Noch heute „das geheimnißvolle Grab“

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Noch heute „das geheimnißvolle Grab“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15–19, S. 268–272, 290–291, 307, 322–234, 338–339
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[268]
Noch heute das „geheimnißvolle Grab“.
Neue Studien und alte Erinnerungen von Friedrich Hofmann

Vor dreiundzwanzig Jahren führte ich die Leser der „Gartenlaube“ vor „ein geheimnißvolles Grab“. In den Nummern 19 und 20 des Jahrgangs von 1863 erzählte ich ihnen von einem Menschenpaar oder vielmehr von drei Personen, welche im Jahre 1807 plötzlich in Hildburghausen aufgetaucht waren, ungemeldet und unbekannt und offenbar hohem Stande angehörig. Im eigenen Geschirr angekommen, stiegen vor dem Gasthause zum „Englischen Hof“ am Marktplatz ein Herr und eine tiefverschleierte Dame aus; der Mann, der ihnen in silberbetreßter Livrée Kutscherdienst geleistet hatte, entpuppte sich bald als Kammerdiener und Faktotum der Herrschaften. Die Ansprüche derselben zeigten sofort einen ungewöhnlich hohen Maßstab, aber ebenso die Honorirung für geforderte Leistungen. In kurzer Zeit stand in der kleinen Stadt die Ansicht fest, daß diese Fremden mindestens ein Graf und eine Gräfin sein müßten, diese Bezeichnung wurde bald allgemein, und da von keiner Seite je ein Widerspruch dagegen erfolgte, so erhielt sich dieselbe im Volke fort und ging schließlich auch in die Presse über; auch wir wollen sie, der Kürze und Allgemeinverständlichkeit wegen, beibehalten.

Ausfallend wurde bald aber Eines. Hildburghausen war zu jener Zeit noch die Residenz eines herzoglichen Hofes. Wie damals sämmtliche sächsische Herzogshöfe, nicht bloß Weimar und Gotha, sich durch frisches geistiges Leben auszeichneten, wie in Meiningen wenige Jahre früher Herzog Georg mit Jean Paul in traulichstem Verkehr gelebt, in Koburg der edle Prinz Friedrich Josias, der Feldmarschall, einen Anziehungspunkt bildete, so glänzte Hildburghausen durch seine Herzogin Charlotte[1], die durch Schönheit und Geist ausgezeichnete Schwester der Königin Luise von Preußen. Hier wurde besonders die Musik gepflegt, die Kapelle hatte so tüchtige Kräfte, daß Karl Maria von Weber seiner Ausbildung wegen längere Zeit dort wohnte, und die Herzogin selbst wurde von den Kunstrichtern jener Tage als eine der größten Sängerinnen von feinster Schulung gepriesen. Es war ein vielbegehrter Vorzug, die schöne Fürstin in Hofkoncerten oder bei Kirchenmusiken singen zu hören. Mußte man nicht erwarten, daß so vornehme Fremde, welche sich für längeren Aufenthalt einzurichten schienen, vor Allem einem solchen fürstlichen Hofe sich nähern würden?

Vom ersten Tage an hatte man jedoch das Gegentheil davon zu erleben. Herr und Dame beharrten in strengster Abgeschlossenheit von der gesammten Außenwelt. Angeblich der größeren Ruhe wegen zog man erst in ein anderes Haus am Markt, dann aber in ein isolirt stehendes in der sogenannten Neustadt, einer von französischen Emigranten gebauten freundlichen Vorstadt von Hildburghausen. Wie die Lebensweise der drei fremden Menschen in ihrer oft wunderlichen Absonderlichkeit nach und nach ruchbar wurde, wie sie nach drei Jahren (1810) die Stadt verließen, um in dem anderthalb Stunden entfernten, an der Straße nach Koburg liegenden Landschloß von Eishausen dauernde Unterkunft zu finden, und wie dort ihr Dasein, soweit man dasselbe wahrnehmen konnte, sich gestaltete, bis der Tod der Gräfin, noch mehr aber der des Grafen an dem Schleier des Geheimnisses zu zerren veranlaßte, das habe ich in dem ersten Artikel über unsern Gegenstand dargelegt. Erst drei Jahre später, im Jahrgang 1866, Nr. 24, benutzte ich noch einmal meine erste Quelle, Dr. Kühneres Mitheilungen in Bülau’s „Geheimen Geschichten und räthselhaften Menschen“, sowie meine eigenen Nachforschungen an Ort und Stelle zu einem Rückblick auf die Herkunft und Vergangenheit der [270] drei Geheimnißvollen (denn der Kammerdiener gehörte nachweislich dazu) und zur Zusammenstellung der Vermuthungen über die Abkunft der Dame, in welcher man bald die Hauptgestalt des Geheimnisses erkannte. Ich sprach am Schlusse die Hoffnung aus, daß es der „Gartenlaube“, die schon damals zu den verbreitetsten Blättern gehörte, gelingen möchte, zu Personen vorzudringen, welche Licht in das unheimliche Dunkel zu bringen im Stande wären, das nicht bloß die nächste Umgebung, sondern immer weitere Kreise aufregte. Wirklich überraschte mich schon ein Jahr darauf eine Benachrichtigung über wenigstens einen der mit auffälliger Vorsicht verborgen gehaltenen Wege, auf welchen die bedeutenden Summen, über die der Graf verfügte, in das einsame Schloß

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Schloß in Eishausen.

gelangten. Ich theilte dies in Nr. 26 des Jahrgangs 1867 mit. Seitdem haben wir den Gegenstand ruhen lassen.

Warum wir nach so langer Zeit wieder auf ihn zurückkommen? Nicht, weil der Schleier des Geheimnisses endlich gehoben wäre – er schwebt noch vor uns in seiner düsteren Unheimlichkeit – sondern weil die Möglichkeit der Thatsache eines solchen Geheimnisses in unserem Jahrhundert, vor noch Tausenden lebender Zeitgenossen noch immer unser Staunen erregt; weil wir den Wächter desselben wegen seiner Unerschütterlichkeit in der Durchführung seiner Aufgabe ebenso sehr bewundern, als wegen seiner unerbittlichen Rücksichtslosigkeit gegen Alles um sich her, was seiner Aufgabe entgegenzutreten drohte, oft verdammen müssen. Das Geheimniß kann aber kein geringes, am wenigsten von einer Sonderlingslaune gemachtes sein, weil man zum Wächter desselben einen Mann von hoher wissenschaftlicher Bildung und offenbar diplomatischer Erfahrung wählte und weil man zu seiner Wahrung in der Dorfeinsamkeit mehr als eine halbe Million Gulden verwendete. Je mehr man aber durch historische Beleuchtungsmittel die Vergangenheit der verschleierten Dame zu erhellen sucht, desto mehr wird die menschliche Theilnahme für sie rege, und so wird dieses „Geheimniß von Eishausen“ seine Anziehungskraft noch für Tausende auch in kommenden Zeiten behalten.

Es ist keine Frage, daß dieses außer aller Ordnung und doch in aller Ruhe vor sich gehende Treiben des großen Unbekannten unmöglich gewesen wäre, wenn damals eine Presse von der Rührigkeit der gegenwärtigen bestanden hätte. Vergeblich würde der fremde Herr den Ruf des größten Wohlthäters des Landes sich erworben

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Das Grab der Gräfin.

und dadurch alle Gesetze zum Schweigen über sich gebracht haben; die Wucht der öffentlichen Meinung hätte die Riegel gesprengt, hinter denen eine heimlich Gefangene verborgen war. Als das einzige Blatt des Landes, die „Dorfzeitung“, 1818 gegründet wurde, stand der Nimbus des „Grafen“ schon so fest, daß ihn kein auch noch so bescheidenes Artikelchen antastete. Selbst als es nach dem Tode der Dame bekannt wurde, daß sie nicht seine Gemahlin gewesen, blieb die Presse still; durfte doch nicht einmal ein Aufruf nach etwaigen Verwandten und Erben der Todten erlassen werden. Erst als der Hüter des Geheimnisses die Augen geschlossen, gingen die der Zeitgenossen auf, und nun schienen Publicisten und Poeten das Versäumte im Sturmschritt nachholen zu wollen. Die „Vossische“, die „Allgemeine“ und die „Dorfzeitung“ traten zuerst mit Berichten für und wider den „Grafen“ und das mit ihm begrabene Geheimniß auf; die Quellenschrift für alle späteren Autoren wurde aber die 1852 erschienene, bereits genannte Veröffentlichung Karl Kühner’s über „die Geheimnißvollen im Schlosse zu Eishausen“, und ihm folgte auf dem Fuße Ludwig Bechstein mit seinem Roman „Der Dunkelgraf“. Nach ihm kam G. Hesekiel, welcher 1858 denselben Stoff in seinem „Graf d’Anethan d’Entragues“ behandelte. Im Jahr 1867 erschien „Ein ungelöstes Räthsel“ von Karl Deutsch; 1869 die Novelle „Die Verschollenen“ von Adolf Wilbrandt, und 1873 A. E. Brachvogel’s Erzählung „Das Räthsel von Hildburghausen“, während La Roche gleich nach des Grafen Tod in einer Broschüre, ein O. R. 1870 im „Fränkischen Merkur“ und 1878 A. Müller in Saalfeld in einem Vortrage den Gegenstand kritisch behandelten. Es war ein Durcheinander von Wahrheit und Dichtung aus der Presse erwachsen, das den Schleier des Geheimnisses nur immer mehr verwirrte und dichter zusammenzog. Da muß es ohne Frage als ein Verdienst anerkannt werden, daß ein Mann sich entschloß, den Wirrwarr mit kritischem Messer zu lösen und auf Grund eigener Forschungen aus den noch zu erreichenden Familienpapieren und bei den noch lebenden Zeugen des Ereignisses und mit Benutzung der Gewährten gedruckten Vorlagen das Bild der Geheimnißvollen neu aufzustellen. Ich freue mich, bemerken zu dürfen, daß derselbe den Artikeln der „Gartenlaube“ besonderen Werth zuerkennt.

Diese neue Schrift ist: „Der Dunkelgraf von Eishausen“. Erinnerungsblätter aus dem Leben eines Diplomaten, von R. A. Human, Dr. jur. et philos. I. Theil 1883, II. Theil 1886. Hildburghausen, Kesselring’sche Hofbuchhandlung. Dieser Schrift folge ich nun bei den abermaligen Behandlung dieses Gegenstandes für die „Gartenlaube, und ihr verdanken wir auch die derselben beigefügten Illustrationen.

Ehe ich aber damit beginne, darf ich wohl mit wenigen Worten verrathen, was in mir die ganz besondere Theilnahme für diese Geheimnißvollen erweckte.

Als ich vor nahezu einem Menschenalter von dem gräflich Mensdorff’schen Schlosse Einöd im wunderschönen Felsenthal der Hudina in der grünen Steiermark nach Hildburghausen zurückkehrte, um Joseph Meyer’s durch seinen Tod verwaistes „Universum“ fortzusetzen, war es mir unmöglich, in der Stadt, in „der Gassen quetschender Enge“ Wohnung zu nehmen, so nahe auch alle Thore dem Centrum derselben liegen. Mein Blick fiel auf das von der halben Höhe des Stadtbergs herabschauende große Gartenhaus mit seinem Oberstock auf hohen Schwibbögen, und dort zog ich ein.

Mit dem ersten Schritt in dieses Haus war ich mitten in das dunkle Geheimnis getreten. Dieses Gartenhaus war Eigenthum des Grafen gewesen, hier durfte die „Gräfin“ im Genuß der freien Natur und des lieblichen Landschaftsbildes, welches das Werrathal zwischen den fränkischen Vorhügeln des Thüringer Waldes darbietet, Augenblicke verbringen, die ihr den Wunsch auspreßten, daß sie hier begraben werden möchte. Und so geschah es; man zeigte mir die Kammer, in welcher sie hier oben geschlafen hatte - es wurde nun die meinige – ferner die Stelle in dem Hausflur, wo der Sarg gestanden, in welchem das arme Weib, das im Leben von keinem Menschenauge gesehen werden sollte, nun im Tode vor den Blicken der wenigen bei der Bestattung beschäftigten Männer vom Dorf und aus der Stadt offen da lag in dem weißen Kleide und mit gelben Saffianschuhen, – „wie zum Tanz geputzt,“ meinte einer der Träger. Und etwa zehn Schritte vom Hause entfernt, an einem etwas höher am Berg sich hinziehenden Wege zwischen Tannen und Buschwerk, welcher der Lieblingsgang der Gräfin gewesen, ragt aus der Berglehne die Steinumfassung des Grabes hervor, in welchem seit dem 28. November 1837 die wichtigste Hälfte des großen Geheimnisses ruht. – Und wer war die jetzige Besitzerin des Hauses und führte mich in diese Vergangenheit ein? Die Tochter jenes geheimnißvollen Kammerdieners, Kutschers und Faktotums, die selbst acht Jahre im Schlosse zu Eishausen gelebt hat und vor deren Augen der Graf gestorben war.

Die Leser glauben es mir nun wohl ohne Versicherung, daß die Geheimnißvollen längere Zeit Tag und Nacht mit mir umgingen und daß ich Kühner’s Schrift mit um so größerer Begier las, als ich zugleich aus dem Munde der lebenden Zeugin so Vieles erfuhr, was noch in keinem Buche stand. Wie oft saßen wir an schönen Abenden auf dem Mauerrand des Grabes, wo sie von der stillen Schläferin da unter uns erzählte: Wie schön die Gräfin gewesen sei! Sie habe besonders große, herrliche blaue Augen gehabt, stets rothe Wangen und sei, obwohl damals schon eine Fünfzigerin, noch immer sehr rüstig gewesen. Lange Zeit habe sie das Haar à la Titus getragen, vor Allem seien ihre Haltung und ihr Gang so schön und vornehm gewesen, wie sie niedriger Gestellte gar nicht nachahmen könnten. Wenn sie auf ihrem liebsten Weg da auf und ab wandelte, sang sie gern, immer jedoch traurige Weisen, leise vor sich hin; vergaß sie sich aber und wurde lauter, so daß der Graf es hörte, der sich in der Regel in der Kastanienallee neben dem Hause aufhielt, so eilte er sofort herbei und warnte sie, damit ihr Gesang nicht Aufmerksamkeit errege. Und traurig schwieg sie dann ganz.

