RE:Amphiaraos

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 18861893
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Amphiaraos (ionisch Ἀμφιάρηος Hom. Od. XV 244 [Zenodot]. Pind. N. IX 13, Dativ Ἀμφιάρῃ v. 24. Herod. I 46; Ἀμφιάρεως episch [Homer Ἀμφιάρεω ἐξελασίη] und attisch; Ἀνφιαράου IGS 3499 Z. 28/9; Ἀφιέρεως auf einer Vase, Jahn Arch. Beiträge 441; Ἀμφιέραος IGS I index S. 760; Kurzformen Ἄμφις Etym. Magn. p. 93, 51, vielleicht Ἄμφιος s. d.; vgl. Fick Griech. Personennamen 10), ein chthonischer Gott des vorgeschichtlichen [1887] Griechenlands, als wahrsagender Heros bis ins späteste Altertum verehrt, als Seher und Held besonders im argivisch-thebanischen Sagenkreise gefeiert. Merkwürdigerweise sind sowohl sein Kultus wie seine Mythen sicher nur in der Peloponnes und in Mittelgriechenland nachweisbar, nur nach Byzanz ist er übertragen (Nicol. Damasc. frg. 68, FHG III 408 lässt ihn von einer Sibylle an Kroisos Scheiterhaufen nennen). Es ist im Osten und Westen an seine Stelle Amphilochos (s. d.) getreten, sein Sohn, im Namen und Wesen mit ihm fast identisch. Im troischen Kreise erscheint A. so gut wie gar nicht (vgl. Amphios), auch sein Doppelgänger Amphilochos scheint in Asien zu wenig bedeutend gewesen zu sein, als dass er sich in der eigentlichen troischen Sage eine irgend hervorragende Stellung hätte erobern können.

A. Kulte des Amphiaraos.

a) In der Peloponnes: 1) in Sparta am Wege Ἀφέτα notiert Paus. III 12, 5 ein Heroon des A.; 2) in der Stadt Argos ein Hieron, Paus. II 23, 2; II 37, 5 erwähnt er eine Quelle des A. bei Lerna; 3) in Phleius scheint das stets verschlossene Haus hinter dem Markte, wo A. über Nacht die Sehergabe empfangen haben soll (Paus. II 13, 7), auf eine religiöse Beziehung zu A. zu deuten. Dass A. auch im benachbarten Kleonai einen Totenkult hatte, ist vielleicht aus der vereinzelten und sonst unverständlichen Notiz im Schol. Pind. Ol. VI 21 abzunehmen, er sei bei Kleonai von der Erde verschlungen. Unger Paradoxa Thebana 412f. will Κνωπίαν für Κλεωνάς schreiben; 4) der Heroenkult des A. in Byzanz (Hesych. Miles. FHG IV 149, 16) ist aus der Peloponnes übertragen.

