Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am 2. Pfingsttage 1836 (Apg. 8, 26–39)

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« Am heiligen Pfingstfest Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Inhalt
Am 2. Pfingsttage 1836 (Ps. 107, 1–7) »
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Am 2. Pfingsttage.
(Bertholdsdorf 1836.)


Apg. 8, 26–39. Aber der Engel des HErrn redete zu Philippus und sprach: Stehe auf und gehe gegen Mittag auf die Straße, die von Jerusalem gehet hinab gen Gaza, die da wüste ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Mohrenland, ein Kämmerer und Gewaltiger der Königin Candaces in Mohrenland, welcher war über alle Schatzkammern, der war gekommen gen Jerusalem, anzubeten, und zog wieder heim, und saß auf seinem Wagen, und las den Propheten Jesaias. Der Geist aber sprach zu Philippus: Gehe hinzu und mache dich bei diesen Wagen. Da lief Philippus hinzu und hörte, daß er den Propheten Jesaias las, und sprach: Verstehest du auch, was du liesest? Er aber sprach: Wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet? Und er ermahnte Philippus, daß er aufträte und setzte sich bei ihn. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: ER ist wie ein Schaf zur Schlachtung geführt, und still wie ein Lamm vor seinem Scherer, also hat ER nicht aufgethan Seinen Mund. In Seiner Niedrigkeit ist Sein Gericht erhaben, wer wird aber Seines Lebens Länge ausreden? Denn Sein Leben ist von der Erde weggenommen. Da antwortete der Kämmerer Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst, oder von jemand anders? Philippus aber that seinen Mund auf, und fing von dieser Schrift an, und predigte ihm das Evangelium von JEsu. Und als sie zogen der Straße nach, kamen sie an ein Wasser; und der Kämmerer sprach: Siehe, da ist Wasser, was hindert es, daß ich mich taufen lasse? Philippus aber sprach: Glaubest du von ganzem Herzen, so mag es wohl sein. Er antwortete und sprach: Ich glaube, daß JEsus Christus Gottes Sohn ist. Und er hieß den Wagen halten, und stiegen hinab in das Wasser, beide, Philippus und der Kämmerer; und er taufte ihn. Da sie aber heraufstiegen| aus dem Wasser, rückte der Geist des HErrn Philippus hinweg, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr, er zog aber seine Straße fröhlich.
 In Afrika liegt ein Land mit Namen Ägypten, und unterhalb dieses Landes lag Äthiopien, welches zum Teil selbst zu Ägypten gerechnet wurde. In diesem Lande Äthiopien war ein Teil, genannt Meroë, und dieses Meroë war von Königinnen beherrscht, die alle den Namen Candace führten, so wie alle ägyptischen Könige Pharao hießen, und unsere Könige Majestät. Diese Äthiopier hatten vieles, was mit der Lebensweise der Juden übereinstimmte, als z. B. die Beschneidung, und die Könige anderer unter dem Namen Äthiopien begriffenen Völker rühmten sich sogar, von Salomo durch jene Königin, die ihn besucht hatte, abzustammen. Es war darum kein Wunder, wenn die Königin Candace, welche zur Zeit der Apostel lebte, unter ihren Hofbedienten entweder geborene Juden oder doch solche Leute hatte, welche Juden geworden waren, welche deshalb an dem Tempel zu Jerusalem hingen und zuweilen die schönen Gottesdienste des HErrn auch aus fernen Landen besuchten. Ein solcher nun ist der Mann gewesen, von welchem unser Evangelium handelt. Er war von Meroë nach Jerusalem zum Pfingstfest gekommen, und nachdem er die üblichen Opfer gebracht hatte und seine Anbetung vollendet, ging er wieder heim. Während er sich nun zur Heimreise anschickte, gedachte sein der barmherzige Gott, von welchem Jesaias (56, 4. 