Der Graf hat das Grab nur einmal besucht, kurz nach Bestattung der Todten, dann nie wieder. Er schenkte Haus und Garten seinem Diener Simon Schmidt, dem ersten Gatten Dorothea’s, der Tochter Squarre’s, des Kammerdieners. Nach Schmidt’s Tode ging sie eine zweite Ehe ein und lebt als Frau Nothnagel noch heute in dem Berggarten.

Machen wir uns nun mit dem Leben und Treiben unsrer Geheimnißvollen näher bekannt.

Durch den Kammerdiener, den der Graf selbst als Philipp Squarre aus der Schweiz bezeichnete, erfuhr man in der Stadt, daß „der gnädige Herr“ sich Baron Vavel de Versay schreibe. Die Landleute in und um Eishausen nannten ihn deßhalb in ihrer fränkischen Sprechweise kurzweg „der Pfaffel“.

Sobald der Graf das Haus in der Neustadt bezogen hat, geht eine neue Ordnung der Dinge los: fortan muß Todtenstille herrschen, und Niemand darf das obere Stockwerk betreten, das völlig abgesperrt ist und dessen Fenster Tag und Nacht dicht verhängt sind. Einen dorthin verirrten Handwerksburschen jagt der Graf mit der Pistole in der Hand die Treppe hinunter. Nur Squarre wohnte mit im gehüteten Raum; Köchin und Aufwärterin hatten ihr Nachtquartier außer dem Hause. [271] Die Hausbesitzerin (Frau Geheime Assistenzrath Radefeld) muß sich verpflichten, alle nach dem Hof gehenden Fensterläden zu schließen, so oft die Herrschaften ausfahren wollen. Natürlich bohrte die Neugierde Gucklöcher durch diese Läden, und so sah man denn, wie der Graf im braunen Frack, der damaligen französischen Hofkouleur, und mit dem Hut in der Hand die Dame in den selbst beim herrlichsten Wetter niemals aufgeschlagenen und stets dicht verhängten Wagen führte und mit Verbeugung ihr die Hand zum Einsteigen bot. Bei Spaziergängen ist die Dame allezeit tief verschleiert. Auffällige Aufmerksamkeit widmet der Graf den Durchreisenden: ein Polizeidiener (Heun) muß ihm stets die Fremdenlifte mittheilen; auch die Hausbesitzerin lädt er bisweilen ins obere Stockwerk ein, aber nur um sie über Einheimische und durchpassirende Fremde mit fast kleinlicher Neugierde auszufragen. Die „Gräfin“ war niemals bei solchen Unterhaltungen anwesend, wurde auch nie erwähnt, sollte überhaupt für Niemand vorhanden sein. Postsendungen, welche unter der Adresse „Vavel“ oder „Vavel de Versay“ zahlreich eintrafen, wurden, um das Betreten der oberen Räume durch die Briefträger zu vermeiden, von der Hausbesitzerin in Empfang genommen, in einen Korb gelegt und auf ein Klingelzeichen in die Oberwelt hinaufgezogen.

Um diese Zeit waren die drei Geheimnißvollen oft tage-, ja wochenlang abwesend. Wie Human aus „vertraulichen Notizen“ erfahren, pflogen sie damals in Gotha, Frankfurt am Main und Mainz intimen Verkehr mit sehr „distinguirten Personen der französischen Aristokratie“. Um diesem Verkehr, welcher am Schlusse des Human’schen Buches zu größter Bedeutung kommt, gleich hier näher zu treten, müssen wir

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Graf Vavel.

auf drei Jahre vor der Ankunft der Geheimnißvollen in Hildburghausen uns zurückwenden.

Wir befinden uns zu Ingelfingen im Jagstkreise Württembergs. Das Städtchen war bis 1806 Hauptort einer Standesherrschaft und Residenz der protestantischen Linie der Fürsten von Hohenlohe, Hohenlohe-Oehringen, oft auch Hohenlohe-Ingelfingen genannt. Für unsere Geschichte ist es nicht ohne Bedeutung, daß die Gemahlin des Fürsten Ludwig Karl Friedrich von Hohenlohe-Oehringen-Wikersheim eine Tochter des Herzogs Ernst Friedrich von Sachsen-Hildburghausen (Sophie Amalie Karoline) war, und daß die Hohenlohe als eifrige Anhänger der Bourbonen galten. Hier stoßen wir auf einen Anknüpfungspunkt einer möglichen fürstlichen Empfehlung der Geheimnißvollen an den verwandten Hof.

Es war im Jahre 1803, als bei dem Hofapotheker Rampold ein ernster Herr erschien, die obere Etage des Hauses miethete, zugleich eine Dienerin, die Jungfer Vöth, annahm und Alles, Wohnung und Lohn, auf Monate voraus bezahlte. Bald darauf fuhr derselbe Herr, jetzt als Kutscher, zur Nachtzeit einen dichtverschlossenen Wagen vor das Haus, dem ein großer Herr und eine festverschleierte Dame entstiegen, welche von jenem ehrfurchtsvoll in die bestellten Zimmer geführt wurde. Auch hier durfte die Dienerin in Anwesenheit der Dame ihr Zimmer nicht betreten, erlauschte aber oft ihr heftiges Weinen und sah sie dicht verschleiert zu den Ausfahrten die Treppe hinunter gehen. Ebenso versah auch hier der Kutscher Kammerdienerdienst, nur er durfte die Speisen in das Vorzimmer der Herrschaften tragen, und er allein war der Vermittler der letzteren mit der Außenwelt und der Hüter ihrer Ungestörtheit. Oft gingen Dame und Herr auch im Schloßgarten und im angrenzenden Kastanienwäldchen am Kocher spazieren. Endlich scheint auch hier der Herr „Graf Vavel“ geheißen und die Dame als seine Gemahlin gegolten zu haben, wie folgender Vorfall beweist. Bei einem solchen Spaziergang kam man an einen Steg, welcher über einen Bach führte. Dort, am Wasser gleich neben dem Steg, spielte ein Knabe, der Sohn des Geheimraths Kraus. Die Dame hatte den Schleier zurückgeschlagen, den Arm ihres Begleiters verlassen und schritt vorsichtig vorwärts, als sie plötzlich den Knaben erblickte, der ihr erstaunt ins Antlitz sah. Erschrocken blieb sie einen Augenblick stehen, strich den Knaben über die Locken und eilte dann, wieder sorglich verschleiert, weiter. Der Knabe aber konnte den Anblick der Dame und besonders ihre schönen großen Augen nicht vergessen, und als ihm später in einer Zeichenstunde, die er mit seiner Schwester besuchte, Bildnisse von bourbonischen Familienmitgliedern vorgelegt wurden, rief er plötzlich hocherfreut aus: „Das ist meine Gräfin Vavel!“ Unter dem Bilde standen die Worte: „Duchesse d’Angonléme. – Auch Andere, welche die Dame in Ingelfingen gesehen, fanden eine auffallende Aehnlichkeit zwischen ihr und der Tochter Ludwig’s XVI., deren Bildniß damals viel verbreitet war.

Der Graf verkehrte oft mit einem Kreise von Männern, die sich in der Apotheke zusammenfanden, wo er häufig auch chemischen und medicinischen Studien oblag. Doch verfolgte er offenbar mit größter Gespanntheit die öffentlichen Angelegenheiten in Frankreich und Deutschland; er hatte in Mergentheim, Heilbronn und Künzelsau bei der Post verschlossene Brieftaschen, die durch Stafetten an ihn befördert wurden. Auch waren für ihn stets Postpferde bereit gestellt und alle Miethen immer um eine Woche voraus bezahlt. Eine lebhafte Korrespondenz scheint mit der Prinzessin Rohan-Rochefort in Ettenheim stattgefunden zu haben. Zwei Tage vor der officiellen Anzeige von der Verhaftung ihres Gemahls, des Herzogs von Enghien, hatte eine Stafette die Nachricht zum Grafen gebracht – und am folgenden Morgen waren die drei Geheimnißvollen verschwunden.

Einige Monate nach dieser Flucht aus Ingelfingen berichtete der „Schwäbische Merkur“, daß Graf Vavel gestorben sei. Da steigen nun wieder zwei Fragen auf: Hat der Graf selbst diese Todeskunde veranlaßt, um an einem anderen Zufluchtsorte desto sicherer zu sein? – Oder ist jener Graf Vavel wirklich gestorben, und ein anderer, mit der Vergangenheit desselben vertrauter Mann nimmt die Rolle des Geheimnißvollen in demselben Augenblick auf, wo sie dem Sterbenden aus der Hand fiel? – Letzteres führt zu einer „schauerlichen Hypothese“, welche wir später noch näher betrachten werden.

Für den Augenblick ist eine andere Bemerkung wichtiger: es ist die Frage, ob der Schutz der bourbonenfreundlichen Fürsten von Hohenlohe nicht die Geheimnißvollen nach Ingelfingen gelockt, und ob nicht die hildburghausische fürstliche Verwandtschaft den Fingerzeig zur stillen Stadt an der Werra veranlaßt hat. Die Zeit von der Flucht bis zur Fahrt nach Hildburghausen sollen sie in einem einsamen Gehöfte der Schwäbischen Alb zugebracht haben.

Da das Leben in Hildburghausen in der bereits geschilderten Weise drei Jahre ohne nennenswerthe Aenderungen fortgeführt wurde, so folgen wir unserem seltsamen Kleeblatt von Menschen sogleich nach Eishausen, wohin die Uebersiedelung am 30. September 1810 stattgefunden hatte.

Es ist ein wunderlicher Zufall, daß der Dorftheil, an dessen äußersten Ende das Schloß stand, ebenfalls „die Neustadt“ hieß. Der Graf datirte somit seine sämmtlichen Briefe mit vollem Recht von „Neustadt“ und hatte dabei die Genugthuung, daß er, bei der erklecklichen Anzahl von deutschen Städten, Marktflecken, Dörfern, Weilern und Einzelhöfen dieses Namens, unter diesem Zeichen für alle Welt unfindbar war.

Das „Freiherrn-Schloß“ von Eishausen war ein ansehnliches Gebäude, ein dreistöckiges Rechteck aus Fachwerk mit 88 Fenstern, gewaltigen Kellern, einer hohen Steintreppe mit kunstvoll gewundenem Eisengeländer und weit hervorragenden Delphinen an den Dachrinnen. Graf und Gräfin bewohnten das zweite Stockwerk mit 10 Zimmern. Im dritten Stockwerk befand sich der Rittersaal mit schöner Stuckdecke, darüber erhob sich ein großer Doppelboden. Im unteren Stock wohnten der Kammerdiener und die Köchin. Im Miethvertrag war wohl bedungen, daß der Pächter des herzoglichen Domainenguts, zu welchem das Schloß gehörte, die Dachräume desselben zu Fruchtböden benutzen dürfte und daß der alte Schloßverwalter (Handschuh hieß er) mit seiner Frau ihre Wohnung im Schlosse behalten sollten, „um die Ruhe desselben zu überwachen“. Beide Bedingungen waren jedoch so wenig nach dem Geschmack des Grafen, daß er es sich eine höhere Miethsumme kosten ließ, um Pächter und Schloßverwalter für immer aus dem Hause zu entfernen. Und so stand denn nun das ganze Gebäude mit den mehr als 25 Zimmern der drei Stockwerke, sammt allen Kellern und Böden ganz allein den vier Menschen zu Gebote, die unter einem Willen darin lebten.

Ehe wir aber dieses Leben betrachten, wollen wir uns mit den Personen näher bekannt machen, die in und mit dem Schloß verkehrten.

Wir beginnen bei dem Haupte derselben, beim Grafen.

Dr. Human hat aus Familienpapieren, welche die holländischen Verwandten des Grafen ihm zukommen ließen, ein Lebensbild aus der Jugend desselben zusammengestellt, aus dem wir das Wesentlichste hier wiedergeben.

Was die Person des Grafen betrifft, so wird er von Allen, die ihn sahen, geschildert als ein großer hagerer Mann mit ovalem, scharfgeschnittenen Gesicht, großem blauen, hervorstehenden Auge, freier Stirn, bräunlichem Haar und Backenbart, etwas gebogener Nase, feiner Hand und stolzem entschiedenen Gang. Dieses Signalement galt natürlich für die Jahre der Kraft. Hatte man ihn in der Stadt nur im Frack beobachtet, so sah man ihn auf dem Dorf fast nur im langen, dunkeln Rock, mit Schuhen und einem hohen weißgrauen Filzhut. Nach dem Tod der Dame, bis zu welchem von den Herrschaften sich selten eines an einem Fenster zeigte, konnte man ihn stundenlang in weißer Flanelljacke und Nachtmütze am Fenster sitzen sehen, jedoch nur nach der Hofseite hin, wo er den Blicken der Neugierde weniger ausgesetzt war.

Was nun das aufgefundene Biographische betrifft, so muß ich im Voraus bemerken, daß wir dabei wieder vor einer verhängnißvollen Frage stehen: Nicht bei den vielen anderen „Briefen von fürstlichen Personen, Gelehrten, Kaufleuten und Agenten“, sondern im verschlossenen Kutschenkasten des Reisewagens fanden sich Papiere, welche über Geburt, Stand und frühere Lebensverhältnisse des Verstorbenen ziemlich helles Licht verbreiten, aber – dies Alles bezieht sich nicht auf einen Vavel de Versay, sondern auf einen Leonardus Cornelius van der Valk. Konnte das derselbe Mann sein, der 40 Jahre lang als „Vavel de Versay“ gelebt und unter diesem Namen unzählige Briefe empfangen und als solcher sich selbst unterschrieben hatte?

Die Gerichte nahmen, allerdings nicht ganz ohne Bedenken, diese Identität an, Human’s kritische Untersuchungen scheinen sie zu bestätigen, und uns bleibt vor der Hand auch weiter nichts übrig, als uns diesem Glauben geduldig zu fügen – aber „die schauerliche Hypothese“ spukt doch dabei abermals.

