Der Irvingianismus und sein Verhältniß zur Lehre der luth. Kirche

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Autor: Johannes Deinzer
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Titel: Der Irvingianismus und sein Verhältniß zur Lehre der luth[erischen] Kirche
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Fr. Weintz’sche Officin
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Der Irvingianismus und sein Verhältniß
zur Lehre der luth. Kirche.




Vortrag


in Nürnberg gehalten
von
Johannes Deinzer,
Inspektor an der Missionsanstalt in Neuendettelsau.

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Mit Zustimmung des Verfassers veranstalteter Abdruck aus den Kirchl. Mitth. aus, über und für Nordamerika.




Fürth 1879.



Fr. Weintz’sche Officin.


|  Ueber diesen Gegenstand hielt ich den Gliedern unserer Gesellschaft in Nürnberg auf deren Wunsch jüngst einen Vortrag. Nun höre ich, daß der Geistliche der irvingianischen Gemeinde in Nürnberg, mit dem ich bei einer früheren freundschaftlichen Begegnung persönlich bekannt worden war, meinen Vortrag vom 19. Januar zum Gegenstand mehrfacher Angriffe und Widerlegungsversuche gemacht hat. Es war ohnehin meine Absicht, meinen Vortrag in kurzem Auszug in diesem Blatte zu veröffentlichen; ich sehe mich jedoch dazu nun um so mehr veranlaßt, als mir nicht nur daran liegt, unsere Freunde in der Wahrheit zu bestärken, sondern auch meine damals gesprochenen Worte vor Misverständnis und Misdeutung sicher zu stellen. – Ich gebe nach den mir schriftlich vorliegenden Notizen den wesentlichen Inhalt und Gedankengang meines Vortrags mit einigen Erweiterungen hier wieder.

 Ich begann – nach einem kurzen Abriß des Lebens Irvings – mit der Anerkennung der Wahrheiten des Irvingianismus, wie es denn meine Absicht war, ein möglichst gerechtes, weder die Wahrheit noch die Liebe verläugnendes Urteil über denselben zu fällen. Die Irvingianer – sagte ich – lehren richtig von der Taufe. Sie lehren ferner manche richtige Sätze über die Kirche, indem sie gegenüber einem engherzigen Confessionalismus die Einheit über den Confessionen, den Bruderbund aller Getauften, betonen, indem sie für die Kirche Selbständigkeit und Unabhängigkeit von der weltlichen Macht fordern, indem sie endlich gegenüber einem falsch geistlichen Kirchenbegriff nach Epheser 4, 4 mit Recht hervorheben, daß die Kirche sichtbar und unsichtbar zugleich, nicht blos Ein Geist, sondern auch Ein Leib sei.

 Die Irvingianer lehren drittens mit Recht, daß das geistliche Amt nicht von unten, sondern von oben herstamme, das es nicht ein Ausfluß des geistlichen Priestertums aller Gläubigen, sondern eine Stiftung Jesu sei, daß es nicht blos eine im Schöpfungswillen Gottes und im Bedürfnis der gesellschaftlichen Ordnung begründete, sondern auf ausdrücklicher göttlicher Anordnung beruhende Einrichtung sei.

 Viertens können wir den Irvingianern auch darin in gewissem Maße Recht geben, wenn sie eine Fortdauer der Charismen d. h. der außerordentlichen | Gnadengaben des h. Geistes (vgl. 1 Cor. c. 12 und c. 14) behaupten. Muß man auch zugeben, daß gegenüber dem Geistesreichtum der apostolischen Zeit, wie wir ihn z. B. in der corinthischen Gemeinde finden, gegenüber der hochgehenden Gnadenflut jener Tage, jetzt eine Zeit der Ebbe eingetreten sei, so ist damit doch nicht gesagt, daß jene Gnadengaben in der Kirche ganz ausgestorben und erloschen seien. Der im Jahr 254 verstorbene Kirchenlehrer Origenes berichtet, daß unter den Christen seiner Zeit noch Wunderheilungen, Teufelsaustreibungen und prophetische Gesichte vorkamen, doch nur noch Spuren davon bei Wenigen, welche ihre Seelen durch das Wort und einen dem Wort entsprechenden Wandel gereinigt haben. So wie damals ist es auch noch jetzt, es gibt noch immer einzelne charismatisch begabte Personen (Blumhardt, Löhe, die † Jungfer Trudel etc. etc.). Eine ganz andere Frage ist es, ob die wunderbaren (?) Vorkommnisse namentlich beim Beginn der irvingianischen Bewegungen wirklich, wie die Irvingianer rühmen, eine Wiedererweckung der apostolischen Gaben des Zungenredens und der Weissagung sind.

 Endlich wollen wir dem Irvingianismus das Verdienst nicht schmälern, daß er zur Anregung der Erwartung und Belebung der Hoffnung der Christenheit auf die baldige Wiederkunft des HErrn das Seinige beigetragen hat. Aber eben nur das Seinige. Denn alle die im Vorstehenden anerkannten Wahrheiten des Irvingianismus sind nicht dessen ausschließliches Eigentum, sondern auch in kleineren oder größeren christlich-gläubigen Kreisen seit Jahrzehnten herrschende Überzeugungen. Jeder, der z. B. das Eigentümliche der Löhe-Vilmar’schen Richtung kennt, wird mir darin Recht geben. Darum konnte ich bei meinem Vortrag noch Besprechung der angeführten Punkte wol die erste Hälfte meines Satzes: „Was an dem Irvingianismus wahr ist, das ist ihm nicht eigenthümlich“ für erwiesen achten.

 Was nun die Beweisführung für den zweiten wichtigeren Teil meines Satzes anlangt: „Was dem Irvingianismus eigentümlich ist, das ist nicht wahr“, so legte ich hier das Hauptgewicht auf den Nachweis der Schriftwidrigkeit der irvingianischen Behauptung von der Notwendigkeit der Fortdauer des Apostolats in der Kirche und von der thatsächlichen Wiederherstellung des Apostolats in Mitte der irvingianischen (oder wie sie sagen: der apostolischen) Gemeinden.

