Die Böhlershöhle

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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Die Böhlershöhle
Untertitel:
aus: Thüringische Volksmährchen, S. 117–143
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1823
Verlag: Carl Fleck und Comp.
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Erscheinungsort: Sondershausen
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[117]
Die Böhlershöhle.
Volksmährchen.

Dürftig lebte um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts der Schuhmacher, Meister Jonas, in Arnstadt in Thüringen. Von seiner Geburt an hatte ihn ein ungünstiges Geschick bis in das reifere Alter verfolgt; früh der Eltern beraubt, die ihm nichts hinterlassen hatten, war er als Schuster-Geselle in die Fremde gegangen, hatte in Nürnberg, Augsburg, Frankfurt und andern großen und freyen Reichsstädten in Arbeit gestanden; doch, da er sich immer zurücksehnte nach seiner Vaterstadt, so ergriff er, mit dem was er erspart, den Wanderstab, und [118] pilgerte der Heimath zu. Bald war ein kleines Häuschen gekauft, die Meisterschaft erlangt, Werkzeug angeschafft, und nun sah sich Meister Jonas nach einem tugendhaften Mädchen um, und fand in der Tochter seines Pathen, der tugendsamen Jungfrau Elise Barbara Schildeknerin, was er suchte. Das Mädchen war fromm und sittsam, arbeitsam und gut, aber auch sie war nicht mit äußern Glücksgütern gesegnet, und brachte dem jungen Anfänger gar wenig mit; beyde hofften jedoch durch ihrer Hände Fleiß sich ehrlich und redlich ernähren, und die Kinder, die ihnen Gott schenken würde, zur Gottesfurcht und zu einem tugendhaften Leben erziehen zu können. Durch den Ankauf des Häuschens, die Hochzeit, die Einrichtung der neuen Wirthschaft, schmolzen des Meister Jonas Sparpfennige gar sehr zusammen, doch er ließ den Muth nicht sinken, arbeitete unverdrossen, und sein Lieschen stand ihm treulich bei; mit kunstfertiger Hand nähte sie Schuhe für Frauen, während ihr Mann die gröbere Arbeit fertigte; bald sollte noch ein schöneres Familienglück sie erfreuen, ämsiger arbeitete Meister Jonas, und bat oft sein holdes Weibchen, sich zu schonen, [119] doch ihre freundlichen Blicke scherzten seine Besorgnisse hinweg. Elise wurde Mutter, ein zarter Knabe, ganz der Mutter Ebenbild, lachte von ihrem Schooß den Vater an. Schneller ging die Arbeit von statten, wenn der rosenwangige Kleine zu der Eltern Füßen saß, und mit alten Stiefeln und Pantoffeln spielte. So schwand ein Jahr ruhig hin; Ueberfluß war zwar nie in das kleine Haus gekommen, aber Liebe und Gesundheit hatten die Bewohner nicht verlassen, Zufriedenheit und froher Sinn oft das kärgliche Mahl gewürzt. Ein zweites Kind, ein Mädchen, hatte den kleinen Familienkreis und die Freuden des Ehepaars vermehrt; da kam ein bösartiges Fieber unter die Kinder der Stadt; es ergriff auch die Kleinen des Meister Jonas, und raffte schnell das Mädchen hinweg. Vier Wochen beteten am Krankenlager des Knaben die bekümmerten Eltern, denen schon der Tod des ersten Kindes das Herz gebrochen hatte; doch vergebens war ihr Flehen, des Todtes Engel führte den Knaben zum Himmel empor, wo das Schwesterseelchen, auf Rosenwölkchen schwebend, ihm entgegen kam. Sanfte Blässe überzog des Knaben Gesicht, sein [120] Auge war geschlossen, wie zum Schlummer, und wie von einem schönen Traum umgaukelt, lächelte er noch im Tode; jetzt strich der besorgten Mutter Hand über die kleine Wange; sie war todtenkalt. Da fiel mit lautem Angstruf die Arme ohnmächtig nieder neben dem Lager des entseelten Lieblings. –

