RE:Karmel 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band X,2 (1919), Sp. 19571960
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Karmel. 1) Gebirge in Palästina. Vgl. Ritter Erdkunde III 1, 705ff. Conder und Kitchener The Survey of Western Palestine, Memoirs usw. Vol. I 264ff.‚ London 1881. Guthe Karmel in Realenc. für prot. Theol. u. Kirche X³ 80–83. Graf v. Mülinen Beiträge zur Kenntnis des Karmels (Ztschr. d. Deutschen Palästina-Vereins XXX 117–207. XXXI 1–258, auch separat). Baedeker-Benzinger Palästina u. Syrien⁷ 213ff.

Geographisch. Historisch.

Gewöhnlich wird das Wort K. כרמל‎ im Alten Testament mit dem Artikel gebraucht הכרמל‎ bei den LXX ὁ Κάρμηλος, selten Χερμελ. Nach 1. Kön. 18, 40ff. liegt das Gebirge neben dem Fluß Kison. Jos. 19, 26. Jer. 46, 18 tritt es unmittelbar bis ans Meer heran. Nach Jos. 19, 26 reicht die Südgrenze des Stammgebietes von Asser bis an den K. Zur Zeit des Joseph. bell. Iud. III 3, 1 gehörte der K. zu Tyrus. Nach Euseb. Onom. 272 bildet er die Grenze zwischen Palästina und Phönizien. Der Name K. hat sich in dem heutigen Dschebel Karmel erhalten, doch wird, wegen der Verknüpfung der Legende vom Propheten Elias mit dem Berg 1. Kön. 18, dafür gewöhnlich Dschebel mâr Eljâs ‚Berg des Herrn Elias‘ gesagt. Den Namen K. ‚Baumgarten‘ führt das Gebirge noch heut mit Recht. Denn es bleibt, eine Ausnahme für Palästina, das ganze Jahr über grün.

Das Gebiet des K. liegt zwischen dem Kison (jetzt Nahr el-muḳaṭṭaʿ) und dem Krokodilsfluß (Nahr ez-zerḳa). Die ganze von dem K. eingenommene Fläche gleicht einem fast gleichschenkligen rechtwinkligen Dreieck. Seine Hypotenuse reicht etwa von Haifa bis zur Mündung des Krokodilflusses, d. i. eine Strecke von ca. 34 km. Die Spitze des Dreiecks liegt bei der Kapelle el-Muḥraḳa. Die Katheten haben etwa die Länge von 23 km, und zwar läuft die Nordwestseite an der Jesreelebene entlang. Die Südwestseite beginnt mit dem Wâdi ‘l-milḥ (,Salztal‘). Mithinzuzurechnen zum K.—Gebiet ist das Gelände zwischen dem Wâdi ‘l-metabin und dem el-ḥuschm (,Nase‘) einschließlich. Die Hinzunahme dieses südlichen Zipfels hat darin ihren natürlichen Grund, daß hier wie im übrigen K.-Gebiet sich die eisenhaltige Roterde (ʾarḍ ḥamrā) findet, während in der südwärts gelegenen Rūḥa eine weißliche Erde (ʾarḍ bēda) auftritt (Ztschr. d. Deutsch. Pal.-Ver. XXX 124). Durch diese Differenz wird ein Unterschied in der Vegetation und in der Kultur bedingt. Auf dem K. gedeiht kräftiger Baumwuchs und Gestrüpp, in der Rūḥa nicht. Auf dem K. werden Ziegen gehalten, aber keine Schafe, deren Wolle durch die stachlichten Dorngebüsche zerzaust werden würde. In der Rūḥa überwiegt die Schafzucht. Die meist höher nördlich gezogene Südgrenze des K.: Tell el-Ḳeimun, Wâdi ‘l-milḥ, [1958] Wâdi ‘l-metabin. Dorf Ikzim und dann in grader Linie bis zum Mittelmeer (so z. B. Guthe Realenc. f. prot. Theol. X³ 81) schneidet also fast die ganze kleinere Südhälfte des K.-Gebietes ab, die dann als Vorgebirge des K. angesehen wird.

