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Ein Fall aus der Praxis

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Textdaten
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Autor: Anton Pawlowitsch Tschechow
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Titel: Ein Fall aus der Praxis
Untertitel:
aus: Von Frauen und Kindern, S. 195–212
Herausgeber: Alexander Eliasberg
Auflage: 1. – 5. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1920
Verlag: Musarion
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Erscheinungsort: München
Übersetzer: unbekannt
Originaltitel: Случай из практики
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[195]
Ein Fall aus der Praxis

[197] Der Professor erhielt ein Telegramm von der Ljalikowschen Fabrik: man bat ihn, möglichst sofort zu kommen. Erkrankt war die Tochter irgendeiner Frau Ljalikow, offenbar der Besitzerin der Fabrik; sonst konnte man aus dem langen, ungeschickt aufgesetzten Telegramm nichts verstehen. Der Professor fuhr auch gar nicht hin, sondern schickte an seiner Statt seinen Assistenten Koroljow.

Von Moskau mußte man zwei Stationen mit der Eisenbahn fahren, und von da an die vier Werst mit dem Wagen. Koroljow wurde an der Bahnstation von einer Troika abgeholt; der Kutscher hatte einen Hut mit Pfauenfedern auf und beantwortete alle Fragen wie ein Soldat: „Zu Befehl, nein!“ – „Zu Befehl, ja!“ Es war Sonnabend, und die Sonne ging eben unter. Von der Fabrik zur Station wanderten ganze Scharen von Arbeitern, die vor den Pferden, mit denen Koroljow fuhr, die Mützen zogen. Der Assistent geriet in den Bann des Abends, der Landgüter und Villen zu beiden Seiten der Straße, der Birken und der ganzen stillen Stimmung, und es war ihm, als bereiteten sich auch das Feld, der Wald und die Sonne zugleich mit den Arbeitern vor, einen ganzen Tag zu ruhen und vielleicht auch zu beten…

Koroljow war in Moskau geboren und aufgewachsen, kannte das flache Land nicht, interessierte sich niemals für Fabriken und war noch niemals in einer solchen gewesen. Er hatte aber einiges über die Fabriken gelesen und mit Fabriksherren [198] verkehrt und gesprochen; und sooft er in der Ferne oder in der Nähe eine Fabrik sah, kam ihm der Gedanke, daß von außen besehen alles wohl still und ordentlich sei, innen aber undurchdringliche Roheit und stumpfer Egoismus der Besitzer, langweilige und ungesunde Arbeit der Arbeiter, Zank, Schnaps und Ungeziefer herrschen. Als die Arbeiter jetzt ehrerbietig und scheu vor seinem Wagen auswichen, sah er ihren Gesichtern, ihren Mützen, ihrer Gangart physische Unsauberkeit, Trunksucht, Nervosität und innere Unsicherheit an.

Der Wagen rollte durch das Fabrikstor. Zu beiden Seiten huschten kleine Arbeiterhäuser, Frauengesichter, Wäsche und Bettdecken vor den Türen vorbei. „Obacht!“ schrie der Kutscher, ohne die Pferde anzuhalten. Da ist der geräumige Hof ohne Gras, und darin stehen fünf, voneinander entfernte, riesengroße Gebäude mit Kaminen, Lagerschuppen, Baracken, und alles ist grau, wie mit Staub überhaucht. Hie und da sind ärmliche Gärtchen und grüne und rote Dächer der Beamtenhäuser zu sehen. Der Kutscher hielt plötzlich vor einem frisch mit grauer Farbe gestrichenen Hause; davor befand sich ein kleiner Vorgarten mit staubbedecktem Flieder, und auf der gelben Freitreppe roch es stark nach Farbe.

