ADB:Oporinus, Johannes

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Artikel „Oporinus, Johannes“ von Karl Steiff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 381–387, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Oporinus,_Johannes&oldid=2503436 (Version vom 25. Juli 2017, 07:07 Uhr UTC)
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Oporinus: Johannes O., einer der berühmtesten Buchdrucker und Buchhändler des 16. Jahrhunderts, geb. in Basel am 25. Januar 1507, † daselbst am 6. Juli 1568. So oft sein Name schon genannt und so viel schon über ihn geschrieben worden ist, so fehlt es doch bis heute an einer eingehenden Untersuchung über ihn, sowie an einer Zusammenstellung seiner Drucke und es ist [382] darum sowohl hinsichtlich seines Bildungsgangs als in Betreff seiner Druckerthätigkeit noch mancher Punkt im Dunkeln. Als der eigentliche Familienname des Mannes, wovon Oporinus die Uebersetzung ist, wird von Cherler (s. u.) Herbster, von Jokisch (s. u.) Herbst angegeben. Beides ist richtig. Denn wenn auch Oporin’s Vater in den uns erhaltenen Aufzeichnungen immer Herbster heißt, so nennt sich doch der Buchdrucker selbst in dem deutschen Auszug aus Vesal’s Fabrica humani corporis von 1543 Joh. Herpst (s. auch Joannis Stobej Scharpfsinnige Sprüche 1551). Der Vater stammte von Straßburg, lebte aber in Basel und war dort ein geschätzter Maler, bis er nach Einführung der Reformation auf die Ausübung der Kunst verzichtete, um nicht durch seine Bilder dem „Götzendienst“, d. h. der Bilderverehrung Vorschub zu leisten. Von seinen Arbeiten ist nichts, das seinen Namen trägt, auf uns gekommen, es sei denn, daß mit Nagler’s Monogrammisten IV. Nr. 2631, das aus J und O gebildete Monogramm auf dem großen Titelholzschnitt von Vesal’s Fabrica humani corporis (Ausgabe des Hauptwerks von 1543) auf den alten O. gedeutet werden darf. (Hans Holbein hat nach P. Manz, H. Holbein, 1879, S. 26 im J. 1516 sein Bild gemalt, das sich jetzt in London befindet.) Auch der Sohn sollte Maler werden, aber die guten Fortschritte, die er er in der Schule machte, veranlaßten seinen Vater, ihn für das Studium zu bestimmen. Damit wurde er aber in eine sehr wechselvolle Laufbahn eingeführt, die manche interessanten Episoden aufweist, von der wir hier jedoch nur die Hauptpunkte hervorheben können. Erst wurde er in dem Contubernium pauperum scholasticorum zu Straßburg untergebracht, wo er unter Hier. Gebwiller Latein und Griechisch lernte; dann sollte er in Basel die Studien fortsetzen, mußte aber aus Mangel an Mitteln sie bald unterbrechen und eine untergeordnete Lehrerstelle an der Klosterschule des Cistercienserstifts St. Urban im Kanton Luzern annehmen. Daß er in dieser Stellung nicht blieb, sondern nach Basel zurückkehrte, um 1526, geschah unter dem Einfluß des Canonicus Zimmermann (Xylotectus), dem er in St. Urban näher gekommen war und der zur Reformation übertrat, heirathete und nach Basel zog. Wie dieser schloß sich nun auch O. der neuen Lehre an; zugleich begann er weiterzustudiren, wofür er die Mittel theils durch Abschreiben von Manuscripten für Froben’s Druckerei, theils durch die Unterstützung ihm wohlgesinnter Männer, darunter des Erasmus und insbesondere des mit ihm verwandten Dr. Ludwig Ber erhielt. Vielleicht geschah es noch vor Vollendung seiner Studien und ebenfalls zur Unterstützung derselben, daß er eine Anstellung an der Lateinschule zu St. Leonhard in Basel erhielt, der bald eine ebensolche an der Münsterschule folgte. Mit so großen