Der Riesenlöffel

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Der Riesenlöffel
Untertitel:
aus: Thüringische Volksmährchen, S. 144–165
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1823
Verlag: Carl Fleck und Comp.
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Erscheinungsort: Sondershausen
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[144]
Der Riesenlöffel.
Ein Mährchen.

Wild schüttelte der Sturm die beschneiten Wipfel tausendjähriger Eichen und Buchen in einander, daß Schnee und zackiges Eis klingend niederfielen auf des Bodens hartgefrorne Decke; hungrige Raben und Krähen flogen mit heisern Krächzen durch die nebelumflorte Waldung; mühsam schaufelte das Rennthier den Schnee hinweg, um mit kärglichem Moose das Leben zu fristen, und der Büffel schritt brummend durch den Urwald, an stämmigen Bäumen der kleinen Hörner Spitzen wetzend. Finster schritt der Riese Atahulf auf unwegsamen Pfaden durch [145] das Dickicht; ein böser Traum hatte ihn aufgejagt vom Lager weicher Bärenfelle, und weder Tuck, sein treues Weib, noch Egil, seine liebliche, in blühender Jugendfülle prangende Tochter, vermochten, ihm den finstern Unmuth zu verscheuchen; seines Hauses Untergang war nach dem Rathe der Asen beschlossen – so war es ihm kund geworden im Traum, und darum irrte er finster umher in dem öden Walde; zürnend schmetterte er mit gewaltiger Keule Hecken und junge Bäume nieder, welche den Pfad ihm sperrten; immer tiefer senkten sich die Nebelschleyer, immer düstrer und unwegsamer wurde es um ihn her. Schon beschloß er, die Nacht im Walde zuzubringen, denn ein undurchdringliches Dunkel ließ ihm den Weg nach seinem Felsenpallast nicht wiederfinden, und wollte sich nach einer bequemen Lagerstelle umsehen, da schimmerte blutroth durch den Nebel ein fernes Licht, und uneins mit sich selbst, schritt er gedankenlos darauf zu. Heller wurde es um ihn her; jetzt stand er vor dem Eingang der Höhle, in welcher ein Feuer loderte, und wie er hineinzuschreiten sich anschickte, tönte eine hohle Stimme aus der Höhle ihm entgegen:

[146]

Wer wagt zu nahen
Der Wohnung Swinda’s?
Wer stört die Ruhe
Der Hünenjungfrau?
Strafe dem Frechen,
Strafe und Tod!

und hinein rief der Riese:

Zürne nicht, Jungfrau,
Flammenumleuchtete
Seherin Wodans,
Dem kühnen Wandrer,
Und nur ein Obdach
Gewähre ihm!

da rief es wieder hervor aus der hellerleuchteten Grotte:

Dir sey es gewährt, kühner Wanderer! Gebückt schritt nun Atahulf einen langen Gang hindurch nach dem Feuer zu. Groß und geräumig war die Höhle, auf hohem Sitz saß eine Jungfrau, scharfblickend wie Wöra, die allerforschende Göttin; schön wie der Valkyrien eine, die auf schnaubenden Flügelrossen einherziehe im Getümmel der Schlacht, durch ihren Zauberreiz die tapfern Helden begeisternd, daß sie den Schlachtentod nicht fürchten, und sie [147] dann einführen in Walhalla’s Kampfspiele und Siegesmahle.

Rund umher lagen um das Feuer und den Thron der Jungfrau, Schädel und Knochen zu seltsamen Bildern zusammengefügt, und in großen, in Fels eingehauenen Tafeln waren der Runenschrift wunderliche Zeichen gegraben. Leise murmelte Swinda Beschwörungen und Runensprüche, die Bilder im Kreis schienen sich zu regen, und die Flammen des Feuers neigten sich gegen sie. In einem Kessel, der über dem Feuer hing, rührte sie langsam; die Dampfwolken, die aus diesem in die Höhe stiegen, gestalteten sich wunderbar; regungslos starrte Atahulf bald die Trute, bald den Kessel an; da verstummte plötzlich das Brausen, heller loderte die Flamme empor, der Höhle weiten Raum erleuchtend. Von ihrem Sitz erhob sich Swinda, und mit Erstaunen sah Atahulf, daß sie ihm gleich kam an Größe; des blonden Haares wallende Ringellocken fielen weit an der ernsten, hohen Gestalt hinab; auf ihrem Haupte schimmerte eine Krone, und in der Hand hielt sie einen großen Löffel von Stein, mit welchem sie [148] im Kessel gerührt hatte. Ein Wink von ihr gebot dem Riesen, in diesen zu schauen, er gehorchte; aber kaum hatte er einen Blick in den Zauberkessel geworfen, da schauderte er entsetzt zurück; einen blutigen Jüngling sah er mit zerschmettertem Haupte liegen, doch ehe er noch dessen Züge ins Auge fassen konnte, war er verschwunden.

