RE:Phokylides

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XX,1 (1941), Sp. [1941 503]–510
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Phokylides.

Phokylides von Milet

Zeit und Herkunft.

Bei Suidas ist seine Blüte wie die des Theognis auf 544 v. Chr. angesetzt. Der hesiodische Inhalt einiger Sprüche läßt auch eine höhere Datierung zu (Schmid-Stählin I 1, 299). Mit Sicherheit ist für die Datierung nur frg. 4 verwertbar, das mit der Erwähnung von Ninives Fall (606) einen t. p. q. bietet. Die Herkunft aus Milet, von Phryn. p. 358 Lob. und Suidas bezeugt, wird durch die literarischen Beziehungen zu Demodokos (s. u.) bestätigt.

Form der Fragmente.

Überliefert sind 16 gesicherte Fragmente mit 34 Versen (Diehl Anth. lyr. I 58ff.). Bis auf frg. 2 umfassen die Fragmente nur einen oder zwei Verse. Frg. 1 steht im elegischen Versmaß, die übrigen im Hexameter. Frg. 1–6 sind durch die Sphragis καὶ τόδε Φωκυλίδεω gekennzeichnet. Diesen Eingangshalbvers hat P. wahrscheinlich vor jedem seiner Sprüche wiederholt. Darin muß man weniger einen Mangel an Originalität sehen, wie Geffcken Gr. Lit.-Gesch. I Anm. S. 96, 2, als ein gesteigertes Selbstgefühl, das auch bei manchen Vorsokratikern bemerkbar ist, und das Verlangen, die einzelnen Sprüche nicht in der Fülle namenloser γνῶμαι untergehen zu lassen; vgl. W. Jaeger Paideia I 256. v. Wilamowitz Glaube d. Hell. II 115. Ob die einzelnen Sprüche miteinander verbunden waren, etwa wie die Gedichte des Theognis, ist nicht auszumachen. Die meisten der erhaltenen Sätze, wenigstens die mit der Sphragis versehenen, scheinen nie mehr Verse umfaßt zu haben. Gerade die Anwendung des Siegels läßt vermuten, daß der einzelne Spruch ohne Zusammenhang mit der Umgebung für sich existieren konnte, ohne Glied eines größeren Ganzen zu sein.

Inhalt.

Die Mehrzahl der überlieferten Sprüche gibt praktische Lebensregeln allgemeiner Art (frg. 5. 6. 7. 8. 9. 13. 14. 15). Andere stellen Behauptungen auf, denen eine Mahnung folgt (2) oder vielleicht einmal gefolgt ist (10. 11. 16). Belehren wollen alle Sprüche, auch wo der Dichter in erster Person spricht und sich scheinbar an niemanden wendet (12). Damit knüpft P. an alte volkstümliche Sprüche (vgl. Suppl.-Bd. VI S. 76, 42ff.), Hesiod. op. und verlorene Lehrgedichte, wie die Hesiod zugeschriebenen Χίρωνος ὑποθῆκαι, an.

Während Theognis, der sich etwa gleichzeitig diesem γένος widmet, die Forderungen der überkommenen mutterländischen Adelserziehung vertritt, zeigt P. Tendenzen der ionischen Aufklärung und eine Abneigung gegen gewisse Werte der aristokratischen Ethik, die ihn näher zu Hesiod als zu Theognis stellen. Das lehrt ein Überblick über die Fragmente:

