BLKÖ:Wagner, Joseph (Hofschauspieler)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 52 (1885), ab Seite: 101. (Quelle)
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24. Wagner, Joseph (k. k. Hofschauspieler, geb. in Wien am 15. März [102] 1818, gest. daselbst am 5. Juni 1870). Sein Vater war anfänglich Billeteur und Copist im Theater an der Wien, erhielt aber nach der Gründung der Nordbahn eine Bedienstung bei derselben. Joseph und sein Bruder Karl besuchten die Normalschule und traten zugleich in die vierte Classe über, aber während Letzterer die entsprechenden Fortschritte machte, fand bei Ersterem das Gegentheil statt, und nichts sprach dafür, daß er ein bedeutender tragischer Künstler werden und der Liebling der Frauen sein würde. Joseph war in jenen Jahren nichts weniger als sauber und ließ die eigenartige Männerschönheit, die ihn später schmückte, auch nicht ahnen, er war vielmehr häßlich, und krankhafte Stoffe, die nach außen drängten, entstellten sein Gesicht und seinen ganzen Kopf. Die Absicht des Vaters, diesen Sohn zum Theologen heranzubilden, scheiterte, indem Joseph und sein Bruder sich für die künstlerische Laufbahn, wenngleich auf etwas auseinanderliegendem Gebiete, entschieden. Unser Künstler nämlich wandte dem tragischen Spiele sich zu, während Karl Volkssänger wurde [siehe in den Quellen S. 108: V. Joseph Wagner’s Familie]. Im Alter von 16 Jahren begann Joseph seine Schauspielerlaufbahn an der kleinen Bühne in Meidling nächst Wien, von welcher sich schon manches Talent zu den ersten Theatern emporgearbeitet hat. Nach wenigen Monaten kam er, 1835, an das Theater in der Josephstadt, welches damals zugleich mit jenem in Baden unter Dr. Ignaz Scheiner’s Direction stand, und debutirte in Hagemann’s „Leichtsinn und gutes Herz“ mit solchem Erfolge, daß Holtei, welcher gerade an der nämlichen Bühne gastirte, den talentvollen Jüngling weiter empfahl, so daß derselbe 1839 am deutschen Theater in Pesth Engagement fand. Wilhelm Marr, der ihn daselbst zum ersten Male spielen sah, erkannte sofort, daß sich hier mit ungewöhnlicher, ja geradezu blendender äußerer Erscheinung auch eine bedeutende Gestaltungsgabe vereinte, und schickte den jungen Mimen, nachdem dieser fünf Jahre auf der Pesther Bühne gewirkt hatte, an das Leipziger Stadttheater. Dasselbe leitete ein in der deutschen Theatergeschichte bedeutender Mann, Dr. Schmidt, dem Hermann Uhde ein schönes literarisches Denkmal gesetzt hat. Auf dieser Bühne errang nun Wagner als Heldenspieler so vollständige und vielfältige Erfolge, daß er sich bald zum Lieblinge des Leipziger Publicums emporschwang. Von hier, wo er mit der ersten Liebhaberin, Bertha Unzelmann [Bd. XLIX, S. 110], seiner nachherigen Gattin, wirkte und im künstlerischen Zusammenspiel mit ihr einen Höhepunkt in der dramatischen Kunst erreichte, der die Zuseher zu frenetischem Beifalle hinriß, ging zuerst sein Ruf in der Theaterwelt aus. Die Hofbühnen von Wien und Berlin machten ihm Gastspielanträge, und 1847 folgte er einem solchen nach Wien, zugleich mit Bertha Unzelmann, welche wohl in Folge der Unzulänglichkeit ihrer physischen Mittel, trotz ihres feinen, sinnigen, durchdachten Spiels, weniger gefiel, während er das Publicum geradezu enthusiasmirte. Er kehrte au das Leipziger Theater zurück, und dort sah ihn bald darauf auch der Director der Berliner Hofbühne Herr von Küstner. Lange schwankte dieser, ihn für seine Bühne zu gewinnen, da ihm Manches in Sprache und Tonfall der Stimme nicht zusagen wollte, aber endlich entschloß er sich zum Engagement. Nun, so groß auch die Wirkung war, [103] welche Wagner in Berlin in hochtragischen Rollen hervorbrachte, so stieß er denn doch in dieser Stadt, wo eine zersetzende Kritik schon manchem Künstler das Schaffen verleidet hat, auf manches abträgliche Urtheil. Es ist nicht unsere Sache, zu untersuchen, ob dasselbe begründet gewesen, gewiß ist es, daß dem in Wien geborenen und großgezogenen Wagner trotz des lebenslänglichen Engagements das ästhetische Spreeathen auf die Dauer nicht zusagte. Nachdem er trotz alledem zwei Jahre die größten und schwierigsten Rollen mit entschiedenem Glück in Berlin dargestellt hatte, nahm er doch, als ihm 1850 wiederholt ein Engagement an der Wiener Hofbühne angetragen wurde, dasselbe