Das aufgefundene Taufzeugniß berichtet also, daß besagter Leonardus Cornelius van der Valk am 22. September 1769 in der katholischen Kirche zu Amsterdam durch den Priester Theodor van der Jdfert getauft worden, und daß sein Vater Adrianus van der Valk, seine Mutter aber Maria Johanna, eine geborene van Moorsel gewesen. Aus den dabeiliegenden Reisepässen [272] geht hervor, daß dieser Herr van der Valk französischer Officier, dann bis 1799 Sekretär bei der holländischen Gesandtschaft in Paris war und endlich am 1. Juni 1799 nach Deutschland ging, von wo aus er bis zu seinem Tode mit der Familie van der Valk in Briefwechsel gestanden.

Aus der Jugendzeit erfahren wir, daß van der Valk mit seinem Vater nicht immer in Einklang gelebt habe. Er bezog 1789 die Universität Köln, die damals wegen ihrer trefflichen medicinischen Fakultät von Holländern viel besucht war, siedelte im Juli 1780 nach Göttingen über, wo er als Jurist inskribirt war, aber bis 1792 vorzugsweise Geschichte und Staatsrecht studirte. Da verschwindet er plötzlich und taucht 1793 in Paris wieder auf. „Stellungslos und abenteuernd“ – hält er es mit der aristokratischen Jugend des Palais-Royal, mit der er für die rohalistischen Armeen der Emigration schwärmte. Im Juni 1795 finden wir ihn als Officier einer französischen Grenzarmee, 1797 ist er Kriegsgefangener in England, aber unter fremdem Namen, und am 6. Februar 1798 tritt er in die Dienste der holländischen Diplomatie, und zwar als Legationssekretär im Haag. Er kommt nun mit einer Reihe angesehener Diplomaten in Berührung, wird schon am 2. Juli durch den holländischen Minister van der Götz zum Sekretär bei der Gesandtschaft der Batavischen Republik in Paris mit 4000 Gulden Gehalt ernannt, wohnt sehr vornehm in der Rue de Lille und vertritt im Oktober desselben Jahres den Gesandten Schimmelpennink als Chargé d’Affaires mit anerkanntestem Erfolg. Auch mit Lafayette und Talleyrand trat er damals in Verkehr. Doch plötzlich, am 18. März 1799, nimmt er seinen Abschied, reist am 18. März nach Amsterdam, kommt noch einmal nach Paris zurück und begiebt sich am 1. Juni nach Deutschland. Damit schließt der erste, noch ziemlich helle Theil seines Lebens. Von nun an beginnt der zweite, der dunkle, in welchem wir ihn in Ingelfingen wieder gefunden und bis ins Schloß von Eishausen begleitet haben.

[290] Ehe wir zur Hauptperson des Geheimnisses, zur Gräfin, übergehen, wollen wir uns mit dem gesammten Dienstpersonal genauer bekannt machen.

Obenan steht hier der schon mehrgenannte Kammerdiener, den der Graf nach dessen Tod als „Philipp Squarre, 73 Jahre alt, ledig, aus der Schweiz“ bezeichnete, obwohl er im Kirchenbuch zu Eishausen als „Johann Philipp Schorr“ eingetragen steht und aus den Niederlanden stammen sollte. Nicht einmal seine Kinder konnten das Wahre seiner Abkunft erfahren. Auch hier zwei Namen und ein Geheimniß. Er war ein großer, breitschulteriger Mann mit vollem Gesicht und schneeweißem Haar, immer ernst, abgemessen und wortkarg gegen Jedermann. Trotz alledem steht er bei den Bauern in besonderer Achtung, nicht bloß, weil er allezeit in voller reichbetreßter Livrée einherging, sondern weil er – offenbar vom Grafen dazu veranlaßt und belehrt – häufig auf Witterungswechsel aufmerksam machte, was dem Landbau manchmal zum Nutzen gedieh. Weß Glaubens er war, wußte man nicht, doch besitzt seine Tochter als Andenken von ihm noch ein Krucifix. Er besuchte regelmäßig die Dorfkirche; der Graf liebte das und versorgte jeden seiner Dienstboten mit dem dort üblichen Kirchenstrauß; so oft wie möglich bestand derselbe aus Rosen, die er mit kölnischem Wasser besprengte. Trotz der jahrelangen Treue, die den verschwiegenen Diener an den Grafen band, war er doch im Gewissen so schwer bedrückt, daß er zu wiederholten Malen den Pfarrer Kühner dringend und flehend bat, ihm eine geheime Beichte abzunehmen, von welcher jedoch der Graf nichts erfahren dürfe. Der protestantische Geistliche schlug dies Ansinnen einer Ohrenbeichte um so bestimmter ab, als er mit dem Grafen in der engsten, aber wunderlichsten geistigen Verbindung stand. Der Gewissensdruck scheint dem alten Mann endlich unerträglich geworden zu sein, so daß er, einmal von einer Laune des Grafen verletzt, entschlossen war, sich von der Last zu befreien; bald aber ging er wieder in sich und sprach den Entschluß aus, nunmehr, da er seine jungen Jahre beim Grafen verbracht, auch bis ans Ende auszuharren. Als er aber auf dem Sterbebette lag, regte sich die Gewissensangst von Neuem, und er bat dringend, daß der Geistliche geholt werde – aber der Graf verbot dies und überließ den armen Greis seinem schweren Ende. Er starb am 6. April 1817 früh ein Uhr und wurde am 8. April so still begraben, daß sein Tod kaum, ruchbar geworden zu sein scheint, denn die Postämter von Hildburghausen und Koburg, welche viele Sendungen, von denen die meisten offenbar für den Grafen bestimmt waren, an Philipp Squarre besorgt hatten, ließen noch zwanzig Jahre lang Briefe und Packete an die Adresse des Todten nach Eishausen abgehen, von wo nie Etwas zurückgesandt worden ist.

Mit Squarre theilte die Köchin, Johanna Weber aus Hildburghausen, den Aufenthalt im unteren Stockwerk. Sie war früher im Wasunger Damenstift, dann beim Rath Rückert und zuletzt beim Geheimrath Kümmelmann am Herzoglichen Hofe bedienstet gewesen, und eine so geschickte Köchin, daß der Graf sie jedem französischen Koch gleich stellte und ihr 26 Karolin (etwa 500 Mark) Lohn gab, wovon sie ihre arme Mutter in der Stadt reichlich unterstützte. Die Köchin war die einzige Person, welche die Gräfin zweimal in nächster Nähe und unverschleiert sah und sprach. Einmal, als der Graf schwer krank war, ließ er sie zu sich rufen und sagte ihr, auf die unverschleiert am Bette stehende Gräfin zeigend: „Köchin, wenn ich sterbe, so nehmen Sie sich dieser Dame an“ – und ein andermal ließ diese Dame selbst sie rufen und sprach zu ihr: „Der Herr ist plötzlich erkrankt, helfen Sie mir einen Trank bereiten!“ – Diese zweimalige Begegnung mit einem menschlichen Wesen, mit welchem sie 26 Jahre unter einem Dach wohnte, war die Ursache, daß sie in dieser ganzen Zeit das Schloß mit keinem Tritt verlassen durfte! Vielleicht kam auch dazu, daß der Graf, offenbar im unwiderstehlich gewordenen Mittheilungsbedürfniß, die Köchin jeden Morgen ins Vorzimmer berief und ihr bald aus Zeitungen Einiges vorlas, bald angeblich aus seinem Leben erzählte. Mochte er da sich doch wohl mitunter zu sehr haben gehen lassen, zu viel geplaudert haben, das er verborgen gehalten wissen wollte? Kurz, die Klausur der Köchin war so streng, daß sie das Gehen fast verlernte und, als sie einmal in höchster Noth einen kurzen Ausgang besorgen sollte, auf der Straße nur mühselig forthatschen konnte.

Weniger streng war der Graf in anderer Beziehung. Das abgeschlossene Zusammenwohnen des Kammerdieners und der Köchin führte beide zu einer „nicht eben gesetzmäßig geschlossenen Ehe“ – wie ja in diesem Schloß Alles seinen besonderen Gang ging. Von den beiden Kindern, welche im Schlosse zur Welt kamen, war das erste ein Knabe (geboren am 4. März 1812), der den Namen Philipp Papageno erhielt und von den Dorfkindern „das Papperle“ genannt wurde. Das zweite, Kind, ein am 28. April 1813 geborenes Mädchen, ist die noch lebende Frau auf dem Hildburghauser Berg- und Grabgarten. – Der Knabe wurde im nahegelegenen Dorfe Steinfeld erzogen, lernte das Schuhmacherhandwerk und mußte, auf des Grafen Befehl, nach Amerika auswandern. Vor seiner Abreise brachte er noch über seine Mutter ein schweres Verhängniß. Weil diese ihn noch einmal sehen wollte und ihn, natürlich ohne des Grafen Vorwissen, heimlich ins Schloß kommen ließ, so mußte sie dasselbe sofort verlassen. Sie wurde in das Schloß Eiba bei Rudolstadt verbannt. Unter welcher Aufsicht sie dort lebte oder unter welchem Eide sie abzog, ist nicht bekannt. Sie starb dort sechs Wochen vor dem Grafen, und der alte Diplomat konnte seine Genugthuung darüber nicht verbergen, daß dieser Mund noch vor seinem eigenen Ende sich für immer geschlossen hatte. –

Zu der Dienerschaft des Schlosses gehörten ferner die Eheleute Johann und Katharina Schmidt, die der Graf schon in Hildburghausen in Dienst genommen und die von 1810 an die Botengänge von der Stadt zum Schloß besorgten. Schmidt stammte aus Böhmen, seine Frau aus Heldburg. Auch sie mußten eine strenge Prüfung bestehen: jahrelang wurden ihnen Briefe, Packete und Zeitungen bei einer Mühle in Steinfeld vom Kammerdiener abgenommen und ins Schloß gebracht. Erst nachdem sich erwiesen, daß sie ihren Dienst mit der größten Verschwiegenheit und mit Vermeidung jeden Umganges unterwegs besorgt, durften sie mit ihrer Bürde erst bis an und endlich sogar in das Schloß kommen. Ein Beweis höchsten Vertrauens war es sicherlich, daß der Graf im Jahre 1836 die Katharina Schmidt zur Wartung der damals schon kranken Dame berief – ein ebenfalls verhängnißvoll gewordener Dienst. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Graf nicht immer mit am Krankenbette sein konnte, daß Kranke und Wärterin oft allein waren und daß jene die sonst ihr nicht ein einziges Mal in ihrem ganzen Leben gebotene Gelegenheit benutzte, ihr Herz durch Mittheilungen zu erleichtern, die dann nur so schwerer in das der armen Dienerin fielen. Daß der Graf dies ahnte, zeigte sich gleich nach dem Tode der Gräfin. Trotzdem ihr Dienst erfüllt und sie ferner im Schloß unnöthig war, durfte sie dasselbe nicht verlassen; und als – am 9. Februar 1843 – ihr Ende nahte, wiederholte sich die Scheidescene Squarre’s: das arme Weib wollte ihr Herz von einer schweren Last befreien, aber es mußte brechen unter der Wucht eines Geheimnisses, das nun abermals um zwei Augen und einen Mund sicherer war.

Die „außerordentliche Treue“ der Schmidt’schen Eheleute belohnte der Graf damit, daß er deren Kinder ebenfalls in Dienst nahm und für sie zu sorgen versprach. Johann Ehrhardt Schmidt wurde Kammerdiener und seine Frau Friederike, geb. Gutjahr aus Eisfeld, Köchin; sein Bruder Simon Schmidt hatte die Botengänge von Hildburghausen und die Pflege des Berggartens, den er später als Eigenthum erhielt, und eines Hauses und Gartens beim Spital, in der Nähe des jetzigen Bahnhofs, welche der Graf 1826 gekauft hatte, zu besorgen. Außer diesen gehörten zur Dienerschaft noch ein Kutscher und eine Aufwärterin (zwanzig Jahre lang Dorothea Kirchner, später mit ihren Töchtern) und die Koburger Boten (Johann Amberg mit seiner Frau Dorothea), die 1830 bis 1845 außer der fast täglichen Briefschachtel häufige Sendungen aus der Apotheke, der Meusel’schen Buchhandlung und der Hofgärtnerei (Blumenkohl etc.) zu bringen hatten.

Alle diese Menschen standen lebenslang in einem Dienst, der allerdings möglichst gut belohnt ward, aber auch nicht schwer genug gedacht werden kann, denn alle opferten für immer ihre persönliche Freiheit, sie mußten sich zu willenlosen Maschinen erniedrigen, denn: „nur was der Graf verlangt, muß geschehen, – niemals weniger, aber auch niemals mehr!“ Alle sind von der menschlichen Gesellschaft so gut wie ausgeschieden, kein freundlicher Verkehr darf sie mit den Nachbarn verbinden, sie sind wie in einen Zauberkreis gebannt, fühlen sich immer und überall von des Grafen Blick verfolgt, wagen nie laut zu sprechen und flüstern noch nach seinem Tod so ängstlich, als müßten sie ewig die stummen Wächter seines Geheimnisses bleiben. Ja, alle stehen schließlich im Dienste für ein Wesen, von dessen Existenz sie nichts wissen dürfen, wenn sie das nicht bitterlich auf dem Sterbelager bereuen sollen.

Und dieses Wesen, welches die Aufstellung eines so großen und kostspieligen Sicherheitsapparates verursacht, ist die verschleierte Dame von Ingelfingen und Hildburghausen, die noch siebenundzwanzig Jahre ihres von aller Welt abgeschlossenen Lebens in dem Schlosse von Eishausen zubringt.

Ueber dieselbe wollen wir nun berichten, so viel Verbürgtes über sie zu erlangen war.

Es hat seine Schwierigkeit, die Persönlichkeit einer Dame zu schildern, die in einem Zeitraum von etwa fünfunddreißig Jahren, also auf den verschiedensten Altersstufen, nur von wenigen Menschen und dies stets nur verstohlen, bei augenblicklich verschobenem Schleier, im raschen Vorbeifahren im Wagen, bei Spaziergängen in der Ferne, durch Gucklöcher im Vorüberschreiten in der Nähe oder durch das Fernglas gesehen worden ist. Einstimmig lauten alle Aussagen aber in der Bewunderung der herrlichen blauen Augen, des schönen Antlitzes, der zierlichen Gestalt und der graziösen, vornehmen Haltung. Auffallend ist auch die Uebereinstimmung der Beobachtung eines hohen Beamten (des Geheimraths von Bibra), welcher die Dame im Wagen auf der Marienstraße bei Hildburghausen sah, mit der Aussage des Knaben in Ingelfingen; auch er erkannte sofort die bourbonischen Gesichtszüge.

