RE:a libellis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,1 (1926), Sp. 1526
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a libellis.

I.

Mit diesem Beisatz wurden in den drei ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit die Angestellten jenes Hofamts benannt, das dem Princeps bei der Erledigung der ihm überreichten libelli (s. u.) behilflich zu sein hatte, z. B. proximus oder adiutor a l. (s. u. S. 20). Kurzweg a l. heißt der jeweilige Amtsvorstand. Griechisch wird dessen Titel bei Cass. Dio LXI 5, 4 (zum J. 54). LXVII 15, 1 umschrieben mit ὁ τὰ τῆς ἀρχῆς βιβλία διέπων (anderer Ansicht O. Seeck Art. Scrinium u. Bd. II A S. 900, 17); in griechischen Inschriften erscheint IG XIV 1072 (= Cagnat IGR I 135): ἐπὶ βιβλειδίω[ν] καὶ διαγνώσεων τοῦ Σεβαστοῦ, (d. h. a l. et cognitionibus Augusti); zweisprachig CIL III 259 (= IGR III 193): a l. et c[ensibus] = [ἐπὶ βιβλειδίω[ν] καὶ κήνσων; dazu Zonar. XI 9 a. E. p. 594 (in Boissevains Ausgabe des Cass. Dio LX 30, 6 b vol. III p. 5) von dem C. Iulius Callistus unter Claudius: ἐπὶ ταῖς βίβλοις τῶν ἀξιώσεων ἐτέτακτο. Vgl. D. Magie De Roman. iuris publ. sacrique vocab. sollemnibus 30. 71f. Dazu noch in der spätrömischen metrischen Weihinschrift aus Alexandria, Preisigke Sammelb. I n. 2598, ὁ λιβέλλων πρόξιμος für das lat. proximus a l.

Zweifellos hat bereits der erste Princeps Gehilfen für die Bearbeitung der ihm in großer Zahl überreichten Bittschriften (vgl. z. B. Suet. [16] Aug. 53, 2) beschäftigt, doch erfahren wir nichts von ihnen. Ein Freigelassener des Tiberius erscheint in CIL VI 5181 (= Dessau nr. 1676) als acceptor a subscr(iptionibus), in dem O. Hirschfeld Verw.-Beamte² 327, 2 nicht ohne Wahrscheinlichkeit einen Vorläufer des a l. sehen möchte. Als ständiges geordnetes Hilfsamt besteht der a l. erst seit Claudius, wo bereits zwei einflußreiche Freigelassene, Polybius, dem der Philosoph Seneca die bekannte Trostschrift (verfaßt vor 44 n. Chr.) widmete (anders Seeck 900), und C. Iulius Callistus (zu diesem A. Stein o. Bd. X S. 657f. Nr. 306) in dieser Stellung bezeugt sind; letzterer - Callistus - bildete zusammen mit dem ab epistulis Narcissus und dem a rationibus Pallas jene bekannte Verbindung mächtiger Freigelassener, welche den schwachen Kaiser und die gesamte Verwaltung vollständig in ihrer Gewalt hatten. In der Folge geht die Besetzung des Amtes in ständischer Hinsicht zunächst mit Freigelassenen, dann mit Männern des Ritterstandes im ganzen parallel mit jener des Amtes ab epistulis. für welche Rostowzew o. Bd. VI S. 210ff. die leitenden Gesichtspunkte dargelegt hat; s. auch Mommsen St.-R. II³ 838. Friedländer Sittengesch. I10 35ff. Unter Claudius und Nero blieben die Freigelassenen, wie die bekannten Vertreter des Amtes zeigen (jetzt zusammengestellt bei Friedländer IV10 32-35), in uneingeschränktem Besitz auch dieses Hofdienstes, der - äußerlich ein unscheinbares Hausamt von rein privatem Charakter - in Wirklichkeit eine der entscheidendsten Stellen in der Reichsverwaltung darstellte. Eine Ausnahme trat hierin vielleicht schon unter Kaiser Otho ein, wenn der in der Stellung ab epistulis erscheinende Rhetor Secundus (Plut. Otho 9) mit Recht mit dem Ritter C. Iulius Secundus gleichgesetzt wird; so Hirschfeld bei Friedländer Sittengesch. IV10 37f. mit A. 3. Mommsen Ges. Schr. VII 249. 3. Gerth o. Bd. X S. 801; dagegen zweifelt Bormann Arch.-epigr. Mitt. XV (1891) 31. Erst Vitellius nach Tacitus hist. I 58 ministeria principatus per libertos agi solita in equites Romanos disponit, zur Belohnung seiner Offiziere. Unter ihnen bekleidete der Ritter Sex. Caesius Sex. f. Propertianus, vorher Tribun der dem Vitellius ergebenen Legio IV Macedonica, das Amt a l., CIL XI 5028 (= Dessau nr. 1447); hierzu Bormann 29ff. A. Stein o. Bd. III S. 1316 Nr. 27. Doch war diese Neuerung nicht von Dauer; unter Domitian, der nach Suet. Dom. 7, 2 quaedam ex maximis officiis inter libertinos equitesque R. communicavit, ist neben Freigelassenen bloß ein ab epistulis aus dem Ritterstand sicher bezeugt, nämlich Cn. Octavius Titinius Capito, CIL VI 798 (= Dessau nr. 1448): dazu Rostowzew o. Bd. VI S. 212. Friedländer IV10 38f. Dagegen fehlt es an einem entsprechenden Zeugnis für die Stellung a l.; der einzige sicher dieser Regierung zuzuweisende a l., Entellus (bei Cass. Dio LXVII 15. 1: ὁ τῆς ἀρχῆς βιβλία διέπων A. Stein o. Bd. V S. 2649 Nr. 3) war, wie der Name zeigt, freigelassen. Schließlich hat Hadrian anscheinend unmittelbar nach seinem Regierungsantritt im Herbst 117 die bedeutsame Reform vollzogen, daß die hohen kaiserlichen Hausämter nunmehr [17] ausschließlich und dauernd Männern des Ordo equester übertragen wurden, Hist. aug. Hadr. 22, 8: ab epistulis et a libellis primus (was ungenau ist) equites Romanos habuit. Wie Bormann 33, 3 wahrscheinlich macht, war der erste a l., den Hadrian ernannte, T. Haterius Nepos (CIL XI 5213 = Dessau nr. 1338), der dann zum Praefectus vigilum und bereits im J. 121 zum Praefectus Aegypti vorrückte; über ihn A. Stein o. Bd. VII S. 2514f. n. 8. Damit sind diese wichtigen Ämter auch formell zu Staatsämtern gemacht worden. In der bekannten fingierten Staatsrede bei Cass. Dio LII 33, 5 gibt Maecenas dem Augustus den Rat, für die cognitiones, die epistulae, die libelli (τὰς ... τῶν ἰδιωτῶν ἀξιώσεις und die übrigen Verwaltungssachen Mitarbeiter und Gehilfen aus den Rittern sich beizugeben; dazu o. Bd. IV S. 220f. O. Hirschfeld Verw.- Beamte² 331, 1.

