RE:Gnome, Gnomendichtung, Gnomologien

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S VI (1935), Sp. [S_VI 74]–[S_VI 90]
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Gnome, Gnomendichtung, Gnomologien. Die Grundbedeutung von γνώμη ist nota, Kennzeichen, Merkmal. In diesem Sinne wird das Wort, das bei Homer und Hesiod fehlt, in den ursprünglichen Teilen der Theognis-Sammlung verwendet: v. 50 οὔτε κακῶν γνώμας εἰδότες οὐτ’ ἀγαθῶν, im gleichen Sinn wohl auch v. 319 Κύρν’ ἀγαθὸς μὲν ἀνὴρ γνώμην ἔχει ἔμπεδον ἀει und v. 331f. πίστει χρήματ’ ὄλεσσα, ἀπιστίῃ δ’ ἐσάωσα· γνώμη δ’ ἀργαλέη γίνεται ἀμφοτέρων. So gebraucht es auch Aristot. hist an. VI 22 = 576 b 15. Daraus entwickelten sich die gewöhnlichen Bedeutungen: Erkenntnis, Meinung, Sinn. Daneben wurde das Wort frühzeitig auf verschiedenen Gebieten als Kunstausdruck gebraucht, von den Philosophen (s. Th. Gomperz Die Apologie der Heilkunst S. 6f. [S.-Ber. Akad. Wien CXX], den Wortindex von W. Kranz zu Diels Vorsokr. und die Ergänzung von Lortzing Berl. Phil. W. 1912, 164), in der Politik und im Rechtswesen (s. Schultheß Bd. VII S. 1481ff.), schließlich in der Poetik und in der Rhetorik. Hier kennt es bereits Isokr. or. II 44 εἴ τις ἐκλέξειε τῶν προεχόντων τὰς καλουμένας γνώμας. Der lateinische Fachausdruck ist sententia Quintil. inst VIII 5, 3: Sententiae vocantur, quae Graeci γνώμας appellant. Eine noch ziemlich unvollständige Definition gibt Anaximenes C. XII: γνώμη δ’ ἐστὶ μὲν ὡς ἐν κεφαλαίῳ καθ’ ὅλων τῶν πραγμάτων δόγματος ἰδίου δήλωσις. Ausführlich handelt dann über das Wesen der rhetorischen G. Aristot. rhet. II 21, Seine Definition lautet: ἔστι δὲ γνώμη ἀπόφανσις, οὐ μέντοι περὶ τῶν καθ’ ἕκαστον, οἷον ποῖός τις Ἰφικράτης, ἀλλὰ καθόλου· καὶ οὐ περὶ πάντων, οἷον ὅτι τὸ εὐθὺ τῷ καμπύλῳ ἑναντίου, ἀλλὰ περὶ ὅσων αἱ πράξεις εἰσί, καὶ αἱρετὰ ἢ φευκτά ἐστι πρὸς τὸ πράττειν. Zwei Hauptmerkmale der G. sind dadurch [75] festgelegt: Die Allgemeingültigkeit des Inhaltes, der sich nicht auf eine bestimmte Person bezieht, und ihr Zweck, das sittliche oder lebenskluge Verhalten des Menschen zu regeln. Das Erfordernis einprägsamer Kürze ergibt sich unausgesprochen aus den anschließenden Ausführungen des Kapitels, die an der Hand meist euripideischer Beispiele den Zusammenhang der G. mit dem Enthymem darlegen, insofern sie in der Regel durch Hinweglassung des Syllogismos ein auf die knappste Form verkürztes Enthymem ist. Auf Anaximenes und Aristoteles gehen die Definitionen der Progymnastiker zurück: Hermog. Prog. 4 γνώμη ἐστὶ λόγος κεφαλαιώδης ἐν ἀποφάνσει καθολικῃ ἀποτρέπων τι ἢ προτρέπων ἐπί τι ἢ ὀποῖον ἕκαστόν ἐστι δηλῶν, und ganz ähnlich Aphthonios Prog. 4, auch Auct. ad Herenn. IV 24: Sententia est oratio sumpta de vita, quae aut quid sit aut quid esse oporteat in vita, breviter ostendit. Das zuerst bei Plat Phaedr. 267 c begegnende γνωμολογία bedeutet den mit Sentenzen aufgeputzten Rednerstil, dann – nach Analogie von ἀστρολογία, μετεωρολογία, φυσιολογία u. a. die Wissenschaft der G., ihre Theorie und Praxis. Die Wörterbücher geben auch die Bedeutung ‚Sammlung von Sentenzen‘ an, aber keine der dafür beigebrachten Stellen Polyb. XII 28, 10. Dion. Hal. Dem. 46 = 109, 9. Plut. Cato M. 2. Fab. 1; de aud. poet. 15f. Suid. s. Theognis) ist wirklich beweisend. Das von den modernen Gelehrten viel verwendete Wort ,Gnomologium' ist weder aus dem alten noch aus dem spätern Latein belegt.