Was meine Hauswirthin auf dem Berggarten über die Gräfin, natürlich nur verstohlenerweise, beobachtet hat, habe ich oben bereits gesagt. [291] Eine Schilderung aus früherer Zeit muß ich hier noch einmal mittheilen. Kühner, unser erster Gewährsmann, hat als Pfarrsohn fünfzehn Jahre theils ganz, theils in allen Ferien in Eishausen gelebt und in dieser Zeit die Gräfin nur zweimal am Fenster gesehen. Aus dem Jahre 1818 erzählt er, wie er sie mittels eines Fernglases beobachtet: „Die Gräfin stand am offenen Fenster und fütterte mit Backwerk eine Katze, die unter dem Fenster war. Sie erschien mir wunderschön; sie war brünett, ihre Züge ausnehmend fein; eine leise Schwermuth schien mir eine ursprünglich lebensfrische Natur zu umhüllen; in dem Augenblick, wo ich sie sah, lehnte sie in schöner Unbefangenheit am Fenster, den feinen Shawl halb zurückgeschlagen, wie ein Kind mit dem Thiere unter sich beschäftigt. Ich sehe noch, mit welcher Grazie die schöne Gräfin das Backwerk zerbröckelte und die Fingerspitzen am Taschentuch abwischte.“ – Im Jahr 1832 soll sie Rath Vogel, der spätere Besitzer des Hauses und Gartens bei der Stadt, einmal beobachtet und noch immer „zart an Gestalt und sehr schön“ gefunden haben. „Sie saß im Garten in sich versunken, wahrend der Herr hochaufgerichtet mit verschränken Armen am Gartenzaun auf- und ab wandelte; eine unheimliche Gestalt, aber entschieden Kavalier, der die Befehle der Dame erwartete.“

Diese Andeutung führt uns zur Betrachtung des Verhältnisses, in welchem Dame und Herr zu einander gestanden zu haben scheinen. Human sagt (Theil II, S. 3): „Leute, welche Graf und Gräfin zu Anfang ihres Eishäuser Aufenthaltes in der Lindenallee (nahe beim Schloß) spazieren gehen sahen, äußerten, genau wie unsere Zeugen in Hildburghausen, der gnädige Herr habe ordentlich wie ihr Untergebener ausgesehen, und man habe es an Allem gemerkt, daß sie die Vornehmere war.“ Und Kühner bemerkt hierüber: „Es ist aus mehreren Gründen der bedeutungsvolle Schluß zu ziehen, daß der Takt des Volks auch hier das Richtige traf.“

Unbestreitbar fest steht, daß nach des Grafen Willen die Dame für Niemand auf der Welt existiren sollte. Diesen seinen Willen setzte er mit vollendeter Rücksichtslosigkeit gegen Jedermann, vom herzoglichen Hof in Hildburghausen bis zum letzten Bauern im Dorfe durch, und weder Sitte noch Anstand fand dabei die geringste Beachtung. So hatte es z. B. die Frau Pfarrerin von Eishausen, nach dem Einzug der Herrschaften ins Schloß, für ihre Pflicht gehalten, der Frau Gräfin ein Blumenbonquett zu übersenden. Das Dienstmädchen sagte zwar, der Herr Graf müsse sich ungeheuer gefreut haben, denn er sei wie närrisch im Zimmer herumgesprungen. Die Erwiderung auf die freundliche Gabe war aber der Art, daß keine zweite gewagt wurde. Dagegen sind später häufig Geschenke aus dem Schloß ins Pfarrhaus gekommen, als zwischen Grafen und Pfarrer der Briefwechsel in Gang war, von dem wir später zu erzählen haben. – Ein ander Mal befand sich der Senator Andrea, des Grafen Geschäftsführer in Hildburghausen, bei ihm und warf die Bemerkung hin, man sei in der Stadt sehr neugierig zu erfahren, wer wohl die Dame im Schlosse sein möge. Da antwortete ihm der Graf kurz und streng: „Ich halte für gut, wenn Sie in Wahrheit sagen können, daß Sie es nicht wissen“ – und ließ sofort den Wagen des alten Herrn vorfahren. – Sogar der alte vertraute Sguarre durfte sich keinen unbefohlenen Blick auf die Dame erlauben. Als, erzählt Human, einst beim Ausfahren der Kutscher auf eine Frage des Grafen sich rasch umwandte und, während er antwortete, zur Gräfin hinsah, wurde er am folgenden Morgen früh zwei Uhr durch die Klingel ins Vorzimmer gerufen. Dort stand die Dame, dicht verschleiert, sah ihn stumm an und wandte sich kurz ab. Das war die vom Grafen angeordnete Zurechtweisung, welche er hinter einer Portiere beaufsichtigt hatte.

Wir sehen: selbst die am engsten in seinen Bannkreis eingeschlossenen Diener durften sich keine eigenmächtige Annäherung an sein Geheimniß erlauben. Wenn der Graf dennoch zu ihnen über die Gräfin sprechen mußte, so sagte er bloß „Man wünscht“ etc., aber auch „Allerhöchst Sie hat gesagt“ etc. will man aus seinem Munde gehört haben.

Die Stellung der Dame im Schloß wird wohl am besten bezeichnet durch Das, was Squarre einmal darüber geäußert haben soll: „Sie hat kein Vermögen, aber sie ist Herrin über Alles.“ Der ganze oft maßlose Absperrungszwang geschah ausschließlich der Dame wegen, und ebenso war der große Aufwand mir nöthig, um diese Absperrung möglich, gesichert und - erträglich zu machen. Beide, die Bewachte wie der Wächter, waren Gefangene und wahrscheinlich Eines so wenig freiwillig wie das Andere.

Wenn wir auch die sorgfältig gesammelten Aeußerungen des Grafen über dieses Verhältniß mit Vorsicht aufnehmen müssen, da sie oft mehr geeignet erscheinen, von der richtigen Spur zu seinem Geheimniß abzulenken, als es zu enthüllen, so sind doch namentlich solche beachtenswerth, welche er im Mittheilungsdrang oder in erregter Stimmung noch vor dem Tode der Dame der Köchin anvertraut und nach demselben in den Unterredungen mit wenigen bekannten Männern, unter welchen der Obermedicinalrath Hohnbaum in Hildburghausen obenan steht, fallen ließ. Der Köchin klagte er einmal, „er habe sich in seiner Jugend mit einem Eide gebunden und müßte darum ein so schweres Leben führen.“ Ein ander Mal, wo er eine der verbitternden Scenen erlebt haben mochte, die bei der ewigen Einsamkeit des armen Weibes ja unausbleiblich waren, sprach er den Entschluß aus, die Dame in ein Kloster bringen und sich so von seiner Last befreien zu wollen. Solche Stürme gingen freilich rasch vorüber, denn anderntheils vernehmen wir wieder von der Dame Aeußerungen die, wenn auch nicht von herzlicher Anhänglichkeit, doch von Dankbarkeit und von der Angst zeugen, ihn zu verlieren. Man erfährt, daß er sie aus erschrecklicher Lage befreit haben soll, und wie konnte das arme Wesen, das ihr ganzes Dasein nur mit ihm allein hatte verbringen müssen, sich eine Existenz ohne ihn denken? Daher ihre Sorge bei seinem Erkranken, und daher jener Ausspruch, den die Botin Schmidt einst von ihr gehört: „Wenn der Herr stirbt, begrabe ich mich lebendig.“ Und als dieselbe, die zuletzt ihre Pflegerin war, in die Todkranke drang, doch nach einem Arzt zu verlangen, antwortete sie: „Nein, das thue ich meinem Herrn nicht zu leid.“ Daraus erfahren wir, daß sie die Wichtigkeit des Geheimnisses ihres Daseins für den Grafen kennt, und zugleich auch, daß die Dame den Mann ihren Herrn nennt, der allezeit neben ihr wie ihr Diener ausgetreten war. Doch können wir diese Abhängigkeitsbezeichnung auch als eine Redeform auffassen, welche die Dame der Dienerin gegenüber angemessen fand.

Offenbar geschahen alle nach außen oft gar verwunderlich erscheinenden Maßregeln, welche die möglichste Ruhe um das Schloß bezweckten, nur in Rücksicht auf die Dame. Eine solche Veranlassung war es, die den Grafen nöthigte, auch gegen außen die Anwesenheit derselben anzudeuten. Die alte Sitte des Neujahranschießens hatte das Schloß in Schrecken gesetzt. Damals schrieb er an den Pfarrer: „Man hat die Nacht in großer Unruhe zugebracht etc.“ und bat um Abhilfe des Unfugs, fügte auch 25 Gulden zur Vertheilung unter die Armen bei, falls die Schuldigen bestraft würden. Zugleich ließ er durch seinen Geschäftsführer Andrea beim Hildburghäuser Amt Klage erheben. Wirklich wurden zehn Bursche verhaftet und bestraft. Für die nächste Neujahrsnacht traf man, ohne Zweifel auf besonderes Betreiben des Hofs zum Schutze des in einem herzoglichen Domainenschloß wohnenden Grafen, außerordentliche Maßregeln. Der später durch die bundestägliche Verauktionirung der von der Nation gegründeten ersten „deutschen Flotte“ unglücklich bekannt gewordene Hannibal Fischer, damals Landschaftsrath in Hildburghausen, begab sich mit zwei Landjägern und einem Militärkommando nach Eishausen, zog dazu noch zwölf Nachbarn zur Verstärkung bei und besetzte alle Gassen des Dorfes mit Wachtposten. Die Nacht brach ein und die tiefste Stille herrschte bis zum letzten Glockenschlag des Jahres. Da aber krachten gegen Schloß und Pfarrhaus, dann hinter Hecken und Scheunen an allen Ecken und Enden die Schüsse los, – und trotz der eifrigsten Hetze gegen die Uebelthäter war kein einziger der flinken Bursche zu erwischen. Man mußte einsehen, daß mit Gewalt nichts auszurichten sei gegen den fränkischen Bauerntrotz, den der Pfarrer am besten kannte und zu behandeln verstand. Er gab dem Grafen den Rath, den Burschen zur Kirchweihe eine Beisteuer und zum Neujahr einen freien Trunk zu geben, dies geschah – und kein Schuß fiel mehr im ganzen Dorf.

[307] Anfangs galt der Graf nur als ungeheuer reicher und unter höchstem Schutz stehender Sonderling, der sammt seiner Dienerschaft Jedermann die Scheu vor Unheimlichem einflößte. Dieses Gefühl verwischte sich nie ganz, auch nachdem der Graf sich den Ruf eines großen Wohlthäters erworben hatte. Man muß anerkennen, daß er seine Gaben mit weiser Wahl vertheilte, indem er die wahre Noth ebenso eifrig zu erspähen suchte, wie die verschämte Armuth; das Angebetteltwerden aber war ihm zuwider, „denn,“ sagte er, „nur die freiwillige Gabe hat Werth.“ Zu Festzeiten bedachte er fast jedes Haus mit irgend einer Zusendung von Reis, Fleisch, Weißbrot, Pfefferkuchen u. dergl.; jährlich kleidete er zwölf Konfirmanden und unterstützte reichlich arme Studirende. Ebenso unterstützte er viele Familien in Hildburghausen. Ich selbst nahm brieflich seine Wohlthätigkeit dreimal (1842 bis 1844) in Anspruch zum Besten der mit Hilfe des „Weihnachtsbaumes“ veranstalteten Christbescherungen für arme Kinder, und alle drei Male mit reichlichem Erfolg. Auch Schulen genossen seine Unterstützung, so namentlich die Industrieschule zu Hildburghausen, welcher er auf die Bitte der Erbprinzessin seine Gunst zuwandte. Als dieselbe von einem Vorsteher der Anstalt gefragt wurde, auf welchen Namen die Bescheinigung der empfangenen Gabe ausgestellt werden solle, sagte sie mit glücklichem Takt: „Schreiben Sie nur: Von einem Mann, der unserem Lande nur durch seine Wohlthaten bekannt ist.“ Diese Anerkennung ist sein bester Ruhm und Schutz in und außer dem Schlosse gewesen, dessen Ruhe von Seiten der Bevölkerung nie wieder gestört worden ist. Aber eben so wenig von Seiten des Hofs. Einmal hatte die Herzogin Charlotte eine Annäherung versucht, indem sie dem Grafen in elegantem Französisch im Namen des Herzogs die Gewährung eines Wunsches zusagte, den er durch seinen Geschäftsträger hatte aussprechen lassen. Der Graf antwortete, ebenfalls in der Sprache der Diplomatie, aber in aalglattester Manier, indem er mit seinem Dank die Hoffnung verband, daß die günstige Zeit kommen werde, wo er den hohen Herrschaften selbst näher treten könne. Diese Zeit kam jedoch nie. So oft auch die herzogliche Familie bei dem Pfarrer, welcher der Erzieher der Prinzen und Prinzessinnen gewesen, zu Gaste war, wurde doch nie die geringste Störung des Schloßfriedens gewagt oder geduldet. Die Herzogin starb 1818, der Herzog ertheilte noch 1824 dem Grafen einen besonderen Schutzbrief, und als das herzogliche Haus 1826 nach Altenburg abgezogen und der Graf auch von der neuen Meiningischen Regierung unbehelligt gelassen worden war, ertheilte die Stadt Hildburghausen ihm (am 24. Mai 1827) ihr Ehrenbürgerrecht. Das Geheimniß und die Abgesperrtheit vor aller Welt stand nun vollkommen gesichert da.

In desto innigerer, rein geistiger Beziehung stand das Schloß mit dem Pfarrhaus von 1812 bis 1827. Durch den Kammerdiener Squarre wußte man, und namentlich der Pfarrer, längst, daß der Graf nicht nur im Besitz einer bedeutenden Bibliothek war, sondern daß er fortwährend neue Büchersendungen aus Frankfurt am Main und ebenso viele und namentlich Zeitschriften aller Art, von der Meusel’schen Buchhandlung in Koburg erhielt, die meisten unter der Adresse: „Philipp Squarre in Hildburghausen“, Sendungen, welche, wie ich bereits angab, auch nach Squarres Tode ihren ungestörten Fortgang hatten. Der Graf arbeitete jeden Morgen von drei Uhr an, und wie stark seine Korrespondenz war, dafür zeugten die Velin- und Postpapierpackete nebst Stangen grünen Siegellacks, welche der Hildburghauser Fuhrmann Lürtzing und der Koburger Bote Amberg allwöchentlich im Schloß abzuliefern hatten. Weß Inhalts aber diese Bücher, Zeitschriften und Studien des Grafen waren, darüber gewann den gründlichsten Aufschluß der Pfarrer Heinrich Kühner, der Vater des Verfassers der ersten Quellenschrift über die Geheimnisvollen.

