BLKÖ:Löhner, Ludwig Edler von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 15 (1866), ab Seite: 389. (Quelle)
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Löhner, Ludwig Edler von (Abgeordneter des österreichischen Reichstages im Jahre 1848 und Dichter, geb. zu Rostock bei Prag, einem an der Moldau gelegenen Gute, im Jahre 1812, gest. zu Marseille 12. Mai 1852). Als Dichter bekannter unter den Namen Ludwig Rehland und Ludwig von Morajn. Der Sohn des Joseph Edlen von L. [s. d. Vorigen]. Die Erziehung bis zum Beginne der Rechtsstudien erhielt er im väterlichen Hause, erst da er sich der juristischen Laufbahn zu widmen beschloß, besuchte er die Prager Hochschule, gab aber eines Conflictes wegen mit den Professoren das Studium der Rechte im dritten Jahre auf und begann, 21 Jahre alt, jenes der Medicin. Er ging nun nach Wien, trieb dort fleißig seine Studien, setzte sie in Prag fort, wo damals der berühmte Krombholz [Bd. XIII, S. 247] lehrte, und beendete sie auch daselbst. Bei dem mittlerweile, 1836, eingetretenen Tode seines Vaters trat er die Erbschaft seines Gutes an und trieb, jedoch nicht aus Neigung, sondern durch die Verhältnisse dazu gedrängt, Oekonomie. Aber nicht lange hielt er es in der ihm wenig zusagenden Situation aus. Es drängte ihn und, wie Freunde wissen wollen, war auch Liebesgram über eine verfehlte Neigung dabei thätig, italienischen Himmel zu sehen und er unternahm eine Reise nach dem Süden, welche sich über den Zeitraum von nahezu zwei Jahren ausdehnte. Um diese Zeit erlangte er in Padua die medicinische Doctorwürde, hielt sich längere Zeit in Florenz, Rom und Neapel auf, in welch letzterer Stadt eben damals (1839/40) der berühmte Ausbruch des Vesuvs stattfand. In diesen Streifereien an der an Naturschönheiten so reichen neapolitanischen Küste, wie in dem Umgange mit einer Bojarenfamilie, schöpfte er manchen poetischen Stoff, denn bereits während seiner Studentenjahre hatte er Gedichte, Märchen, Novellen geschrieben, aus denen auch wirkliche poetische Begabung sprach. Noch während dieser italienischen Reise verheirathete sich L. mit einer Nichte des bekannten Compositeurs Dessauer [Bd. III, S. 255] und setzte nun mit seiner jungen Frau die Reise durch Oberitalien, Frankreich und Süddeutschland fort. Im Winter 1840 kehrte er nach Wien zurück und nahm daselbst als praktischer Arzt seinen bleibenden Aufenthalt. L. erhielt nun die Stelle eines Secundararztes im allgemeinen Krankenhause, that Praktikantendienste im Protomedicat und wurde endlich unbesoldeter Armenarzt in der meist von der ärmeren Classe bewohnten Vorstadt Rossau. Schon damals war er es, der im Vereine mit mehreren gleichgesinnten Fachgenossen gegen die den Zeitverhältnissen nicht mehr zusagenden veralteten Einrichtungen der Wiener medicinischen Facultät den Kampf eröffnete, der nach mehrjähriger Dauer zum ersehnten Ziele führte. Dieses Ringen und Kämpfen um einen Sieg der Wissenschaft war aber nur ein Vorspiel und sozusagen eine gute vorbereitende Uebung zu seiner späteren parlamentarischen Thätigkeit, [391] in der er eben auch nicht geebnete Pfade vorfand. Unter solchen Verhältnissen kamen das Jahr 1848 und dessen Märztage heran. Daß L. in denselben nicht die Rolle eines müßigen Zuhörers spielen konnte, versteht sich von selbst. Es ist bekannt, welchen wesentlichen Antheil die medicinische Facultät an den Ereignissen jener denkwürdigen Tage nahm. L. war es auch, der