Die Hss., aber noch mehr die Herausgeber, bringen in ihren G.-Sammlungen neben wirklichen G. auch Verwandtes: Apophthegmen, Chrien, Apomnemoneumata, Homoiomata, Diatriben, Fabeln usw. Für die Sammlungen findet sich manchmal auch der Titel Melissa zur Bezeichnung des Sammelfleißes; ὥσπερ γὰρ τὴν μέλιτταν ὀρῶμεν ἐφ’ ἅπαντα μὲν τὰ βλαστήματα καθιζάνουσαν, ἀφ’ ἑκάστου δὲ τὰ βέλτιστα λαμβάνουσαν, οὕτω δεῖ καὶ τοὺς παιδείας ὀρεγομένους μηδενὸς ὲν ἀπείρως ἔχειν, πανταχόθεν δὲ τὰ χρήσιμα συλλέγειν (Ps.-Isokr. I 52). Wenn auch die Grenzen zwischen den verschiedenen Abarten vielfach fließen, lassen sich im großen und ganzen die Haupttypen doch unterscheiden. Die echte Gnome, wie sie bei Stobaios so zahlreich begegnet, ist einem bestimmten Dichter (oder Philosophen) entnommen, dessen Name in der Regel genannt wird; dagegen erfahren wir bei den Dichterzitaten nur selten, von wem und unter welchen Verhältnissen die betreffenden Verse gesprochen werden. Daß man dann den genannten Dichter für den Inhalt der von dem individuellen Anlaß losgelösten Sentenz verantwortlich gemacht hat, ist bekanntlich besonders dem Rufe des Euripides verhängnisvoll geworden. Das Gegenteil ist von dem richtigen Apophthegma (das Wort zuerst bei Xen. hell. II 3, 56). Ohne daß der Gewährsmann angegeben ist, wird gesagt, von wem und unter welchen Umständen – meist als Antwort auf die Frage eines Nichtgenannten – der Ausspruch getan wurde. Die häufigste Form ist:ἐρωτηθεὶς ... ἔφη, z. B. Plut. de aud. poet. 21 E. Διογρνης ἐρωτηθείς, ὅπως ἀν τις ἀμύναιτο τὸν ἐχθρόν, αὐτός, ἔφη, καλὸς κἀγαθὸς γενόμενος. [76] Immer gehört zum Apophthegma der χαριεντισμός, die ἀστειότης, die urbanitas (Aristot. rhet. B 21 p. 1349 b, Γ 11 p, 1412 a. Quintil. inst VI 8, 107ff.). Wenn der antike Gewährsmann des christlichen Sophisten Troilos 3} das Apophthegma anscheinend als λόγος σύντομος καὶ εὔστοχος definiert hat, so ist diese Begriffsbestimmung viel zu eng; s. Schissel Ἀπόφθεγμα bei Troilos von Side Byz. Ztschr. XXVIII 241ff. Eng verwandt mit dem eigentlichen Apophthegma ist die χρεία, die Anekdote, die an geschichtliche Personen anknüpft, ohne daß es ihr auf geschichtliche Wahrheit ankommt; wichtig für sie ist nur das Bonmot, die charakterisierende Pointe. Quintil. inst. I 9, 4 beschreibt drei Arten: chriarum plura genera traduntur: unum simile sententiae, quod est postum in voce simplici ‚dixit ille‘ aut ‚dicere solebat‘, alterum, quod est in respondendo ,interrogatus est‘ vel ‚cum hoc ei dictum esset, respondit‘ (das oben besprochene eigentliche Apophthegma), tertium huic non dissimile, cum quis dixisset aliquid vel fecisset‘. Den Unterschied von Chrie und G. behandelt der Progymnastiker Theon c. 5. Eine selbständige Gattung bilden die volkstümlichen Homoia oder Homoiomata, kurze, sententiöse Gleichnisse, meist in Antithesenform, von einer ganz bestimmten, regelmäßigen, wenig variierten Gestalt, z. B. unter dem Namen des Sokrates: οὔτε ἱππῳ χωρὶςχαλινοῦ, οὔτε πλούτῳ χωρὶς λογισμοῦ δυνατὸν ἀσφαλῶς χρήσασθαι (Elter Bonn. Kaiserprogr. 1900, 1). Sie sind meist in eigenen Syllogae vereinigt, finden sich aber auch versprengt in andersartigen Sammlungen.


Die G.-Dichtung in hellenischer Zeit. Es kann sich hier natürlich nur darum handeln, an die Hauptpunkte der Entwicklung zu erinnern. Für die zahlreichen, mitunter verwickelten Finzelfragen muß auf die betr. Art der R. E. verwiesen werden.