Kaum waren acht Tage verflossen, nach des Kindes Begräbniß; stumm saßen die unglücklichen Eltern spät am Abend in dem einsamen Stübchen, draußen heulte der Sturm und zog pfeifend durch die Fensterritzen, daß die Flamme der Lampe unstät hin und her flatterte, und seltsame Schatten sich an der Wand zu bewegen schienen. Müde von der Arbeit, waren Frau Elisens Hände in den Schooß gesunken und ihre Augen schlossen sich allmählig, da legte Meister Jonas die Arbeit bei Seite, langte vom Kannrück die Bibel herunter und rückte den mit künstlichen Schnitzwerk gezierten, lederbepolsterten Großvaterstuhl sich näher zum Tisch; immer wilder raßte[D 1] draußen der Sturm, und klapperte an den Laden, und warf Ziegeln von den Dächern; da zog Meister Jonas das [121] schwarzlederne Mützchen vom Haupte, faltete die Hände und las aus der aufgeschlagenen Bibel andächtig die Verse des 90sten Psalms:

„Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden, und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit.

„Der du die Menschen lässest sterben, und sprichst: Kommt wieder Menschenkinder. Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. –

„Du lässest sie dahin fahren wie einen Strom, und sind wie ein Schlaf, gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird.“ „Das da „frühe blühet, und bald welk wird, und –“– „„Feuer!““ Feuer! tönte es angstvoll über die Straße,“ Feuer! Feuer! rief es wieder, Menschen liefen über die Gassen, Trommeln rasselten und die Glocken heulten mit dem Sturm in die Wette den grausigen Weheruf; entsetzt stieß Mstr. Jonas den Laden auf, da fiel des Himmels blutrother Schein in das kleine Stübchen.

[122] Ach Herr Jesus! klagte Frau Jonas mit gerungenen Händen und wankte zitternd umher, da hob sich die Flamme über die Nachbarhäuser empor, und leckte gierig an den Dächern und zündete die dürren Giebel, und wuchs unermeßlich, vom Sturmwind bald über zwey, drey Straßen hinweg gepeitscht, bald wieder zum Himmel auflodernd; jetzt krachte es dumpf, und ein lautes Geschrey von vermischten Menschenstimmen wurde gehört, ein ausgebranntes Haus war zusammengebrochen, und hatte einige Arbeiter erschlagen. Schon brannten 5 Häuser, und die Flammen schlugen herüber auf das kleine Haus, Frau Jonas packte die wenigen Betten in ein Leilach, einige Freunde, die zur Hülfe herbey geeilt waren, trugen die eichene Lade, in welcher des Ehepaars Sonntagskleider lagen, aus dem Hause, Meister Jonas nahm die Bibel und führte seine Frau durch das ungeheure Gedränge fort, jetzt brach das zweyte und dritte Haus krachend zusammen, und das Häuschen des Meister Jonas brannte bald lichterloh.

Ein Vetter der Frau Elise nahm aus [123] Barmherzigkeit die Geflüchteten in seine Wohnung, und räumte ihnen eine Stube ein. –

Frau Elise Jonas war 22 Jahre alt und blühte noch in voller Schönheit, welche denn auch verursachte, daß der barmherzige Vetter, welcher schon eine Frau zu Tode gequält hatte, eine zärtliche Neigung zu ihr faßte, welche er durch eine überaus große Freundlichkeit an den Tag legte, und dem jungen Weibchen nicht undeutlich merken ließ, was er im Schilde führte. Meister Jonas war ihm ein Dorn im Auge, dieser sah sich gezwungen, bey andern Meistern um Lohn zu arbeiten, und kam blos Mittags und Abends nach Hause. Wenn er nun da war, so schnitt Vetter Jost, seines Handwerks eine Leinweber, grimmige Gesichter, brummte über dieß und jenes, und schmiß die Thüre zu, daß es krachte. Frau Eliese durchschaute ihn bald, verschwieg es aber ihrem Manne, um ihn nicht zu bekümmern. Tag für Tag, wenn Jonas abwesend war, marterte der Vetter das treue Weib mit zudringlichen unverschämten Reden, und wenn sie drohte, es ihrem Manne zu entdecken, [124] drohte er, sie aus dem Hause zu weisen, da könnten sie, meinte er, auf der Gasse schlafen. Einmal vergaß er sich so, daß er zu Tätlichkeiten schritt, und sie herumreißen wollte, aber es bekam ihm schlecht, Frau Elise ballte die kleine, niedliche Faust, und gab ihm einen so derben Schlag ins Gesicht, daß Mund und Nase bluteten, und er eilig von ihr abließ. Er that als nähme er es für Scherz, schwur ihr aber Rache in seinem Herzen. Schon damals gab es Leute, denen man das, was man bekannt machen wollte, nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertrauen durfte, wenn auch nicht so häufig, wie jetzt. Gegen solche rühmte er sich heimlicher Gunstbezeugungen der jungen Frau, aber er beschwor sie, nichts davon laut werden zu lassen.

