Die sieben Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis/Das dritte Sendschreiben

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Sendschreiben
an die Gemeinde zu Pergamus


 „Dem Engel der Gemeinde zu Pergamus schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert:
 Ich weiß, was du tust und wo du wohnst, da des Satans Stuhl ist; und hältst an meinem Namen und hast meinen Glauben nicht verleugnet auch in den Tagen, in welchen Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet ist, da der Satan wohnt.
 Aber ich habe ein Kleines wider dich, daß du daselbst hast, die an der Lehre Bileams halten, welcher lehrte den Balak ein Aergernis aufrichten vor den Kindern Israel zu essen Götzenopfer und Hurerei zu treiben.
 Also hast du auch, die an der Lehre der Nikolaiten halten; das haße ich.
 Tue Buße; wo aber nicht, so werde ich dir bald kommen und mit ihnen kriegen durch das Schwert meines Mundes.
 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem verborgenen Manna und will ihm geben einen weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.“
Offenbg. 2, 12–17. 


 „Und dem Engel der Gemeinde zu Pergamus schreibe: Das saget, der das scharfe und zweischneidige Schwert führet.“ (V. 12) So führt sich der Herr bei der Gemeinde ein, bei welcher die erste zum Tode führende Verfolgung eingetreten| sein mag. Denn er spricht ja doch von der Treue, mit der die Gemeinde zu ihrem Heiland auch dann bestanden hat, als Antipas, der treue Zeuge, den Märtyrertod empfing. Die Gemeinde zu Pergamus in Mysien hatte deshalb einen besonders schweren Stand, weil die Herrlichkeit des Heidentums so machtvoll in ihr sich ausgestaltet hatte. Da Jesum bekennen, wo die Gegnerschaft eine geringe ist, das ist nicht nur leicht, sondern geradezu wohlfeil. Solchen Kreisen gegenüber bekennen, welche zum Widerstand zu schwach sind, ist ein Geringes. Aber die Gemeinde sollte da bekennen, wo die Herrlichkeit des Heidentums gefestigt ihr entgegentrat als eine geschlossene Macht. Wir dürfen es nicht vergessen, daß wir Zeiten entgegengehen, wo solche Stellungnahme geradezu notwendig ist. Jetzt haben sich die seit 1900 Jahren verbreiteten Vorurteile zu einer geschlossenen Weltanschauung zusammengefunden. Bislang hatte es je und je auch christusfeindliche Weltanschauungen gegeben. Jetzt aber haben sie sich zu einer großartigen Gesamtanschauung vereinigt. So wie das Ende des 19. Jahrhunderts dem kommenden Jahrhundert die ganze Anschauung einer Kirche Jesu Christi übergeben hat, so hat dieses Jahrhundert seit 1848 eine Anschauung als ein Gesamtbild vereinigt, welche von Jesu Christo sich mit Bewußtsein und Entschiedenheit abgewendet hat, gegen ihn kämpft. Auch sie anerkennt ihn und zieht ihn als eine Größe in Rechnung und tritt dieser Größe mit bewußtem Hasse entgegen. 1835 haben wir die Bestrebung, das Bild Jesu Christi in Nebel aufzulösen: „Es ist unmöglich, daß die Idee sich in einem Menschen ganz auslebt.“[1](David Friedr.| Strauß). Alles, was man sich von einem Messias denkt, kann nicht in der Person eines Menschen zusammengefaßt sein. Dreißig Jahre später kommen von Frankreich aus Versuche, den Herrn Jesum als den liebenswürdigen Helden eines Romans darzustellen, dem die Schwärmerei den Tod gebracht hat. (Ernst Renan[2]). Mit solchen kleinen Versuchen gibt man sich jetzt nicht mehr ab. Man erkennt ihn an als eine großartige Persönlichkeit und dieser Anschauung gegenüber schließt sich eine ganz bestimmte Anzahl zusammen. Und so gab das Ende des 19. Jahrhunderts dem kommenden die Fäden zu zwei ganz bestimmten Geweben. Das eine ist die Anschauung: „In Christo allein ist Heil“ und das andere ist: „Alles Heil liegt in dem Menschen selbst.“ Vermittlung der absoluten Gegensätze ist nicht denkbar. Dieser Zeit gegenüber Christum bekennen, das ist also die Aufgabe, zu der wir die nachkommenden Geschlechter befähigen müssen durch unser Gebet, unsere Fürbitte, unser Vorbild; denn, was wir jetzt beten in mancher scheinbar verlorenen Bitte, wird unseren Nachkommen frommen, so wie wir von den Gebeten unserer Väter uns getragen wissen.