Lange vor den Anfängen einer eigentlichen Literatur hat der griechische Volksgeist seine Weisheit in sinnvollen Sprüchen (παροιμίαι) niedergelegt, deren Inhalt aus den lebensverbundenen Beobachtungen der bäurischen Seele und der bäurischen Umwelt gewonnen war; οἱ γὰρ ἀγροῖκοι μάλιστα γνωμοτύποι εἰσί (Aristot rhet. B 21 p. 1395 a). Frühzeitig – jedenfalls lange vor der Schaffung des Hexameters – hat sich auch eine einheitliche Form dafür herausgebildet, ein Kurzvers mit vier Längen und einer freibehandelten Zahl von Kürzen, der Paroemiacos (Bergk Über das älteete Versmaß der Griechen = Opusc. II 394ff. und v. Wilamowitz Griech. Verskunst 382). Solche λειψανα παλαιᾶς σοφίας (Aristot frg. 13 R.) haben sich zahlreich bis in die spätesten Zeiten lebendig erhalten: οἶνος καὶ παῖδες ἀληθεῖς· νόσος δειλοῖσιν ἑορτή· ἐγένετο καὶ φίλοι ἐχθροί u. ä. Meineke zu Theokrit p. 524 hat deren 88 gesammelt, bei Usener Altgr. Versbau 43ff. hat sich die Zahl auf 115 erhöht. Derartige Verse finden sich eingestreut bei Aesop, z. B. 154 οἶκος φίλος, οἶκος ἄριστος oder 300 σὺν Ἀθηνᾷ καὶ χέρα κίνει. Sie begegnen auch in der homerischen Dichtung: Il. XVII 32f. und übereinstimmend Il. XX 118 ῥεχθὲν δέ τε νήπιος ἔγνω (ähnlich Hesiod op. et d. 218, von [77] Plat. symp. 202 B als Sprichwort angeführt). Daß sich im homerischen Epos, das für uns am Eingang der griechischen Literatur steht, nur ganz vereinzelte Spuren dieser gnomischen Volksdichtung finden, ist leicht erklärlich. Für Bauern-Weisheit hatte das Publikum der höfischen Dichtung wenig Interesse. Daß Sentenzen nicht ganz fehlen (z. B. Il. I 218. II 24; Od. XV 71. XVI 294. XVII 578. XIX 13 und 360. XXI 369 mit Alliteration) ist ebenso leicht verständlich; denn schließlich standen auch die Adelskreise doch nicht ganz außerhalb des Volkes, noch weniger ihre Sänger. Für die Griechen galt aber als eigentlicher Schöpfer der G. Hesiod. Selbst aus aus einer Bauernfamilie hervorgegangen, hatte er die Mühseligkeiten und Nöte des Lebens abseits der Adelsfamilien gründlich kennengelernt und schrieb seine predigenden Verse für Bauern mit Benützung alten Volksgutes. So wurde der Vers op. et d. 370 μισθὸς δ’ ἀνδρὶ φίλῳ εἰρημρνος ἄρκιος ἔστω, der sich ähnlich bei Hom. Il. X 304 = Od. XVIII 358 findet μισθὸς δέ οἱ ἄρκιος ἔσται, auf den wegen seiner Spruchweisheit wohlbekannten Pittheus von Trözen, den Vater des Theseus, zurückgeführt, wie Aristoteles bei Plut. Thes. 3 bezeugt (Bergk Gr. Lit. I 1016, 119 und v. Wilamowitz Hesiodos Erga zu v. 370). Von Theophrast wird in dem Scholion zu Euripides Hipp. 264 auch Sisyphos als Vertreter der alten Gnomologie angeführt, und dem Apoll wurden delphische Mahnungen in den Mund gelegt, die an Admetos gerichtet waren (v. Wilamowitz Gr. Trag. III 75f.). So gab es jedenfalls schon recht alte Sammlungen der beliebten Spruchweisheit; sie boten den Griechen Ersatz für die religiösen Gesetzbücher, die das sittliche Leben anderer Völker regelten. Hesiod fügte den überlieferten Versen, die sich leicht dem Gange seines Hexameters anschmiegten, im freigebigen Eifer seines Lehrberufes neue hinzu und so erinnern seine Erga immer wieder an die alttestamentarischen Propheten, worauf feinfühlige Beurteiler mehrfach hingewiesen haben, v. Wilamowitz schon 1881 (s. Hesiodos Erga 10) später 1903 Ed. Schwartz Charakterköpfe I 5 und 1910 Ed. Meyer Genethliakon für Robert = Kl. Schr. II 24ff. Aber trotz der großen Zahl gnomischer Verse, die sich einige Male zu ‚Sentenzennestern‘ verdichten, bilden diese doch nur einen – allerdings belangreichen – Bestandteil der Dichtung, ohne jedoch deren Ganzes auszumachen. G.-Dichtung, die als Selbstzweck um ihrer selbst willen da ist, begegnet, wenn wir von Ps.-Hesiodea, wie Χίρωνος ὑποθῆκαι absehen, zuerst bei Theognis, der wegen des ausgesprochen lehrhaften Charakters seiner Verse nicht als eigentlicher Dichter galt (Plut. de aud. poet. 15 F). Da er durch die σφρηγίς (Kyrnos) sein Eigentum ebensowohl vor Entlohnungen wie vor fremden Zusätzen schützen will (v. 19ff.), muß diese Literaturgattung schon recht verbreitet gewesen sein. Bekanntlich hat auch die Signierung durch die Verfassernamen, wie sie Demodokos von Leros (s. Bd. IV S. 2870) καὶ τόδε Δημοδόκου und der Milesier Phokylides καὶ τόδε Φωκυλιδέω für seine mehr politisch gefärbten G. anwendet, ihren Zweck recht wenig erreicht. Von späteren [78] G.-Dichtern wurden auch, andere dem Volke vertraute Versmaße benutzt. Eine politische G. im trochäischen Tetrameter schreibt Isyllos von Epidauros auf Grund eines Gelübdes zu Ehren der Götter Apoll und Asklepios auf eine Marmortafel (v. Wilamowitz Isyllos 6); der Trimeter wird von Chares (s. o. Bd. IX S. 882) verwendet, den man früher deshalb für einen Tragiker hielt, den aber v. Wilamowitz schon 1894 für einen Spruchdichter erklärte (Herm. XXXIV 608ff.), was dann durch einen Papyrusfund {Heidelberg 434) bestätigt wurde: endlich der hipponakteische Choliamb von Phoinix. Daß die älteste philosophische Prosa, (Legende der Sieben Weisen, Heraklit, der nach v. Wilamowitz Glaube d. Hell. I 210 seine γνώμη in einzelnen γνῶμαι vorlegte) im Interesse der Einprägsamkeit ihrer Lehren die gnomische Form bevorzugte und daher, ähnlich wie Hesiod, an den alttestamentarischen Prophetenstil erinnert, ist erklärlich. Die G. bildete auch die Grundlage für das alte Schulbuch der knidischen Ärzte, die γνῶμαι Κνίδιαι, die hippokrateischen Aphorismen. S. Bd. VIII S. 1844ff. Ilberg Die Ärzteschule von Knidos 9 und v. Wilamowitz Gesch. d. griech. Sprache 21ff. An Stelle der alten poetischen ὑποθῆκαι traten nunmehr prosaische Paränesen, wie die pseudoisokrateische Rede an Demonikos. Auch des Hippias Τρωικός, in dem Nestor dem Neoptolemos weise Lehren für die richtige Lebensführung erteilt, gehört hierher. [Plato] Hippias 286 A und Diels Vorsokr.³ II S. 282, 17. 283, 36. S. Wendland Anaximenes 82. Auch im Westen fand die G. dichterische Pflege, wie der philosophisch angeregte Komodiendichter Epicharm zeigt, den Theokrit Anth. pal. IX 600 wegen seiner pädagogisch wertvollen Lebensweisheit rühmt. Seine Γνῶμαι in den archilochischen Versmaßen, dem iambischen Trimeter und trochäischen Tetrameter, sind frühzeitig gesammelt worden, und im 4. Jhdt. hat der von Philochoros bei Athen. 648 D genannte Axiopistos diese Sammlung redigiert, die von Ennius ins Lateinische übersetzt wurde (v. Wilamowitz Textgesch. d. griech. Lyriker 25ff. Diels Vorsokr.³ I 122. 166). Jedenfalls begegnet bereite auf dem Hibehpapyrus am 250 v. Chr. eine Anthologie mit Überschriften wie ποτὶ πονηρόν, ποτ’ ἀγροικόν (Crönert Herm. XLVII 402ff. Birt Iw. Müller Handb. I 3, 300. 377). Aus den G.-Dichtungen waren eben inzwischen G.-Sammlungen entstanden, zunächst veranlaßt durch die Bedürfnisse des elementaren Schulunterrichtes, in dem als Schreib- und Lesevorlagen, sowie als Diktatstoffe aus den Dichtern passende Sentenzen ausgewählt wurden. Auch für die Unterweisung der reiferen Jugend in Moral und praktischer Lebensweisheit wurden G.-Sammlungen in reichem Maße verwendet. Bei Xen. mem. I 6, 14 rollt Sokrates die Schätze der alten Weisen auf, um sie gemeinschaftlich mit den Schülern durchzugehen und das Gute auszuwählen. Isokr. II 43f. nennt τὰς καλουμένας γνώμας, die man aus Hesiod, Theognis und Phokylides für Lehrzwecke sammeln kann, und Plat. leg. VII 811 A berichtet, daß die Lehrer geradezu eine Sammlung sentenziöser Stücke auswendig lernen ließen, wie denn nach [79] Diog. Laert VI 81 der Kyniker Diogenes seine Schüler Dichter- und Prosaikerstellen memorieren ließ. Das gleiche ersehen wir aus dem bekannten Wort des Aischines (III 115) διὰ τοῦτο γὰρ οἶμαι παῖδας ὄντας τὰς τῶν ποιητῶν γνώμας ἐκμανθάνειν, ἵν’ ἄνδρες ὄντες αὐταῖς χρώμεθα. S. Wendland Anaximenes 100f. Auch im Rhetorikunterricht fanden derartige Sammlungen ausgiebige Verwendung, zumal für epideiktische Reden, die von Anfang an den Wettbewerb mit der Poesie aufnahmen und durch Einfügung geeigneter dichterischer Stellen dem Stil je nach Bedarf ein bestimmtes ἤθος oder πάθος erteilen wollten. Auch zur Unterstützung der Beweisführung worden Sprüche von Denkern und Dichtern als testimonia eingeführt. Politische Redner, die sich wie Demosthenes des Gewichtes der eigenen Meinung bewußt waren, haben eine derartige Unterstützung durch fremde Autoritäten im allgemeinen verschmäht, aber schon Lykurg macht von ihr reichlichen Gebrauch. Sicher ist jedenfalls, daß bereits um 400 v. Chr. die verschiedenen Zweige des Schulbetriebes auf Gnomologien angewiesen waren, die zur Bequemlichkeit des Benutzers frühzeitig entweder nach Autoren oder nach sachlichen Schlagwörtern, vielfach auch in alphabetischer Anordnung zusammengestellt waren. Daher ist es auch begreiflich, daß schon in den Papyri zahlreiche Fetzen von Gnomologien auftauchen. So enthält einer der allerältesten, Flinders Petrie Papyri, 1891 von Mahaffy herausgegeben, Reste einer G.-Sammlung. S. Elter De gnomologiorum Graec. historia 68. Kaibel Herm. XXVIII 62. Wendland Byz. Ztschr. II 328. Über die hierher gehörigen neueren Funde und ihre Literatur unterrichten jetzt am bequemsten Koertes Referate im Arch. f. Pap. Hier sei auf ein Ostrakon hingewiesen, das die akrostichische Anordnung bezeugt, Arch. f. Pap. VIII 259, auf zwei Berliner Papyri aus dem 2. Jhdt. v. Chr. S. 233f. nr. 447f., mit Florilegienresten, die sich ausschließlich auf Frauen beziehen, auf einen Hibeh-Papyrus, geschrieben 280-240 v. Chr., mit Aussprüchen des Simonides, die einem Anthologium entnommen sind, das doppelte Überschriften aufweist: sachlich ἀνηλωμάτων, persönlich Σιμωνίδου VI 457. Pap. Soc. It. 1093 aus dem 2. Jhdt. (Arch. X 223 nr. 759) enthält einen gnomologischen Traktat, Pap. Vat Gr. 11 aus dem Anfang des 3. Jhdts (ebd. X 64 nr. 740) ein ziemlich langes Fragment aus einer Trostschrift des Phavorinos Περὶ φυγῆς, ein Stück, das wegen der Person des Verfassers, der zu den umstrittenen Quellen des Diogenes Laertios gezählt wird, und wegen des zitatengespickten Textes die Gnomologie angeht. S. Praechter Gnom. VIII 561–572. Über Pap. Gissen 348 s. u.