„Bitte, Herr Doktor,“ sagten einige Frauenstimmen im Flur und im Vorzimmer; auch Seufzer und Flüstern waren zu hören. „Bitte, wir haben Sie kaum erwarten können… ein wahres Unglück. Wollen Sie, bitte, hier eintreten.“

Frau Ljalikow, eine ältere korpulente Dame im schwarzen Seidenkleid mit modernen Aermeln, doch nach dem Gesicht zu schließen eine einfache, ungebildete Person, sah den Arzt besorgt an und wagte nicht, ihm die Hand zu reichen. Neben ihr stand ein weibliches Wesen mit kurzem Haar, mit einem Zwicker auf der Nase, in einer buntfarbigen Bluse, [199] hager und nicht mehr jung. Die Dienerschaft nannte sie Christina Dmitrijewna, und Koroljow erriet, daß es die Gouvernante war. Sie war offenbar, als die gebildetste Person im Hause, beauftragt, den Arzt zu empfangen; sie fing jedenfalls sofort an, in großer Hast die Ursachen der Krankheit mit kleinlichen, überflüssigen Details darzulegen, doch ohne zu erwähnen, wer krank sei und um was es sich eigentlich handle.

Der Doktor und die Gouvernante saßen und sprachen, und die Frau des Hauses stand unbeweglich bei der Tür und wartete. Koroljow erfuhr aus dem Gespräch, daß die Patientin die einzige Tochter und Erbin der Frau Ljalikow, Lisa, ein etwa zwanzigjähriges junges Mädchen sei; sie sei schon seit langem krank und hätte sich von verschiedenen Aerzten behandeln lassen; in der letzten Nacht, vom Abend bis zum Morgen, hätte sie solches Herzklopfen gehabt, daß kein Mensch im Hause geschlafen habe; man hätte gefürchtet, sie könnte sterben.

„Man kann wohl sagen, daß sie schon seit der frühesten Kindheit kränkelt,“ berichtete Christina Dmitrijewna mit singender Stimme, sich jeden Augenblick die Lippen mit der Hand wischend. „Die Aerzte sagen, es seien die Nerven; als sie aber klein war, haben ihr die Aerzte die Skrofeln ins Innere gejagt, und ich glaube, das Ganze kommt davon.“

Nun ging man zu der Kranken. Schon ganz erwachsen, groß und gut gebaut, doch unschön und der Mutter ähnlich, mit den gleichen kleinen Augen und der unverhältnismäßig kräftig entwickelten unteren Gesichtshälfte, unfrisiert, bis zum Kinn unter der Bettdecke steckend, machte sie im ersten Augenblick auf Koroljow den Eindruck eines unglücklichen, armen Geschöpfes, das man hier aus Mitleid aufgenommen habe, [200] und er konnte gar nicht glauben, daß sie die Erbin der fünf großen Fabriksgebäude sei.

„Wir kommen zu Ihnen,“ begann Koroljow, „um Sie zu kurieren. Guten Tag.“

Er nannte seinen Namen und drückte ihr die Hand – eine große, unschöne, kalte Hand. Sie setzte sich auf und ließ sich, offenbar schon seit langem an ärztliche Besuche gewöhnt und ohne sich zu genieren, daß ihr Hals und ihre Brust entblößt waren, behorchen und beklopfen.

„Ich habe Herzklopfen,“ sagte sie. „Die ganze Nacht war so schrecklich… ich bin beinahe vor Schreck gestorben! Geben Sie mir irgend etwas.“

„Gewiß, gewiß! Beruhigen Sie sich nur.“

Koroljow untersuchte sie und zuckte die Achseln.