Wie alle westpalästinischen Gebirge steigt auch der K. vom Mittelmeer langsam gegen Osten auf und fällt dann jäh gegen die Ebene Jesreel ab. Durch das Wâdi ‘l-milḥ ist er gegen die samarischen Gebirge abgeschlossen, deren nordwestlicher Ausläufer nach dem Meere zu er ist. Trotz der geringen Höhe gewährt der K. doch einen stattlichen Anblick, der den Dichter Hoheslied 7, 6 das stolz getragene Haupt der Geliebten mit dem K. vergleichen läßt. Auf der Nordwestspitze am Meere in 170 m Höhe liegt das K.- oder Eliaskloster; von da geht es auf der Höhe weiter bis zum jetzigen K.-Heim 290 m. Etwas südwestlich davon im Wâdi ʿain es-siāḥ liegt ed-dēr, d. i. ‚das Kloster‘. Vom K.-Heim‚ südlich von der Kreuzfahrer-Burgruine Ruschmija, gelangt man zu der schönen Eichengruppe Schedscharāt-el-ʾArbaʿin (‚Bäume der 40 [Märtyrer]‘) bei der Ruine Chirbet-el-Chrēbi. Dieser Hain liegt bereits auf der höchsten Erhebung, die von Rās abuʾn-nida an sich auf durchschnittlich 500 m hält. Bald südlich hinter dem Drusendorf Usûfija ist der höchste Punkt des Gebirges bei Ḳambūʿat ed-Durzijje (‚Gipfel der Drusin‘) 551 m. Auf dem Kamm folgt dann weiter der berühmte Platz el-Muḥraḳa, ‚der Verbrennungsort‘ [der Baalspriester 1. Kön. 18], die Südostspitze des Berges, 514 m hoch. Nordöstlich davon am Kison Tell-el-Ḳassis ‚der Priesterhügel‘, wo Elias die Priester abgeschlachtet haben soll. Da wo das Wâdi ‘l-milḥ beginnt, liegt Tell el-Ḳeimûn, d. i. sicher das alte Jokneam im Stamm Sebulon, Jos. 12, 22. 19, 11. 21, 34. 1. Kön. 4, 12 und das von Euseb. Onom. 272, 65 erwähnte Kammona (Buhl Geogr. d. alten Pal. 210). Die bedeutendste Ortschaft des K. ist eṭ-Ṭire, westlich von Rās abu ʾn-nida, nach dem Meere zu. Etwas südwestlich von Usufia liegt das hübsche Drusendorf ed-Dālie (‚Rebstock‘). Wenig südlich von ed-Dālie liegt Chirbet Dubil, von Buhl (Geogr. d. alten Pal. 210f.) für die von Plin. n. h. V 19 erwähnte Stadt Karmel auf dem K. gehalten, die früher Agbatana geheißen habe. Von ed-Dālie westlich in gerader Linie ʿAin Hôd und am Meere ʿAṯlîṯ, das Castellum peregrinorum der Kreuzfahrer (Ztschr. d. Deutsch. Pal.-Ver. XXXI 170). Etwas südlich davon liegen die Ruinen von el-Māliḥa. d. i. wohl das Migdal Malḥa im Talmud (Buhl Geogr. d. alten Pal. 211). Am weitesten nach dem Südosten verschoben ist die Ortschaft Umm ez-zeināt; westlich davon liegt der bedeutsamste Ort im südlichen K. Ikzim, etwas weiter nach Westen Dscheba und an der Fahrstraße von Ḥaifa nach Caesarea: eṣ-Ṣurfend‚ Kufr Lām, eṭ-Ṭanṭura am Meer, das Dôr des Alten Testaments (Jos. 17, 11. Richt. 1, 27). Der südliche K. ist der jüdischen Kolonisation neuerdings erschlossen, die ihren Mittelpunkt in dem 1882 gegründeten, blühenden Ort Zummarin (oder Zikhron Jakob) südlich vom Wâdi ‘l-fureidis hat. Am Fuß der Nordspitze des K. lag einst am Meer die Stadt Schikmōna, das Sycaminum der Griechen und Römer. Bekannt sind Münzen vom J. 125 von Schikmōna mit dem Bild der [1959] Kleopatra‚ der Tochter Ptolemaios’ VI. Nach Joseph. ant. XIII 12, 3 landete hier Ptolemaios VIII. Lathurus, als er von Cypern herbeikam und die Bürger von Ptolemaïs (= Akko) gegen Alexander Iannaeus schützen sollte (Guthe Real. enc. f. prot. Theol. X³ 83). Nach Euseb. (Onom. 267, 133) ist Sycaminum = Epha Ἡφα d. i. חיפה‎ im Talmud (Levy Neuhebr. u. Chald. Wörterb. s. v.), der Name der heutigen wichtigen Hafenstadt Haifa. Doch hat sich die Lage von Sycaminum = Haifa seit dem J. 1760 verschoben, als der Schech Ṣahir el-ʿAmr befahl, Haifa zu zerstören und die Stadt weiter nördlich neu zu bauen. Das alte Sycaminum ist erhalten in den Ruinen des heutigen ‚Alt-Ḥaifa‘.

