ADB:Bach, Johann Christian

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Artikel „Bach, Johann Christian“ von Carl Ferdinand Pohl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 747–749, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bach,_Johann_Christian&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 12:00 Uhr UTC)
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Bach: Johann Christian B., der Mailänder oder vorzugsweise der Englische genannt, im Sept. 1735 zu Leipzig geb. als der elfte und jüngste Sohn Johann Sebastians. Als sein Vater starb, zählte Joh. Christian 15 Jahre und seine Mutter, Anna Magdalena, sah sich außer Stand, für seine Erziehung zu sorgen. Der ältere Bruder, Karl Philipp Emanuel, nahm ihn daher zu sich nach Berlin und unterrichtete ihn selbst in Clavier und Composition. Nähere Bekanntschaft mit den Mitgliedern der italienischen Oper veranlaßten B. im J. 1754, Italien zu besuchen. Seine gefälligen und ebenso leicht ausführbaren Compositionen und seine einnehmende Persönlichkeit machten ihn rasch beliebt; seine erste Oper „Catone“, wurde zu Mailand (1758) aufgeführt; auch fand er am Dome daselbst eine Anstellung als Organist. Von der Imprésaria Sgra. Colomba Mattei als Operncomponist für das Kings-Theater berufen, kam B. im Herbst 1762 in London an. Dort schrieb er zunächst für die Sängerin Anna de Amicis seine erste Londoner Oper „Orione, ossia Diana vendicata“, die am 19. Febr. 1763 gegeben und 12mal in der Saison wiederholt wurde. Die Oper überraschte namentlich durch Reichthum an Harmonie und Fülle der Instrumentirung. In dieser Oper wendete B. auch Clarinetten an, die in London bis dahin nur einigemal in Concerten gehört wurden (Händel’s einmalige Benutzung dieser Instrumente in seiner Oper „Tamerlan“ im J. 1724 war nur vorübergehend). In „Orione“ oder einer der späteren Opern brachte B. auch das übliche Da Capo der Arien außer Gebrauch, indem er den zweiten Theil mit dem ersten vereinigte, zu dem der Sänger, nachdem er in der Quint modulirt hatte, zurückkehrte. Am 7. Mai 1763 folgte die Oper „Zanaida“, mit der die Saison bei der 7. Vorstellung abschloß. B. war kaum in London angelangt, so wurde er auch zum Musikmeister der Königin und später auch der königl. Familie überhaupt ernannt (Music master to her Majesty and the Royal family). Es erschienen nun im März 1763 6 Concerte für Clavier (mit 2 Violinen und Vcll.), die der Königin dedicirt waren. Im Concertsaal verband sich B. mit dem seit 1759 in London lebenden vortrefflichen Gambisten C. F. Abel; beide gaben am 29. Febr. 1764 ein Concert, in dem von B. eine „Serenata“ in 2 Abtheilungen aufgeführt wurde. Nun vereinigten sie sich mit der Concert-Unternehmerin Mrs. Cornelys, die in Carlisle-House, Sohosquare, jährlich Abonnement-Concerte veranstaltete. Das erste dieser Concerte unter B. und Abel fand am 23. Jan. 1765 statt. Für diese Concerte, 15 in der Saison, Subscription 5 Guineen, componirte B. eine Reihe Vocal- und Instrumentalstücke. Auch suchte er sein in Italien arg vernachlässigtes Clavierspiel wieder [748] hervor und trat nun häufig in diesen und in Concerten anderer Musiker auch als ausübender Künstler auf. Die Bach-Abel-Concerte, abwechselnd von einem dieser Beiden dirigirt, wurden tonangebend und hielten sich, obwol in den letzten Jahren nur durch Vermittelung einer pecuniären Unterstützung Lord Abingdon’s bis zum Tode Bach’s. Im J. 1775 wurden sie in die vom Tanzmeister und späteren Operndirector Gallini neu erbauten Hanover square rooms verlegt. Das erste