Die sieben Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis/Das vierte Sendschreiben

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Die sieben Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis
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Sendschreiben
an die Gemeinde zu Thyatira:


 „Dem Engel der Gemeinde zu Thyatira schreibe: Das sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und seine Füße sind gleichwie Messing:
 Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust.
 Aber ich habe wider dich, daß du lässest das Weib Isebel, die da spricht, sie sei eine Prophetin, lehren und verführen meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen.
 Und ich habe ihr Zeit gegeben, daß sie sollte Buße tun für ihre Hurerei; und sie tut nicht Buße.
 Siehe, ich werfe sie in ein Bett, und die mit ihr die Ehe gebrochen haben, in große Trübsal, wo sie nicht Buße tun für ihre Werke.
 Und ihre Kinder will ich zu Tode schlagen. Und alle Gemeinden sollen erkennen, daß ich es bin, der die Nieren und Herzen erforscht; und ich werde geben einem jeglichen unter euch nach euren Werken.
 Euch aber sage ich, den andern, die zu Thyatira sind, die nicht haben solche Lehre und die nicht erkannt haben „die Tiefen des Satans“ (wie sie sagen): Ich will nicht auf euch werfen eine andere Last;
 Doch, was ihr habt, das haltet, bis daß ich komme!
 Und wer da überwindet und hält meine Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden.
 Und er soll sie weiden mit einem eisernen Stab und wie eines Töpfers Gefäße soll er sie zerschmeißen,
 wie ich von meinem Vater empfangen habe; und ich will ihm geben den Morgenstern.
 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“
Offenbg. 2, 18–29. 


 Einführung: Die drei ersten Briefe liegen hinter uns, und es ist keine Zufälligkeit, wenn hier betont wird, daß der Herr Jesus dieselben als ein| einheitliches Ganze von der Gemeinde will angefaßt und aufgefaßt sehen. Dreimal schließen diese, ehe er verheißt, was er der Gemeinde geben will, mit der Mahnung: „Wer Ohren hat, der höre!“ Die letzten vier Briefe haben zuerst die Verheißung und dann die Mahnung. Die drei ersten geben zuerst die Mahnung und dann die Verheißung. Das ist das eine Gemeinsame.
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 Diese drei ersten Briefe bilden aber auch, tiefer gesehen, – obwohl das eben Erwähnte auch kein oberflächlicher Unterschied ist – eine ganz bestimmte Kette von Gedanken. Es wird mehr das Inwendige des Gemeindelebens angesehen: die Treue der Gemeinde von Ephesus bei mangelnder Liebesbegeisterung, die Trübsalsarbeit und ausharrende Hingabe von Smyrna und diese allen Ernstes geübte, in der Verfolgung bewahrte, ausharrende Beständigkeit der Gemeinde von Pergamus. So steht zwischen der Gemeinde, bei der die erste Liebe mangelt, und jener, welcher die rechte Unduldsamkeit abgeht, die Gemeinde von Smyrna, an welcher der Herr nichts zu tadeln hat, höchstens ihre Furcht: Fürchte dich vor der keinem, das du leiden wirst! (Kap. 2, 10a) Die drei ersten Sendschreiben bilden mehr die innere Seite christlichen Gemeindewesens und christlicher Charakterentwicklung und ein zusammengehörendes Ganzes: Arbeitstreue, Liebestreue und ausharrende Geduld. Dreifache Güter auch werden diesen drei ersten Gemeinden verheißen: das Holz des Lebensbaumes, der Kranz der Lebensblüte und das Manna der Lebensnahrung. Das Holz des Lebensbaumes, das, einst verboten, ihnen geschenkt werden soll; der Empfang der Lebensfrüchte,| die einst vorenthalten, nun reichlich ausgetan werden dürfen; der Lebenskranz, der die Stirne des Siegers schmückt, den die Welt tot erklärt und den Christus mit Leben antut; und endlich die Erschließung der geheimen Lebenskräfte, Lebensquellen und Lebensnamen der Gemeinde von Pergamus. Also: innere Vorgänge im Gemeindeleben werden beschrieben und geprüft und innere, mehr verborgene Güter geschenkt.