Frg. 1, in seiner geschliffenen Form auf das hellenistische Epigramm vorausweisend, erklärt alle Lerier für schlecht. In den beiden aufeinanderprallenden Hälften des Pentameters wird [504] der Lerier Proklees zuerst von dem Tadel ausgenommen, doch sogleich in scherzhafter Weise wiederum einbezogen. Um das Verhältnis dieser Verse zu Demod. frg. 1 (über die Unechtheit von frg. 2 vgl. Reitzenstein o. Bd. IV S. 2870, 47ff.) klären zu können, müßte man wissen, wer Proklees war. Crusius o. Bd. V S. 2271, 62 nimmt an, daß P. auf Demod. frg. 1 antworte. Schmid-Stählin I 1, 374, 8 stellt polemische Beziehungen fest, berührt jedoch nicht die Frage nach der Folge. Sind beide Fragmente echt, so ist wahrscheinlich, daß vielmehr P. mit dem Tadel der Lerier und eines ihrer führenden Bürger, Proklees, vorausging, der Lerier Demodokos darauf, vielleicht Proklees in Schutz nehmend, mit einem Epigramm (frg. 1) gegen die wie Unverständige handelnden Milesier antwortete. Die Distichen sind bewußt parallel gebaut; doch erscheint die Form eher bei Demodokos nachgeahmt als bei P. Auch könnte man Demod. 1, 2 δρῶσιν nicht nur auf das Tun der Milesier im allgemeinen, sondern auch auf P.’ dichterische Tätigkeit, auf sein Schmähdistichon im besonderen, beziehen.

Frg. 2 läßt die Weiber von Hund, Biene, Schwein und Pferd abstammen. Am Schlusse steht der Rat, ein Weib vom Stamme der Biene zu nehmen. Des Demodokos Weiberiambus (frg. 7) bringt eine Erweiterung dieser Verse (Schmid-Stählin I 1, 299, 3; vgl. v. Wilamowitz Glaube d. Hell. I 293, 1). Geffcken Gr. Lit.-Gesch. I Anm. S. 96, 2 nimmt umgekehrt Abhängigkeit des P. an.

Frg. 3 besagt, daß adlige Abkunft ohne die Gabe der beratenden Rede kein Vorzug sei. Die εὐγένεια hat also nicht absoluten Wert, ebensowenig wie der bloße κόσμος (frg. 11). Zu dieser Entwertung der nur äußerlichen Merkmale des Adels stellen sich frg. 9. 10. 12. 13, die ebenfalls die Perspektive des kleinen Mannes wiedergeben, vielleicht auch frg. 4. Das leibliche Wohl ist Vorbedingung für ἀρετή (frg. 9), diese selbst beruht nicht mehr wie früher auf Herkunft und Reichtum, sondern ist versittlicht und mit der Gerechtigkeit fast identisch (frg. 10). Wer zu menschlicher Vollkommenheit strebt, muß Leiden ertragen können (frg. 13; vgl. v. Wilamowitz Glaube d. Hell. II 115; Sappho u. Sim. 174).

Frg. 4, das hervorhebt, wie ein bescheidenes, wohlgeordnetes Städtchen dem großen, aber unverständigen Ninive überlegen war, könnte symbolisch auf das menschliche Leben gedeutet werden.

Frg. 5–8 geben Lebensregeln in hesiodischer Art. Frg. 7 wendet sich offenbar an Bauern, wenn es den wirtschaftlichen Gewinn rühmt, den fruchtbares Ackerland einbringt.

Frg. 14 fordert zu fröhlichem Plaudern beim Wein auf. Die Übereinstimmung mit Xenophanes frg. 22 D und Hesiod frg. 163 Rz. ist nicht so eng, daß man mit Schmid-Stählin I 1, 299, 4 Abhängigkeit annehmen müßte.

Frg. 16 spricht von guten Dämonen, denen böse gegenübergestellt waren (vgl. Clem. Alex. strom. V 127, 4).

Frg. 17, in Anth. Pal. dem P. gegeben, in Anth. Plan. als ἄδηλον geführt, kann aus sprachlichen Gründen nicht echt sein (s. Bergk PLG II 6 Anm. zu frg. 2 A B).

Fortleben.

[505] Frg. 10 = Theogn. 147. Sehr wahrscheinlich ist Theognis von P. abhängig. Spätere Autoren befassen sich mit wenigen Ausnahmen (Phryn. p. 358 Lob. Schol. Aristoph. Nub. 240. Suid. s. ἀπαιτέων. s. χρῆσται, die sprachliche Belege zitieren) aus inhaltlichen Gründen mit P. Isokr. or. 2, 43 erwähnt ihn zusammen mit Hesiod und Theognis und rühmt seine Lebensweisheit. Platon und Aristoteles zitieren ihn (s. Diehls App.). Horaz kennt ihn ebenfalls, wie aus ep. I 1, 53f. ∼ P. frg. 9 hervorgeht. Dion v. Prusa widmet ihm or. 36, 10ff. eine längere formale und inhaltliche Würdigung mit Betonung der moralischen Wirkung. Bisweilen wird ein Spruch des P. ohne Autorangabe als Sprichwort zitiert (frg. 10 von Aristot., frg. 12 von Alex. Aphrod.), bezeichnend für die unpersönliche Lehre.