 „Ich weiß, wo du wohnst.“ (V. 13a) Es ist ein großer Trost, daß der, welcher eine solche Waffe (V. 12) bei sich führt, dies sagt. Wir reden darum zuerst von Jesu Christi Sein und dann von Jesu Christi Wissen.

 Jesu Christi Sein: Er hat eine Waffe, die nie versagt, davon wir Ebr.[3] 4 lesen: Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer, denn kein zweischneidig Schwert und dringet durch, bis daß es scheidet| Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Aus seinem Munde geht das zweischneidige Schwert, das scheidende und entscheidende Wort. Also soll die Gemeinde von Pergamus wissen: „Sprichst Du ein Wort, so werden sie bald Freunde, sie müssen Wehr und Waffen niederlegen, kein Glied mehr regen.“[4] Sie sollen wissen, daß über all den großartigen antichristlichen Weltanschauungen Er steht, der mit einem einzigen Schlag die Feinde zu Tode wirft, mit einem einzigen Wort die Wolken zerteilt. Er hat das scharfe, zweischneidige Schwert, das alles durchschneidet, alles niederschlägt. Er hat andererseits die Gabe, all das zu scheiden, was von solchen widerchristlichen Regungen und Reizungen noch anklebt und ganz scharf wegzutilgen. Welcher Trost soll für die Gemeinde darin dem Feinde gegenüber liegen? Einerseits: Jesus hat das scharfe Schwert gegen die Feinde, andererseits: Jesus führt das Schwert auch gegen meine Seele, wenn ich nur bitte, er möge dreinfahren und hineinschneiden und durchfahren. Er will alles, was meinen Feinden noch Recht gegen mich gibt, alle sündigen Neigungen wegtilgen, das Böse vom Guten scheiden, wenn ich nur will. Denn es ist das Schwert in seiner Hand eine Trutzwaffe gegen die Feinde, aber auch das Messer des Winzers, mit welchem er die Reben reinigt, fruchtbar macht und mit sicherer Hand da einsetzt, wo bei mir das Liebste und damit das Gefährlichste ist. Wenn ich also unsicher an meinen Neigungen herumtaste, weil ich noch nicht weiß, wo meine Lieblingssünden liegen, schärft er das Messer, durchschneidet und klärt mein Wesen. Aber so gewiß er das Böse| vom Guten wegtilgt, wenn wir ihn darum bitten, ebenso gewiß tilgt er auch das Gute, wenn wir ihn nicht bitten. Das ist der Schrecken: Er dringt auf Scheidung. Uns zwar hat er nicht erlaubt, diese Scheidung vorzunehmen. Wir sollen das Unkraut und den Weizen miteinander wachsen lassen bis zur Zeit der Ernte. Wir sollen die faulen Fische im Netz lassen, bis er sie ausliest. Aber Er nimmt diese Scheidung ganz einfach durchs Wort vor. Wer sich durch das Wort innerlich strafen, schrecken, rühren läßt, der soll wissen, daß der Herr Böses aus ihm scheidet. Wer aber das Wort wegschiebt, der soll wissen, daß das Wort auch gute Regungen ganz wegtilgt. Zuerst heißt es: „Ich will nicht können“, und dann: „Jetzt kann ich nicht mehr wollen,“ weil auch die letzte Regung des auf Gott zugehenden Willens weggetilgt ist. Wenn also die Gemeinde diese einheitlich geschlossene christusfeindliche Weltanschauung ihr gegenüber sieht, dann wird sie wissen: es ist ein Trost, daß Christus ist und daß er es weiß. Aber neben dem Trost dürfen wir nicht das Furchtbare vergessen, daß er auch das Gute wegtun kann, damit nicht mit uns das Gute verderbe. – Nicht bloß das Sein des Herrn, sondern auch sein Wissen gereicht der Gemeinde in solchen Stunden zum Troste. „Ich weiß, wo du wohnst.“ Das: „Ich weiß deine Werke und deine Geduld und deine Trübsal“ (V. 2. 3. 9.), das ist nicht so groß als dies: „Ich weiß, wo du wohnst,“ (V. 13), daß er sich also darum kümmert, in welchen Verhältnissen der einzelne Christenmensch sich aufhält. Zwar machen Verhältnisse den Menschen nicht besser, noch schlechter; aber wem wenig gegeben ist, von dem wird wenig gefordert.