Ein anderes Bild stellte sich dem Erstaunten dar. Es war ein hohes schönes Schloß, das vom magischen Licht umflossen sich erhob, aber alsbald auch wieder in Trümmern zusammenfiel.

Darauf sah er eines Sees rauschende Wogen dahinbrausen; ein zartes Frauenbild, aber blutbesprützt und mit wild zerstreuten Haaren, kämpfte mit den tobenden Wellen, und ehe er sich tiefer hinabbog, näher das Bild zu schauen, war sie hinabgesunken in die finstere Tiefe. Da ward es trübe, und die klare Flüssigkeit im Kessel schäumte und brauste wieder.

Da öffnete Swinda die Corallenlippen, [149] und sprach, ernst zu dem Riesen gewandt: Atahulf, ich kenne Dich, Du aber wirst mich nimmer wiedersehen. Was du erblickst in diesem Zauberkessel, das wirst Du noch einmal in der Wirklichkeit sehen, und was Du nicht sehen wirst, das wird in der Stunde deines Todes geschehen; wenig nur darf die Seherin enthüllen. – Wir trennen uns jetzt; ich will Dir einen Führer geben, der Dich geleiten soll in Dein Haus; doch hüte Dich, ihn zu erzürnen.

Unkoo! rief die Jungfrau, und aus dem Hintergrunde der Höhle kroch ein zwerghaftes Ungethüm, mit feuersprühenden Augen, das sich, der Herrin zu Füßen legte, die ihm sanft mit dem Löffel über den zottigen Rücken fuhr, und unverständliche Worte, ein wenig zu ihm hinabgebeugt, leise murmelte, dann sich wieder zu Atahulf wendend, diesem den schweren Löffel, welchen sie wie leichtes Holz in kräftiger Rechte schwang, reichte, und dazu sprach:

Nimm, was Dir die Rune bot,
Hungloff heißt er: Riesentod;
Der beim Mahle Dich erfreut,
Sich im Kampf als Waffe beut.

[150] Verwirrt über das alles, stand Atahulf schweigend da. Er nahm den Löffel, jetzt öffnete er den Mund zum Dank, und zur Frage um nähere Auskunft, da verlosch das Feuer, die Jungfrau verschwand, düstres Grauen herrschte rings um ihn, nur Unkoos blitzende Augen, der jetzt voranzottelte, zeigten ihm den Ausgang der Höhle, nachdem er sich, da er in der Finsterniß überall anstieß, an den zackigen Felsen bald den harten Schädel eingestoßen hatte. Das bärenhafte Gnomenwesen tappte immer fort, kein Stern, kein Mondlicht erhellte die finstre cimmerische Nacht, denn ewige Nebel deckten zur grauen Hünenzeit den undurchdringlichen Urwald; schweigend folgte Atahulf, vergebens sich bemühend, den Rückweg zur Höhle zu merken. Die tiefen Spuren im Schnee, die sein Riesenfuß zurückließ, verwehte bald der furchtbar einherbrausende Sturmwind. Kein Ende nahm der mühsame Pfad; dem Riesen schien es, als führe sein gespenstiger Führer ihn im Zickzack herum, um ihn zu äffen, bis der Morgen anbrechen würde; er entbrannte im Zorn, ging mit weitaushohlendem Schritt ihm nach, und schwang, als er ihn erreichen zu können [151] glaubte, hoch über ihn den Löffel, um ihn in unsinniger Uebereilung, zum gewaltigen Todesstreich auf Unkoo niederfallen zu lassen, da sprang, ohne sich umzusehen, der Unhold pfeilschnell in die Büsche, und grunzte vernehmlich:

Hungliff heißt er: Riesentod,
Der Dich, Neidhardt, selbst bedroht!

Atahulf hieb wild in die Büsche, sie brachen zusammen unter seinen gewaltigen Streichen; Unkoo war verschwunden.

Er stand vor der Thür seines Pallastes.