Der entscheidende Anstoß für die Entwicklung der Gnomologien ging in der hellenistischen Zeit von der Philosophie aus. Wie für die Volksweisheit waren auch für die ethischen Lehren der Denker aneinandergereihte G. die gebräuchliche Form der Darstellung. So haben wir ein Gnomologium Democriteum, das trotz der Verderbnis in dem überlieferten Autornamen (Demokrates für Demokritos) sicher zum größten Teil für echt zu halten ist (s. o. Bd. V S. 137f.; seither H. Laue De Democriti frg. eth. 1921). [80] Diese Demokrit-G. stammen ans einem alphabetisch geordneten allgemeinen Gnomologium, in dem auf Demokrates unmittelbar Demokritos folgte; ein Rutschen des Lemmas ὁ αὐτός veranlaßte die Verwirrung, wie wir dies in der Ἰωνία des Vind. phil. 253 sehen können, wo Demokrates- und Demokritosfragmente durcheinander geraten sind. Als sich in der nacharistotelischen Epoche der Schwerpunkt der Philosophie immer mehr auf das Gebiet der praktischen Ethik mit ihren trivialen eudaimonistischen Zielen verschob, lag die offizielle Zusammenfassung der hierher zielenden Sätze in orthodoxen Gnomologien nahe. Auch äußere Umstände wirkten da mit. Das philosophische Interesse hatte sich auf Kosten der Tiefe gewaltig verbreitert, auch die schriftstellerische Produktion, die in der epikureischen und der stoischen Schule ins Massenhafte ging. Aber sehr wenige mochten Zeit und Lust finden, die 300 Rollen des Vielschreibers Epikur durchzuarbeiten, ganz abgesehen von dem hohen Ladenpreis der Bücher (14 Mark. S. Birt Das antike Buchwesen in Iw. Müllers Handb. I 3³, 322). Das große Lesepublikum hielt sich da lieber an eine Spruchsammlung, die ethische und psychologische Beobachtungen des Meisters in originaler Form bot. Wir besitzen von drei derartigen Sammlungen epikureischer Sprüche Reste: 1. 40 ύριαι δόξαι, die jetzt das Ende des uns erhaltenen Diogenes Laertios bilden, vermutlich unvollständig, weshalb die Bedenken gegen die Echtheit wegen Fehlens wichtiger Lehren Epikurs hinfällig sind; im Gegensatz zu Gassendi, Usener und v. Arnim (s. Bd. VI S. 140f.) betrachtet die gegenwärtige Forschung (Giussani, Bignone, v. d. Mühll, Bailey, Mewaldt diese Sammlung für ein Originalwerk Epikurs mit originalem Titel; 2. die 81 Sprüche des Gnomologium Vat., beide in neuer Ausgabe von P. v. d. Mühll 1922, mit italienischer Übersetzung in E. Bignone Epicuro, mit englischer in C. Bailey Epicurus, und 3. die gewaltige Inschrift von Oinoanda. S. Bd. VI S. 143 und Wien. Stud. XLIX 32ff. Wenn diese Katechismen auch nicht geradezu von dem Schulhaupte selbst herrührten, so waren sie doch zweifellos unter Approbation der Schule zusammengestellt und veröffentlicht. Sie behaupteten ihr Ansehen, so daß sie noch in den ersten christlichen Jahrhunderten vermutlich auch in lateinischer Übersetzung verwendet wurden. S. Tac. dial. 31.