„Das Herz arbeitet tadellos,“ sagte er, „alles ist in bester Ordnung. Wahrscheinlich sind die Nerven etwas überspannt, aber das kommt so häufig vor. Der Anfall ist anscheinend zu Ende. Versuchen Sie mal einzuschlafen.“

In diesem Augenblick brachte man eine Lampe herein. Die Kranke kniff die Augen zusammen, griff sich plötzlich an den Kopf und begann zu schluchzen. Und der Eindruck eines unglücklichen, unschönen Wesens war plötzlich verschwunden, und Koroljow sah nicht mehr die kleinen Augen und die roh entwickelte untere Gesichtshälfte; er sah nur einen sanften, gequälten Ausdruck, der so verständig und rührend war, und sie erschien ihm auf einmal so schlank, frauenhaft und einfach, daß er das Bedürfnis fühlte, sie nicht mit einer Arznei oder ärztlichem Rat, sondern mit einfachen freundlichen Worten zu beruhigen. Die Alte umschlang ihren Kopf und drückte ihn an sich. Wieviel Verzweiflung und Gram drückte das Gesicht der Mutter aus! Sie hatte ja die Tochter großgezogen, hatte [201] nicht gegeizt und ihr ganzes Leben hingegeben, um der Tochter Französisch, Tanzen und Musik beibringen zu lassen; sie hatte für sie an die zehn Lehrer gehalten, immer die besten Aerzte konsultiert und eine Gouvernante aufgenommen; und nun konnte sie nicht begreifen, woher diese Tränen kamen, welche Ursache dieses ganze Elend hatte; sie begriff nichts und war ratlos, und ihr Gesicht drückte Schuldbewußtsein, Unruhe und Verzweiflung aus, als hätte sie etwas sehr Wichtiges versäumt, als hätte sie etwas unterlassen, jemand zu berufen vergessen, – doch wen, das wußte sie nicht.

„Lisa, nun bist du wieder so… schon wieder,“ sagte sie, die Tochter an sich drückend. „Meine Liebe, mein Kind, mein Täubchen, sag’, was ist mit dir! Hab’ Mitleid mit mir, sag’ es.“

Die beiden weinten bitterlich. Koroljow setzte sich auf den Bettrand und nahm Lisas Hand.

„Beruhigen Sie sich doch, wozu weinen?“ sagte er freundlich. „Es gibt doch in der Welt nichts, was diese Tränen verdiente. Wir wollen nicht mehr weinen. Sie sollen nicht…“

Und dabei dachte er sich:

– Die sollte man längst verheiraten. –

„Unser Fabriksarzt gab ihr Kali bromati,“ sagte die Gouvernante, „ich sehe aber, daß es ihr schadet. Ich glaube, daß man gegen Herzbeschwerden nur Tropfen geben soll. Ich habe vergessen, wie die heißen… Vielleicht Maiglöckchentropfen.“

Und dann kamen wieder allerlei Einzelheiten. Sie unterbrach den Arzt, ließ ihn nicht zu Worte kommen, und ihr Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, als hielte sie sich, als der gebildetste Mensch im Hause, für verpflichtet, mit dem Arzte ununterbrochen über Medizin zu sprechen.

Koroljow wurde es langweilig.

[202] „Ich finde nichts Besonderes,“ sagte er der Mutter, das Krankenzimmer verlassend. „Wenn Ihre Tochter bisher vom Fabriksarzt behandelt wurde, so soll er sie nur weiter behandeln. Die Behandlung war richtig, und ich sehe keine Notwendigkeit, den Arzt zu wechseln. Wozu auch? Die Krankheit ist ja so gewöhnlich, es ist nichts Ernstes…“

Er sprach langsam und zog sich dabei die Handschuhe an. Frau Ljalikow stand aber unbeweglich da und sah ihn mit verweinten Augen an.

„Bis zum Neunuhrzug bleibt mir nur noch eine halbe Stunde,“ sagte er. „Ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme.“

„Können Sie denn nicht bei uns bleiben?“ fragte sie, und Tränen liefen ihr wieder die Wangen herab. „Ich muß mich schämen, Sie zu belästigen, aber seien Sie so gut… um Gottes willen,“ fuhr sie leise fort, auf die Tür zurückblickend. „Uebernachten Sie doch bei uns. Ich hab’ nur das eine Kind… Solche Angst hat sie uns in der vergangenen Nacht gemacht, daß ich gar nicht zu mir kommen kann… Fahren Sie, um Gottes willen, noch nicht weg…“

Er wollte ihr sagen, das er in Moskau viel Arbeit habe, daß ihn seine Familie erwarte; es fiel ihm schwer, den ganzen Abend und die ganze Nacht ohne besondere Notwendigkeit in einem fremden Hause zuzubringen. Als er aber ihr Gesicht ansah, seufzte er und begann die Handschuhe wieder auszuziehen.