b) In Mittelgriechenland: 5) Alle übrigen Kultstätten des A. hat sein Heiligtum bei Oropos durch Grösse, Ruhm und Einfluss überflügelt. Paus. I 34. Hier wurde A. als Gott verehrt (vgl. Pind. Pyth. VIII 40. Sophokl. El. 840 νῦν ὑπὸ γαίας πάμψυχος ἀνάσσει. Herakleides FHG II 256, 6. Cic. de divin. I 88), wie der römische Senat 73 v. Chr. ausdrücklich anerkannt hat, SC Ἐφημ. ἀρχ. 1884, 97 bis. Hier erteilte A. Traumorakel und gewährte Heilung von früher Zeit bis ins späte Altertum; s. Amphiareion S. 1896f. Grosse Spiele wurden ihm hier gegeben, s. Amphiaraia. Zweifellos auf dies oropische Heiligtum ist die ungenaue Angabe bei Pomp. Mela II 46 = Solin. 7, 24 zu beziehen, obgleich er es zusammen mit der Statue der Nemesis von Pheidias in Rhamnus erwähnt. 6) Bei Potniai auf dem Wege von Plataiai nach Theben erwähnt Paus. IX 8, 3 Trümmer eines kleinen Tempelbezirkes und fügt hinzu, hier habe die Erde den A. verschlungen. Prellers Schluss (Ber. d. sächs. Ges. d. W. 1852, 167), dass dies Heiligtum das von Kroisos befragte und beschenkte (Herod. I 46. 49. 52) gewesen sei, da Herodot die Weihgeschenke des Kroisos an A. im Tempel des ismenischen Apollon in Theben gesehen hat, ist von Boeckh (Pind. vol. III p. 314) und von Wilamowitz Herm. XXI 104 widerlegt. Der Vermutung O. Müllers (Orchomenos² 144) auf Grund von Herod. VIII 134, in Theben habe es ein Orakel des A. gegeben, widerspricht die Thatsache, dass jede religiöse Verbindung zwischen Theben und [1888] A. ausgeschlossen war (Herod. a. a. O.). 7) Aus Knopia in der Thebaike ist das Amphiareion nach Strab. IX 404 nach Oropos übertragen. 8) Bei dem boiotischen Harma zwischen Theben und Chalkis erwähnt Strabon IX 404 ein ἱερὸν Ἀμφιαράου. Orakel hier nur spät bezeugt; Stellen bei Unger Parad. Theb. 164. Die Annahme eines A.-Heiligtums im attischen Ἅρμα (O. Müller Orchomenos² 475) beruht auf Missverständnis von Strabon IX 404f. Unger Parad. Theb. 411ff. und v. Wilamowitz Herm. XXI 105 erkennen in ganz Mittelgriechenland überhaupt nur ein Heiligtum des A. und zwar bei Oropos an. Steph. Byz. s. Κορόπη aus dem Schol. Nikand. Ther. 614 ist nicht verwendbar.

Von dem marmornen Kultbilde des A. im Tempel bei Oropos (Paus. I 34, 3) ist durch Münzen von Oropos (Overbeck Her. Gallerie VI 10. Imhoof-Blumer u. Gardner Journal of Hellenic studies VIII 49) und durch eine im Amphiareion ausgegrabene kopflose Statue und ein Relief (Πρακτικά 1887, 62) die Vorstellung gewonnen, dass es dem Asklepiostypus ähnlich war. A. stützt sich wie dieser auf einen schlangenumwundenen Stab. Auf dem Relief steht neben ihm Ὑγίεια, über ihnen bläst Pan die Flöte. Ὑγίεια ist mit A. auch verbunden in den Weihinschriften Ἐφημ. ἀρχ. 1885, 102 nr. 4. 106 nr. 6.

B. Geschlecht.

A. gilt als Nachkomme des sagenberühmten Sehers Melampus (Hom. Od. XV 225ff. Stesich. frg. 17). Sein Stammbaum bei Diod. IV 68, 4. Paus. II 18, 4. Schol. Theocr. III 43. Schol. Aischyl. Sept. 551. Schol. Eurip. Phoin. 173. In der älteren Tradition stehen als seine Eltern fest Oikles und Hypermnestra, des Thestios Tochter, Pind. Pyth. VIII 39. Aisch. Sept. 609 u. a. Spät und vereinzelt wird Apollon sein Vater genannt (Hyg. fab. 70. 128), unter dessen Schutz er schon frühe als Seher gestellt war, Od. XV 245, vgl. Stat. Theb. VII 692ff. u. s. w. Φορωνείδης heisst A. als Argiver (Paus. VII 17, 7), Πύλιος, weil sein Ahn Melampus aus Pylos stammte, Ἀθηναῖος (Clem. Alex. Strom. I 144 S.) als Gott von Oropos.