 Indem wir zum vierten Brief übergehen, stellen wir an die Spitze unserer Betrachtung den Satz: Nachdem der Herr die Innerlichkeit eines christlichen Gemeindelebens und der einzelnen Christenseele nach ihrem Bestande und nach ihrer Stärkung auf Grund dessen, was er ihr gegeben, gezeigt hat, erheben sich die Fragen um äußere Aufgaben und äußere Gaben der Gemeinde. Nur darf eben innerlich und äußerlich nicht mit himmlisch und irdisch verwechselt werden. In den vier Briefen tritt mehr die nach außen gewandte Seite zutage, ja nicht die Veräußerlichung. Nachdem der Herr Christus den Stand und die Stärkung des inneren Lebens, sowohl einer Gemeinde wie einer Seele aufgezeigt hat, gibt er nun auf Grund dieser innerlichen Gaben die Zeichnung, wie eine Gemeinde mehr nach außen wirken soll.

 Auslegung:

 Ob Thyatira überhaupt eine Gemeinde war? (V. 18) Manche Handschriften lesen nämlich: „Und dem Engel in Thyatira sage!“ und lassen „Gemeinde“ ganz weg, sodaß damit eine Andeutung und Aufschluß gegeben wäre, welchem wir freilich nicht allzu viel Bedeutung zuschreiben dürfen, der aber immerhin der Beachtung| wert ist. Während es in allen andern Gemeinden heißt: „Und dem Engel der Gemeinde sage!“, heißt es in diesem nur: „Und dem Engel von Thyatira sage!“ Sollte demnach in Thyatira gar keine Gemeinde gewesen sein? Zehn Männer mußten in Israel zusammenkommen, um eine Gemeinde zu bilden. Außer bei der Purpurkrämerin Lydia ist uns von der Existenz einer Gemeinde zu Thyatira nichts berichtet. So könnte dieser Ort mehr ein Missionsposten gewesen sein, dem Sitze eines Reisepredigers vergleichbar, wo von einem bestimmten Punkt aus der Gang und Weg zur Förderung des Evangeliums gefunden werden soll. Wir könnten es also so verstehen: „Und dem Engel der kleinen Gemeinde zu Thyatira, die kaum diesen Namen Gemeinde verdient, dem Engel dieser verschwindend geringen Zahl schreibe!“
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 Wie aber nennt Christus sich diesem Engel gegenüber? Er nennt sich den harten, weil gerechten Richter, der es nicht verschmäht, auch in Kleinigkeiten Einblick zu tun: „So spricht der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen“ (V. 18), dieselben Augen also, die über die ganze Welt hingehen und sie erleuchten, bis in die geheimsten Enden und Winkel durchspähend, dieselben Augen, welche die ganze Weltgeschichte vom Anfang bis zum Ende überschauen – denn es sind die Augen des Ersten und des Letzten. Diese Augen sind nicht zu großartig, daß sie das Kleine übersehen könnten. Im Gegenteil, er nennt sich dieser kleinen Gemeinde gegenüber den König mit dem feuerflammenden Auge, der also in die Kleinigkeiten eines Berufslebens, in die Unscheinbarkeiten eines Christenlebens, in die geringe Zahl eines Gemeinwesens| Einblick tut. Und er ist ein harter Mann, der auf diese kleine Schar sieht. Er scheut sich auch nicht, das Kleine mit feurigem Fuß in die Asche zu treten. Das Kleine, weil es klein ist, hat noch keine Verheißung und Anwartschaft darauf, daß es groß werde. Das Geringe, weil es gering ist, hat keine Verheißung, daß es erhöht werde. Er nennt sich den Mann mit dem brennenden Fuße, den Mann, vor dem alles in Asche fällt. Wo er mit seinem Feuerschritt hintritt, da welkt alles und sinkt zusammen; wo er hinschreitet mit dem Fuße, dessen feurige Spuren die Weltgeschichte aufweist, beginnt ein großes richterliches Vernichten. Also, so klein die Gemeinde ist, sie wird nicht verschont. Ihre Kleinheit überhebt sie nicht der Kritik Jesu Christi und ihre Armut hat kein Recht, sein Erbarmen anzusprechen als ein verdientes, als ein ihr geschuldetes. Vielmehr spricht der Herr, der da das Kleinste durchschaut – weil es ja doch groß ist als eine Schar erlöster Christen – und der auch stark genug ist, diese kleine Zahl zu vernichten: „Ich weiß.“