5) weissagt: „So spricht der HErr zu den Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten und erwählen, was Mir wohlgefällt, und Meinen Bund fest fassen: Ich will ihnen in Meinem Hause und in Meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen geben, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will Ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“ ER gedachte seiner, und was er auf der Reise nach Jerusalem und in Jerusalem weder gesucht noch gefunden hatte, das sollte ihm auf dem Heimwege begegnen, auf dem Heimwege nämlich sollte er den Messias finden, der den Seelen allein Ruhe giebt, auf welchen| aller alttestamentliche Gottes- und Festdienst hingewiesen hatte. Da sollte das Gleichnis in Erfüllung gehen, welches unser HErr erzählt, daß einst ein Mann seinen Acker umgrub, um Früchte zu gewinnen, und da er also emsig bemüht war, fand er, was er nicht gesucht hatte – einen Schatz. So dieser Kämmerer. Er suchte in Jerusalem Gottesdienste, und auf dem Heimwege fand er Gott. – So ging es auch Martin Luther. Er ging nach Rom, der Mönche Angelegenheiten zu ordnen, und fand hernach mitten im Orte der Greuel den Frieden Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, ja den Friedefürsten Christus selbst. Da heißt es: „Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig!“ Da heißt es: „Rennen und Laufen hilft nicht zum Ziel, aber der HErr spricht: Hier bin Ich, hier bin Ich!“
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 Ehe noch der Kämmerer von Jerusalem wegfuhr, sorgte der HErr in Seinem Himmelreich schon für dessen ewiges Heil, auf daß Sein heiliger Name durch diesen Kämmerer in weiten Landen gepriesen würde. ER sandte nämlich zu jenem Diakonus Philippus, auf welchen, wie wir aus dem 8. Kapitel der Apostelgeschichte schließen müssen, der Geist des Diakonus Stephanus zweifach gefallen war, und welcher sich eben in einer Stadt von Samaria zum Heile vieler Seelen aufhielt, zu diesem sandte ER einen Engel, welcher zu ihm sprechen mußte: „Stehe auf und gehe gegen Mittag auf die Straße, die von Jerusalem geht hinab gen Gaza, die da wüste ist. Und Philippus,“ heißt es, „stand auf und ging hin.“ – Liebe Brüder, erkennt hier abermals die Freundlichkeit der heiligen Engel, und wie gern sie sich gebrauchen lassen zum Dienste derer, welche die Seligkeit ererben sollen. Ihre Bemühungen beweisen es, daß sie keine größere Freude haben, als wenn ein Sünder sich zur Buße kehrt. Erkennet aber auch ferner, wie teuer und wert das Amt der Lehrer bei dem HErrn geachtet ist. Wohl hätte ER dem Kämmerer durch Seinen heiligen Engel das Evangelium predigen lassen können, aber nein, nicht Engel sollen Prediger Seines Evangeliums sein, sondern Menschen, die es selbst an sich erfahren, sie werden von Engeln zur Predigt geleitet, durch ihr Wort wirkt| der Geist des HErrn und sammelt sich Seine Gemeinde. Erkennet, wie thöricht der Wunsch ist, Engel reden zu hören, wie eitel der Wahn, daß man eher gläubig würde, wenn nicht sündige Menschen, sondern Engel predigten. Erkennet des HErrn Wege, welcher, auch wo ER Menschen sendet, erhaben ist über die Erde mehr, als der Himmel über die Erde erhaben ist. Erkennet aber auch endlich den Gehorsam des heiligen Diakonus Philippus. Es wird ihm nicht gesagt, was es auf der Straße von Gaza zu thun geben würde, er hatte sein Geschäft in seiner Heimat, das forderte seine Gegenwart. Er hätte sich weigern können, Wege zu gehen, auf denen er irdisch zu Schaden kommen mußte, aber er thut’s nicht, denn er ist ein Christ. Christen aber haben keinen andern Willen, als nur, Gottes Willen zu thun, und wenn des HErrn Wille ihrem Willen zuwider läuft, ihren Willen tötet, so erkennen sie es mit Dank! – O HErr, gieb uns Deinen Geist, daß wir Christen und gehorsam seien in unsern Wegen!