Des A. Gemahlin ist Eriphyle, seine Söhne Amphilochos, Alkmaion nach Od. XV 248 u. a., während der homerische Vers bei Athen. VII 317a (Bergk PLG⁴ II 139) nur Amphilochos anzuerkennen scheint (Bethe Theban. Heldenl. 57, 16), ferner in römischer Überlieferung Tiburtus, Coras, Catillus, die Gründer von Tibur (Plin. n. h. XVI 237. Solin. 2, 8; vgl. Verg. Aen. VII 670. Horat. Od. I 18, 1. II 6, 5); seine Töchter sind Eurydike und Demonassa auf dem Kypseloskasten (Paus. V 17, 7) und dem korinthischen Krater in Berlin nr. 1655; Demonassa auch genannt in den Epigoni des Attius (nach Sophokles) frg. 11 Ribb.; nach dem Epiker Asios noch Alkmene (Paus. V 17, 7), nach Plut. quaest. Graec. 23 Alexida, deren Abkömmlinge die Epilepsie abwehrenden Ἐλάσιοι des argivischen Volksglaubens seien.

C. Sagen.

Die Sagen des A. sind in Argos und bei Theben localisiert. Ausser diesen Sagenkreisen wird A. nur erwähnt: 1) als Sieger im Wettlauf bei den Leichenspielen des Pelias von Stesichoros in den ἆθλα frg. 3; 2) als Argonaut von Deilochos im [1889] Schol. Apoll. Rhod. I 139. Apd. bibl. I 9, 16, 8. Schol. Pind. Pyth. IV 337; 3) als kalydonischer Jäger im Giebelfelde des Athenatempels zu Tegea von Skopas dargestellt (Paus. VIII 45, 7. Apd. bibl. I 8, 2, 4. Hyg. fab. 173).

I. Argivische Sagen. a) Ihre älteste Gestaltung scheint die zu sein, welche gleichlautend und sich ergänzend hauptsächlich bei Pind. N. IX, Herod. V 67 und Menaichmos von Sekyon in Schol. Pind. N. IX 30 vorliegt (vgl. Paus. ΙΙ 6, 6. Schol. B Il. II 572. Serv. Aen. VI 480). Diese Zeugnisse ergeben folgende einheitliche Erzählung: Von den drei in Argos herrschenden Geschlechtern (ihre Vorgeschichte bei Diod. IV 68, 4. Apd. bibl. I 9, 12, 8. Paus. II 18, 4) verbinden sich die Anaxagoriden und Melampodiden gegen die Biantiden, und zwar gegen die Söhne des Talaos und der Lysimache (so Menaichmos, Λυσιάνασσα Paus. II 6, 6, Λυσίππη Schol. Plat. Republ. 590a), der Tochter des Polybos von Sekyon, Pronax, Adrastos u. s. w. Der Melampodide A. ist der Führer, er erschlägt den Pronax (das folgt aus einer Darstellung des amyklaeischen Thrones, Paus. III 18, 12; s. Bethe Theb. Heldenl. 49). Adrastos flieht zum mütterlichen Grossvater Polybos nach Sekyon. Dieser, kinderlos, vererbt ihm sein Reich. So zu Macht gelangt kehrt Adrastos in sein väterliches Argos zurück, seine früheren Feinde müssen mit ihm Verträge schliessen. A. heiratet des Adrastos Schwester Eriphyle unter der Bedingung, die sich aus dem anschliessenden Bericht des Schol. Pind. N. IX 35 und des mythologischen Handbuches (Diod. IV 65, 5. Schol. Od. XI 326. Apd. bibl. III 6, 2) ergiebt, nämlich, dass beide schwören, sich Eriphylens Schiedsspruche zu unterwerfen, sollte wieder ein Streit zwischen ihnen entstehen. Diesen bringt der Plan des Adrastos, seinem Schwiegersohn Polyneikes die väterliche Herrschaft über Theben zu erobern. Adrastos besticht seine Schwester durch ein goldenes Halsband, A. muss gehorchen und findet wie die anderen seinen Tod vor Theben. Ausser den angeführten Stellen s. Hyg. fab. 73. Schol. Od. XI 326. Da diese einheitliche Geschichte sich um A. und seine Teilnahme am Kriege wider Theben dreht und sie bereits bei Pindar und Herodot, aber unabhängig von diesen auch bei Mythographen erscheint, also wahrscheinlich in einem Epos niedergelegt war, so ist sie für die homerische Ἀμφιάρεω ἐξέλασις in Anspruch genommen worden, s. Bethe a. a. O. 43ff.

