Die zehn Gebote (Hermann von Bezzel)/Fünftes Gebot II

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Fünftes Gebot II.
Du sollst nicht töten!

 Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun; sondern ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten.

 Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen, und sich von der Welt unbefleckt behalten. Jak. 1, 27.


 Vor acht Tagen schlossen wir die Betrachtung des fünften Gebotes mit dem Wunsche: Gott gebe, daß jemand in unserer Umgebung durch uns und unsern Einfluß frömmer werde, damit wir seiner Nähe froher würden. Denn es kommt alles darauf an und die nahende Himmelfahrt prägt es uns tief in die Seele: nicht sowohl, daß wir heimkommen, als daß wir nicht mit leeren Händen heimkommen. Es ist hoch bedeutsam nicht allein, daß ich meine Seele errette, sondern daß ich auch einen Bruder mitbringe, der durch mein Leben gerettet ward. Und je schwerer die Zeit den Einfluß verstattet, und je weniger du Gelegenheit hast, deinem Nächsten auf dem schmalen Wege Förderung zuteil werden zu lassen, desto mehr muß es dir angelegen sein, jeden Anlaß zu benützen, um ihm zu helfen und ihn zu fördern.

 Wie helfe ich meinem Bruder? Zuerst in den äußeren Nöten, und niemand unter uns rede von der Seelsorge, der nicht zuvor Obsorge für den Leib getroffen haben wird! Du merkst es ja an dir selbst: was helfen dir denn fromme Reden, wenn du krank bist?| Wie verfehlt sind dir Trostgründe, wenn du müde bist? Wie bist du dagegen dankbar für eine einzige kleine Erfrischung, damit, wenn der Leib erquickt ist, die Seele williger ist, den Trost auf sich wirken zu lassen. Darum, geliebte Christen, die wohlfeilste Seelsorge ist wohl die vom Apostel Jakobus beschriebene, wenn du sagst: Gott berate euch, wärmet euch und sättiget euch – und schließt dann das Herz vor dem armen Bruder zu. Es gibt eine solche Seelsorge, die diesen edlen Namen vergiftet und verunehrt, ja ihn geradezu widerlich macht; das ist die Seelsorge der frommen Worte an den Geist, dem aber der Mangel an wirklicher Hilfeleistung für den Leib zur Seite steht. Wie kann ich also meinem Nächsten in leiblicher Not helfen? Erstlich durch die Fürbitte. Wenn ihr euch abends schlafen legt und den Schmerz und die Not des Tages vergeßt und es ist euch an diesem Tage sonderlich wohl gewesen, ihr habt euch vielleicht der Frühlingsschönheit erfreut und von Neuem geschmeckt und gesehen, wie gütig euer Herr ist, dann denkt mit einem einzigen fürbittenden Seufzer aller derer, die der Schlaf in dieser Nacht flieht, die vor Schmerzen des Leibes nicht zur Ruhe kommen, die mit dem Tode ringen und er meidet sie, nach dem Leben begehren und es will sich von ihnen wenden! Betet für die vielen Kranken, die tagtäglich in die Nacht hinüber leiden und ist kein Erretter da! Denkt an die vielen Müden und Gebrechlichen, die nirgend Freundlichkeit und Hilfe finden! Und betet auch für all die Unbewehrten und Unbewahrten, deren Leib auch ein Tempel des heiligen Geistes ist, in der Taufe Jesu Christo anbefohlen; die da auf den Straßen ihres Leibes Leben und seiner Ehre sich begeben, die mit der Gesundheit der Leibes ein frevelhaftes Spiel treiben und wohl gar durch ihren Leib sich ein schnödes Lebensglück verschaffen! Ach, wer denkt, geliebte Christen, an die Kranken, noch mehr an die Gefährdeten, die tagaus, tagein in trübem| Strom durch unsere Großstadt ziehen, die dann nach wenigen Jahren unter einem unbekannten, mit Nesseln und Gras überwucherten Grabe schlafen? Beten heißt helfen. Betet für die Kranken, für die, deren Leibesleben gefährdet ist, für die Elenden und die Gefährdeten!