Pseudo-Phokylides

Unter dem Namen des P. ist ein Spruchgedicht, in den Hss. als γνῶμαι oder ποίησις ὠφέλιμος bezeichnet, auf uns gekommen; es umfaßt 230 Hexameter, von denen aber einige nicht zum alten Bestande gehören.[WS 1] Es ist durch eine ‚Sphragis‘ am Anfang als Erzeugnis des P. bezeichnet: ταῦτα δίκῃσ’ ὁσίῃσι (?) θεοῦ βουλεύματα φαίνει Φ. ἀνδρῶν ὁ σοφώτατος ὄλβια δῶρα (Bernays verwarf v. 1f.) und wird spätestens am Anfang des 5. Jhdts. unter P.’ Namen angeführt. Daß es nicht von ihm herrühren könne, hat zuerst Sylburg gesagt, und heute ist über die Unechtheit kein Zweifel mehr.

1. Anlage.

Es handelt sich um ὑποθῆκαι, Moral- und Lebensregeln, die teils aphoristisch, teils mit Begründung und Ausmalung vorgetragen werden. Es liegt wohl das Bestreben vor, vom Allgemeinen zum Besonderen herabzusteigen; aber es ist nicht gut durchgeführt, und überhaupt läßt die Disposition sehr zu wünschen übrig. So steht πρῶτα θεὸν τιμᾶν, μετέπειτα δὲ σεῖο γονῆας, das man am Anfang erwarten sollte wie in den χρυσᾶ ἔπη und den alten delphischen Sprüchen (u. S. 509), erst in v. 8 nach anderen Moralregeln, die mit der Warnung vor Ehebruch und Päderastie beginnen. V. 4 gehört zu 34, 7 zu 16, 27 zu 59. Arme zu unterstützen wird v. 22f. und wieder 27–30 eingeprägt; die Warnung vor Gewalttaten v. 32ff. kehrt 57f. wieder; an die Mahnung, ein milder Gläubiger zu sein (v. 83), schließt sich die, nicht die Mutter mit den jungen Vögeln zugleich aus dem Nest zu nehmen. V. 55 gehört mit 97 zusammen (vgl. auch 118), 81 mit 69; der Rat, sich dem καιρός anzupassen (v. 121), steht zwischen Fremdartigem. V. 139 ist wohl mit 146f. zu verbinden, und der Anschluß von 140 ist nur äußerlich durch das Stichwort κτῆνος vermittelt (vgl. W. Kroll Studien 191, 12); v. 190 nimmt nur auf, was schon in 3 gesagt war; die Lehre von v. 206 war eigentlich schon in 47 enthalten, die von v. 19 gehört in die Umgebung von 223ff. Ein Widerspruch liegt vor zwischen v. 205 und 175. 195, indem dort die Ehe als πῆμα bezeichnet, hier gepriesen wird. Es ist also verfehlt, mit Bernays einen engeren Anschluß von v. 141 an 140 herzustellen, indem man aus βροτὸν βοτὸν macht. Selbst eine so leichte Änderung wie ξενίης v. 40 ist daher unsicher. – Dieser Mangel einer Disposition eignet zum Teil der Gattung (P. Friedländer Herm. XLVIII [506] 558), beruht aber auch auf mangelnder Fähigkeit des Autors und auf Kompilation seiner Regeln aus verschiedenen Quellen.