Die Tätigkeit des a l. wird schon in einer der frühesten Erwähnungen, bei Seneca ad Polyb. 6, 4, als eine sehr aufreibende geschildert: adsidua laboriosi officii statione fatigatum corpus. Nach der panegyrisch gefärbten Schilderung des Stat. silv. V 1, 83ff. wird diese Geschäftslast allerdings noch übertroffen durch das vix tractabile pondus des Amtes ab epistulis: nec enim numerosior altera sacra cura domo. Als ihr wesentlicher Inhalt wird von Sen. a. a. O. 6, 5 angegeben: audienda sunt tot hominum milia, tot disponendi libelli. Es heißt dann weiter, daß die von Polybius dem Herrscher geordnet vorzulegenden Sachen aus der ganzen Welt zusammenströmen, und daß er viele Bedrängte, die der kaiserlichen Erbarmung teilhaft zu werden begehren, anhören und ihre Tränen trocknen muß. In späterer Zeit schildert die gemeinsame Arbeit mit dem Princeps und den Vorständen der übrigen Hofämter Hist. aug. Alex. 31, 1: postmeridianas horas subscriptioni et lectioni epistularum semper dedit, ita ut ab epistulis, a libellis et a memoria semper adsisterent.. relegentibus cuncta librariis et is, qui scrinium gerebant usw. So wird denn der a l. — gleich dem ab epistulis — den Kaiser regelmäßig auf Reisen und ins Feldlager begleitet haben (vgl. Hist. aug. Marc. 8, 10: additis officiorum omnium principibus; vgl. auch o. Bd. IV S. 221, 7); es war eine Ausnahme, daß Caracalla, der ja allerdings nach den einleitenden Worten der Constit. Antoniniana τὰς αἰτίας καὶ τοὺς λιβέλλους als eine besondere Last empfand (s. u. S. 34f.), für die Zeit des Partherzugs seiner Mutter Iulia Domna in seiner Vertretung τὴν τῶν βιβλίων τῶν τε ἐπιστολῶν ἑκατέρων πλὴν τῶν πάνυ ἀναγκαίων διοίκησιν anvertraute, ἵνα μὴ μάτην ὄχλος γραμμάτων ἐν τῇ πολεμίᾳ ὄντι πέμπηται, Cass. Dio LXXVII 18, 2. vgl. LXXVIII 4, 3; dazu Hirschfeld Verw.-Beamte² 329f., 6. Friedländer IV10 44, 1.

In neuerer Zeit weist man (z. B. Friedländer, Hirschfeld, Cuq) dem Amt a l. die Bearbeitung der Bittschriften und Beschwerden zu, während die Stelle ab epistulis als ,Amt der Briefe‘ umschrieben wird. Demgegenüber versucht Preisigke Inschr. von Skaptoparene 36ff., der die älteren Ansichten zusammenstellt, die genannten zwei Ämter nach ‚innersachlichen‘ Momenten zu scheiden, unter anderem mit Hinweis darauf daß [18] an den Kaiser gerichtete libelli mitunter auch durch epistulae beantwortet wurden. Nach ihm (S. 42f.) hätte das Reichsamt ab epistulis alle das Reich gemeinsam umfassenden zivilen und militärischen Verwaltungssachen zu bearbeiten gehabt, dagegen wäre das Amt a l. die Zentralstelle für alle die rechtliche Stellung der Untertanen untereinander und zum Reich berührenden Angelegenheiten gewesen; diesen verschiedenen Zwecken hätte auch die persönliche Vorbildung der betreffenden Angestellten und Räte entsprochen. Nach den kurzen, aber wichtigen Bemerkungen Wilckens Herm. LV (1920) 10 mit A. 2 ist es indessen unbedingt geboten, an dem formalen Unterschied der epistulae und libelli, die der Amtstitel hervorhebt, festzuhalten; demgemäß gehen die ersteren durch das Büro ab epistulis und werden hier durch kaiserliche Episteln beantwortet; dagegen laufen die libelli durch das Amt a l. und werden hier regelrecht in der Form der subscriptio erledigt; so im wesentlichen schon Karlowa Röm. Rechtsg. I 651; vgl. zur ganzen Frage den Art. Libellus u. S. 31 ff. Mit diesem formalen Unterschied hängen dann allerdings auch gewisse sachliche Verschiedenheiten zusammen, besonders hinsichtlich der Personenkreise, aus denen jene beiden Gattungen von Schriftsätzen hervorzugehen pflegten. Während das Schreiben und Empfangen von Briefen im gegenseitigen Verkehr und im Verkehr mit dem Kaiser Sache der Behörden ist, sollen Private an die Behörden eigentlich keine Briefe schreiben, sondern nur libelli, auf die regelrecht subscriptio erfolgt; s. Mitteis Ber. Sächs. Ges., phil. hist. Kl. LXII (1910) 86ff. Wilcken 14; ausführlicher hierüber u. S. 32f. Vielleicht schon seit Beginn des 3. Jhdts. war ein wichtiger Teil der Geschäfte, die früher von den Ämtern ab epistulis und a l. besorgt wurden dem wohl schon von Hadrian eingerichteten Amt a memoria (s. d.) übertragen, so daß eine Reihe von Angelegenheiten nicht mehr durch epistula oder subscriptio, sondern in der dem Amt a memoria eigentümlichen Form der adnotatio erledigt wurde: s. Seeck o. Bd. I S. 382f.; u. Bd. II A S. 897 Nr. 1. Hirschfeld Verw.-B² 335f.; u. S. 23.