 Wer denkt an unsere studierende Jugend hier in der Großstadt, an die Gefahren, welche Völlerei, Schlemmerei, Genußsucht und Unkeuschheit ihnen bereiten? Die Mutter läßt ihren Sohn hinausziehen in die Weite und er prangt vor ihr in Jugendkraft und Jugendfrische, und er kehrt zurück greisenhaft, abgelebt und matt; denn ein böser Wurm nagt an seinem Leben, der Wurm des unreinen und unkeuschen Lebens. Wer betet für sie? Und wie, wenn du nun durch die Straßen der Großstadt gehst und siehst solche arme Menschen, die ihren Leib nicht mehr in Zucht und Ehren halten, betest du für sie, seufzest du für sie, flehest du zu dem, der auch ein solch armes Menschenkind zu sich ziehen will aus lauter Güte: o rette auch diesen meinen Bruder, diese meine Schwester?

 Es ist nichts mit unserm Christentum, wenn wir nicht die Hilfe der Fürbitte an die Kranken, Gefallenen und Gefährdeten wenden.

 Und zu dieser stillen Herzenshilfe, die kein Mensch sieht und die doch so vielen zugute kommt, zu dieser stillen Herzenshilfe tritt zweitens das gute, freundliche Wort.

 Die heilige Schrift des Alten Bundes sagt: „Eine gute Rede erfreut das Antlitz.“ Wenn du einen geliebten Menschen hast, wie wird bald dein ganzes Wesen verklärt, wenn er dir ein gutes Wort zuspricht. Du hast vielleicht seit Wochen gewünscht, dieses guten Wortes teilhaftig zu werden und schon darauf verzichtet. Heute ist es dir geworden, dein ganzes Leibesleben ist gehoben, deine Müdigkeit ist wie gebannt, deine Gebundenheit ist weggenommen, ein einziges Wort hat dich erquickt. Denn in einem einzigen| Menschenworte kann eine Summe von werbender, warnender, hoffender Liebe ruhen, aus einem einzigen Menschenworte sich eine Fülle von Beziehungen ergeben. Es ist wie der Webstuhl der Gnade, von dem Fäden ausgehen, zarte, seidene Fäden, die ein Menschenleben himmelwärts ziehen und überwärts heben. Hast du solche Hilfe des guten Wortes für deinen Nächsten oder fragst du vielleicht, wer überhaupt dein Nächster ist? Ich möchte gerade hier im Gegensatze sagen: immer der, der dir am wenigsten sympathisch ist. Denn wer nur die liebt, die ihm angenehm sind und ihn wieder lieben, übt eigentlich nur Selbstliebe. Aber den Menschen mit guten Worten am Leibe erfreuen, dessen Anblick und Antlitz mir schwer wird und dessen Art mir bitter deucht, das ist Nachfolge Christi.
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 Habt ihr gute Worte für die Armen, die an euere Türe klopfen, für die Bettler, die euch immer wieder heimsuchen, für die Entstellten? Ach, es ist eine Großtat der Liebe, die sich zu den Krebskranken herniederläßt; es ist eine Großtat christlichen Erbarmens, wenn ich gerade bei denen, die ich fliehen möchte, deren Anblick mein Schönheitsgefühl stört, um so länger verweile. Sie brauchen das gute Wort, sie dürsten nach ihm und sie werden durch ein gutes Wort erquickt. Du besuchst einen Kranken, vielleicht notgedrungen, weil es sich so gebührt, weil du Beziehungen zu ihm hast; du suchst dich mit dieser Pflicht möglichst schnell abzufinden. Hast du dir denn unterwegs nicht ein gutes Wort erbeten, daß du es dem Kranken sagen mögest, und es ihn sein leiblich Leid vergessen lasse? Hast du für ihn nicht eine freundliche Rede und einen Händedruck, aus dem heraus er den Herzschlag deines Mitleides spürt? Ein gutes Wort für die Kranken, Matten, Alten! Es gibt so viele leibliche Not in deiner nächsten Umgebung; vielleicht die arme Frau, die in deinem Hause ausgeholfen hat, die Wäscherin, die viele Jahre in deinem Hause Dienste| tat, die liegt jetzt in dem Dachstübchen, weltvergessen. Sie kann nichts mehr leisten, darum wird sie auch nicht mehr beachtet. Mache dich auf und bringe ein gütiges Wort und eine freundliche Rede und erquicke und erfrische damit deinen Nächsten! Und endlich, wie viele Gefährdete kennst du! Sie reden dich vielleicht an. Es ist mir manchmal so beweglich, wenn mich hier in der Großstadt schon des öfteren ein oder das andere weibliche Wesen ansprach, dem ich in früheren Jahren seelsorgerlich nachgehen durfte und nachging. Es ist gefallen und ist den Weg der Schande weitergegangen; aber es redet den Mann, der es einst unterwies, konfirmierte, leitete, noch an. Soll ich mich da zurückziehen oder ängstlich fragen, was die Leute sagen werden, daß ich mit solchen Mädchen auf der Straße spreche? Oder soll ich nicht vielmehr Gott danken, daß Er mir’s ermöglicht, auch in ein verkommenes Leben noch ein wenig Sonne zu bringen!