b) Ebenso wie diese zeigt eine andere mit ihr in der vorliegenden Form engverbundene Sage einen feindlichen Gegensatz des argivischen A. zu nördlichen Heroen: am amyklaeischen Throne (Paus. III 18, 12) war A. im Kampfe mit Lykurgos, dem Sohne des Pronax, dargestellt (vgl. Stat. Theb. V 660. Jahn Ber. d. sächs. Gesellsch. d. W. 1853, 21. Bethe a. a. O. 49, 11), und Adrastos und Tydeus bemüht, sie zu trennen. In der dritten Hypothesis zu Pindars Nemeen und bei Aelian var. hist. IV 5 wird Pronax als der genannt, zu dessen Ehren die nemeischen Spiele eingerichtet seien; ebenso ist Lykurgos, sein Sohn, in Nemea localisiert (vgl. Paus. II 15, 3 u. a.); Adrastos aber gehört durchaus nach Sekyon. Ihr Feind ist der Argiver A.

c) Auch in den anderen Stiftungssagen der [1890] nemeischen Spiele ist A. stets als einer der Helden genannt, die hier zuerst Agone gefeiert haben. In ihren reichen Ausgestaltungen tritt A. als Seher besonders hervor (Aischylos Nemea-Hypsipyle(?). Euripides Hypsipyle. Hypotheseis zu Pindars Nemeen. Paus. II 15, 2. Apd. bibl. III 6, 4. Hyg. fab. 74. Stat. Theb. V. VI); somit sind enge Beziehungen des A. zu Nemea gesichert.

d) Fast ganz verwischt sind die eigentümlichen Züge argivischer Localsage in einer zweiten, jüngeren Version über den Auszug des A. Eriphyle ist nach Schol. Od. XI 326 Tochter des Iphis, und offenbar als ihr Vater rät dieser bei Apollodor bibl. III 6, 2, 2 dem Polyneikes, sie durch das Halsband der Harmonia zu bestechen, damit A. zur Teilnahme am Kriege gegen Theben gezwungen werde. Nach Hygin fab. 73 hielt sich A., der den tötlichen Ausgang dieses Zuges voraussah, in seinem Hause verborgen; vgl. Schol. H zu Od. XV 246. Stat. Theb. III 572. Serv. Aen. VI 445. Mythograph. Vatican. I 152. 151. Diesen Versteck verrät sein Weib Eriphyle, und so kann sich A. der Heeresfolge nicht entziehen. Seinem Sohne Alkmaion (Schol. Od. XI 326) oder seinen Söhnen (Apd. III 6, 2, 6; vgl. 7, 5, 1. Attius Epigoni frg. 4 Ribb.) gebietet er, seinen Tod an dem verräterischen Weibe zu rächen. Hom. Od. XV 243ff. XI 326. Soph. El. 836 mit Schol. Plat. Republ. IX 590a. Ephoros XXX frg. 155. Cic. Verr. IV 39. Verg. Aen. VII 671.