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 „Ich weiß“ (V. 19). Und nun kommt eine edle, erlauchte Kette aller Christentugenden, gerade als ob der erste Brief in der Vierzahl dem ersten in der Dreizahl entgegengesetzt wäre. Wenn der Herr beim ersten Brief tadeln mußte, daß sie die erste Liebe verlassen hatten, so konnte er bei dieser Gemeinde rühmen, daß ihre letzten Werke mehr waren als die ersten. Er konnte rühmen von ihrem Diensteifer, von ihrer Liebestreue und Geduld, sodaß man billig fragen möchte: „Dieser Gemeinde kann doch nimmer etwas fehlen?“ Er nimmt sie ans Herz, tröstet sie und ihren Bischof, rühmt ihren Diensteifer, sagt, ihre letzten Werke sind mehr, nicht| inniger als die ersten, aber zahlreicher, ausgedehnter. Meint man nicht, gewisse, an sich gesegnete Bewegungen unserer Kirche hier bezeichnet zu finden? Vor hundert Jahren in der evangelischen Kirche Deutschlands, außer den Anstalten des Johannes Falk, kaum ein Liebeswerk; schüchterne Versuche, kaum der Rede wert. Und was sind die letzten Werke des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts! Welche Bedeutung geht von denselben aus! Man glaubt, daß wirklich diese letzten Werke weit bedeutsamer geworden seien als die ersten. Es mangelt an keinem Guten und es gebricht an gar nichts. Die letzten sind wirklich größer, mehr, ausgedehnter, reichhaltiger, – ob sie auch tiefer und inniger sind, das wollen wir nicht untersuchen. Was als schüchterner Versuch anfangs des 19. Jahrhunderts gewagt wurde, ist jetzt geradezu Notwendigkeit geworden, und wenn es so weiter ginge, würden wir mit einem Reichtum von Anstalten beglückt sein, sodaß wenigstens jeder zweite Mensch, der uns begegnet, ein Anstaltsmensch sein müßte, damit doch die Anstalten gefüllt werden könnten. Und die letzte Triebfeder, nicht bei allen zwar, aber doch bei denen, die anfangen, sind Liebe zum Herrn und Diensttreue. – So steht auch Thyatira mit der Wirkung nach außen da. Ein Ausbreiten, ein senfkornartiges Beginnen, das aber mit einem beschattenden Ende gekrönt ist. Wahrlich, die Gemeinde von Thyatira war in der Liebe nicht erkaltet. Jedes neue Werk ein Kind freudiger Liebe, jede neue Anstalt ein Zeugnis von der Liebe zum Herrn Christus und durch ihn zu den Brüdern. Aber durch die Vielgeschäftigkeit und den Eifer, mit dem die Gemeinde von Thyatira in der Außenwelt wirkte, wurde der Ernst| der Kritik vernichtet. Wenn ein Teil der Ausleger wirklich recht hat, so wäre es furchtbar, daß der Bischof von Thyatira so liebestreu nach außen wirkte, während sein Weib das im Hause zerstörte, was er nach außen aufbaute. Manche Ausleger lesen nämlich: „Daß du dein Weib gewähren lässest“. Also, über der Ausdehnung der Gemeinde nach außen vergißt der Bischof die Zucht in seinem eigenen Hause und läßt sich von der, die ihm als Gehilfin anvertraut ist, berücken und betören. Ein furchtbar tragisches Bild! Während der Geistliche in der Gemeinde sich verzehrt, bricht sein Weib zuhause äußerlich und innerlich die Ehe. Während er ein Werk der Rettung nach dem andern aufbaut, reißt sein Weib ein Werk nach dem andern nieder. Er rettet, sie vernichtet. Er heißt Zucht üben, sie scheut und verläßt die Zucht. Er geht gutmeinend und vertrauend dem Werk nach und sein Haus wird eine Stätte wüster Lustbarkeit, ein Schlupfwinkel aller finsteren und lichtscheuen Gestalten. Wir haben hier nicht von der Mission des evangelischen Pfarrhauses zu reden; aber daß mancher tüchtige Pfarrer und treue Amtsträger durch seine Familie heruntergezogen ist, das ist kein Zweifel. Und er glaubt es nicht, weiß es nicht, wird betört. Wie viele treue Diener, wie viele ernste eifrige Seelsorger sind von dem Tage an, da sie in die Ehe getreten sind, müde und laß geworden. Oder, wenn sie ihren Eifer erst recht verdoppelten, ist es nur darum geschehen, damit niemand sagen konnte: durch die Ehe sei ihr Amt geschädigt worden. Während sie nach außen