Schwierigkeiten O. zu kämpfen hatte, so brachte er es bei seinem ungewöhnlichen Fleiß und Eifer dennoch fertig, über das eigentliche Gebiet seines Studiums, die humanistischen Fächer hinauszugreifen; denn wir finden ihn auch in dem Hörsaal, in welchem Thomas Platter im Seilerschürzchen hebräisch lehrte – O. war es gerade, der Platter dazu aufgemuntert hatte – und wieder sitzt er zu Füßen des berühmten Juristen Bonifacius Amerbach und auch in diesen juristischen Studien scheint er einen tüchtigen Anfang gemacht zu haben, so daß später einmal der Basler Magistrat daran denken konnte, ihn zur Vollendung derselben unter Offerirung bestimmter Einkünfte aufzufordern. Als sodann im J. 1527 Theophrastus Paracelsus nach Basel kam, entschloß er sich auf Zureden Oecolampads bei dem vielversprechenden Mann auch noch Medicin zu studiren, und um in die neue Lehre, welche derselbe in marktschreierischer Weise verkündigte, eingeweiht zu werden, ward er, obwohl schon als Lehrer angestellt, obwohl schon verheirathet, noch sein Famulus, der als solcher bei dem Meister wohnen, ihm in Arbeit und Erholung Gesellschaft leisten, aber freilich auch unter seinen Wunderlichkeiten und Ausschreitungen [383] vieles leiden mußte. Ja als Paracelsus nach einigen Jahren von Basel wieder fortging, ließ sich O. durch leere Versprechungen desselben bewegen, ihn ins Elsaß zu begleiten, und er soll dort nach Jokisch noch zwei Jahre bei ihm ausgehalten haben. Doch ist dies kaum möglich; denn es ist ohnedies schon schwer, die fünfzehn Jahre herauszubringen, welche O. nach dem an L. Ber gerichteten Widmungsschreiben in des J. L. Vives Werk de veritate fidei Christianae (Basel 1544) im Basler Schuldienst zugebracht haben will. Die Heimkehr nach Basel bedeutete für O. die Aufgabe des medicinischen Studiums und die entschiedene Rückkehr zur Lehrthätigkeit, in welcher er nun mehr und mehr vorwärts kam. 1538 ist er als professor latinae linguae in die Universitäts-Matrikel eingetragen, und 1537 wird er Nachfolger des Symon Grynäus in der Professur der griechischen Sprache und im Vorsteheramt am Pädagogium oder Collegium sapientiae. Nun hatte er eine Stellung, in der er sich wohl zufrieden geben konnte, einträglich, angesehen und für schöne Erfolge bei seiner nicht gewöhnlichen Lehrgabe wie geschaffen. Was war es, das ihn bewog, diese Stellung nach einigen Jahren wieder aufzugeben und einem ganz anders gearteten Beruf, der Buchdruckerkunst sich zuzuwenden? Nach Cherler und Jokisch wäre der Anlaß eine Anordnung des Basler Magistrats vom J. 1539 gewesen, wonach alle Lehrer in der Facultät, der sie angehörten, den obersten Grad (die Doctorwürde) besitzen, bezw. erwerben mußten. O. wie einige Andere der nicht mehr ganz jungen Lehrer habe sich des letzteren geweigert und sei so gleich jenen um seine Stelle gekommen. In dem erwähnten Widmungsschreiben an Ber, in welchem O. selbst auf den Berufswechsel zu sprechen kommt, sagt er von diesem Hergang nichts, er redet vielmehr von einer ihm persönlich geltenden „contentio atque invidia hominum quorundam (ne quid gravius dicam) male feriatorum“, der er habe weichen müssen, die ihn aber auch nachher nicht in Ruhe gelassen habe. Doch schließt die eine Darstellung die andere nicht aus, und es wird jene Aeußerung Oporin’s eben dahin zu deuten sein, daß außer jener allgemeinen behördlichen Anordnung noch persönliche Verhältnisse mit im Spiel gewesen sind. Daß er nun aber gerade die Buchdruckerkunst sich als künftigen Beruf erwählte, begründet O. in