Ehe drey Tage ins Land gingen, trug schon ein Freund die nagelneue Mähr zu Meister Jonas, und die Weiber und Mägde brachen an dem Brunnen, über die unschuldige Frau, den Stab. Mehr fehlte nicht, um die halbverwelkte Blume der Liebesfreuden des armen Schuhmachers auf einmal zu knicken. Seine Kinder [125] todt, sein Häuschen abgebrannt, ohne Geld, ohne Aussicht auf beßre Tage, und die treugeliebte Hausfrau untreu, konnte ein härterer Schlag des Schicksals ihn treffen? Mit schadenfrohem tückischen Lächeln empfing ihn, als er Abends spät nach Hause kam, der Vetter, mit schuldlos heitern Blicken Lieschen, aber er begrüßte sie kaum, und doch stiegen Zweifel in seiner Seele auf, als er in die klaren blauen Augen ihr gesehen hatte. Er ging mißmuthig, ungewiß, was er thun sollte, zu Bette. Da träumte ihn, er ging spazieren, und fiel von einem hohen Felsen hinab, aber ein wunderschöner Knabe hielt ihn auf und führte ihn weit fort auf eine Wiese, und der Knabe setzte sich ins Gras und spielte, und er mußte mit spielen. Der Knabe hatte viele Goldstücke, die warf er ins Gras, und Jonas mußte sie suchen, und was er fand, war sein. Auf einmal war Frau Elise auch dabey und spielte mit dem Knaben, da fuhr eine große Schlange aus dem Grase und umringelte die Frau und stach nach ihrem Herzen, aber der Knabe schlug mit einer goldenen Ruthe die Schlange, da fiel sie todt nieder. Meister Jonas erschrak und wie die [126] Schlange todt hinfiel, wachte er auf. Es war noch finstere Nacht, er schlief wieder ein, und so fest, daß am andern Morgen, es war ein Sonntag, sein Weibchen lange an ihm rütteln mußte, bis er sich ermunterte. Er dachte nicht mehr an seinen Traum.

Jetzt kam der Vetter, und kündigte mit erzwungener mitleidiger Miene dem Ehepaare an, daß es ausziehen sollte, auch fehlte es ihm nicht an nichtigen Vorwänden, warum er solches thue. Da standen die beiden Unglücklichen und sahen einander an; Elise mit dem Blick der Wehmuth und Angst, denn sie hatten nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten, Jonas mit stillem Ingrimm biß die Zähne zusammen, nahm den Hut, sagte kein Wort, und ging.

Der Tag war heiter und schön. Meister Jonas ging in das anmuthige Thal, wo auf allen Seiten sich Weinreben um die Pfähle rankten. Er ging sinnend fort, tausend Gedanken durchkreuzten sich; bald stand er auf einem hohen Felsen, der senkrecht abgeschnitten in eine schaudervolle Tiefe blicken ließ. Noch ein Schritt [127] und Jonas lag zerschmettert im Thale. Da trat unsichtbar der Versucher zu ihm, und flüsterte: Was zauderst Du? mach Deiner Noth ein Ende, Gott hat Dich doch verlassen; und die bessere Stimme im Innern sprach dagegen: Soll ich freventlich mein Leben endigen, und mein Weib in des Verführers Händen lassen? – und wieder sprach der Versucher: Dein Weib wird sich zu trösten wissen, oder willst Du als Bettler von Land zu Lande ziehn, und fremde Kinder ernähren obendrein? Da überwältigte die Stimme des Bösen das beßre Gefühl.