Im Saal und im Gastzimmer wurden ihm zu Ehren alle Lampen und Lichter angezündet. Er saß vor dem Klavier und blätterte in den Noten, dann sah er sich die Bilder und Bildnisse an den Wänden an. Die goldgerahmten Oelbilder stellten Krimlandschaften dar, ein stürmisches Meer mit einem Schiffchen, einen katholischen Mönch mit einem Weinglas in der Hand, und alles war trocken, glatt und talentlos… Auf [203] den Bildnissen fand er kein einziges schönes, interessantes Gesicht; lauter breite Backenknochen und erstaunte Augen. Ljalikow, der Vater Lisas, hat auf dem Bilde eine niedere Stirne und ein selbstzufriedenes Gesicht; die Uniform sitzt auf seinem unförmlichen, unadligen Körper wie ein Sack; an der Brust prangt eine Medaille und ein Ehrenzeichen vom Roten Kreuz. Die Kultur ist ärmlich, der Luxus ebenso zufällig, sinnlos und unbequem wie diese Uniform; die Fußböden glänzen unerträglich, der Lüster wirkt aufreizend, und der Arzt mußte unwillkürlich an die Geschichte vom Kaufmann denken, der ins Bad mit der Medaille am Halse zu gehen pflegte.

Im Vorzimmer wurde geflüstert, jemand schnarchte leise. Plötzlich klangen aus dem Hofe scharfe, metallische Töne, wie sie Koroljow noch niemals gehört hatte und die er auch jetzt nicht begreifen konnte; sie weckten in seiner Seele einen sonderbaren, unangenehmen Widerhall.

– Ich glaube, ich würde hier um nichts in der Welt wohnen bleiben, – sagte er sich und machte sich wieder an die Noten.

„Herr Doktor, ich bitte zum Essen!“ rief ihn mit leiser Stimme die Gouvernante.

Er ging ins Eßzimmer. Auf dem großen Tisch stand eine Menge von Delikatessen und Weinen, am Abendessen nahmen aber nur zwei Personen teil: er und Christina Dmitrijewna. Sie trank Madeira, aß sehr schnell und erzählte, ihn durch ihren Zwicker anblickend:

„Die Arbeiter sind mit uns sehr zufrieden. Wir haben hier auf der Fabrik jeden Winter Theatervorstellungen, und die Arbeiter wirken selbst mit; dann gibt es Vorträge mit Lichtbildern, eine ausgezeichnete Teestube, – was kann man noch verlangen? Sie sind uns sehr zugetan, und als sie hörten, [204] daß es Lisa schlechter geht, ließen sie einen Bittgottesdienst abhalten. Sie sind zwar ungebildet, fühlen aber doch mit.“

„Es sieht beinahe so aus, als ob Sie hier keinen einzigen Mann im Hause hätten,“ sagte Koroljow.

„Keinen einzigen. Pjotr Nikanorowitsch ist vor einundeinhalb Jahren gestorben, und wir sind allein geblieben. So leben wir zu dritt. Im Sommer hier, und im Winter in Moskau, auf der Poljanka. Ich bin bei ihnen schon seit elf Jahren und werde wie eine Eigene behandelt.“

Zum Abendessen gab es Sterlett, Hühnerkoteletts und Kompott; dazu teure französische Weine.

„Herr Doktor, seien Sie bitte ganz ungeniert,“ sagte Christina Dmitrijewna, essend und sich den Mund mit den Fäustchen abwischend. Es war ihr anzusehen, daß sie hier im Hause mit Wohlbehagen lebte. „Essen Sie, bitte.“

Nach dem Abendessen brachte man den Doktor in ein Zimmer, wo für ihn ein Bett bereit stand. Er wollte aber noch nicht schlafen, es war schwül und es roch nach Farbe; er zog sich den Mantel an und ging ins Freie.