wirkten, zerfiel das Innere. Welche Bedeutung mißt hier Jesus Christus gerade dem Weibe bei und der Pfarrfrau vor allem! Wie müßte es uns doch angelegen sein, hier zu beten,| daß der Herr selbst die Pfarrfrauen erwählen wolle, daß er sie ausrüste zum edelsten aller Aemter, im Schweigen, in Zurückgezogenheit, in der rechten Weisheit, sich zurückzuhalten, eine starke Stütze und Krone ihres Mannes zu werden. Es wäre traurig, wenn ich nicht sagen wollte, wenn ich nicht sagen dürfte aus der Tiefe meines Herzens: ich habe Pfarrfrauen gekannt, welche wirklich von der Liebe zu Jesu erfaßt waren, welche nichts sein wollten als Gehilfinnen des Mannes. – Aber wir geben auch denen recht, die nicht übersetzen: „dein Weib“, sondern: „das Weib“. Wir wollen so lesen: „Ich habe wider dich, daß du das Weib Isebel gewähren lässest.“ Ephesus hat die Bösen gar nicht getragen; Pergamus hat sie in seiner Mitte gehabt, aber Thyatira hat sie geradezu „ausgelassen gewähren lassen“, wie es nach dem Grundtexte heißt. Damit ist dem Manne, dem Diener der Kirche, der ernste Wink entgegengebracht, daß, wenn ein Weib die Zucht haßt, es weit gefährlicher ist als ein Mann. Die schlimmsten Werke, die ein Mann anrichten kann, zeichnen sich durch eine gewisse Derbheit aus; sie sind immerhin greifbar und man kann die Fäden fassen. Aber die Gewebe, die ein von Gott verlassenes Weib anspinnt, kann ein Mann nie erkennen, auch wenn er mit noch mehr Sinnen ausgerüstet wäre, wie er ist. Es gibt weibliche Persönlichkeiten, welche die Würde und die Bedeutung des Amtsträgers unterwühlen, weil er den Moment übersehen hat, ihnen zu huldigen, da er sie hätte gewinnen können, freilich um den Preis der Wahrheit und Ehrlichkeit. Ich würde eine große Sünde begehen, auch als Gedankensünde schon, wenn ich glaubte, daß alles Schwere, Unrechte, Ungute bloß von| den Frauen in der Gemeinde käme. Ich kann mich doch als evangelischer Christ nicht zu der Ansicht der Kirchenväter bekennen: „Das Weib ist immer die Pforte, durch welche der Teufel in die Gemeinde kommt.“[1] Aber das muß ich sagen: Wenn ein Mann nicht mehr die Kraft hat, den weiblichen Einflüssen zu begegnen, dann ist es Zeit, daß er geht. Aber wie das Weib tiefer fällt als der Mann, so steht es auch leicht höher. Ich habe Persönlichkeiten kennen gelernt, nicht bloß im Diakonissengewande, aber auch im Diakonissengewand, die kennen gelernt zu haben, ich zu den liebsten Erinnerungen meines Lebens zähle und die ich einst mit Freuden vor seinem Thron bezeichnen werde, von denen ich weiß, daß es ihnen ernst war, schlecht und recht vor dem Herrn zu wandeln, daß er ihnen Großes geschenkt hat, weil sie nichts sein wollten.
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 Wir wollen uns aber doch die Frage recht ans Herz legen lassen, ob wir nicht auch in unserem Wesen etwas von der Art haben, die hier geschildert wird. Das Weib Isebel bricht äußerlich und innerlich die Ehe, huldigt rauschenden, überschäumenden Vergnügungen, zerstört unter der Kanzel, was auf der Kanzel ausgebaut ward. Haben nicht auch manchmal unsere Frauen in den Gemeinden leicht ein weltförmiges Gepräge? Wie stehen sie zu den Vergnügungen der Welt, die an sich selbst nicht schlecht zu sein brauchen, aber hierher nicht passen? Das ist ein ernstes, schweres Kapitel. Da soll man wohl sich besinnen, ob man auch hier nicht helfen kann, durch ein barmherziges Wort jemand zum Rechten weisen. Es schickt sich doch manches nicht, was keine Sünde ist. Bei allen Zerstreuungen, bei allem Erlaubten ist die entscheidende Frage für| dich: Kannst du es mit gutem Gewissen tun? Wenn du es nicht tun kannst, dann mußt du es entschieden sein lassen; denn niemand kann dich von deinem Gewissen absolvieren. Wir fassen zusammen: ein Weib, wenn es sich von Christo gelöst hat, zerstört in einer Stunde mehr als ein Amtsträger in einer Woche aufbauen kann. Für