Lange schon liebte Ingomar, der Sohn des Riesen und mächtigen Zauberers Frotho, heimlich Atahulfs schöne Tochter Egil, aber die Väter, Nachbarn zwar, haßten sich schon lange, und nimmer durfte der liebende Ingomar seiner sehnlichen Wünsche Erfüllung hoffen.

Schön war der Hünensohn, wie Tyr, Odins Erzeugter, der unerschrocken dem Feind begegnet, und das Feuer rasender Schlachten entzündet, [152] kräftig und blühend, wie Uller, des Donnergottes Sohn; ihm hatte Wale selbst den Bogen spannen gelehrt; mit leichter Mühe schleuderte er ein centnerschweres Felßstück von der Höhe, wo sein Vater wohnte, auf den Nachbarberg, wo Atahulfs Krystallburg stand, die in ihrem Schooß sein liebstes barg. – Während sein Vater tief unten in den Höhlen finstern Zauberwerken oblag, und der Natur tiefste Geheimnisse zu schädlichen Zwecken zu erforschen strebte, durchstrich er rastlos Wald und Flur, und manchen riesigen Eber, manchen grimmigen Bär erlegte seine tapfere Hand, oft auch erreichte sein Pfeil den stattlichen Aar, der auf dem höchsten Felsengipfel horstete.

Zwischen den beiden Nachbarbergen sprang eine Quelle, hellsprudelnd wie der Mimerborn, am Fuße der Esche Ygdrasil, die ihre Zweige breitete durch die ganze Welt; oft kam Egil zu der von heiligen Eichen umschatteten Quelle, und rastete auf üppig grünendem, schwellenden Moose in den heiligen Schatten. – Mit Wohlgefallen blickte sie in die krystallene Fläche, wo sich ungestört, ungetrübt, ihr wunderliebliches Bild abspiegelte.

[153] Oft schlich auch Ingomar zu der einsamen Quelle, um die liebliche Egil zu sehen, aber sie anzureden wagte er nicht, nur aus dem Gebüsche, hinter welches er sich zu verstecken pflegte, warf er reine Blicke auf die reine Jungfrau. Einst stand Egil zur gewohnten Stunde unter den heiligen Eichen, ihr blühendes Gesicht in die kleine Hand gestützt, und blickte nachdenkend in die helle Wasserfläche, da gewahrte sie, nahe der Eiche, unter welcher sie stand, in dem reinen Krystall, nicht ferne von ihr ein Bild, das in starken Zügen bald hervortrat, bald von dem bewegten Erlengebüsch überdeckt wurde. Jungfräulich verschämt blickte sie umher, und erschrocken, weil sie sich allein an dem Orte wähnte, und eine hohe Jünglingsgestalt, im goldnen Lockenhaar, trat ihr entgegen. Sie wollte fliehen, aber der Jüngling bat so süß, seine Stimme war so wohllautend, wie sie noch nie gehört hatte, er war so schön, und sein treues, blaues Auge sprach mehr noch, als sein Mund, seine Gefühle aus. Unsichtbar schwebte Siöna über ihnen, und weckte der ersten Jugendliebe wonnigliche Empfindungen in des Mädchens reinen Busen, in welchem Gesione, der Keuschheit züchtige [154] Göttin ihren Thron behauptet, und welchen Snotra mit der Sittsamkeit und Unschuld Rosen-Schleyer verhüllt hatte. Schüchtern stammelte Ingomar seine Liebe, wie er sie oft belauscht, oft an ihrem Anblick sich geweidet habe, und wie ihr schönes Bild sich tief in sein Herz eingeprägt hätte.

Egil hatte noch nie geliebt, hatte noch nie einen solchen Jüngling gesehen, wohl aber hatte eine heimliche Sehnsucht ihrer sich immer bemächtigt, wenn sie im Sommer den Murmeln des Quells lauschte, und der Hain vom Gesange der Vögel ertönte, und die Blumen freudig rings um erblühten; dann wünschte sie wohl, jemanden zu haben, dem sie traulich sich nahen könnte, denn sie hatte keine Freundin, kannte nur ihrer Mutter herrisches Walten im häuslichen Kreise, und ihres Vaters wilden, wüsten Sinn, und die Gefährten, die ihn zuweilen heimsuchten, waren ganz wie er selbst, roh und finster; darum mußte ihr der schöne, freundliche Jüngling gefallen; doch trat sie zaghaft zurück, und wollte nach Hause eilen, aber Ingomar, im Gluthfeuer der ersten Liebe, hielt sie fest umfangen, [155] und ließ sie nicht eher, bis sie gelobt hatte, bald wieder zu kehren, bis er die süßesten Küsse, als Pfänder unwandelbarer Liebe, empfangen hatte.