 O, spart euere guten Worte nicht so sehr, wägt sie nicht so sorglich ab! Prüfet nicht so ängstlich, wer ihrer würdig sei und wer sie nie verdiene. Euer himmlischer Vater hat soviel gute Worte in euer hartes Leben hineingesenkt und euer Heiland hat soviel leutselige Rede an euch gewagt, ohne daß ihr sie verdientet, nur weil ihr sie brauchet. Darum spart auch ihr die guten Worte nicht, sondern helfet.

 Und endlich drittens: helfet mit der Tat! Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter waren nicht nur diejenigen, die den Wanderer halb totschlugen und ihn dann ausgeraubt liegen ließen, Mörder, sondern auch die beiden, die vorüber gingen, der Levit, der den Verletzten nicht beachtete, der Priester, der sich seiner nicht erbarmte. Aber der Samariter erfüllte das Gebot der Liebe an dem, der da in seinem Blute lag, indem er hinzutrat, in seine Wunden Öl und Wein goß, ihn verband, ihn auf sein Tier lud und ihn fortführte.

 O, arbeitet für die Not, die Leibesnot euerer Umgebung!| Ich höre dich nun reden: dieser Mensch empfängt jetzt, was seine Taten wert sind; sein körperliches Leiden ist die Folge seiner Ausschweifung. O, wenn Gott jedes Unrecht, das wir begehen, Neid, Haß, Zorn, Eifersucht, Habgier usw. an unserem Leibe heimsuchen wollte, welch ein Bild körperlichen Gebrechens böten wir dann! Wenn alle die in uns lodernden Leidenschaften herausbrechen und sich an unserm Leibesleben bezeigen würden, welch eine Entstellung böte sich dann wohl an uns? Darum kehre dich zu den Kranken, Verachteten, Mühseligen und Beladenen mit deiner Fürbitte, mit deinem guten Worte und mit deiner Tat und hilf ihnen! Ich weiß wohl, es ist bei uns alles geordnet; wir haben die geordnete Armenpflege, die geordnete Krankenpflege und anderes. Aber muß denn der Kranke immer arm sein? Ich denke, das ist die rechte Art und die größte Tat der Krankenpflege, wenn du dich so recht in sein Leiden versetzest. Ich habe oft zu den Kranken gesagt: verzeiht, daß ich gesund bin! Denn der Gesunde, am Bette des Kranken ist für diesen am schwersten zu tragen; er ist wie ein Protest gegen seine Lage, er legt den Zunder des Mißtrauens in seine Seele und nötigt ihn zu dem Vergleich: warum geht es dem so gut und mir so schlecht? Denkt stets daran, daß der Gesunde für den Kranken weit schwerer zu tragen ist, als der Kranke für den Gesunden. Beachtet, daß es die größte Aufgabe und beste Hilfe ist, sich in des Kranken Art und Weise einzudenken, einzulieben, einzubeten, einzuleiden, bis er es merkt: du hast von seiner Krankheit innerlich Kenntnis genommen und bist ihrer innerlich kund geworden. Das ist die rechte Hilfe! Und wenn ich dich hingewiesen habe auf die vielen, die ihre leibliche Gesundheit frevelnd und mutwillig zerstört haben – hilf auch ihnen! Wenn sie wiederkehren aus dem Lande des Feindes, zerrissen, verkommen, unansehnlich und greisenhaft, wenn die einst blühenden Gestalten wieder vor| dein Auge treten, so ermattet und so überjährt, suche ihnen dadurch Hilfe zu erzeigen, daß du so lange in ihrem Antlitz nach den Spuren der Gottähnlichkeit forschest, bis die Träne kommt und der Schrei um Hilfe! So verkommen läßt der barmherzige Gott kein Menschenwesen werden, daß nicht in einer einzigen Stunde wieder in der Seele der Ruf nach dem Herrn ertönt: „O Durchbrecher aller Bande!“ So tief sinkt kein leiblich Leben, daß nicht in einer stillen Viertelstunde wieder einmal Tränen kämen und die Klage: ach, wer gibt mir meine verlorene Jugend wieder!