Concert am 1. Febr. war auch das erste überhaupt, das in diesen so oft genannten Räumen, wo dann Haydn, Spohr, Weber und Mendelssohn auftraten, Statt hatte. B. spielte u. a. auch im Concert des Oboisten Fischer am 2. Juni 1768 das kurz zuvor, Mai 1767, von Charles Dibdin in London zum ersten Mal öffentlich gehörte „Pianoforte“. Bach’s Begegnung mit Mozart, als dieser, 8 Jahre alt, London besuchte und Mozart’s Neigung zu ihm, die auch beim Pariser Zusammentreffen gleich herzlich war, hat Jahn in seinem „Mozart“ (2. Aufl. I. S. 38 u. 501) geschildert. Bach’s weitere Opern waren „Adriano in Siria“ (1765), „Carattaco“ (1767), „Themistocle“ (1772), „Lucio Silla“ (1774, Beide in Paris aufgeführt), „La Clemenza di Scipione“ (1773), „Amadis de Gaules“ (1779, 14. Dec. in Paris aufgeführt). In Gluck’s „Orfeo“ (1770) schrieb B. nur einige Nummern; „Berenice“, „Olimpiade“, „Ezio“, sind Pasticcios, zu denen B. ebenfalls beisteuerte. „Orione“ wurde 1777 wiederholt; „La Clemenza di Scipione“, in der Cäcilia Davies auftrat, wurde 1778 mit Francisca Danzi (sp. Mme. Le Brun) und noch 1805 von Mrs. Billington, einer Schülerin Bach’s, zu ihrem Benefice wiederholt. Ueber die Oper „l’Amadis“ hat Grimm (Corresp. litt. X. p. 236) berichtet und in sehr bezeichnender Weise Bach’s Manier als Operncomponist wiedergegeben. Die Oper war nicht im Stande, den damaligen Streit der Gluckisten und Piccinisten zum Ausgleich zu bringen; beide Theile waren nicht befriedigt. Im J. 1770, als in der Fastenzeit Oratorien-Aufführungen im Coventgarden- und Drurylane-Theater Statt hatten, veranstaltete auch B. solche im Kings-Theater. Diesmal hatte auch er ein Oratorium geschrieben, „Gioas Rè di Giuda“ (von Metastasio) das am 22. März zur ersten Aufführung kam und in diesem und im nächstfolgenden Jahre 4 mal wiederholt wurde. Im J. 1775 spielte B. in der Zwischenabtheilung von Händel’s „Samson“ wieder einmal die Orgel, aber selbst seine Freunde, die noch Händel’s Vorträge im Gedächtniß hatten, mußten sich gestehen, daß B. nicht ungestraft sich jahrelang auf diesem Instrument vernachlässigt hatte. B. starb am 1. Jan. 1782. Sein Tod scheint unerwartet eingetreten zu sein, denn an demselben Tage kündigten Bach-Abel wie gewöhnlich ihre Concerte für die Saison an. B. hatte im J. 1767 die Sängerin Cecilia Grassi, die in seinen Opern auftrat, kennen lernen und sie später geheirathet. Sie war weder schön, noch hatte sie das nöthige Temperament für die Bühne, doch wußte sie durch ungewöhnlich sympathische Stimme und unschuldsvollen Ausdruck zu fesseln. Trotz seinem großen Einkommen hinterließ ihr B. eine große Schuldenlast (man sagt 4000 Pfd. Sterl.). Nebst einem Geschenk der Königin und einer kleinen Pension wurde ihr ein Benefice im Kings-Theater (27. Mai) zugestanden und sie kehrte dann in ihr Vaterland, nach Italien zurück. – B. war aufgeweckten Geistes und nahm das Leben von der leichteren Seite; man hält ihm dies und seine vorwiegend sinnliche Neigung mit einer gewissen Vorliebe vor und obwol man ihn nicht eigentlich leichtsinnige Handlungen nachweisen kann, hat man ihm doch fast jeden ernsteren Strebens für unfähig gehalten. Seine einschmeichelnde Schreibweise, die ihn namentlich zum Liebling der Damen machte, die Leichtigkeit, mit der er componirte und dabei viel Geld erwarb, verleitete ihn allerdings, viel und rasch zu schreiben, wobei er sich nothwendig verflachte und wenn ihm sein Bruder Emanuel darüber Vorwürfe [749] machte, so hatte er die Antwort bereit: „Ich muß ja wol stammeln, damit mich die Kinder verstehen“. Und