Oefter ging nun Egil nach dem Brunnen, wo der Geliebte ihrer schon harrte. Da saßen sie, und hielten einander umschlungen, und lauschten den Sängern des Haines, und freuten sich der duftenden Blumen; was sie sprachen, erzählt die Sage nicht, aber lieber und lieber wurde dem Jüngling die herrliche Jungfrau, lieber und lieber gewann auch Egil den kräftigen Ingomar.

Einst hatten sie auch der reinen Liebe selige Stunden in stiller Einsamkeit gefeiert, und Walhallas Wonnen hienieden schon in treuer Gegenliebe gefunden, entdeckt hatte endlich Ingomar der Geliebten, daß er ein Sohn sey, des Todfeindes ihres Vaters, und besprochen hatten sie, alles zu versuchen, der Väter feindselige Gesinnung zu mildern, und wenn dies unmöglich wäre, in eine entfernte Gegend zu entfliehen, wo sie des ungestörten Glückes ihrer Liebe sich [156] furchtlos erfreuen könnten; jetzt brachen sie auf und Ingomar begleitete sie bis an den Fuß des Berges. Sie waren herausgetreten aus dem verbergenden Gebüsch, sie hatten im langen Abschiedskuß sich unwandelbare Liebe gelobt, noch zögerte Ingomar in die Büsche zurückzutreten, da sauste ein ungeheures Felsstück nieder, und mit zerschmettertem, blutenden Haupte, sank der schöne, blühende Ingomar lautlos zu der erstarrenden Egil Füßen hin; zugleich ertönte ihres Vaters fürchterlicher Ruf, der sich an den Bergen, wie rollender Donner brach. – Gesehen hatte der Wilde vom Gipfel seines Berges, wie ein Jüngling seine Tochter umfaßte, und kaum erkannte sein Adlerblick in diesem den Sohn des feindlichen Nachbars, als er, entrüstet über den Frevler, von welchen er seine Tochter überfallen glaubte, aus kräftiger, sicherer Faust nach des Jünglings Haupte den tödtlichen Stein schleuderte. – Er stürzte herbey, und riß mit roher Gewalt die zitternde Egil mit sich fort in seine Wohnung.

Unheilbrütend saß Frotho, Ingomars Vater, in seinen Zauberkammern, die er tief im [157] Schooße der Erde, unter seiner Wohnung sich gewölbt hatte, glühende Kohlen sprühten mit hellen Knistern um ihn herum, er spitzte, und schärfte ein Werkzeug seiner Erfindung, ein metallenes Schwerdt; denn noch kannten die Riesen nur die mächtige Keule, und den fernhintreffenden Bogen, und die Streitaxt von Stein. Da drang Atahulfs Zorngebrüll bis in die Tiefe hinab zu ihm, dem des Feindes Stimme wohl bekannt war; er stieg empor, und schaute von seines Hauses höchstem Gipfel nach dem Sitz des Feindes hinüber, sein finsterer Blick senkte sich tiefer, und fiel – auf seines einzigen Sohnes blutige Leiche. Furchtbare Wuth folgte dem ersten, schrecklichen Augenblick des Entsetzens, er ahnete schnell den Thäter, raste hinab zum Quell, und hin wo der geliebte Todte lag, und trug ihn in sein Haus, alles, was er vermochte, anwendend, den Erschlagenen wieder ins blühende Leben zurückzurufen, da aber fruchtlos alles blieb, überließ er sich ganz dem ungeheuern Schmerz, und schwur Rache, glühende Rache dem Todfeind, dem Mörder seines Sohnes, bei Hela, der Tochter Loke’s, des Argen, die eine Schwester ist der Schlange [158] Jormungandur, welche den ganzen Erdkreis umringelt. In Helas Wohnung, im düstern Niflheim, wohnt der Schmerz, die Noth, die Reue und alle Plagen des Menschengeschlechts, und sie herrscht über alle. –


