RE:Atthis 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 21802183
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3) Atthis (FHG I LXXXI–XCI. 359—420. IV 645—648. v. Wilamowitz Aristoteles u. Athen I 8) ist der hergebrachte Name für die Annalistik Athens. Hellanikos hat ihn noch nicht angewandt (Thuk. I 97, 2 ἐν τῇ Ἀττικῇ ξυγγραφῇ Ἑλλάνικος), wahrscheinlich aber schon Kleidemos; [2181] so erklärt sich wenigstens, weshalb Pausanias X 15, 5 ihn mit Übergehung des Hellanikos den ältesten nennt ὁπόσοι τὰ Ἀθηναίων ἐπιχώρια ἔργαψαν τὰ ἀρχαιότατα; Demetrios von Skepsis und Apollodor kennen ihn als den officiellen (Strab. V 221. IX 392 οἰ τὴν Ἀτθίδα συγγράψαντες). Die Verwendung des Hypokoristikons von Ἀθηναίς für athenisch ist schon für das 5. Jhdt. sicher (v. Wilamowitz Aristot. u. Athen II 36), und der Gebrauch als Titel = Ἀτθὶς συγγραφή) ist mit den Titeln, die einzelne Monographien des Hellanikos erhielten, Ἀσωπίς Ἀτλαντίς Φορωνίς zusammenzustellen, die wiederum bewusste Wiederholung von Epentiteln wie Φωκαΐς Φορωνίς sind.

Während in dem unpolitischen Stillleben Ioniens im 5. Jhdt. die einheimischen Überlieferungen eine reiche litterarische Production hervorriefen, hatte man in Athen nur Sinn für die ruhmreiche nächste Vergangenheit und die stürmische Gegenwart; neben dem nationalen Epos Herodots und der politischen Geschichtschreibung des Thukydides war für die Chronik kein Platz. Hellanikos verfasste attische Annalen so gut wie er eine gemeingriechische Chronik nach Jahren der Herapriesterinnen herausgab; für ihn war die attische Tradition nur ein Teil der vielen, die er, angeregt durch die Sophistik, zu sammeln unternommen hatte, und ob ihm wertvolles, unveröffentlichtes Material zu Gebote stand, ist fraglich.