Die Verbindung zwischen Schloß und Pfarrhaus gestaltete sich folgendermaßen. Im Jahre 1812 fand der Pfarrer eines Morgens durch eine Spalte unten an der Hausthür hereingeschoben und sorgfältig konvertirt mehrere französische und englische Zeitungen, welche später von der Botin des Grafen, und zwar mit weißen Glacéhandschuhen, wieder abgeholt wurden. Nicht lange, so lagen konvertirte Zettelchen bei den Zeitungen, durch welche der Graf sich Bücher aus des Pfarrers oder der herzoglichen Bibliothek erbat; diese Zettelchen wurden in gleicher Weise wieder abgeholt. Bald vergrößerten die Zettel sich zu Blättern, auf welchen der Graf Urtheile und Ansichten über Gegenstände der Tageslektüre ausspricht und deren Rückseite der Pfarrer zu seinen Gegenbemerkungen benutzt. So entsteht ein Ideenaustausch über Litteratur, Kunst, Politik, Tagesneuigkeiten und Familienverhältnisse in Stadt und Dorf, der die beiden Männer oft so in Eifer bringt, daß die Botin an manchem Tag sechs- bis zehnmal zwischen Schloß und Pfarrhaus hin und her eilen muß. Beide schrieben mit lateinischen Buchstaben, ohne Anrede, Unterschrift und Ortsbezeichnung, nur das Datum setzte der Graf oft an den Kopf seiner Notiz. Das Siegel zeigte mir zwei Male drei Lilien im Felde. Von des Grafen Handschrift blieb keine Zeile im Besitz des Pfarrers. Ueber den außerordentlich reichen und umfassenden Inhalt dieser Korrespondenz müssen die Leser Human’s Buch (Theil I, S. 64 ff.) selbst nachlesen. Für unseren Zweck genügt es, drei Stellen anzuführen. Einmal schreibt der Graf: „Zur katholischen Religion erzogen, wurden doch in meiner Jugend deren Grundpfeiler schon so erschüttert, daß sie nie wieder feststanden“; – ein andermal: „Können Sie eine Vorstellung davon haben, welches Glück ich auch in meiner Einsamkeit genossen habe? Wo hätte ich sonst diesen stillen Frieden genossen, wo sonst die Muße gefunden, die Klassiker von vier Nationen der Reihe nach zwei- und dreimal zu lesen!“ – Und als die Verbündeten siegreich in Frankreich einzogen, schrieb der Graf: „Wenn Friede wird, werde ich das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft suchen.“ Der Friede ward geschlossen, noch elf Jahre spann sich der intimste geistige Austausch fort, aber gesprochen haben beide Männer, die sich oft auf den Spazierfahrten begegneten, nie ein Wort mit einander. Heinrich Kühner starb am 9. Februar 1827, 54 Jahre alt. Das sein Grab im Friedhofe von Eishausen schmückende Denkmal ist „dankbar gewidmet ihrem unvergeßlichen Lehrer von Therese, Königin von Bayern.“

Diesem Schwelgen des Grafen im Vollgenuß der edelsten Schätze des geistigen Lebens gegenüber – wie steht das schöne Weib da, das dieselbe Zimmerreihe mit ihm bewohnt, dieselbe Luft mit ihm athmet? – Leiblich wird die Dame gehalten und gepflegt mit fast fürstlichem Luxus. Wohnung, Tafel- und Kleiderfreuden lassen nichts zu wünschen übrig. Die Gräfin bewohnte das große Eckzimmer mit zwei Fenstern nach Osten und drei nach Norden, während der Graf ein anderes Eckzimmer mit zwei Fenstern nach Westen und einem nach Norden als Arbeitsstube inne hatte. Das Zimmer der Dame war mit grüngoldenen Tuchtapeten ausgeschlagen, alle übrigen neun Zimmer zeigten einfache grüngelbe, gelbgestreifte oder grüngesprenkelte Tapezierung. Die Moblirung war natürlich den Ansprüchen so hoher Herrschaften angemessen.

Die Köchin hantirte nur in ihrem unteren Bereich, alle Speisen und Getränke trug der Kammerdiener ins Vorzimmer und dort nahm sie der Graf in Empfang, um sie ins Zimmer der Gräfin zu tragen. Man speiste, nach Human, der uns sogar Einiges vom Küchenzettel und über die Bedürfnisse und Vorräthe von Küche und Keller mittheilt, sehr vornehm; die feinsten Backwerke und die edelsten französischen Weine, vorzüglich Haut Sauterne und Porter, schmückten die Tafel. Zu Mittag gab es abwechselnd Semmelklößchen, Lendenbraten, Kapaunen, junge Hähnchen, Feldhühner, Hasen, Hecht und Aal, Semmel- und Reispudding, Radieschen aus Bamberger Gärtnereien etc. Alle Braten mußten in Tiegeln über Kohlenfeuer bereitet werden. Abends aß der Graf stets kalte Küche und trank starken Wein, die Dame aber erhielt jeden Abend eine Kanne voll Haferschleim, offenbar aus Gesundheitsrücksichten. Zur Bouillon, welche früh sieben Uhr servirt wurde, mußte die Köchin zwei Pfund Rindfleisch und ein Pfund Kalbsknochen verwenden; allwöchentlich verbrauchte sie zwölf Pfund Butler und zwei Schock Eier. Seit 1811 kam von F. J. Goullet in Frankfurt am Main regelmäßig alle vierzehn Tage eine Kiste mit sechs Flaschen Likör, feinster Punschessenz und fünf bis sechs Pfund feinstem Mokkakaffee unter der Adresse: „Herrn Vavel de Versay, Hochwohlgeboren in Eishausen bei Hildburghausen“ an. Man wird schwerlich irren, wenn man glaubt, daß diese Herrlichkeiten von Küche und Keller nicht bloß der Herrschaft, sondern auch der Dienerschaft das harte Los der Einsamkeit wesentlich erleichterten.

Das wichtigste Kapitel im äußeren Frauenleben betreffend, so trug die Gräfin im Hause meist lange Frisurschürze und ein feines weißes Jäckchen, mit orangegelben Bändern besetzt, einen rothen, meist zurückgeschlagenen Shawl und ein weißes Spitzenhäubchen. – Zu den Ausfahrten aber schmückte sie sich stets mit den feinsten Kleidern nach der neuesten Pariser Mode. Ebenfalls durch das Frankfurter Haus kamen die Kleider- und Schmucksendungen aus Paris an. Da die Dame mit Niemand in Berührung kam, so konnte sie voll den unnöthig gewordenen Vorräthen nichts verschenken, und so fand man denn in ihrem Nachlaß eine Sammlung der prachtvollsten Anzüge aller Modejahrgänge, die ins Erstaunen versetzte, und eben so mehrere Kisten voll seidener Schuhe, die immer zu den Kleidern paßten, welche sie eben trug. Entsprechend war der Frauenschmuck an Gold und Edelsteinen vertreten. Kein Aufwand wurde offenbar für die Befriedigung aller Wünsche gescheut, welche auf diesem kostspieligen Gebiete einem Frauenherzen möglich waren.

Die Spazierfahrten geschahen mit eigenem Wagen und Geschirr und wurden von Eishausen Jahre lang bis vor das Thor des Koburgischen Städtchens Rodach ausgedehnt. Als aber einmal der Chausseegeld-Einnehmer am Thor sich darüber beklagte, daß der Graf immer vor seinem Schlagbaum umkehre und niemals Chausseegeld bezahle, wurde er großartig abgelohnt, die Fahrt aber nie wieder auf die Koburger Chaussee ausgedehnt, sondern nur bis an die Landesgrenze hinter dem Dorf Adelhausen. Später schaffte der Graf die eigenen Pferde ab und benutzte, namentlich zu den Spazierfahrten zu den Besitzungen bei Hildburghausen Postpferde, und zwar fuhr er stets vierspännig.

Bei diesen Fahrten war es, daß ein Chausséewärter die Wahrnehmung gemacht haben wollte, daß zwei Damen im Schlosse wohnen müßten: eine junge und eine alte, und an diese Aussage knüpfte sich der Verdacht, daß wohl noch schlimmere Geheimnisse hinsichtlich des Sittlichkeitsverhältnisses des Grafen zur Dame im Schlosse verborgen sein möchten. Dieser Verdacht war es auch, welcher den seiner Zelt als Polizeigenie allbekannten Polizeirath Eberhardt in Koburg veranlaßte, den Nürnberger Findling Kaspar Hauser nach Eishausen zu bringen und um das Schloß herumzuführen, um etwaige Kindheitserinnerungen in ihm zu erwecken. War auch dieser Enthüllungsversuch erfolglos, war Hauser aus den Kellerlöchern dieses Schlosses nicht hervorgekommen, so schwebte das ganze Geheimniß einem Eberhardt gegenüber doch in äußerster Gefahr, der Graf soll in die größte Unruhe versetzt worden sein, bis ein fürstlicher Befehl der Spürkraft des Polizeimanns nach dieser Richtung Halt gebot.

Auch dieses Zwei-Damen-Geheimniß blieb ungelöst; man suchte es durch eine behauptete Augentäuschung der betreffenden Beobachter zu beseitigen.

[322] Für den Genuß der frischen Luft im Freien sorgte der Graf noch in anderer ebenfalls außerordentlicher Weise. Er miethete vom Pächter einen von Buschwerk und alten Weidenstämmen umgebenen Grasgarten unweit des Schlosses, den er mit Fichtenreisig und Dornbüschen noch dichter umgeben und durch eine acht Fuß hohe Brettereinfassung ringsum für jedes Späherauge unnahbar machen ließ. Der Weg vom Schloß führte über eine Brücke (über den Rodachbach) und einen Steg über einen alten Wallgraben zum Garteneingang. Der Thür gegenüber versperrte eine Hecke den Einblick in den Garten, in welchem zur Linken und Rechten Kieswege der Umzäunung entlang liefen. Einige Ziersträucher und Blumengruppen in der Mitte der Rasenfläche deuteten an, daß man sich in einem Garten befinde. Sollte nun die Promenade der Gräfin beginnen, so stellte die Botin sich vor die Schloßthür und schritt, sobald sie merkte, daß die Gräfin das Schloß verlassen hatte und hinter ihr stand, vorwärts, ohne sich umzusehen, bis an die Gartenthür. Diese schloß sie auf und nahm eine solche Stellung hinter der Thür ein, daß sie die in den Garten schlüpfende Gräfin nicht sehen konnte. Während der Gartenpromenade, die, je nach Jahreszeit und Witterung, ein bis zwei Stunden dauerte, stand der Graf mit Fernrohr und Gewehr am Fenster Wache. Wollte die Gräfin ins Schloß zurück, so warf sie ihr Taschentuch in die Höhe, der Graf gab der Botin ein Zeichen, und der Herweg wurde in derselben Weise wie der Hinweg zurückgelegt.

Wir kommen nun zu einem sehr dunklen Punkt, zu der Frage: womit beschäftigte sich das eingeschlossene, stets nur auf sich selbst angewiesene Weib in all den Stunden, welche nicht durch Schlafen, Essen und Trinken, Spazierenfahren oder die Gartenpromenaden ausgefüllt worden sind? [323] Aus welchen Bildungsgrad ist nach Allem zu schließen, was man aus ihrem Munde gehört hat und was man in ihrem Nachlaß fand?

Kann man doch nicht einmal herausfinden, welches ihre Muttersprache war. Ist sie eine Französin gewesen, welche Deutsch erst gelernt hat, oder keine Französin, so daß es als Hinweis auf höhere Bildung gelten könnte, wenn der Graf von ihr sagt: „Sie sprach sehr gut französisch“?

In des Grafen Absicht lag offenbar die Verbreitung der letzteren Annahme. Deßhalb theilte er der Wittwe des Pfarrers Kühner (mit welcher er die mit ihrem Manne gepflogene Korrespondenz bis zu seinem eigenen Ende fortsetzte) einst einen Brief mit, welchen die Dame schon am 22. September 1808, also in der ersten Hildburghäuser Zeit, ihm zum Geburtstag geschrieben haben soll und auf den er so hohen Werth legte, daß er „ein solches Blatt nur der schwesterlichen Treue seiner Korrespondentin anvertraute.“

Ich habe diesen Brief in der Hand gehabt. Er war wie von unbehilflicher Kindeshand geschrieben und voller Fehler. Auffällig war gleich die Anrede: „Lieber guter Ludwig!“ Diesen Taufnamen des Grafen haben wir nirgends wieder gefunden. Der Brief fährt fort: „Ich wünsche Dir zu Deinem Geburtentage viel Glück und Segen etc.“ Beachtenswerth ist der Schluß: „Ich weiß, daß meine Lage schrecklich war und ich danke Dir nochmals. Behalte mich lieb, lieber Ludwig. Ich verbleibe im Schutze Maria’s und dem Deinen! Deine arme Sophia bis ins Grab.“

Diesem deutschen Briefe widerspricht jedoch das römisch-katholische Gebetbuch der Dame, das ein französisches war: „La dévotion journaliére etc.“, gedruckt 1756. Erbauungsbücher wählt man doch nur in der Muttersprache. Daher ist es höchst gewagt, die Gräfin wegen ihres guten Französisch emporzuheben. Man kommt in Gefahr, neben jenen klugen Mann gestellt zu werden, der sich so sehr darüber wunderte, daß in Paris die kleinen Kinder auf der Straße schon französisch sprechen.