II. Thebanische Sagen. a) Die Hauptthat des A. vor Theben ist die Besiegung des Thebaners Melanippos. Es unterscheiden sich auch für diese zwei Formen: α) Nach Herodot V 67 hat Melanippos von Theben, des Astakos Sohn, den Mekisteus, Bruder des Adrastos, und dessen Schwager Tydeus erschlagen. Pausanias IX 18, 1 fügt derselben Erzählung hinzu, Melanippos sei von A. getötet worden. Daran schliesst eng die wohl mit Recht dem Pherekydes zugeschriebene Geschichte an, die im Schol. ABTw Il. V 126 und Schol. Pind. N. X 12 erhalten ist: A. besiegt den Melanippos, der eben den Tydeus tötlich verwundet hat, und wirft dem Tydeus auf seine Bitte das Haupt des Thebanerhelden zu, dem dieser in wildem Hasse das Hirn ausschlürft; Athena im Begriff, ihm die Unsterblichkeit zu bringen, wird durch diesen Greuel verscheucht. Vgl. Schol. Pind. N. XI 43. Bakchyl. frg. 54. Soph. frg. 731 (vgl. Welcker Ep. Cykl. II 364, 105). Lykophr. 1066. Dosiades Ara 17. Die Version dürfte mit der unter C I a behandelten Sage zusammengehören und ist deshalb vermutungsweise demselben Epos zuerteilt worden, Bethe a. O. 59f. β) Anders ist die Sage bei Apd. bibl. III 6, 8, 3 gewandt: dem von Melanippos zu Tode getroffenen Tydeus will Athena das φάρμακον der Unsterblichkeit bringen. Der Seher A. sieht die Göttin und aus Hass gegen seinen Todfeind Tydeus, der die Argiver und ihn selbst in den Krieg gegen Theben getrieben, wirft er diesem, um die göttliche Gnade zu vereiteln, den Kopf des Melanippos zu, an dem dieser sich tierisch vergeht; so empört er Athenen gegen sich und geht der Unsterblichkeit verlustig. Den Melanippos aber hatte nicht A., sondern Tydeus selbst erschlagen. Vgl. Stat. Theb. VIII 715–765, wo Kapaneus an Stelle des als absolut fromm geschilderten A. getreten ist. Diese jüngere Umformung [1891] setzt Feindschaft zwischen Tydeus und A. voraus. Da Aischylos diese kennt (Sept. 552ff. 365f.), so dürfte diese Version älter als das 5. Jhdt., also wahrscheinlich episch sein. Sie ist für das Epos Thebais vermutet worden (Bethe 76ff.).

b) Über den Tod des A. vor Theben ist die Überlieferung merkwürdig einheitlich, was mit Recht dadurch erklärt wird, dass ein altes Epos die Form endgiltig festgestellt hat. Pindar N. IX 24: „aber dem A. spaltete Zeus mit allgewaltigem Blitzstrahle die tiefbusige Erde, barg ihn in ihre Tiefen mit seinem Wagen, ehe des Periklymenos Speer seinen Rücken durchbohrt und seine Kriegsehre geschändet.“ Nach dem auffallend übereinstimmenden Berichte Apollodors III 6, 8, 4 floh A. am Ismenos (vgl. Paus. IX 9, 2) entlang, und mit ihm wurde sein Wagenlenker Βάτων oder Ἐλατωνός verschlungen (Paus. II 23. 2). Vgl. Pind. Ol. VI 14; N. X 8. Aischyl. Sept. 588. Soph. El. 837; frg. 873 (vgl. Welcker Gr. Trg. I 271). Eurip. Suppl. 925 (Prop. III 34, 39. Ovid. ex Ponto III 1, 51). Diod. IV 65, 8. Hyg. fab. 71. 73. Stat. Theb. VII 690–823. Über die Rosse des A. s. Antimachos bei Schol. Pind. Ol. VI 21. Euphorion frg. 19 bei Steph. Byz. s. Ἀσβώτιος. Stat. Theb. IV 215. VI 326.

Was den Ort der Niederfahrt des A. betrifft, so wird jede Kultstätte des A. in der Γραική den Anspruch erhoben haben, die Stätte des Wunders zu sein. Genannt werden folgende Orte: 1) zwischen Potniai und Theben, Paus. IX 8, 2; 2) bei dem Dorfe Harma zwischen Theben und Chalkis, das seinen Namen vom Wagen des A. herleitete, da, ὅπου νῦν ἐστὶ τὸ ἱερὸν αὐτοῦ (Strab. IX 404. Paus. I 34, 2. IX 19, 4. Τρισίμαχος [Lysimachos? FHG III 337] ἐν τρίτῳ κτίσεων bei Plutarch parallel. min. 6. Steph. Byz. s. Ἅρμα; 3) bei Oropos im Amphiareion, Strab. IX 399 (Sophokles frg. 873 N.). Schol. Pind. Ol. VI 21. 23.