2. Jüdische Quellen (A. T.).

Daß sich unter diesen das A. T. befindet, hatte schon Sylburg bemerkt, und nach gelegentlichen Hinweisen Anderer hat Bernays Über das phokylideische Gedicht (Bresl. 1856) = Ges. Abh. I 192ff. diese Seite des Gedichtes scharf beleuchtet. Die umfassendsten und übersichtlichsten Sammlungen darüber bei Beltrami Riv. di Fil. XXXVI 411. XLI 513; das Wichtigste ist bei Diehl unter dem Text vermerkt. Diese alttestamentlichen Lehren stehen nicht zusammen, sondern verteilen sich über das ganze Gedicht: grob gesagt, sind es v. 3–39. 140–149. 170–188. 220–227, die von jüdischer Weisheit zehren; aus ihr z. B. eine so spezielle Anweisung wie die über die jungen Vögel (Deuter. 22, 7; aber auch bei Philon und Iosephos, s. u.). Aber einerseits ist auch in diese jüdischen Partien Heidnisches eingesprengt, anderseits steht v. 84f. eine jüdische Regel unter Fremdem. Die Hauptquellen sind Levit. und Deuter., ferner Prov. Sal. Besonders deutlich ist die Abhängigkeit in dem Abschnitt über das Sexualleben v. 177ff.; hier ist 179 = Lev. 18, 8. 182 = 18, 9. 183 = 18, 16. 188 = 18, 23. 190f. = 18, 22. Doch zeigt eben das letztere Beispiel, daß die Lehren der Thorah und anderer alttestamentlicher Bücher nicht rein auftreten; so steht v. 177f. die Regel, die eigene Frau nicht zu verkuppeln (öfter in Satire und populärer Philosophie: R. Schütze Iuvenalis ethicus [Greifsw. 1905] 34f.); die Ablehnung der Kastration (v. 187) kennt Philon bei Euseb. pr. ev. VIII 7. Auch fehlt gerade das spezifisch Jüdische, wie besonders der Vergleich mit Philon und Iosephos lehrt, und der Monotheismus wagt sich nicht viel weiter hervor als etwa auch bei gebildeten Heiden (s. etwa über die religiöse Grundstimmung Epiktets Bonhöffer RVV X 341). Am auffälligsten sind die θεοῦ βουλεύματα am Anfang; vgl. auch v. 11 ἢν σὺ κακῶς δικάσῃς, σὲ θεὸς μετέπειτα δικάσσει; bei εἷς θεός ἐστι σοφὸς δυνατός θ’ ἅμα καὶ πολύολβος v. 54 soll man nicht vergessen, daß εἷς ‚nur‘ heißt, und die von E. Peterson Εἷς θεός (Gött. 1926) behandelten Akklamationen fernhalten. Wenn die Mahnung παρθενικὴν δὲ φύλασσε πολυκλείστοις θαλάμοισι v. 215 Ähnlichkeit mit Sirach 7, 26. 26, 10. 42, 9 hat, so muß man doch auch an die griechische παρθένος κατάκλειστος denken (Rohde Roman 60ff. 146). Das zusammenfassende ταῦτα δικαιοσύνης μυστήρια (v. 229) könnte eine latente Polemik gegen das damals überhand nehmende Mysterienwesen enthalten sollen; doch ist diese mindestens recht schüchtern.

Ausgesprochen Christliches ist nicht vorhanden (anders Dieterich 180); v. 129 τῆς δὲ θεοπνεύστου σοφίης λόγος ἐστὶν ἄριστος verrät sich schon durch das Fehlen in MB Stob. als interpoliert. Anklänge an das N. T. sammelt Heinrici Abh. f. Weizsäcker 333; sie beruhen teils auf dem A. T., teils auf jüdischen außerkanonischen ὑποθῆκαι.