 Bekanntlich spricht der Irvingianismus von einem großen „Sündenfall“ der Kirche am Ende des apostolischen Zeitalters. Diese Sünde bestand darin, daß die Kirche des ersten Jahrhunderts das Apostolat hinsterben ließ. In dem im Jahre 1837 von den irvingianischen Aposteln verfaßten und an alle geistlichen und weltlichen Häupter der Christenheit gerichteten Testimonium (Zeugnis) heißt es wörtlich: „Die christliche Gemeinde ließ es gut sein, daß das Apostolat (d. h. das apostol. Amt) hinstarb, und beruhigte sich damit, daß ihre Sünde Gottes Wille sei.“ Aus diesem Aufhören des apostolischen Amtes ist nun aber der Kirche nach irvingianischer Lehre ein großer Verlust erwachsen. Der Verlust des Apostolats ist für die Kirche der „Verlust der Taufe mit dem h. Geist | gewesen“. „Denn die Bischöfe vermochten nicht, das Maß ursprünglicher Geistesfülle zu erhalten. Der Ordination durch einen Bischof ermangelt die volle Kraft und Weihe der apostolischen Verordnung zum Amte.“[1] Durch Gottes Gnade – so behaupten die Irvingianer weiter – ist nun im Anfang dieses Jahrhunderts in England der ursprüngliche Apostolat wieder erweckt worden. Mit dem wiederhergestellten Apostolat ist nun wieder ein einheitliches Regiment der Kirche und eine oberste Autorität gegeben, welche bestimmt, welches die Lehre der Wahrheit sei; mit ihm ist dasjenige Amt wieder in’s Leben gerufen, welches durch Auflegung der Hände den h. Geist mitteilt und durch welches die Braut Christi, seine Kirche, für seine Wiederkunft vollbereitet wird.

 Dies ist in kurzen Zügen die irvingianische Lehre von dem wiederhergestellten Apostolat.

 Der angebliche Schriftbeweis für diese neue, seit 18 Jahrhunderten unerhörte Lehre ist die Stelle Epheser 4, 11–14 (unsere Leser mögen sie doch ja nachschlagen und sorgfältig lesen). Wir wollen zugeben: wenn man nur die Stelle Eph. 4, 11–14 vor Augen hätte und wenn man sie pressen wollte, so könnte man allenfalls den irvingianischen Sinn aus ihr herausquälen. Allein die Hauptsache müßte schon da in den Text hineingetragen werden. Man müßte hinter die Worte: „Gott hat etliche zu Aposteln gegeben“ den Zwischengedanken einschieben: und gibt sie auch ferner, so lange, bis wir alle hinankommen zur Einheit des Glaubens etc. Indessen so steht eben nicht da. Ohnehin ist es ja das Nächstliegende, wenn man das „bis daß“ v. 13 mit v. 12 verbindet und nicht über v. 12 auf v. 11 zurückweichen läßt. Dann, wenn man, wie natürlich, den 13. v. eng an den 12. v. anschließt, ist der ganzen irvingianischen Beweisführung aus dieser Stelle der Nerv abgeschnitten. Es ist dann mit keiner Silbe die Rede von einer Fortdauer des Apostolats bis zu jenem Zeitpunkte, wo wir alle hinangekommen sein werden zur Einheit des Glaubens, sondern es ist lediglich gesagt, daß die Zurichtung der Heiligen, das Werk (die Wirksamkeit) des Amtes und die Erbauung des Leibes Christi so lange fortgehen werde, bis wir alle hinangelangt sein werden zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis und zum reifen Mannesalter Christi. Also das Werk des Amtes wird wol so lange fortgehen, daß aber das Amt immer in seiner vierfachen Gestalt dieß Werk thun müsse, daß es bis zur Erreichung jenes Ziels Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer – diese vier Ämter alle mit und neben einander – geben müße: das ist mit keinem Worte gesagt. Mithin beweist diese Stelle durchaus nicht, was sie im Sinne der Irvingianer beweisen soll, daß ebenso wie die Gründung der Kirche durch Apostel geschah, so auch durch (neue) Apostel die Kirche ihrer Vollendung entgegengeführt werden müße. Damit ist den Irvingianern ihre Hauptbeweisstelle entwunden. Ihre übrigen Beweisstellen aus dem Alten Testamente bedeuten nichts, weil sie nur völlig unsichere oder willkürliche | Schlüsse aus dem vorbildlichen Wesen des Alten Testamentes auf die Haushaltung Gottes im Neuen Testamente sind.

 Doch wir wollen aus etlichen anderen Stellen noch den Beweis führen, daß Epheser 4, 11 ff. nicht in irvingianischem Sinne erklärt werden darf.

 Wir schlagen nur um ein paar Kapitel zurück. Da finden wir die Stelle Epheser 2, 20. Dort werden die Apostel (und Propheten) der Grund des Baues der Kirche genannt. So nennt auch der Kirchenvater Irenäus mit Recht die Apostel das duodecastylum fundamentum ecclesiae.[2] Das Fundament eines Baues wird aber nur einmal gelegt. Mithin kann es Apostel, deren Bedeutung eben nach Eph. 2, 20 eine grundlegende und deren unmittelbarer Beruf es war, die Kirche zu gründen, nur einmal gegeben haben. Der Grund wird nur einmal gelegt, aber er trägt den Bau, der sich darüber erhebt, immerzu durch alle Jahrhunderte seines Bestandes. So hat Gott Apostel auch nur einmal gegeben, aber sie sind der bleibende Grund der Kirche, die Träger des ganzen geistlichen Baues, der durch die Jahrhunderte seiner Vollendung entgegenwächst.

 Gleichen Inhalts ist die Stelle Offenbarung c. 21, 14. Dort heißt es: Die Mauer der Stadt (des neuen Jerusalems) hat 12 Gründe (Grundsteine) und auf denselben 12 Namen der 12 Apostel des Lammes. Also auch hier begegnet uns wieder dieselbe Anschauung, daß der Apostolat der einmal für immer gelegte Grund der Kirche ist, und zugleich hebt der Artikel (die 12 Apostel des Lammes) die – keiner Erweiterung fähige – Geschlossenheit der Zwölfzahl der Apostel hervor.