Als eine Tatsache von ganz unabsehbarer Tragweite für die Geschichte der Gnomologien erweist sich die Praxis der stoischen Schule. Bereits Ariston von Chios, Zenons Schüler, der allerdings noch den Kynikern nahesteht, hatte die Homoea zu einem Buche gesammelt. Entscheidend wurde die Tätigkeit des dritten Schulhauptes Chrysippos {εἰ μὴ γὰρ ἦν Χρύσιππος, οὐκ ἂν ἦν Στοά). Usener hat schon gelegentlich (Epic. LXXXIII adn. 2) auf die Bedeutung der Stoiker für diesen Überlieferungsweg hingewiesen, aber erst Elter hat in den Bonner Universitätsprogrammen (1893—1897), De gnomologiorum Graecorum historia atque origine commentatio den ganzen Fragenkomplex erschöpfend behandelt. Ausgehend von einer ebenso sorgfältigen wie scharfsinnigen Analyse der Schriftstellerzitate [81] bei Sext. Emp. adv. gramm., Gal. de plac, Plut. de aud. poet, gelangt er zu dem Schlusse, daß Chrysipp einen um 234 entstandenen thesaurus sententiarum von zweifellos ganz gewaltigem Umfange benützt habe. Die Frage, ob der Meister persönlich die mühevolle Arbeit der Herstellung geleistet hat, oder ob er nur die von seinen Schülern vorgenommene Sammlung angeregt, beraten und redigiert hat, ist von untergeordneter Bedeutung. Dieses Urflorilegium umfaßte anscheinend nur Verse (W. Christ Phil. Stud. zu Clem. Alex. [Abh. Akad. Münch. 1900] 26). Die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit in den späteren philosophischen Schulen verlangte die Schaffung derartiger Behelfe. Sie sollten ähnlich wie bei den Rednern das Belegmaterial für die eigene Lehre liefern: εἴ ποτε παραινετικῶς τι λέγοιεν, ταῖς ποιητικαιῖς φωναῖς ὡσπερεὶ σφραγίζεσθαι τὸ ὑπ’ αὐτῶν λεγόμενον (Sextus Emp. adv. gramm. I 271–660 B); vor allem dienten sie der Polemik gegen andere Lehrmeinungen. Chrysippos selbst machte von diesem Hilfsmittel einen so ausschweifenden Gebrauch, daß ihm Galenos (de plac. 314) wegen dieses maßlosen Zitierunfugs ἀδολεσχία γραιώδης vorwirft. Bei Diog. Laert. VII 180 witzelt ein boshafter Spaßvogel über Χρυσίππου Μήδειαν, weil Chrysippos diese in einer seiner Schriften fast zur Gänze zitiert habe, und ebendaselbst versichert Apollodor: εἴ τις ἀφέλοι τῶν Χρυσίππου βιβλίων ὅς’ ἀλλότρια παρατέθειται, κενὸς αὐτῷ ὁ χάρτης καταλείψεται. Daß auch noch in der mittleren und neueren Stoa das Anlegen eines Zitatenschatzes zum persönlichen Gebrauch ein gern geübter Zeitvertreib war, beweist Hekaton (s. v. Wilamowitz Antigonos v. Kar. S. 105ff.) und der sonst so viel beschäftigte Kaiser Marc Aurel, der III 14 zu sich spricht: μέλλεις ἀναγιγνώσκειν τὰς ἐκ τῶν συγγραμμάτων ἐκλογάς, ἃς εἰς τὸ γῆρας σαυτῷ ἀπετίθεσο, während sein Erzieher Fronto ihm II 10 schreibt: feci tamen per hos dies excerpta ex libris sexaginta in quinque tomos. Die andern Schulen befolgten das Beispiel der Stoa. Ganz besonders waren Gelehrte abseits der großen Bildungsstätten darauf angewiesen, sich solche Behelfe zu schaffen. So hat der Akademiker Plutarch, der nur ungern sein geliebtes Heimatstädtchen verließ, nicht nur, wie schon erwähnt, das stoische Florilegium benutzt, sondern sich auch selbst einen reichhaltigen Zettelkasten von Apophthegmen angelegt. Wie auch andere philosophische Richtungen mit Florilegien arbeiteten, mag aus des Neoplatonikers Porphyrios Trostschrift ad Marcellam ersehen werden, die aus alphabetischen und nichtalphabetischen Sammlungen mosaikartig zusammengesetzt ist. S. Kurt Gass Porph. in epistula ad Marcellam... Diss. Bonn 1927. Usener Epicurea LVIIIff.

Der von der stoischen Schule gesammelte Zitatenschatz wurde dann in fast ebenso ausschweifender Weise von den christlichen Apologeten verwendet. Was diese aus alten Schriftstellern anführen, beruht nur selten auf eigener Kenntnis der angeführten Werke. Die Gelehrsamkeit, mit der sie prunken, geht in der Regel auf solche Florilegien zurück. Es zeigt sich auch auf diesem Gebiet das weltgeschichtliche Schauspiel der Übernahme der altgewordenen antiken [82] Kultur durch das scheinbar so ganz anders geartete junge Christentum. Eine bedeutsame Rolle fiel hier dem von ehrlicher Begeisterung für das hellenische Altertum erfüllten Clemens Alexandrinus zu, wenn auch v. Wilamowitz anfangs (Einl. in d. gr. Trag. I 171) etwas gar zu geringschätzig über dessen Kompendien- und Florilegienweisheit abgeurteilt hat. Zweifellos war hier für Clemens der Einfluß des Stoikers Musonius bedeutungsvoll. S. Wendland Quaestiones Musonianae und W. Christ Phil. St. zu Clemens 6. Allerdings war die Art and Weise, wie die alten Schätze für die neuen Zwecke verwendet wurden, nicht immer einwandfrei. Je nach Bedürfnis wurde der Sinn der Verse anders gedeutet, der Wortlaut verändert. Auch fehlt es nicht an Interpolationen und Fälschungen, die dann manchmal wieder ihre eigene Geschichte haben, wie das Elter 152ff. an dem orphischen Frg. 4 Ab. (245 K.) zeigt, dessen Wandlungen er von Ps.-Iustin. de mon. 2 über Clemens Alexandrinus bis zum sog. Aristobul verfolgt. Nun wurden die alten von den Christen in ihrem Sinne interpolierten Sammlungen wieder wie ehedem für Erziehungszwecke und zum rhetorischen Aufputz der Predigten verwendet So ergibt sich für die ganze hellenistische Zeit bis zum Ausgang des Altertums das Bild einer umfangreichen und für die geistige Gestalt der Zeit bedeutungsvolle Literatur, von der leider kein einziges vollständiges Werk in seiner ursprünglichen Gestalt auf uns gekommen ist, wohl aber ein unübersehbares Trümmerfeld.