Nach dem Vorstehenden wird es die Aufgabe des Amtsvorstands a l. gewesen sein, die zahlreichen libelli, die dem Kaiser bei Audienzen, auf seinen Ausgängen usw. persönlich von den Bittstellern selbst oder durch deren Bevollmächtigte überreicht wurden (zur Forderung der persönlichen Überreichung s. u. S. 32), von diesem zu übernehmen, die von dem Kaiser mitunter schon auf der Stelle mündlich erteilten kurzen Bescheide zur Kenntnis zu nehmen, den Einlauf zu ordnen, die Erledigung vorzubereiten, wobei er wahrscheinlich auch zu persönlicher Rücksprache von den Einreichern aufgesucht wurde (Seneca o. S. 17), erforderlichenfalls dem Kaiser darüber Vortrag zu halten, die Niederschrift der im Wortlaut festgestellten subscriptio auf dem Gesuch auf ihre Übereinstimmung mit dem Entwurf zu prüfen (zu dem Vermerk recognovi s. u. S. 40) und dem Kaiser zur eigenhändigen Unterschrift (durch den Vermerk: rescripsi oder scripsi, s. ebd.) vorzulegen. Dann veranlaßte er die Rückgabe des subskribierten libellus an den Einreicher, bezw. — seit Hadrian — dessen öffentliche Proposition.

[19] Bei der Bedeutung, welche die kaiserlichen Subskriptionen besonders seit Hadrian für die Fortbildung des Rechtes erlangten, wird es selbstverständlich, daß das Amt in der späteren Zeit, seit den Severen, an hervorragende Rechtsgelehrte übertragen wurde; so unter Septimius Severus an Papinianus, Dig. XX 5, 12 pr. libellos agente Papiniano; die Angabe der Hist. aug. Pesc. Nig. 7, 4, wonach auch Domitius Ulpianus (unter Caracalla oder Elagabal?) a l. war (dazu Jörs o. Bd. V S. 1436f.), wird wohl mit Recht als gefälscht angefochten von Hasebroek Die Fälschung der Vita Nigri und Vita Albini, Heidelberg 1916, 62f.; s. auch Seeck Art. Scrinium u. Bd. II A S. 899 Nr. 3.

Nach der Überlieferung stand das Amt a l. nicht selten in gewissen Beziehungen zu der Funktion a studiis; vgl. betr. Polybius Sueton Claud. 28; Seneca ad Polyb. 5, 2: ab occupationibus tuis, id est a studio et a Caesare; dazu Friedländer I10 55f. mit A. 8; IV10 33 mit A. 1. Ähnliches vermutet bei C. Iulius Callistus Bücheler Rhein. Mus. XXXVII (1882) 326ff.; dagegen aber Stein o. Bd. X S. 658; zu beiden Fällen vgl. noch Hirschfeld Verw.-Beamte² 332 mit A. 2. Eine ähnliche Verbindung scheint mit der Funktion a censibus zu bestehen; vgl. CIL XI 5213 Dessau nr. 1338) a censibus, a libellis Au[gusti]; CIL III 259 (= IGR III 193) a libellis et c[ensibus]; CIL XIII 1808 (= Dessau nr. 1454; vgl. IX 4453; hierzu o. Bd. X S. 543f. Nr. 181) a libellis et a censibus; CIL VI 1628 (= Dessau 1456) magister a li[bellis, ma]gister a ce[nsibus]; dazu Mommsen St.-R. III 490, 2. Kubitschek o. Bd. III S. 1901. Hirschfeld 66f. Friedländer IV10 34 mit A. 1. Doch liegt in allen diesen Fällen keine Nötigung zu der Annahme vor, daß die betreffenden Ämter etwa gleichzeitig und nicht, wie es die Regel war, hintereinander bekleidet wurden. Nach Mommsens beachtenswerter Vermutung hätte das Büro a censibus eine Abteilung des Amts a l. gebildet, welche mit der Prüfung der um Verleihung des latus clavus und des Ritterpferdes eingehenden Gesuche beauftragt war; doch ist damit der Pflichtenkreis des a censibus keinesfalls erschöpft und auch eine Unterordnung dieses im Rang hochgestellten Beamten unter den a l. durch nichts erweisbar; vgl. auch Hirschfeld 67, 2. Desgleichen ist auch wohl aus IG XIV 1072 (= IGR I 135) ἐπὶ βιβλειδίω[ν] καὶ διαγνώσεων τοῦ Σεβαστοῦ nicht notwendig eine zeitweilige Personalunion von a l. und a cognitionibus zu erschließen, wie es Hirschfeld 330 mit A. 1 tut, obgleich seit dem 4. Jhdt. die libelli und die cognitiones unter der Leitung eines und desselben Magister vereinigt sind (s. u. S. 22f.).