 Die schwierige Frage, in welchem Verhältnis der Apostel Paulus zu der geschlossenen Zwölfzahl der Apostel der Beschneidung stehe, lassen wir, soweit sie nicht Galater 2, v. 7 gelöst ist, lieber ein ungelöstes Räthsel bleiben, als daß wir uns zu dem irvingianischen Lösungsversuch verstünden – der ja doch nur ein Menschensündlein ist, – als ob Paulus (und Barnabas, vergl. Apostelgesch. 14, 4 und 14) der Anfang einer zweiten, durch Schuld der Kirche verkümmerten Apostelreihe wäre, die nun in dem irvingianischen Apostolat vollständig geworden sei. Nur das sei noch bemerkt, daß – falls diese völlig grundlose Vermutung richtig wäre – nur noch 10, nicht aber 12, irvingianische Apostel hätten auftreten dürfen; denn sonst bekäme man ja anstatt 24 eine Gesammtzahl von 26 Aposteln.

 Auch auf die Stelle Offenbarung c. 4 v. 10 berufen sich die Irvingianer, wie mir denn auch von einem Theilnehmer der Versammlung in Nürnberg diese Stelle entgegengehalten wurde. „Die 24 Ältesten der Offenbarung – sagen sie – sind die 12 Apostel der Urzeit und die 12 (irvingianischen) Apostel der Schlußzeit der Kirche. Da jedoch die Bibel über diese Ältesten sich gar nicht näher erklärt, so ist aus der Zal allein für die irvingianische Ansicht nichts zu entnehmen. Eine Behauptung ist noch lange kein Beweis. Nicht einmal die Frage läßt sich – bei der Unsicherheit der Lesart Offenb. c. 5 v. 9 – ausmachen, ob unter den Ältesten Menschen | (etwa die 12 Erzväter des Alten Testaments und die 12 Apostel des Neuen Testaments) oder Engel zu verstehen seien. Das Erstere ist sogar das Unwahrscheinlichere, da man hiebei annehmen müßte, daß Johannes auf einem der 24 Stühle sich selbst, also seinen eigenen Doppelgänger, gesehen haben würde. Und noch unwahrscheinlicher ist es, sich denken zu sollen, daß Johannes außer seinen damals allerdings schon heimgegangenen Mitaposteln auch seine irvingianischen Collegen in spe, die erst 1800 Jahre später geboren werden sollten, auf ihren Stühlen thronend gesehen habe. Wenn er nach Offenb. c. 21, 14 seinen Namen als Siegel seiner ewigen Erwählung auf einem der 12 Grundsteine des neuen Jerusalems eingezeichnet las, so ist das etwas Anderes, denn was er dort schaut, ist ein Bild der Zukunft. Dagegen die Scene in c. 4 der Offenbarung ist ja keine Darstellung von Zukünftigem, sondern von Vergangenem oder (vom Standpunkt des Sehers aus) Gegenwärtigem. Der zeitliche Hintergrund von c. 4 der Offenbarung ist die Thatsache der Schöpfung, und was es schildert, ist: die Herrlichkeit Gottes des Schöpfers, der erhaben über die Welt und doch seiner Welt gegenwärtig im Himmel inmitten seiner heiligen Engel thront. Auf keinen Fall läßt sich für irvingianische Zwecke aus dieser Stelle etwas beweisen.

 Doch nicht blos einzelne Stellen des Neuen Testaments, sondern die ganze Anschauung der heiligen Schrift von dem apostolischen Amte, der biblische Begriff des Apostolats ist der irvingianischen Ansicht entgegen. Die wesentlichen Erfordernisse des Apostolats sind nach biblischer Anschauung: 1) die unmittelbar göttliche Berufung, 2) die Inspiration, d. h. die irrtumslose Erkenntnis der seligmachenden Wahrheit durch unmittelbare Offenbarung oder Eingebung des h. Geistes, 3) die Befähigung, als Augen- und Ohrenzeugen der großen neutestamentlichen Heilsthatsachen (des Lebens, Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu) vor der Welt ein völlig glaubwürdiges Zeugnis von Christo und dem Heil in Christo ablegen zu können.

 Alle diese Stücke fehlen den irvingianischen Aposteln. Die irvingianischen Apostel können nicht wie St. Paulus (Gal. 1, 1) von sich sagen, daß sie Apostel weder von Menschen, noch durch Menschen, sondern durch Jesum Christum und Gott den Vater seien; der HErr hat sie nicht unmittelbar berufen, sondern sogenannte Propheten haben diejenigen bezeichnet, welche zu Aposteln sollten gemacht werden. Desgleichen können sich die irvingianischen Apostel keiner unmittelbaren Offenbarung der Wahrheit durch den HErrn rühmen wie St. Paulus, der z. B. Galat. 1, 12, vgl. 1 Cor. 11, 23; 1 Cor. 15, 3 von sich sagte: „er habe sein Evangelium von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.“ Ebenso fehlt ihrem Zeugnis das unterscheidende Merkmal des apostolischen Zeugnisses: die Augen- und Ohrenzeugschaft und die darauf beruhende unmittelbare Gewißheit dessen, wovon sie zeugen. Ein Apostel muß nach Ap.-Gesch. 1, 21 ff.; Joh. c. 15 v. 27 u. v. a. St. ein Augenzeuge des HErrn, seiner Thaten und seiner Leiden, seiner Erniedrigung und seiner Verherrlichung gewesen sein. Auch dem Apostel Paulus ist der HErr persönlich erschienen auf dem Weg nach Damaskus, Ap.-Gesch. 9 v. 3–15. | Vgl. namentlich 1 Cor. 9, 1 und 1 Cor. 15, 8. 15. Die irvingianischen Apostel können sich der keines rühmen. Mithin ist es eine unerträgliche Begriffsverwirrung, sie Apostel zu nennen.

