BLKÖ:Kiesling, Leopold

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Kiesling
Band: 11 (1864), ab Seite: 256. (Quelle)
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Kiesling, Leopold (Bildhauer, geb. auf der Herrschaft Harrachsthal zu Schönleben in Oberösterreich 8. October 1770, gest. zu Wien 26. November 1827). Sein Vater, Glashändler, den er übrigens in noch jungen Jahren durch den Tod verlor, bestimmte den Sohn für das Tischlerhandwerk, von welchem sich Leopold kümmerlich ernährte, als er bereits das 21. Lebensjahr erreicht hatte. Bei dem Bildhauer Straub entwickelte sich in K. der unwiderstehliche Trieb zu der Kunst, in welcher er später so Bedeutendes leisten sollte. Der Verzierungsbildhauer Jos. Schrott, bei dem K. später in Arbeit stand, gestattete ihm, ohne ihm an dem bedungenen Arbeitslohne Etwas abzuziehen, täglich einen Besuch von zwei Stunden in der Wiener Akademie der bildenden Künste. Der berühmte Bildhauer und Anatom Martin Fischer [Bd. IV, S. 244], Zauner’s Nachfolger in der Professur der Bildhauerkunst an der kais. Akademie, wurde auf das seltene Talent K.’s aufmerksam und bewog ihn, von der Verzierungsbildhauerei, welcher K. bisher in seinen Mußestunden oblag, zur Figurenbildhauerei zu übertreten. Bald bewährte sich die Richtigkeit von Fischer’s Scharfblick. Die „Statue des Germanicus“, in halber Lebensgröße, war die erste Frucht von K.’s Studien und erwarb ihm den Gundel’schen Preis. [257] Der Staatsminister und Curator der Akademie, Philipp Graf Cobenzl [Bd. II, S. 391], durch K.’s großes Talent angezogen, wurde sein Gönner, beschäftigte ihn theils selbst oder verschaffte ihm vortheilhafte Beschäftigung, erwirkte ihm einen Gehalt und bewies sich überhaupt als seinen Mäcen und väterlichen Freund; so ließ er ihm z. B., als K. mit dem Gypsmodell: „Achilles, trauernd an der Urne des Patroklus“, den zweiten historischen Preis errang, aus seiner Hauscasse den Betrag des ersten Preises auszahlen. Der Graf war es auch, der K. als Pensionär nach Rom sendete, wo er 9 Jahre sich an den herrlichsten Werken des classischen Alterthums bildete. Ein Besuch von Paris, wohin Napoleons die größten Schätze der Kunst hatte bringen lassen, wurde durch den Ausbruch des Krieges im Jahre 1805 vereitelt. In Rom arbeitete K. fleißig nach antiken Meisterwerken in Wachs, Thon, Gyps, Marmor, Granit und Metall, verfertigte Basreliefs, Gruppen, Figuren in und über Lebensgröße und erwarb sich durch seine künstlerischen Schöpfungen die Theilnahme eines Canova [Bd. II, S. 251], der den Künstler vor seiner Abreise nach Wien, wohin sich Canova zur Aufstellung des Grabmals der Erzherzogin Christine begab, in seiner Werkstatte besuchte. Bald erweckten K.’s Arbeiten die Aufmerksamkeit der Rom besuchenden Kunstfreunde, er erhielt Anträge nach Paris, London, in die Walachei, nach Brasilien, aber K., der, wenn er Rom verließ, in sein Vaterland zurückzukehren beschloß, lehnte alle ab. Eine Auszeichnung aber wurde seinem Kunstgenius zu Theil: der römisch-napoleon’sche Staatsrath wählte K. in die Commission, welche zur öffentlichen Ausstellung der Kunstgebilde eingesetzt worden. Im Jahre 1810 kehrte K. nach Wien zurück, und nun geht sein Leben in einer Reihe von Arbeiten auf, deren eine vorzüglicher