am 13. März die Facultätssitzung, welche der Director vertagen gewollt, durchgesetzt hatte. Die Facultät schickte ihre Deputation, zu deren Mitgliedern der alte Endlicher [Bd. IV, S. 44] zählte, die letzte an diesem Abend, in die Burg. L. fungirte nun als Adjutant Endlicher’s, wurde später Lieutenant einer Mediciner-Compagnie und betrieb in Wien mit Eifer die Bildung des Vereins der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien zur Aufrechthaltung ihrer Nationalität, der sich mit Anfang April constituirte, seinen Ausschuß wählte und den Doctor Löhner zum Präsidenten ernannte. Zum Ausschusse zählten Professor Suttner der Aesthetiker Bayer, der spätere Rumburger Bürgermeister Strache, der durch seine historischen Werke über Maria Theresia, Khevenhüller u. A, in der Folge bekannt gewordene Professor Wolf, Schmalfuß, Auspitz und der Brünner praktische Arzt Kuh. Der Verein entfaltete eine in die Zeitverhältnisse tiefeingreifende Thätigkeit, gewann immer größeren Anhang und zählte in kurzer Zeit nicht weniger als 74 Zweigvereine. Indessen nahmen die Ereignisse in Wien eine immer bedenklichere Richtung, die sich selbst überlassene Bewegung schweifte aus ihren Bahnen und selbst L., dem manches nicht mehr behagen wollte, trat aus der Legion in die Nationalgarde über. Als nach dem 26. Mai das aufgehetzte Proletariat in die Bewegung sich mischte, erwartete er von der Hauptstadt nur mehr wenig Heil für die Wahrung und Erhaltung der von ihr glorreich errungenen Freiheit und ging somit nach Oberösterreich, um in Linz für die aus Salzburg und Linz ausgegangene Idee, ein Vorparlament für die deutschen Theile Oesterreichs einzuberufen, thätig zu sein. Dann kehrte er nach Wien zurück und begleitete, als Präsident des deutschen Vereins, die Riesendeputation nach Innsbruck, welche, um die Rückkehr des Kaisers nach Wien zu erbitten, dahin sich begeben hatte. Im Juni wurde er nun im deutschböhmischen Städtchen Rumburg in das Frankfurter Parlament, zu Saaz in den nach Wien berufenen Reichstag gewählt. Er entschied sich für letztere Wahl und trat am 15. Juli in den Reichstag ein. Einen ihm von maßgebender Seite gemachten Antrag zur Uebernahme des Unterrichtsministeriums soll er abgelehnt haben, da er, wie einer seiner Biographen lakonisch bemerkt, „zwar von Doblhof’s Ehrlichkeit die beste, aber von seinem Ministerberuf die schlechteste Meinung hatte“. Im Reichstage saß L. als Führer der deutsch-böhmischen Abgeordneten auf der Linken, aber nicht auf der äußersten. Bezeichnend dürfte folgende Thatsache sein. Jemand, der die Sitzungen des Reichstages besuchen wollte, fragte nach dem Platze, den Löhner einnahm. Er erhielt zur leichteren Orientirung folgenden Rath: Sie bekümmern sich gar nicht um Löhner, sondern suchen nur den Platz zu erfahren, den Dr. Rieger auf der äußersten Rechten in der ersten Reihe einnimmt, dann warten Sie, bis Rieger das Wort zu ergreifen sich anschickt. Der Mann, der sogleich darauf mit größter Energie emporschnellt, der ist – Löhner. Es ist diese Pointe für [392] Löhner’s Stellung im Reichstage charakteristisch. Im Allgemeinen sprach L. sich im Sinne der Centralisation aus gegen die damals ziemlich klar und fast überwiegend hervortretende Richtung des Föderalismus, dessen zur geräuschlosen Auflösung führende Tendenzen damals noch nicht wie heut erkannt wurden. Bei der so wichtigen Frage der Grundlastenablösung wies er auf die doppelte Nothwendigkeit hin: die politische der Aufhebung, die juridische und staatswirthschaftliche der entgeltlichen Ablösung für alle nicht rein persönlichen Leistungen. Was die angeregte Aufhebung des Adels betrifft, so meinte er, diesen Antrag einfach durch den der Nichtanerkennung des Adels zu beseitigen. Dabei muß bemerkt werden, daß L., so gern er sich einen Demokraten schelten ließ, nichts weniger als ein solcher war und daß seine ganze Denkweise, sein feines, elegantes Wesen zu einem solchen gar nicht paßte. In der ungarischen Frage, über die er sich in der Sitzung vom 19. September auszusprechen Gelegenheit hatte, als die ungarische Deputation, darunter Deak, Eötvös, Pulszky, Teleky, Iranyi u. A., vor den österreichischen Reichstag treten wollte, um mit diesem zu unterhandeln, entwickelte er Ansichten, die gerade in unseren Tagen, da diese Frage wieder drängender denn je an uns herantritt, großes Interesse darbieten. „Die Zukunft“, rief Löhner damals, „steht in diesem Augenblicke an der Pforte des Hauses und wartet, ob Sie sie wegweisen werden oder nicht; der Reichstag steht an der Schwelle zwischen der Anarchie und dem Despotismus. Sie müssen constituiren, Sie müssen eine neue Welt schaffen, Sie müssen die Verhältnisse der Völker nach allen Seiten so feststellen, daß eben auch die Völker feststehen. Unsere Pflicht, die eine unabweisliche ist, ist zu thun, zu erhalten. Schon oft habe ich diesen Ruf gehört von mancher Seite, wenn ich glaubte, es sei Zeit, an einem der verrosteten Stäbe der alten Zeit zu rütteln. Jetzt rufe ich es Ihnen zu: Erhalten Sie, meine Herren! lassen Sie nicht Nationalitäten in einem so furchtbaren Kampfe sich zerstören, daß für beide nichts als Staub, als Asche übrig bleiben wird, um es auf ihre Häupter zu streuen .... Bedenken Sie es, meine Herren! die Geschichte kennt kein Privatrecht, für sie gibt es keine Fristannahme, sie kennt nur den schaurigen Terminus, den Präclusivtermin, der den Moment in der Geschichte einmal verfehlt hat, den weist die Geschichte ab. Wenn die Geschichte über uns zur Tagesordnung gehen wird, dann gibt es keine Zurücknahme mehr für den nächsten Tag.“ Beachtenswerth ist auch die Art und Weise, wie Löhner, der kein Staatsmann, aber ein guter Oesterreicher war, die gemeinsamen Angelegenheiten auffaßt. Er sagt uns, was geschehen würde, wenn es kein gemeinsames Parlament gibt. „Sie werden“, ruft Löhner, „wohl einsehen die Gefahr, eine Armee zu haben und vielleicht zwei oder drei Ministerien, deren jedes nur seinem Lande verantwortlich ist und nur für das verantwortlich gemacht werden kann. was in seinem Landesbezirke geschieht und nicht für das, was in anderen, indeß der eine Kriegsminister allen Reichsversammlungen gegenüber stünde und darum keiner. Eine solche Verantwortlichkeit wäre ein Such- und Findespiel, wobei nur ein Theil verloren geht, nämlich die Freiheit. Ich muß Ihnen sagen, was die Einheit des Kriegsministeriums zu bedeuten haben würde in den Zeiten, wenn wir eine Armee und zwei oder drei sogenannte autonome Reichstage haben [393] würden. Meine Herren, fragen sie die Geschichte der Provinzen. Wissen Sie, daß auch im Mittelalter Fürsten mehr als Ein Land besaßen und daß in jedem Lande autonome Stände waren. Freilich war die Verantwortlichkeit keine solche, wie sie jetzt in Constitutionen vorgeschrieben ist, sie äußerte sich aber manchmal, wie z. B. in den Niederlanden, mit dem Verluste der ganzen Nation. ... Schauen Sie