 Hilf mit starker Hand, mit guten Worten, mit treuer Hilfe und du hast das Gesetz des Herrn erfüllt. Doch unser Katechismus lehrt uns noch ein Zweites: 1. Helfen in allen Leibesnöten und 2. Fördern in allen Leibesnöten.

 Helfen, das setzt voraus, daß diese Nöte schon eingetreten sind. Fördern, das setzt voraus, daß sie nimmer kommen sollen. Helfen wendet sich an einen Zustand, der bereits da ist; fördern hindert einen Zustand, daß er nicht mehr eintritt.

 Wie sollst du fördern? Auch durch Gebet. Bete jeden Abend, daß der Herr das Heer der Übel des Leibes verringere. Bete für die Ärzte und um ihre Kunst. Es sind doch auch Gottes Boten, ob sie es sein wollen oder nicht. Sie sind doch auch Gottes Diener, ob sie sich dazu bekennen oder nicht. Gott hat ihnen die Macht und die Grenzen der Hilfe gegeben. Bete für sie! Bete, daß der Herr ihre Kunst segne, damit die Menge der Leiden sich mindere! Bete, daß der Herr ihre Hand heilige, damit deren Verrichtungen Hilfe bringe und manches zerstöre, daß es nicht so schwer auf der Menschheit laste!

 Bete – und das ist die Erfüllung des fünften Gebotes, nach welchem du doch fördern sollst – deine siebente Bitte mit besonderem Ernste: Erlöse uns von dem Übel! Gib reine Luft, gesundes Wasser, gute Witterung, schenke die rechten Lebensbedingungen, damit ihrer viele des Lebens| froh werden! Und dann bete für die Kinder, daß der Herr ihr leibliches Leben bewahre! Du, Mutter, weißt, welche Pest im Finstern deine Kinder umschleicht. Du hast ihnen nie ein unschönes Wort gesagt, sie ängstlich vor allem Gemeinen gehütet. Auf der Straße erfahren sie es, aus der Schule bringen sie es heim. Betet für die Kinder, daß ihr Leibesleben unbefleckt und bewahrt bleibe, daß der böse Feind, daß böse Leute keine Macht an ihnen haben! Befehlt ihr junges Wachstum, ihre zarten Glieder dem Schutze der heiligen Gottesboten, seinen Engeln, befehlt sie seiner Treue! Ihr laßt alljährlich Dienstboten von euch ziehen, junge, unbewahrte und unbewachte Leute. Betet ihr auch für sie? Oder haltet ihr es für ein ganz überflüssiges und unnützes Wort meinerseits? Wie kann man auch für einen Dienstboten beten! O, betet für sie, daß auch ihr äußeres Leben nicht gefährdet sei, daß sie ihren Leib rein und unbefleckt erhalten, daß er ein Tempel des heiligen Geistes bleibe, wie er es war! Betet für sie, daß der Versucher ihnen nicht nahen dürfe und alles schlechte Wesen fern von ihnen bleibe!
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 Und wieviel kannst du durch dein gutes Wort fördern, Gemeinde des Herrn! Wir sind alle viel zu ängstlich mit dem guten Worte und viel zu wenig ängstlich mit dem bösen. Deine Kritik macht vor niemand und nirgends halt. Wie viele scharfe Worte prägst du, läßt sie laufen und schaust ihnen nicht mehr nach, welch ein Unheil sie anrichten. Aber daß du einmal Förderung durch das Wort erbrächtest und, indem du den Balken aus deinem eigenen Auge entfernst, den Splitter aus dem Auge deines Nächsten mit freundlichem Worte zögest, fällt dir nicht ein. Willst du nicht mit gutem Worte den Nächsten fördern auch nach seiner leiblichen Seite! Du siehst vielleicht: dieser Mensch achtet nicht auf die Pflege seines Leibes. Aber du bist zu ängstlich und zu fein, um es ihm zu bereden. Du merkst, dein Gatte vielleicht oder dein Bruder schädigt sich durch| an sich erlaubte Vergnügungen, sagen wir durch den Trunk oder andere Ergötzungen, wie das Rauchen. Aber um den Frieden deines Hauses nicht zu gefährden, diesen faulen Frieden, der darin besteht, daß sich zwei Leute nicht in der Wahrheit verbinden, hast du nicht den Mut, deines Nächsten leibliche Gesundheit zu fördern durch ein ernstes, mahnendes Wort. Was könntest du seinem Leben nützen, wie könntest du ihn herausheben, daß er nimmer in Gefahr käme, wenn du sagtest: halt ein, gib nach, sei strenger gegen dich! Aber du tust es nicht. Und wie könntest du auch fördern, wenn du den Mut hättest, zu untersagen, was unrein und was unrecht ist! Ach, du weißt, daß bis spät in die Nacht hinein dein Dienstmädchen, die Erzieherin in deinem Hause oder eine deiner Töchter unnütze Bücher, Romane, die den Verstand verwirren und die Phantasie vergiften, lesen; sie brechen sich die Zeit vom Schlafe ab und übernächtig und überwacht gehen sie an ihr Tagewerk, müde, matt, verdrossen und vergrämt. Aber damit nicht deine Tochter dir fremd werde oder deine Magd dir ein übles Gesicht zeige, schweigst du. Doch wie könntest du sie fördern mit dem ernsten, mahnenden Worte: tue dieses Buch weg, es verdirbt dir nicht bloß die Seele, es beschwert dir auch den Leib! Aber man sagt dir: du willst kein Vergnügen gönnen. Das nennst du „gönnen“, wenn jemand ins Verderben eilt? Man wirft dir vor: du beurteilst alles zu schwer. Kann man wirklich den ewigen Tod zu schwer beurteilen? Man hält dir vor: du gönnst niemand etwas und seiest eine Verderberin aller Freude. Ist das eine Freude, wenn ein Mensch das blühende Gefilde seines Innenlebens mit allerlei Ungutem zerstört, verwüstet und sein Leben mit allerlei Unreinem verheert? Fördere mit dem Worte! Das gilt besonders den Erziehern unter uns. Jetzt hast du noch Zeit; jetzt kannst du mit deinem Worte noch die Gesundheit fördern, des Leibes Gesundheit und des Geistes Frische.| Willst du das Wort ungesprochen lassen? Geizest du nach dem Ruhme der sogenannten Güte: nie traf mich aus seinem Munde ein hartes Wort! Ist das dein Größtes, das Größte, was ein Mensch erstrebt, erlebt, ersehnt? Und so gibt es vieles, was du durch ein ernstes, christliches Wort fördern könntest und so am körperlichen Leben deines Nächsten fördernd wirktest.