die Frauen in der Gemeinde gilt dann die ernste Bitte, daß sie schweigsamer, einsamer, ernster werden und wachen; und für uns Amtsträger das Bekenntnis unserer Hilfsbedürftigkeit und die Bitte um treue Fürbitte. Denn es ist nur das Gebet und die Fürbitte, die es möglich machen, die Kämpfe mit bestimmten Einflüssen auf sich zu nehmen. Man arbeitet, man tut, was man kann, man möchte es auch aus Liebe zum Herrn tun und es kann alles zerstört werden, wenn man zu schwach ist, nein zu sagen, wenn man zu müde wird, zu widerstehen, wenn man alt wird. In mancher Arbeit müßte man den Satz aufstellen: eine gewisse Reihe von Jahren, und dann muß man abbrechen; denn mit den Jahren mehrt sich das Bedürfnis nach Ruhe, nach Stille. Und wenn einmal das Sichzurückziehen eintreten muß, wenn man nicht mehr kann, so gerne man wollte, wenn die körperlichen Hemmnisse auftreten, dann ist es nicht gut, an einer Gemeinde zu arbeiten, welche vom Willen besonders geleitet werden muß. Ich gebe ebenso gern zu, daß man auch mit jungen Jahren müde werden kann, als daß man auch in hohen Jahren noch frisch sein kann. Darum die Bitte: nicht um den Geist des Eiferns, der da schnell hinfährt und mehr zerbricht als baut, aber um den Geist, der da stark genug ist, einen Krieg mit gewissen Strömungen anzufangen, und ob ihm alle Ruhe gebräche. Es erwacht| gerade bei den Menschen, welche der flüchtige Beobachter für energisch Schaffende, Arbeitskräftige halten möchte, oft ein so tiefes Verlangen nach Ruhe. Es ist meist nur der Zwang, den sie sich antun, die Zucht, welche sie sich auferlegen, wenn sie energisch sind. In ihrem Innersten sind sie weit phlegmatischer als andere. Man muß darum bitten, daß die Ruhebedürftigkeit nicht überhand nehme; denn man sieht mit Schrecken: ehe der Bischof selbst es inne ward, damals als er nicht mehr den Mut und die Kraft hatte, entschieden entgegenzutreten, hatte dieses Weib ihm das Herz und seiner Wirksamkeit die Teilnahme entfremdet. Da will nun der Herr selbst seinen Knecht schützen, freilich, indem er ihn beraubt. Er hat dem Weib und ihren Genossen Zeit und Raum zur Buße gegönnt. Sie haben aber die Buße verachtet. (V. 21).
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 Sie hat mit ihrem Anhange nicht gehorcht und nun wirft er sie alle auf ein beschwerliches Siechenlager (V. 22). Gott will selbst die Gemeinde von diesen Elementen befreien. Freilich, wenn die Gemeinde eine kleine war, wird der Bischof das Herzbrechende erleben müssen, daß der Herr eine Sichtung vornimmt, welche die Gemeinde fast ganz zerstört. Es werden eine Menge ihrer Glieder vernichtet werden müssen. Mit furchtbarem Weh sieht dann der Bischof reichbegabte Persönlichkeiten dahinziehen. Denen aber, welche die Treue gehalten haben, wird ein sonderlicher Trost gegeben. Der Herr will auf sie, nachdem sie diese Last getragen haben, eine andere Last nimmer legen. Er gibt die Verheißung eines reichgesegneten friedlichen Lebensabends, nachdem ein heißer und beschwerlicher Tag vorangegangen ist. Wir schließen diese Ausführungen| mit dem Dank zu dem treuen Herrn, daß er, der dem Weib so verantwortliche Stellung gegeben hat, es auch mit seinem Segen krönen will. Eine Jungfrau, eine Frau, die Christum liebt, ist das Beste und Köstlichste auf Erden. Ihres Mannes Herz kann sich auf sie verlassen. Und so gewiß ich persönlich glaube, daß angetraute Treue die beste Treue ist, nämlich, wenn die Menschen vorher treu waren, so gewiß bete ich, daß das evangelische Pfarrhaus eine Burg der Wahrheit sei, eine Stätte der Einfalt, ein Ort der Lauterkeit, ein Sitz der Ehrbarkeit in der Gemeinde; daß das evangelische Pfarrhaus viele Türen habe, die sich nach innen öffnen, aber keine, die nach außen aufgehe; daß dieses Haus lauter und rein die Schätze bewahre, die der Herr Christus gerade dem christlichen Hause in seinem ersten Wunder gegeben hat.