Draußen war es kühl; die Morgendämmerung brach eben an, und in der feuchten Luft zeichneten sich deutlich die fünf Fabriksgebäude mit ihren hohen Kaminen, die Baracken und Schuppen ab. Des Sonntags wegen wurde nicht gearbeitet, alle Fenster waren dunkel, und nur in einem der Gebäude brannte eine Esse; zwei Fenster waren rot, und aus dem Kamin stieg zugleich mit dem Rauch zuweilen auch Feuer auf. Weit hinter dem Fabrikhofe quakten die Frösche und schlug eine Nachtigall.

Beim Anblick der Fabrikgebäude und der Baracken, in denen die Arbeiter schliefen, kamen ihm wieder die Gedanken, die ihm immer beim Anblick von Fabriken zu kommen [205] pflegten. Trotz aller Theateraufführungen, Lichtbildvorträge, Fabriksärzte und aller Verbesserungen, unterschieden sich die Arbeiter, denen er heute auf dem Wege von der Bahn begegnete, äußerlich durch nichts von den Arbeitern, die er in seiner Kindheit gesehen hatte, als es noch keine Aufführungen und Verbesserungen gab. Als Arzt, der über die chronischen Leiden, deren Grundursachen unbegreiflich und unheilbar waren, richtig urteilte, betrachtete er auch die Fabriken als ein Mißverständnis, dessen Ursache ebenso unklar und irreparabel war, und hielt alle Verbesserungen im Leben der Arbeiter zwar nicht für überflüssig, setzte sie aber der Behandlung unheilbarer Krankheiten gleich.

– Das ist natürlich ein Mißverständnis, – dachte er sich, die vom Feuer rot erleuchteten Fenster betrachtend. – Die einundeinhalb bis zweitausend Menschen, die hier unermüdlich arbeiten und einen schlechten Kattun herstellen, werden nie satt und erholen sich nur manchmal in der Branntweinschenke von diesem Alpdruck; hundert Menschen beaufsichtigen die Arbeit, und das ganze Leben dieser hundert Menschen vergeht im Aufschreiben der Strafabzüge, in Schimpfen und Ungerechtigkeit; und nur diese drei Menschen, die sogenannten Besitzer, haben Vorteile davon, obwohl sie selbst gar nicht arbeiten und den schlechten Kattun verachten. Was sind das aber für Vorteile, und wie genießen sie sie? Frau Ljalikow und ihre Tochter sind unglücklich, es ist ein Jammer, sie anzusehen, und nur Christina Dmitrijewna, die dumme alte Jungfer mit dem Zwicker lebt in Freuden. So arbeitet man in diesen fünf Gebäuden und verkauft auf den asiatischen Märkten den schlechten Kattun, nur um Christina Dmitrijewna die Möglichkeit zu geben, Sterlett zu essen und Madeira zu trinken.

Plötzlich erklangen wieder die seltsamen Töne, die Koroljow [206] schon vor dem Abendessen gehört hatte. In der Nähe eines der Fabriksgebäude schlug jemand gegen ein Eisenbrett; er schlug und hielt die Töne gleich wieder auf, so daß es kurz, scharf und unrein klang, wie „drr… drr… drrr…“ Nach einer Pause von einer halben Minute erklangen bei einem anderen Gebäude ebenso kurze und unangenehme, doch etwas tiefere Töne, wie: „drn… drn… drn…“ Elf Nachtwächter schlugen offenbar die Stunde.

In der Nähe des dritten Gebäudes erklang es plötzlich wie: „schak… schak… schak…“ Und so tönte es vor allen Gebäuden, neben den Baracken und hinter dem Tore. Es war, als stieße diese Töne in der nächtlichen Stille jenes Ungeheuer mit den blutroten Augen, der Teufel selbst aus, der hier die Besitzer, wie die Arbeiter in seiner Gewalt hatte und die einen, wie die andern betrog.

