Nachricht von dem Sichersreuter Heilbrunnen, oder dem Alexanders-Bad bey Wunsiedel im Bayreutischen

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Autor: Anonym
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Titel: Nachricht von dem Sichersreuter Heilbrunnen, oder dem Alexanders-Bad bey Wunsiedel im Bayreutischen
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 2, S. 53-78
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch Nachtrag zur Nachricht vom Alexandersbad oder dem Sichersreuter Sauerbrunnen bey Wunsiedel
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III.
Nachricht von dem Sichersreuter Heilbrunnen, oder dem Alexanders-Bad bey Wunsiedel im Bayreutischen.

Sichersreut ist ein Bayreutisches Dorf, eine kleine halbe Stunde von der Stadt Wunsiedel, am Fuße des Fichtelbergs, gegen die Böhmischen und Oberpfälzischen Gränzen zu. Unweit dieses Dorfs und unter der Luchsburg, und der großen und kleinen Kössein, ist ein angenehmer Wiesengrund, den man die Heuleuten nennt. Auf einer dieser Wiesen, unter einem Hügel, entspringt gegen Morgen diese Quelle, die vorzüglich im Jahr 1734 ist entdeckt, und als heilsam in verschiedenen Krankheiten befunden worden.

Wunsiedel ist ein ganz artiges Städtchen, das in neuern Zeiten sehr verbessert worden ist. Es gibt hier viele Strumpfwirker,| deren Waaren als sehr gut bekannt sind; ingleichen wird daselbst viel Zeuch, Rasch und Peritl gemacht, und sehr weit verführt. Die Papiermühle auf dem Dünkelhammer bey Wunsiedel ist ebenfalls bekannt. Der übrige Theil der Bürgerclasse von Wunsiedel lebt vorzüglich vom Bierbrauen, von der Viehzucht und vom Ackerbau. Von dieser Stadt führt ein angenehmer Weg zu dem Sichersreuter Heilbrunnen, der mit geringen Kosten freylich schönes, und durch eine bereits schon an einem Ort angefangene Linden- und Castanien-Allee, anmuthiger gemacht werden könnte.
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Die Quelle selbst liegt gegen Morgen, an dem Fuß eines in die Länge sich ziehenden Berges, dessen vorderer Theil gegen die Quelle ganz meisterhaft durch Bäume und Stauden verschönert ist, und erst noch schöner werden wird. Unter dieser Anlage ist nahe an dem Brunnen ein sehr schönes Gebäude aufgeführt, in dessen Mitte sich ein Saal befindet, der für die Badgäste bestimmt ist, welche an der Quelle selbst den Brunnen trinken, und entweder sich vor dem Regen oder Sonnenschein sichern oder sonst zu einem gesellschaftlichen Endzweck versammeln wollen. An den beyden Seiten| dieses Saals sind noch kleine besondere Appartements zu dem nämlichen Endzweck angebracht. Linker Hand an diesem Gebäude wohnt in einem besondern Gebäude eine von der Herrschaft angestellte Person, welche die Füllung der in großer Menge verschickt werdenden Flaschen besorgt, und sonst die Gäste bedient. Stehet man auf der Höhe dieser Bocage; so kann man alles übersehen, was zur Quelle gehöret. Diese ist mit Pilasters von eisenvestem Stein umzäunt, und die Quelle selbst damit gefaßt. Man gehet von aussen auf beyden Seiten fünf Treppen in das oval angebrachte Bassin, das in der Länge neun und zwanzig und in der Breite zwey und zwanzig Schuh betragen mag. Drey runde Fassungen findet man im Bassin, eine zum Abfall, eine zweyte, wo einige Nebenquellen wegen beygemischter Leimerde ganz vergebens sprudeln, und eine dritte, welche eigentlich der Curbrunnen ist. Es ist dieser fünf Schuh tief, und hat vier Schuh im Durchmesser. Es fließen alle Stunden dreyhundert Maaß wenigstens ab; wahrhaftig eine reiche Quelle. Auf einem der Pilaster, welcher das Bassin umgibt, stehet eine steinerne Säule mit der Inschrift:
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Dieser Heilbrunnen
wurde im Jahr 1734. entdeckt
im Jahr 1741. ordentlich gefaßt
dann
im Jahr 1782. erneuert, und unter
höchstbeglückter Regierung des Durchlauchtigsten
Herrn Marggraf
Alexander zu Brandenburg
in diesen schönen Stand
gesetzet.