dem mehrfach erwähnten Briefe damit, daß dieselbe ihn besonders angezogen habe, wegen der größeren Sicherstellung gegenüber den Anfechtungen Dritter, und vor allem wegen der Möglichkeit, auch ferner, wenn schon in anderer Weise, als bisher, der Wissenschaft zu dienen. Und in der That, aus der Art, wie er den neuen Beruf erfüllte, merkt man, daß es ihm dabei in hervorragender Weise um diesen idealen Zweck zu thun gewesen ist. Doch hat sicher bei gedachter Berufswahl noch ein anderer Umstand bestimmend mitgewirkt, der nämlich, daß er schon vor jener Katastrophe dem Buchdruckergewerbe sehr nahe stand. Nicht nur hatte er, wie Platter sagt, „vill in den trukeryen corrigiert“, er war bereits seit mehreren Jahren Mitglied einer Basler Druckereigenossenschaft (und zwar ohne Zweifel, um seinen durch seine zweite Frau heruntergebrachten finanziellen Verhältnissen etwas aufzuhelfen). Wir stützen uns dabei nicht bloß auf die treuherzige Erzählung Platter’s, wie er und O., und ebenso dessen Schwager, Robert Winter, von der Buchdruckerkunst sich goldene Berge versprochen, und daher unter sich und mit dem Setzer Balthasar Ruch (Lasius) sich vereinigt und die Presse des Andreas Cratander angekauft haben. Dies müßte im J. 1536 geschehen sein, da in diesem Jahre Platter und Lasius und wieder R. Winter (auch dieser also nicht schon 1533, wie es nach Panzer’s Annales typographici scheinen könnte) zum ersten Mal als Drucker vorkommen; dabei könnte aber immerhin der alte Platter sich der Zeit des Beitrittes von O. nicht mehr genau erinnert haben. Allein wir sehen in der That O. schon in einem Druck aus dem Anfang des Jahres 1537, dem Liber de Romanorum [384] militia ex Polybio excerptus per A. J. Lascarum (in der Vorrede) sich ganz als Genosse der Drucker desselben, Lasius und Platter geriren, so daß die an sich nicht sehr wahrscheinliche Erzählung des Letzteren hierdurch volle Bestätigung erhält. Die Art und Dauer jener Genossenschaft ist freilich noch nicht ganz aufgeklärt. In der Schlußschrift eines Druckes fanden wir O. zum ersten Mal im J. 1539, mit Winter zusammen genannt, ohne diesen oder einen andern Genossen aber und somit als selbständigen Besitzer einer Presse in Drucken von 1541 ab; doch gibt es noch aus den Jahren 1544 und 1545 Drucke, welche Oporin’s und Winter’s Namen mit einander nennen. Im ganzen bestätigt dies wieder die Erzählung Platter’s, daß die Genossenschaft der Vier sich bald aufgelöst habe, weil das Geschäft nicht gegangen sei, weil man namentlich nicht zu sparen vermocht habe, und da nur O. und Winter vereinigt geblieben seien, bis der Letztere gänzlich verdorben. Wie dem nun des Näheren sei, so viel ist sicher, O. hat nicht bloß seine Genossen überdauert, sondern sie und alle gleichzeitigen Basler Buchdrucker weit überflügelt. Worin besteht aber das Geheimniß seiner Thätigkeit? wo liegen die Wurzeln seines Erfolgs? Es ist nicht die schöne technische Ausführung seiner Drucke, obwohl dieselbe s. Z. viel gerühmt wurde. Wir finden, daß er von vereinzelten Preßerzeugnissen abgesehen hierin nicht über andere Basler Officinen, wie die Froben’sche, die Herwagen’sche sich erhoben hat. Mehr noch als die schöne Ausführung wurde die Correctheit seiner Drucke gepriesen, die, soweit sie vorhanden, seiner eigensten Bemühung zu danken war (er corrigirte immer selbst). Aber wir können auch in dieser Beziehung, wenngleich recht gute, so doch keine wirklich außerordentlichen Leistungen constatiren; jedenfalls steht er hierin einem Rob. Stephanus in