ist als die andere. Groß ist die Zahl derselben, aber ein vollständiges Verzeichniß ist bei der Masse von im Privatbesitze befindlichen Porträtbüsten unausführbar. Die bedeutendsten Arbeiten des Künstlers sind: „Hymen“; – „Ganymed“– „Achill“; – „Merkur“; – „Ajax“, die letzteren drei Köpfe in Marmor nach Antiken, deren ersterer in den Besitz des Fürsten Metternich, die zwei letzteren in jenen des Fürsten Prosper Sinzendorf gelangten; – „Merkur entführt die von der Venus verfolgte Psyche in den Olymp“, Gruppe in Lebensgröße; – „Mars, Venus und Amor“, anläßlich der Vermälung Napoleon’s mit Maria Luise, Gruppe in carrarischem Marmor, im kaiserlichen Auftrage 1810 vollendet und jetzt in der Belvedere-Gallerie aufgestellt; – „Der Genius der schönen Künste, die Natur in ihren Schöpfungen entschleiernd“, gelangte in Privatbesitz nach Wien. Die bisher angeführten Arbeiten hat K. in Rom vollendet. Nach seiner Rückkehr nach Wien schuf er: „Das Grabmal des Grafen Philipp Cobenzl“, aus grauem Gföller Marmor und Granit mit Basreliefs, Verzierungen und Inschrift; – „Das Grabmal des Grafen Joseph Cobenzl“, wie das obige, beide messen über 8′ in der Höhe und 4′ in der Breite; – „Der Jüngling mit der hochzeitlichen Fackel“, im Besitze des Grafen Nikolaus Eßterházy; – „´Das Denkmal der Baronin von Arnstein“, aus weißem Tiroler Marmor, es stellt dar die trauernde Wohlthätigkeit; an der Urne befindet sich das Bildniß der Verewigten in halb erhabener Arbeit; – „Das Grabdenkmal des Herrn J. E. von Pach“, in Botzen im Auftrage seiner Tochter Magdalena von Remich, aus weißem Tiroler Marmor, [258] die zwei Thränengefäße daran sind aus im Feuer vergoldetem Metall, die am Aschenkruge trauernde weibliche Figur ist in Lebensgröße; – „Das Grabdenkmal für den Grafen Friedrich von Dalberg-Ostein“, im Auftrage seines Bruders Karl von Dalberg; aus weißem Tiroler Marmor, die dreistufige Basis aus Granit, es stellt dar einen an der Büste des Verewigten trauernden Genius; dieser mißt 6′ in der Höhe; – „Sechs Idealköpfe“ in Lebensgröße, aus weißem Tiroler und weißem Gföller Marmor; – „Harpokrates“, – „Isis“, beide aus weißem Marmor, Seitenstücke und im Besitze des Fürsten Sinzendorf; – „Psyche“, 41/2′ hoch, aus weißem Metall; – „Die drei Grazien“ lebensgroß, aus weißem Metall, kam nach Ungarn; – „Amor und Psyche“, 41/2′ in Gyps, für die Gräfin von Särenthein zu Botzen; – „Das Grabdenkmal des Freiherrn von Hammer-Purgstall“, aus grauem Gföller Marmor, in einer von der üblichen Form ganz abweichenden Gestalt [siehe dessen Beschreibung in Hormayr’s „Archiv“ 1821, S. 156]. Von Kiesling’s zahlreichen Porträt-Büsten sind anzuführen: „Erzherzog Karl“, Kolossalbüste in Marmor, im Besitze des Grafen Ferdinand Pálffy; – „Kaiser Franz“, aus weißem Tiroler Marmor, lebensgroß, für die Stadt Brünn, 1812 aufgestellt; der Künstler wurde dafür von der Stadt mit dem Ehrenbürgerrechte ausgezeichnet; – „Erzherzog Karl“, eine zweite Büste, lebensgroß, für das Stift St. Florian; „Erzherzog Johann“, Metallbüste, für das Joanneum in Gratz; – „Kaiser Franz“, in zwei Büsten, die eine für Gratz, die andere für Klagenfurt – und das „Colossal-Marmor-Brustbild des Kaisers Franz“, im Auftrage des Fürsten Prosper Sinzendorf. Dieses merkwürdige Werk ist zu