3. Jüdische ὑποθῆκαι.

In letzterer Hinsicht war wichtig der Hinweis Useners (bei Bernays Ges. Abh. I p. V), daß sich mehrfache [507] Berührungen mit der Διδαχὴ τῶν δώδεκα ἀποστόλων finden (o. Bd. V S. 392; am bequemsten jetzt bei Lietzmann Kl. Texte 6); Übersicht bei Funk XIX; s. auch Dieterich Nekyia 173ff. Sie erstrecken sich nicht nur auf die Grundlehren v. 3–5, sondern z. B. auch auf das Verbot der Abtreibung und der Kinderaussetzung (o. Bd. XI S. 463). V. 184f. (auch in den Satzungen des Privatkultes von Philadelphia: Weinreich S.-Ber. Akad. Heidelb. 1919, 56; s. Wendland Philo u. d. Diatribe 37). Vgl. ferner v. 149 mit Did. 2, 2. v. 12. 16 mit 2, 3. v. 48 mit 2, 4. v. 64 mit 3, 2. v. 42ff. mit 3, 5. v. 11 mit 4, 3. v. 22 mit 4, 8. Aber wenn zuerst die Annahme auftauchte, P. sei von der Didache abhängig, so konnte Funk das leicht widerlegen; es fehlt bei P. jeder Hinweie auf die ‚Zwei Wege‘, in die die Regeln der Didache eingebettet sind. Richtiger erwog Rendel Harris (Ausg. der Didache 1887, 46) die Möglichkeit, beide Autoren von einer früheren Moralschrift abhängig zu denken. Das wurde bestätigt durch Wendlands (Neue Jahrb. Suppl. XXII 709) Hinweis auf jüdische ὑποθῆκαι, die nicht nur auf der Thorah und kanonischen Büchern, sondern auch auf Lebensweisheit aus der heidnischen Umwelt beruhen; wir kennen sie besonders durch die Fragmente von Philons ὑποθετικά (Leisegang o. S. 49) bei Euseb. pr. ev. VIII 7 und Ioseph. c. Apion. II 188–219. Hier finden sich nicht nur der Thorah fremde Lehren wie die von v. 183f. (s. o.) und die Anweisung, unbestattete Leichname mit Erde zu bedecken und Gräber nicht zu öffnen (v. 99ff., vgl. zu allem Rossbroich), sondern auch die des A. T. scheinen durch solche ὑποθῆκαι vermittelt.

4. Griechische Weisheit.

Nun wissen wir aus mannigfachen Beobachtungen, daß vielfach eine starke Vermischung von Jüdischem und Heidnischem stattgefunden hat. Um einen Einzelfall herauszugreifen, so ist in v. 106 πνεῦμα γάρ ἐστι θεοῦ χρῆσις θνητοῖσι καὶ εἰκών der Gedanke, daß die Seele ein Lehen Gottes sei, sowohl jüdisch-christlich (z. B. bei Sext. 21, vgl. Bd. II A S. 2061) wie heidnisch (huic divino muneri ac dono Cic. Cato 40. Epikt. I 1, 12. o. Bd. VIII S. 809); aber εἰκών stammt aus Gen. 1, 27. Oft aber ist ganz deutlich, daß der Autor Gedanken der hellenischen Popularphilosophie und Lebensweisheit aufnimmt, und weite Partien seines Gedichtes sind nur von hier aus verständlich. Indem Bernays das verkannte, kam er zu einer falschen Anschauung von der Tendenz und ließ sich zu gewaltsamen Eingriffen verleiten. V. 99ff. steht eine Perikope, die sich mit den Pflichten gegen die Toten beschäftigt (s. o.); in v. 102 wird die Sektion verboten – das scheint auf Entstehung in Ägypten zu weisen – und mit dem Glauben an die Auferstehung des Fleisches begründet, der sich von Persien aus im späteren Judentum verbreitet hatte (Bousset Relig. d. Judent.³ 273. 510. Kroll De orac. chald. 61. Nock Gnom. XII 607). In diesem Zusammenhang heißt es von den Toten (v. 104) ὀπίσω δὲ θεοὶ τελέθονται. Das ist völlig unjüdisch, auch kaum christlich (anders Schürer III⁴ 618), sondern aus heidnischem Glauben verständlich; s. etwa o. Bd. VIII S. 1137ff. Suppl.-Bd. IV [508] S. 806f. Dieterich Nekyia 88. Bernays wollte θεοί in νέοι ändern und fand bei Wendland 712, 2 und Bousset 273 Zustimmung; das ist abzulehnen (Rossbroich 68; vgl. Harnack Gesch. d. altchr. Lit. II 1, 589. H. Markowski Διάταγμα Καίσαρος [Posen 1937] 47). Undenkbar im Munde eines Juden ist auch die Auffassung der Gestirne als Götter (Οὐρανίδαι 71. μάκαρες 75. Rossbroich 17).