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 In dem Gericht, daß der Herr über die Gemeinde von Thyatira ergehen läßt, indem er die ohnehin so kleine Zahl noch kleiner macht, soll die Welt erkennen, daß er es ist, der Herzen und Nieren prüft. Er sieht ins Verborgene, er entdeckt die Geheimnisse, er auch nimmt das Zuchtverfahren in die Hand, das Menschen zu schwer wird, oder das Menschen in ihrer Kurzsichtigkeit nicht als nötig erkennen. Wer sich aber mit dem Treiben der also zu Bestrafenden nicht irgendwie befleckt, wer selbst den Hohn auf sich nimmt, daß sie sagen: „Ihr habt eben nie die Tiefen des Satans erkannt, nie die Tiefen des Bösen angesehen“, (V. 24) dem wird es der Herr auch wohl vergelten. Es ist, glaube ich, nicht an dem, daß jene Worte erst vom Herrn so zum sichern Hohne gewendet sind, als ob jene Leute, an der Spitze Isebel, gesagt hätten: „Ihr habt nicht erkannt| die Tiefen Gottes“, ja, sagt Gott, die Tiefen des Teufels! Man darf es vielmehr ganz wörtlich nehmen. Jene hochmütigen Leute meinten: Wer in die Geheimnisse des Bösen Einblick getan habe, der könnte ruhig das Böse tun. Es sind eben auch wieder Anspielungen auf jene unheimlichen, jedes Jahrhundert wiederkehrenden Sekten, die, indem sie tiefe Erleuchtung des Bösen zu haben vorgaben, dem Wesen des Bösen nachfolgten. Es wird für diese Wenigen zu Thyatira kein leichter Stand gewesen sein, als ungebildet und gering nebenan zu stehen und erfahren zu müssen, wie wenig sie eigentlich Kenntnis hätten und diesen Hohn ertragen zu sollen. Aber der Herr tröstet sie: „Wenn ihr diese Last zu Ende getragen haben werdet, will ich eine andere nimmer auf euch legen.“ Ihr habt die Last mit den gemeinen Elementen treulich genug getragen, nun sollt ihr die Gewißheit haben, daß ich keine andere Last auf euch legen will. Es hat eben jeder Christ auf Erden seine Last zu tragen, und die Lasten sind die schwersten, bei denen man allmählich fremder wird auf Erden, nicht mehr mitkommt, immer weniger verstanden wird, nicht in seiner Sünde, sondern wegen des Ernstes, mit dem man die Sünde bekämpft, nicht in seiner hochmütigen Eigenart, sondern weil man die Eigenart brechen möchte. „Woll’n wir dir dienen in heiliger Stille, sagt man, es sei das nur eigener Wille.“[2] Wer dies trägt, daß die Last so sein muß und keine andere sein darf; – denn nicht Lasten tragen ist das Schwerste, sondern daß man die tragen muß, welche einem am wenigsten gut dünkt – hat die Verheißung: „Ich will auf euch nicht legen eine andere Last.“ Bedenklich ist es allerdings, daß der Bischof jetzt kaum mehr hervortritt, während er zuerst| mit der Gemeinde gescholten wurde. Doch wir wollen auf diese Fragen nicht näher eingehen und einfach sagen: Wer in Versuchungszeiten um des Ernstes seiner Lebensanschauung willen angefochten wird, wer diese Last auf sich nimmt und es erfahren hat, daß weder fleischlicher Uebereifer, noch persönliche Gereiztheit, sondern der Ernst seinem Heiland dienen zu wollen, ihn in diese schwere Lage gebracht hat, wer das tragen kann, der hat genug getragen und soll endlich frei werden.