Wenn aber der Graf in derselben Mittheilung sagt, daß die Dame „nur ein Mal im Jahr mit der Feder schrieb und nach ihrer vorletzten Krankheit auch dies unterließ“, so wirft dies ein böses Licht auf das geistige Leben der „armen Sophia“. Und wenn ich an das Spielzeug gedenke, das mir als von ihr benutzt auf dem Berggarten gezeigt worden ist, so kann ich nicht mehr daran zweifeln, daß ein vielleicht glücklich begabter Geist durch die Qual der entsetzlichen Einsamkeit endlich verkümmert und verkommen ist. Man bedenke nur Eines! Vergeblich habe ich früher auf dem Berggarten und jetzt wieder bei Dr. Human nachgeforscht, ob denn hie Dame gar keine weibliche Bedienung gehabt habe. Niemand weiß etwas davon. Wir wissen nur, daß erst auf ihrem Sterbebette die Botin ihr als Pflegerin zugelassen wurde, und wir wissen auch, daß diese für solches Vertrauen acht Jahre lang das Schloß nicht verlassen durfte und einen gewissensschweren Tod zu erleiden hatte. Aber war es denn möglich, daß die Dame beim Anprobiren und Anziehen der vielen neuen Kleider allein fertig werden konnte? Oder bediente der Herr Graf „Allerhöchst-Sie“ auch als Kammermädchen, wie man ja weiß, daß er sie oft auf einem Rollstuhle durch alle Zimmer fuhr? Ich frage jedes Frauen Herz: welche Freude konnte das eingeschlossene Weib in all der Kleiderpracht haben, wenn sie die Lust an der Beschauung und die Bewunderung der Pariser Herrlichkeiten mit keinem andern weiblichen Wesen theilen durfte? Wenn ihr nichts möglich war, als in dem neuen glänzenden Staat höchstens vor den Augen ihres „Herrn Ludwig“ durch die vielen Zimmer zu spazieren oder tief verschleiert im verhängten Wagen damit auszufahren? Mußte unter solchem Drucke nicht nach und nach der Geist, der nach Unterhaltung, nach Zeitvertreib suchte, bis zum Kindischen hinuntersinken?

Man wirft zwar ein, daß der Graf für die Dame Jahre lang die „Leipziger Modezeitung“, das „Journal des Dames“ gehalten und daß sie auch französische und deutsche Klassiker gelesen habe. Jene Zeitungen haben doch wohl nur wegen der Modebilder Interesse gehabt; für die Lektüre deutscher Klassiker bringt man ein einziges Beweismittel auf: im Nachlaß der Gräfin fand sich ein Heftchen der Groschenbibliothek, welche, damals vom Bibliographischen Institut, das 1828 von Gotha nach Hildburghausen übergesiedelt war, in Hunderttausenden von Exemplaren gedruckt und verbreitet wurde. Auch dieses Heftchen habe ich in der Hand gehabt, kann mich auf den Inhalt aber nicht mehr entsinnen und weiß nur, daß einzelne Verse mit Bleistift stark angestrichen waren. Womit will man aber beweisen, daß diese Striche von der Gräfin herrühren und daß sie das Heftchen selbst gelesen hat? Der Graf hatte acht Jahre Zeit, in das für die Dienerschaft stets verschlossen gehaltene Zimmer der Dame abzulegen, was er einst dort finden lassen wollte, wie er Manches daraus entfernte, was eben nicht dort gefunden werden sollte. Dafür gleich ein Beispiel.

Wenn es irgend Etwas gab, das einer zur Einsamkeit gezwungenen Seele in würdigster Weise Unterhaltung Trost und Erhebung bieten konnte, so war es die Musik. Wirklich erzählte der Graf, daß die Dame in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes bei ihm Klavier gespielt habe. Nach Eishausen kam ein solches Instrument nicht, dagegen weiß Kühner, daß in einem Hinterzimmer des Schlosses eine – Drehorgel stand. Dieses Instrument hat sich dann allerdings im Nachlaß der Dame nicht vorgefunden. Aber gehört hat man es doch wohl, wie man oft auch ein äußerst helles Lachen der Dame gehört haben will, das man der Lustbarkeit zuschrieb, wenn sie einige ihrer vielen Katzen in einem Kinderwagen von ihren Hunden durch die Zimmerreihen fahren ließ. Der Nachlaß bezeugte diese Freuden durch die blauen Halsbänder der Katzen mit den eingestickten Namen derselben, wie Agathe, Zemira, Lilli, Jette etc. Und wenn sie dieses Spieles satt war, so spielte die Arme mit dem vielen Geld, das ihr immer zufloß, ohne daß sie es verwenden konnte. Sie nähte sich viele Seidenbeutelchen zusammen, in welche sie alle die Friedrichsd’or, holländischen Dukaten, Kronen- und preußischen Thaler, Specics und Silberkreuzer steckte und die man in allen Ecken ihres Zimmers umhergestreut fand. Und zwischen diesen Spielereien der Verzweiflung in der trostlosen Einsamkeit – wer zählte die ernsten Stunden, von welchen diese arme Seele gemartert werden mußte, sie, die nicht einmal in der Einsamkeit der Natur ihre schwermütigen Lieder so laut singen durfte, daß ein anderes Menschenohr sie hätte erlauschen können!

Der Tod war endlich ihr Erlöser. Sie war am 25. November 1837, Abends zehn Uhr, gestorben, – wie man sagt, in Folge einer Erkältung, die sie sich an einem rauhen Herbsttag in dem sogenannten Garten zuzog. Der Graf hatte ihr Zeichen zur Rückkehr übersehen, und als man sie endlich suchte, war sie ohnmächtig zusammengebrochen. Trotz alledem wurde kein Arzt gerufen und noch weniger ein Geistlicher: die Arme nahm, wie Squarre und die Botin, das Geheimniß ihres Lebens mit in die Gruft. – Aber derselbe schwere Tod wartete auch auf ihn!

Das Begräbniß der „Frau Gräfin Vavel“, wie die Todte noch in dem Bericht genannt wird, welchen vor der herzoglichen Ephorie zu Hildburghausen der Todtengräber Knoll darüber zu Protokoll gegeben, fand am 28. statt, nachdem die Eishäuser Leichenfrau drei Tage und drei Nächte bei der Todten Wache gehalten hatte. Früh vier Uhr wurde der Sarg, in welchen am Abend vorher die Leiche, ohne Anwesenheit des Grafen, gebettet worden, auf den Hildburghäuser Leichenwagen gebracht. In einem zweiten Wagen nahmen die beiden Diener des Grafen, Gebrüder Schmidt, und die Leichenfrau Platz. Sechs Träger begleiteten mit Fackeln die stille Fahrt durch Steinfeld und über den hohen Stadtberg hinüber. Sicherlich stand der nun befreite Wächter des Geheimnisses am Fenster und verfolgte mit dem Fernrohr den Zug, bis für ihn die letzte Fackel in der Nacht verschwand.

Gegen sechs Uhr kam der Zug auf der Marienstraße an der Stelle an, wo der Weg zum Berggarten hinaufführt. Hier wurde der Sarg auf eine Bahre gehoben und nun an einem nur wohlbekannten alten Holzbirnbaum vorüber hinauf ins Haus getragen. In der Halle ließ der ältere Schmidt nun den Sargdeckel aufheben, bis Alle die Leiche gesehen hatten. Dann trug man den Sarg an die Gruft – und versenkte ihn ohne einen Klang von Trauermusik, ohne einen Ton Gesang, ohne einen letzten Spruch des Segens. Nur der Todtengräber „hat ein Vaterunser gebetet und das Grab bedeckt und die Erde geordnet“. Es ist ein wohlthuendes Gefühl, daß die stille Stätte an den treuen Dienern Schmidt und seiner Frau wenigstens liebevolle Pfleger gefunden, sonst müßte man auch hier ausrufen:

„O Gott, wie muß es einsam sein
In einem solchen Grabe!“

Diesem stillen Frieden gegenüber war im Schlosse des Grafen stürmische Unruhe eingedrungen. Seine Aeußerung gegen die Dienerschaft, als die Gräfin todt war: „Was sage ich nun, sie war doch nicht meine Frau?“ – lag auch in der Antwort, die er dem Pfarramt gab, als dasselbe nur den Leichenschein und die Personalienangabe der Verstorbenen bat, und welche lautete: Man möge ihm die Namhaftmachung erlassen, die Verstorbene sei nicht seine Gemahlin gewesen, er habe sie nie dafür ausgegeben. Um so mehr fand nun das Hildburghäuser Kreis- und Stadtgericht sich verpflichtet, einzuschreiten. Dies voraussehend hatte der Graf den „seiner Gefährtin eigenthümlich gehörigen Nachlaß“ in einem Zimmer nach Südost aufspeichern lassen, wo derselbe auch verzeichnet und versiegelt wurde; er selbst ließ sich wegen seiner Abwesenheit von dieser Procedur bei der Gerichts-Deputation mit seinem Unwohlsein entschuldigen. Als aber das Gericht auf Mittheilung der Personalien der Verstorbenen drang, erklärte er: „Keine Macht der Erde soll mir mein Geheimniß entreißen; ich nehme es mit ins Grab!“ Er besteht zugleich auf unbedingte Entsiegelung des Nachlasses, weil er das „dem Andenken der Verstorbenen schuldig sei“. Endlich muß er doch den Anforderungen der Gesetze sich fügen, und so läßt er sich zu einer Angabe unter der Bedingung herab, daß sie bis nach seinem Tod geheim gehalten, namentlich zu keinem gerichtlichen Aufruf nach den Erben benutzt werde. Und worin besteht diese Angabe? Mit ihr schrumpft das große Geheimniß, schrumpft „Allerhöchst-Sie“ mit all der fürstlichen Kleider- und Schmuckpracht, Haltung und Bedienung zusammen in eine einfache: „Sophie Botta, ledig, bürgerlichen Standes, aus Westfalen, 58 Jahr alt.“ – ! –

Ob diese Enthüllung Glauben fand? Wir bezweifeln es, aber dennoch geschah die Entsiegelung, der Graf behielt den Nachlaß, zahlte den Taxwerth, der gerichtlich deponirt wurde, und Ediktalien für die Erben unterblieben aus Rücksicht auf den Wohlthäter des Landes „bis auf Weiteres“.

Die äußere Beunruhigung des Grafen hatte nun ein Ende, ob auch die innere? Man hat Anzeichen, dies zu bezweifeln. Von dem Augenblick an, wo er die als „Gräfin“ geehrte Mitbewohnerin des Schlosses für eine „ledige und bürgerliche“ Dame aus Westfalen erklärt hatte, war ein Schatten mehr auf den vom Geheimniß schon genug umdunkelten Mann gefallen und der lang unterdrückten Fama im Volke die geschwätzige Zunge gelöst. Der Graf fühlte offenbar die Notwendigkeit, durch Annäherung an einen in den höchsten wie niedrigsten Kreisen verehrten Mann und durch Einblicke, die er demselben in seine Vergangenheit gestattete, einen Anhalt gegen den Wandel der öffentlichen Meinung zu finden. Dieser Mann war der schon genannte Obermedicinalrath Hohnbaum in Hildburghausen, dessen Urtheil wir sehr hoch zu halten haben. Er fand den alten Herrn zwar körperlich leidend, aber geistig stark, „von ungebrochener Willenskraft, bereit, das Aeußerste zur Bewahrung seines Geheimnisses zu wagen; der geistige Blick so frei und beweglich, wie der eines Mannes, der eben erst von dem dichtesten Marktgewühl des politischen und wissenschaftlichen Lebens heimkommt.“ Ich setze diese Anerkennung um so lieber hierher, als ich in die unbedingte Verherrlichung des Grafen, deren Kühner und Human sich beeifern, noch immer nicht einstimmen kann. Mit den größten geistigen Vorzügen, hoher Begabung, gründlicher Wissenschaftlichkeit, reicher Welt- und Lebenserfahrung und einer glänzenden Beredsamkeit – ist auch die Eigenschaft eines selbst zur Grausamkeit gegen Andere fähigen Egoisten vereinbar; und daß ein Mann, welcher mit so unerschütterlicher Festigkeit, wie der [324] Graf, nur ein Ziel im Auge hat. im rücksichtslosen Dienst für dasselbe es auch mit der Wahrheit nur so lange halten kann, als nicht ihr Gegentheil für seinen Zweck geboten ist, – auch dafür bietet die Geschichte des Geheimnißvollen Belege. Nicht den Arzt hatte der Graf gerufen, sondern den Mann voll hoher Lebensweisheit. Ihm erzählte er Das aus seiner Jugendzeit, was wir oben bereits angeführt haben. Er ging aber weiter, sagte, daß er in Weimar und Jena zu Schiller’s Zeit gewesen und mit Loder enger bekannt geworden sei. Endlich erwähnte er auch die Todte bei einer Reise nach Wien zu Kaiser Alexander. „Denken Sie,“ sprach er, „damals war die Dame schon bei mir; ich mußte unaufhaltsam mit Kurierpferden reisen; die Dame konnte ich nicht verlassen, sie mußte mich begleiten, und Niemand durfte ihr Dasein ahnen.“ – Später äußerte er: „Ich wollte Sie für die Kranke als Arzt rufen lassen, doch sie wollte das nicht, hätte auch Opfer von Ihnen verlangt“ – und als Hohnbaum erwiderte, ein Arzt sei gewohnt, Geheimnisse zu bewahren, fuhr der Graf auf: „Herr, Sie wissen gar nicht, welche Verantwortung Sie auf sich genommen hätten, wenn ich Sie zu dieser Dame geführt hätte!“ – Stimmt diese Bedeutung der Todten wirklich zu der bürgerlichen Mamsell Botta aus Westfalen?

Wenn auch der alternde Herr jetzt nicht mehr so oft, wie früher, mit dem Fernrohr zu den Fenstern eilte, wenn Frachtfuhren oder Post- und andere Wagen auf der Chaussée sich dem Dorfe näherten, so konnte er doch nie zur inneren Ruhe kommen. Wie sicherlich schon früher (bei der Vermeidung des persönlichen Verkehrs mit Pfarrer Kühner!) fürchtete er als die letzte Gefahr für sein Geheimniß – sich selbst! Klagte er doch nach der allerdings fünfstündigen Unterhaltung mit Hohnbaum seiner Korrespondentin: „Es geht mir wie den Nonnen; wenn sie einmal sprechen dürfen, so sprechen sie zu viel.“ Und wirklich erhielt Hohnbaum keine zweite Einladung. – Zu Anfang des Jahres 1843 bat er, zum Behufe einer Testamentserrichtung, den Chef des Hildburghäuser Kreis- und Stadtgerichts, Justizrath Rommel, zu sich. Auch dieser hat in dem Greis „einen sehr feinen, hochgebildeten und über seine Umgebung auf das Genaueste unterrichteten Mann“ zu bewundern; es entspinnt sich eine sehr anregende Unterhaltung, aber – war es Scheu vor einer Erörterung persönlicher Verhältnisse? – zu einem Testament kam es nicht.