Anders die Atthidographie des 4. und 3. Jhdts. Ihre uns bekannten Vertreter sind: Kleidemos oder Kleitodemos, Androtion (nach 346/5), Demon (vor Philochoros nach dessen Titel bei Suidas Πρὸς τὴν Δήμωνος Ἀτθίδα), Philochoros, während des chremonideischen Krieges hingerichtet; unbekannter Zeit, aber eher aus dem 4. als dem 3. Jhdt. sind Phanodemos und Melanthios (v. Wilamowitz Aristot. und Athen 1287), ferner die nicht junge Fälschung unter dem Namen des Amelesagoras, der mit dem Unterweltsfluss Ἀμέλης Plat. rep. X 621 a zusammenhängen dürfte. Junge und späte Mystificationen sind die, auch nicht unter dem Titel Ἀτθίς auftretenden Producte, die Antiochos und Pherekydes zugeschrieben werden. Kleidemos war nach dem Zeugnis des Pausanias X 15, 5 der älteste. Er erwähnt frg. 8 die trierarischen Symmorien mit der Hundertteilung (vgl. Boeckh Urk. über d. att. Seewesen 182). Das Symmoriensystem ist von der Steuerverfassung auf die Trierarchie durch das Gesetz des Periandros, höchst wahrscheinlich um 357/6, in der Not des Bundesgenossenkriegs übertragen (Boeckh Staatshaushalt I 647f.); die Hundertteilung findet sich wieder in dem Reformvorschlag des Demosthenes (XIV 7), der in diesem Punkte nicht neu zu sein braucht. Über die Mitte des 4. Jhdts. wird man also den ältesten attischen Annalisten nicht hinaufschieben dürfen, und gerade in der Zeit nach dem Bundesgenossenkrieg beginnt, wie der Areopagitikos des Isokrates, eines sehr feinen Beobachters der allgemeinen Stimmung, verrät, jene Tendenz, in die Vergangenheit zurückzugreifen und das Alte zurückzuführen, die schliesslich in der lykurgischen Restauration ihren Abschluss findet; mit der religiös-politischen Annalistik geht die monumentale Reconstruction der Festchronik, die Aufstellung der Dichterstatuen, [2182] die Reparatur der Heiligtümer Hand in Hand. Die platonischen Gesetze sind unter die Symptome dieser letzten grossen Bewegung des athenischen Volkes zu rechnen. Sie hat, wie in Athen nicht anders möglich, einen starken religiösen Zug, und der prägt sich bei den Annalisten fast durchweg aus. Sie vertiefen sich in den attischen Kultus und bringen ein ungeheures Material aus der sacralen und rituellen Tradition zusammen; Philochoros war selbst Seher; fast alle haben neben der Chronik noch besondere Werke über den Kultus und was dazu gehört verfasst; Kleidemos ein Ἐξηγητικόν, Demon Περὶ θυσιῶν, Melanthios Περὶ μυστηρίων, Philochoros Περὶ τῶν Ἀθήνησιν ἀγώνων, Περὶ ἑορτῶν, Περὶ θυσιῶν, Περὶ ἡμερῶν, Περὶ μαντικῆς, um nur die durch Fragmente gesicherten Titel aufzuzählen. Nur der Isokrateer Androtion, bei dem, verschieden von den übrigen, die politisch-historischen Fragmente überwiegen, scheint hier eine leicht verständliche Ausnahme zu machen. Die politische Tendenz der A. ist durchweg demokratisch-national; die πάτριος πολιτεία ist die von Theseus begründete Demokratie. Androtion und Philochoros sind als eifrige Patrioten bekannt.

Die A. will nicht Geschichtschreibung sein, sondern Annalistik. Von Hellanikos an ordnet sie die Ereignisse nach attischen Archontenjahren; nach einer Spur bei Androtion zu schliessen (frg. 44 a) ist neben dem Eponymos auch die Magistratstafel, wie in Rom, gegeben. Die Chronologie der alten Zeit ist auf den Anfang der Archontenliste 682/1, nicht die Olympiadenrechnung gestellt; vgl. E. Schwartz Die Königslisten des Eratosthenes und Kastor, Abhdlg. d. Gött. Ges. d. Wiss. XL 54ff.