Koroljow ging aus dem Hofe ins freie Feld.

„Wer da?“ rief ihn am Tore eine rohe Stimme an.

– Es ist wie im Zuchthause… – sagte er sich und gab keine Antwort.

Draußen schmetterten die Frösche und die Nachtigallen lauter, und die Mainacht ließ sich stärker fühlen. Von der Station her klang das Dröhnen eines Zuges; irgendwo krähten verschlafene Hähne, die Nacht war aber trotzdem still, und die Welt lag im ruhigen Schlafe. Im Felde, unweit der Fabrik, stand ein Balkengerüst, daneben war Material für einen Neubau aufgeschichtet. Koroljow setzte sich auf die Bretter und dachte weiter:

– Wohl fühlt sich hier nur die Gouvernante, und die ganze Fabrik arbeitet nur für sie und zu ihrem Vergnügen. Es sieht aber nur so aus, und sie ist wie eine Strohpuppe. Die Hauptperson, für die hier alles geschieht, ist der Teufel. –

[207] Und er dachte an den Teufel, an den er nicht glaubte, und blickte auf die beiden Fenster zurück, in denen Licht brannte. Es war ihm, als sähe ihn mit diesen feuerroten Augen der Teufel selbst an, jene unbekannte Gewalt, die die Beziehungen zwischen den Starken und Schwachen, diesen groben Fehler geschaffen hatte, den man jetzt nicht wieder gutmachen kann. Der Starke muß den Schwachen am Leben hindern, – das ist ein Naturgesetz; es ist aber nur in einem Zeitungsartikel oder in einem Lehrbuch verständlich und erfaßbar, doch in dem Brei, den das alltägliche Leben darstellt, im Gewirr all der Kleinlichkeiten, aus denen die Beziehungen unter den Menschen gewoben sind, ist es kein Gesetz mehr, sondern ein logischer Unsinn, denn der Schwache, wie der Starke fallen ihren gegenseitigen Beziehungen zum Opfer, indem sie sich einer unbekannten, außerhalb des Lebens stehenden, dem Menschen fremden, lenkenden Gewalt beugen. Das dachte sich Koroljow, als er auf den Brettern saß, und allmählich überkam ihn ein Gefühl, als sei diese unbekannte, geheimnisvolle Gewalt in der Nähe und blicke ihn an. Der Osten wurde indessen immer heller, und die Zeit verging schnell. Die fünf Fabrikgebäude mit ihren Kaminen, die sich vom grauen Grunde der Morgendämmerung abhoben, während keine Seele in der Nähe war und alles ausgestorben zu sein schien, boten einen ganz besonderen Anblick, einen ganz anderen als am Tage; man vergaß die Dampfmaschinen, die elektrische Einrichtung und die Telephone, die in diesen Gebäuden waren, und dachte unwillkürlich an Pfahlbauten, an die Steinzeit und fühlte die Gegenwart einer rohen, unbewußten Gewalt…

Und wieder hörte er:

„Drrr… drr… drr…“

[208] Zwölf Mal. Dann wurde alles still. Nach einer halben Minute erklang es aber am anderen Ende des Hofes:

„Drn… drn… drn…“

– Wie unangenehm! – dachte sich Koroljow.

„Schak… schak…“ ertönte es an einer dritten Stelle, abgerissen, scharf, gleichsam verärgert: „schak… schak…“

Um Mitternacht zu schlagen, brauchte man an die vier Minuten. Dann wurde alles wieder still; und wieder kam eine Stimmung, als ob alles ausgestorben wäre.

Koroljow saß noch eine Weile da, kehrte dann ins Haus zurück, legte sich aber noch lange nicht. In den anliegenden Zimmern wurde geflüstert, und er hörte das Schlürfen von Morgenschuhen und bloßen Füßen.

