ADB:Melissus, Paulus

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Artikel „Melissus, Paul Schede“ von Erich Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 293–297, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Melissus,_Paulus&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 00:08 Uhr UTC)
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Melissus: Paul Schede M., Dichter, geb. den 20. December 1539 zu Melrichstadt (Alphipolis patria est) in Franken (Francus, Semper-Francus), Sohn des Beamten Balthasar Schede. Nach dem Familiennamen seiner Mutter, Ottilie Melisse, fügte er später dem Paulus Schedius ein poetisches Melissus bei oder nannte sich nur mit diesem Namen, der seinen Freunden und ihm selbst Anlaß zu unaufhörlichen faden Spielereien mit mel, mellitus etc. bot (vgl. Schediasmata² 2, 61 De cognomento suo). Früh dem doppelten Ruhm eines dulcis musicus et poeta suavis zustrebend, wurde er daheim, dann in Erfurt und Zwickau erzogen und studirte 1557–1559 in Jena unter dem berühmten Stigel (vgl. Göttling, Vita Stigelii), der außer einem Schwall pompöser Carmina auch ein deutsches Kirchenlied gedichtet hat, Philologie. Nach kurzer Wirksamkeit als Cantor im fränkischen Königsberg ging er 1561 nach Wien, wo er eifrig Griechisch trieb und von Lazius für Geschichte und deutsche Philologie angeregt wurde. In neueren Sprachen hat er sich früh befestigt. Als poeta laureatus kehrte M., der in Wien allein oder mit andern mehre Epithalamia (1562–1564, Hofbibliothek) und auch Carmina gratulatoria ad Maxaemilianum II. Rom. regem herausgegeben, nach Wittenberg zurück, zu philologisch-historischen Studien bei Ortel und Eber. 1565 erschien von ihm eine kunstreiche Mottette mit griechischem Text, der 1566 ein Band weiterer Compositionen folgte. Er war später mit [294] Orlandus Lassus und dem Psalmencomponisten Goudimel intim, wie seine Gedichte mannigfach bezeugen. Sein Leben verlief wie das eines echten fahrenden Humanisten in stetem Wechsel. 1565 nach Würzburg berufen, eilt er bald nach Wien, um einen Kreis junger Edelleute zu unterrichten, macht die Strapazen eines ungarischen Feldzuges mit (vgl. Schediasmata² 2, 142) und wird 1567 in Paris der Schüler des Auratus, Lambinus und Ramus. Beziehungen zu französischen Reformirten ziehen ihn über Besançon nach Genf, wo er von 1568 bis Anfang 1571 weilt und nicht nur in Henri Etienne und Jos. Scaliger hoch übergelegene philologische Genossen findet, sondern auch als eifriger Proselyt der Lehre Calvins mit dem an Marots Psalmen betheiligten Theodor Beza sich befreundet. So glaubte Friedrich III. von der Pfalz 1570 in M., der damals dem Speirer Reichstag beiwohnte, den rechten Mann für ein Gesangbuch der pfälzer Reformirten, einen deutschen Marot zu finden und berief ihn nach Heidelberg. Von der Hofgunst getragen, entsprach M. schnell der gestellten Aufgabe. Dann sammelte er seine lateinischen Gedichte, machte 1577–1580 eine große italienische Reise, wurde Comes Palatinus, Eques auratus, Civis Romanus, tauchte in Augsburg, länger in Nürnberg – vgl. die öden Lobgedichte „Melissi Mele sive odae ad Noribergae et Septemviros Reipub. Norib.“, Nürnberg 1580 – wieder auf, edirte 1585 als spärliche Frucht des südlichen Aufenthalts „Epigrammata in urbes Italiae“ und verbrachte den Winter 1585 auf 1586 in England, wo er der Königin mit Glück hofirte. Endlich winkte ihm in dem lieben Heidelberg ein auskömmliches Amt: im Frühjahr 1586 folgte er durch Frankreich und die Schweiz einem Rufe an die Bibliothek. Er heirathete im September 1593 Emilie Jordan, fand zu den Freuden hoher Auszeichnungen und anregender Freundschaft den beglückten Frieden des Hauses und starb am 3. Februar 1602.