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 Also der Diakon, vom Engel gesandt, eilt, an Ort und Stelle zu kommen. Er weiß, er geht in des HErrn Geschäften, er überwindet Berg und Thal, er hält sich unterwegs nicht auf und sieht niemand an, predigt auch niemandem, seine ganze Sehnsucht und Kraft eilt auf die Straße hin, die von Jerusalem nach Gaza führt. Endlich kommt er hin und betritt sie, siehe, da rollt ein Wagen daher. Der Wagen ist prächtig, die Rosse stolz, aber der drauf sitzt mit schwarzem Angesicht, denn er ist aus dem Lande, wo die Sonne heißer brennt, der da sitzt, so vornehm er aussieht, er hat ein einfaches, einladendes Wesen, es ist der Schatzmeister der Königin, der Candace von Meroë. Der war auf dem Feste, und nun kehrt er wieder heim. Und horch, er kommt näher, er hat in seiner Hand eine Buchrolle und liest mit lauter Stimme. Philippus horcht und hört ihn lesen, jene hochberühmte Stelle aus dem 53. Kapitel Jesaias war’s, wo es heißt: „ER ist wie ein Schaf zur Schlachtung geführt und still wie ein Lamm vor seinem Scherer, also hat ER nicht aufgethan seinen Mund. In Seiner Niedrigkeit ist Sein Gericht erhaben, wer wird aber Seines Lebens Länge ausreden? Denn Sein| Leben ist von der Erde weggenommen.“ Während Philippus den Kämmerer so lesen hörte, empfing er vom heiligen Geiste die Weisung: „Gehe hinzu und mache dich bei diesen Wagen!“ Ehe Philippus die Weisung erhielt, nahte er dem Wagen nicht, obwohl er eine Ahnung gehabt haben kann, daß dieser Mann auf dem Wagen die Ursache seiner Reise war. Ohne des HErrn Befehl und Weisung thut er nichts, auf Seine Weisung thut er gern alles.
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 Seht, liebe Brüder, wie wohl dieser vornehme Mohr seine Zeit auf der Reise anwendet, er liest in Gottes Wort. Sein Stand hätte ihn zu leichtfertigen Gesprächen mit seinen Begleitern und Dienern wohl verleiten können, umsomehr, da sie zu Wagen nicht gut lesen konnten, oder er hätte seine Gedanken ausruhen oder ihnen auch Audienz geben können. Denn so wenden viele ihre einsamen Stunden, namentlich wenn sie auf dem Wege sind, an. Von alledem nichts, er liest Gottes Wort. – Bei uns, wenn einer nur ein wenig vornehm ist oder sein will, so hat er nicht viel mit der Bibel zu thun, denn es ist das Zeichen eines vornehmen Mannes geworden, wenn man nichts aus der Bibel weiß. Da ich einmal einen armen, unwissenden Katholiken aus dem Lande Böhmen fragte, ob denn seine Landsleute keine Bücher hätten, antwortete er: „Etliche haben von alters her Bücher, auf denen steht: Bibel, das ist, das ganze Alte und Neue Testament unseres HErrn und Heilandes JEsu Christi.“ Er wußte nicht, daß die Bibel ein weltbekanntes, berühmtes Buch sei. – Wenn’s so weit ein Vornehmer bei uns gebracht hat, dann denkt er: „Ach, wie tief in Weisheit muß ich sitzen, da ich gar nicht mehr weiß, was die ganze Welt weiß.“ Andere, die auch vornehm sein wollen, lesen zwar in der Bibel, aber nur in ihren Häusern, und wenn etwa ein Besuch sie überrascht, so wird Gottes Wort eilends weggeräumt, als wäre es gestohlen. Denn es wäre eine Schande, wenn es jemand sähe, daß sie noch in der Bibel lesen, in der kein Aufgeklärter mehr liest. Wieder andere lesen zwar in ihren Häusern, aber auf Reisen, das thun nach ihren Ansichten nur Heuchler und Pietisten. Und es ist wahr, viele, die auf allen Straßen| und an allen Ecken die Bibel aufschlagen, sind Heuchler und Pietisten; deswegen aber mußt du nur schließen: Ein Heuchler und Pietist will ich nicht sein, aber ich will mich auch durch so einen elenden Vorwurf nicht hindern lassen, Gottes Wort zu treiben, wenn ich auf dem Wege bin. So ist der Kämmerer, er ist und liest einfältig in seiner Bibel. Das sieht der HErr von oben her, ehe er’s thut, und sein Bibellesen muß ihm gesegnet werden, und es heißt im Himmel vor Gottes Thron: „Ich habe dein Reisen zu Herzen genommen!