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 Was wird die Gemeinde bewahren? Die Ordnung des Herrn. Wer das bewahrt, „was er hat,“ wie der Herr spricht, den werden die Werke Christi auch bewahren. Eingangs hieß es, daß die letzten Werke größer waren als die ersten, und am Schluß wird der Gemeinde zugerufen: Wer nur das Pfund, das ihm verliehen ist und die Werke Christi bewahrt, den sollen sie auch bewahren. (V. 25. 26) Vielleicht lernen wir da etwas, was schon einmal gesagt wurde, wie doch die einfache Berufstreue nicht bloß eine sittliche Seite, sondern auch lindernde und heilende Erquickung hat. Wer die Christuswerke bewahrt, die vom Herrn Christus zunächst befohlenen Werke, den werden diese Werke auch bewahren. Manches Christenleben geht ruhig sein Geleise hin, weil es bereits in ewig klaren Geleisen geht. Manches Christenleben ist oberflächlich beunruhigt, und im Inneren voll tiefsten Friedens, während anderes Christenleben oberflächlich ruhig erscheint, im tiefsten Innern aber voll von Stürmen ist. Oberflächlich beunruhigt erschien die Gemeinde von Thyatira, aber im tiefsten Innern war Friede bei ihr. Sie bewahrte, was sie hatte, die Werke, die der Herr| ihr aufgab und in denen er sich ihr gab. Es ist wohl wie ein Schreck durch die Gemeinde gegangen, als das hochbegabte Wesen auf das Lager der Trübsal geworfen wurde, wie ein Beben, als Christus richtend durch die Gemeinde zog und ihrer viele dahinstarben, wenn er solche Eingriffe machen mußte. Aber die Gemeinde hat sich immerhin getröstet in der Gewißheit: „Wer da ausharrt bis ans Ende“ und durch das Ungewöhnliche vom Gewöhnlichen sich nicht ab bringen läßt, wer durch eingreifendste Ereignisse von der täglichen Pflicht nicht abweicht, ein solcher wird zum Frieden kommen. Es ist etwas Großes um die berufliche Treue. „Wer da bewahret meine Werke, den will ich auch bewahren.“ (V. 26) „Seine Werke“, das heißt also in den Grenzen sich bewegen, die der Herr Jesus Christus der einzelnen Seele gezogen hat, in den bescheidenen Gebieten bleiben, die er uns verordnet hat. Aber dieser Ausbau der beruflichen Arbeit, wobei einem immer neue Aufgaben entgegentreten, diese Treue wird der Herr in ganz wunderbarer Weise, die nach außen sich zeigt, lohnen. Er will die beruflich Treuen über fünf, über zehn Städte setzen, daß sie über die Völker herrschen in den letzten Tagen, da sie erleben, wie das Zerbrechliche zerbricht.
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 Jetzt will es uns manchmal das Herz beschweren, wie die stille Treue nicht zu Ehren kommt, wie so manche mit ihrer wenigen Arbeit zu prunken verstehen; aber der Herr sagt von den Treuen: „Sie werden über die Heidenvölker herrschen und das Zerbrechliche zerbrechen mit eisernem Stab.“ (V. 21). Wie der Herr, der getreu war bis zum Tode, den Namen über| alle Namen erhielt, vor dem die Phrase verschwindet, das Scheinleben vergeht; so wie er es erhalten hat, weithin über alle Völker zu herrschen und mit dem eisernen starken Stab der Wahrheit zu weiden und das Scheingebäude und Scheinleben zu zertrümmern, so sollen seine Getreuen auch herrschen und erleben, daß, wer Christi Ordnung hält, von dieser Ordnung gehalten wird. Wir sehen die große Zukunft von Menschen, welche, wie die Gemeinde von Thyatira, einfach und schlicht ihren Weg ziehen und nichts anderes als die Ordnung begehren. Sie werden über die Völker herrschen an jenem Tage, aber auch noch hier auf Erden. Man wird die Treuen doch noch begehren, die Stillen hervorziehen und sie werden durch ihre Festigkeit, ihre ganze geschlossene Persönlichkeit machen, daß andere vor ihnen brechen.
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 Und Jesus will dann den Stillen im Lande den Morgenstern geben (V. 28). Wiederum etwas äußerlich Sichtbares. Er will über ihrer Nacht das Frührot der Ewigkeit und in dieser Nacht den Morgenstern einer neuen Zeit leuchten lassen. Die Gemeinde von Thyatira sieht die Sterne nicht nur sinken, sie muß auch zur Zertrümmerung derselben beitragen; aber zur Entschädigung für solches schwere Antun will ihr der Herr Christus den Morgenstern geben, der nach langer und banger Nacht erstmalig der wartenden Anfangsgemeinde erschien. Er nennt sich erstlich den Morgenstern, der das Licht über die Welt brachte und die Welt erkannte es nicht. Er kann sich auch letztlich den Morgenstern nennen, weil er am Ende der Tage, wenn die trauten und vertrauten Sterne unseres Lebens ihren Schein alle verloren haben und man den Glanz bekannter| Sterne an bekannter Stelle vergebens sucht, dann selbst seiner Gemeinde den Morgenstern geben will. „Wir haben ein festes, prophetisches Wort und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheinet an einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in eueren Herzen.