| Diese Entschuldigung ist sowohl ein Trost für mich selbst, als für die große Menge meines Volkes. Wo vielleicht jemand jahrelang in Unzuchtsbanden gestanden, soll man wissen, – ehe ich einen solchen Menschen verurteile – wie er unter der brutalen Gewalt des Verführers gelitten hat. Wenn ich damit mich getröste, nicht diese Seele, so spreche ich: „Tue, Herr, an ihr Barmherzigkeit, du weißt ja auch, wo sie gewohnt hat.“ Oder, wir sind selbst auf einsamen Pfaden unter schweren Verhältnissen: dann dürfen wir uns nicht mit den Verhältnissen entschuldigen; wir haben kein Recht dazu. Aber, weil Er die Liebe ist, darum dürfen wir glauben, daß er es tut, weil es so schwer ist, in schlimme Verhältnisse das Wort zu bringen und rein zu bewahren. Es ist wohl richtig, daß es keine Kunst ist, unter Frommen fromm zu sein. Aber wir wollen doch nicht frömmer sein als der Herr, sondern ihm danken, daß er von erschwerten und erleichterten Heiligungskämpfen wohl weiß. In unseren Herzen muß der Kampf ausgefochten werden, welchen die, so nach uns kommen, im Leben auszukämpfen haben. Die Kämpfe mit einer einheitlich geschlossenen Weltanschauung müssen wir in unsern Herzen durchleben. Der Trost soll uns sein: „Ich weiß, wo du wohnst, da des Satans Thron ist.“ Wie dort in Pergamus das Heidentum, so ist jetzt unter uns die eigentliche Zentrale, der Mittelpunkt, die widerchristliche Weltanschauung. Was der Thron des Satans unter uns sein mag? Ob es der Hochmut ist, diese satanische, furchtbare Gefahr, welche so leicht den Christenmenschen beschleicht, oder ob es die fleischliche Sicherheit und Trägheit ist, was unter uns den Satan| auf den Thron erhebt? Der Herr weiß es, er wird gnädiges Einsehen haben. Er weiß es auch, daß auch in solch schweren Verhältnissen die Treue gehalten werden konnte, die selbst dann nicht wankte, als der treue Zeuge Antipas des Todes verblich. Ist auch sein treuer Zeuge Antipas dahin, – wie mag es dem jetzt zu Mute sein, den sein Heiland schon vor Menschen so bekannt hat! – so hat die Gemeinde von Pergamus doch den Namen Christi bewahrt, ihn an sich gedrückt, so wie es im Liede heißt: „In meines Herzens Grunde dein Nam’ und Kreuz allein funkelt all’ Zeit und Stunde, drauf kann ich fröhlich sein.“[5] Die Gemeinde hat trotzdem den Namen des heiligen Herrn ins Herz geprägt und den Glauben nicht verleugnet.
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 Bei solchen großen Taten ist es aber um so unverständlicher, daß zwei Aergernisse in der Gemeinde ungestört statthaben: 1. Der Unfug der Bileamiten und 2. die von der ephesinischen Gemeinde so gehaßte Sekte der Nikolaiten. (V. 14 u. 15) Die Gemeinde hatte, trotzdem sie auf rechten Glauben und Glaubenstreue den Ton legte, ein sittenloses Leben im Genießen von Opferfleisch und in Ausschweifungen geduldet. Wir können uns darüber wundern, weil die Gemeinde trotz der Verfolgung und in der Schwere des Todes sich treu bewährte. Aber der Gedanke an den Tod kann auch sicher machen, denn mit jedem neuen Sterben denkt man: „Freue dich, noch ist es bei dir nicht also.“ So kann ich mir denken, daß die Gemeinde Ausschweifungen milder trug, als ob im Ernste des Todes die Sünde verbleichen könnte, als ob im Verdienste Christi auch die Leichtfertigkeit getilgt würde. Es ist, als ob die Gemeinde orthodox wäre in der| schönsten, edelsten Art und das pietistische Salz verloren hätte. Man ist geneigt, zu sagen: „In der Hauptsache steht er doch recht,“ als ob die Hauptsache nicht von tausend Nebensachen aufgehoben werden könnte. Wer gibt uns überhaupt ein Recht, von Haupt- und Nebensachen zu reden? Ist es nicht auch bei uns so, daß wir seinen Namen halten und nicht verleugnen, aber in der Leichtfertigkeit der Lebensanschauung und Auffassung geben wir nach und leben oft, als ob es kein Sterben gäbe? Kann nicht manchmal in christlichen Kreisen ein behagliches Wohlleben einreißen? Nikolaiten gibts immer, welche sagen: Man müsse dem Fleisch nachgeben. Aber, wer mit Christo geht, der ist ein Geist mit ihm und Christus hat sein Leben gehaßt bis in den Tod. Sind wir nicht auch geneigt, bei unsern Freunden, Geschwistern und Verwandten Dinge zu entschuldigen, die wir bei Fremden nie dulden könnten? Nein, wo der rechte Glaube ist, da muß auch das gute pietistische Salz sich erweisen. Darum laß es anders werden bei dir! Denn so spricht der Herr zu der Gemeinde von Pergamus:
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 „Wo nicht, so werde ich mit dem Schwerte über dich kommen und mit ihnen kriegen mit dem Geiste meines Mundes.“ (V. 16) „Ich werde bald kommen“, so spricht der, der die Gemeinde zwar nicht vergehen läßt, aber an die Schrecken der Hölle hinführt. Er wird, wenn die Gemeinde nicht strenger gegen sich ist, nicht pietistischer wird im guten Sinn des Wortes, nicht treuer wird, genauer auch im Aeußern, einmal plötzlich kommen und mit diesen behaglich Wohllebenden streiten und sie an die Schrecken der Hölle hinführen, daß der Gemeinde die Augen übergehen.| Nicht gegen die Gemeinde will er streiten und sie auch nicht zerstören, denn sie hat den Glauben nicht verleugnet, – aber er will sie den Schrecken der Vernichtung empfinden lassen. Also mit andern Worten: wo wir selbst Gemeindezucht üben, da will er weiter nicht eingreifen. Wo wir aber diese feine Unzucht in einer Gemeinde wahrnehmen: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot,“[6] und nicht gegen sie einschreiten, da will er strafen.

 „Wo du nicht Buße tust,“ (V. 16) Worin besteht die? In der tätigen Reue. Und worin besteht die tätige Reue? Darin, daß du das Böse hinaus tust. Dann wird er nicht kommen. Wohl uns, wenn wir durch strengste Arbeit an uns, in ernster Heiligung all die Gefahren in uns erkennen, als deren Opfer wir andere sehen. Wohl uns aber auch, wenn wir dann alle kampfesscheuen, kampfesträgen Elemente, wenn sie um sich greifen, aus der Gemeinde austilgen, ehe es zu spät ist.

 „Wer aber Buße tut, wer da Ohren hat und höret“, und in Kraft dieses Hörens sichtet, dem will der Herr zweierlei geben (V. 17): Er will ihm vom verborgenen Manna geben und einen weißen Stein, mit einem neuen Namen beschrieben, den nur die lesen können, die ihn empfangen haben. Zweierlei also soll die Gemeinde haben, wenn sie die Aergernisse in ihrer Mitte überwindet, diese innere Zucht treibt, die Bileamiten hinaustut, den Unfug der Nikolaiten sich nicht gefallen läßt. Dann will er in solcher wüsten und teuern Zeit geben – nicht von dem Manna, welches die Väter gegessen haben in der Wüste und sind doch gestorben – sondern vielmehr ihr geben „vom verborgenen| Manna“, vom verborgnen Himmelsbrote, das in jedem Gotteswort ist. Er wird sie aus den geheimen Tiefen des Wortes und Sakramentes neue Kräfte schmecken lassen, sodaß gar manches Gotteswort, an dem sie bisher achtlos vorüberging, ihr ganz neu und teuer werden darf. Luther sagt: „Die heilige Schrift versteht man nicht ohne große Anfechtungen. Wer aber Versuchung hat, dem zeigt sich zu Recht bestehend: „Wenn dein Wort nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elende.“[7] Wer da überwindet und nun der Kräfte, die der Kampf gebraucht, sich verlustig wähnt, dem werden in Gottes Wort aus Himmelshöhen und Erdentiefen Kräfte der zukünftigen Welt entgegenströmen: „Dein Wort bewegt des Herzens Grund, dein Wort macht Leib und Seel gesund.“[8] Die pergamenische Gemeinde soll nicht zagen, denn im Siege mehrt sich die Kraft. Durch die heilige Schrift geht es wie ein Grüßen aller derer, die überwunden haben: „Dein Wort war meine Speise, bis ich gen Himmel reiste.