Recht eigentlich in der Linie der populären Philosophie liegt die mehrfach auftretende Mahnung zur Genügsamkeit und Mäßigung; die Formulierung ἀρκεῖσθαι παρεοῦσι v. 6 kennen wir aus Teles. V. 44–47 steht eine ‚Diatribe‘-artige Apostrophe an das Gold (Geffcken Kynika 40), mit der man die an den Geiz Sen. benef. VII 10, 1 und an den Zorn Plut. coh. ira 10 (III 171, 18 Pohl.) vergleichen kann; s. etwa Eichenberg De Persii sat. nature (Bresl. 1905) 32f. Dazu paßt der Preis der μετριότης v. 59ff. (Mette Μηδὲν ἄγαν 1933); wenn diese sich besonders in μετριοπάθεια äußert, so schimmert peripatetisch-mittelstoisches Dogma durch. Zur Warnung vor dem Eros vgl. ‚Kynisches‘ bei Norden In Varr. sat. observ. 286; aber Ähnliches steht schon bei Menander und sonst (Herm. XXX 150, 27). An Platon erinnert die Ablehnung des Neides der Götter v. 71, an Aristoteles die Zurechnungslehre v. 51f. Vieles ist landläufige Weisheit, wie sie seit alter Zeit in Sprüchen umlief; so findet sich das καιρῷ λατρεύειν v. 121 schon bei den ‚sieben Weisen‘ (Norden 308, 1). Dem Verfasser haben ältere Sammlungen vorgelegen; ihnen verdankt er den Branchidenspruch v. 162 οὐδὲν ἄνευ καμάτου πέλει ἀνδράσιν εὐπετὲς ἔργον und die Bekanntschaft mit Theognis (gegen den er v. 49 polemisiert); vgl. v. 5: Th. 146; v. 92: Th. 115; v. 152: Th. 105f. (s. Gnomica homoiom. 6 bei Elter Progr. Bonn. 1904); v.199ff.: Th. 183ff., um abzusehen von vielen sachlichen Übereinstimmungen, die Rossbroich und Diehl vermerkt haben (z. B. v. 143: Th. 1133). Nicht selten trifft A. T. und griechische Lebensregel zusammen, so in der Mahnung zur Ehrfurcht vor dem Alter v. 220ff. – Ich erwähne als hellenischer Denkweise entsprechend noch die Mahnung, seinen Reichtum bei Lebzeiten zu genießen (v. 109ff.), ausmündend in Gedanken über die Gleichheit Aller nach dem Tode, wie wir sie z. B. bei Horat. c. II 3, 25. 14, 9 finden (Lier Philol. N. F. XVII 567; störend hier v. 115); ferner den auf die Sophistenzeit zurückgehenden Gedanken, daß die Natur (hier θεός) jedem Wesen seine Waffe verliehen habe (wo beim menschlichen λόγος gewiß die stoische Auffassung hineinspielt), v. 124ff. (Dickermann De argumentis quibusdam etc. [Halle 1909] 58. 63). Letzten Endes kynisch ist der Preis der Arbeit v. 153ff. (Wendland 712. Prächter Hierokles 64); gangbar ist die Nennung des Seefahrers und Landmannes (v. 160) als Vertreter der Berufe (Heinze De Horatio Bionis imitatore 17). Zu ὁ βίος τροχός v. 27 vgl. Brendel Röm. Mitt. XLIX 162. Der Rat, Knaben nicht zu putzen (v. 210, zusammenhängend mit 213), liegt in der Richtung der Ztschr. f. Sexualwiss. XVII 158f. besprochenen Tendenz (vgl. Muson. 116, 3 H.). Milde gegen Sklaven (v. 223ff.) wird damals oft eingeschärft (Suppl.-Bd. [509] VI S. 1041ff.). Ganz hellenistisch ist der Gedanke von v. 228 ἁγνείη ψυχῆς, οὐ σώματός εἰσι καθαρμοί (s. etwa Weinreich 64).