an, denn erstens sah er nun seinen Wunsch erfüllt, künstlerisch in seiner Vaterstadt zu wirken, dann aber war diese Anstellung für ihn wie für seine Frau – er hatte 1849 Bertha Unzelmann zum Altar geführt – auf Lebenszeit mit großer Gage und Pension verbunden. Noch im nämlichen Jahre trat er unter Laube’s Leitung, durch dessen Vermittlung er eben sein Engagement erhalten hatte, seine neue Stellung in Wien an. Nun, es leben gewiß noch Leute genug, denen Wagner’s Triumphe als Hamlet, als Romeo, als Leander in Grillparzer’s „Des Meeres und der Liebe Wellen“ in der Erinnerung sind; bisher ist kein Anderer erschienen, der es ihm gleich gethan hätte, vielleicht noch im Spiele, sicher nicht in der äußeren Erscheinung. Wagner wirkte in seiner Stellung am Wiener Burgtheater bis an sein Lebensende, das im Sommer 1870 eintrat; seine erste Gattin war schon am 21. November 1854 zum letzten Male aufgetreten und am 7. März 1858 ihrem Leiden erlegen. Nur einmal blieb er für längere Zeit von der Bühne fern, und eigenthümlich fügte es sich, daß er bald nach dem Ausscheiden Laube’s, und wenige Wochen, nachdem er nach Beckmann’s Tode das Amt des Regisseurs übernommen hatte, in schwerem Siechthum zusammenbrach und erst nach zweijähriger Krankheit die Bühne wieder betrat; freilich nicht mehr als der hinreißende Darsteller von ehedem, sondern als ein gebrochener Mann, bei dem das letzte Aufflackern des verlöschenden Lichtes, ein trügerisches Alpenglühen, nur Wehmuth im Publicum erregte über das Einst und Jetzt des so geliebten Künstlers. Als Wilhelm Tell trat er damals – es war am 27. October 1869 – wieder auf, die Gestalt erschien noch fest, wie aus einem Gefüge, das Haupt saß auch noch ungebeugt auf seinem Rumpfe, aber schon hatte der mahnende Finger des Todes tiefe Furchen in sein Angesicht gegraben. Einundzwanzig Male noch erschien er danach auf der Bühne des Burgtheaters, bis er am 4. April 1870 auf Nimmerwiedersehen von ihr scheiden sollte. Er fühlte sich an diesem Abend schon unwohl und heiser, spielte aber dennoch und machte am anderen Tage, trotz alles Abrathens der Familie, in einer durch seine krankhafte Nervosität bedingten Hartnäckigkeit einen Ausflug nach Hütteldorf. Krank kehrte er heim. Nun verließ er nicht mehr das Krankenlager, zur anfänglichen Rippenfellentzündung gesellte sich noch ein acutes Lungenleiden, und am 5. Juni 1870, es war ein Sonntag, entschlief er um 1/23 Uhr Morgens, nachdem er noch kurz vorher mit seiner Frau gesprochen, ohne daß ihn eine Ahnung seines bedenklichen Zustandes überkommen hätte. Die letzten Worte, die er auf der Bühne gesprochen: „Jede weitere Rolle wird mir leicht [104] sein, die schwerste hab’ ich jetzt gespielt“, sollten sich in ganz eigenthümlicher Weise bewahrheiten. Das Sterben war ihm immer als das Schwerste im Leben erschienen. „Gestorben sein ist reizend, aber das Sterben sollte nicht sein“ pflegte er zu sagen, und dieses Schwerste ist ihm, wie nur den Wenigsten, so leicht geworden. Uebrigens kam dieser frühe Tod Wagner’s nichts weniger denn unerwartet, man konnte es ahnen, daß ein etwas ernsteres Unwohlsein einen schlimmen Ausgang nehmen werde. Seit Jahren schon hatte er, taub gegen alle Warnungen, in der unverantwortlichsten Weise wider seinen eisenfesten Organismus losgearbeitet. Die Maßlosigkeit im Genusse schwarzen Kaffees, schwerer Cigarren, Mangel an Bewegung u. s. w. mußten endlich eine Riesennatur knicken. Joseph Wagner war zweimal verheiratet. Das erste Mal, wie bereits erwähnt, mit Bertha Unzelmann, welche er am 16. October 1849 ehelichte. In glücklichster Ehe verlebte er zehn Jahre mit dieser hochbegabten, aber seit ihrer frühesten Jugend den Keim des Todes in sich tragenden Künstlerin. Zwei Jahre nach dem Tode derselben vermälte sich Wagner mit der gegen das Ende der Vierziger-Jahre als Opernsängerin unter dem Namen Gilbert bekannten Marianne Herzfeld, einer Schwester des Generalkonsuls Stephan Herzfeld und des Wiener Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Eugen Herzfeld. Aus erster Ehe hatte Wagner ein Töchterlein Marie, das liebenswürdige Ebenbild ihrer Mutter, welches, wenn der Verfasser dieses Lexikons nicht irrt, sich dem Lebensberufe der Eltern gewidmet hat; aus zweiter Ehe entsprossen zwei Söhne Julius und Karl.