Die dem Ritterstand angehörigen a l. seit Hadrian waren wohl gleich den übrigen Abteilungsvorständen der kaiserlichen Kanzlei trecenarii im Rahmen der procuratorischen Ämterordnung, Hirschfeld 435. v. Domaszewski Rangordnung des römischen Heeres, Bonn. Jahrb. CXVII (1908) 144. 145; gleich diesem führten sie den Titel vir perfectissimus, griech. ὁ διασημότατος, vgl. Hirschfeld Verw.-Beamte² 454f., dazu 334, 1; Kl. Schriften 652. Ihre weitere Ämterlaufbahn gestaltete sich ähnlich jener der ab epistulis, [20] über die Rostowzew o. Bd. VI 5. 213f. handelt. Im 2. Jhdt. erfolgt der Aufstieg zum praefectus vigilum, praefectus Aegypti (z. B. T. Haterius Nepos o. S. 17); zum ἔπαρχος Αἰγύπτο[υ] καὶ ἔπαρχος εὐθενίας (= praefectus annonae) rückte M. Aurelius Papirius Dionysius vor, Friedländer IV 34f. Im 3. Jhdt. bringt es Papinianus (s. o.) bekanntlich zum Praefectus praetorio; unsicher bleibt es, ob der nachmalige Gardepräfekt Ulpian vordem die Stellung a l. innehatte (s. o. S. 19).

Wie das Amt ab epistulis (o. Bd. VI S. 214) und die verwandten Hofämter hat auch das Büro a l. eine Reihe von subalternen Angestellten gehabt: proximi, adiutores, custodes, scriniarii a libellis, soweit sich erkennen läßt, Freigelassene; Belege: CIL VI 180. 8615-8617. 33741. Dessau III 1 p. 421. Preisigke Sammelb. I n. 2598: ὁ λιβέλλων πρόξιμος; dazu Cuq Consilium principis 370. Hirschfeld Verw.-Beamte² 326, 1. Friedländer IV 35. Zum scriniarius a l. s. o. Bd. IV S. 739. Wilcken Herm. LV (1920) 20, 2. Seeck 894; vgl. Plin. epist. VII 27, 14: in scrinio eius (Domitiani) datus a Caro de me libellus (Strafanzeige) inventus est.

Zu trennen von den Angestellten des Hofamts a l. sind die seit den Flaviern vorkommenden Angestellten a l. fisci frumentari, CIL VI 8474. 8475 (Dessau 1541. 1542), die zu den zahlreichen Beamten der kaiserlichen Getreideverwaltung und zwar der für deren Bedürfnisse eingerichteten Sonderkasse gehörten und offenbar die Gesuche um Zulassung zur unentgeltlichen Getreideversorgung zu verwalten hatten; näheres bei Hirschfeld Verw.-Beamte² 244, 1. Rostowzew o. Bd. VII S. 178. 180.

Literatur zum a l.: Cuq Etudes d’épigraphie juridique (Biblioth. des écoles franc. XXI 1881) 110f. 114f.; ders. Mémoire sur le Consilium principis d’Auguste à Dioclétien, Mémoires prés. par divers savants à l'Acad. des inscriptions, II. Série IX (1884) 363ff. Karlowa R. Rechtsgesch. I 538f. 544f. 651. Mommsen St.-R. II³ 838, 2. III 490 mit A. 2. E. Herzog R. Staatsverf. II 2, 782 c. H. Peter Geschichtl. Liter. über die röm. Kaiserzeit I (1897) 336. 338 mit A. 1. 342. 347 mit A. 4. Thédenat Dict. des ant. III 2, 1174f. Hirschfeld Verw.-Beamte² 318. 326ff. 331, 1. P. Krüger Gesch. d. Quellen und Lit. des R. Rechts² (1912) 118. W. Riepl Nachrichtenwesen des Altert. (Leipzig 1913) 270. 272. 275. Dessau Inscr. Lat. sel. III 1 Indices p. 421 (Nachweis der wichtigsten Inschriften). Preisigke Die Inschrift von Skaptoparene in ihrer Beziehung zur kaiserlichen Kanzlei in Rom (Schriften der Wiss. Ges. in Straßburg XXX 1917) bes. 36ff. Seeck Art. Scrinium u. Bd. II A, bes. S. 899f. Nr. 3. Wilcken Herm. LV (1920) 911. Friedländer Sittengesch. I10 37. 55f. IV10 26. 32-35 (bearbeitet von M. Bang).


II. Magister libellorum.

In der diocletianisch-constantinischen Ämterordnung bestehen vier Expeditionsbehörden (scrinia), nach gewöhnlicher Annahme unter der Oberleitung des magister officiorum, der zu den vornehmsten Hof-und Reichsbeamten zählte und zu Beginn des 5. Jhdts. der Rangklasse der viri illustres angehörte. Diese scrinia sind, aufgeführt in der üblichen [21] amtlichen Reihenfolge, das scrinium memoriae, epistularum, libellorum, unter denen ein besonders nahes Verhältnis hinsichtlich der Dienst-und Beförderungsverhältnisse besteht (Seeck u. Bd. II A S. 897), dazu das scrinium dispositionum. Diesen entsprechen in gleicher Weise benannte Funktionäre, die magistri memoriae, epistularum, libellorum und dispositionum (später comes dispositionum), die nach der verbreitetsten, wohl richtigen Ansicht die Vorstände der scrinia waren und wie diese dem magister officiorum unterstanden.