 Aber es ist auch eine unerträgliche Anmaßung von ihren Anhängern, sie so zu nennen, und von ihnen selbst, sich so nennen zu lassen. Billig sollte ein frommer Christenmensch im Gefühl des großen Abstandes seiner Gabe und Gnade von dem einzigartigen Beruf der auserwählten zwölf Boten des HErrn vor der Überhebung zurückschrecken, sich mit den letzteren auf eine Linie zu stellen oder stellen zu lassen. Solche Selbstüberhebung muß naturgemäß zu dem bei den Irvingianern auch ganz offenbar hervortretenden Bestreben führen, die wahren Apostel des HErrn herabzusetzen und zu verkleinern. Natürlich, wenn der Zwerg neben dem Riesen nicht allzusehr verschwinden soll, so muß man den Riesen verkleinern und den Zwerg auf Stelzen setzen. Das thun denn auch die Irvingianer getreulich, wie wenn z. B. einer der bekanntesten Vertreter des Irvingianismus in Deutschland, Ch. Böhm (Schatten und Licht, S. 285), sich dahin äußert: „in der Christenheit sei ein Heroencultus der Apostel eingeführt, man habe sich allmählich gewöhnt, sie zu vergöttern“!! Nein, wir vergöttern die Apostel nicht, wir lassen ihnen nur den erhabenen Posten, auf den der HErr sie gestellt, den einzigartigen Beruf, mit dem er sie betraut und die Vorrechte, mit denen er sie vor allen Amtsträgern des Neuen Testamentes ausgestattet hat.

 Die Lehre der Irvingianer vom Apostolat und ihre thatsächliche Wiedererweckung des Apostolats ist nun aber nicht blos eine Sonderbarkeit, eine harmlose Schwärmerei, sondern ein höchst bedenklicher Irrtum, der die gefährlichsten Folgen in seinem Schoße birgt. Darauf haben wir nun noch das Augenmerk zu richten. Zu dem Zweck erinnern wir an die bereits oben erwähnte irvingianische Sonderlehre von dem am Ende des apostolischen Zeitalters eingetretenen Sündenfall der Kirche, der darin bestanden habe, daß die Kirche am Ausgang des apostolischen Zeitalters das Apostolat hinsterben ließ. Wir sehen hier davon ab, daß nach dieser Ansicht die ganze Entwicklung der Kirche seit fast 1800 Jahren als eine verfehlte erscheinen würde und werfen nur die Frage auf: Auf wen fällt denn die Schuld dieser großen Unterlassungssünde, keine Vorsorge für die Fortpflanzung des Apostolats getroffen zu haben? Ohne Frage auf die Apostel selber, die es versäumt haben, irgend einen Wink oder eine Andeutung zu geben, daß nach Gottes Willen ihnen nach ihrem Hingang Nachfolger gesetzt werden sollten. Sie haben ja doch sonst – sonderlich Paulus im Gefühl seines nahen Endes – Sorge für die Bestellung der Ämter getragen. So z. B. läßt Paulus den Titus (Tit. 1, 5) in Kreta zurück, um, was noch mangelte, in Ordnung zu bringen, und hin und her in den Städten Älteste einzusetzen. Dem Timotheus ruft er (2 Tim. 4, 5) zu, daß er das Werk eines Evangelisten thun möge, da er, Paulus, bereits geopfert werde und sein Lauf vollendet sei. Demselben Timotheus schreibt er (2 Tim. 2, 2): „Was du von mir gehöret hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen, die da tüchtig sind, auch andere zu | lehren.“ Lauter Anweisungen, aus denen die Fürsorge des Apostels für die Fortpflanzung des Ältesten oder Hirtenamts hervorleuchtet – und dennoch, bei all dieser treuen Sorgfalt für die Erhaltung und Fortpflanzung des Amtes auf die Nachkommen, keine Spur einer Andeutung, daß auch die Fortdauer des Apostolats Gottes Wille sei. Haben die Apostel gewußt, daß nach Gottes Rat ihnen Nachfolger im Apostelamt bestimmt waren, und haben sie diese ihre Wissenschaft, von der doch die ganze gedeihliche Entwicklung der Kirche abhieng, ihren Gemeinden und selbst ihren vertrautesten Schülern vorenthalten? Dies ist doch eine unmögliche Annahme, vgl. Ap.-Gesch. 20, v. 20 u. 27. So bleibt nichts übrig, als anzunehmen, daß die Apostel diesen Rat Gottes selbst nicht kannten und also in einem für die Wohlfahrt der Kirche so wesentlichen Punkt sich gründlich geirrt haben. Sind die Apostel aber einmal und zwar in einer solchen Hauptsache der Täuschung und dem Irrtum unterlegen, wer bürgt uns für ihre Irrtumslosigkeit in den übrigen Dingen, die unser Heil und unsre Seligkeit betreffen? Dürfen wir dann ihrem Wort unbedingten Glauben schenken? Ist dann nicht der Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer übrigen Lehre berechtigt? Ist aber dem Zweifel einmal Einlaß gegeben, was bleibt dann noch sicher und gewiß? Muß da nicht unser ganzes Vertrauen in die Wahrheit der Apostellehre auf’s tiefste erschüttert und der Boden unter unsern Füßen wankend werden?

 Das sind die höchst bedenklichen, ja seelengefährlichen Folgen, die aus der irvingianischen Lehre vom Apostolat entspringen können. Wer diesen Haupt- und Grundirrtum des Irvingianismus einmal durchschaut und erkannt hat, wird – so vieles ihn auch sonst beim Irvingianismus anziehen und bestechen mag – von der Versuchung, sich ihm anzuschließen, geheilt sein.

 Es erübrigt uns nun, noch ein Wort über das Verhältnis des Irvingianismus zur luth. Kirche und Kirchenlehre zu sagen.

 Hören wir zunächst, wie der Irvingianismus über die seit dem Tode der Apostel eingetretene (nach seiner Ansicht verfehlte) geschichtliche Entwicklung der Kirche urteilt.