Wir nahen dem Ende dieses Trauerspiels ohne Schluß. Von der Gicht heimgesucht, trat der Greis in das Jahr 1845. Als er die Gefahr seines Zustandes erkannte, stieg seine Unruhe von Tag zu Tag, und endlich sahen, hörten und – rochen die Diener, daß er in hastiger Thätigkeit war: er räumte auf! Der Geruch verbrannter Papiere durchdrang alle Räume. In den letzten Tagen und Nächten rief er oft den Namen seiner früheren Dienerin Johanna aus, der alten Köchin, welcher er 26 Jahre lang so Vieles erzählt hatte, die vor wenigen Wochen gestorben war und deren Tod ihn so sehr zu beruhigen schien. Sehr oft hörte man ihn sagen: „Daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann!“ Zu Johann Schmidt, der mit Frau und Kindern bereits im Schloß wohnte, ließ er auch die Schmidts vom Berggarten herbeiholen, und am 6. April befahl er Simon Schmidt mit Schreibzeug zu sich. Er wollte ihm seinen letzten Willen diktiren. Abermals vergebens, – der schwere innere Kampf dauert fort; am 7. befiehlt er, einen Boten zum Gericht zu senden, aber kaum ist der Bote auf dem Weg, so muß er zurückgerufen werden, und das wiederholt sich mehrmals, bis die Ermattung Herr über den Sterbenden wird. Da spricht er noch: „Wenn ich sterben sollte wird man einen öffentlichen Aufruf erlassen; darauf wird eine Dame kommen, denn der einzige männliche Erbe, denn ich hatte, ist verunglückt, dann werdet Ihr sehen, daß für Euch gut gesorgt ist.“ Mit diesen Worten, von deren letztem, verheißenden Theil sich später nichts bewahrheitet hat beschließt er sein Leben.

[338] Der Graf starb am 8. April Mittags 12¼, Uhr und ward am 11. früh 9 Uhr mit großer Feierlichkeit und Theilnahme beerdigt. Die ganze Gemeinde von Eishausen und die Zöglinge des Waisenhauses von Hildburghausen, dem er ebenfalls viel Wohlthaten erwiesen, geleiteten den Trauerzug zum Friedhof des Dorfs, wo der Vollendete neben dem Grabdenkmal des Pfarrers Kühner endlich seine letzte und wirkliche Ruhestätte fand. Der Pfarrer Pfitz, ein auch dichterisch hochbegabter Mann, mit dem der Graf in den 17 Jahren ihres Zusammenlebens im Dorfe nie eine Annäherung suchte, hielt die Grabrede, welche Human (Theil I, S. 84) abgedruckt hat.

Dem Gericht machte diesmal der Arzt Dr. Knopf die Anzeige noch am 8. April Nachmittags 3 Uhr, und am folgenden Tag erschien die Gerichtskommission zur Aufnahme und Versiegelung der Verlassenschaft.

Was in den Zimmern des Grafen, der Gräfin und den übrigen Schloßräumen sich vorfand an barem Gelde, Kostbarkeiten, Möbeln und sonstigem Schmuck und Hausrath aller Art, hat Human ebenfalls (I, S. 24) mitgetheilt. Wichtiger für die Charakteristik des Grafen war seine Bibliothek, reich an klassischen, historischen, politischen, juristischen und medicinischen Werken und Broschüren; ebenso eine reichhaltige Familienkorrespondenz, welche Human zum Theil zugänglich gemacht wurde, während eine Sammlung von Briefen fürstlicher Personen, wie Human beklagt, verschwunden ist und neben Briefen von Gelehrten, Kaufleuten, Agenten etc. auch manche andere Zuschrift erhalten war, die ein rücksichtsvoller Mann wohl vernichtet hätte. Das Wichtigste aber wurde, wie ich oben bereits verrieth, in einem verschlossenen Kutschenkasten entdeckt. Diese Papiere, welche über Geburt und Jugendleben eines Leonardus Cornelius van der Valk Aufschluß geben, haben wir ebenfalls bereits erwähnt. In demselben Kasten lagen aber noch neben zwei seidenen Beutelchen voll Goldstücken und Brabanter Thalern dreizehn Briefe einer Dame, Agnés Berthélémy née Daniels aus Le Mans, aus den Jahren 1798 und 1799. Wenn auch in diesen Briefen der Name des Grafen nicht vorkommt, so rechtfertigt doch der Umstand, daß sie in seiner geheimsten Verwahrung gefunden worden sind, die Annahme, daß sie an ihn gerichtet gewesen, und daß aus ihnen Auskunft zu schöpfen sei über Herkunft und Vergangenheit der geheimnißvollen Dame. Und wenn das Gericht in seinen Ediktalien keinen Anstand nahm, auch den aufgefundenen zweiten Namen zur Auffindung der Erben mit zu benutzen, so konnte man eben so gut die 13 Briefe für die Gräfin sprechen lassen. Dies führte zur Ausstellung der schon mehrerwähnten – schauerlichen Hypothese.

Diese Bezeichnung trug eine Schrift, welche dem Verfasser der ersten Veröffentlichung über „Die Geheimnißvollen in Eishausen“, Dr. Karl Kühner (weiland Direktor der Musterschule in Frankfurt a. M.), von befreundeter Hand übergeben und von ihm als Anhang zu der seinigen mitgetheilt wurde. Sie stellt mit Benutzung jener 13 Briefe Folgendes auf.

Aus der Jugendgeschichte des Leonardus Cornelius van der Valk ist bekannt, daß er mit seiner Familie zerfiel, weil dieselbe seine Verehelichung mit einer Deutschen vom Niederrhein (A. Daniels aus Köln) nicht gestattete. Diese wurde die Gemahlin eines französischen Officiers, Berthélémy, und lebte 1798 in den dürftigsten Umständen mit ihrer Tochter in Le Mans, schon seit vier Jahren von ihrem Gemahl getrennt, weil dieser sie im Verdacht hatte, daß ihr Herz einem Andern gehöre, mit dem sie heimlich korrespondire und von dem sie reiche Geschenke annehme. Dieser Andere war unser „Graf“, welcher von Paris aus die geheime Korrespondenz unterhielt. Berthelémy drang auf Ehescheidung; Angès widerstrebt jedoch derselben, weil sie auf Aussöhnung mit ihrem Gemahl hoffte. Van der Valk scheint dagegen auf diese Trennung hingewirkt und sie zur Flucht mit ihm nach Deutschland aufgefordert zu haben. Aus den Briefen geht ferner hervor, daß van der Valk aus Schwermuth entschlossen war, sich in die Einsamkeit zurück zu ziehen; sie beschwört ihn, eine glänzende Verbindung, die sich ihm dargeboten zu haben scheint, einzugehen. Als aber Berthélémy ihre Scheidungsbedingung, ihrer Tochter eine Pension auszusetzen, abschlug, schreibt sie im Herbst 1799, daß sie sich nunmehr gezwungen sehe, sich nach Deutschland, zu ihren Brüdern zu begeben, mit welchen der Graf ebenfalls in Briefverkehr stand. So weit gehen die Briefe, und nun wird weiter gefolgert. In Deutschland scheinen die so lange Getrennten sich wieder gefunden und die Dame, ohne gesetzliche Scheidung von Berthélémy, ihr Los mit dem ihres Wohlthäters für immer verbunden zu haben. Da aber in Ingelfingen und Hildburghausen nur eine jugendliche Dame von 15 bis höchstens 18 Jahre unter der Verhüllung erscheint, so hat die Mutter offenbar ihre Tochter dem Schutz des Grafen anvertraut, und sie ist’s, die man in Ingelfingen oft so bitterlich weinen hörte, die früher ihre Mutter oft mit Fragen bestürmte, wer ihr Wohlthäter sei, und der ihr leicht möglich als ein Bourbone bezeichnet wurde, welcher um ihretwillen die glänzende Welt verlassen habe. Daher wohl der Brief an den lieben Ludwig und die große Dankbarkeit für den „Herrn“. Nachdem endlich in Eishaufen eine sichere Stätte gefunden war, kann auch die Mutter Angès sich eingestellt haben, und dann hatten der Chausséewärter und die Anderen, welche stets behaupteten, zwei Damen, abwechselnd eine junge und alte, im Wagen des Grafen gesehen zu haben, ja doch Recht. Die Frage, warum aber Niemand die ältere Dame ankommen und abreisen sah und wohin sie schließlich wohl verschwunden sei, ist müßig, denn zur Nachtzeit war jeder Ein- und Ausgang der Schloßbewohner ohne Aufsehen möglich, und was im Schlosse geschah, war das Geheimniß von nur drei Menschen, dem alten Squarre, der Köchin und der Botin, – und alle drei hatten Schweres zu verschweigen, das bewies ihr Ende.

Durch diese Hypothese werden manche hingeworfene Aeußerungen des Grafen und Aussagen der Dienerschaft erklärt. Zunächst kann die Dame von ihrer Mutter so viel Deutsch gelernt haben, um mit den Dienstboten (und auch mit den Landleuten in der ersten Eishäuser Zeit) sprechen und den Brief von 1808 schreiben zu können. Ferner ist’s richtig, wenn der Graf sie „eine arme Waise“ nennt und zu Hohnbaum sagt, daß seine Verbindung mit ihr etwas Romantisches, einer Entführung Aehnliches gehabt habe. Erklärlich wird nun auch seine fortwährende Angst vor Verfolgung und Entdeckung, denn durch seine Agenten wußte er, daß Berthélémy den Entflohenen nachspüre, und bei den vielen französischen Truppendurchzügen gerade auf den Heerstraßen durch Thüringen und Franken lag die Gefahr der Entdeckung nahe. Auch Augereau’s Korpf zog diese Straße, und später gestand der Graf: „Damals war ein Mann hier, der, wenn er mich gesehen hätte, mein Schicksal entschieden haben würde.“ – Eben deßhalb der andere Name, als den er in Frankreich geführt hatte; eben deßhalb die Sorge, keine Zeile seiner Handschrift in und um seinen damaligen Wohnsitz in andere Hände kommen zu lassen; eben deßhalb die stete Fluchtbereitschaft, denn daß gerade diejenigen Papiere, welche über seine Person und sein Verhältnis zu Berthélémy’s Frau und Tochter den alleinigen Aufschluß geben, zugleich mit dem nöthigsten Reisegeld im Chaisekasten aufbewahrt werden, läßt sicherlich diese Deutung zu.

In ähnlicher Weise werden die 13 Briefe in zwei Artikeln des „Nürnberger Korrespondenten“ und von O. Müller in Saalfeld benutzt. Und schließlich stellt sich doch all diese Bemühung als eine vergebliche heraus. Human berichtet uns „nach einer weitverzweigten Korrespondenz und aus zuverlässigster Quelle“ als Thatsache, daß die jüngere Berthélémy in Rheinbayern verheirathet gewesen und vor 18 Jahren gestorben sei und nie von ihrer Mutter getrennt gelebt habe. Ob nicht die Bestätigung dieser Nachricht noch heute aus der Rheinpfalz zu erwarten sein sollte?

Gegen die ganze Hypothese spricht vor Allem Eines: Wie ist’s möglich, daß der Mann, welcher in einem Augenblick, der für ihn verhängnißvoll werden konnte, den Ausspruch thut: „Keine Macht der Welt soll mir mein Geheimniß entreißen, ich nehme es mit ins Grab!“ gerade diejenigen Briefe, welche „die steten Ankläger während seines Lebens und die Verräther nach seinem Tode“ sein mußten, nicht nur nicht vernichtet, sondern sogar auf das Sicherste und so aufbewahrt, daß ihre Auffindung die größte Aufmerksamkeit auf sie lenken muß? Ist nach vierzigjährigem Kampfe mit sich und der Welt um die Bewahrung seines Geheimnisses eine solche Preisgebung desselben denkbar?

Es ist aber nicht allein die Schuld des Geheimnißvollen an sich, das den Grafen nicht von der Hülle des Unheimlichen für unser Auge befreien läßt, sondern die Widersprüche, die offenbaren Unwahrheiten, die nach seinem Tode zu Tage kamen, riefen Hypothesen ins Leben, die wir erst recht als schauerlich bezeichnen können.

Der Zweifel, ob der Geheimnißvolle Vavel de Versay oder van der Valk gewesen oder Keiner von Beiden, mußte wachgerufen werden, als – in Folge des gerichtlichen Aufrufs nach den Erben unter Angabe beider Namen – ein Advokat Dr. Martini aus Amsterdam mit einem Notar Schiefbaan aus dem Haag als Vertreter der van der Valks schon am 15. September 1845 (der Termin war auf den 30. Juni 1846 festgesetzt!) in Hildburghausen eintraf und die Erklärung abgab: „Der Graf habe seinen Verwandten mitgetheilt, Vavel de Versay sei sein bester Freund, an ihn möchten sie seine Briefe richten, dann werde er sie sicher empfangen.“ Ja, noch mehr: „Versay habe ihm gegen eine gewisse Verpflichtung auf Ehrenwort sein ganzes Vermögen vermacht.“

Und der Mann treibt die Ausbeutung dieser Freundschaft so weit, daß er selbst den Namen des Freundes sein ganzes Leben lang führt? Wo aber hätte der wirkliche Vavel gelebt? Wohin ist sein Vermögen gekommen? Hat der Graf die Renten dieses Vermögens bezogen und zugleich als ein van der Valk die aus dem Familienvermögen?

Wie nahe liegt da her Verdacht, daß der Mann, den wir in Ingelfingen und später in Hildburghausen mit der verschleierten Dame sehen, gar nicht der Pariser Diplomat van der Valk, sondern wirklich ein Baron oder Graf Vavel war, der sich des ganzen Nachlasses des in Paris gestorbenen van der Valk’s bemächtigt, aus den Briefen die Familien-Verhältnisse und -Mitglieder aufs Genaueste kennen gelernt, des Todten [339] Handschrift nachgemacht und nun ein Menschenalter die Rolle des Verwandten fortgespielt und seine Einkünfte von dort bezogen habe?