Der Curbrunnen scheinet von drey Quellen gefüllet zu werden. Man kann dieses sehr leicht aus dem Heraufstoßen der fixen Luft beobachten. An drey verschiedenen Orten machen es große Luftblasen sichtbar. Der gemeine Mann paßt, wenn er Wasser schöpfen will, auf einen solchen Quall, und denkt, dieß sey der beste. Der genauer Beobachtende aber siehet deutlich, daß ununterbrochen das Wasser in kleinen Bläschen hervorrauschet. Wenn diese fixe Luft, die vorzüglich den Säuerling machet, aus den unterirdischen Canälen, wo sie gleichsam eingesperrt ist, hervorkommt: so kann ihr die äussere nicht gehörig widerstehen, vermöge der angebornen Kraft dehnt sich jene nach| allen Seiten aus, und es gibt das gleichsam kochende Geräusch, die Luftblasen, und alles, doch nur etwas stärker, was man in jedem Glas Wasser sehen kann, das unter die Glocke gesetzt wird, und dem man mit der Luftpumpe die äussere Luft benimmt. Dieser Geist, den der Arzt Gaß, Brunnengeist, Äther und dergleichen nennt, ist das was vorzüglich dem Brunnen Stärke gibt, und das Wirksame ausmacht, was Eisen, Salz, und erdichte Theile in einer unnachahmlichen Verbindung, und unter einander aufgelöst erhält. Ist der entwischt, dann gute Nacht treffliches Wasser; es wird aus diesem angenehmen erfrischenden Getränke, ein fades, ganz widrig schmeckendes Wasser. Es wird trübe; es fallen die durch die fixe Luft in der genauesten Verwandschaft erhaltenen vesten Theile zu Boden. Dieser Bodensatz ist goldgelb, und man nennt dieses Ding Ocher-Erde. Der gelehrte Chemiker, Herr geheime Hofrath Delius in Erlangen, sagt in seiner Nachricht vom Gesundbrunnen bey Sichersreuth etc. (Bayreut 1774. 8.) Seite 17. daß ausser dem eigentlichen Wasser, und der Menge elastischer Luft, in diesem Brunnen vorzüglich eine Meer- oder Kochsalzsäure, ein entzündbares bituminöses Wesen,| in welchem allenfals einige Vitriol- oder Schwefelsäure mit anzunehmen ist, welches zusammen den Brunnengeist ausmacht, dann auch einiges mineralisches alkalisches Salz, und eine alkalische und thonichte, oder Bittersalz-Erde, die mit einigen glimmerichten Theilen gemischt ist, befindlich sey, welche einfache Bestandtheile eine solche Mischung verursachten, daß das Wasser nun nicht eigentlich mehr sauer bleibt, sondern sich eine Art eines fixen ammoniacalischen Salzes und ein eisenartiger Stoff unter gehöriger Mischung bilde.
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Um den überaus flüchtigen Geist auch in fremde Länder mitschicken zu können – denn es wird dieses Wasser weit ins Franken und Baiern verführt – wurde das Wasser vor einigen Jahren in Coblenzer Flaschen gefüllt, weil diese dichter sind, als die, welche damahls noch im Lande verfertiget wurden. Man mag ihn aber binden, wie man will, so gehet ein guter Theil verloren, und man kann vielleicht nicht die Wirkung von ihm, wenn er verführt wird, wie an der Quelle, erwarten und fordern. Die Ausdünstungen des Brunnens sind unglaublich stark. Man kann gegen die Sonne eine| Dunstsäule aus der Quelle empor steigen sehen. Die fixe Luft ist sehr elastisch und flüchtig. Dessen ungeachtet, wenn bey guter Witterung eine Flasche an der Quelle mit Sichersreuter Wasser erfüllt, mit aller Genauigkeit bouchiert wird, und man macht sie nach einiger Zeit auf; so gehet ein Dampf, wie bey einem guten, und unsern Gaumen kützelnden Champagner heraus.
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Die Brunnenkrüge macht der Töpfer Weid zu Wunsiedel aus dem bey Kotenbibersbach gefundenen Thon, welche das Wasser wohl conserviren, ob sie schon weder die Weiße, noch die Härte der Coblenzer Krüge haben. Egerische Krüge schlägt dieses mineralische Wasser mit einem Knall auf der Stelle aus einander; ein sicherer Beweis, daß es mehr Brunnengeist, als der Egerische habe, daß es durchdringender, auf Nervenkrankheiten und dergleichen anwendbarer ist. Besonders zeichnet es sich im Stein, gichtischen und rheumatischen Krankheiten aus, und ist da sehr wirksam, wenn Unthätigkeit, Schwäche der Glieder, leider! meist sichere und traurige Folgen dieser marternden Krankheiten, zurückbleiben. Hievon findet man überzeugende Beyspiele in demjenigen| Buche, in welches jeder Curgast die Krankheit und Wirkung des Brunnens einzuschreiben, gebeten wird. Ohne Zweifel werden diese einst öffentlich bekannt gemacht; die meisten machen dem Brunnen Ehre.
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Ein Glas Sichersreuter Wasser, mit ein wenig Johannisberger Wein vermischt, müßte Greise jung und munter machen. Der Geschmack des Wassers ist ausserordentlich erfrischend, spirituös und angenehm, und, nach allgemeiner Behauptung, kommt solches dem Schwalbacher, theils auch dem Spawasser am nächsten. Beynahe noch erfrischender wird dieses Wasser, wenn man es mit Zucker, Citronensaft, und Wein zu einer Art Limonade machet. Und dieser Brunnen lag so lange, fast kann ich sagen, unbekannt, in einer Gegend, welche die herrlichsten Abwechslungen dem Auge darbietet. Man siehet hier beynahe nichts unfruchtbares. Berge, die der unermüdete Fleiß des Landmanns ihm zum Brodgarten machte; Thäler mit Gras und Blumen bedeckt, durch welche ein mit Erlen beschatteter Bach sich krümmt; Wälder mit Nadelholz bewachsen, in welchen der durch die Sonne ermattete Curgast Erhohlung findet. Es stößt hier die sehr bekannte Luxburg an, die wegen ihrer ungeheuern über einander gestürzten| thurmhohen Felsen, sehenswürdig ist. In einer solchen Gegend also liegt dieser Säuerling.
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Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen von der Erfindung und dem Schicksal dieses Brunnens einige Nachricht ertheile, so wie ich sie gehöret, erfahren, und in einigen Schriften gelesen habe.[1] Er wurde im Jahr 1734. am 19ten May zufälliger Weise, wie es mit den meisten menschlichen Erfindungen gehet, entdecket, im Jahr 1741 durch Veranstaltung des damahls lebenden Herrn Amtshauptmanns von Lindenfels zu Wunsiedel, gereiniget, und mit einem ausgehöhlten Stück Tannenbaum gefaßt. Dieses Öl hatte die Weite auf dem Erdboden vierthalb Schuhe im Durchmesser, oben im Lichten aber nur dritthalb Schuhe, die Höhe hingegen beträgt sechs Schuhe. Da er einen Wassersüchtigen heilte, Nieren- und Blasensteine abtrieb, Kranke von| gichtischer Schärfe befreyte, Schwermüthige heiter machte: so hätte man denken sollen, daß eine solche Entdeckung hätte willkommen seyn müssen, daß die Quelle nun hätte allgemein bekannt werden, und nie mehr in Vergessenheit kommen können. Sechs ganze Jahre vergingen nun wieder, ohne daß man an den Brunnen mehr dachte, bis endlich ein für die entnervte Menschheit sorgender von Schönfeld, der als Amtshauptmann dem Herrn von Lindenfels folgte, sich dieser verlassenen Quelle annahm, und ihr bey dem verewigten Markgrafen Friedrich zu Bayreut das Wort redete. Dieser liebreiche Fürst gab sogleich seinem Leibarzt, dem Herrn geheimen Rath, D. Wagner, den Auftrag, diese Quelle von neuem zu untersuchen, und alles zur Aufnahme anzuwenden. Krankheit und andere Verrichtungen, sagt dieser gelehrte Arzt, verhinderten mich lange an der Ausführung des gnädigsten Befehls. Erst 1751-52 wurde der Brunnen gehörig umzäunt, ein verpflichteter Brunnen-Meister gesetzt, und das alte Brunnenhaus auf herrschaftliche Rechnung erbauet.
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Von dieser Zeit an wurde er zwar in Flaschen versendet, und soll auch, aber sehr| selten, von Kranken besucht worden seyn. Dem jetztregierenden Herrn Marggrafen zu Anspach-Bayreut Christian Friedrich Carl Alexander war es vorbehalten, diese Quelle in den vollkommensten Stand zu setzen. Dieser Fürst gab schon vor vielen Jahren dem Herrn geheimen Hofrath und Professor Delius zu Erlangen den Befehl, dieses Wasser genau zu untersuchen. Diese gründliche Untersuchung, und die vom Herrn geheimen Hofrath genau angestellten Versuche, bestättigten nun, daß dieser Heilbrunnen, gehörig angewendet, die vortrefflichsten Wirkungen haben müßte. Von dieser Zeit an wurde das Sichersreuter Wasser bekannter. Der Herr Marggraf verwendete große Summen auf diesen Heilbrunnen, theils zum Nutzen der nahe anliegenden Stadt Wunsiedel, vorzüglich aber zur Bequemlichkeit derjenigen, die ihre zerrüttete Gesundheit hier wieder verbessern wollen. Er hat ein prächtiges und bequemes Brunnenhaus aufführen lassen. Von der Quelle führt eine treffliche Allee auf dieses Fürsten-Gebäude, die gerade das Thor des Hauptgebäudes trifft. Sie ist dreyfach, und hat eine Breite, daß vier Bäume in derselben in regelmäßiger Ordnung, und neun und zwanzig in der Länge, überhaupt| also hundert und sechzehen Stücke da stehen.