 Unsere Zeit hat vortreffliche Anstalten gegründet. Aber indem die Gemeinschaft diese Anstalten gründete, baute und einrichtete und erhält, hat der einzelne seine Christenpflicht an die Gemeinschaft abgegeben und auf sie gelegt und das ist nicht recht. Du kannst mit deiner Tat viele fördern, viele auch in ihrem leiblichen Leben. Wie wäre es, wenn du selbst streng gegen dich im äußeren Leben, enthaltsam in Speise und Trank, anderen dadurch unwillkürlich Hilfe bötest? Ich gehöre nicht zu den Leuten, die der völligen Enthaltsamkeit von alkoholischen Getränken unter allen Umständen das Wort reden. Ich erblicke aber in der jetzt in den Reihen unserer Jugend zum Durchbruch kommenden antialkoholischen Bewegung recht Erfreuliches. Doch kann ich mir nicht verhehlen, daß diese Enthaltsamkeit, wie sie auch bei unseren jungen Geistlichen floriert, mir wie eine Abschlagszahlung gegen höhere Pflichten vorkommt. Dagegen ist mir das Wort eines Pfarrers: ich könnte nie auf die Trinker in meiner Gemeinde einwirken, wenn ich mich nicht selbst des Trinkens völlig enthielte! tief gedrungen und edel erschienen.