Vergieb mir o Gott! meine Missethat und nimm Dich meines Weibes an! so betete Meister Jonas, trat vor den schrecklichen Abgrund, schloß die Augen und – lag in demselben Augenblick, von kräftiger Hand zurückgerissen, unsanft am Boden. Zugleich fühlte er auf seinem Backen eine derbe Schelle; da raffte er sich empor, zürnend sich nach dem Schellenspender umsehend, aber er war doch froh in seinem Herzen, daß er noch oben auf dem Berge war. Da stand ein kleines Männchen auf der Felsklippe [128] über ihn, in sonderbarer ungewöhnlicher Tracht, das wollte sich todt lachen. Jetzt dachte Meister Jonas an seinen Traum.

Wer bist Du? fragte er mit halber Stimme das Männchen, denn ein Schauer von Furcht rieselte ihm über den ganzen Körper.

Jener konnte vor Lachen nicht zur Antwort kommen. Mit einem Satz war er von der hohen Klippe herab, und stand neben dem Erstaunten, drehte sich lachend im Kreise herum und sprach: Komm mit mir, wir wollen spazieren gehen. Dann fragte er, warum er sich hätte den Fels hinabstürzen wollen, und schnitt dabey lauter lächerliche Gesichter. Meister Jonas, der sich wieder etwas ermuthigt hatte, erzählte dem Männchen sein ganzes Herzeleid. „Du bist ein Narr,“ sagte der Kleine, als jener seine Jammergeschichte geendigt hatte, und weiter sagte er nichts, sondern humpelte immer voran.

Jetzt faßte ihn Jonas genauer ins Auge; es war ein kleiner Kerl, seine Füße waren von [129] ungewöhnlicher Plumpheit gegen den Körper, und seine Beine glichen den halbmondförmigen Türkensäbeln; er hatte einen schwarzen Rock an, mit Tellerknöpfen, ging im bloßen Hals und hatte Augen, wie ein Paar Brillengläser; die Farbe seines Haares näherte sich dem Mäusefahlen, und auf dem Haupt trug er ein schwarzes spitziges Mützchen. Noch nie war Meister Jonas ein solches Männlein vorgekommen; er faßte sich ein Herz, zupfte den Kleinen am Rockschoß und fragte, als dieser sich rasch umdrehte, und seine starren Blicke auf ihn heftete: Wie heißt Du? da warf sich der Kleine in die Brust, trat auf die Zehen, und sprach: Ich heiße Hügelpatsch, was kümmerts Dich? und als er ihn so mit durchdringlichen Blicken ansah, ward es Meister Jonas ganz unheimlich zu Muthe, und er schwieg nun ganz stille. Immer öder und einsamer wurde der Pfad, kahle Berge auf beiden Seiten; die Mittagssonne brannte glühend heiß. Allmählig fing Meister Jonas an, es zu bereuen, daß er dem sonderbaren Führer gefolgt war. Jetzt stand dieser stille, pfiff, und aus dem verdorrten Gras unter einer Schleendornhecke sprangen drei grüne [130] Eidechsen und liefen an ihn hinauf, er nahm sie, brummelte einige Worte vor sich hin, und ließ sie dann laufen. Jetzt ging der Weg aus dem Thale in die Höhe, einen steilen Berg hinauf, daß Meister Jonas kaum nachklimmen konnte; als man oben war, ging es wieder seitwärts bergein, mit beständiger Gefahr, den Hals zu brechen; aber immer schneller ging der kleine Kauz, endlich hielt er stille. Als Meister Jonas nachgekeucht kam und ihn erreicht hatte, stand er vor einem Loch, welches in den Felsen hineinführte. „Hier wohne ich,“ sprach Herr Hügelpatsch, gehe mit mir hinein, und wie der Blitz fuhr er durch die schmale Oeffnung.