die Politik an, die man damals beobachtete; man brauchte die Stände, getrennt wie sie waren, man brauchte einen Reichstag oder Landtag nach dem anderen, um jenes Geld, jene Truppen, die Ein Landtag bewilligt, gegen einen anderen Landtag zu gebrauchen, der renitent war. ... Sorgen Sie, meine Herren, jetzt schon dafür, daß Sie Repräsentanten, freie Volksvertreter aller Länder zugleich in Einem Saale beisammen haben, daß die Anklage eines Ministers von einer und derselben Reichsversammlung ausgehen könne, damit Sie ihn verantwortlich machen für Alles, was in irgend einem der vertretenen Länder geschieht. Wenn Sie eine Reichsversammlung hier und eine Reichsversammlung in Pesth haben und Sie haben Einen Kriegs- und Finanzminister, so haben Sie unverantwortliche Minister. ...“ Löhner’s Thätigkeit an dem Tage vor dem zu Wiens immerwährender Schande gewesenen 6. October wird von verschiedenen Seiten einstimmig derart geschildert, daß wenn seinen Vorstellungen und Drängen, eine Reichstagssitzung zu halten, welche Strobach beharrlich verweigerte, nachgegeben worden wäre, das Unheil des folgenden Tages zu vermeiden und Baillet-Latour zu retten war. So versammelte sich am Abend nur ein Ausschuß des Reichstages, der machtlos weder Hilfsmittel finden, noch Gehorsam erzielen konnte. Der Commandant der Nationalgarde konnte nicht über zwei Bataillone verfügen, die das Zeughaus hätten cerniren können; so wurde es erstürmt, geplündert und das Schicksal Wiens begann sich zu erfüllen. Indessen drängten die Anhänger der Ungarn, daß man diese rufe. L. hatte noch den Muth, wenn auch nur privatim, zu äußern, der Reichstag dürfe die Ungarn ebenso wenig rufen, als die Croaten dulden. Er wurde deßhalb verdächtigt, zur Rede gestellt, bedroht. Um zehn Uhr Nachts reiste er mit Depeschen von dem in Wien zurückgebliebenen Minister Philipp Freiherrn von Kraus [Bd. XIII, S. 150] dem Kaiser nach und versuchte in Znaim, wo sich der Hof eben befand, noch eine Vermittelung zu bewirken. Die Dinge waren bereits zu weit gediehen, so daß selbst ein zweiter Versuch am 16. in Olmütz, wo er noch mit einer Deputation des Reichstages zusammentraf und mit ihr Berathungen hielt, vergeblich blieb. Unverweilt kehrte er nach Wien zurück, wo er – von jeher leidend – kränker denn je anlangte, noch einigen Sitzungen beiwohnte, dann aber das Krankenlager nicht eher verließ, bis er Anstalten machte, um sich zu dem mittlerweile nach Kremsier einberufenen Reichstage zu begeben. Sein schweres Brustleiden legte dort seiner parlamentarischen Thätigkeit enge Schranken. Nur ein paarmal trat er als Redner auf. Hingegen veröffentlichte er am Neujahrstage ein Schreiben an seine Wahlmänner in der deutschen Frage, in welchem er auf die Möglichkeit hinweist, Deutschland und Oesterreich in einem gemeinsamen constitutionellen Kaiserthum zu einigen – ein Gedanke, der wohl von dem Poeten. aber nicht von dem österreichischen Deputirten ausgehen konnte – neben [394] dieser gemüthlichen Gefühlspolitik doch wieder Dinge sagt, die ihn auch sonst vollkommen charakterisiren. „Als Einzelner“, heißt es in dieser Schrift, „bin ich entschlossen, auszuwandern, wenn ich die Hoffnung aufgeben müßte, ein Deutscher in Oesterreich zu bleiben. Als Ihr Vertreter stehe ich nicht an, unter bestimmten Voraussetzungen Ihnen zu rathen, Ihren Abgeordneten aus Frankfurt zurückzurufen. Die Einheit des constituirenden Reichstages verträgt sich nicht mit gleichzeitigem Gesetzgeben und Nehmen in einem zweiten Parlament. ... Schon die Ehre der österreichischen Deputirten erlaubt Ihnen nicht, im Frankfurter Parlamente mitzusitzen, sobald Oesterreich sich von dessen Beschlüssen lossagt; denn man kann nur da mitberathen, wo man für die Befolgung der Beschlüsse die Bürgschaft mit übernimmt. Und seinerseits kann Deutschland sein Fertigwerden nicht darum in’s Endlose verschieben, weil man mit Oesterreich nicht gehen kann und ohne Oesterreich nicht will.