Über die vielfach umstrittene Organisation der scrinia und ihr Verhältnis zu den gleichbenannten magistri, zu denen ja auch der magister l. zählt, sowie zu gewissen höheren Hofbeamten (magister officiorum; quaestor sacri Palatii) ist an dieser Stelle nicht ausführlicher zu handeln. Doch mögen zur Ergänzung des Artikels Scrinium von Seeck u. Bd. II A S. 893ff. einige kurze Hinweise mit Literaturangaben nachgetragen werden. Den Zusammenhang der magistri scriniorum mit den gleichnamigen scrinia versucht Bury Harvard Studies XXI (1910) 24. 29 zu lösen; nach ihm unterstanden nur die scrinia als solche dem mag. off., während die magistri scriniorum ihre Weisungen unmittelbar von dem Kaiser empfingen, ihrerseits aber nicht Vorstände der scrinia waren, sondern nur ihre adiutores von ihnen erhielten. Gegen {{SperrSchrift|Bury wenden sich Boak Harvard Studies XXVI (1915) 101f. E. Stein Ztschr. d. Savigny-Stiftg. XLI (1920) 228, 1, nach dem nicht zu bezweifeln ist, daß auch die magistri scriniorum dem mag. off. unterstellt waren. Allerdings haben die Vorstände der scrinia kein eigenes Officium, sondern lediglich, wie schon erwähnt, adiutores aus den scrinia (Not. dign. or. 19, 14), die sub dispositione des magister officiorum stehen. Darum sind auch die kaiserlichen Verfügungen über die Dienst- und Rangverhältnisse der Beamten der scrinia nicht an die betreffenden mag. scriniorum, sondern an den mag. officiorum oder an ihn und den quaestor sacri Palatii zugleich gerichtet, so z. B. Cod. Iust. XII 19, 6ff.•' Bresslau Handb. der Urk.-Lehre I² 185, 2. Während die Leiter der älteren scrinia, darunter der a l., in früherer Zeit den unmittelbaren Zutritt und Vortrag beim Kaiser hatten, verloren sie die daraus sich ergebende hohe politische Bedeutung dadurch, daß seit Constantin zwischen sie und die Person des Kaisers der ebengenannte quaestor sacri Palatii, ein hoher Hofbeamter im Range der viri illustres, als eigentlicher Dezernent sich einschiebt; dazu Cuq Consilium principis 473. 479. Karlowa R. Rechtsgesch. I 834. Hirschfeld Verw. Beamte² 339. Krüger Gesch. der Quellen² 314. Bresslau 186. Mommsen Ges. Schr. VI 387ff. Über die Verteilung der Geschäfte zwischen dem Quaestor, in dessen Dienstbereich auch preces gehörten (Not. dign. or. 12; occ. 10), und der sich seine adiutores gleichfalls aus den scrinia wählte, und den mag. scriniorum, ist nichts Sicheres bekannt; Versuche einer Abgrenzung dieser offenbar vielfach ineinandergreifenden Kompetenzen und Tätigkeiten s. bei Mommsen VI 389f. (dazu Bresslau I² 186, 6). Boak Master of the offices 82ff, bes. 84f. [22] Über das Verhältnis des mag. memoriae zu den beiden anderen magistri in ihren Funktionen s. u. S. 23. Die Vermutung Mommsens VI 421f. (dazu Bresslau 189, 3), daß die seit dem 5. Jhdt. vorkommenden referendarii nichts anderes seien als die alten, nur umgenannten mag. scriniorum, widerlegt mit triftigen Gründen Bury 23ff., dem E. Stein 227 zustimmt. Wohl aber hat Mommsen richtig gesehen, daß im späteren 5. Jhdt., im italienischen Königreich des Theoderich, die effektiven mag. scriniorum nicht mehr vorhanden waren, sondern im wesentlichen referendarii im Verein mit dem Quaestor ihre Tätigkeit übernommen hatten; vgl. auch Bury 27. E. Stein 227f. Im Osten dagegen bestanden die magistri scriniorum neben den referendarii weiter und finden sich noch in der mittelbyzantinischen Zeit wieder : Stein 229 mit A. 1, unter Hinweis auf Bury The imp. adm. system (1911) 75ff.