Paris, einem Seb. Gryphius in Lyon entschieden nach. Was aber seinen Erfolg erklärt, das ist die günstige Position, die er von vornherein als Gelehrter besaß, der als solcher in Gelehrtenkreisen vielseitige Verbindungen hatte und dem auch der Fremde mehr als einem andern Drucker Vertrauen entgegen brachte; aber mehr noch als das ist es der Umstand, daß er mit ganzer Kraft und vollem Verständniß dem neuen Beruf sich hingebend, solche günstige Position zu befestigen und auszubeuten verstand. Bewundernswerth ist die Initiative, die er, immer im Dienst der Wissenschaft, nach allen Seiten entwickelt, wenn er hier einen jungen Gelehrten zum Schreiben ermuntert, dort einem älteren Beiträge zu seiner Arbeit liefert, wenn er jetzt bald da bald dort anklopft, wo er weiß, daß ein werthvolles Manuscript im Pulte liegt, und jetzt wieder für sich selbst Handschriften eines classischen Autors zusammensucht, den er herausgeben will. Bald wurde so sein Haus eine Stätte des regsten wissenschaftlichen Verkehrs, der Ausgangspunkt einer ausgebreiteten litterarischen Correspondenz, das Stelldichein einer großen Anzahl bedeutender Gelehrter, vor allem aber der Sammelpunkt für wissenschaftliche Arbeiten jeder Art, die aus weitem Umkreise, aus Italien und Polen, aus Frankreich und Holland, namentlich aber aus Süd- und Mitteldeutschland und aus der Schweiz hier zusammenflossen. Man hielt es für eine Ehre, bei O. seine Schriften erscheinen zu lassen, und so konnte denn dieser z. B. 1553 von einem ingens lucubrationum cumulus reden, der in seiner Officin bereit liege. Aber wenn er in solchen Zeiten der Geschäftsüberhäufung auch noch so viele Leute in seiner Druckerei beschäftigte, und wenn er auch die Hilfe anderer Pressen, wie der des L. Lucius und M. M. Stella, des P. Queck, des B. Franco, des J. Kündig (Parcus) in Basel, des M. Apiarius in Bern in Anspruch nahm, so vermochte er doch nicht immer den Andrang zu bewältigen und er konnte es nicht vermeiden, daß z. B. ein Adrianus Junis wegen jahrelangen Wartenmüssens auf den Druck seines Manuscripts in den bittersten Klagen sich erging. Ein Verzeichnis; der Oporin’schen Drucke findet man in [385] dem Catalogus librorum per J. Oporinum excussorum welcher der Schrift des Jokisch über O. von 1569 angehängt ist. Freilich ist derselbe wenig brauchbar, da er nicht bloß nie das Jahr des Erscheinens angibt, sondern auch eine große Anzahl von Drucken zwei, drei Mal und noch öfter aufführt (unter dem Autor und dem Uebersetzer oder Herausgeber, Sammelwerke unter den Titeln aller einzelnen Bestandtheile u. dgl.). Es ist darum auch viel zu hoch gegriffen, wenn unter einfacher Addirung sämmtlicher Titel jenes Catalogus Streuber (s. u.) und nach ihm viele Andere die Zahl aller Oporin’schen Preßerzeugnisse auf 750 – für jene Zeit eine enorme Ziffer – angeben. Andererseits freilich ist das genannte Verzeichniß auch weit nicht vollständig. Einen Nachtrag dazu hat in dem Allgemeinen Litterarischen Anzeiger 1801, Sp. 1055 f. Waldau von Nürnberg gegeben. Aber auch damit ist die Zahl der Drucke noch nicht erschöpft; besitzt doch allein die königl. Universitätsbibliothek Tübingen eine Reihe von Erzeugnissen der Oporin’schen Presse, die weder in dem genannten Nachtrag, noch in dem Catalogus selbst verzeichnet sind. Man sieht auch hieraus, wie ganz bedeutend die Thätigkeit dieses Mannes gewesen sein muß, und kann es verstehen, wenn die Zeitgenossen mehr noch als die Ausstattung und als die Correctheit seiner Drucke die „ungeheure Zahl“ der