I. Wagner’s Rollenrepertoire. Für Wagner’s Künstlerruhm war sein früher Tod – im Alter von 52 Jahren – eigentlich ein Glück. Denn der Uebergang in ein anderes – älteres – Rollenfach wollte bei ihm nicht recht von Statten gehen, und unser Schauspieler würde ihn auch mit dem Erfolge, den er im Fache jugendlicher Helden und Liebhaber errungen, nie erreicht haben. Laube beklagte schwer die Schwierigkeiten, die sich ihm beim Rollentausche Wagner’s darboten. Dagegen im Fache jugendlicher Helden stand derselbe einzig da; der Ruhm Maximilian Korn’s konnte den seinen nicht schmälern, und von den Nachfolgern hat ihn bis heute trotz aller Reclame keiner erreicht, denn in seiner eigenartigen äußeren Erscheinung, in seiner körperlichen Schönheit stand Wagner eben einzig da. Das Repertoire seiner Rollen war darum ein beschränktes, aber gleichwohl noch immer ein reiches. Er spielte folgende Rollen: Hamlet, Uriel Acosta, Ferdinand in „Cabale und Liebe“, Max Piccolomini, Egmont, Baron von Wallenfeld in Iffland’s „Der Spieler“, Georg Winegg in Freitag’s „Valentine“, Romeo, Percy, Cassio, König Johann, Tempelherr in Lessing’s „Nathan der Weise“, Tellheim, Franz und Weislingen in „Götz von Berlichingen“, Beaumarchais in Goethe’s „Clavigo“, Graf Dunois in „Die Jungfrau von Orleans“, Karl Moor, Don Carlos, Don Manuel, Jaromir in „Die Ahnfrau“, Jason in „Medea“, Ingomar in „Der Sohn der Wildniß“, Othello, Macbeth, Friedrich von Homburg in Kleist’s gleichnamigem Stücke. Schiller in Laube’s „Die Karlsschüler“, Lord Rochester in „Die Waise von Lowood“, Werner in Gutzkow’s „Herz und Welt“, Hippolyt in Brachvogel’s „Narciß“, Posa, Doctor Robin, Wilhelm Tell, König Lear, Wallenstein, Tuman in Weilen’s „Drahomira“, Essex, Von Gutiere in Calderon’s „Der Arzt seiner Ehre“, Leander in Grillparzer’s „Des Meeres und der Liebe Wellen“, Brutus in „Brutus und Collatinus“. In den vorbenannten Rollen habe ich Wagner spielen sehen, und in allen, mit Ausnahme der älteren, wie Lear, Wallenstein, Tell, die von Anderen wirklich besser dargestellt wurden, war er trefflich, er hat diese herrlichen Gebilde der classischen Dichter aller Zeiten in einer Art [105] gespielt, welche die Reminiscenzen der alten Schule mit allen Vorzügen der neuen künstlerisch, einheitlich zu verbinden verstand.