Ehe ich Sie noch in das Innere dieses schönen Gebäudes führe, muß ich Ihnen doch auch einige Schilderungen vom Äusseren machen. Wenn Sie sich ein Gebäude vorstellen, das in der Länge ungefähr hundert und siebenzig Fuß beträgt, das aus einem Hauptgebäude, ich glaube der Bauverständige nennt dieses Corps de Logis, und zwey Flügeln, wovon jenes funfzig Schuh in der Länge und ein jeder dieser ein und sechzig und in der Breite zwey und vierzig Fuß betragen mag, bestehet; so haben Sie den Umriß eines Gebäudes, das viel ähnliches mit dem Schlosse zu Erlangen hat, nur daß dieses drey, und das Brunnenhaus zwey Stock hoch ist. Durch das Hauptgebäude gehet ein Thorweg, durch den man fahren, und in dem Gebäude absteigen kann. Die Nebenflügel haben Thüren, doch ist durchaus unter diesen drey Gebäuden Gemeinschaft. Das Gebäude stehet von allen Seiten frey, und ist ganz massiv gebauet. Das Hauptgebäude bestehet von forne aus Quadern von den sehr vesten Luxburger Steinen, welches Granit ist, und es prangen an einer weißmarmornen Tafel die eingehauenen Worte:

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Sanitati publicae
Aedes hasce
Suo Aere exstrui iussit
ALEXANDER
M. B. D. P. B. N.
P. P.
A. O. R. ϹIϽ IϽ CCLXXXIII.


Exstructas aedes miraris candide lector
Quas sistit nitidas haec solitudo Tibi
Desine mirari, Princeps has condidit Tibi
[2]
Qui monumenta Sui nobiliora dedit.


Geht man in das Gebäude selbst, so findet man hier Geschmack, Bequemlichkeit, das Angenehme, und wenn ich sagen darf, das Heitere, das bey dergleichen Gebäuden so nothwendig ist. Man hat die bey Bauung menschlicher Wohnungen zu beobachtende Regel der Gesundheit nicht vergessen; mit grossem Aufwand wurden die steinernen Wände innen mit gebrannten Ziegelsteinen durch das| ganzen Gebäude ausgesetzet, weil die hiesigen Steine gerne wässerichte Theile an sich ziehen und in feuchter Luft ausschlagen. Es muß daher durchaus trocken seyn, zumahl da es von allen Seiten etwas in einer Anhöhe frey stehet. Vermöge der Anlage kann es nach Gefallen durch Öffnung einiger Fenster mit frischer, reiner, von Wäldern mit balsamischen Dünsten geschwängerter Luft durchwehet werden. Der rechte Flügel hat acht bis zehen Zimmer mit Tapeten geschmackvoll verschönert, ein jedes hat ein niedliches und weiches Bett, es müßte denn ein Kämmerchen anstoßen, in welchem Fall die Ruhestätte dorthin gebracht ist. Auch findet man hier alles, was auf eine Stube im Brunnenhause gehöret. Der linke Flügel enthält ebenfalls ungefähr so viele, sehr niedliche Zimmer. Ausser diesem Gebäude können auch Fremde in dem alten Brunnenhause, welches nicht weit von dem neuen entfernt ist, wohnen, da dieses noch ganz in baulichen Würden erhalten wird.