 Das schon erwähnte Testimonium der irvingianischen Apostel faßt nach einer sehr herben und einschneidenden Kritik der innerhalb der katholischen und der protestantischen „Abtheilung der Christenheit“ vor sich gegangenen Entwicklung sein Urtheil über den Katholicismus und Protestantismus dahin zusammen:

 „Die römisch-katholische Kirche hat die Einheit der Kirche zu erhalten gestrebt in ihren Formen, ihrer Verfassung und ihrer Lehre. ... Ihr Zeugnis ist des gesammten Leibes Zeugnis von der Einheit der Kirche. Der Protestantismus bietet die Geschichte des Strebens der Kirche dar, das Leben aus Gott zu erhalten, das ihr im Anfange anvertraut ward. Sein Zeugnis ist des gesammten Leibes Zeugnis vom Leben aus Gott. Aber die Sünde der römisch-katholischen Kirche, wodurch ihr Zeugnis aufhört, wahr zu sein, ist die, daß sie, indem sie die Einheit zu bewahren suchte, wenig oder keine Rücksicht darauf nahm, auch das Leben | Gottes in der Kirche zu erhalten. Daher ist ihre Einheit nur eine unächte Einheit, eine Einheit des Todes. Indem die protestantische Kirche das Leben durch andere als die von Gott angeordneten Mittel zu persönlichen und selbstsüchtigen Zwecken und, so zu sagen, mit gänzlicher Beseitigung der Kirchenverfassung Gottes beizubehalten suchte, ist es ihr zwar gelungen, dieses Leben zu erhalten, aber nur um es in Trennung und Spaltung wirken zu lassen. Die eine Kirche hat die Einheit auf Kosten des Lebens erkauft, die andere hat das Leben verwirkt, indem sie die Kirche als Leib des HErrn verachtete, ohne welchen das Leben unter dem Namen von Geistlichkeit nur ein mystischer Traum ist. ... Indem so das Papsttum die Mittel dem Zwecke vorzieht, und der Protestantismus den Zweck ohne die Mittel sucht, vermögen beide nicht, die wahren Zeugen Gottes zu sein. Beide gehen darauf aus, den Fall und die Zerrüttung der Getauften zugleich herbeizuführen und darzustellen.“

 So urteilen die irvingianischen Apostel über die ganze kirchengeschichtliche Vergangenheit ab. Ihre Kritik enthält unläugbar manche bittere Wahrheit; aber welche Ungerechtigkeit und welche Anmaßung ist es doch, so über die ganze Vergangenheit der Kirche den Stab zu brechen, über das Papsttum wie über den Protestantismus das gleiche Verdammungsurteil zu sprechen, die lutherische Kirche mit allen protestantischen Secten in einen Topf zu werfen und nur die eigene (irvingianische) Gemeinschaft als die rechtmäßige Fortsetzung der apostolischen Kirche und die Wideranknüpfung der seit 1800 Jahren abgerissenen Fäden einer wahrhaft gottgefälligen Kirchenentwicklung auszugeben!

 Nach diesen Proben können wir uns nicht wundern, wenn das Urteil der Irvingianer über das Gotteswerk der Reformation ein sehr abfälliges ist. „Die protestantischen Reformatoren – so lesen wir in dem Testimonium – gelangten, selbst im Anfange, nicht zur Einheit unter sich; sie erbauten nicht eine Kirche aus dem Abfall, sondern fügten zu dem vorgefundenen Babel noch viele Secten hinzu. Seit der Reformation sieht man gar keine äußere Einheit mehr, sondern eine Masse sich widerstrebender Secten, wovon jede der andern widerspricht und deren einziger Anspruch auf Einigkeit darauf beruht, daß sie die heilige Schrift als Glaubensregel anerkennen, dabei aber beweisen, wie unhaltbar dieser Anspruch auf Einigkeit ist, indem sie alle ihre eigenthümlichen und oft sich widersprechenden Glaubenspunkte auf die Schrift stützen wollen.“

 Noch viel rückhaltsloser spricht sich der schon erwähnte Herold das Irvingianismus in Deutschland, Ch. Böhm, aus. In seiner Schrift: „Die Kirche Christi in ihrem Verhältnisse zu den Staaten“ lesen wir Behauptungen, wie diese: „Die Reformatoren konnten von Anfang an keinen göttlichen Auftrag, die Kirche zu reformiren, aufweisen, welcher über den eines jeden Christen, Priesters oder Bischofs hinausgieng.“ „Die Reformatoren ließen sich mit Luther fortreißen zum Ungehorsam gegen die von Gott ihnen vorgesetzten kirchlichen Oberen“ und gaben so „das Beispiel des Ungehorsams und der Verletzung göttlicher Ordnung.“ „Den Reformatoren fehlte die wahrhaft ausreichende göttliche Vollmacht, die Sendung | von oben; es fehlte ihnen aber auch die entsprechende göttliche Ausrüstung; im Gegentheil liegt offen zu Tage die Unklarheit ihres Bewußtseins in Bezug auf die Arbeit, die ihnen vorlag, ihre Unfähigkeit, die große Aufgabe zu übersehen, ihr Mangel an Weisheit und göttlicher Erleuchtung, um das Bestehende im Cultus, Disciplin und kirchlicher Ordnung zu reinigen etc. Deshalb ist ja nicht zu verwundern, daß diese vorgegebene Reformation ihren Zweck, Gottes Tempel zu reinigen und sein Heiligtum wieder aufzubauen, schlechterdings nicht erreichte.“

 So urteilt der Irvingianismus über die Reformation. Uns genügt es, zur Entgegnung einfach darauf hinzuweisen, daß Luther, als er auf Kanzel und Katheder und im Beichtstuhl gegen die Irrtümer und Misbräuche der römischen Kirche zu zeugen anfieng, einfach in seinem ordentlichen Beruf als zeitweiliger Vertreter eines Wittenberger Pfarrers in seinem Seelsorge- und Predigtamt und als vereidigter Doctor biblicus handelte. Der außerordentliche Anklang aber, den sein Zeugnis fand, der ungeahnte Erfolg, mit dem es Gott segnete, ist der Thatbeweis für seinen außerordentlichen – in gewissem Sinne – prophetischen Beruf und für die Göttlichkeit des Werks der Reformation. Die irvingianischen Apostel dürften froh sein, wenn sie den hundertsten Theil solchen Erfolges für sich aufweisen könnten. Wo ist das göttliche Siegel (1 Cor. 9, 2) für ihr angemaßtes Apostelamt?