Kein Auge dieser Verwandten hat ihn je wieder gesehen, sie kannten seinen Aufenthaltsort nicht, da er seine Briefe stets nur von „Neustadt“ datirte. Briefe und Geldsendungen an ihn mußten an den Herrn Vavel de Versay an verschiedene Orte gerichtet werden, wo er jedenfalls gut bezahlte Agenten hatte, welche, oft auch noch nach mancher Zickzackreise der Sendungen, schließlich die richtige Ortsangabe benutzten, so daß diese bald über die Koburger, bald über die Hildburghäuser Post nach Eishausen gelangten. Auch diese Vorsicht rechtfertigt den Verdacht, daß der Mann nicht auf geraden Wegen ging.

Ja, es wird sogar die Frage aufgeworfen, ob dieser „Graf“ nicht etwa Keiner von den beiden Genannten, sondern ein Abenteurer der Revolution war, der sich vielleicht mit Hilfe der Guillotine des Einen oder Andern oder Beider entledigt, die Dokumente, Pässe, Briefe derselben an sich gebracht und dann mit Angès oder Sophie, als seiner Mitschuldigen, in Deutschland die sichere Stätte gesucht und, zu seinem eigenen Schutze, die Dame als ein politisches Geheimniß vorgeschoben habe. Vergeblich drückte die Gewissenslast nicht so schwer auf den Herzen der wenigen Eingeweihten im Schloß.

Möchte ich auch nach dieser Richtung die Hypothesen nicht so weit treiben, so verschuldete der Graf es doch selbst durch die Beispiele von offenbarer Unwahrhaftigkeit, wenn man zu noch schlimmerem Verdachte verleitet wird. So äußerte der Graf nach dem Tode der „Lebensgefährtin“: „Ich habe immer wie mit religiöser Scheu ihre vielen Kommoden betrachtet, nie sie berührt; ich wußte nicht, wie viel schöne, ihr aufgedrungene Sachen sie enthielten“ – Das scheut sich nicht der Mann auszusprechen, welcher jeden Athemzug des armen Weibes bewachte, ohne dessen Wissen und Willen die Thür des Schlosses sich niemals öffnen durfte; der Mann, welcher die sechsundzwanzigjährige Treue seiner alten Köchin für Nichts achtete, sie mit Verbannung aus den Räumen, wo sie Lebensglück und Gesundheit eingebüßt, bestrafte, weil sie ihren Sohn, ehe er nach Amerika ging, noch einmal sehen wollte und zum Abschied ihn heimlich ins Schloß ließ; der Mann, der mit solcher Grausamkeit gegen die Treuesten verfahren konnte, wenn sie nur im Entferntesten sein Geheimniß gefährdeten, soll der Hauptperson dieses Geheimnisses den Empfang von Geschenken gestatten, die er nicht kennt, ihr, die mit keiner Seele, als ihm, umgehen darf, die keine Verbindung außer dem Schlosse haben kann, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie alle Jahre nur einen Brief schreibt, den zu seinem Geburtstage!

Wer sich nicht scheut, eine solche Unwahrheit auszusprechen, dem kann man auch größere Leistungen darin zutrauen. Und wir finden sie in der Versicherung, die er in seiner letzten Stunde seinen Dienern mit den Worten gab, daß für sie Alle gesorgt sei, daß eine Dame kommen werde (Franziska nannte er sie), die seinen letzten Willen erfüllen werde, – da sein einziger männlicher Verwandter verunglückt sei. Statt der Dame kamen einige Herren, und zwar van der Valks, von einem Vavel de Versay und seinem Vermögen ist nirgends mehr die Rede, – und die Valks tragen die Erbschaft fort, indeß die armen, lebenslang getreuen Diener, die zum Theil ihre Gesundheit in dem harten Dienst emgebüßt haben, armselig genug abgespeist werden.

Solchen Möglichkeiten gegenüber darf man wohl noch eine Frage aufwerfen. Muß den Wächter seines Geheimnisses nicht unaufhörlich ein Gedanke gepeinigt haben, und zwar der: „Was wird aus dem Geheimniß, wenn er vor der Dame stirbt? – Wir wissen, daß er einmal der alten Köchin sagte: „Wenn ich sterbe, so nehmen Sie sich dieser Dame an.“ Aber was sollte diese Empfehlung bedeuten, welche Stütze sollte die Dienerin der Herrin sein ohne eine testamentarische Bestimmung? Eine solche fand sich aber später nicht vor. Wir wissen ferner, wie er es mit der Krankenpflege hielt. Für sich berief er stets Aerzte, wie denn zuletzt Dr. Knopf als solcher genannt wird, den todkranken Squarre durfte Hohnbaum nur einmal – und nur auf kurze Zeit – besuchen, „weil der gnädige Herr darin so wunderlich sei,“ klagte der Arme. Zum Schluß übte an ihm, wie an den Dienerinnen und der Gräfin immer der Graf allein als medicinischer Dilettant seine fraglichen Kuren. War das nicht ein frevelhaftes Spiel mit dem besten Gute des Menschen, seiner Gesundheit? Wäre nicht die, wie er seiner Korrespondentin selbst gesteht, schwer erkrankte Dame durch die Hilfe eines der ausgezeichneten Aerzte, die der Graf ja stets für sich berief, zu retten gewesen? Es verleitet zu einer Hypothese, die auch mir zu schauerlich ist, aber doch ist bei dem ja durchaus aufs Ungewöhnliche, Unheimliche gegründeten Treiben in dem Schloß und in der Seele dieses Mannes auch die Frage zu wagen: Hat wirklich der Graf am Fenster das Zeichen der in rauher Spätherbstzeit im Garten Wandelnden nicht gesehen? Das Weitere mag ich nicht aussprechen. Auch ich möchte in dem Einsiedler von Eishausen nicht einen gemeinen Verbrecher erkennen müssen. Aber es ist der Fluch eines solchen Geheimnisses, daß es so schwere Gedanken aufkommen läßt.

Wir müssen uns schließlich zu der Ansicht bekennen, daß der ganze Nachlaß des Grafen nur zu den diplomatischen Mitteln gehörte, welche das Auge etwaiger Nachforscher von der richtigen Spur ablenken sollten, und werden, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, auf den Weg hingewiesen, welcher zu den Nachtseiten der Throne führt.

Human geht bei der historischen Beleuchtung dieses Geheimnißdunkels mit einer Gründlichkeit zu Wege, welcher wir hier nicht nacheifern können. Wir bitten diejenigen unserer Leser, deren Theilnahme für das Opfer dieses Geheimnisses wir erweckt haben, die betreffenden Abschnitte des Human’schen Buches (II, Theil, S. 71 bis 131) zu lesen und auch dem Kapitel „Beziehungen des Grafen zu fürstlichen Häusern“ (II., S. 46) und dem höchst wichtigen Abschnitt „Zweifel und Verdacht“ (I., S. 113), den ich auch nur im Vorbeigehen benutzen konnte, ihre Aufmerksamkeit zu schenken; wir müssen uns nunmehr darauf beschränken, auf die Gestalten hinzuweisen, in welchen wir das traurige Bild der armen Gräfin vom geheimnißvollen Grab wiedererkennen sollen.

Als Erste erscheint die schon von dem Knaben in Ingelfingen erkannte Prinzessin Maria Therese Charlotte, Ludwig’s XVI. ältere Tochter, die allerdings dort als „Herzogin von-Angouléme’ bezeichnet war. Dies durfte sie selbst nicht geworden sein, wenn das schwere Los auf sie fallen sollte. Man hat die Möglichkeit so aufgestellt: Die Prinzessin ist am 19. December 1778 im Schloß zu Versailles geboren und wurde am 10. August 1792 mit ihren Eltern, ihrer Tante Prinzessin Elisabeth und ihrem Bruder Ludwig Karl als Gefangene der Nation in den Tempelthurm gebracht. Hier ward gegen das Ende ihrer Gefangenschaft ihr manchmal gestattet, Damen zu empfangen, und diese Gelegenheit soll benutzt worden sein zur Befreiung und Flucht der Königstochter, während eine ihr sehr ähnliche Prinzessin Bourbon Condé oder Conti für sie im Gefängniß zurückblieb. Die Befreite fand in einem Kloster sichere Unterkunft; als aber am 18. December 1795 in Folge von Auswechselung gegen mehrere Deputirte die Gefangene aus dem Tempel befreit und in Wien mit königlichen Ehren empfangen worden war, spielte diese die Rolle als Tochter Ludwig’s XVI. fort, vermählte sich in Mitau, wo sie im Palast der ehemaligen Herzöge von Kurland ein Asyl vom Kaiser Paul I. angewiesen erhalten, 1799 mit dem Herzog Ludwig Anton von Angoulême und starb am 19. Oktober 1851 auf dem Schloß zu Frohsdorf. Die wirkliche Maria Therese Charlotte aber ward, um den längst die Bourbonen verfolgenden Familienzwist nicht neu zu schüren, vielleicht durch Talleyrand’s intriguante Mitthätigkeit, dem Diplomaten van der Valk anvertraut, der sie fortan vor dem Auge der Welt zu verbergen hatte und der diese Verpflichtung übernahm aus Treue gegen die Bourbonen. So stände der Graf selbst als Opfer einer politischen Großthat da und die unglückliche Königstochter wäre aus einer Klausur in die andere gekommen, aus dem Kloster in das lange Einsiedlerleben von Eishausen.

Andere Spuren führen auf eine Tochter des Herzogs von Enghien und der Prinzessin Charlotte Rohan-Rochefort. Der Versuch, in das Schloß zu Eishausen ein Nachspiel zu dem Trauerspiel von Vincennes zu verlegen, ist in den Romanen von L. Bechstein und G. Hesekil gemacht worden.

Als die dritte Gestalt in dieser unheimlichen Reihe erscheint Stephanie Louise de Bourbon Conti. Sie soll den wunderbaren Gang ihres eigenen Schicksals in „Mémoires historiques“ (Paris, Floréal Jahr VI) niedergelegt haben, und Goethe entnahm denselben den Stoff zu seinem Drama „Die natürliche Tochter“. Die Darlegung Human’s, daß diese „Geheimnißvolle“ ihr Schicksal in Eishausen beschlossen haben könne, läßt die historische Wahrscheinlichkeit sehr vermissen.

Aber noch ein viertes mögliches Opfer des Geheimnisses glaubte Human nicht unerwähnt lassen zu dürfen: Ludwig’s XVI. zweite Tochter Sophie Helene Beatrice. Geboren am 9. Juli 1786, wäre sie 1804 in Ingelfingen 18, 1810 in Eishausen 24 und bei ihrem Tode 51 Jahre alt gewesen, Altersangaben, die gewiß viel für sich haben. Allein – diese Prinzessin soll ja im zarten Alter von elf Monaten gestorben sein, und in den Memoiren des Marquis de Parey werden ausdrücklich der trauernden Mutter, auf den versuchten Trost ihrer Damen, die Worte in den Mund gelegt: „Sie vergessen, daß sie mir eine Freundin gewesen sein würde.“ Warum man der Königin dieses Kind hätte entreißen sollen und wo es geblieben sein könnte, bis es in die Obhut unseres Bourbonenfreundes gekommen sein sollte – darüber schweigt die Tradition.

Seltsamer Weise brachte schon 1824 oder 1825 der „Moniteur“ die mysteriöse Notiz: „man habe in einem verborgenen Winkel von Thüringen die Spur einer längst verschwundenen französischen Prinzessin entdeckt, möge aber wohl Gründe haben, diese Spur nicht zu verfolgen.“

Wir haben gesehen, daß es an der Verfolgung dieser Spur nicht gefehlt hat, aber wir stehen hier am Ende doch nur vor dem Geständniß: wir wissen noch immer nichts.

Der Fortschritt dieses Jahrhunderts hat so Vieles gewirkt, er hat auch Archive an das Tageslicht gezogen, die früher dem Forscher hermetisch verschlossen waren – nur über dieses Geheimniß ergoß er kein Licht. Man hat, mit menschlicher Gefühlsweise, geglaubt, in den vielen Räumen des Eishäuser Schlosses könne doch wohl irgend Etwas sich verborgen finden, das zur Enthüllung der peinigenden Dunkelheit des hier vollendeten Schicksals einen Fingerzeig biete – auch das war vergeblich. Das Schloß ist niedergerissen und beim Einlegen der Dächer und Wände, beim Aufreißen der Böden und Keller auf das Eifrigste durchsucht worden – aber das Haus blieb stumm. Nichts ist von den Geheimnißvollen noch sichtbar, als ihre Gräber. Aber – diese Steine reden noch, sie reden noch heute mit aller Macht und allem Zauber des Geheimnisses.

Und so schließen wir auch diese Erinnerungen an die Opfer dieses Geheimnisses mit dem Wunsch und der Hoffnung, daß es jetzt, wo gewiß viele Rücksichten mit den Personen, denen man sie schuldig war, verschwunden sein mögen, der „Gartenlaube“ vielleicht doch gelinge, an Herzen zu pochen, welche endlich der Wahrheit und dem Recht die Ehre zu geben geneigt sind. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß neue Aufschlüsse über die Geheimnißvollen noch gegeben werden können. So sollen sich z. B. in Frankfurt am Main Papiere und Briefe befinden, die sich auf den Grafen beziehen. Möchten diese und vielleicht noch andere Schriftstücke, von deren Existenz wir nichts wissen, bald der Oeffentlichkeit übergeben werden. Denn gerade der Hinblick auf das arme weibliche Opfer dieses finsteren Trauerspiels muß uns immer und immer wieder zu dem Worte drängen, das ich vor zwanzig Jahren ausgesprochen: Zu beklagen wäre es, wenn die Hülle von einer offenbaren Unthat ungehoben bliebe. Ist das arme Wesen um sein Leben betrogen worden, hat es abgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft sterben müssen und liegt nun so einsam auf dem Stadtberg von Hildburghausen begraben, was wäre dann gerechter, als daß ihm wenigstens das Andenken der Nachwelt gerettet und das an ihm begangene Verbrechen von der Geschichte gerichtet würde! –

  1. Vgl. „Gartenlaube“ 1863, S. 294, und 1874, S. 454.