D. Litterarische Behandlungen.

Die argivisch-thebanischen Sagen des A. haben sicher zwei alte Epen behandelt: die homerische (Homervita des Ps.-Herodot § 9. Suid. s. Ὅμηρος) Ἀμφιάρεω ἐξελασίη und die kyklische Θηβαίς. Nicht so ganz wie in jenem Liede scheint A. in der Thebais den Mittelpunkt gebildet zu haben; wie sehr er jedoch auch hier gefeiert war, lehrt schon ihr von Pindar Ol. VI 23 wörtlich übernommener, auch von Sophokles Oidip. Colon. 1314 citierter Vers (s. Asklepiades in Schol. Pind. Ol. VI 15) ἀμφότερον μάντις τ’ ἀγαθὸς καὶ δουρὶ μάχεσθαι. Vgl. Hom. Od. XV 244f. Vielleicht hat die hesiodische Μελαμποδία auch von A. erzählt (? vgl. frg. 194. 196 Rz.), sicher der Epiker Asios (Paus. V 17, 8). Stesichoros hat in seiner Ἐριφύλη, wie aus dem Titel und den 2 Fragmenten (16. 17 Bgk.) zu schliessen, ihren Verrat an A., den Krieg und Untergang der Sieben und wenigstens von ihrem Sohne Amphilochos erzählt. Wie aber Stesichoros die Eriphyle aufgefasst hat, ist trotz Schleiermachers (zu Plat. Republ. 608) geistreicher Hypothese (vgl. Welcker Ep. Cyklus II 392) gänzlich unklar. Hekataios frg. 340 bei Aelian. nat. hist. XIII 22. Entgegen dem gewöhnlichen Verlaufe wird A., der in den älteren Sagen zwar als Seher und Held, aber doch menschlichen Leidenschaften und Schwächen durchaus unterworfen erscheint, allmählich mit dem steigenden Ansehen [1892] seines Kultes und Orakels immer höher erhoben. Schon Pindar N. IX 27 fügt dem Bilde des vor Periklymenos fliehenden A. entschuldigend hinzu ἐν γὰρ δαιμονίοισι φόβοις φεύγοντι καὶ παῖδες θεῶν; Pyth. VIII 40ff. ist A. Gott. Aischylos (Sept. 570ff. 380ff.) preist ihn im Gegensatz zu Tydeus als den friedfertigen, aber tapferen Seher und Helden vor allen. Als milden Weisen hat ihn Euripides in der Hypsipyle (frg. 757) dargestellt. Sophokles El. 831 καὶ νῦν ὑπὸ γαίας (A.) πάμψυχος ἀνάσσει. Tragödien A. werden genannt von Karkinos (Arist. Poet. 17 p. 1455a 26) und Kleophon (Suid. s. v.). Ἀ. σατυρικός: Sophokles frg. 109–117. A. ist auch Titel mehrerer Komödien: des Aristophanes, Platon, Apollodor von Karystos, Philippides (Kock frg. com. I 396. 604. III 280. 302). Wie Antimachos in seinem Epos Θηβαίς die Sage behandelt hat, ist gar nicht erkennbar; auch ist es zweifelhaft, ob er überhaupt auf ihre Gestaltung wesentlichen Einfluss geübt hat. Dem Schol. Stat. Theb. III 466 dicunt (Statium) ista omnia ex Graeco poeta Antimacho deduxisse ist nicht zu trauen. Für uns am deutlichsten tritt das Bestreben, den A. zu erheben, bei Statius hervor, in dessen Thebais er eine Hauptrolle spielt. Statt den A. mit Lykurgos, wie die alte Überlieferung (so am amyklaeischen Throne, Paus. III 18, 7) in Kampf geraten zu lassen, vertauscht er V 660 die Rolle des A. mit der des Tydeus; VIII 746 lässt er durch Kapaneus dem Tydeus das Haupt des erschlagenen Melanippos zur Befriedigung seiner wütigen Rache bringen statt, wie bei Apollodor, durch A.; endlich hat er VII 690ff. eine Aristeia des von Apollon persönlich unterstützten A. eingelegt und lässt ihn mitten im Siegeslauf von der Erde verschlungen werden, 770ff. Vgl. Philostrat imag. I 27.