II. Wagner’s Charakteristik als Künstler. Laube über denselben: „Wagner hat den warmen Drang der Jugend, die lebensvolle Kraft der Leidenschaft so warm, so lebensvoll, so leidenschaftlich darzustellen verstanden, daß wir uns gewöhnt hatten, die tragischen Liebhaber und Helden immer nur mit seinem Namen zu benennen, immer nur in seiner schönen Gestalt verkörpert zu sehen, immer nur mit seiner melodischen, aus den Tiefen der Brust aufsteigenden Stimme zu hören. Seine Erscheinung erhielt den Glauben wach an die mögliche Existenz jener dichterischen Gestalten, welche mit dem Alltagsleben nichts zu thun haben, welche das Haupt über den Wolken tragen, welche von Nektar und Ambrosia leben. Wagner’s Pathos war nichts äußerlich Erlerntes, es war der Ausdruck und Ausbruch eines warmen Herzens, war der Ausdruck und Ausbruch einer überschwenglichen Begeisterung, welche in seinem Innern glühte. Sie brach hervor wie ein Lavastrom, wenn der Dichter Veranlassung bot, und riß die Zuhörer in einen Flammenkreis, der alle Bedenken irdischer Hindernisse verzehrte und uns in höhere Regionen emporriß. Das war die Signatur Joseph Wagner’s: das Ideale glaubhaft zu machen. Die Gestalten Schiller’s werden immer seltener auf der Bühne. Joseph Wagner war eine. Vielleicht weil er ein Wiener war und als solcher von Kindheit auf den Schwung Schiller’s gläubig in sich aufgenommen. Denn in Wien hat sich stärker als irgendwo der Cultus Schiller’s ausgebildet, weil das frühere österreichische Staatsprincip Alles streng daniederhielt, was in freier Geistesbewegung aufstreben wollte, und weil der Mensch um so ungestümer, um so rückhaltsloser ins Ideale springt, je härter und trockener die reale Wirklichkeit ihn einengt. Eine der schönsten Rollen Wagner’s war der Hamlet. Wie er zu dieser in zahlreichen Nuancen ausgearbeiteten Rolle gekommen, war immer ein Räthsel. Der tieftragische Ton, welcher die Rolle durchbebte und sie zu einer tief ansprechenden Hamletrolle machte, zu einer Hamletrolle, derengleichen ich nie gesehen, das verwunderte uns nicht. Aber dieser Wechsel in den Stimmungen, gerade das, was ihm sonst fehlte, wie war ihm dieser zugekommen? Es ist Marr das Verdienst zugeschrieben worden. Schwerlich mit Recht, gewiß nicht mit vollem Rechte. Eine geheimnißvolle Freundin lebte zu jener Zeit neben Wagner in Leipzig, und dieser sagte man nach, daß sie von interessanter dramatischer Fähigkeit und daß sie ihm behilflich gewesen sei, die Hamletrolle so interessant auszuarbeiten. [Diese geheimnißvolle Freundin war eine Frau Beer, welche in der Folge, 1852, mit einem italienischen Sänger in Hannover erschien.] Wagner hat später diese Rolle in Wien, als ich (Laube) Director war, wohl dreißigmal gespielt, und jedesmal haben wir die Rolle besprochen und in Einzelheiten neu redigirt; ich weiß daher genau, ob sie eine blos „eingepaukte“ oder ob sie eine verständnißvoll einstudirte Rolle war. Sie war das Letztere, sie war gesund aus seinem Verständnisse erwachsen. Ueberhaupt sind Diejenigen im Irrthum, welche ihn ob seiner wenig ausgiebigen Unterhaltung für einen bloßen Naturalisten hielten. Er war kein dialektischer Geist, aber er hatte den gesunden Geist des Talentes. Sein Talent ergriff immer sogleich den geistigen Mittelpunkt der Aufgabe und wußte auch ganz gut darüber Rechenschaft zu geben. Dabei wurde Wagner von Jahr zu Jahr reiner und edler in der Form. Er war gegen Ausgang der Fünfziger-Jahre der erste tragische Heldenliebhaber der deutschen Bühne. Große Schwierigkeit entstand für ihn, als die abscheidende Jugend den Uebergang in ein älteres Fach gebot. Die Leidenschaft der Jugend mag eintönig sein, man vergibt es ihr. Sie täuscht durch den Ungestüm der Liebenswürdigkeit über die Eintönigkeit. Aber was dem Jünglinge vergeben wird, das wird dem Manne nicht vergeben. Vom Manne verlangt man Zeichen des Charakters, Zeichen in der Mehrzahl, denn erst die Verbindung mehrerer Züge des menschlichens Wesens bringt das zuwege, was wir Charakteristik nennen, bei edleren Rollen. Wer nur einen Zug stark aufträgt, der gelangt nur zur Charge und sinkt wohl bis zur Caricatur, jedenfalls neigt er zum komischen Bereiche Diese Charakteristik war nun für Wagner kaum erreichbar. Zu ihr sind die „Wendungen“ nöthig, welche die ausgiebige Gangart des Vollblutrosses nicht zuläßt, zu ihr ist eine Bewegung des Geistes nöthig, welche