Meister Jonas folgte mit Zittern und Zagen; er mußte eine Strecke auf dem Bauche fortkriechen, endlich erweiterte sich die Höhle, man konnte aufrecht stehen, und des Zwerges Telleraugen schufen Licht in dem finstern Raum. Bald sind wir, sagte dieser, am Ziel unsrer Wanderung, und sie soll dich nicht gereuen. –

Dreimal klopfte der Zwerg an eine große Felsenspalte, diese schob sich zurück, Hügelpatsch [131] faßte den vor Angst stumm gewordenen Jonas bei der Hand, und führte ihn hindurch, und schnell schloß sich das enge Pförtchen wieder; Jonas hielt sich kaum aufrecht, denn nun war er ja abgeschnitten von der Welt, lebendig begraben; aber sein Führer leitete ihn sicher eine zahllose Menge Stufen hinunter, immer tiefer und tiefer.

Sanfte Dämmerung herrschte auf der weiten Ebene, die sie jetzt betraten; die Farbe des Himmels war nicht zu erkennen, grün und blau und grau in einander vermischt, keine Sonne schien, kein Mond. Ueppiges Moos bedeckte den Boden, von silberhellen Murmelbächen durchschnitten; tiefe Stille herrschte rings um, nur zuweilen klang es aus unsichtbarer Ferne wie Saitentöne; sehen konnte man nicht weit, silbergraue Nebelflöre hüllten alle Gegenstände in ein magisches Dämmerlicht.

Fürchte Dich nicht, sprach Hügelpatsch zum Jonas, Du bist im unterirdischen Reiche des Zwergenkönigs Bohelier, welcher der Gute genannt wird, und Dir soll kein Leid widerfahren. [132] Jetzt trat ein stattliches Gebäude aus dem Nebel hervor, dickköpfige Zwerge schlüpften an ihnen vorbey, und eine sanfte Musik ließ sich hören.

Sie traten ein in den Pallast; alles wich ehrerbietig zurück, wo Hügelpatsch mit dem Fremden sich zeigte. Welche Pracht herrschte in diesem Pallaste! aus metallnen Spiegeln bestanden die Wände und der Boden war bedeckt mit köstlichen Marmorplatten, in welche von bunten Edelsteinen mannichfaltige schöne Bilder eingelegt waren. Jetzt öffneten 2 Diener die Thüren eines hohen Saales; tausend und aber tausend Lichter strahlten von den schimmernden Kronleuchtern und den Spiegelwänden den Ankommenden entgegen; an einer Tafel in des Saales Mitte, saß mit seinem ganzen Hofstaat der König auf einem reichverzierten Alabasterstuhl, seine Gemahlin, eine kleine wunderliebliche Zwergin, neben ihm; beide trugen künstlich gearbeitete, mit Perlen und Diamanten geschmückte goldne Kronen, und in ihre Kleider war die feinste Stickerey gewebt. Neben der Linken des Königs war noch ein Platz leer, Hügelpatsch [133] neigte sich vor Bohelier dreimal tief, und setzte sich neben den König, und alle Herren und Damen des Zwergenhofes neigten sich vor dem ersten Minister des Königs, denn der war Hügelpatsch. Alle waren prächtig gekleidet; sie trugen schwarze Barets mit Silber gestickt, diamantne Agraffen und farbige Schwungfedern daran, kurze schwarze Röckchen nach der neuesten Mode jener Zeit und weite Pumphosen, feine genähte Handschuh von Rattenfellen, und kleine Halbstiefelchen von den Pelzen schwarzer Hamster. Vier und zwanzig Harfner saßen rund herum im hellen Saal, vier und zwanzig Diener trugen die Speisen auf und ab, und vier und zwanzig allerliebste Zwergenmädchen schenkten die kleinen Kristallbecher unaufhörlich wieder voll. Auch Meister Jonas mußte sich setzen; da ihn alle freundlich anlachten, verschwand seine Furcht, er trank wohlgemuth von dem köstlichen Wein. Jetzt winkte der König, da rauschten im harmonischen Einklang die vier- und zwanzig Harfen, und mit silberreinen Stimmen sangen die Harfner:

Tief im dunkeln Erdenschooße, wohnen wir im Dämmerlicht,

[134]