Im 3. Jhdt. nimmt der bisher als a l. bezeichnete Amtsleiter zunächst den Titel magister a l. an, CIL VI 1628 (= Dessau 1456), und zwar sicher nicht vor dem J. 239, wo der entsprechende Titel des Vorstandes des Briefamts noch in der alten Form ab epistulis Latinis bezeugt ist (CIL VI 1088 = Dessau 499; vgl. auch CIL VI 3819 = 31 534, bereits aus der zweiten Hälfte des 3. Jhdts.). Zu Ende des 3. Jhdts. dürfte sich dann — nach der Analogie des mag. memoriae (Eumen. pro instaur. scholis 11) zu schließen — bereits die Form mag. libellorum im Genetiv endgültig festgesetzt haben; sie erscheint in zwei Inschriften des beginnenden 4. Jhdts., CIL VI 1704 (= Dessau nr. 1214; vor dem J. 324; dazu Mommsen Nuove memorie dell’ Inst. 1865, 299ff.; Ges. Schr. VI 388, 3) und CIL X 1487 (dazu Hirschfeld Verw.-Beamte² 334, 1). Der Umschreibung libellis respondens bedient sich Ammian. Marc. XX 9, 8 zum J. 360; dazu Hirschfeld Verw.- Beamte² 328, 2. Bald nach dem J. 350 lautet der Amtstitel: mag. libellor(um) et cognitiomum) sacrarum (CIL VI 510 = Dessau nr. 4152, vom J. 376), woraus sich eine damals schon vorhandene zeitweilige oder dauernde Vereinigung mit dem magisterium cognitionum erschließen läßt, wohl, wie man vermutet, zusammenhängend mit dem Umstand, daß die Fälle der von den Kaisern persönlich vorgenommenen Gerichtsverhandlungen (cognitiones) mehr und mehr in Abnahme begriffen waren. In der Folge erscheint die kürzere Benennung mag. libellorum in der Not. dign. or. 19, 10ff.; occ. 17, 13, obgleich beidemal ausdrücklich gesagt wird: cognitiones et preces tractat, und in einer Verordnung Theodosius’ II. vom J. 438 (Theod. Nov. I 7: Procopius v(ir) s(pectabilis) com(es) et magister libellorum), ferner in CIL XII 1524 (= Dessau nr. 1279; Anfang des 5. Jhdts.): ex magistro scrinii lib(ellorum), sowie in verschiedenen Constitutionen des Cod. Theod. und Cod. Iust. Daneben aber findet sich auch in besonders feierlicher Ausdrucksweise der ausführliche Titel, so Cod. Iust. I 17, 2. 9 (= Dig. praef. III c. Tanta § 9): magistrum scrinii libellorum sacrarumgue cognitionum, griech. ἀντιγραφέα τοῦ θείου σκρινίου τῶν τε θείων λιβέλλων καὶ τῶν βασιλικῶν διαγνώσεων (J. 533; vgl. ebd. XII 19, 15 vom J. [23] 527); zur Bezeichnung ἀντιγραφεύς s. Mommsen Ges. Schr. VI 421, 3; gegen ihn Bury Harvard Stud. XXI 24f. In der byzantinischen Epoche heißt der entsprechende Beamte ὁ ἐπὶ τῶν δεήσεων, Codin. p. 11, 3. 39, 22 ed. Bekk.

Die Amtstätigkeit des mag. l. war, soweit die libelli in Betracht kamen, in der Hauptsache wohl die nämliche geblieben, wie in dem vorangehenden Zeitabschnitt; dazu aber war seit der Mitte des 4. Jhdts. auch die früher einem besonderen mag. sacrarum cognitionum übertragene Vorbereitung und Protokollierung der von dem Kaiser selbst geführten Untersuchungen und Gerichtsverhandlungen hinzugekommen; vgl. zu diesem Dienstbereich v. Premerstein Art. a cognitionibus o. Bd. IV S. 222; ferner Boak Harvard Stud. XXVI 97ff.; ders. The Master of the Offices 85, 1. Für die Kompetenz des scrinium libellorum bei den cognitiones ist belehrend das Protokoll über eine Untersuchung des J. 449, das in die Akten des Konzils von Chalkedon eingefügt ist, Mansi Concil. coll. VI p. 758ff. Nach beiden Seiten hin erforderte daher das magisterium l. auch in dieser Zeit umfassende Rechtskenntnis, und so waren denn die Träger des Doppelamts bei der Redaktion des Codex Theodosianus (vgl. I 1, 5. 6; Theod. Nov. I 7) und des Codes Iustinianus (I 17, 2, 9, s. o.) als Mitarbeiter beschäftigt; andere Nachweise dafür und für die rhetorische Bildung der mag. libellorum s. bei Seeck u. Bd. II A S. 899.

Nicht ganz klar ist das Verhältnis zum mag. memoriae. Während die Notitia dignitatum von dem mag. epistularum und dem mag. libellorum sagt: preces tractat, heißt es von dem mag. memoriae: adnotationes omnes dictat et emittit et precibus respondet (Not. occ.: respondet tamen et precibus). Schwerlich mit Recht hat man daraus folgern wollen. daß im Gegensatz zu einer lediglich vorbereitenden und referierenden Tätigkeit der beiden anderen Ämter das eigentlich erledigende und expedierende Büro der kaiserlichen Kanzlei - besonders für die preces - damals das scrinium memoriae gewesen sei; so Cuq Consilium principis 311. 473. Thédenat Art. a libellis 1175. Hirschfeld Verw.-Beamte² 335ff. P. Krüger Gesch. der Quellen² 118. Bresslau Handb. I² 185. Boak Harvard Stud. XXVI 94. 95. 97. M. Bang bei Friedländer IV10 46; gegen diese Annahme mit Recht Karlowa R. Rechtsgesch. I 545f. 835f. Vielmehr scheint dem mag. memoriae eben nur ein Teil der preces zugefallen zu sein, und zwar jener, der in der besonderen Form der adnotatio zu erledigen war, Karlowa I 834f. Seeck u. Bd. II A S. 897f. Nr. 1; s. auch o. S. 18; u. S. 41.

Unter den mag. scrin. steht der mag. libellorum in der amtlichen Rangliste an dritter Stelle; dies ergibt sich aus CIL VI 510 ( = Dessau nr. 4152), aus der Reihenfolge in der Notitia dignitatum und zumeist auch in den kaiserlichen Constitutionen; zur Rangstellung des mag., später comes dispositionum, s. Seeck o. Bd. IV S. 647 Nr. 22. Vgl. im allgemeinen Seeck u. Bd. II A S. 896f. In der Rangtitulatur stand der mag. libellorum den zwei anderen magistri der älteren scrinia (memoriae, epistularum) gleich, war also zu Anfang des 4. Jhdts. vir spectabilis [24] mit Vortritt vor den Vicarii und sogar den Proconsuln; darüber ausführlich Seeck 896. P. Koch Die byzant. Beamtentitel von 400-700 (Jena 1903) 17. 31. Einzelheiten bei Gothofredus Kommentar zu Cod. Theod. VI 12 un. (Verhältnis zu den comites consistoriani).