ihm [106] versagt war. Sie war ihm nicht versagt für die Auffassung: er folgte einem Darsteller beweglichen Geistes mit Leichtigkeit, sie war ihm aber versagt für die eigene Ausführung... Als er nach seiner langen Krankheit wieder auftrat, war das wichtigste Organ, die Lunge, direct angegriffen von der Anstrengung, der Tod ergriff ihn sehr rasch. Sollen wir sagen wie die Griechen: die Götter haben ihn geliebt? Den Kuß poetischer Jugend hatten sie ihm auf die Stirn gedrückt in der Wiege, und als die Jugend vorüber war, nahmen sie ihn hinweg, um ihn zu bewahren vor den Hinfälligkeiten und Enttäuschungen des Alters, sollen wir so sagen? Warum nicht! Denn also umrahmen wir Wagner’s Bild in unserem Gedächtnisse, das Bild idealer junger Leidenschaft, welche uns emporhebt über die kleinlichen niederdrückenden Hindernisse der menschlichen Creatur“. So Laube, der übrigens in seiner „Geschichte des Burgtheaters von 1848–1867“, das ist nämlich während seiner Leitung dieses Kunstinstitutes, öfter auf Wagner zu sprechen kommt und ihm in der „Neuen Freien Presse“ (1879, Nr. 2092) im Feuilleton einen längeren Nachruf gewidmet hat, auf den wir als auf einen interessanten dramaturgischen Essay verweisen. Wir wollen auch, obgleich uns eine Menge Urtheile bedeutender Kritiker vorliegen, es bei diesem einen Laube’s bewenden lassen, da er ja doch als Fachmann der competenteste ist und niemals Rücksichten zu nehmen pflegte, sondern von der Leber weg sprach, was er in der Sache dachte. Nur der Vollständigkeit wegen fügen wir noch hinzu, daß Wagner, wie er in den Heldenrollen heimisch, ebenso in Salonkleidung beengt sich fühlte. So stattlich er auf der Straße in seiner schwarzen Gewandung auch sich ausnahm, so unbeholfen fast erschien er in bürgerlicher Tracht auf der Bühne, und waren ihm solche Rollen, wenn sie ihm einmal zufallen mußten, in die Seele zuwider. Nur eine Rolle machte eine Ausnahme. Der Rochester in dem Birch-Pfeiffer’schen Stücke „Die Waise von Lowood“. Freilich trägt dieser wilde Lord eigentlich den Harnisch unter dem modernen Rocke.
III. Wagner als Mensch. Die Eigenart, mit der Wagner im Leben auftrat, machte ihn ebenso interessant, als für Psychologen zum Gegenstande der Beobachtung. Man sprach viel über ihn, von dessen Bildnissen man im Gegensatze zu der Phrase: „zum Sprechen getroffen“ sagen müßte: zum Schweigen getroffen. Und doch war es mit seiner Schweigsamkeit nicht so schlimm bestellt. In meinem Landhause zu Ober-St. Veit nächst Wien verlebte Wagner mit seiner Familie einen Sommer, und ich hatte Gelegenheit, zu erfahren, daß er beredt sein konnte, wenn er an den rechten Mann kam. Er brachte oft ganze Nachmittage rauchend und sprechend in meinem Arbeitszimmer zu, und wie gesagt, er sprach, wenn er an den rechten Mann kam. Der rechte Mann aber war ihm, wie Laube bemerkt, derjenige, welcher die theoretischen Fragen nicht blos theoretisch angriff, sondern welcher den Kern der Frage in die Hand nahm, welcher vom Mittelpunkte ausging. Dann folgte Wagner auch an alle Seiten der Peripherie. Wohl konnte er – und that es für gewöhnlich – Stunden, ja Tage, ohne einen Laut zu sprechen, verbringen; die Rauchwolken von Cigarren, die er leidenschaftlich und in Unzahl, und nicht eben eine zu leichte Sorte, consumirte, waren das Einzige, was seinem Munde entfuhr. Diese Wortkargheit bewahrte er seiner Familie, seinen besten Freunden gegenüber. Er spricht nichts, weil er nichts zu sagen hat, glaubten die meisten Menschen, und man mußte ihn sehr genau gekannt haben, um eines Besseren belehrt zu sein, um zu wissen, wie scharf er beobachtete, wie gründlich und eigenthümlich er über Alles, über Menschen, Kunst, Politik und sociales Leben dachte. Manches Mal, in seltenen Stunden der Vertraulichkeit, wenn man zufällig bei ihm an den rechten Drücker gekommen, öffnete er plötzlich den Mund und begann zu reden, und man hörte ihm dann erstaunt, ja erstarrt zu, als ob ein Marmorbild die festgeschlossenen Lippen plötzlich geöffnet hätte. Dann sah man, daß er reden könne, wenn er nur wollte. Aber gewöhnliches Alltagsgewäsch haßte er, es war, als ob er sich scheue, über die Lippen, die so beredt, so ergreifend den Gedanken der größten Dichter Worte geliehen, Alltägliches und Triviales gleiten zu lassen. Ein paar Züge aus dem Leben des Künstlers mögen sein Charakterbild vervollständigen. Wagner, wie