“ Sein Entschluß, zur Kräftigung seiner Gesundheit eine Reise nach Deutschland zu unternehmen, von der er fern von allem sein Dasein vergällenden Treiben wirklich Besserung seiner Leiden erwartete, hatte ihn schon längst veranlaßt, um einen Urlaub anzusuchen. den er auch von dem Minister Stadion, den Löhner „die Ehrlichkeit des Schwarzenberg’schen Cabinets“ zu nennen pflegte, schon am 10. December 1848 erhalten hatte. Er verzögerte seine Abreise bis zu den ersten Tagen des März 1849; endlich, nachdem der Reichstag sich auf 11 Tage vertagt hatte, reiste er am 6. März ab und begegnete in der Nacht den Militär-Abtheilungen, die gegen Kremsier marschirten, um den Reichstag zu sprengen. L. war bereits in Frankfurt, als er die Ereignisse, die mittlerweile in Kremsier stattgehabt, erfuhr. In Frankfurt hielt ihn sein Leiden längere Zeit auf. Nun begab er sich nach Wien zurück und suchte in dem nahen Baden Erleichterung. „Es war im Spätsommer“, schreibt Dr. W. Schlesinger, „als ich mit L. in Baden wohnte. Er war geist-, nerven-, brust- und damals zumeist gemüthsleidend. Die krankhafte Erregtheit, Reizbarkeit und Empfindlichkeit seines Gemüthes fand in den so aufreibenden politischen Verhältnissen jener Schreckenstage stete Nahrung. Baden, obgleich außer dem Rayon des Belagerungszustandes gelegen, blieb doch nicht ganz von den drückenden und einschüchternden Maßnahmen desselben, wie zum Beispiel von Hausdurchsuchungen und dergleichen mehr, verschont. Die so leicht erregte Phantasie[WS 1] des Kranken und Dichters gerieth dadurch in die größten Qualen des Gemüthes. Es überkam ihn ein unstillbarer Drang in die Ferne. Der Stein des Anstoßes war ein – Paß. Nach langen Mühen und Wirken erhielt er ihn, und ich werde niemals das von Thränen erstickte Aufjauchzen der Freude vergessen, als er mir diesen zeigte. Er glaubte sich nun körperlich wie geistig gerettet! ..... Im Herbste des Jahres 1851 trat er seine Reise an. Und er wanderte und wanderte, unstät und flüchtig, von Venedig nach Pisa, von Pisa nach Nizza und starb im Frühjahre 1852 in Marseille, einsam, verlassen, ein armer, beklagenswerther, brustkranker Ahasver!“ Ueber Löhner, den Schriftsteller, bleibt nur wenig zu sagen übrig. Die kurze Spanne Zeit seiner politisch parlamentarischen Thätigkeit hat ihn über das Niveau des Gewöhnlichen gehoben. Vielleicht daß [395] er in ruhigeren Zeiten durch seine Dichtungen sich besonders bemerkbar gemacht hätte. Wie im Eingange dieser Skizze bemerkt worden, schrieb er unter dem Namen Rehland und Morajn Gedichte, Märchen, Novellen. Während seines Aufenthaltes zu Salerno im Jahre 1839/40 schöpfte er Anschauungen für ein Hohenstaufenlied, mit dessen Ausführung er sich damals trug; auch fand er in jenen Tagen aus dem Umgange mit einer Bojarenfamilie den Stoff zu einem später vollendeten Trauerspiele: „Bojar und Zigeuner“. Seine Dichtungen, welche manche Perle enthalten, erschienen unter dem anspruchslosen