 Und wie zu dem Werk der Reformation selbst, so kann der Irvingianismus auch zu den Grundlehren der Reformation kein richtiges Verhältnis finden.

 Ein protestantischer Grundsatz ist die Lehre von der alleinigen Autorität der heiligen Schrift in Glaubenssachen. Die irvingianische Behauptung aber von der lehramtlichen Unfehlbarkeit ihrer Apostel, die thatsächliche Gleichstellung der „Äußerungen“ ihrer Propheten mit der heil. Schrift ist ähnlich wie die römische Gleichstellung von Schrift und Tradition eine Beeinträchtigung des obersten Ansehens der Schrift in allen Fragen des Glaubens und Lebens.

 Eine zweite Grundlehre, ja die rechte Hauptlehre des Protestantismus ist diejenige von der Rechtfertigung allein aus Glauben. Wie steht der Irvingianismus zu dieser Lehre, die den Herzschlag evangelischen Glaubenslebens bildet? Nun – er läugnet sie nicht, aber er verhält sich kühl dagegen. Jedenfalls steht sie ihm nicht im Mittelpunkte des persönlichen Christenlebens. Irving selbst war sogar ein Gegner dieser Lehre.

 In einer mir vorliegenden Schrift: „Die neuen Apostel und ihre Lehre, Bern 1853“ ist aus einem Briefe Irvings an einen Geistlichen folgende Stelle mitgeteilt: „Ihr Glaubensartikel ist nichts Anderes als das Leiden eines vollkommen heiligen Wesens, das von Gott und Menschen behandelt wurde, als ob es ein Übertreter gewesen wäre! Entweder fand sich Christus im Stande eines Sünders, oder er fand sich nicht darin. Wenn er sich darin fand, so ist meine Behauptung zugestanden; fand er sich aber nicht darin und soll ihn Gott so behandelt haben, als ob er sich darin befunden hätte, wenn das der Sinn ist von dem, was sie Zurechnung und Stellvertretung nennen – so weiche solch eine Lehre ferne von mir!“

|  Die Irvingianer protestiren bekanntlich dagegen, daß man ihnen für gewisse bedenkliche und sogar ketzerische Lehren Irvings die Verantwortung aufbürdet. So wollen wir sie denn auch für die obige fast lästerliche Rede Irvings gegen die Rechtfertigungslehre nicht verantwortlich machen, ebenso wenig für seine Irrlehre von der sittlichen Beschaffenheit der menschlichen Natur Christi, in der z. B. Rudelbach die eigentliche Wurzel der irvingianischen Irrtümer finden wollte. Und in der That ließe sich sehr leicht ein Zusammenhang nachweisen zwischen den irrigen Anschauungen Irvings von der menschlichen Natur in Christo und seinen Ansichten über die Rechtfertigung und Heiligung, sowie über die Möglichkeit der Erlangung eines vollkommenen Grades der Heiligung. Indessen wir wollen darüber weggehen und nur darauf hinweisen, daß uns auch bei den Irvingianern (nicht blos bei Irving selbst) eine Anschauung von der Heiligung begegnet, die fast an die berüchtigte Pearsall Smith’sche Lehre von der Erreichbarkeit einer „vollkommenen Heiligkeit“ anstreift. Schreibt doch selbst ein so besonnener und gemäßigter Mann wie Thiersch in seinem 1877 erschienenen Schriftchen „Über die Gefahren und Hoffnungen der christlichen Kirche“ S. 15: „Christus hat in unserer sterblichen Menschennatur vollkommene Heiligkeit zu Stande gebracht, und bei denen, die Ihn aufnehmen und mit Ihm in Gemeinschaft treten, wirkt er dasselbe durch Seinen Geist“. Daß bei einer solch überwiegenden Betonung der Heiligung die Rechtfertigung zurücktreten muß, liegt auf der Hand.
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 Ein dritter Grundsatz unserer Kirche ist die Behauptung, daß man Glaubenslehren nur auf helle und klare Sprüche der heil. Schrift gründen dürfe, daß man überhaupt bei der Auslegung der heil. Schrift an den Wortsinn sich halten müsse. Der Irvingianismus aber pflegt mit Vorliebe die sog. allegorische d. h. geistliche Auslegung und Ausdeutung der Schrift und zwar der alttestamentlichen Schrift. Nun läugnen wir zwar nicht im mindesten, daß die Geschichte und namentlich das ganze gottesdienstliche Wesen des Alten Testamentes eine Weissagung auf die Kirche und den Neutestamentlichen Gnadenhaushalt sei, wie uns denn der Hebräerbrief im Einzelnen hierüber tiefsinnige und ahnungsvolle Aufschlüsse gibt. Aber wir behaupten, daß wir kein Recht haben, unsere eigenen, über die apostolischen Aufschlüsse hinausgehenden Gedanken und menschlichen Fündlein auf gleiche Linie mit den authentischen Deutungen durch die heiligen Schreiber des Neuen Testamentes zu stellen. Dies wunderbare Spiel der mannigfaltigen göttlichen Weisheit (Eph. 3, 10) wird uns erst die Ewigkeit enthüllen. Was soll man z. B. zu solchen Auslegungen sagen, wie sie sich in einer irvingianischen Schrift über die Stiftshütte finden, und rücksichtlich deren man nur zweifeln kann, ob die Willkür oder Geschmacklosigkeit dieser Auslegungsweise größer ist. In jener Schrift werden z. B. die rothgefärbten Widderfelle der Stiftshütte auf die Gemeindevertretung durch die Diakonen gedeutet, weil der Widder zu derselben Classe wie das Schaf gehöre und der Leiter der Schafe unter der Hand des Schäfers sei. Die Farbe der Felle deutet auf die höhere Stellung, welche der Diakon in der Kirche einnimmt. Sie ist keineswegs eine Eigenschaft, welche ihm von Natur | etwa innehaftet, sondern sie entsteht durch eine ganz besondere Reinigung derselben durch das Blut Christi. Die Ziegenhaare, d. h. das daraus gewobene Tuch bedeutet den Geist der Weissagung in der Kirche, in jedem ihrer Glieder. Der Bock, welcher sich gerne auf den Höhen der Berge aufhält, bildet diejenigen vor, welche in dem Gebiet himmlischer Offenbarungen leben und sich in ihren Gedanken mit den übernatürlichen Beziehungen der Dinge beschäftigen etc. In einer andern irvingianischen Schrift: „Erzählungen von Thatsachen etc.“ werden zu Ezech. 14, 20–22 folgende Deutungen gegeben: der Löwe ist das Apostelamt, der Adler das Prophetenamt, der Mensch das Evangelistenamt, das Kalb (anderwärts auch der Kalbfuß) das Hirten- oder Lehramt. Doch es sei genug mit den angeführten Beispielen, die leicht verzehntfacht werden könnten. Verdient diese willkürliche spielende Auslegungsweise ein anderes Urteil als dasjenige, welches Luther über sie fällte: daß sie ein reines Gaukelwerk sei?