 Du merkst, daß deine Schwester, die mit dir lebt, von der oder jener Speise so hingenommen ist, daß sie die heilsame Maßhaltung vergißt. Nimm die Speise und verzichte auf sie, damit du deiner Schwester Willen dadurch stärkst. Man merkt daraus, daß manches an sich Unverfängliche zum Schaden unseres Nächsten dienen kann und wir alsdann durch unsere ernste Willenstat ihn leiblich fördern und aus der Gefahr bringen können.

|  Ihr seht, welch großes Feld unsere Erklärung des fünften Gebotes uns aufzeigt – helfen und fördern. Aber, so sprecht ihr: überschätzest du auch nicht den Leib? Ihr kennt wohl alle das Wort des alten Philosophen, daß der Leib ein Kerker der Seele sei und es unsere Aufgabe sei, die Seele möglichst rasch dem Körper zu entnehmen. Und das sagst du von dem Leibe, den dein Heiland erwählte, ans Kreuz trug, mit ins Grab nahm und den Er verklärt dem Grabe entnahm! Das sagst du von dem Leibe, über den Gott so viel Gnade ausgegossen hat! Wie der Psalmist sagt: Wunderbar bin ich gemacht und das erkennt meine Seele wohl. Von dem Leibe, dessen Auge ein Meisterwerk Gottes, dessen Hand ein Musterstück seiner Weisheit ist! Nein, Geliebte, so gering wir das leibliche Leben halten müßten, wenn es allein wäre und allein gehalten werden sollte, so froh sollen wir von ihm denken, und sollen beten, daß ein gesunder Leib uns bescheret wird. Betet für euren Leib, daß er genese, frisch und frei, froh und tüchtig sei, um die große Aufgabe, die der Herr ihm gestellt hat, zu bewältigen! Betet um Gesundheit nach der vierten Bitte, daß der Herr euch feste Schritte tun lasse, damit ihr wohl ausrichtet, was euch befohlen ist! Wartet eures Leibes und gedenkt seiner, nicht zur Erreichung und Befriedigung der Begierden, aber in der Pflege als eines euch anvertrauten Kleinodes!
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 Achte seiner! Und so jämmerlich ein Mensch ist, der sein Leben schont und alle Anstrengung krankhaft von ihm ferne hält, so wenig ist ein Mensch deswegen frömmer, wenn er seiner nicht achtet und nicht schont. Weil er ein Tempel des heiligen Geistes ist, das ist das Letzte der heutigen Betrachtung, darum achte du auf deinen Leib! Wisse, das ist ein Selbstmord feinster Art unter dem Schein der Frömmigkeit, wenn man nicht mehr wartet seines Leibes, sondern meint: dann sei es vorbei und die ewige Freude kehre ein. Jener fromme Mann hat dazu gesagt: Meinst| du denn, daß Gott dich aufnimmt, wenn du früher kommst, als Er dich will? Glaubst du, daß die Wohnung für dich bereit ist, wenn du sie erstürmst, statt daß du sie erbatest? O, schont eures Leibes Leben, haltet es in Acht und Zucht! Denkt auch an die vielen Leben um euch mit all ihren Leiden und ihrer Not!

 Betet, tröstet und helft! Und fragt nicht: ist er es wert? Ist sie es würdig? Sondern des eingedenk, daß Er euch soviel Liebe erzeigt, deren ihr nicht würdig seid, hebt und tragt, pflegt und schützt! Und Gott wird euch segnen.

 Am nächsten Sonntag, dem Sonntag Jubilate, hat der Heiland in seelsorgerlicher Weisheit und Feinheit einen Vorgang des Leibeslebens ganz nahe an einen Vorgang des geheimnisvollen geistlichen Lebens gereiht. Er spricht von dem armen Weibe, das trauert, wenn die schwere Stunde, die ein neues Leben zutage führen soll, ihm naht, und von der Freude, die alles Weh und alle Schmerzen vergessen läßt, wenn nun der Mensch zur Welt geboren ist. Und von diesem Bilde ausgehend zeigt Er, welch ein Weh es ist, bis in unserm Leben das neue Wesen und der neue Tag heraufgekommen ist, wie man aber an diesem Tage, der ein wiedergeborenes Gotteskind begrüßt, all der Angst und des Leides nimmermehr gedenkt. Wenn euer Herr und Heiland höchstes Lebensgeheimnis an geheimnisvolle Vorgänge des leiblichen Lebens anreiht, dann denkt auch nicht mehr gering von ihm und dem Leben des Nächsten, sondern helft und fördert in allen Leibesnöten. Und der, der in eure Wunden Öl und Wein gegossen und in die Herberge euch gebracht hat, der segne alle wahre Barmherzigkeit gegen den Leib, weil durch solches Erbarmen die Seele genest und froh wird.

Amen.





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