Das Hauptgebäude oder Corps de Logis enthält ausser dem untern Stock, wo Gewölber und einige Zimmer sind, eine Speis- und Billardstube, und einen überaus| schönen Saal, wo die Curgäste zusammentreten, eßen, trinken, spielen und lustig sind. Er ist so groß, daß er gemächlich siebenzig und mehrere Personen fassen kann. Über dem Speis- und Billardzimmer des Hauptgebäudes sind noch einige Kammern für Bediente angebracht. Einige wünschten mehrere größere Zimmer: allein mit gutem Bedacht hat man kleine, aber nicht zu kleine erbauet. Es soll an diesem Orte, der Gesundheit gewidmet, alles zusammen treten, eines in des andern Gesellschaft, Krankheit, Geschäffte, Sorgen, alles, alles soll man vergessen.
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Wenn nun der Schwermüthige, der Milzkranke, der Hypochondrist auch an diesem Ort, wie angepflöckt da säße, mit überspannten Nerven eine Reihe von wirklichen, daseyenden, und erst noch kommenden Symptomen angstvoll durchrechnete; könnte denn dieser Hülfe auch vom heiligen Brunnen Siloah erwarten? Und das bleichsüchtige Mädchen, die Dame voller Wind und Krämpfe, oder nach der Mode voller Vapeurs, wenn auch diese die so nöthige Gesellschaft, Zerstreuung, Bewegung, – flöhe, würde die Kraft des bewährtesten Mittels, des durch eine Reihe von Jahren geprüften Wassers,| den Schlamm durchwaschen können, den weichliche Lebensart, wenige Bewegung, Sorge für dieß und das, Einbildung und Modesucht, nach und nach zur Folter erzeuget hat? Dieß sind wohl auch in diesem Betracht die lobenswürdigen Ursachen gewesen, warum man nicht überflüssig große Stuben baute, worin Familien wohnen können. Da aber eine Stube an die andere stößt, so kann der Unbegnügsame vier an einander stoßende Zimmer nehmen, und sich umkehren, wie er will.

Rechts an diesem Gebäude ist ein schönes Lustgebüsch, in dessen Mitte ein sehr schönes Eremiten-Häuschen befindlich ist. Hinter dem neuen Brunnenhaus ist ein Hof eingeschlossen, in welchen ein reines süsses Wasser vom Berg herab in hölzernen Röhren geführet wird.[3] An diesem Hof ist die Wohnung des Badknechts und seiner Familie, ingleichen die Wagen-Remise und der Stall befindlich.

| Dieß wäre es, was ich von den Gebäuden habe schreiben wollen; nun auch ein paar Worte von der Bewirthung. Wenn ich Ihnen sage, daß Reinlichkeit, die so oft bey Gesundbrunnen fehlet, Ordnung und die promteste Bedienung auf das genaueste beobachtet wird; so sage ich nicht zu viel. Ich war in der Küche, im Keller, bey Tisch und im Schlafzimmer, auch an den Orten, welche die nothwendigsten bey Gesundbrunnen sind. Gewiß die zärtlichste Dame beginge Ungerechtigkeiten, wenn sie die Nase rümpfte, wenn sie mir nicht auch ihren seltenen Beyfall zunickte. Ich meines Theils halte dieß für eine der größten Empfehlungen eines Brunnens, seine Heilkräfte ausgenommen. Die Speisen sind hier, ausser der reinlichen Zubereitung, auch so, daß sich immer der Gesättigte noch verführen läßt.
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Man speist gewöhnlich beysammen, damit gesellschaftliche Unterhaltung die guten Gerichte noch mehr würzen soll. Und für eine solche Mahlzeit wird eine überaus billige Bezahlung gefordert. Man kann dabey dreyerley Rheinwein, Malaga, Pontac, Burgunder und Champagner trinken, und gewiß nicht theuer. Ich dachte oft an den alten Ovid, wenn durch den guten Hochheimer| mit jedem Glaß eine Runzel im Gesicht verjagt wurde. Es ist und bleibt noch immer wahr, was er damahls sang:

Vina pacant animos, faciuntque coloribus aptos,
Cura fugit, multo diluiturque mero,
Tunc veniunt risus, tunc pauper cornua sumit,
Tunc dolor, et curae, rugaque frontis abit.