schon bemerkt, rauchte viel und starke Cigarren. Seit Jahren bezog er seine Sorte, immer die gleiche, täglich in ein und derselben Trafik. Die Verkäuferin wußte die Sorte und die Anzahl Stücke, welche der „tägliche Kunde“ erhielt, dadurch wurde ihm jede mündliche [107] Erörterung erspart, er trat ein, lächelte zum Gruß, steckte die schweigend übernommenen Havanah schweigend in das Etui, zahlte schweigend, lächelte wieder freundlich zum Abschiede und verließ schweigend, wie er gekommen, den Laden. Eines Morgens, als er, eine neue Rolle memorirend, mehr denn je in Gedanken versunken in die Trafik getreten war, freundlich gelächelt und einige Secunden gewartet hatte, wurden ihm noch immer nicht die Cigarren gegeben. Das Mädchen, welches ihn bereits dreimal vernehmlich gefragt: „Was steht zu Diensten?“ sah ihn, da er keine Antwort gab, befremdet an. Endlich mochte cs ihm doch zu lange gewährt haben, er blickte auf und – sah ein fremdes Gesicht; eine neue Verkäuferin war an die Stelle der früheren mit der Gepflogenheit des Kunden vertrauten getreten. Das war nahezu ein bedenklicher Moment für Wagner! Er mußte das ihm liebgewordene schweigen brechen und sich zu einer Rede aufraffen. Endlich nach längerem Kampfe entschloß er sich zu den Worten: „Ich brauche täglich fünfzehn Stück Londres. Wollen Sie sich dies genau merken. Ich spreche nicht gern“. Sprach’s, ging und kam wieder durch Jahre, ohne eine Sylbe zu reden. – Wagner war Mitglied der heiteren Rittergesellschaft „Grüne Insel“ in Wien, an deren Versammlungsabenden er fast nie zu fehlen pflegte und dann gewöhnlich neben dem Schreiber dieser Zeilen saß. Ob seiner Redseligkeit führte er den Ritternamen: Bertram der Redselige. Die Stimmung in der Gesellschaft war eine ungemein erregte. Erzählungen, Bonmots, Witze flogen hin und her, und der Inhalt dieser weingeborenen Schwänke war nicht immer ganz unverfänglich. Wer natürlich in diesem lebhaften Wort- und Witzgeplänkel durch sein beharrliches Schweigen glänzte, nur horchte, trank und das Feuer seiner Cigarre nie ausgehen ließ, war Wagner. Nun erhob sich Altmeister Castelli, der Prior der Gesellschaft, und gab ein Geschichtchen zum Besten, das bezüglich seines Inhaltes mit dem Gediegensten aus den an den Priapus gerichteten epigrammatischen Gedichten oder aus Sternberg’s „Braunen Märchen“ kühn rivalisiren konnte und alles bisher Erzählte weit übertraf. Wagner, stets Aesthetiker, war von dem Inhalte so betroffen, daß er, wie andere Leute vor Erstaunen sprachlos werden, zu reden begann und ausrief: „Ah! nun sag ich schon gar nichts mehr!“ Alle sind über diesen Redefluß frappirt, und wie aus einem Munde tönt’s: „Aber Sie haben ja überhaupt den ganzen Abend nichts gesprochen!“ In eine darauf folgende Lachsalve stimmte Wagner selbst aufs herzlichste mit ein, ohne jedoch weiter ein Wort zu sprechen. Und so war Schweigen – mit Ausnahme der Zeit, wenn er auf der Bühne seine herrlichen Rollen mit einem Feuer ohne Gleichen und dem Souffleur Ruhe lassend, denn er lernte seine Rollen mit eisernem Fleiße, spielte – sein eigentliches Leben. Noch ein Capitel, wollte man darüber berichten, würde ganze Seiten füllen: das Capitel „Wagner und die Frauen“; aber nicht etwa, daß er dem schönen Geschlechte nachstellte, nichts weniger als dies, sondern das schöne Geschlecht versetzte ihn in einen beständigen Belagerungszustand. Er war der ausgesprochene Liebling der Frauen, und Legion die Zahl der Briefe von Frauen und Mädchen an den Künstler. Das Ergötzlichste dabei war aber die Rolle, welche in dieser heiklen Angelegenheit seine erste Frau spielte. Denn sobald er ein Stelldichein erhielt, redete sie ihm förmlich zu, sich zu demselben einzufinden, und fragte ihn dann nach und nach über den Erfolg aus. Einmal wies er dabei auf eine Stelle seines herrlichen schwarzen geringelten Haares, an der deutlich der Ausschnitt einer mächtigen Locke erkennbar war. Ginge es nach Recht und Billigkeit, herrschte noch Dankbarkeit in der Welt, den Künstler Wagner hätten, wie einst zu Mainz den Sänger Frauenlob, die Frauen zu Grabe tragen müssen, denn er war ihr Liebling, ihr Abgott. Seinem Andenken – er war mir ein lieber warmer Freund, der mir auch über den Jammer seines Daseins Vieles vertraute – widme ich diesen Essay. Die mit ihm verlebte Sommerfrische in Ober-St. Veit bleibt mir unvergeßlich.