“ Welch ein Segen auf diesem Bibellesen des Kämmerers lag, springt in die Augen. – Liebe Brüder, ich wünsche von Herzen, daß ihr in der Bibel leset, wie der Kämmerer, und daß ihr Gottes Wort treibet daheim und auf dem Wege; ich wünsche auch, daß es euch so gesegnet werden möge, wie dem Kämmerer. Soll aber das sein, so ist es nicht gut, daß ihr die Bibel leset, wie ihr sie nur aufschlaget, oder wie sie euch in die Hände fällt, sondern ihr müßt, wie der Kämmerer, vor allen Dingen das lesen, was zur Seligkeit unumgänglich nötig ist. Der Kämmerer las eine Stelle, welche von Christo handelt, und zwar von Seinem Leiden und Sterben und von Seiner Verherrlichung, von Seinem Unterliegen und von Seinem Siegen, von Seinem Reiche, welches ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist. Solche Stellen und Bücher müßt auch ihr zuerst lesen, Stellen wie dies 53. Kapitel Jesaias, wie Ps. 22, wie die Leidensgeschichte nach den vier Evangelisten etc., darin liegt zunächst aufgehoben, was unsere Seelen selig machen kann. – Ich kannte einen Mann, welcher ein Feind des Evangeliums war, aber öfters gute Rührungen des heiligen Geistes hatte. In einer solchen Rührung nahm er sich einst vor, er wollte das Bibellesen anfangen, und das war ein guter Entschluß, aber womit fing er an? Mit der Offenbarung Johannis, welche zu des HErrn Ehre geschrieben ist, aber nicht von jedermann notwendig gelesen werden muß, welche zu verstehen wenigen und insonderheit den letzten Tagen, den Tagen der Vollendung aufgehoben ist. Weil ihm das nun alles wider die Vernunft zu laufen schien, so ließ er’s liegen, gab das Bibellesen wieder auf und schmähte die| Bibel. Hätte der gelesen, was zur Seligkeit notwendig war und ist, hätte er z. B. Röm. 1–3 gelesen, so würde er, wenn auch nicht verstanden, doch aber geahnt haben, daß ein seliges Verständnis dahinter sei, so würde er fortgefahren haben, so würde der HErr seine Treue im Lesen angesehen haben, und ihm würden erleuchtete Augen des Verständnisses geschenkt worden sein, Gottes Lehre zu verstehen.

 So war es beim Kämmerer, aber bei ihm erscheint noch mancher andere Umstand, welcher sein Lesen gesegnet machen mußte. Er las, und Philippus lief nun auf Befehl des heiligen Geistes hinan und fragte, obwohl ein armer Mann, den vornehmen Herrn freundlich und treumeinend: „Verstehst du auch, was du liesest?“ Der Kämmerer antwortete: „Wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet?“ und ermahnte ihn, in seinen Wagen zu steigen. Philippus stieg schweigend ein und wartete, nachdem er des Geistes Befehl, sich zum Wagen zu machen, vollendet hatte, das Weitere ab. Der Kämmerer aber ließ ihn nicht lange warten, sondern alsbald wandte er sich zu Philippus, gegen welchen die göttliche Gnade ihm das Herz aufgethan hatte, und sprach: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst oder von jemand anders?“

 Liebe Brüder! Wenn ein vornehmer Herr dahergefahren käme auf der Straße von Veitsaurach hierher und läse in der Bibel, und ich armer Diener Christi wollte mich bei seinen Wagen machen, obwohl auf des Geistes Befehl, des Amt ich trage, und ihn fragen: „Verstehst du auch, was du liesest?“ meint ihr, der würde auch antworten, wie der Kämmerer: „Nein, ich verstehe es nicht, aber es leitet mich auch niemand an“? Meint ihr, er würde mich auch auf seinem Wagen sitzen lassen, ohne sich meiner zu schämen? Ich meine es nicht! Solche Demut ist nicht in dieser Welt, am wenigsten bei den Hohen und Herrlichen dieser Erde. Bei uns meint einer über alle Dinge nicht nur selbst genug Bescheid zu wissen, sondern noch obendrein andere belehren zu können, wenn er von hohem Stande ist und über andere gesetzt. Wenn einer zu befehlen hat, glaubt er die ganze Weisheit der| Bibel nur so weggeschmeckt zu haben, wenn er auch eine Bibel nur einmal gesehen und keinmal in dem dicken Buch gelesen hätte. Es ist natürlich, daß einer nicht weiß, was er nicht gelernt hat, aber jetzt haben die Leute einen unnatürlichen Stolz durch des Teufels Gnade, daß sie nichts lernen und doch alles wissen wollen. Es ist aber nicht allein bei den Vornehmen so, sondern auch bei den Bauern. Darum muß, wer in der Bibel etwas lernen soll, fein demütig sein und auch noch ein Schüler sein wollen. Demut studiert gut, und die Unmündigen sind es, über denen Christus den Lobgesang (Matth. 11) singt: „Ich preise Dich, Vater und HErr Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbart.“