Aus dem reichen Erbe des Altertums schufen dann die Byzantiner ihre Sammlungen: im 5. Jhdt. das trotz großer Verluste noch immer ganz gewaltige Anthologium des Johannes von Stoboi, im 8. Jhdt die theologische Spruchsammlung Ἱερὰ παράλληλα des Johannes von Damaskos (Migne G. 95. 96), im 9. Jhdt. das unter dem Namen des Maximus Confessor gehende sacroprofane Florilegium, das in Anlage und Wichtigkeit dem Stobaios nahesteht (Migne G. 90. 91), die Melissa des Mönches Antonios (Migne O. 136), ein in mehrfachen Brechungen überliefertes Gnomologium Democrito-Epicteteum (abschließende Ausgabe von C. Wachsmuth Studien zu den griechischen Florilegien 162ff.) und das durch die Quellenuntersuchungen zu besonderer Bedeutung gelangte Florilegium Parisinum aus dem Cod. Par. 1168, ein einheitliches, nach einem bestimmten Plan redigiertes Corpus von weit über tausend profanen, teils nach Autoren, teils in Kapiteln geordneten Sprüchen. In unermüdlicher Betriebsamkeit haben die späteren Byzantiner aus dem Überlieferten durch Kürzen, Erweitern und Kombinieren immer wieder neue Sammlungen geschaffen, so daß die Zahl der hsl. überlieferten Florilegien tausend weit übersteigt, wobei nur ganz wenige wirklich völlig gleich sind, ein Reichtum, der auch den arbeitsfreudigsten Forscher entmutigen muß. Natürlich enthebt diese Überfülle des Materials die Forschung nicht der entsagungsvollen Mühe, den Inhalt dieser Florilegien-Hss. festzustellen und jede einzelne Sammlung an dem richtigen Platz einzuordnen, indem [83] das Verhältnis zu ihren Quellen und Abkömmlingen festgestellt wird, ohne daß es immer nötig wäre, jede einzelne Sonderform auch wirklich zu edieren. Diese Darlegung der Filiation ist der einzige wissenschaftliche und im Grunde selbstverständliche Weg. Die Praxis zeigt dagegen stets von neuem, wie die Untersuchungen in endloser Verkettung immer wieder ineinander greifen und wie schwierig es ist, den Punkt herauszufinden, von dem aus die Entwirrung zu versuchen ist. Diese Aufgabe wurde allerdings erst spät erkannt und in Angriff genommen, obgleich ihre Lösung, wie schon oben angedeutet wurde, zu interessanten kulturgeschichtlichen Perspektiven führen kann. Auch für die klassische Philologie ergeben sich hier neue bisher wenig bebaute Arbeitsgebiete, indem die Quellenanalyse der Gnomologien auf die Überlieferung der alten Schriftsteller führt, wie sie im 3. vorchristl. Jhdt. gelesen wurden. So finden sich in den Zitaten Spuren des voralexandrinischen Homertextes (Elter De gnom. hist. 63) oder der damaligen Platoausgaben (E. Bickel De Stob. excerptis Platonicis de Phaedone, Jahrb. f. Philol. 28. Suppl. 1903). Aber die philologische Wissenschaft betrachtete lange Zeit dieses Trümmerfeld nur als ergiebige Fundstätte von Bruchstücken aus antiken Autoren. Die Ausbeute des ziemlich planlosen Durchsuchens war ja auch nicht gering. Besonders zwei Namen tauchen immer wieder in der wüsten Masse auf: Menander und Euripides, ein Beweis für die Beliebtheit dieser Dichter in der hellenistischen Zeit, in der die Quellschriften für die Gnomologien zu suchen sind.

Viel verbreitet war im Mittelalter eine Sammlung Menandrischer Monosticha (s. Bd. XV 8. 737). Dieses alphabetisch geordnete Florilegium findet sich in zahlreichen Hss., deren älteste der Paris. 1166, 11.—12. Jhdt. ist. Da eine Ausgabe, die W. Meyer nach wertvollen eigenen Vorarbeiten plante, nicht zum Abschluß gedieh, ist man immer noch auf Meineke FCG IV 340ff. angewiesen, wo 758 Monosticha vereinigt sind. In den Hss. wechseln Zahl und Auswahl der Verse, doch enthält keine mehr als 400. Eine Vermehrung des Bestandes ergab sich aus einer im slavischen Süden spätestens im 12. Jhdt. angefertigten Übersetzung, die 490 Einzelverse und 3 Disticha enthält, darunter mehr als 100 Verse, deren griechischer Text unbekannt ist. S. V. Jagić Die Menandersentenzen in der alt-kirchenslav. Übersetzung, S.-Ber. Akad. Wien CXXVI. Die Entstehung dieser Florilegien wurde meist ins Mittelalter verlegt. Nun bringt der Pap. Gissen 348 aus dem 2.—3. Jhdt. (Arch. X 56 nr. 731, verbesserte und vervollständigte Ausgabe in Pap. Iandanae fasc. V [1931] 180ff.) ausdrücklich unter dem Titel Μενάνδρου γνῶμαι 10 Monosticha, davon 4 bereits aus der mittelalterlichen Überlieferung bekannt, v. 6–8 in der gleichen Reihenfolge wie bei Jagić. Daher vermutet Kalbfleisch Herm. LXIII 100ff., daß schon im 1. Jhdt. v. Chr. eine ähnliche Zusammenstellung existierte und das Vorbild für die unter dem Namen des Publilius Syrus gehende Spruchsammlung abgab. – Eine Μενάνδρου καὶ Φιλιστίωνος σύγκρισις gab Studemund Breslau 1887 mustergültig heraus. [84]

Neben Menander und noch mehr als dieser war Euripides seit dem 4. vorchr. Jhdt. der Lieblingsschriftsteller der griechischen Welt, für das große Publikum ebensowohl wie für die gebildeten und philosophisch interessierten Kreise, denen er als der σκηνικὸς φιλόσοφος galt (Sext. Emp. adv. gr. 288 und Athen. XIII 561 A). In den alten Sammlungen herrschte er so vor, daß man jetzt namenlos überlieferte Sentenzen mit gutem Grund ihm zuteilen kann. So findet sich das bisher nur aus Clem. Alex. strom. IV 588 bekannte frg. adesp. 116 N² in einer Wiener Hs. mit dem Lemma Εὐριπίδου. Die in späteren Zeiten gebrauchten Florilegien gehen auf eine Sammlung von Euripides-Versen zurück, die aus der Gesamtausgabe exzerpiert sind, deren Stücke nach den Anfangsbuchstaben der Dramentitel geordnet waren, v. Wilamowitz Einl. in die gr. Trag. 172. Von da kamen sie durch Vermittlung der stoischen Schule in die großen byzantinischen Florilegien (besonders Stobaios) und schließlich in unsere Fragmentsammlungen, viele tausend Verse, manch tiefsinniges Wort darunter, aber doch zum überwiegenden Teil unerfreuliche moralische Banalitäten, die aus den inhaltsarmen Distichen und Füllversen stammen, deren Zweck es ist, von einer Rede zur nächsten den Übergang zu vermitteln. Vgl. v. Wilamowitz Herakl. II² zu v. 236. Das von O. Hense Acta soc. Lips. VI 333ff. und K. Schenkl Wien. St. XI 309ff. aus dem Marcianus 407 herausgegebene Euripidesgnomologium hat mit jenem Urflorilegium gar nichts zu tun. Es ist erst in spätbyzantinischer Zeit aus einem Codex der kleineren Auswahl von Tragödien zusammengestellt worden. Wie, das kann man noch in statu nascendi aus dem Jerusalemer Palimpsest, einer solchen Hs. aus dem 10. Jhdt., ersehen, wo einzelnen Versen am Rande ω’ γν beigeschrieben ist, um sie als Sentenzen zu bezeichnen. S. Horna Herm. LXIV 418. Häufig wurden in jüngeren Hss. sentenziöse Verse auch dadurch hervorgehoben, daß sie mit roter Tinte geschrieben wurden (Horna Jahresber. Sophiengymn. Wien 1902, 24). Der Wert solcher Gnomologien ist natürlich sehr gering.