M. hat die philologische Wissenschaft um nichts bereichert, aber als Versifex eine auch für den allgemeinen superlativischen Stil der Zeit viel zu überschwängliche Anerkennung gefunden, die noch heute hier und da wunderlich spukt. Des Schedius „Schediasmata“ erschienen 1574 (in demselben Jahre Melica), dazu 1575 „Schediasmatum reliquiae“; zum Ersatz ist die zweite so veränderte wie vermehrte Auflage der „Schediasmata poetica“ (Paris, Sittart 1586) bestimmt. Von kleinen Leistungen abgesehen, folgen zum Schlusse 1595 des Melissus „Meletematum piorum libri VIII …“, fromm, paränetisch, biblisch-episch, politisch, häuslich; darunter das Einfachste und Wahrste, das er als Neulateiner geboten.

Seinen Wunsch, als vierter zu den drei fränkischen Sternen: Celtis, Hutten, Lotichius, gezählt zu werden, kann eine kritische Nachwelt ihm nicht erfüllen. Mit Lotichius, dem besten Neulateiner, ist er nicht entfernt zu vergleichen; auch hinter Micyllus, Sabinus und Kleineren bleibt er weit zurück. Die Form – Hendekasyllaben (Earina etc.), künstliche pindarische Gebäude, Hexameter, Distichat sapphische und andere Strophen – handhabt er gewandt. Seine Sprache zeig, viele Neologismen, sein Stil zehrt oft von Anleihen aus antiken Poeten und meidet selten leeren Wortschwall, phrasenhaftes Geklingel. Er spielt gern akrostichisch, und in einem längeren Gedichte (Rel. 445) mit dem Echo. Von sich selbst redet er höchst prahlerisch. Die Reliquiae bringen außer zwei verschiedenen Portraits des stattlichen Mannes S. 269 ff. eine Masse Gedichte von Freunden auf sein Wappen: drei Lilien, oben ein Schwan. Seine Eltern hat er pietätvoll gefeiert, aus seiner Kindheit und Bildungsgeschichte einiges ziemlich schlicht erzählt, aber sowol seine Elegie auf Rom, als seine Natureingänge und etwa die Beschreibung einzelner Blumen sind geistlos und ganz uncharakteristisch. Er übersetzte auf Anregung des H. Stephanus große Partien der griechischen Anthologie. Er selbst hat neun mit den Namen der Musen ausgestattete Bücher Epigrammata geliefert, deren friedlicher Charakter den Dichter so fern von den [295] Invectiven eines Euricius Cordus zeigt, wie seine entrüsteten Scheltgedichte gegen die deutsche Trunksucht ihn von Eobanus Hessus scheiden. M. trat 1572 einem Mäßigkeitscollegium bei, das 1573 eine Sammlung poetischer Vota gegen die Völlerei in Druck gab, aber: sine Baccho friget Venus. Freilich war die freie Pflege der Erotik damals nicht ohne Gefahr – doch wie warm ist Lotichius, wie reizend schildert der haltlose Sabinus seinen Abschied von Anna Melanthon! M. hat zahllose Gedichte an eine Rosina gerichtet, von der er freilich versichert: nulla est, Carole, nulla: ficta plane est. Aber die erste Begegnung (Sched. 2, 115) mag erlebt sein und nach Rel. 416 dürfte man Rosina Margarita in Königsberg suchen. Ist dem so, dann hat M. nach einem flüchtigen Erlebnis endlos und mit wenig Variation schwache ernste und heitere lusus poeticos getrieben, antikisirenden Liebesepisteln Täubergedichtchen in Nachahmung Catulls nachgeschickt, in der Art des Johannes Secundus, aber vorsichtiger (3, 202 Fict. arg.), die Küsse besungen und seine größtentheils rein erphantasirte Liebespoesie in Schwulst und Getändel aufgehen lassen.