Man ist nach alledem nicht erstaunt, überall da, wo bequeme Lebensweisheit und -klugheit dargeboten wird, Berührungen mit P. zu finden. So konnte Weinreich, als er die Satzungen des Privatkultes von Philadelphia besprach, die Übereinstimmungen mit P. in einer Tabelle klarlegen (S. 59); so finden sich viele Lehren in den sog. delphischen Sprüchen wieder (Syll.³ 1268 mit Diels’ Bemerkungen), ebenso in den Sprüchen der sieben Weisen (Bd. II A S. 2255) und in den vielen erhaltenen Gnomologien (Suppl.-Bd. VI S. 74ff.). S. auch Dieterich 178.

5. Technik.

Über die Disposition s. o. S. 505. Zur Entfaltung dichterischer Begabung bot das γένος wenig Gelegenheit. Der Verfasser kennt die epische (und überhaupt die poetische) Sprache (v. 4. 44. 54. 63. 69. 85. 95. 99. 105. 115. 118. 125. 130. 164. 171. 185. 192. 201. 221. 224. 230. Rossbroich 14), lehnt sich an bestimmte Homerstellen an (v. 195f.) und wagt auch eigene Bildungen (v. 3. 18. 44. 56. 91. 156. 167. 174. 188f.). Bisweilen erhebt er sich durch einen gewissen Schwung über die Ebene der ὑποθῆκαι; so in der Schilderung der arbeitsfreudigen Ameisen und Bienen v. 164ff. Dem stehen gegenüber Ungeschicklichkeiten, die die Herausgeber bisweilen zu Emendationen verleitet haben, z. B. v. 9. 33. 41. 43. 51f. 53. 57. 59. 79. 94. 123; Unklarheiten wie v. 1. 139. 150. 159; grammatisch Bedenkliches (v. 45. 58. 81. 127. 138. 179. 202. 210). Wenn die Verse im Ganzen glatt fließen, so ist es der Vertrautheit des Verfassers mit der epischen Kunstsprache zu danken; er hat auch kein Mittel gescheut, um – unter Umständen auf Kosten des Stiles und der Grammatik – leidliche Hexameter zustande zu bringen. Die Metrik entspricht, was die Zäsuren und Häufigkeit der Spondeen angeht, etwa dem manethonischen Gedicht (o. Bd. XIV S. 1102. Rossbroich 3). Hiate, auch schwere, finden sich mehrfach (z. B. v. 110), und man wird sie nur zum Teil der Überlieferung zur Last legen.

6. Tendenz und Zeit.

Bernays’ These, daß der Verfasser Propaganda für das Judentum machen wollte, ist heute allgemein aufgegeben; vgl. besonders M. Rossbroich De Pseudo-Phocylideis, Münster 1910. Er vermittelt Lebensweisheit, die einiges aus dem A. T. aufgenommen hat, aber sich gut in den Rahmen der hellenistischen Moral einfügt. Schrieb der Autor in Ägypten (o. S. 507), wofür man auch φάρμακα μὴ τεύχειν, μαγικῶν βίβλων ἀπέχεσθαι v. 149 geltend gemacht hat (kaum mit Recht), so ist die Mischung von Jüdischem und Hellenischem noch weniger verwunderlich als sonst. Daß er Essener gewesen sei, wie Beltrami (Riv. XLI 543) behauptet, ist ausgeschlossen; er erkennt ja Ehe, Eid und Sklaverei an (Suppl.-Bd. IV S. 386ff.). Was die Zeit anlangt, so entschied sich Wendland für das 1. Jhdt. n. Chr. ‚Vor Mitte des 2. Jhdts., evtl. viel (!) älter‘. Harnack ‚80 bis spätestens 130 n. Chr.‘. Dieterich 183 (der einen ägyptischen Christen für den Verfasser hält). Abzulehnen ist die Datierung auf Grund der angeblichen Abhängigkeit des v. 8 von Ps.-Pyth. [510] 1 (Prächter); denn die Regel, erst die Götter und dann die Eltern zu ehren, stand im Grunde schon in den alten delphischen Sprüchen (Diels Syll. III p. 392; s. etwa Cic. p. Planc. 29). Mir erscheint ein Ansatz zwischen J. 50 und 150 n. Chr. am glaublichsten. Zustimmend zu Bernays Mommsen RG V 493. – Zu dem Verbot von v. 100 μὴ τύμβον φθιμένων ἀνορύξῃς μηδ’ ἀθέατα δείξῃς ἠελίῳ καὶ δαιμόνιον χόλον ὄρσῃς sind Äußerungen aus Grabschriften zu vergleichen, die A. Wilhelm Anz. Akad. Wien LXXIII (1936) 63 sammelt. Es zeigt sich, daß ἀνορύττειν der beinahe technische Terminus dafür ist. Einen Beleg liefert eine Inschrift aus Hermupolis (Perdrizet Mél. Bidez 719. Wilhelm 59) v. 23 μηδὲ κατορύξαντ’ αὖθις ἀνορύττειν πάλιν, μιᾷ δὲ καὶ μόνῃ με περιβαλεῖν ταφῇ.] Die zugrunde liegende Anschauung ist allgemein; vgl. nefas videre Horat. epod. 16, 14. Paul. sent. I 21, 4 qui corpus … nudaverit et solis radiis ostenderit, piaculum committit (Cumont Revue hist. CLXIII 259, 1).