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 Ferner, Brüder, sehet nur, wie heilsbegierig ein Kämmerer von Mohrenland ist, wie sehnt er sich, die Schrift zu wissen. Ich will wohl wetten, die Heilsbegier hat ihn so demütig gemacht, daß er den Philippus, den armen Bettler, auf seinem Wagen sitzen läßt und sich nicht schämt, ihn zu fragen und von ihm zu lernen. Bei uns sind ja die Bauern nicht so heilsbegierig, als dieser vornehme Herr zu der Apostel Zeit. Er war nach Jerusalem gefahren von Äthiopien, um seiner Seelen Seligkeit zu lernen und Gottes Wort zu suchen, und fährt heim und liest in Gottes Wort, und fragt voll Verlangen: „Sage mir, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst oder von jemand anders?“ Bei uns braucht man nicht nach Jerusalem zu fahren, um Gottes Wort zu bekommen. Ihr habt’s nahe, eine Stunde, eine halbe Stunde, eine viertel Stunde ist nötig, so könnt ihr Gottes Wort hören. Aber ihr möget nicht, ihr wollet’s auch euren Kindern teilweise nicht gönnen, sondern hättet lieber, daß sie das Vieh hüten und die Kühe warten, als daß sie in der Schule und Kirche bei Gottes Wort sitzen. Ihr redet euch entweder so heraus, daß ihr, wenn man euch religiöse Vermahnungen giebt, sagt: „Das weiß ich schon,“ oder ihr sagt: „Wir haben halt nicht so viel Verstand, sind nicht so weit gelehrt!“ Ach, daß eure und eurer Kinder Seelen bei euch nur so teuer| würden, als eure Kühe! Wenn eure Kuh krank ist, weint ihr bittere Zähren und schluchzet, eure Seele laßt ihr ohne Gottes Wort verschmachten und vergehen ohne Kummer. Wenn eurer Kuh etwas fehlt, lauft ihr zum alten Hirten, der etwas kann durch eigene oder des Teufels Kunst. Und doch thut euch kein Hirt und kein Doktor etwas umsonst, ihr müsset’s ihm bezahlen. Ich hingegen thäte euch gern alles umsonst und schenkte euch mein Blut, geschweige meine wenige irdische Habe dazu, aber es ist noch kein einziger zu mir gekommen, der nur wie der Kämmerer gefragt hätte: „Ei, wie ist das und das in Gottes Wort gemeint? und wie muß ich selig werden?“ Darum hilft auch euer Bibellesen in den Häusern nicht viel, denn ihr seid stolz, wollt alles schon wissen, und seid nicht wißbegierig in Gottes Wort. Von selbst versteht ihr nicht viel, fragen mögt ihr auch nicht, so geht euer Leben hin, und ihr lernt Gottes Wort nicht und erfahret seine seligen Kräfte nicht. So kommt’s, daß der HErr die Verheißung Jes. 66, 19. 20 an den Vornehmen in Erfüllung bringt, während die Verheißung: „Die Armen sollen essen und die Elenden satt werden“ bei euch wenigstens nicht hinausgeht. Jes. 66, 19. 20 steht: „Ich will ihrer etliche, die errettet sind, senden zu den Heiden am Meer, und in die Ferne zu den Inseln, da man nichts von Mir gehört hat, und die Meine Herrlichkeit nicht gesehen haben, und sollen Meine Herrlichkeit unter den Heiden verkündigen, und werden alle eure Brüder aus allen Heiden herzubringen dem HErrn zum Speisopfer, auf Rossen und Wagen, auf Sänften und Mäulern und Läufern gen Jerusalem zu Meinem heiligen Berge.“ Und siehe, da am Kämmerer geschieht’s, er fährt auf Roß und Wagen und kommt zu dem Berge Zion und zu der Stadt Gottes und zu dem himmlischen Jerusalem – und ihr, ihr Armen, ihr Lahmen, ihr Krüppel, ihr, denen vor allen das Evangelium gepredigt wird nach des HErrn Gebot: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt,“ ihr kommt nicht, ihr haust in eurem Elend und möget nicht Kraft nehmen, Freude zu empfangen und zu üben, und zu löcken unter der Sonne der Gerechtigkeit, welche, Heil unter ihren Flügeln, über euch aufgeht!| Da seht ihr, daß Heilsbegierde zu Gottes Wort gehört, dann gelingt’s!