Sorgenlos lag Atahulf in seinem Haus von schimmernden Kalkstein, sein Auge ruhte mit Wohlgefallen auf Egil, die durch die stille Trauer um den Geliebten nur noch schöner ihm erschien; er ließ sich das Mahl wohlschmecken, das Tuck, sein treues Weib ihm bereitet hatte; er fürchtete nicht, daß Frotho schnell des Sohnes Tod entdecken, und ihn für den Mörder halten würde; auch wich er nicht dem Gegner an Kraft und Körpergröße, nur des Zauberers übernatürlicher Gewalt mußte er weichen, darum vermied er auch weislich jedes Zusammentreffen mit demselben. Jetzt hatte er sich ruhig an einen kolossalen Steintrog gelagert, Egil und Tuck neben ihn, und sich des schweren Steingeschenks der jungfräulichen Trute als heutigen Potagenlöffel bedienend, löffelte er munter den Trog voll Auerochsen-Fleischbrühe aus, seiner [159] großen Heldenthat, die seiner armen Tochter das Herz brach, sich freuend. – Da zitterte der Boden unter ihren Füßen, und stärker und immer stärker, und die Schädel erschlagener Feinde, die an den Wänden hingen, zitterten mit, und fielen herab, und rollten umher im Gemach; krachend stürzten des Hauses Thore zusammen, mächtige Streiche durchsausten die Luft, wie wenn Niord, der Stürme Gott, auf brausenden Fittigen einherzieht, daß des Himmels Grundfesten erschüttern – und in Atahulfs Ohr drang seiner Diener Todesgeschrey; auf sprang er vom Mahle, in diesem Augenblicke fiel vom mächtigen Fußtritt in einander brechend, des Gemaches Steinthüre zusammen, und hin vor Atahulf trat, im funkelnden Auge des Zornes und der Rache Wuthblick, der entsetzliche Frotho in seiner furchtbaren Zauberrüstung; des Hauptes eherne Bedeckung umzingelten drei in einander geschlungene Schlangen, die ihrer Zungen giftige Pfeile dem Gegner entgegen streckten, der einen Augenblick lautlos stand, indeß schon des wüthenden Frotho blitzendes Schwerdt sich tief in Tucks Alabasterbrust senkte, daß sie stöhnend niedersank; da [160] hob mit beiden kräftigen Armen Atahulf den gewichtigen Löffel hoch in die Höhe, zum zermalmenden Todesschlag, aber gräßlich lachend hielt der rächende Zauberer ihm den ungeheuern Schild entgegen, und das bärenhafte Ungethüm aus der Runenhöhle schoß aus dem Schilde seiner Augen flammende Blitze gegen ihn, und krächzte, wie damals:

Hungliff heißt er: Riesentod –

aber Atahulf wartete des Spruches Ende nicht ab, der Löffel entsank seinen Händen, eilend floh er durch eine Seitenthüre hinaus. Frotho ergriff den entfallenen Hungliff. ließ bei der blutenden Mutter die weinende Egil, welche neben jener auf die Knie gesunken war, und stürmte dem Fliehenden nach, der indeß Schild und Keule ergriffen hatte, um den Verfolger im offenen Kampfe zu begegnen. Doch ehe noch der Fliehende sich wandte, fuhr ihm des Löffels Centnergewicht ins Genick, daß er lautbrüllend niederstürzte; alle Adler und Geyer, die in den rauhen Felsen horsteten, flogen erschreckt, mit wildem Geschrey aus ihren Nestern, und sein Fall erschütterte die Erde meilenweit; stromweis [161] ergoß sich das Blut aus dem aufgesperrten Riesenrachen, und färbte die Erde des Berges roth, und sie ist es noch bis auf den heutigen Tag.

Der rasende Frotho aber stürzte zurück in des Gemordeten Wohnung, wo Tuck in Todeszuckungen lag, daß die Kalkfelsen bebten, gab ihr mit mächtigen Streichen den Todesstoß, und riß die zagende Egil hinweg vom Leichnam der Mutter, zerstörte dann des Riesen ganzes Haus, und warf einen Theil des Berges über die Trümmer und die Leichen. An der Stelle aber, wo sein Sohn ohnweit der Qulle [Korrektur: Quelle] gefallen war, stieß er den Löffel tief in die Erde zum ewigen Denkmal, schleuderte dann, von der Höhe seines Berges die unglückliche Riesentochter weit durch die Lüfte in die Fluthen eines kleinen Sees, welche schäumend der Ufer Fesseln durchbrachen, und weit umher das Gefilde überschwemmten. Er begrub nun, nach gestilltem Rachedurst, den gerächten Ingomar an der Stelle, wo er gefallen war, und starb bald darauf vor Gram, und Hela begrüßte ihn im finstern Niflheim. –