“ (2. Petr. 1, 19) Das aber ist der Morgenstern: die Anfangszeit einer neuen Welt. Jesus Christus will der treuen Gemeinde den Morgenstern geben, das heißt: es wird plötzlich in ihrem sinkenden Leben etwas aufsteigen, was es ihr gewiß macht, daß nun der Tag nahe ist. Es wird irgend ein Ereignis, ein bestimmtes Erlebnis in ihrem Leben eintreten, welches ihnen Gewähr schenkt, daß es nun an den Tag geht. So wie wir im Sendschreiben an die Gemeinde von Smyrna das Bild nahmen von dem Wanderer, der sich freut, auf schneebedecktem Pfad einer bekannten Spur zu begegnen, die sicher getreten ist und die Festigkeit des Vorgängers verrät, so möchten wir jetzt sagen: einsam geht die Gemeinde von Thyatira durch die Nacht, zu ihrer Seite das Jauchzen derer, die in den Tiefen des Satans glauben ungestraft leben zu dürfen, alle die sich gehen lassenden, zuchtlosen Menschen, die sie um ihrer altväterlichen Art willen verlachen; zur andern Seite die Gerichte Gottes, der da selbst eingreift, ohne daß ein Retter da ist; sie selbst berufen zu herrschen und durch ihr Wesen alles Scheinwesen zu zerstören. Allein es ist doch noch Nacht und Nachtesgrauen. „Aber über meinem Haupte glänzte eines Sternes Schein. Weil ich hoffte, weil ich glaubte, ward zuletzt der Heiland mein.“[3]
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 So, wie wenn ein Mensch durch die Nacht hingeht| und sie kommt ihm immer länger vor, je mehr sie gegen Morgen schreitet, so wie er den ersten Stern begrüßt als Zeichen, daß es nun bald Tag wird, so wie der Morgenstern langsam aufblinkt, wenn die anderen Sterne verschwunden sind und den baldigen neuen Tag verbürgt, so sollen wir durch diese Zeiten gehen.
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 Wunderbare Verheißung für die Treue in der Beschränkung, heilig für Mann und Weib, für jedes Geschlecht, jeden Beruf, jedes Amt. Es ist nicht wohl zu sagen, vielmehr zu empfinden, wie schwer es ist, sich zu beschränken. Wer aber einmal es lernt, da seine Kraft einsetzen, wo seine Beschränkung liegt, wer es lernt, in den Schranken, die ihm Gabe, Stellung und Beruf vorzeichnen, zu arbeiten, wer immer ernstlicher um all das nicht sich annimmt, was nicht zunächst seines Amtes ist, der hat wenigstens bei aller Finsternis den Trost: ich habe sie nicht gesucht, sondern sie ist über mich gekommen. Wer aber eigene Wege sucht, der muß klagen, daß er sich selbst in die Finsternis gestürzt hat. Am Ende aber muß für den Treuen dies Wort als Morgenstern leuchten: „Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen.“ (Matth. 25, 21) Heiden beugen sich zwar nicht vor der Treue, wohl aber vor ihrem Lohn. Das Scheinleben und die Vielgeschäftigkeit und die Zuchtlosigkeit ziehen sich vor der Armseligkeit der Pflichterfüllung zurück, aber sie werden einst erschrecken, wie diese Armseligkeit der Pflichterfüllung reich gemacht hat. Dazu stärke uns der Herr Herz, Mut und Sinn, daß wir in dem Berufe, der uns verordnet ist, mit Ernst arbeiten, nichts anderes suchen noch begehren als was eben unsere Aufgabe ist. „Glaube| an den Herrn Jesum Christum und tue die Werke deines Berufs,“ das ist die lutherische Sittlichkeit. Wer so handelt, dem wird vieles entgehen, er wird beschränkter werden in den Augen der Welt; aber der Herr wird dem, der seine Werke bewahrt und nichts anderes gewollt hat, als was er sollte, an jenem großen Tag die Herrlichkeit der Treue zeigen. Es ist um die Treue ein armseliges Ding, wenn sie sich nicht in der Beschränkung kräftigt, nicht immer auf einen Punkt ganz und völlig sich bezieht. Ueber solcher Treue aber leuchten alle Sterne und der letzte am meisten, der da verkündigt, daß der Herr so treu ist, mein Hort, und ist kein Böses an ihm. Amen.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hier wird wohl eine Aussage Tertullians aufgenommen: „Das Weib ist die Einfallspforte des Teufels.“ Vgl. die Schrift De cultu feminarum I,1,1: Tu [gemeint ist Eva] es diaboli ianua.
  2. Andreas Christian Bernstein (1672–1699) im Lied Großer Immanuel, schaue von oben.
  3. Ein recht freies Zitat eines Gedichtes von Philipp (?) Spitta: Aber über meinem Haupte fand ich eines Sternes Schein; weil ich suchte, weil ich glaubte, ward zuletzt der Heiland mein.
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