IV. Porträts und Chargen Joseph Wagner’s. Porträts. 1) Unterschrift: „Joseph Wagner“. Lithographie (4°.). ohne Angabe des Zeichners und Lithographen [auch im Album des königlichen Schauspiels und der königlichen Oper in Berlin. Wagner in jungen Jahren]. – 2) Unterschrift: „Joseph Wagner in der Rolle des Marquis Posa“. Daneben das Facsimile seines Namenszuges. Dauthage (lith.) 1858, gedr. bei Jos. Stoufs in Wien (Fol.). – 3) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges „J. Wagner“. Kriehuber [108] (lith.) 1855, Wien bei L. T. Neumann (Fol.). – 4) Unterschrift: ..Joseph Wagner als Churfürst Friedrich III.“ in G. zu Puttlitz’s Schauspiel: ..Das Testament des großen Churfürsten“. Dauthage (lith.) 1858, gedr. bei Jos. Stoufs (Wien, Fol.). – 5) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges und der Zeilen: „Haben diese Knochen nicht mehr zu unterhalten gekostet, als daß man Kegel mit ihnen spielt? Meine thun mir weh. wenn ich dran denke“ Hamlet. Kriehuber (lith.) 1858 (Fol.). Nur die Bildnisse 3 und 5 von Kriehuber sind sehr ähnlich, selbst letzteres als Costumbild in der Rolle des Hamlet; dagegen sind Dauthage’s Bilder nur hübsch lithographirte Costumbilder, deren Aehnlichkeit mit dem Künstler eine sehr geringe ist. – 6) Im Tagebuch des „Kikeriki“ 12. Heft, 1870, Holzschnitt nach Zeichnung von St(ur) (4°.), ziemlich ähnlich. – 7) Ueberschrift: „Joseph Wagner, k. k. Hofschauspieler“. Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in von 'Waldheim’s „Illustrirter Zeitung“. – 8) Ueberschrift: „Hofschauspieler Joseph Wagner in der Rolle des Hamlet“. Unterschrift: „Sein oder Nichtsein? – das ist die Frage.“ Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen im Wiener Blatte „Der Zeitgeist“ 1870, Nr. 17 [ähnliches Costumbild in ganzer Figur]. – Chargen und Caricaturen. 9) Ueberschrift: „Joseph Wagner“. Klič 1869 (del.). Joh. Tomasich (sc. ) im Witzblatt „Der Floh“ 7. November 1869, Nr. 45 [eine geistvolle Charge]. – 10) Ein Umriß, der nichts weiter als Haare zeigt; doch auf den ersten Blick Wagner errathen läßt, im Wiener Witzblatt „Kikeriki“ 1864, Nr. 4 – 11) Sechs Chargen Wagner’s im „Kikeriki„: a) Wagner am Morgen, wenn man die geputzten Stiefel betrachtet, b) Bei Betrachtung des Wetters, es mag schön sein, regnerisch oder windig, c) Wenn die Köchin fragt, was sie heute kochen soll? d) Nach dem Speisen, bei Ueberreichung rer Rechnung, e) Wenn Einem der Theaterdiener die Gage bringt. f) Wenn man 36.000 fl. gewonnen hat. Mit einem Wort, nie ohne Schmerz, Wehmuth und Melancholie! [sehr witzig und trotz der Zerrbilder doch sehr ähnlich]. – 12) Holzschnitt im „Kikeriki“ 1864, Nr. 6: „Joseph Wagner“ [auf der Straße die Cigarre rauchend, auf der Bühne als Hamlet]. – 13) Die Bildniß und Caricaturensammlung der „Ritter von der grünen Insel“ enthält eine treffliche Charge Wagner’s, unterschrieben: „Ritter Bertram“, welches sein Inselname war, gezeichnet von Maler Swoboda. Von diesem Bilde sind auch Photographien im Cabinetformate vorhanden, welche Maler Cramolini angefertigt, doch sind sie sehr selten.