Schauen nicht die goldne Sonne, Luna’s sanften Schimmer nicht
Aber stiller Frieden weilet, wo kein Hader uns entzweyt;
Unterwelt ist immer ruhig, Oberwelt liegt stets im Streit.
Schön ists auf der hellen Erde, wo die bunten Blumen blühn,
Schön auch ist es in der Erde, wo die Erzkrystalle glühn.
Wenn der Geiz der Erdenbürger, Schätze in die Tiefe senkt,
Sind sie uns anheim gefallen, sind dem Zwergenvolk geschenkt.
Was sie suchen unermüdlich, in der Erde tiefem Schacht:
Edelsteine, Gold und Silber, alles wird von uns bewacht;
Doch den frommen Bergmann schaden wir mit Spuck und Tücke nie,
Nur den Böswicht zu bestrafen uns ein Gott die Macht verlieh.
Wer verfolgt vom Haß und Neide, flieht das menschliche Geschlecht,
Suche Schutz in unsrer Mitte, und wir schaffen ihm sein Recht.
Heil Bohelier, dem König! Freude werde ihm zu Theil.
Heil dem Guten! dem Gerechten! unserm großen König Heil.

Der Klang der Saiten verhallte, aber die feinen künstlichen Krystallbecher, die auf des [135] Königs Wohl angestoßen wurden, gaben ein noch melodischer Geläute, endlich ward es still. Da trat Hügelpatsch auf, verneigte sich dreimal sittiglich, und erzählte der aufhorchenden Versammlung des Meister Jonas ganze Schmerzensgeschichte; dieser stellte indeß Betrachtungen an über die Physiognomieen der kleinen Leutchen, und lachte im Stillen darüber, denn einer hatte kleine Augen, ein spitziges Näschen, das man hätte in eine Nähnadel einfädeln können, und einen ansehnlichen Verdruß auf der rechten Schulter; der andere hatte ein breites Gesicht, eine platte Nase, und die Unterlippe hing anderthalb Zoll unter der obern hervor; ein andrer hatte eine Nase, die bis auf die Lippen herabhing; alle hatten sie aber krumme Beine, und watschelten, wie die Enten.

Jetzt schwieg Hügelpatsch, und neigte sich vor dem König, und dieser rief: Spendemännchen! führe den armen Jonas in unsre Schatzkammer, gieb ihm 7 Goldstangen, 7 Silberbarren, 7 Diamanten und 7mal 7 Perlenreihen, – und der Großschatzmeister gehorchte. Wie staunte Jonas, als er eintrat in den königlichen [136] Schatz! Tausendfarbiger Glanz von hellgeschliffnen Brillanten, Rubinen, Saphyren, und allen Edelsteinen strahlte[D 2] ihm entgegen, und er konnte sich nicht satt sehen an all den kostbaren Gefäßen und Geräthschaften, die hier aufgehäuft standen. Wie ward ihm zu Muthe, als der Großschatzmeister Spendemännchen, ein kleiner freundlicher Zwerg, mit Silberlocken, ihn lächelnd mit den köstlichsten Edelsteinen, mit Gold und Silber die Taschen füllte, und dann wieder mit ihm eintrat in den Speisesaal. Bohelier, der gute König, erhob sich, winkte Jonas zu sich hinan, und sprach, als dieser sich auf ein Knie vor ihm niederließ: Du hast jetzt alles, was der Mensch sich wünschen kann. Du könntest ein Fürst seyn, willst Du aber meinem Rath folgen, so bleibe was Du bist, und ich werde immer Dein Freund bleiben. Stecke Dir ein Stück Feld ab, am Fuße dieser Berge, ich schenke es Dir, es soll reichliche Früchte tragen. Dein Weib ist Dir treu geblieben; es wartet auf Dich eine fröhliche Zukunft. Sage niemanden, wie Du zu dem Glück gekommen bist; bleibe ein braver Mann, und lebe wohl. Nimm noch zum Andenken meinen Mundbecher, [137] und denke an Bohelier, wenn Du daraus trinkest.

Da trat herzu Orselia, die liebliche Zwergenkönigin, und sprach: nimm diesen Ring, und bringe ihn Deiner Liebsten, und grüße sie von mir; wenn sie irgend Hülfe bedarf, soll sie ihn nur am Finger drehen; jetzt berührte Bohelier den glücklichen Jonas mit seinem Zepter, einer künstlichen Lilie, und er sank in einen liefen Schlaf.