Ein jeder Gast kann seine Rechnung sich gleich selbst machen. Es ist der Preis der Mahlzeit und von jedem Zimmer das wöchentliche Miethgeld bestimmt. Unterm ersten May 1784 wurde eine gedruckte Taxe aller möglichen Bedürfnisse vom hochfürstl. Cammer-Collegio zu Bayreut ausgegeben, wornach sich der Brunneninspector richten muß. Allein Hr. Elbinger, der gegenwärtig in dieser Qualität angestellt ist, ein sehr braver und angenehmer Mann, beeifert sich, um den Brunnen empor zu bringen, mit eigenem Verluste, noch viel billigere Preise, als in der an sich schon sehr billigen herrschaftl. Taxe gesetzt sind, zu machen. Die Taxe von verschiedenen Tafeln ist regulirt; auf der ersten Tafel Mittags 40 Kr. Abends 20 Kr. auf der dritten Tafel zu Mittag 24 Kr. Abends 10 Kr. Die Weine, deren Taxe, wie ich oben schon erwähnte, regulirt ist, werden von Herrschafts wegen| besorgt, und unter deren Siegel von der Kellerey von Bayreut aus hergeschafft. Diese Taxe, welche in der That billig ist, versteht sich von den Weinen, welche auf dem Brunnenhause getrunken werden; da hingegen für diejenigen, welche über Land gehohlt, oder von den abreisenden Gästen mitgenommen werden, durch die Bank für jede Bouteille 5 Kreuzer mehr bezahlt werden muß. Was die Taxe der Zimmer anbelangt, so ist solche an jeder Thüre wöchentich und Tagweis angeschrieben befindlich; die Zimmer aber sind nach ihrer Beschaffenheit zu fünf, vier, vierthalb, drey, dritthalb, anderthalb und 11/4 fl. incl. des Bettes zu haben. Für ein jedes Bad ist 15 Kr. verordnet. Hiezu ist ein besonderer Badknecht, und dessen Frau als Badfrau, aufgestellt. Die Taxe von Spielen und Spieltischen ist auch regulirt, z. B. vom Billard wird von jeder Partie 2 Kreuzer bezahlt; Stundenweis 8 Kreuzer; bey Lichtern wird doppelt bezahlt. Die übrigen Bedürfnisse sind hier alle, sogar bis auf die Nachtlampe, regulirt.
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Auf dem alten Brunnenhause, wo der Brunnenverwalter Kaufmann wohnt, und die Gäste mit Speisen und Getränke für seine Rechnung versieht, findet Jedermann| seine Bequemlichkeit in den billigsten Preisen.

Auch ist hier die nöthige Vorsicht getroffen, daß kein Bettler die Gäste anlaufen darf, sondern seine Gabe vom Inspector erhalten soll. Dafür aber soll derselbe wöchentlich zweymahl, nämlich Mittwochs und Sonntags, die Armenbüchse bey der Tafel herumgehen lassen, und ein freywilliges Almosen zu diesem Behuf einsammeln und besonders verrechnen.

Bey dem Abschied eines Gasts vom Brunnenhause läßt sich derselbe gefallen, für die gesammten Domestiquen ein Trinkgeld zu geben, und die Gabe in das Trinkgeldbüchlein, welches ihm der Inspector bey Überreichung seines Zehrungsconto präsentiret, mit eigener Hand einzuschreiben. Dagegen ist keinem erlaubt, ein solches anzunehmen, noch weniger aber dergleichen für sich bey Verlust seines daran habenden Antheils, dem Gast abzufordern; ausgenommen der Badknecht und die Badfrau, welche an diesen Trinkgeldern nicht Theil haben. Bey der Abreise eines Gastes überreicht der Inspector jedem daselbst sich aufhaltenden Gaste ein Buch, mit der Bitte, seinen Namen einzuschreiben, und des Leibes-Übels zu gedenken, welches ihn| veranlaßt hat, diese Heilquelle zu besuchen. Dieses Unternehmen ist sehr rühmlich, weil man dadurch am besten in den Stand gesetzt wird, die Kräfte und Wirkungen dieses Bades nach einer Zeitfolge von vielen Decennien am genauesten zu bestimmen.