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 Dann gelingt’s, das sieht man am Kämmerer. Da der den Diakon Philippus so heilsbegierig gefragt hatte: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst oder von jemand anders?“ that Philippus seinen Mund auf und fing von jener Schrift Jesaias an und predigte ihm das Evangelium von JEsu. Siehe da, zuerst las er in der Bibel von Christo, dann wird ihm von Christo gepredigt. Bibel und Predigt, das muß zusammengehen. Aus der Bibel zur Predigt, von der Predigt in die Bibel, so habe ich es euch schon mehrere Male gesagt. Habe ich euch nicht gebeten: „Leset, da ich gewöhnlich über das Evangelium predige, leset zuvor das Evangelium durch, und nach der Predigt leset es wieder, damit ihr etwas behaltet und erfahret, was geschrieben ist: „Selig ist, wer Gottes Wort höret und bewahret“? Wer von euch hat’s gethan? Nicht wahr, vielleicht nicht einer unter euch. Lernet vom Kämmerer ein Besseres. Der war ganz Ohr auf die Predigt des Philippus, denn er kannte den Text und wollte ihn gern wissen, das hilft schon menschlicherweise zum Fassen der Predigt viel. Lernet ferner hier, was eine rechte Predigt sein soll! Eine rechte Predigt ist nicht ein Kunstwerk, ein Bild, von Menschenhänden bereitet, sondern eine rechte Predigt ist Auslegung, da nimmt man einen Text, den legt man aus. Man legt nicht kürzer aus, als der Text verlangt, und nicht länger, sondern gerade so lang, als die Aufmerksamkeit dessen langt, der ins Verständnis des Textes kommen will, und wenn das Bedürfnis gestillt ist, dann ist die Predigt aus und Amen. Man predigt also nicht für die Faulen, die in die Kirche gehen, um dagewesen zu sein, auch nicht für die Schläfer, denen keine Predigt zu lang wird, wenn sie genug schlafen können, sondern für die Lebendigen, die nach Leben dürsten, und für die, welche Gott ersehen hat, sie anzureden: „Wache auf, der du schläfst!“ Man nimmt aber auch zur Predigt nicht einen jeden Text, der einem in die Hände kommt, auch nicht einen, der sonst keinem in die Hände kommt, sondern einen solchen, der geradezu aufs Heil| der Seele, auf das hinausgeht, worauf Philippus Text hinausging, auf den gekreuzigten und erhöhten Christus. Denn die Predigt ist für die Kleinen, für die Jugend, für die Armen, daß sie reich, fröhlich und großmütig werden, und dahin ist es auch heute gemeint. Wenn dann eine solche Predigt zu solchen Leuten kommt, wie hier im Text, dann giebt’s auch solche Folgen, wie hier. Denn wie Philippus anfing zu predigen und die Schrift auszulegen, da war’s, wie wenn es anfinge, sanft und balsamisch und reichlich auf Frühlingswiesen zu regnen. Da kamen vom Himmel her Wassergüsse auf das schmachtende Land, auf das Herz Indichs, des Kämmerers, da that sich seines Herzens Schoß auf und sein Glaube wuchs, wie das Gras unter dem Frühlingsregen. Da war’s dem Kämmerer, als müßte er zu jedem Worte Amen schreien, und doch getraute er sich nicht, den Philippus zu stören. Da war’s ihm, als wäre der Christus, von dem gepredigt wurde, der Mann seiner Sehnsucht, den er verloren, aber die Sehnsucht nach ihm behalten hatte, ein wohlbekannter, längstvermißter Freund. Es war ihm, als wäre er für den geschaffen, als hätte er, und so war’s auch, seines Lebens Zweck und Ziel erreicht, da fühlte er einen Seufzer um den andern sich lösen, sein Gewissen ward der alten Lasten und Jugendsünden entledigt, Vergebung schlug an sein Herz erquickend, wie kühles Wasser um die Lenden eines badenden Mannes. Er ward gewaschen, und sein Geist bekam ein Kleid der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, es ward still in ihm, seine Seele ging ein in das Reich, wo Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist ist. – Während