Die Seelen der beiden Liebenden aber, [162] führte Freya, der zarten Liebe wunderholde Göttin, in die Gefilde des Lichts, über die siebenfarbige Brücke Bifrost, nach Asgard, wo der seligen Götter Wohnung ist. Schimmernder Lichtschein und blühender Frühling umgeben die liebliche Göttin; Nossa und Gersemi, ihre mit Anmuth und Liebeszauber geschmückten Töchter, begleiteten sie; die goldgelockte Fylla, ihre Vertraute, und Hlyn, der Freundschaft sanfte Göttin, ihre Dienerin, folgten ihr; vor ihr her aber, auf den goldnen Sonnenstrahlen ihrer unendlichen Schönheit, Huld und Milde, flog Gna, ihre Botschafterin, der Göttinnen Ankunft in Asgard zu verkünden. Vorüber an Wallhallas blutigen Kriegermahlen schwebten die Himmlischen in den Pallast der Freundschaft und Liebe; Wingolf, und die wiedervereinten Liebenden waren glücklich im Gladheim Saal, wo die Freude thront, und ruhten oft im Haine Glasoor unter goldnen Bäumen, auf schwellenden Ruhebetten, des ungestörten Genusses ihrer jetzt unsterblichen Liebe sich freuend.

Swinda, die Rune in der dunkeln Waldhöhle, war eine Schwester des Zauberers [163] Frotho, gewesen; Zauberin wie er, war ihr noch die Gabe, der Zukunft Geheimnisse in ihren Zauberkessel sehen zu lassen, und einverstanden mit dem finstern Bruder, war sie ihm behülflich zu Atahulfs Untergang, als aber der Riese gefallen war, und Frotho gestorben, und nach und nach das Geschlecht der Riesen unterging, da versenkte sie den Zauberkessel in die Tiefe der Quelle, verschloß sich in ihre Höhle und ward nicht mehr gesehen. Der Kessel aber soll in spätern Zeiten zuweilen auf der Oberfläche des Wassers, mit glänzendem Metall gefüllt, sichtbar geworden seyn, aber auch schnell wieder in die Tiefe hinabgesunken seyn, wenn irgend Jemand die Hand darnach ausgestreckt hätte.

Die dunkle Sage ist längst verhallt, aber ohnweit einer gesunden, kühlenden Quelle, welche der Kesselbrunnen genannt wird, steht noch der hohe Stein, von Alt und Jung im Volke der Riesenlöffel genannt. Wer durch das schöne Thüringen eine Reise macht und ihn schauen will, gehe über Arnstadt, nordwestlich auf den Weg, welcher nach Gotha führt, da [164] sieht er auf einer hügelartigen Erhöhung den Stein, links nach Westen sieht der Beschauer den Kalgberg, wo Atahulf unter den Steinmassen begraben liegt; rechts liegt der Arnsberg, sonst Arenberg, als noch in Deutschlands dichten Waldungen und unersteiglichen Felsenklippen die Adler heimisch waren; keine Spur ehemaligen Bewohntseyns ist auf diesen Bergen zu finden, doch liegt noch hinter dem Arnsberg ein kleiner Weiher, und eine Wiese, und die, rings sie umgebenden alten Weiden bezeugen, daß hier einst Wasser rauschte, wo jetzt nur leise säußelndes Schilfrohr um Westwind flistert; dieß war der kleine See, in welchen Frotho die unglückliche Egil schleuderte und noch jetzt heißt der Ort der Egil- oder Egel-See.

Sollte nicht, auch die, über dem steinernen Bogen, im Innern des Haupteinganges der Lieben Frauen-Kirche in Arnstadt, angebrachte, mächtig große Ribbe, die der Volksglaube für die Ribbe eines Riesens hält,[1] das Daseyn [165] eines stärkern Geschlechts, einer in Dunkelheit gehüllten Vorwelt bezeugen? – Wenn dieß auch nicht der Fall ist, so giebt sich doch gerne die schöpferische Phantasie solchen kindlichen Träumen hin, und ergötzt sich an den bunten Frescogemälden einer lieblichen Mährchen- und Feenwelt, die bald schauererregend, finster und grausig, bald hell und anmuthig, freundlich und blühend, den Bildern einer magischen Laterne gleich, im ergötzlichen Wechsel vorüberziehen.


  1. Siehe des Herrn Hofrath von Hellbach gelehrtes und gründliches Werk: Nachricht von der sehr alten Lieben Frauen-Kirche etc. etc.: zu Arnstadt. Seite 26.