V. Quellen zur Wagner-Biographie. Album des königlichen Schauspiels und der königlichen Oper zu Berlin. Unter der Leitung von August Wilhelm Iffland, Karl Grafen von Brühl, Wilhelm Grafen von Redern und Karl Theodor von Küstner für die Zeit von 1796 bis 1851 (Berlin 1858, Gust. Schauer, 4°.) S. 121. – Bohemia (Prager polit. und Unterhaltungsblatt, 4°.) 1870, Nr. 135, im Feuilleton: „Wiener Briefe“. – Coulissen-Geheimnisse aus der Künstlerwelt. Vom Verfasser der „Dunklen Geschichten aus Oesterreich“ und der „Hof- und Adelsgeschichten“ (Wien 1869, Waldheim, gr. 8°.) S. 137: „Die drei Schauspieler und die Kindesmörderin“ [eine Episode aus Wagner’s Leben. Die drei Schauspieler waren: Joseph Wagner, Franz Treumann [Bd. XLVII, S. 178] und Thomé [Bd. XLIV, S. 256]. – Expreß (Wiener Localblatt) 1870, Nr. 42, im Feuilleton: „Theater-Revue“. – Morgenpost (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 156, im Feuilleton: „Joseph Wagner“. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1870, Nr. 156: „Joseph Wagner“. – Neues Wiener Tagblatt, 1870, Nr. 155: „Joseph Wagner“; Nr. 156, im Feuilleton: „Joseph Wagner’s Ende“. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 2092, im Feuilleton: „Joseph Wagner an Heinrich Laube“. – Theater-Figaro (Wiener Theaterblatt) 1870, Nr. 23. – Tagespresse (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 155: „Joseph Wagner“; Nr. 157 im Feuilleton. – Das Vaterland (Wiener Parteiblatt) 1870, Nr. 160, im Feuilleton: „Joseph Wagner“. – Zellner’s Blätter für Theater u. s. w. (Wien, kl. Fol.) 1870, Nr. 45 [nach diesen am 15. Mai 1819 in Wien geboren]. – Zwischenact (Wiener Theaterblatt, kl. Fol.) 1870, Nr. 1532: „Nekrolog“ [nach diesem am 15. März 1818 geboren.
VI. Joseph Wagner’s Familie. Wie schon bemerkt, trat Joseph Wagner’s Vater, der Anfangs der Dreißiger-Jahre als Billeteur [109] und Rollcncopist am Theater an der Wien in Verwendung stand, später in eine bessere Bedienstung bei der Nordbahn über. Er hatte vier Kinder: Joseph, Karl, Franz und Therese. Ueber Joseph gibt die vorstehende Lebensskizze ausführliche Nachricht. – Karl (geb. 1819, gest. 7. Juni 1866), zunächst auch dem Theater sich widmend, wurde von Director Carl für kleinere Rollen engagirt und dann von Gämmerler und Nestroy dem Volkssänger J. B. Moser [Bd. XIV, S. 146] empfohlen, der ihn in seine Gesellschaft als Komiker aufnahm. Aus dieser kam er zu anderen Volkssängergesellschaften. Doch kehrte er in den Fünfziger-Jahren wieder zur Bühne zurück und spielte in Oedenburg, Stadt Steyer und anderen Orten, bis ihn Nestroy, als derselbe Director des Carl-Theaters wurde, in sein Engagement nahm. Durch Cabalen, wie man sagte, von den Brettern vertrieben, kehrte er zum Brettel (Volkssängerthum) zurück und gehörte ihm von nun ab bis zu seinem Tode an. Seine Leidenschaft war das Charakterfach; auf dem Brettel aber agirte er mit Vorliebe Wahnsinnige in eigens für ihn geschriebenen Intermezzos. Er endete auch im Wahnsinn – im delirium tremens – erst 47 Jahre alt. Er hinterließ eine Tochter, Rosa, welche anfangs unter Director Hofmann beim Ballet in der Josephstadt in Engagement stand und dann als Schauspielerin zu Nestroy kam. Später soll sie an einen Nationalbankbeamten sich verheiratet haben. [Fremden-Blatt. Von Gust. Heine, 12. April 1885.] – Franz, der dritte Bruder Josephs (geb. 1825), Tenorist, wurde auch Volkssänger. Später wirkte er als Mitglied der Singspielhalle Varry [siehe Anton Loger Bd. XV, S. 458] und starb in den Siebenziger-Jahren. – Joseph Wagner’s einzige Schwester Therese (geb. 1822), eine gute Schauspielerin, heiratete den Schauspieler Kleemann, mit dem sie unter Frau Megerle Anfangs der Fünfziger-Jahre in der Josephstadt spielte. Therese ist auch bereits gestorben.