Demetrios von Skepsis (Strab. V 221) und Apollodor (bei Strab. IX 432) citieren οἱ τὴν Ἀτθίδα συγγράψαντες, erkennen also hinter der Vielheit der Schriftsteller und Bücher eine Einheit; ebenso Schol. Aristoph. Lysistr. 1138 οἱ τὰς Ἀτθιδας συντεταχότες. Die Grammatik guter Zeit pflegt in Übereinstimmung damit, dass sie die alten Chroniken in abschliessenden Werken zusammenarbeitete, wie es Istros für die attische in den Ἀττικαὶ συναγωγαί, Ἀττικά, Ἀτθίδες that, solche Chroniken ohne Zusatz des Autornamens zu citieren; vgl. z. B. Demetrios von Skepsis bei Strab. X 472 ἐν τοῖς Κρητικοῖς λόγοις, Harp. s. Ταμύναι • οἱ τὰ Εὐβοικὰ συγγράψαμτες, Zenob. VI 50 οἱ τὰ Εὐβοικὰ συγγράψαμτες, Schol. Eur. Andr. 1139 οἱ συντεταχότες τὰ Τρωικά, Plut. mul. virt. 254 e οἱ Ναξίων συγγραφεῖς; de malign. Herod. 36 οἱ Ναξίων ὡρογράφοι, Parthen. 14 οἱ τὰ Μιλησιακά, Hygin. astr. II 5 qui Argolica conscripserunt, Suid. s. Τευμησία • οἱ τὰ Θηβαικὰ γεγραφότες καθάπερ Ἀριστόδημος u. s. w. Bis zu einem gewissen Grade beruht das darauf, dass in der einmal geschaffenen Form jeder sich an den Vorgänger anschloss, ihn berichtigend, erweiternd, überbietend; aber den eigentlichen Grund der Sache trifft diese Erklärung nicht. Vielmehr hielten jene Gelehrten an der Vorstellung fest, dass den Grundstock jeder Chronik eine überlieferte Traditon ausmacht, die von dem einzelnen unabhängig ist und die zum guten Teil auf urkundliche Aufzeichnungen zurückgeht, welche sich an die Beamten- oder Priesterlisten anschlossen. In dem [2183] gleichen Sinne ist auch von v. Wilamowitz die A. als eine Einheit aufgefasst und erwiesen. Wer diese Aufzeichnungen veranstaltet hat, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen; aber die römische Analogie, der offenkundige Zusammenhang der Atthidographen mit der sacralen Exegese machen die Vermutung von v. Wilamowitz sehr wahrscheinlich, dass die Träger der attischen Tradition die Exegeten gewesen sind, und dass ihr Material den Grundstock der attischen Chronik abgegeben hat. Die oben geschilderte Restaurationsbewegung brachte die ,Ausleger der Überlieferung‘ dazu, die gewohnten Gleise zu verlassen, nicht mehr für den einzelnen Fall einzelnes aus dem aufgespeicherten und sorgfältig gehüteten Schatz herzugeben, sondern den breiten Strom der Überlieferung auf einmal loszulassen, um die nationale Religion und die nationale Demokratie neu zu beleben. Daraus, dass schon die Alten die einzelnen Atthidographen hinter der A. zurücktreten liessen, ergiebt sich, dass zur Reconstruction der A. es nicht genügt, die mit dem Namen der einzelnen Atthidographen versehenen Fragmente zu vervollständigen. Wie v. Wilamowitz nachgewiesen hat, haben Aristoteles und Plutarch, peripatetischer Art folgend, die Geschichtschreibung grossen Stils sehr erheblich aus der A. ergänzt; die zahlreichen, auf den attischen Eponymos gestellten Daten, die hauptsächlich in den Scholien zu Aristophanes und Aischines sich finden, müssen auf die A. zurückgeführt werden; das sog. Marmor Parium ist nichts als ein Auszug aus der attischen Chronik. Eine Reconstruction der überlieferten attischen, nach Archonten geordneten Zeittafel ist eine unerlässliche Ergänzung zu den Resten der einzelnen Atthidographen.

Grosse Geister und Schriftsteller waren diese Männer natürlich nicht, wie sollten sie sonst Chroniken geschrieben haben? Es kann daher nicht auffallen, wenn sie der Bildung und dem Geschmack ihrer Zeit Concessionen machen, die mit der archaisch-religiösen Tendenz bei oberflächlicher Betrachtung unvereinbar erscheinen. Man wollte die Religion der Väter restaurieren, aber zugleich sie, so zu sagen, dem modernen Bewusstsein nahebringen. Dazu dienten die orphische Theologie und die physikalische Ausdeutung der Götter, ferner die rationalistische Umdeutung der Heldensage und des Märchens; die älteste Geschichte wurde, reichlich mit Motiven und topographischem Detail ausgestattet, zu einem historischen Roman (Plut. Thes. 27 Κλείδημος ἐξακριβοῦν τὰ καθ’ ἕκαστα βουλόμενος) umgeformt, der dem mythisch-geographischen der Ionier die Spitze bieten konnte. Die Novelle, die in den ionischen Chroniken so üppig und glänzend wucherte, ist in Athen nur wenig gediehen.