Als er erwachte, befand er sich am Fuße des Felsens, wo er hatte hinabspringen wollen; die Glocken in der Stadt schlugen zwölfe, und er glaubte, er hatte geträumt, doch die Schwere seiner Taschen überzeugten ihm eines andern. Froh, mit erleichtertem Herzen, eilte er nach Hause, bezahlte dem staunenden Vetter den Miethzins, miethete schnell eine schöne Wohnung, und zog mit seiner treuen Elise aus. Er war nicht vorsichtig genug, sein Glück zu verbergen, und zog Neider in Menge auf sich. Am meisten suchte ihm der Vetter zu schaden, der die schändlichsten Gerüchte ausstreute, während [138] er mit kriechender Schmeichelei den reichen Schuhmacher täglich umgab, und mit erheuchelter Theilnahme nach der Quelle der Wohlhabenheit des Meister Jonas forschte. Um den Ueberlästigen los zu werden, entdeckte endlich dieser, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, einen Theil der Geschichte, und schon derselbe Abend fand den Meister Jost, der nicht länger hinter dem Webstuhle spuhlen, sondern ohne Mühe reich werden wollte, auf dem Wege nach dem Jungfernsprunge, so heißt nämlich der Felsen, wo Meister Jonas den gefälligen Hügelpatsch fand. Jost glaubte zwar, daß ihm niemand erscheinen würde, doch trieb es ihn unaufhaltsam hin. Er stand kaum oben, so wuchsen zwei unförmliche Gnomengestalten aus der Erde; er vor Schrecken todtenbleich, gewann kaum so viel Fassung, sich tief zu verneigen; die Unholde liebten jedoch die Complimente nicht; mit entsetzlichem Hohngelächter ergriffen sie den Sträubenden, und schleuderten ihn hinab in den Abgrund. Die Sinne vergingen ihm. Andre fingen ihn auf, und zerrten und rissen ihn aus seiner Ohnmacht wieder ins Leben zurück. Und nun ging es mit ihm über Stock [139] und Stein, über Dornen und Disteln das Thal entlang, den Berg hinauf zu der Felsenöffnung hin. Dort empfingen ihn wieder andre, immer ungestalteter und häßlicher, die legten ihm silberne Ketten an, und setzten ihm eine goldne Krone auf, deren Last ihn fast zu Boden drückte. Jetzt ging es wieder heraus, der Zwerge zahllos Heer folgte ihm mit ihrem König. Leise schwebten sie alle über den Boden hin. Jost hörte im weiten stillen Thale nichts als das helle Klirren seiner Ketten und seine eigenen Fußtritte; die Zwerge waren alle schwarz gekleidet, trugen kurze Schwerdter, und in der Hand trug jeder einen blühenden Stengel astloses Spinnenkraut[1] dessen silberweise Blumen im Mondenschein helle glänzten. Der Zug ging nach der Stadt zu; auf einem hohen Berg setzte sich Bohelier, der Gerechte, seine Diener zu beiden Seiten neben ihn, und bis in den Thalgrund, und so weit das Auge sah, wimmelte es von Zwergen.

Unterdeß ahnete Meister Jonas nichts Gutes; [140] er bat sein Weibchen, ohne Sorgen um ihn zu seyn, da er bald wiederkehren würde, und ging in das stille, von sanftem Mondenschein erhellte Thal. Wie staunte er, als er das ganze Zwergenvolk versammelt fand, und auf hohem Throne den König und den treulosen Vetter in Ketten. Er eilte hinauf. „Er ist des Todtes schuldig,“ sprach mit ernster Stimme ein Richter. „Stürzt ihn hinunter,“ ein zweiter, und geharnischte Zwerge traten herzu und ergriffen den Verzagenden; da stürzte Jonas zu des Königs Füßen hin, und flehte: Gnade! König, Gnade! und die Wolken des Zorns auf der Stirn des Königs zerstreuten sich; er lächelte mild und sprach: Weil Du für ihn bittest, der dich verderben wollte, so sey ihm verziehen; doch glaube nicht, fuhr er gegen den, neues Leben schöpfenden Jost fort, uns entgehen zu können, und wieder aufs neue Tücken zu ersinnen. Du hast Dich selbst in unsere Macht gegeben, wir finden dich überall, wir können Dich strafen überall. Der König schwieg, leise Harfentöne erklangen und sanfte Töne säuselten, vom Hauche des Abendzephyrs getragen:

[141]

Heil, Bohelier, dem König, Freude werde ihm zu Theil;
Heil dem Guten, dem Gerechten, unserm großen König Heil.