Daß die Taxe von allem regulirt ist, scheint mir eine überaus lobenswürdige Einrichtung zu seyn. Wie viele müssen sich mit langwierigen Krankheiten schleppen? Man sagt ihnen: gehet ins Bad; freylich öfters nur ein schicklicher Ausweg des erschöpften Arztes, und nur großer Aufwand, den man zu haben glaubt, hält manchen zurück, dessen Lage dergleichen Ausgaben nicht erlauben will. Kann man aber schon voraus seine Rechnung machen, und siehet man, daß solche herrliche Anstalten nicht zu großen Einkünften, sondern bloß zum Wohl der Menschheit, gemacht worden sind; daß überall Billigkeit herrschet: so kann auch der, der nicht große Summen auf seine zerrüttete Gesundheit zu verwenden vermögend ist, zufrieden, und mit der tröstenden Hoffnung eines Kranken, solche Bäder besuchen, deren Wehrt durch viele Erfahrung bestättiget ist.

Schon seit 3 Jahren zählt der Brunnen sehr viele Gäste; nicht nur aus dem ganzen| Lande, vorzüglich aus dem Bayreutischen, ist der Zufluß sehr stark, sondern auch Auswärtige aus der Oberpfalz und Sachsen fangen schon an, den Brunnen zu besuchen. Im Jahr 1789 waren mehrere Personen von Regensburg daselbst, denen es hier ausserordentlich wohl gefiel, und die Sichersreut mit der Versicherung verließen, daß künftiges Jahr sich gewiß noch mehrere ihrer Landsleute hier einfinden würden. – Von Bayreut aus führet die herrlichste Chaussee nach Sichersreut.
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Platz ist hier genug, alles anzurichten, was nöthige Bewegung, was Zerstreuung – die zu einer glücklichen Cur so erforderliche Zerstreuung, hervorbringen kann. In Wunsiedel besteht seit einigen Jahren ein Nationaltheater, welches vorzüglich zur Badezeit mit vielem Beyfall schon Vorstellungen gegeben hat. Es könnte durch den Zusammentritt mehrerer Badegäste vielleicht noch mehr gewinnen, wenn sie Rollen hiebey übernehmen wollten. Zu Anfang des Augusts ist das große Vogel- und Scheiben-Schießen zu Wunsiedel; die Zeit über, da es gehalten wird, wimmelt alles von Fremden. Man kann sich auch hier mit Spiel ergötzen, mit Billard, vorzüglich Pharao, welches| zur Brunnenzeit hier sehr stark gespielt wird. – Ferner ist hier eine Lesebibliothek. Dieß ist eine im Jahr 1783 angefangene Sammlung guter Lesebücher, welche unter der Aufsicht des Brunnen-Inspectors steht, und deren sich jeder Brunnen-Gast bedienen kann.

Solche Zeitvertreibe sind dann einem Brunnen-Gaste angemessener, als wenn der Leidende mit verstopften Eingeweiden vier langweilige Stunden an dem Spieltisch sich anheftet, und auf mehr als eine Art die Ursache seiner Krankheit mehret. Wie oft führt man die ungerechte Klage: mir hat die Brunnencur nichts geholfen; aber man setzt nicht hinzu, ich habe die Regeln, die man bey Brunnencuren befolgen sollte, nicht beobachtet. Ich kam mit getriebenem und murmelndem Bauche, mit schwermüthigen Gedanken, unbedeutenden Sorgen in das Bad, um mich heilen zu lassen, und ich dachte nicht daran, daß Veränderung und Bewegung viel zur Wirksamkeit des besten Brunnens beytragen müssen.