– Hat sie am Ende wieder einen Anfall? – fragte sich Koroljow.

Er ging hinaus, um nach der Kranken zu sehen. In den Zimmern war es schon ganz hell, und im Saal zitterte auf dem Fußboden ein schwacher Sonnenschein, der durch den Morgennebel hereindrang. Die Tür zu Lisas Zimmer stand offen, und sie selbst saß, in einen Schal und Morgenrock gehüllt und unfrisiert, in einem Sessel neben dem Bett. Die Fenstervorhänge waren heruntergelassen.

„Wie fühlen Sie sich?“

„Ich danke.“

Er befühlte ihren Puls und strich ihre Haare, die in die Stirn gefallen waren, zurück.

„Sie schlafen nicht,“ sagte er. „Draußen ist das schönste Wetter, es ist Frühling, die Nachtigallen schlagen, Sie aber sitzen im Dunkeln und grübeln über etwas.“

Sie hörte ihm zu und sah ihm ins Gesicht; ihre Augen blickten [209] traurig und klug, und es war in ihnen zu lesen, daß sie ihm etwas sagen wollte.

„Haben Sie das oft?“ fragte er.

Sie bewegte die Lippen und antwortete:

„Sehr oft. Fast jede Nacht ist es mir so schwer ums Herz.“

In diesem Augenblick begannen die Nachtwächter draußen die zweite Stunde zu schlagen. Es tönte: „drr… drr…“, und sie fuhr zusammen.

„Beunruhigen Sie diese Töne?“ fragte er.

„Ich weiß nicht. Alles beunruhigt mich hier,“ antwortete sie nachdenklich. „Alles beunruhigt mich. In Ihrer Stimme höre ich Teilnahme; gleich als ich Sie sah, sagte ich mir, daß ich mit Ihnen über alles sprechen kann.“

„Sprechen Sie doch bitte.“

„Ich will Ihnen meine Ansicht sagen. Ich glaube, daß ich gar nicht krank bin; ich habe aber diese Unruhe und Angst nur darum, weil es so sein muß und gar nicht anders sein kann. Selbst der gesündeste Mensch wird unruhig, wenn vor seinem Fenster ein Räuber schleicht. Ich werde oft von Aerzten behandelt,“ fuhr sie fort, sich in den Schoß blickend und verlegen lächelnd, „ich bin natürlich dankbar und leugne den Erfolg der Behandlung nicht; aber ich möchte einmal auch nicht mit einem Arzte, sondern mit einem nahen Menschen, mit einem Freunde sprechen, der alles verstünde und mich überzeugte, daß ich recht oder unrecht habe.“

„Haben Sie denn keine Freunde?“ fragte Koroljow.

„Ich bin einsam. Ich habe wohl meine Mutter, die ich liebe, und doch bin ich einsam. So hat sich einmal mein Leben gefügt… Die Einsamen lesen viel, aber sprechen und hören wenig; das Leben ist für sie ein Geheimnis; sie sind mystisch veranlagt [210] und sehen oft den Teufel dort, wo er nicht ist. Auch die Tamara bei Lermontow war einsam und sah den Teufel.“

„Lesen Sie viel?“

„Sehr viel. Ich habe ja immer freie Zeit, vom Morgen bis zum Abend. Am Tage lese ich, und nachts habe ich einen leeren Kopf und Schatten statt Gedanken.“

„Sehen Sie etwas in der Nacht?“

„Nein, aber ich fühle…“

Sie lächelte wieder, hob die Augen und blickte den Arzt so klug und so traurig an; und es war ihm, als vertraue sie ihm, als wolle sie mit ihm aufrichtig sprechen und als habe sie die gleichen Gedanken wie er. Sie schwieg aber. Vielleicht wartete sie, daß er etwas sage.

Und er wußte, was er ihr zu sagen hatte; ihm war es klar, daß sie so schnell als möglich diese fünf Fabriksgebäude und die Million, wenn sie eine solche habe, verlassen müsse, daß sie den Teufel fliehen solle, der sie nachts anstarre; es war ihm auch klar, daß auch sie dasselbe dachte und nur darauf wartete, daß jemand, dem sie vertraute, ihr es bestätigte.