E. Bildliche Überlieferung, gesammelt von Overbeck Heroische Gallerie 91ff., Taf. IIIff. Dargestellt sind: 1) Auszug auf dem Kypseloskasten (Paus. V 17, 4), entsprechend auf dem korinthischen Krater in Berlin nr. 1655, Mon. d. Inst. X 4. 5 = Wien. Vlgbl. 1889 Taf. 10 = Baumeister Denkm. S. 67; vgl. Robert Bild u. Lied 14. Pernice Arch. Jahrb. III 366. 2) A. ‚in Beratung‘ mit Adrastos u. s. w. auf einem Skarabäus und einem etruskischen Spiegel, Welcker Ep. Cykl. II 332; vgl. O. Jahn Arch. Aufsätze 152. 3) A. mit Lykurgos in Streit geraten, von Adrastos und Tydeus getrennt am amyklaeischen Throne (Paus. III 18, 12). Danach von O. Jahn Ber. d. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1853, 21 einige Vasenbilder gedeutet, die jedoch von Klein Verhdlg. Philologen-Vers. Innsbruck 1874, 152ff. (vgl. Robert Bild u. Lied 213) auf den Streit des Aias und Odysseus um die Waffen Achills bezogen sind. Es dürfte für beide Scenen derselbe Typus verwendet worden, also eine Entscheidung in jedem Falle nicht möglich sein. 4) Die Sieben in Nemea (Archemoros etc.), Wiener Vorlegeblätter 1889 Taf. 11. 5) A. Niederfahrt, Wiener Vorlegeblätter 1889 Taf. 11. Robert Sarkophagreliefs II 193 Taf. 40. Brunn-Körte Relievi delle urne Etrusche II 68. 70–73, Taf. 24, 8. 25. Am Heroon von Gjölbaschi-Trysa Benndorf Heroon v. Gjölb. 197, Taf. XXIV A 5. Die Tübinger (Tuxsche) Bronze ist nicht der Wagenlenker des A., nach Hauser Arch. Jahrb. [1893] II 95 überhaupt kein Wagenlenker. 6) A. bei der kalydonischen Jagd im Giebelfelde des Athenatempels zu Tegea von Skopas, Paus. VIII 45, 7. 7) Kultbild s. o. unter A. Statue des A. in Athen auf dem Markte, Paus. I 8, 2; in Gruppe mit den Sieben in Delphoi von Aristogeiton und Hypatodoros (vgl. Robert Herm. XXV 412) Paus. X 10, 3, in Argos Paus. II 20, 5.

Litteratur: Eckermann Melampus 41ff. Unger Paradoxa Thebana 162. 409ff. Welcker Episch. Cyklus² II 320ff. Bethe Thebanische Heldenlieder 42ff. 76ff.

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 71
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     S. 1887, 49ff. zum Art. Amphiaraos:

Das von Pomp. Mela II 46 = Solin. 7, 26 erwähnte Heiligtum des A. in Rhamnus ist von Staïs im Auftrage der griechischen archäologischen Gesellschaft 1891 ausgegraben worden. Der ursprüngliche Inhaber des Heiligtums scheint der auch in Marathon verehrte Aristomachos (vgl. Bd. II S. 944 Nr. 4) zu sein. Eine dem 3. Jhdt. angehörige Inschrift (Δελτίον 1891, 116 nr. 14) gilt Ἀριστομάχῳ Ἀμφιεράῳ. Zwei kleine Köpfe aus dem Ausgang des 6. und der zweiten Hälfte des 5. Jhdts., letzterer abgebildet von Reisch Festschrift für Benndorf 147, werden eher Aristomachos als den ihm wesensgleichen A. darstellen (vgl. Reisch a. a. O. S. 146). Litteratur: Staïs Δελτίον 1891, 98. Πρακτικά 1891, 17. A. Körte Athen. Mitt. XVIII 1893, 252. Reisch Festschrift für Benndorf 140ff.