Wem es um das Zwerchfell fehlet, wer Anzeigen eines langsamen Umlaufs des Bluts durch die Leber hat, der Leidende, dessen Seele so krank ist, daß der Theolog, der Moralist,| Vernunftschlüsse über Vernunftschlüsse, sie zu bessern, nach aller Form und Kunst recht überzeugend und fruchtlos anwendet, und dem es also am Körper, wie es meistens bey kranken Seelen ist, fehlet; der, sage ich, muß hieher kommen, um Spaziergänge in der felsichten Luxburg machen zu können. Die Luxburg ist ein Theil des großen Fichtelbergs. Von Sichersreut aus ist es ungefähr ein Spaziergang von einer halben Stunde. Der Weg dahin, der sich größtentheils durch einen angenehmen kühlen Wald zieht, ist ausserordentlich überraschend und romantisch. Bald kommt man auf ein Feld ganz von ungeheuern Granitstücken, in Gestalt von Pyramiden, Obelisken u. s. w. bedeckt, bald hängen ausserordentlich große Felsenstücke über den Wanderer herab, kurz, überall trifft man grausende Ruinen, deren Ursprung der verdienstvolle Herr Hofmedicus D. Schöpf in einer in Schlözers Staatsanzeigen eingerückten Abhandlung in einem Erdbeben findet. Unter solchen Veränderungen stehet der Aufmerksame stille, vergißt seine Krankheit, bewundert die ganz wider alle Natur über einander liegenden Felsen, und fragt sich: woher diese Dinge? – –
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| Endlich erreicht man die Luxburg. Ungeheure Felsenwände von Granit erheben sich hier, und hier ist es auch, wo man die herrlichste Aussicht in die Gegend von Wunsiedel hat. Man findet noch daselbst die Ruinen von einem ehemals daselbst gestandenen Schloß, die Luxburg genannt. Weiter hinüber von der Luxburg ist der Burgstein, ein von ungeheuren Granitmassen aufgeschlichteter Berg, auf dessen höchster Spitze man weit bis an die Böhmische und Sächsische Gränze, und in das übrige Fichtelgebirge, die herrlichste Aussicht hat. Von einer noch beträchtlichern Höhe und Aussicht aber ist die Cössein, welche noch eine Strecke hinter dem Burgstein liegt. Man hat hier eine beynahe unbeschränkte Aussicht nach allen 4 Weltgegenden; die in die Oberpfalz ist vorzüglich entzückend und äusserst mahlerisch. Ausser diesem angenehmen Spaziergang hat man in der Nähe

1) das Dorf Sichersreut.

2) Wunsiedel, wo man die angenehmsten Gesellschafter findet.

3) Redwiz, ein von Sichersreut drey Viertel Stunden entferntes Städtchen, welches nach Eger gehört.

| 4) Den Kaiserhammer, ein ehemaliges Jagdschloß der Herren Marggrafen von Bayreut, u. s. w.

Auch der, der das ganze Jahr denkend für das Wohl der Menschen an seinem Tisch mit gebogenem Rücken und zusammen gepreßten Unterleib sitzt, ist es seinem noch nicht ganz verdorbenen Körper schuldig, daß er einige Zeit an Orte gehet, wo die Geschäffte unterbrochen werden, die Seele gleichsam ausruhet, wo keine Sorgen sind, wo eine Bewegung der andern die Hand bietet, und wo man durch erlaubte Vergnügen Erhohlung findet.


  1. Ich meine D. Christ. Heinr. Reils Nachricht von dem Sichersreuther Sauerbrunnen. Wonsiedel 1734. 8. ein halber Bogen, und Dr. Petri Christian Wagner, Seren. March. Brand. Baruth. Consil. aul. et Archiatri ac Civit. Baruth. Physici etc. epistola de acidulis Sichersreuthensibus ad filium Paul. Christ. Lud. Wagnerum. Erlangae 1753. 4. pagg. 23.
  2. Soll nach Hrn. Superintendenten Künneths Zeit- und Handbüchlein almus statt Tibi heissen, und ist also wohl nur ein steinhauerischer Druckfehler.
  3. Kaum läßt sich die Güte dieses trefflichen Wassers beschreiben; so hell wie Krystall, völlig geschmacklos, kalt, alles Eigenschaften der reinsten Quelle. Aber auch kein Wunder! – Dieses Wasser quillt an dem Fuß ungeheurer felsichter Gebirge, aus einem Boden noch nicht ganz vollendeter Steine.