Scrinium libellorum (libellenses).

Die Untergebenen des magister libellorum sind die libellenses (z. B. Cod. Iust. III 24, 3. VII 62, 32, 4a. XII 19, 14, 1), griech. λιβελλήσιοι (Iust. Nov. 20, 9; so noch bei Const. Porphyrog. caer. p. 418, 21). Mit der Zahl und den Beförderungsverhältnissen der libellenses und der verwandten Beamtengruppen beschäftigt sich Cod. Iust. XII 19, 1-15. Über die Stellung des scrinium libellorum innerhalb des Rahmens der kaiserlichen Hofämter ist schon o. S. 20f. einiges angedeutet. Die Bezeichnung memoriales, welche zunächst den Angehörigen des vornehmsten scrinium (memoriae) zukommt, wird nicht selten auf die der übrigen scrinia, also auch die libellenses ausgedehnt, Seeck u. Bd. II A S. 894; Inschriften von memoriales: CIL III 9532. 9533. V 8775. VI 8620 (v(ir) p(erfectissimus) ex me[mo]rialibus). 33 715. Das den libellenses wie überhaupt den subalternen Beamten zukommende Rangprädikat ist vir devotus oder devotissimus (z. B. Zeno Cod. Iust. III 24. 3 pr.), griech. καθωσιωμένος (Iust. Nov. 20, 9); dazu Hirschfeld Kl. Schr. (1913) 678, 4. 679, 2; weiteres bei P. Koch Byzant. Beamtentitel 80 mit A. 8. Die subalternen Beamten der drei scrinia (memoriae, epistularum, libellorum) bezeichnet eine Verordnung vom J. 382 (Cod. Theod. XI 16, 14 pr. = Iust. X 48, 11 pr.) als eos, qui ibidem peragendis signandisque responsis nostrae mansuetudini obsecundant und gewährt ihnen Befreiung von gewissen munera; s. dazu Böcking Not. dign. occ. p. 412*. Aus den Beamten der mehrerwähnten drei älteren scrinia bezog auch der Quaestor sacri palatii sein Büropersonal, adiutores de scriniis quos voluerit (Not. dign. or. 12, 6); s. auch occ. 10, 6: habet subaudientes adiutores memoriales de scriniis diversis. Die Zahl dieser adiutores setzte Iustinian auf 26 herab, und zwar 12 aus dem scrinium memoriae und je 7 aus den beiden anderen scrinia, vgl. Iust. Nov. 35 vom J. 535.

Als Spitzen erscheinen wie in den anderen, so auch im scrinium libellorum der proximus, der im Range gleich hinter dem magister libellorum steht, und der melloproximus (Seeck 895). Der dritthöchste Beamte im scrinium memoriae ist der laterculensis, und dies gilt vielleicht auch für die anderen sacra scrinia, vgl. Iust. Nov. 35, 1; dazu E. Stein Unters. z. Officium d. Prätorianerpraef. (Wien 1922) 48, 1. Zu den Rangprädikaten (beim Proximus vir clarissimus, seit 386 vir spectabilis) und sonstigen Auszeichnungen und Immunitäten s. Böcking Not. dign. occ. 412*. Seeck 896. Bresslau Handb. I² 186. P. Koch Beamtentitel 18. 20. 21. 31.

Literatur zum magister libellorum und zum scrinium libellorum: Böcking Not. dign. or. 236f. 248ff. 271ff.; occ. 412*ff. v. Bethmann-Hollweg Der röm. CivilprozeB III a. m. O. Cuq Études d’epigr. juridique (1881) 78. 135ff. [25] Karlowa Röm. Rechtsgesch. I 545f. 831. 834f. Schiller Gesch. der röm. Kaiserzeit II 101ff. Mommsen Ges. Schr. VI 387ff. 421 mit A. 2 (= N. Arch. f. ält. dt. Gesch. XIV 1889, 453ff.). Thédenat in Daremberg-Saglio Dict. des ant. III 2, 1175. Hirschfeld Verw.-Beamte² 318, 1. 329 mit A. 2. 330, 1. Peter Geschichtl. Literat. über die röm. Kaiserzeit I (1897) 342, 5. 345f. Bury Harvard Stud. in Class. Philol. XXI (1910) 23ff.; ders. The imp. admin. system in the ninth century (British Academy, Suppl. Papers I 1911) 75ff. (mir nicht zugänglich). Reid The Cambridge Mediaeval History I (1911). P. Krüger Gesch. der Quellen und Liter. des röm. Rechts² (1912) 118. 314. Bresslau Handb. d. Urkundenlehre I² 185ff. Dessau Inscr. latin. sel. III 1 Indices p. 421. Boak The Roman magistri in the civil and military service of the Empire, Harvard Stud. in Class. Philol. XXVI (1915) 96ff. 113ff. 163; ders. The master of the offic. in the later Roman and Byzantine empires, Univers. of Michigan Stud., Human. Series XIV (New-York 1919) 14. 22. 26. 27. 51. 82ff., bes. 85. 99. 146. Stein Ztschr. d. Savigny-Stift. R. A. XLI (1920) 226ff. Seeck Art. Scrinium u. Bd. II A S. 893ff. - Die Laufbahn zweier magistri libellorum um 400, Patruinus und Cl. Postumus Dardanus, behandelt Sundwall Weström. Studien (Berlin 1915) 67 n. 116. 116 n. 352.