Vor und neben Rosina feiert er unermüdlich die Königin Elisabeth von England, die Pantheia oder dia Virago, der die neuen Schediasmata als Ganzes und Buch für Buch gewidmet sind, in den höchsten Tönen. Die Epigrammata 1580 enthalten S. 72 ein Reginae responsum. Auch Burleigh, Leicester, Sidney besingt er. Seine höfische Schmeichelei ist sehr international, denn sie verherrlicht neben dem Kaiserhaus und den Pfälzern, neben Bischof Julius Echter u. s. w. auch die Könige Dänemarks und Frankreichs und Alfons II. von Ferrara. Ueberhaupt dominirt das äußerliche Gelegenheitsgedicht: neben Posth und anderen Intimen werden Tycho de Brahe, Orlandus Lassus, Stigel, Dousa, Camerarius, Beza, Lipsius, Hieron. Wolf, Muretus, Sturm und besonders oft Scaliger und Stephanus bedacht. Sie besangen ihn wieder, lateinisch und griechisch. Auch Frischlin erscheint unter Melissus’ Lobrednern (Rel. S. 345).

Besonders wichtig sind die Beziehungen zu Frankreich; denn M. ist in Heidelberg nicht nur Experimentator auf metrischem und orthographischem Gebiet, nicht nur in lateinischer Sprache ein rechter Vorfahr der bald in deutscher Zunge redenden akademischen Renaissancepoesie, sondern er ging von Marot weiter zur classicistischen Plejade und verkündete, auch darin der Johannes Opitzens, den Deutschen die nachahmenswerthe Bedeutung Ronsards, den er als höchstes Muster proclamirte. Er führte den insolitus canor in Deutschland ein. M. stand in enger Verbindung mit Franzosen, wie d’Averly. Er kannte ihre Litteratur; auch Rabelais war ihm nicht ganz fremd (Rel. S. 42 Rablaesi jocus). Der Uebersetzer Scaligers und Anakreons übersetzt als gelehriger Jünger des Ronsard’schen pétrarquiser italienische Sonette ins Lateinische. Der Herold des französischen Gelehrtenruhms (Ad academiam Parisiensem etc.) spielte den von Lob überströmenden Herold Baifs, Jodelles, Ronsards, und der Dolmetsch des letzteren wurde nicht bloß in französischer Zunge unbändig gelobt (Rel. 351 ff.), sondern Freund Clement übertrug auch Schede’sche Verse in die Sprache Ronsards (Rel. 37). Bald wandelte sich Paulus Melissus in einen Paul de Melisse und lieferte außer einem gemischten melos gallicolatinum (Rel. 343) französische Sonette (Mel. 154, Rel. 172) und vers élégiaques, d. h. gereimte Disticha (Rel. 114). Man rief ihm zu (Rel. 214):

Translate et n’escris plus en ces langues lointaines,
Ou ne te vante plus Melisse Franconois,
Mais polyglosse Grec, Latin, Teuton, François.

