Marburg [[3]]
  12. Arcinsys: UniA Marburg Bestand Urk.91 Nr.309 [[4]]
  13. Hildebrand, Urkunden. s.o.
  14. Hrsg. v. Gundel, H.G.: Statuta Academiae Marpurgensis deinde Gissensis de anno 1629, 1982, S.21-23.
  15. Varrentrapp, C.: Landgraf Philipp von Hessen und die Universität Marburg. Rede gehalten bei der Universitätsfeier seines 400. Geburtstags, 1904.[[5]]
  16. Schmidt, Bestätigung, S.75-94. s.o.
  17. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten], Organi-sirung
  18. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten, siehe S. -13-], Organi-sirung.
  19. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten], sin-ken.
  20. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten, siehe S. -15-], sin-ken.
  21. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten], Halb-mond.
  22. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten, siehe S. -16-], Halb-mond.
  23. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten], Augsburgi-schen.
  24. Johannes Eck war katholischer Theologe und Gegner Martin Luthers.
  25. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten], Landgra-fen.
  26. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten, siehe S. 21], Landgra-fen.
  27. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten + ","], Selbst-entwicklung,.
  28. [Aufgehobene Worttrennung über die Seiten + ",", siehe S. -25-], Selbst-entwicklung,.