Ausgaben und Studien. Die ersten Drucke gingen hauptsächlich von der Schweiz aus. Die großen Humanisten des 16. Jhdts. haben – entsprechend den ethischen und pädagogischen Bestrebungen der Zeit – schon frühzeitig ihre Tätigkeit den griechischen Gnomologien zugewendet. Der Basler Buchhändler Johannes Froben, der 1521 in dem Büchlein Scriptores aliquot gnomici eine nach den Namen der Autoren alphabetisch geordnete Sammlung von Sentenzen und Apophthegmen veröffentlicht hatte (C. Wachsmuth Rh. Mus. XXXVII 506ff.), veranlaßte seinen Freund D. Erasmus zu einer ähnlichen Tätigkeit, so daß dieser ,Apophthegmata‘ in lateinischer Übersetzung herausgab (Opp. t. IV 84ff.). Diesem folgte Conrad Gesner, der Stobaei sententiae (Zürich 1543), ferner die Sentenzensammlungen des Antonius Melissa und des sog. Maximus Confessor (Zürich 1546) edierte, dann M. Neander, dessen Opus aureum et scholasticum (Basel 1559) den griechisch-lateinischen Text der Goldenen Sprüche [85] des Pythagoras, den Ps.-Phokylides, ein Gnomologikon und als Anhang zwei Bücher Ἀποφθέγματα ἑλληνικά, von einem Schüler gesammelt, enthielt, und Joach. Camerarius mit einem Libellus scholasticus (Basel 1550) und einem Libellus gnomologicus (Lpz. 1571). Um dieselbe Zeit veröffentlichte H. Stephanus Apophthegmata graeca (Paris 1568). Später kam Lucas Holsten, der aus dem Vat. gr. 743 in ,Demophili, Democratia et Secundi veterum philosophorum sententiae‘ Rom 1638) den Hauptvertreter der Homoeomata ans Licht zog. Apophthegmata Patrum stehen in Cotelier Ecclesiae graecae monumenta I, Paris 1677; eine Neuausgabe erschien 1923 in W. Bousset Apophthegmata. Schließlich hat die Bibliotheca graeca des I. A. Fabricius durch den unheimlichen Fleiß und die unfaßbare Belesenheit des Verfassers, wie auf allen Gebieten, so auch hier wirksam gefördert. Die erste Zusammenfassung der gedruckten Florilegien wird dem Züricher Kanonikus I. C. Orelli verdankt. Seime Opuscula Graecorum veterum sententiosa et moralia (2 Bde., Lpz. 1819 und 1821) bieten natürlich keine kritische Geschichte der Gnomologien, eine Aufgabe, deren befriedigender Lösung auch heute noch große Schwierigkeiten entgegenstehen, wohl aber eine bequeme Sammlung des bis dahin vorhandenen Materials. Dieses wurde in den nächsten Jahren vermehrt durch Boissonades Anecdota graeca (Paris 1829–1833), die nebst anderem Georgidaie gnomologium – jetzt auch Migne G. 117 S. 1057–1169 – brachten.