Und plötzlich waren König, Richter und Zwerge verschwunden; ein silberglänzender Nebelstreif schwamm durch das Thal, und verschwand endlich in der Ferne. Da fiel der Vetter Jost dem Meister Jonas weinend zu Füßen, und gestand ihm seine Uebelthaten, und dankte ihm für seines Lebens Rettung, und bat ihn flehentlich um Verzeihung, und gern verzieh ihm der Glückliche.

Als einige Tage später Jonas hinausging auf sein Feld, und dessen Lage besehen wollte, fand er es schon geackert und bestellt, aber keiner der gutmüthigen Zwerge ließ sich sehen.

Im glücklichsten Wohlstande lebte Meister Jonas hinfort mit seiner treuen Elise; nur einmal in Kindesnöthen, rief sie in stiller Nacht durch Umdrehung des Rings die freundliche Zwergin zu Hülfe, und diese stand ihr treulich bei, und sie genaß eines lieblichen Mädchens; [142] später erfreute sie den geliebten Mann nach und nach mit 6 Kindern, und alle wurden groß und glücklich. Oft saß Jonas im Kreise seiner Kinder und Enkel, und erzählte ihnen von den guten Zwergen, die ihn vom Untergange retteten, und dankbar tranken dann alle aus dem zierlichen Becher des guten Königs Gesundheit. Viele, die von der Geschichte hörten, gingen hinaus in das Thal, um ihr Glück zu machen, aber es ließ sich nichts sehen noch hören. Meister Jonas starb im 84sten Jahr, betrauert von vielen, geschätzt von allen seinen Mitbürgern; denn er war fromm und arbeitsam, wohlthätig und gefällig. Nach ihm heißt noch bis heute das schone Thal bei Arnstadt, das Jonasthal, und ein hoher Felsen in demselben, derselbe, wo Bohelier zu Gericht saß, der Königsstuhl, den Namen Bohelier, welcher durch die Geschichte des Meister Jonas bekannt geworden war, zog man später zusammen; so entstand erst Baelier, woraus dann später Boeler wurde, und das Bergloch hinten im Thale heißt noch das Böhlersloch oder die Böhlershöhle, aber die Felsenplatten schieben sich nicht mehr auseinander. –

[143] Alte Leute erzählen viel von den sogenannten Böhlersmännchen; manche wollen sie sogar im Mondenschein ackern gesehen haben, jetzt zeigt sich nichts mehr. Nur zuweilen begegnet es einem Bauern, wenn er zu lange vor dem Schönenbrunnen verweilt, und zu tief in das Weizenbierglas gesehen hat, daß er im Nachhausewandeln, wenn er an das kleine Hölzchen kömmt, welches dem Eingang in die Zwergenhöhle gegenüber liegt, sich von hinten ergriffen fühlt, und niederpurzelt, oder daß ein pfeifender Wind ihm die Dohle entführt, und er halbe Stundenlang hinter diese herlaufen muß, oder daß sich ihm eine Last aufhockt, welche er beinahe bis an das nächste Dorf Espenfeld, huckepack tragen muß. Schon manchen hat es dort hinten geneckt, irre geführt u. s. w. denn man ist in dem stillen Thale wie abgeschnitten von der Welt. Ob nun die drolligen Gnomen noch immer ihr Wesen treiben, oder ob sie sich einen andern Aufenthaltsort gewählt haben, da sie nicht mehr erscheinen, wollen wir an seinen Ort gestellt seyn lassen.


  1. Anthericum Liliago. Linn.

Anmerkungen (D)

  1. Druckfehlerberichtung Seite 166: raßte st. raste.
  2. Druckfehlerberichtung Seite 166: strahlte st. strahlten.