nun diese Veränderung in dem Mohren vor sich ging, erzählte der Diakon von dem Abschied des HErrn und Seinem letzten Befehl, und wie die Taufe allen Völkern geweiht sei durch Seine Taufe im Jordan und verordnet zum seligen, stärkenden Siegel der Vergebung und des neuen Lebens, und wie die Taufe so selig mache. Indes kommt der Wagen gen Bethzur hin, da ist ein Fels, und ein Quell springt heraus, welchen, nachdem sie ihn gegeben, die Erde sobald wieder verschlingt, daß man fast glauben sollte, Gott hätte ihn bei seiner Schöpfung nur für| den Kämmerer so wunderlich gemacht. Näher und näher kommen sie zum Quell, dem Kämmerer schwillt sein Herz, in ihm ist ein Verlangen, er glaubt an Christum, sein Herz gehört Ihm, nun will er ganz Sein werden. Seine Seele schreit nach Ihm, wie ein Hirsch nach frischem Wasser, er ist schon im Reich des HErrn, er hat empfangen. Wer hat, dem wird gegeben. „Ach,“ ruft er beklommen, verlangend, bebend, „ach, da ist Wasser! Was hindert’s, daß ich mich taufen lasse?“ Ihn hat nichts gehindert, als daß er nicht gleich Wasser sah, da Philippus von der Taufe anfing. Wie er sich nach dem Elemente gesehnt hatte! So lieblich ist dem nicht das Wasser, der vor Durst sterben will, als es dies war, der voll neuen Lebens und himmlischer Freude ist und nur eins vermißt, alle Liebe Seines HErrn zu erfahren, sein ganzes Herz Ihm hinzugeben, sich in Seiner Gnade und Liebe, wie in einem Wassergrabe zu begraben. Da sieht er Wasser. „Was hindert’s, was hindert’s nun noch, daß ich mich taufen lasse?“ Philippus sprach: „Glaubest du von ganzem Herzen, so mag es wohl sein!“ Er konnte nicht in die Seele des Kämmerers schauen, was des Kämmerers Geist wußte, wußte er noch nicht, daß des Geistes Gnade über ihn gekommen war, daß das Herz voll Glaubens und heiligen Geistes war. Er fragte also nach dem Glauben, der Hauptbedingung eines Täuflings. Da bedurfte es aber keines langen Besinnens. Der Kämmerer fand das klein, was Philippus groß; er konnte nicht begreifen, wie einer das Evangelium hören und nicht glauben könnte. Er hatte gehört, und sein ganzes Herz war voll von dem Eindruck, den die Geschichte des Heilandes auf ihn gemacht hatte und die Erzählung Seiner erlösenden Liebe. Den Eindruck schüttet er heraus, sein ganzer Geist faßt sich in wenige Silben, er preßt seine Seele in wenigen Worten aus und ruft: „Ich glaube, daß JEsus Christus Gottes Sohn ist!“ – Seliger Kämmerer, der du alles göttlich findest, der du diesen Eindruck vom Evangelium bekommen, seliger Kämmerer, nun noch desselben Glaubens in dem Reich der Auserwählten, die bei Gott selig sind, seliger Kämmerer dort oben, du hörst es nicht, aber möchte dir’s| JEsus Christus, der Allwissende, sagen: Seliger Kämmerer, du sollst mein Bruder sein! Fahre du im Himmel fort zu beten, wie hier, ich will’s dahier thun, ich falle mit dir nieder, bete, rufe: „Ich glaube, daß JEsus Christus Gottes Sohn ist!“ – Nun muß der Wagen halten, nun steigen sie miteinander hinab zum Quell, die Diener nehmen ihm seine Gewänder ab, stehen staunend, wissen sein Beginnen nicht, verstehen es nicht. Im Himmelsthore steht segnend der ewige Hohepriester, Seine heiligen Engel haben große Freude, es ist eine Viertelstunde, welche der heilige Geist in der Bibel zum ewigen Gedächtnis aufzuzeichnen wert gefunden. Da steht der selige Kämmerer, seine Seele ist zu Gott entrückt. Philippus, selbst sich niedertauchend in die Kräfte seiner eigenen Taufe, tauft den Kämmerer und versiegelt eine Seele, deren Name im Himmel geschrieben ist. HErr, barmherziger Gott, so müsse eine jede Taufe sein, welche Du auf Erden Deinen Elenden gönnest, so müsse sie sein in ihrer ersten Wirkung, so in ihrer Nachwirkung, solange die Täuflinge leben!