Er wußte aber nicht, wie es ihr zu sagen. Wie? Man schämt sich, einen Verurteilten zu fragen, wofür er verurteilt worden ist; ebenso vermeidet man auch einen Reichen zu fragen, wozu er das viele Geld brauche, warum er mit seinem Reichtum so schlecht wirtschafte und warum er nicht darauf verzichte, selbst wenn er darin sein Unglück sähe; und wenn man schon darüber zu sprechen beginnt, so wird es gewöhnlich ein verschämtes, verlegenes, langes Gespräch.

– Wie soll ich es sagen? – fragte sich Koroljow. – Und soll ich es ihr überhaupt sagen?

Und er sagte das, was er sagen wollte, nicht direkt, sondern auf Umwegen:

[211] „Als Besitzerin dieser Fabrik und reiche Erbin sind Sie unzufrieden, glauben nicht an Ihr Recht und können deshalb nicht schlafen. Das ist natürlich besser, als wenn Sie zufrieden wären, ruhig schliefen und glaubten, daß alles in Ordnung sei. Ihre Schlaflosigkeit ist ehrenvoll; in jedem Falle ist sie ein gutes Zeichen. Bei unsern Eltern wäre so ein Gespräch, wie wir es jetzt führen, undenkbar: nachts sprachen sie nicht, sondern schliefen fest. Doch wir schlafen schlecht, verzehren uns in Unruhe und quälen uns immer mit der Frage, ob wir Recht oder Unrecht haben. Für unsere Kinder und Enkel wird aber diese Frage – ob sie Recht haben oder nicht – schon gelöst sein. Sie werden alles besser überblicken können als wir. Das Leben wird erst in fünfzig Jahren schön sein; schade, daß wir es nicht mehr erleben. Es wäre doch interessant, einen Blick darauf zu werfen.“

„Was werden denn die Kinder und die Enkel tun?“ fragte Lisa.

„Ich weiß nicht… Wahrscheinlich werden sie alles im Stich lassen und weggehen.“

„Wohin werden sie gehen?“

„Wohin? … Wohin Sie wollen,“ sagte Koroljow und lachte. „Gibt es denn wenig Orte, an die sich ein guter, kluger Mensch zurückziehen kann?!“

Er sah nach der Uhr.

„Die Sonne ist aufgegangen,“ sagte er. „Es ist für Sie Zeit zu schlafen. Ziehen Sie sich aus und schlafen Sie wohl. Ich freue mich sehr, Sie kennen gelernt zu haben,“ fuhr er fort, ihr die Hand drückend. „Sie sind ein lieber, interessanter Mensch. Gute Nacht!“

Er ging auf sein Zimmer und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen, als der Wagen für ihn bereitstand, [212] kamen alle auf den Flur, um ihn zu begleiten. Lisa war sonntäglich weiß gekleidet, hatte eine Blume im Haar und sah bleich und matt aus; sie blickte ihn wie gestern mit klugen und traurigen Augen an, lächelte und sprach und hatte dabei einen Ausdruck, als wollte sie etwas Besonderes und Wichtiges sagen – doch nur ihm allein. Man hörte die Lerchen singen und die Kirchenglocken läuten. Die Fenster in den Fabrikgebäuden glänzten so lustig, und als Koroljow durch den Hof und dann die Straße zur Station fuhr, dachte er nicht mehr an die Arbeiter, noch an die Pfahlbauten und den Teufel, sondern nur an die vielleicht schon nahe Zeit, wo das Leben ebenso hell und heiter sein wird wie dieser stille Sonntagsmorgen; und er dachte auch, wie angenehm es sei, an einem solchen Frühlingsmorgen in einer bequemen Equipage, mit einer Troika zu fahren und sich von der Sonne wärmen zu lassen.