Ernstbrunn auf einem zur Pyramide umgestalteten, bis zur Höhe von 17 Klaftern abgetragenen Berge aufgestellt. Die Büste mit dem Piedestal mißt 50′, und zwar die Büste mit dem Sockel aus weißem Gföller Marmor 22′; das Piedestal 28′; Der Kopf allein mißt 6′, hat also die Höhe eines ansehnlichen Mannes, ein Auge hat die Größe eines gewöhnlichen Kopfes. Zur Vergleichung sei nur bemerkt, daß die Granitbüste des berühmten von Belzoni 1816 für das britische Museum eingeschifften Memnonsbildes 10′ Höhe beträgt. Noch ist eines besonderen Verdienstes Kiesling’s zu gedenken, das er sich um die Bildnerei in Oesterreich erwarb; er ist es nämlich, der die Schätze inländischer Marmorbrüche für den Gebrauch der heimischen Kunst erschloß. In Folge eines im Jahre 1810 erhaltenen kaiserlichen Auftrages untersuchte er die Marmorbrüche in Ober- und Untersteiermark und der weiße Marmor des Admonter und Bachergebirges, der röthliche und gelbe der Wildalpe wurden durch ihn der künstlerischen Bearbeitung zugeführt. K. starb im Alter von 57 Jahren und hat – wenn man bedenkt, wie spät er in die Kunst eingeführt worden – Vieles und Bedeutendes geleistet.

Erscheint auch hie und da als Kisling (ohne e). – (Hormayr’s) Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst (Wien, 4°.) II. Jahrg. (1811), S. 18; XII. Jahrg. (1821), Nr. 38 u. 39; XIII. Jahrg. (1822), Nr. 152. – Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, 4°.) 1812, S. 513. – Annalen der Literatur und Kunst des In- und Auslandes (Wien, Doll, 8°.) Jahrg. 1810, Bd. IV, S. 556. – Conversationsblatt (Wien, gr. 8°.) III. Jahrg. (1821), Nr. 29: „Die colossale Büste Sr. Majestät des Kaisers Franz von Oesterreich“. – Oesterreichs Pantheon. Gallerie alles Guten und Nützlichen im Vaterlande (Wien 1820, M. Chr. Adolph. 8°.) Bd. II, S. 112. – Oesterreichischer Zuschauer, herausg. von Ebersberg (Wien, 8°.) Jahrg. 1838, [259] Bd. I, S. 1224. – Wigand’s Conversations-Lexikon (Leipzig 1847, Otto Wigand, gr. 8°.) Bd. VII, S. 523 [nennt seinen Geburtsort Schönaban statt Schönleben, welches sehr häufig zu Schöneben entstellt vorkommt). – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Erste Ausgabe, Bd. XVII, S. 1116 [nennt seinen Geburtsort gar Schönebon; auch zu Ende der Citation, daß man in Hormayr’s „Archiv“ 1827, Nr. 39, nähere Nachrichten finde, ist falsch, denn nicht im Jahrgange 1827, sondern im Jahrgange 1821, Nr. 38 u. 39, finden sich deren]. – Die Künstler aller Zeiten und Völker. Begonnen von Prof. Franz Müller, fortgesetzt von Dr. Karl Klunzinger (Stuttgart 1857, Ebner und Seubert, gr. 8°.) Bd. II, S. 488 [unter Kisling]. – Nagler (G. K. Dr.), Neues allgemeines Künstler-Lexikon (München 1838, Fleischmann, 8°.) Bd. VII, S. 5. – Tschischka (Franz), Kunst und Alterthum in dem österreichischen Kaiserstaate (Wien 1836, Friedr. Beck, gr. 8°.) S. 369 [schreibt ihn Kiessling (mit 2 s)]. – Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden (Leipzig 1833, Brockhaus, gr. 8°.) Bd. II, S. 713 [schreibt ihn Kisling]. – Frankl (L. A. Dr.). Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrg. (1842), S. 24. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères, sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris, 1850 et s., 8°.) Tome XXVII, p. 717.