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 Der Kämmerer ist nun ganz Gottes Eigentum geworden, nun geht er gern in seine Heimat, wo ihn kein Christ hinbegleitet, sein Christus ist ihm genug, er hat gefunden. Er weiß, an wen er glaubt, ihm ist nicht bange vor der Glaubensübung von etwa noch dreißig bis vierzig Jahren in dieser Welt, er hat Ihn gefunden und erkannt, daß ER ist des lebendigen Gottes Sohn. Sein Glaube ist seines Herzens Ruh, er hat an dieser Gnade genug für sein Leben, und in der Ewigkeit, da findet er den, den seine Seele liebte, noch ehe sie Ihn gesehen. Wohl steigt Philippus mit ihm aus dem Wasser, er sieht ihn etwa nicht, seine Seele ist in der Stadt, die einen Grund hat von Gott erbaut. Sein Täufer wird ihm entrückt, die Hand des Geistes rückt ihn weg, was thut’s? Er bleibt fröhlich, den Täufer hat er nicht gesucht, er zieht seine Straße fröhlich! – Zieh hin, zieh hin, seliger Kämmerer, nimm einstweilen dein Land in Besitz für den, der doch einst alle Seelen, die verordnet sind auch in deinem Lande, der doch einst alle Länder besitzen und einnehmen wird! Zieh hin, zieh hin, bringe deinem Lande dein neues,| dein gläubiges, freudiges Herz, sag’s ihm, so freut sich mein Herz, so ist’s erneut durch etwas, was vor euch nichts ist und nichts gilt, was ihr nicht kennt, weil ihr’s nicht seht, sag’s ihm, das Unsichtbare. Und wenn du heimgehst zu deinem Gott und zu meinem Gott, so bringe Ihm eine Garbe mit heim, die du Ihm gelesen, ein Bündlein Seelen, die ER dir gegönnt, für Sein Reich in ein Bündlein zu binden!




 Brüder, seht hier die Wirkung einer Predigt und einer Taufe! Die Predigt Philippus’, sie war keine andere, als die meine, ein Ton ist es, der aus aller Prediger Kehlen dringt! Seine Taufe, sie ist, wie wenn ich taufe! Denn im Grunde predigen und taufen wir beide nicht, nicht wir sind’s, die solche Wirkungen hervorbringen. Wisset ihr, wer es ist? Das ist der Geist der Pfingsten, der hochgelobte Gottesgeist, der kann heute, was er damals konnte, und thut’s auch! Der mache, mache, Amen, Amen, meine Worte zu feurigen Pfeilen, und gebe, daß euer Herz durch mein Predigen erneut werde, wie durch Philippus’ Predigt der Kämmerer erneut wurde! Und wenn ihr schon getauft seid, so verleihe der barmherzige Gott, daß ihr zurückkehren möget zu eurer Taufe. Die Taufe wirkt bisher, habt ihr nicht geglaubt bisher, so glaubt jetzt an eure Taufgnade und nehmt hin Vergebung eurer Sünden in Kraft eurer Taufe, Leben und Frieden, und zieht fröhlich eure Straße! Amen, Amen.




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