“[9] Das nennt man das innere Zeugnis des heiligen Geistes. Er will uns zu Bibelchristen machen, die in der heiligen Schrift leben und weben, dort sich neue Erquickung holen, das verborgene Manna, das niemand sich holen kann, außer denen es geschenkt ist. – Und er will uns noch etwas anderes geben: Lebensnahrung und Lebensnamen: „Ich will einen weißen Stein geben und auf dem Stein einen ganz neuen Namen, dessen innerste Bedeutung eben nur zwei ganz verstehn, der Herr Christus und die Seele, der, der ihn gibt und der, der ihn empfängt“. Durch Steine wurde bei den alten Völkern abgestimmt. Weiße Steine bedeuten unschuldig,| schwarze schuldig. Schwarz bedeutet die Todesschuld, weiß bedeutet die Gabe der Freiheit. Wenn wir weiß ziehen, werden wir sein wie die Träumenden; dann werden wir sagen: es war nicht der Rede wert, was wir an Leiden ertragen haben und wofür wir das freisprechende und erlösende Wort empfangen: „Gehe ein zu deines Herrn Freude!“[10] Auf dem Stein steht nicht bloß „Frei von Sünden“, sondern auch der im Himmel angeschriebene neue Name. Welcher Name wird das bei uns sein? Es wird ein Name sein für jede einzelne Seele nach ihren Charaktereigenschaften. Wir werden droben einen neuen Namen haben, damit der Anklang an die alten Sünden fernbleibe und der Feind an uns vorübergeht, wie im Volke Israel manchmal dem Sterbenden ein anderer Name ins Ohr gerufen wurde, damit der Todesengel an diesem neuen Namen vorübergehe. Wenn der Tod kommt und fragt: Woher kommst du und wer bist du?, so kann ein solcher Ueberwinder sagen: Ich habe einen neuen Namen, den du nimmer kennst; ich bin ein Gefreiter und Erlöster Jesu Christi, meines Herrn. Solche Gaben will der Herr seiner Gemeinde geben, einen Namen, der nie auf Erden erklang, aber im Himmel nimmer verklingen wird, und eine Speise, die die Erde nimmer bietet, aber die im Himmel täglich gepriesen wird. Darum, wenn so viel Schweres kommt, so wollen wir uns damit trösten: „Er weiß, wie oft ein Christe wein’ und was sein Sehnen sei.“[11] Er weiß auch unsere Lieblingssünde, unsere Lieblingsschwachheiten, unser Verderben, er kennt alles. Wer aber überwindet das, was ihm von dem Feind und der Welt zuwiderläuft, der bekommt zum Kampf die neue Kraft aus dem Manna des Gotteswortes,| der bekommt am Ende des Kampfes die Großartigkeit eines neuen Namens. „Israel“ (1. Mose 32) vergaß all seine Kampfes, den er als „Jakob“ erlebt hatte; denn er war von seinem Gott getröstet. So wollen auch wir in dem neuen Namen, der uns gegeben wird, das festiglich und treu hoffen, daß er noch alles zum guten Ende führt. Wir dürfen vielleicht noch sagen: Die aber nicht im rechten Sinne pietistisch werden, die sollen nichts vom neuen Namen bekommen und vom geheimen Manna nicht essen in Ewigkeit, sie sollen mit sich selbst und ihrem schuldbeladenen Namen in Ewigkeit sterben wollen und nicht sterben können. Ach, daß er uns allen zur Wegfahrt, die uns befohlen ist, das Manna gebe, ohne das wir keine Erquickung haben! Ach, daß er uns allen sein Wort teuer mache, daß wir dem Mose eine Hütte bauen hier auf Erden und Elia, aber die beste und größte und schönste doch dem, der hingegangen ist, uns die Heimatstätte zu bereiten. Ja, er gebe uns allen neue Freude an seinem teuern Wort und am Ende gebe er uns doch einen Namen, der an nichts mehr erinnern möge als an Gnade und Vergebung. Amen.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Zitatquelle unbekannt.
  2. Ernest Renan (1823–1892) war ein französischer Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Religionswissenschaftler und Orientalist.
  3. Altertümlich für Hebr. = Hebräerbrief.
  4. Vgl. EG 247,3 und andere Textversionen dieses Lieds.
  5. EG 523,3.
  6. 1. Kor. 15,32.
  7. Vgl. Ps. 119,92: Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.
  8. EG 197,2.
  9. EG 446,9.
  10. Mt. 25,21.
  11. Vgl. EG 324,11.
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