bei ihm erscheinenden trefflichen Werke rühmen und noch seine Grabschrift ausdrücklich von „libri innumeri“ spricht. Wie schon aus dem bisherigen hervorgeht, sind es fast nur wissenschaftliche Werke, was O. gedruckt hat. Die philologischen stehen, seiner Vergangenheit entsprechend, der Zahl nach oben an, und von ihnen nehmen wieder eine sehr bedeutende Stelle Ausgaben und Uebersetzungen der alten Autoren ein; die griechischen Classiker sind z. B. in der Zahl von mehr als sechzig vertreten. Sein ganz besonderes Absehen hatte O. darauf gerichtet, Texte, die noch gar nicht herausgegeben oder wenigstens im Druck nicht leicht zu haben waren, zu veröffentlichen. In ersterer Beziehung blieb ihm, dem Spätgeborenen, nach der rührigen Thätigkeit der ersten Typographen, nur eine Nachlese übrig; Tzetzes, die Geoponica und Aehnliches gehören hierher. Ein um so größeres Feld der Wirksamkeit aber hatte er nach der andern Richtung; denn die classischen Autoren waren zwar in Italien schon häufig gedruckt worden, in Deutschland aber, die griechischen zumal, verhältnißmäßig selten, so selten, daß O. z. B. während seiner Studienzeit nach seiner eigenen Erzählung die alten Dichter sich abzuschreiben genöthigt war, lediglich darum, weil Ausgaben derselben nicht zu bekommen waren. Nach dieser Richtung hat er sich, wie nächst ihm allerdings auch andere Basler Buchdrucker, ein wesentliches Verdienst um die Wissenschaft, speciell um den gelehrten Unterricht erworben. Neben der Philologie ist von O. die theologische Litteratur besonders gepflegt worden. Ein Hauptwerk ist in dieser Beziehung die erstmals bei ihm 1551 erschienene lateinische Bibelübersetzung des Seb. Castellio; weiterhin kommen namentlich seine Ausgaben der Kirchenväter in Betracht. Auch mag hier des Th. Bibliander lateinische Uebersetzung des Koran genannt werden (in Mahumetis ejusque succesorum vitae, doctrina etc. von 1543), weil zur Herausgabe derselben ein in jener Zeit nicht gewöhnlicher Freisinn gehörte, der denn in der That auch unsern O. mit den Behörden in Conflict und für kurze Zeit sogar ins Gefängniß brachte. Erst nach längeren Streitigkeiten, in denen selbst die Prediger auf den Kanzeln und die Bürger in ihren Zunftstuben und auf den Bierbänken Partei ergriffen, und nur auf Verwendung der Züricher und Straßburger Theologen und sogar Luther’s wurde der Druck, nicht aber der Verkauf in Basel, gestattet. Von Werken aus andern wissenschaftlichen Fächern, welch’ letztere alle in Oporin’s Verlag vertreten sind, am wenigsten vielleicht [386] die Medicin, ist ein gerade der letzteren angehöriges noch ausdrücklich hervorzuheben. Wir meinen Vesal’s großes Werk de humani corporis fabrica erste Ausgabe 1548, zweite 1555. Dieses ist ohne Frage in typographischer Hinsicht die bedeutendste Leistung der Oporin’schen Presse und eines der schönsten Druckdenkmale des 16. Jahrhunderts überhaupt, ein gewaltiger Codex, mit schönen Typen sauber gedruckt und mit prächtigen Holzschnitten von der Hand des Joh. von Calcar ausgeschmückt. Mit Vesal war O. von da an, wie mit so vielen andern berühmten Gelehrten nahe befreundet und Vesal soll es auch gewesen sein, welcher ihm sein eigenartiges Druckerzeichen vorgeschlagen hat. Dasselbe – es ist nur ein einziges, denn die bewaffnete Minerva ist nicht, wie behauptet wird, sein, sondern Winter’s Signet – stellt Arion auf dem Delphin dar, es erscheint aber, wie in verschiedener Größe, so auch in verschiedener Gestalt (wir konnten sieben Modificationen feststellen, es sind