Titel: „Gedichte“ (Berlin 1848, A. Duncker, 8°.) unter dem Pseudonym Morajn. Was Löhner’s Charakteristik als Reichstagsredner betrifft, so ist wohl das in der Reichstags-Gallerie von Adolph Neustadt mit Worten gezeichnete Porträt L.’s sehr zutreffend. Diese hohe hagere Gestalt mit dem Van Dyk-Kopfe, mit dem blassen fein geschnittenen Gesichte, der hohen Stirne, dem spärlichen Haare, diese echte Faustphysiognomie fesselte jeden, der sie ansah. Sein Vortrag war anfangs leise und erhob sich erst im Verlaufe der Rede zur allgemeinen Hörbarkeit. Was er sprach, trug vor allem den Charakter des Deutschthums, daher war er als Deutschböhme den Czechen auch ein Dorn im Auge. Aber das Deutschthum, d. i. die Nationalität, war ihm nur Mittel, nicht Zweck. Sein Deutschthum war eher Alles mehr als Nationalitätsgefühl in dem primitiven, damals wie heute noch gangbaren Sinne des Wortes. Wenn er daher – und er that es dann nur scheinbar– anderen rein nationellen Bestrebungen entgegentrat, so geschah es nur dort, wo das in dem Deutschthum krystallisirte Princip der wahren Freiheit verletzt oder gefährdet, und wo demnach die nationelle Bestrebung – wie heute noch – aufhörte, geistig zu sein, sondern purer Materialismus wird. Darin wird, bemerkt treffend Neustadt, manche Härte, die ihm vom nationellen Standpuncte vorgeworfen wird, ihre eigentliche wahre Lösung finden. Löhner besaß eine weitumfassende Bildung, Scharfblick und schnelle Auffassung des entscheidenden Momentes, überdieß eine Summe angeeigneter Weltbildung, welche in seinen Darlegungen und selbst streng politischen Erörterungen ohne Zwang durchschimmert und seinen durch besondere Klarheit und Festhaltung des Grundmotives ausgezeichneten Reden einen eigenen wohlthuenden Reiz verschaffte. Durch geistige Ueberlegenheit, ruhige, streng logische Entwickelung seiner eigenen und richtigen Zusammenhaltung fremder Anträge war L. jedenfalls zum Führer einer Partei berufen. Löhner’s Reden im Reichstage sind unter dem Titel: „Reden, gehalten am österreichischen constituirenden Reichstage. Mit einem Vorworte“ (Wien 1850, Jasper, Hügel und Manz, gr. 8°.) im Drucke erschienen.

Scheyrer (Ludwig), Die Schriftsteller Oesterreichs in Reim und Prosa (Wien 1858, Zamarski, 8°.) S. 453. – Rittersberg, Kapesní slovníček novinářský a konversační, d. i. Kleines Taschen-Conversations-Lexikon (Prag 1850, Pospišil, 12°.) Theil II, S. 362–368. – Mährischer Correspondent (Brünner polit. Journal) 1862, Nr. 110: „Aus dem Jahre 1848. V. Demokraten als Schaustücke“ [auch im Gratzer „Telegrafen“ 1864, Nr. 208]. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 8: „Eine Erinnerung an Dr. Löhner“. – Springer (Anton), Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809 (Leipzig 1863, gr. 8°.) Theil II, S. 407, 421, 429, 523, 550. – Reichstags-Gallerie. Geschriebene [396] Porträts der hervorragendsten Deputirten des ersten österreichischen Reichstages (Wien 1848, 8°.) I. Heft, S. 28, Nr. 10: „Löhner, Deputirter für Saaz, Linke“. [Diese Porträte sind von Adolph Neustadt.] – Porträt. Ein solches, ziemlich ähnlich im Holzschnitt, brachte im Jahre 1848 die Leipziger Illustrirte Zeitung. – Eine komische und der Porträtähnlichkeit wegen bemerkenswerthe Caricatur brachte im Jahre 1848 das von Havliček redigirte Spottblatt „Sotek“ auf S. 31, wo Löhner zugleich mit Zimmer und Brestel dargestellt ist.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Phantatasie.