Die methodische Behandlung gnomologischer Probleme beginnt der junge Ritschl, der schon 1834 in seiner Habilitationsschrift De Oro et Orione (Opusc. I 582ff.) ein verwandtes Thema behandelt hatte. 1839 folgte das Bonner Universitätsprogramm Gnomologium Vindobonense (= Opusc. I 560ff.) aus Vind. theol. 128. Weit umfangreicher und bedeutungsvoller wurde auf diesem Gebiete die Tätigkeit von C. Wachsmuth, der sich sofort den schwierigen Aufgaben zuwandte, die Stobaios dem Bearbeiter bietet. Auf Vorarbeiten, die zum Teil in den ,Studien zu den griech. Florilegien‘ (Berl. 1882) wieder abgedruckt sind, folgte die Ausgabe der ersten zwei Bände Ioannis Stobaei Anthologium (Berl. 1884). Die spätern Bände III—V (1894–1912) und Appendix (1923) übernahm O. Hense. Durch dessen erschöpfenden Artikel Bd. IX S. 2549ff. ist dieses zentrale Problem aller Gnomologienforschung in der Hauptsache zum Abschluß gebracht. C. Wachsmuth fand einen Weggenossen für seine Florilegienstudien in H. Diels, dessen ältester Aufsatz: Zur Literatur der griech. Florilegien, Jahrb. f. Philol. CV (1872) sich auf Wachsmuthsche Arbeiten bezieht. In dem kurzen, aber inhaltsreichen Beitrag: Eine Quelle des Stobaeus, Rh. Mus. XXX (1875) setzte er die Entstehung des Urflorilegiums ins 1.—2. Jhdt. n. Chr. (vor Chr. bei v. Wilamowitz Einl. i. d. gr. Trag. 171 ist ein Druckfehler). Eine Preisaufgabe der Berliner Akademie über die Plutarchs Namen tragenden Placita gab die Anregung zu den Doxographi Graeci (1879), die auf einem Nachbargebiete verläßliche Grundlagen geschaffen haben. Auch für die intensivere Bearbeitung [86] eines anderen Teilgebietes hat Diels den Anstoß gegeben. 1882 veröffentlichte und besprach C. Wachsmuth in der Festschrift zur Begrüßung der XXXVI. Philologenversammlung ,Die Wiener Apophthegmensammlung‘ aus dem Vind. theol. 149, auf den Diels Rh. Mus. XXIX hingewiesen hatte. Bereits fünf Jahre später konnte Leo Sternbach in der Aufsatzreihe De Gnomologio Vaticano inedito, Wien. Stud. IX. X. XI aus dem Vatic. gr. 743 eine andere, viel reichhaltigere Fassung derselben Sammlung – 577 Stück statt 190 – veröffentlichen. Eine bedeutsame Anregung brachte der Aufsatz Freudenthals Rh. Mus. XXXV: Zu Phavorinus und der mittelalterlichen Florilegienliteratur. Eine Notiz bei Suidas, der dem Phavorinos ein Buch Γνωμολογικά zuschreibt, gibt Anlaß zu einer Prüfung der in Gnomologien überlieferten Phavorinosfragmente und zu einer ausführlichen Mitteilung über das noch unedierte hochwichtige Florilegium Paris, im Cod. Par. 1168, das als Hilfsmittel der Quellenanalyse für die in Betracht kommenden Gnomologien empfohlen wird. Die hier angeregte Untersuchung wurde gleichzeitig von Schenkl und Elter von entgegengesetzten Seiten her in Angriff genommen und führte bei beiden Forschern zu dem gleichen Ergebnis. H. Schenkl wurde durch seine Epiktetausgabe auf Florilegienstudien gelenkt: Die Epiktetischen Fragmente, (Eine Untersuchung zur Überlieferungsgeschichte der griechischen Florilegien. S.-Ber. Akad. Wien CXV (1887) 443ff. Hier wird der Nachweis erbracht, daß der Kompilator des Maximus für die profanen Sentenzen im wesentlichen eine Sammlung benützt hat, die mit dem Florilegium des Par. 1168 die größte Ähnlichkeit hat. In dem Programmaufsatz: Florilegia duo Graeca, Wien I Akad. Gymn. 1888 veröffentlichte er Φιλοσόφων λόγοι aus Par. 1166 und ⟨Αἰσώπου παραινέσεις⟩ aus Vind. theol. 128, in den Wien. Stud. XI eine sorgfältige Ausgabe des Florilegiums Ἄριστον καὶ πρῶτον μάθημα. Außerordentliche Förderung verdankt dieses dornenvolle Arbeitsgebiet den durch Jahrzehnte fortgeführten Studien Elters. Was er in seiner Doktordissertation De Ioannis Stobaei codice Photiano (188) und nachher für Stobaios geleistet hat, darüber s. Bd. IX S. 2549ff. Leider sind die meisten hierher gehörigen Untersuchungen verstreut in Bonner Universitätsprogrammen erschienen. Zunächst behandelte Elter einige Seitenzweige der gnomologischen Literatur: Sexti Pythagorici sententiae I, II, 1891—1892 der griechische Text, der seit Origenes berühmten Spruchsammlung, von der bis dahin nur die lateinische Übersetzung bekannt war, Epicteti et Moschionis sententiae 1892; Euagrii Pontici sententiae 1892/93 (so weit auch in Buchform als Gnomica I. II [1892] erschienen). Dann folgte die schon oben angeführte grundlegende Abhandlung De Gnomologiorum Graecorum historia atque origine commentatio in neun Teilen (254 Seiten) 1893—1896, dazu ein Corollarium Eusebianum 1894/95 und Ramenta, 1897. S. die gehaltvollen Besprechungen von P. Wendland in Byz. Ztschr. II 325f. und VII 445ff. Eine Ram. 12 angekündigte Geschichte der Apophthegmensammlungen ist leider nicht erschienen. Die Erhellung dieses dunklen Feldes hätte gewiß der [87] Untersuchung der Quellen des Ps.-Plutarch und vor allem des Diogenes Laertios neue Wege geöffnet (W. Gemoll Das Apophthegma, Wien 1924, verfolgt wesentlich andere Ziele). Auch die wiederholt in Aussicht gestellte Gesamtausgabe der Gnomologien, für die er ein gewaltiges Material gesammelt hatte, kam nicht zur Ausführung. Nur ein Teilgebiet fand eine erschöpfende Darstellung in den Γνωμικὰ ὁμοιώματα des Sokrates, Plutarch, Demophilos, Demonax, Aristonymos u. a.: I–V 256 + 62 S., Bonn. Kaiserprogr. 1900—1904.

Von Wichtigkeit wurden die Mitteilungen über mittelalterliche Übersetzungen. So war die schon um 250 n. Chr. von Origines c. Celsum p. 397 zitierte G.-Sammlung des Sextus Pythagoricus bis 1891 nur in einer lateinischen Übersetzung des Rufinus und aus syrischen Bearbeitungen bekannt (s. o. S. 86). Über syrische Übersetzungen s. A. Baumstark Lucubrationes Syro-Graecae in Jahns Jahr. Suppl. XXI (1894) 473–490 und V. Ryssel Neuaufgefundene graeco-syrische Philosophensprüche über die Seele, Rh. Mus. LI 529ff.. Für slawische Übersetzungen kommt außer den Arbeiten von Jagić (s. o. S. 83 und im Spomenik der serbischen Ak. XIII, Belgrad 1902), Michailov und Semenov, besonders das leider in russischer Sprache geschriebene, sehr ausführliche Werk von M. N. Speranskij in Betracht: ,Übersetzungssammlungen von Sprüchen im slawisch-russischen Schrifttum‘, Moskau 1904, 577 und 255 S., hrsg. von der kais. Gesellsch. f. russ. Gesch. u. Altertümer bei der Moskauer Universität, nach Krumbachers Urteil Byz. Ztschr. XVI 330 eine ,großartige Zusammenstellung der G.-und Spruchliteratur im slawischen Gewande. Das Werk darf niemand, der sich mit der griechischen Florilegienliteratur befaßt, unbenutzt lassen‘.

Der erst durch Krumbacher zum Range einer eigenen Wissenschaft erhobenen Byzantinistik verdankt auch die Gnomologienforschung reichliche Förderung. Die bibliographischen Notizen der Byz. Ztschr. unterrichten am bequemsten über in- und ausländische Neuerscheinungen, besonders über die zahlreichen von russischen und griechischen Gelehrten veröffentlichten kleineren Sammlungen. Von Krumbacher wurde auch ein Preisausschreiben der Münchener Akademie veranlaßt, die 1901 einen Betrag von 1500 M für eine ,bibliographisch-literarhistorische Übersicht der griechischen Gnomologien und ihrer Überlieferung‘ aussetzte. Da in mehr als vier Jahren keine einzige Arbeit einlief, wurde das Preisausschreiben nicht wiederholt. Die in der Tat auch heute noch ungeheure Schwierigkeit der Aufgabe hat Bewerber abgeschreckt. Schon die räumliche Ausdehnung der notwendigen Forschungen in den Bibliotheken von Oxford bis Jerusalem, von Moskau bis Madrid und weiter mußte entmutigen. Doch sind inzwischen von einer Reihe wichtiger Bibliotheken (Vaticana, Ambrosiana u. a.) sehr sorgfältig gearbeitete Kataloge im Druck erschienen, die diese gewaltige Arbeit einigermaßen erleichtern.

[Dieser Nachtrag ist erst ab dem Jahr 2061 gemeinfrei]

Zusatz 1 zu S. 75:

Die χρεία im antiken Sinn läßt sich in die Reihe der γνώμαι, ἀποφθέγματα, ἀπομνημονεέυματα, [88] ὁμοιώματα usw., die sich alle durch ihre äußere Form schon auf den ersten Blick voneinander untrscheiden, nicht ohne weitere einreihen, etc. etc. [89] etc.