7. Nachleben.

Das Gedicht fand wegen des Anklanges an die Bibel, aber auch wegen seiner leichtverständlichen Spruchweisheit in verschiedenen Kreisen Beachtung. Ein erheblicher Teil (v. 5–79) wurde in einen Zweig der Überlieferung von Or, Sib. II als v. 56–148 aufgenommen, aber mit Interpolationen biblischer Herkunft – über diese Dieterich 183 – stark durchsetzt (Nachweise unter Geffckens Text; s. u. Bd. II A S. 2149. 2151 und z. B. Rendel Harris 40); von hier ist v. 31 in schlechte Hss. des P. gewandert, auch die Wiederholung von v. 69 b hinter 35 in BM beruht auf dem Einfluß der Sibyllinen. Einige Erwähnungen finden sich in grammatischer Literatur (Scholien, Etym. M.), die v. 111–113. 125–130 Anf. 5. Jhdt. bei Stobaios (Bd. IX S. 2549. 2567. 2577). Von der Benutzung des Gedichtes zeugen auch die Interpolationen, die sich alle dadurch verraten, daß sie nur in einem Teil der Hss. stehen: v. 31. 37. 87 nur in dett., (21 in BP vor 132 wiederholt), 129 in VP, 16. 116f. 144–146 (vielleicht echt). 155. 218 in V. Daß darüber hinaus Einschübe stattgefunden haben, wie z. B. Bousset 273 annimmt, ist bei der Anlage des Gedichtes möglich, ein Beweis aber nicht zu führen.

Das Interesse des Mittelalters beweist die verhältnismäßig gute und reiche Überlieferung; wir besitzen Hss. vom 10. Jhdt. an, von denen vier für die Recensio genügen. W. Kroll Rh. Mus. XLVII 457, dessen Vergleichungen von Rossbroich und von Diehl in Anth. lyr. I 2² (noch nicht in 1. Aufl.) 96 benutzt sind (vgl. p. II). Diese Ausgabe ist allein brauchbar; die für ihre Zeit verdienstliche von Bergk PLG II⁴ (1882) 74–109 ist dadurch überholt.

8. Literatur.

Ältere Abhandlungen, die heute wertlos sind, nennt Bernays passim. Weiteres bei Susemihl II 639. Schürer Gesch. d. jüd. Volkes III⁴ (1909) 621ff. Schmid-Stählin II⁶ 621. Überweg-Prächter¹² 571. 180. Über A. Ludwich Zwei Königsb. Progr. 1904 s. Kroll Berl. Phil. Woch. 1905, 241. (Zuletzt A. Kurfeß Ztschr. f. neutest. Wiss. XXXVIII [1939] 171ff.)

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Siehe deutsche Übersetzung von Paul Rießler: 45. Phokylides. Mahngedicht. In: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. Filser, Augsburg 1928, S. 862–870.