III. Libellenses

(a l.) bei den untergeordneten Verwaltungsbehörden. Außer bei den Zentralbehörden finden wir seit der diocletianisch-constantinischen Neuordnung einen Beamten libellensis oder a l. auch in anderen Verwaltungsämtern. In dem sog. Ordo salutationis sportularumque für die Provinz Numidia, von deren Statthalter unter Kaiser Iulian (361-363) erlassen (CIL VIII Suppl. 17 896. Bruns⁷ 280f. n. 103. Girard Textes⁴ 182f. n. 7; abgedruckt und erläutert von Mommsen Ges. Schr. VIII 478ff.), Z. 46ff. wird angeordnet: libellensis in libello uno duos modios tritici vel duorum modiorum pretium debebit accipere. Im Codex Theodosianus wird ein solcher libellensis nicht erwähnt, dagegen erscheint in der Notitia dign. or. ein a l. - häufig mit dem Beisatz sive subscribendarius - in den Officia der beiden Proconsuln, sämtlicher Comites, Duces und Consulare (vgl. Seeck Ausgabe, Index p. 302); bei dem Dux Arabiae ist ein a l. sive regerendarius verzeichnet (37, 50); letzterer Zusatz regerendarius wird allerdings von Bethmann-Hollweg Civilprozeß III 153 A. 147 als Schreibfehler angesehen, dagegen von Mommsen a. a. O. 495, 3 verteidigt. Dagegen fehlt das Amt a l., obgleich es die Sportelordnung zu Iulians Zeit für den Consularis Numidiae bezeugt, in der Notitia dign. occ. bei den dortigen Provinzstatthaltern völlig. An seine Stelle tritt nach Mommsen a. a. O. 495, 3 der regerendarius ein (Seeck Index p. 308), der für die Praefecten der Garde und der Stadt, die magistri militum, sowie einige Duces und Comites des Westens bezeugt ist. Die Verschiedenheit dieses regerendarius von dem mit Überwachung des Postlaufs betrauten regendarius, der oft mit ihm verwechselt wird (so Dict. des ant. IV 817. Boak Harvard Stud. XXVI 155, 4; auch u. Bd. I A S. 464f.), weist E. Stein (Officium [26] der Prät.-Präfektur 62) nach, der auch an einigen Stellen der Notitia für den hsl. überlieferten regerendarius den regendarius einsetzen möchte. Unhaltbar ist die Annahme, daß in vielen Ämtern, z. B. in den Praefecturen und Vicariaten, wo ein a l. fehlt, der sog. cura epistolarum als wesensgleich für ihn eintritt (so Seeck zur Not. dign. p. 49, 1; abgelehnt von Stein 67ff.), oder daß im Abendland die Funktionen des libellensis auf den Beamten ab actis übergingen (so Pernice Ztschr. d. Savigny-Stift. VII 129). In der Neuordnung der Praefectur Africa durch Iustinian wird der größte Teil der Geschäfte der Verwaltung und Rechtsprechung dem mit nur wenigen (6) Beamten besetzten scrinium libellorum überwiesen, Cod. Iust. I 27, 1. 27, neben dem die scrinia primiscrinii, commentariensis und ab actis mit ihren Sonderaufgaben bestehen. Vgl. P. Krüger Kritik des just. Codex (Berlin 1867) 168f. Ch. Diehl L’Afrique byzantine (Par. 1896) 103f., sowie das Schema bei E. Stein 75.

Wie schon Mommsen gesehen hat, sind die Ausdrücke libellensis (Sportelordnung), a l., subscribendarius und regerendarius nur verschiedene Bezeichnungen für einen und denselben Beamten; als Hauptaufgabe weist er ihm zu: ut libellis, quos privati magistratui tradunt, subscribat se eos accepisse die illo. Nach Stein 62 wäre das Büro dieses Beamten in der Hauptsache die Einlaufstelle für Eingaben an die betreffende Behörde gewesen; bei den militärischen Dienststellen verbanden sich damit allerdings noch andere Geschäfte, Cod. Theod. VII 4, 1. Mit dieser Tätigkeit wird man gerne die Bezeichnung des Beamten als regerendarius in Beziehung setzen, die von Stein 62 (vgl. 36, 2) auf das Eintragen von Einlaufsvermerken in die regesta gedeutet wird. Aber die Benennung subscribendarius weist noch darüber hinaus; hier handelt es sich wohl nicht nur um eine bloße Vormerkung des Eingangsdatums auf den libelli, wie Mommsen als Notbehelf angenommen hatte, sondern um die Vorbereitung und Eintragung der subscriptio, d. h. des Bescheids des betreffenden Magistrats auf die ihm überreichte Eingabe. Dafür eben werden dem libellensis nach der Sportelordnung für Numidien als sportula für jeden Libell zwei Scheffel Getreide oder deren Geldwert ausgesetzt. Es ist also wahrscheinlich im kleineren dieselbe Tätigkeit, wie sie der magister libellorum mit seinem scrinium am kaiserlichen Hof ausübte.

Literatur zum a l. (libellensis) der Provinzstatthalter: v. Bethmann-Hollweg Der röm. Civilprozeß III (1866) 153 n. 9, dazu 152 n. 7. Seeck Not. dign. p. 49, 1. Mommsen Ges. Schr. VIII 495f. (= Ephem. epigr. V 643). Pernice Ztschr. d. Savigny-Stift. R. A. VII (1886) 128f. 137f. E. Stein Unters. über das Officium der Prät.-Präfektur seit Diokletian (Wien 1922) 61f. 68.