 Werfen wir endlich noch einen Blick auf die irvingianische Lehre vom heiligen Abendmahl. Eine der allerwichtigsten Errungenschaften der Reformation ist die Unterscheidung zwischen Sacrament und Opfer. In seiner mit unübertrefflicher Klarheit geschriebenen Auseinandersetzung in der Apologie (Art. 24 [12] de missa) bestimmt Melanchthon den Unterschied zwischen Sacrament und Opfer also: das Sacrament ist ein Werk, dadurch uns Gott dasjenige gibt, was die angefügte Verheißung darbeut. Hiegegen das Opfer ist ein Werk, das wir Gott darbringen, damit wir ihn ehren. Es sind aber nur zweierlei Art Opfer: das Sühnopfer, dadurch genug gethan wird für Schuld und Strafe, welches Gott versöhnt, mithin andern die Vergebung der Sünden verdient; und das eucharistische Opfer (d. h. Lob- und Dankopfer), welches von den Versöhnten geschieht, damit wir für die Vergebung der Sünden oder andere empfangene Wolthaten Gott danken. Das einige Sündopfer in der Welt aber ist der Tod Christi, von dem die alttestamentlichen Sühnopfer nur Schatten und Vorbild waren. Alle Opfer der Gläubigen sind eucharistische Opfer (Lob- und Dankopfer). – So ungefähr Melanchthon. Demnach kann das heil. Abendmahl, als eine Darreichung Gottes an uns, nicht ein Opfer, sondern nur ein Sacrament sein. Wohl hat die alte Kirche in einem gewissen untergeordneten Sinn von einem Opfer im heiligen Abendmahl gesprochen. Die Darbringung der Elemente (des Brotes und Weines), die begleitenden Lob- und Dankgebete, endlich die dabei dargebrachten Liebesgaben der Gläubigen für die Armen der Gemeinde – dies verstand die alte Kirche unter dem Opfer im heil. Abendmahl.

 Offenbar also hatte im Sinne der alten Kirche das Opfer beim heil. Abendmahl nur eine untergeordnete Bedeutung. Die Hauptsache war und blieb ihr der Empfang dessen, was Gott im Sacrament des Altars uns darreicht, der Empfang der Himmelsgüter des Leibes und Blutes Jesu. Der Irvingianismus aber kehrt dies richtige Verhältnis vollständig um. Ihm fällt das Hauptgewicht beim Abendmahl auf das Opfer der Gemeinde (das er allerdings nicht als Sühnopfer, sondern als Lob- und Dankopfer aufgefaßt haben will), während die Kommunion an Bedeutung dahinter | ungebührlich zurücktritt. „Die Kommunion, losgelöst vom Opfer, ist ein gleichgültiges Stück für den Gottesdienst des Protestantismus geworden, das ebenso gut dasein als fehlen kann“, sagt der Irvingianer C. Rothe.

 Ist schon diese Beeinträchtigung des eigentlichen Wesens des heil. Abendmahls als eines Sacramentes, als eines Gnaden- und Heilsmittels, das Gott uns darreicht, vom Übel, so ist doch der Opferbegriff des Irvingianismus etwas noch Bedenklicheres. Nach der Lehre des Irvingianismus ist nämlich das h. Abendmahl das große Lob- und Dankopfer der Kirche, die Darbringung der geweihten Elemente zur Vergegenwärtigung des Opfers Christi, die Nachahmung dessen, was Christus als der Pfleger der wahrhaftigen Hütte thut, wenn er sein Opfer am Kreuz vor Gott im Himmel darstellt und geltend macht. Nun ist ja kein Zweifel, daß Christus im Himmel sein Opfer vor dem himmlischen Vater geltend macht, wie es in dem schönen Lied von Rambach Nr. 272 unseres Gesangbuchs heißt:

Die Verdienste Deiner Leiden
Stellest Du dem Vater dar etc.