wenn man ihm eben diesen Bruder als Muster aufstellte, half er sich mit der Ausflucht: „Ei! mein Bruder lebt, um zu componiren, ich aber componire, um zu leben“. Er wußte aber auch Besseres zu liefern, wie seine Kirchenstücke und so manche Cantate beweisen; eine Sonaten-Sammlung op. 5 (namentlich die letzte, C moll) darf hier nicht vergessen werden. Auch ist es schon etwas werth, wenn Mozart an seinen Vater über B. schreiben kann: „daß er ein ehrlicher Mann ist und den Leuten Gerechtigkeit widerfahren läßt“. Und weiter: „Ich liebe ihn (wie Sie wol wissen) von ganzem Herzen und habe Hochachtung für ihn, und er – das ist einmal gewiß, daß er mich sowol zu mir selbst als zu anderen Leuten, nicht übertrieben wie Einige, sondern ernsthaft, wahrhaft gelobt hat“. B. war also fähig, das Genie Mozart’s herauszufinden und anzuerkennen zu einer Zeit, da dieser seine großen Werke noch zu schreiben hatte. Auch das ist bezeichnend, wenn Mozart weiterhin an den Vater schreibt: „Ich habe auch zu einer Uebung die Arie „Non sò d’onde viene“, die so schön von B. componirt ist, gemacht, aus der Ursache, weil ich die von B. so gut kenne, weil sie mir so gefällt und immer in Ohren ist“. (Mozart’s Arie siehe Köchel’s Mozart-Katalog Nr. 294). – Lieblingsnummern der besten Musiker Londons waren u. a. ein Concertante für Violine, Oboe, Viola und Vclle.; Concertante für Violine, Oboe, Flöte, Oboe, Vclle., einige Clavierconcerte und Quartette und eine Symphonie für 2 Orchester. Unter den der Gräfin von Abingdon gewidmeten 6 Sonaten op. 15 befindet sich eine für 2 Claviere und eine für 4 Hände auf einem Clavier; sämmtlich aus nur 2 Sätzen bestehend. Eine große Anzahl Arien und mehrstimmige Cantaten schrieb B. zum Alleingebrauch für berühmte italienische Sänger. Ferd. Tenducci besaß deren viele und führte einige in seinem Abschiedsconcert in London (1786) als Huldigungsfeier auf. Es waren die 3stimmigen Cantaten „Rinaldo ed Armida“, „Amor Vincitore“ und „Aurora“, dahin gehören auch „Endimione“ (1772) und „The Intercession“ (1767), in denen B. wie in seinen Opernarien breites Recitativ, gefällige Melodie, volle Harmonie und reiche Instrumentirung anstrebte. Aehnliche kleine Werke, wie die der Lady Glenorchy gewidmeten und 1765 erschienenen „Sei Canzonette a due“, melodiös, weich im Charakter und leicht singbar, die Empfindung nur oberflächlich berührend, schmiegten sich der damals in Blüthe stehenden neapolitanischen Schule an, welcher B. auch in seinen Opern huldigte. Als Werke ernster Gattung erwähnt Schubart Messen, für Rom und Neapel geschrieben, einige Psalmen und namentlich ein „Te Deum“; Fétis gibt noch an ein „Salve Regina“ (vgl. Heinse’s „Hildegard von Hohenthal“, I. S. 168), ein 2stimmiges „Magnificat“ und „Laudate pueri“, ein 4stimmiges „Gloria“, 2 „Motetten“ (für den Sänger Raaff componirt) sämmtl. mit Orchester. Das erwähnte Oratorium ist für 6 Solost., Chor und Orch. geschrieben, zerfällt in 2 Abth. und enthält außer der Ouverture 1 Duett, 15 Arien und 7 Chöre.

Cramer (Magazin für Musik, 1783, S. 194), Fétis (Biogr. univ), Gerber (Lex. der Tonk.) u. A. geben Verzeichnisse der Werke Bach’s; treffende Charakteristik lieferten Schubart (Ideen zu einer Aesthetik der Tonkunst, S. 201, der Vorname Georg ist zu berichtigen), Rochlitz (Allg. Mus. Ztg. 8. Jahrg. S. 811, siehe Schubart), Reichardt (Mus. Almanach 1796), Burney (History of music, vol. IV), a Dictionary of musicians, 1824. Von wesentlichem Belang sind auch die gleichzeitigen englischen Tagesblätter Public Advertiser, Morning Herald u. A.