vielleicht noch mehr). Bald hat der Sänger eine Harfe, bald eine Violine in den Händen, bald sitzt er, bald steht er auf dem Fische, bald schreitet er von demselben auf das Land hinüber. Auf manchen seiner Signete liest man den Spruch: invia virtuti nulla est via, zum Theil neben dem andern: fata viam inveniunt und durch diese Erklärung erhält Oporin’s Druckerwappen eine für ihn sehr charakteristische Bedeutung. Denn nicht bloß in seiner Jugend sah er ein Meer von Schwierigkeiten vor sich, ohne darum muthlos zu werden und sich aufhalten zu lassen. Wie schon angedeutet, waren auch die Anfänge seiner Druckerthätigkeit, war die Verbindung mit Winter und den Andern nichts weniger als von materiellem Erfolg gekrönt. Dies wurde aber auch nicht anders, als er allein war. O. war zu sehr nur Gelehrter und viel zu wenig Kaufmann. Auf seinen Vortheil verstand er sich so ganz und gar nicht, daß er z. B. von der kaiserlichen Vergünstigung, die seinen Waaren in Breisach Zollfreiheit gewährte, keinen Gebrauch machte. Nimmt man nun noch dazu seine ungewöhnliche Freigebigkeit, von der nicht bloß sein alter Vater und seine Schwestern, sondern auch bedrängte Gelehrte wie Castellio und beschäftigungslose Druckergehilfen rührende Beweise erfahren durften und nimmt man den schlimmeren Umstand dazu, daß, wie schon angedeutet, seine zweite Frau ganz und gar nicht haushälterisch war (die erste war eine Xanthippe gewesen) – so begreift man, daß sich unser Buchdrucker in steter Geldverlegenheit befand, und daß seine Reisen zur Frankfurter Messe, wo abgerechnet werden sollte, für ihn, wie berichtet wird, zur wahren Marter wurden. Besser schien es werden zu wollen, als seine zweite Frau 1564 nach mehr als dreißigjähriger Ehe starb und er in Folge einer neuen Heirat mit der Wittwe des Buchdruckers Joh. Herwagen dessen Presse mit der seinen vereinigen konnte. Das neue Glück in Ehe und Geschäft dauerte aber nur vier Monate; da starb auch diese dritte Frau und die alten Verlegenheiten kehrten wieder und dauerten fort bis zu seinem Tode, bei welchem sich eine bedeutende Schuldenlast herausstellte. Seine Druckerthätigkeit hatte übrigens O. noch vor seinem Tode aufgegeben. Es geschah dies auf Bitten seiner vierten Frau, Faustina, der Tochter des Bonifacius Amerbach, die ihm in seinem Todesjahr noch sein erstes und einziges Kind, einen Sohn gebar. Der Verkauf der Officin kann übrigens nicht schon 1567 oder gar 1566, er muß vielmehr ganz kurz vor seinem Tode, einige Wochen, höchstens einige Monate vorher, erfolgt sein. So wenig aber war durch die geschilderten äußeren Verhältnisse ihres Meisters der Ruhm der Druckerei berührt, daß die Nachfolger (zunächst einer der beiden Gemusäus, Polykarp oder Hieronymus, und Balth. Han) das Wappen Oporin’s (dieses selbst, nicht bloß ein ähnliches) zu dem ihrigen machten und noch drei Jahrzehnte lang mit Stolz auf ihre Druckwerke setzten: ex officina Oporininiana. – Noch ist ein kurzes Wort über Oporin’s sonstige Thätigkeit zu sagen. Daß er nicht bloß Verleger [387] und Drucker, sondern auch Buchhändler im engeren Sinne war, ist wenig bekannt, doch ist es nachgewiesenermaßen Thatsache; gibt es doch gedruckte Lagerverzeichnisse von ihm. Nach Kapp, Geschichte des deutschen Buchhandels bis in das 17. Jahrh. S. 123 sollen seine Verbindungen bis nach Italien gereicht haben (vgl. ebenda auch S. 477). Auch die wissenschaftlichen Arbeiten unseres Gelehrten sind viel zahlreicher, als man gewöhnlich glaubt. Sie hängen fast alle mit seiner Thätigkeit