Auch ist kein Zweifel, daß jeder Christ, also auch die versammelte Gemeinde, Recht und Pflicht hat, das Opfer Christi vor dem himmlischen Vater geltend zu machen. Allein wie dies anders geschehen soll als durch Gebet, durch gläubige Berufung auf das einmalige Opfer Christi – das kann ich nicht einsehen. Will man diese Geltendmachung des Opfers Christi, diese gläubige Berufung auf das Verdienst Christi in die Form einer Handlung kleiden, so ist klar, daß diese Handlung nur eine Ceremonie, d. h. ein sinnbildliches Thun, ein mnemoneutischer Ritus sein kann, d. h. ein äußerer Brauch, durch den wir Gott und uns selbst an das einmal geschehene Opfer Christi erinnern. Das ist nun aber eben die Unklarheit und die unglückselige Verwirrung beim Irvingianismus, daß er in einem und demselben Odem behauptet, das eucharistische Opfer sei nur eine Darstellung und Vergegenwärtigung des Opfers Christi, „indem wir Gott durch unser Handeln und durch unsere Worte zu bewegen suchen, an dasselbe gedenken zu wollen“ – und doch gleichzeitig dieses nur darstellende und figürliche Handeln der Kirche die Darbringung eines wahrhaftigen „vernünftigen und unblutigen Opfers“ nennt und von den „Wohlthaten spricht, die wir in Folge dieses unseres Opfers zu erwarten berechtigt sind,“ die dann aber doch wiederum keine anderen sein sollen als „diejenigen, die uns allein von dem Kreuze Christi zufließen können“ (B. v. Richthofen „Vorlesungen über die Liturgie“ 1. Bd. S. 274). Wozu bedarf es aber dann erst noch unseres Opferns? Kurz, es ist klar: hier ist nicht unterschieden zwischen einer wirklichen Opferhandlung und einer Handlung zum Gedächtnis und zur Erinnerung an ein einmal geschehenes Opfer. Rudelbach hat vollkommen Recht, wenn er sagt: „Diese Vorstellung einer „Repräsentation[3], die doch zugleich ein wahres Opfer sein soll, ist ein schwebender, elastischer Unbegriff.“ Der Irvingianismus verwirft | aus seinem protestantischen Bewußtsein heraus die römische Lehre vom Meßopfer, seine eigene Lehre vom eucharistischen Opfer aber schielt und schwankt selbst bedenklich nach Rom hinüber.

 Uebrigens erinnert diese irvingianische Opferlehre sehr an den Ausdruck des Calixtus, der behauptet hatte, daß das heil. Abendmahl ein sacrificium memorativum, d. h. ein Gedenkopfer sei, wobei sich ebensowenig etwas Klares denken läßt.

 Fassen wir schließlich unser Urteil zusammen, so können wir sagen:

 Der Irvingianismus hat eine Seite, die besonders friedliebende christliche Gemüter anzuziehen geeignet ist: das ist der in gutem Sinne des Wortes katholische Zug, der durch seine Anschauungen hindurchgeht. Die Kehrseite davon ist freilich ein stark unionistischer Zug, der eben so sehr hervortritt. Die Confession ist ihm von seinem Standpunkt aus etwas Misliebiges – sie ist ja die Zerreißung der Einheit der Kirche. Damit verwandt ist der ungeschichtliche Charakter des Irvingianismus. Er stellt einen Bruch mit der ganzen Vergangenheit der Kirche dar, denn er sieht in der ganzen geschichtlichen Entwicklung der Kirche seit dem apostolischen Zeitalter ja nur Fehlgang und Verfall. Damit hängt denn auch schließlich zusammen, daß er selber nicht eigentlich ein geschichtliches Gewächs nicht etwas Gewordenes, aus einem Keim Erwachsenes, sondern etwas Gemachtes und Zusammengetragenes ist. Die Geisttreiberei, das Lauschen auf Inspirationen und außerordentliche Offenbarungen erinnert an reformirte Eigentümlichkeit, die Lehre vom Wort und Sacrament ist vielfach die der lutherischen Kirche, die hierarchische Rangordnung der Geistlichen und manch Anderes ist dem Katholicismus entlehnt. Er rühmt sich selbst, gleichsam ein Schatzkästlein alles Guten zu sein, was die verschiedenen Abteilungen der christlichen Kirche vereinzelt besitzen; aber – um Vergebung – das irvingianische System kommt uns vor wie ein Christbaum, der mit allerlei Früchten behängt ist, die er doch nicht selber hervorgebracht hat, da er selber ja keine Lebens- und Triebkraft besitzt, sondern die ihm nur äußerlich angehängt sind. Dies gilt auch von der im Ganzen vortrefflichen irvingianischen Liturgie, die auch mit wenig Ausnahmen nichts Eigenartiges vom Irvingianismus selbst Hervorgebrachtes ist.

 Anzuerkennen ist, daß der Irvingianismus, nachdem er einmal seine Sonderanschauungen entwickelt und festgestellt hat, vor weitern Irrtümern bewahrt geblieben ist. Gewiß enthält er Elemente der Wahrheit, die an deren kirchlichen Gemeinschaften noch nicht in gleichem Maße zum Bewußtsein gekommen sind und die es daher wolverdienen, beherzigt und angeignet zu werden. Ein so guter Lutheraner wie der sel. Dr. Rudelbach wünschte, daß man lutherischer Seits die Irvingianer als irrende Brüder anerkennen möchte. Nun, wir wollen wenigstens der vorhandenen Verwandtschaft und des gemeinsamen Besitzes so vieler theurer Wahrheiten uns freuen und, wo wir – wie der Verfasser dieses Artikels – zum Urteilen genötigt sind, christliche Milde brauchen. Aber die von uns erkannten Irrtümer des Irvingianismus sind uns eben doch schwerwiegend genug, um seiner | Einladung, uns zu seiner neuen apostolischen Gemeinde zu bekehren, keine Folge leisten. Vielmehr soll uns die nun angestellte Prüfung des Irvingianismus eine Mahnung mehr sein zur Treue gegen das Erbe unserer Väter und zur Beherzigung des Wortes: „Bleibe in dem, das du gelernt hast und dir vertrauet ist“ und: „Halte, was du hast, auf daß dir niemand deine Krone nehme.“ Wir begehren keine neuen Apostel, die doch nur Pseudoapostel (2 Cor. 11, 13) sind; es ist uns genug, daß wir durch den Glauben an das Wort des Lebens mit den wahren Aposteln Jesu Gemeinschaft haben und durch sie und ihr Wort auch in Gemeinschaft stehen mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesu Christo (1 Joh. 1, 1–3).





  1. Schatten und Licht etc. von Ch. Böhm, S. 135 f.
  2. d. i. das auf 12 Säulen ruhende Fundament der Kirche.
  3. d. h. Vergegenwärtigung, nämlich des Opfers Christi.