Das Gestein des K. ist ein Kreidekalk. Die Oberfläche ist meist aus sehr weichem Senon (hadschar nari) gebildet, worauf nach Härtegraden folgen der hadschar sultāni und der hadschar meleki und endlich als härteste Schicht der Cenoman (hadschar jābis). Eingesprengt ist dem Kalk fast überall Hornstein (silex = suwān). Wichtig ist das Vorkommen des Eisens (hadid) Deut. 8, 9, von dem auch die rötliche Erde im K. herkommt. An vielen Stellen finden sich Fossilien von Meertieren. Gelegentlich stößt man auf Kristalldrusen von melonenartiger Form. Zahlreich sind die als Versteck benutzten (Am. 9, 3) und das Einsiedlerleben begünstigenden Höhlen, namentlich am Westabhang. In den Höhlen erblickt man häufig Tropfsteinbildungen.

Durch die fast beständigen Westwinde ist die Temperatur auch im Sommer gemildert. Die Luftwellen vom Meer bedingen einen großen Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre. Noch wichtiger ist der abnorm starke Taufall. Durch die außerordentliche Feuchtigkeit ist der das ganze Jahr anhaltende und schon von den Alten bewunderte Pflanzenwuchs (Am. 1, 2. Jes. 33, 9. 35, 2. Jer. 4, 26. 50, 29. Nah. 1,4. Hohl. 7, 6) bedingt. Derselbe wechselt nach den verschiedenen Jahreszeiten. In der Regenperiode und am Ende derselben erscheinen viele Sorten Crocus, Alpenveilchen, Anemonen, Alraunen, Clematis; im Februar Traubenhyazinthen. Im Sommer sind charakteristisch Pflanzen mit holzigem Stengel und harten Blättern und stark aromatischer Ausdünstung. Von Bäumen und Sträuchern begegnen Eichen, Myrthen, Terebinthen‚ Buxbaum, Lorbeersträucher, Pinien, Oleander‚ Karmelrose. Von Kulturpflanzen gedeihen besonders die Rebe, die einst, wie die unzähligen Traubenpressen beweisen, den ganzen Berg umspann; ferner der Ölbaum, Mandelbaum und der Johannisbrotbaum. In großer Menge werden Hülsenfrüchte angebaut; von Getreidearten kennt man Gerste und Weizen. Aus der Fauna des K. seien von wilden Tieren genannt: Panther (nimr) und Pantherkatze, Wolf, Schakal, Hyäne; von Jagdwild: Gazelle, Rehe, Stachelschwein; von Vögeln: Adler, Weihe, Rebhuhn, Wachtel, Lerche, Nachtigall; unter den Amphibien: Schildkröten zahlreich sind die Reptilien. Das Krokodil kommt bis heute noch im Nahr ez-zerḳa vor (Zeitschr. d. Deutschen Pal.-Ver. XXX 141). Das Chamäleon wird für Zauberzwecke gern benützt. Von Hornvieh ist des Unterschiedes in der Haltung der Ziegen und der Schafe schon gedacht. [1960]

Geschichtlich

Geschichtlich am frühesten bekannt, aus ältester Zeit, ist der K. bis jetzt durch die Ägypter. Der Pharao Pepi I unternahm ca. 2550 einen Zug ins ‚Land der Gazellennase‘, womit der K. gemeint sein wird (Kittel Gesch. des Volkes Israel I³ 53). Von noch früherem menschlichen Leben auf dem K. aus vorgeschichtlicher Zeit geben Kunde gewisse Funde von ältesten Steinwerkzeugen aus der paläolithischen Periode, ferner Feuersteinwerkzeuge aus der neolithischen Zeit, desgleichen dolmenartige Gräber, orthostatische Straßen und kyklopische Mauern (Ztschr. d. Deutschen Pal.-Ver. XXXI 25ff. 113f.). Nach der Einwanderung Israels in Kanaan (zwischen 1500–1200) saßen in der Nähe des K. die Stämme Asser und Sebulon, Gen. 49, 13. Jos. 19, 26. Richt. 5, 17. Da Jos. 17, 11 Dor, das Richt. 1, 27 von Manasse nicht erobert werden konnte, zu Manasse gehört, haben auch manassitische Geschlechter im K. gewohnt. 1. Kön. 4, 11 war in Dor ein Beamter Salomos stationiert. Nach der Reichsteilung gehörte das K.-Gebiet zum Nordreich Israel. Am bekanntesten ist der K. geworden durch den hier sich abspielenden Opferwettstreit zwischen dem Propheten Elia und den Baʿalspriestern zur Zeit Ahabs von Israel ca. 860. Für das Abendland von Bedeutung wurde der K. durch die Gründung des Karmeliter-Mönchordens durch Berthold von Calabrien um 1156. Im J. 1100 wurde Alt-Haifa von den Kreuzfahrern erobert, 1190 aber von Saladin zurückerobert, um nach der Zurückgewinnung durch Ludwig IX. von Frankreich schließlich im 13. Jhdt. abermals in die Hände der Araber zu gelangen, die es gründlich zerstörten. In der Gegenwart ist Neu-Haifa, namentlich seit der Niederlassung der deutschen Templer (seit 1869), die wichtigste Stadt im ganzen K.-Gebiet geworden.

[Beer.]