erst als Corrector in andern Officinen, und dann als Druckerherr zusammen. Man darf darnach nicht sowol selbständige Geistesproducte erwarten, als vielmehr Ausgaben von Schriftstellern, Uebersetzungen, Commentare, Auszüge, Register u. dgl. Aber schon im J. 1555, als er erst auf der Höhe seines Schaffens angekommen war, ist die Liste derselben, wie sie Joh. Simler (s. u.), sichtlich auf Grund eigener Mittheilungen Oporin’s gibt, eine sehr stattliche. Und was er so leistete, war immer pünktliche und solide Arbeit. Wir führen außer den gewöhnlich namhaft gemachten Scholien zu Solinus und zu Cicero’s Tusculanen und den Registern zu Plato, Aristoteles, Pollux u. a. an seine Ausgabe lateinischer Bucoliker, (38, die meisten aus neuerer Zeit), seine Betheiligung an der Grynäischen Ausgabe der Geoponica seine Mitarbeiterschaft an der lateinischen Uebersetzung des Aristoteles, seine Scholiensammlung zu Demosthenes und zu Cicero’s sämmtlichen Werken. – Endlich sei bemerkt, daß sich Briefe von O. in ziemlicher Anzahl in der Universitätsbibliothek in Basel, und namentlich solche an Joh. Camerarius, in der Hof- und Staatsbibliothek in München befinden. (Verschiedene seiner Briefe sollen nach Zedler’s Universallexikon XXV, Sp. 1677 im J. 1697 in Utrecht gedruckt worden sein; auch Streuber hat a. u. a. O. S. 106 ff. solche veröffentlicht). Sein Porträt, das ein längliches Gesicht mit mildem Ausdruck und lang herabwallendem Barte zeigt, ist öfters publicirt worden z. B. von Boissard, Bibliotheca chalcographica, Ausgabe Frankf. a. M. 1650, Aaa 4, und, in neuerer Zeit, in Lempertz’ Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels VI, 1858, hier nebst dreien seiner Signete und dem Facsimile eines Briefs von ihm an L. Lavater.

Vgl. außer den Vorreden u. s. w. in Oporin’s Drucken: C. Gesner, Bibliotheca universalis. Tiguri 1545, fol. 446; Dess. Pandectae, Tiguri 1548, Praef zu L. III. de Rhetorica: Epitome Biblothecae C. Gesneri, locupl. per J. Simlerum, Tiguri 1555, fol. 106; und besonders des Andr. Jociscus (Jokisch), der mit Oporinus persönlich verkehrt hatte, Oratio de ortu, vita et obitu Jo. Operini, Argent. 1569, welcher der oben erwähnte Caltalogus librorum per J. O. excussorum angehängt ist (mit diesem Catalogus wieder abgedruckt in den Vitae selectae [herausg. von Christ. Gryphius], Vratisl. 1711, p. 601 sqq.); sowie die Epistola de vita, obitu, successoribus et officina – Joh. Oporini – scripta ab amico ad amicum anno salutatis MDLXVIII mense Augusto, s. l. et a., (Einblattdruck in Basel), deren Verfasser Oporinus seinen Gevattermann nennt (es war dies nach gütiger Mittheilung des Oberbibliothekars Herrn Dr. Sieber in Basel Paulus Cherler von Elsterburg, Pfarrer in dem eine Wegstunde von Basel entfernten badischen Dorfe Bingen); ferner Thomas Platters Selbstbiographie (neueste Ausgabe von H. Boos, 1878, Register); und Streuber, Neue Beiträge zur Basler Buchdruckergeschichte in den Beiträgen zur vaterländischen Geschichte III, Basel 1846, S. 65 ff. Vorreden, Carmina, Epitaphia betreffend Oporinus findet man bei Maittaire, Annales typogr. III. pars 1., p. 205 sqq. mitgetheilt. Von der künstlerischen Ausstattung der Oporin’schen Drucke handelt und gibt Proben Butsch, die Bücherornamentik der Hoch- u. Spätrenaissance, 1881, S. 27 f. Taf. 81–85.[1]

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 387. Z. 1 v. u.: Vgl. über Oporin nun auch R. Thommen, Geschichte der Universität Basel 1532–1632, Basel 1889, bes. S. 356 fg. [Bd. 45, S. 669]