1572 sind erschienen „Di Psalmen Davids in teutische gesangreymen, nach Frantzösischer melodeien unt sylben art, mit sönderlichem fleise gebracht von Melisso. Samt dem Biblischen texte: auch iglicher psalmen kurtzem inhalte unt [296] gebätlin. Mit käiserlicher majestat freihait auf siben jare“, am Ende ein Register der deutschen und französischen Anfänge und schließlich (Y 4²) nach einem Epigramme und einem den König David als Harfner darstellenden Kupfer die Angabe: Verfertiget in der Kurfürstlichen stat Haidelberg bei Michaël Schirat, den 9. herbstmonats 1572. Kurfürst Friedrich trug die Kosten. Dem aus Marot entlehnten Widmungsgedichte an ihn geht ein überkünstliches dreifaches Akrostichon an die Prinzen voraus (vgl. Rel. 160 ff. und Sched. 3, 258). Auch die übliche freundschaftliche Reclame, besorgt von Beza und Camerarius, fehlt nicht und unter der Abbildung der Insignia Melissi steht sein Wahlspruch manet immutabile fatum. M. hat die ersten fünfzig Marot-Beza’schen Psalmen (dazu die „gebote Gottes“ und „Simeons Gesang“) übersetzt. Nach der Nummer liest man den lateinischen und den Marot’schen Anfang und ein deutsches Argument, dann – eine typographische Neuerung – die Uebersetzung (Str. 1 immer mit der französischen Melodie) in lateinischem Cursiv, eine Prosaübersetzung in deutscher Fractur, ein „Gebäte“ in Antiqua. Die Prosa, nicht nur mit der Lutherischen verglichen, ist steifleinen; die zwischen Marot’s Leichtigkeit und biblischer Würde vermittelnde Poesie hart, manchmal recht drastisch, aber mehr an gesuchten Neologismen als an Sprachkraft reich. Eine neue, besonders auf die Längen und Umlaute gerichtete Orthographie ist peinlich durchgeführt – und beides, den schweren, ganz unpopulären Stil, wie die pedantische Schreibung mit ihren ungewohnten, verwirrenden Zeichen hatte M. zu vertheidigen (Rel. 185 f.). Eine Vorrede in Sachen seines Privilegs spricht von seiner Introductio in linguam Germanicam und seinem 1572 wol noch nicht beendeten Dictionarium germanicum – beide Werke sind nicht erschienen und die für die Ausgabe vorbereiteten Lobhudeleien (Rel. 348) unterrichten uns schlecht. Fand sich kein Verleger? Aber man erkennt die Wirkung des Verkehrs mit Lazius, Knöringen, Laurentius Albertus, Pictorius, Gesner und sieht auch hier Verbindungsfäden zwischen M. und Opitz. Die „Psalmen“, ein Jahr vor Lobwasser’s lang und viel sorglicher ausgearbeitetem Psalter, nehmen eine wichtige Stelle in der Entwicklung der deutschen Metrik ein. Die Reime sind rein, aber M. reimt z. B. 16, 2 vest: erheltest, weil er in seinen iambischen Zeilen, neben denen sich selten trochaische und gemischte Strophen finden, eine böse romanische Silbenzählung durchgeführt hat. Die orthographische Schrulle und die Qual der Wahl, meist entweder unrhythmisch oder undeutsch zu lesen, haben auch Fischart gegen M. aufgebracht und nach Melissus’ Angriffen auf den Vinosus zu dem schroffen Ausfall auf die „vnpoetisch Postimeliscisch (Posth, Melissus) Ketzerey“ veranlaßt. Eine Fortsetzung oder Umarbeitung ist nicht erschienen; die Uebersetzung des 128. Psalms hat sich als Gabe für Melissus’ Gattin handschriftlich erhalten (Weim. Jahrbuch 4, 21).

Waren die Psalmen Melissus’ erste deutsche Reimereien? und hat ihn erst die Pfalz, wo auch in Opitzens Studentenzeit der akademische Poet nicht ganz taub gegen den volksmäßigen Sang bleiben konnte, zu eigenen Versuchen begeistert? Zinkgref’s Opitzausgabe von 1624 bietet in dem „Anhang unterschiedlicher ausgesuchter Gedichte anderer mehr teutschen Poeten“ fünf deutsche Gedichte Melissus’, hier zum ersten Mal gedruckt, vielleicht von Zinkgref redigirt (Hallenser Neudrucke Nr. 15, 1879). Ein patriotisches Lied feiert Deutschland auch als Heimath der Kunst und spricht die Stimmung des reisemüd in Heidelberg auflebenden M. aus. Zwei Liebeslieder ergeben zusammen den uns bekannten Namen Margareta Rosina; sangbar, zierlich, halb meistersingerisch, halb Ronsardisch galant; jedenfalls ist „Rot Röslein wolt ich brechen“ keine trockene Stubenpoesie. Dagegen ist ein „Brautlied“ gedehnt und leer, und ein „Sonnet Jörgen von Averli, vnd Adelheiten von Grauwart“ nur als erstes deutsches [297] Alexandrinersonett formell interessant. Am Neckar und am Niederrhein blieb M. in Ehren, und Schneuber feiert ihn 1656 als einen Hauptvorgänger der Kunstpoesie, der „in den vornehmsten stukken mit dem heütigen Schlag überein“ komme.

Zu O. Taubert’s kurzer und magerer Monographie „Paul Schede (Melissus). Leben und Schriften“, Torgau 1864 vgl. Höpfner, Ztschr. für das Gymnasialwesen 19, 337 ff. und desselben Programm, „Reformbestrebungen auf dem Gebiete der deutschen Dichtung des 16. und 17. Jahrhunderts“, Berlin 1866, S. 26 ff.