Die Gartenlaube (1876)/Heft 26

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 26.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Ein Grab.

Wir waren der Einladung einer befreundeten Familie gefolgt, den August auf ihrem in der Nähe eines schönen Bergsees gelegenen Gute zu verleben, dessen Weltabgeschiedenheit sich oft durch Gäste bevölkerte. Sonntags pflegten die Frauen des Hauses zum Gottesdienste nach dem nahe gelegenen Kirchdorfe zu fahren und nachher bei dem alten Pfarrer vorzusprechen, der zur Mittagstafel in das Schloß mit zurückfuhr. Seit langen Jahren war der Gutsherr an seine feiertägige Tarokpartie mit dem geistlichen Herrn gewöhnt.

Am zweiten Sonntage meines Dortseins wurde die Hausfrau durch das Eintreffen unverhoffter Gäste von der Kirchfahrt abgehalten. Der sonnige Morgen lockte zum Spaziergange; ich zog deshalb vor, den Weg zu Fuß zurückzulegen, und gelangte auf schattigem Waldpfade rascher an mein Ziel, als ich gedacht. Das Dorf lag auf einem durch schönen Laubwald begrenzten Hügel, von dessen Gipfel die Kirche niedergrüßte; der Friedhof, welcher sich in leichter Senkung um dieselbe herzog, gewährte eine herrliche Aussicht auf Thal, See und Gebirge und bot unter alten Linden einen schattigen Ruheplatz. Es war mir keineswegs unlieb, vor Beginn des Gottesdienstes etwas Zeit vor mir zu haben und nach genossener Ruhe zwischen den Gräbern umherstreifen zu können. Noch war es hier oben völlig einsam.

Kaum läßt sich Freundlicheres denken, als der Eindruck, welchen solch ein Dorfkirchhof im sonntäglichen, sommerlichen Schmucke bietet; in unseren Gebirgsthälern herrscht die liebliche Sitte, am letzten Abende der Woche alle Gräber mit frischen Kränzen zu bedecken – die ist Ehrensache und wird von Keinem versäumt. So grüßt am Sonntage die aufgehende Sonne schon all diese blühenden Zeichen der Liebe und des Gedenkens, und wer zwischen den geschmückten Gräbern wandelt, fühlt sich über den schmerzlichsten Eindruck eines Friedhofes fortgetäuscht: den des Vergessens. Wo nur die Natur ihre Gaben aus dem Staube Derer sprossen läßt, die gewesen, regt sich so leicht das Empfinden, wie bald Alles verschmerzt wird, selbst das tiefste Leid – Gras wächst darüber, sogar das Grab selbst wird heiter unter all dem Sprossen und Blühen. Dagegen weht aus solchem zu jedem neuen Feiertage neu gespendeten Blumengruße der Lebenden ein Hauch unvergänglicher Erinnerung, eine tröstende Poesie.

Nie habe ich einen Kirchhof gesehen, auf dem mehr Halme schwankten, mehr Rosen blühten, als jenen. Ueberall summten und schwirrten Käfer und beflügelte Insecten, überall wiegten sich bunte Schmetterlinge. Sonnenlicht auf allen Gräbern, nur zuweilen von leichten Schatten verdrängt, welche einige im Himmelsblau irrende Wolken niederfallen ließen. In feiernder Stimmung schlüpfte ich durch die schmalen, grasigen Pfade, las da und dort eine Inschrift oder betrachtete eines der naiv ersonnenen Denkzeichen; so gelangte ich auf den älteren, an die Rückseite der Kirche grenzenden Theil des Friedhofes, von wo man unmittelbar auf das Dorf niedersah, und sogleich fiel mir ein weißes Marmorkreuz in das Auge, welches sich blendend hervorhob. Ueberrascht trat ich näher.

Das Grab, an dessen Kopfende dieses durch tadellose Schönheit ausgezeichnete Kreuz emporragte, schien bereits Jahrzehnte zu zählen. Der eingesunkene Hügel war mit starkverzweigtem wucherndem Immergrün gleichsam überflochten. Eine große Trauerweide warf sanften Schatten darüber hin, zwischen dem die durchbrechende Sonne einzelne Lichtflocken wie Silber ausstreute. Ueber dem Schafte des Kreuzes, welches keine Inschrift trug, hing ein Epheukranz, dessen Blätter vom Nachtthau glänzten. Ein breites schwarzseidenes Band war fest um den Marmor geknüpft; ich hob eines der schlaff niederhängenden Enden und sah Worte in englischer Sprache darauf eingestickt; bereits waren die Goldfäden etwas verblaßt, doch ließ sich ohne Mühe die Bitte des Vaterunsers entziffern: Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern!

Das Geheimniß, welches sich um diese Grabstätte zu weben schien, frappirte mich. Weshalb trug sie weder Namens- noch Jahreszahl dessen, der darunter schlief? Ich beugte mich, eine Ranke Immergrün zu pflücken, und gewahrte nun erst eine ganz einfache, oben abgerundete Tafel, welche zu Füßen des Hügels mit schiefer Senkung in der Erde halb verschwand und von dem grünen Geranke fast übersponnen war. Nachdem meine Hand sie davon frei gemacht, zeigte sich trotz unverkennbarer Spuren von Wind und Wetter eine ehemals vergoldete Inschrift:

Emmy Walton
geboren den 10. October 1832
gestorben den 20. Mai 1849.

Ein junges Mädchen also! In den schönsten Lebenstagen statt des Brautbettes ein verlassenes Grab, statt der Myrthe zu Häupten die Trauerweide! Während ich noch stand und sann, läutete es zum Gottesdienste; wie von Schwingen getragen, hallte der Glockenruf durch den sonnenhellen Morgen über Berg und Wald hin. Es war der Tag des Herrn. Als ich langsam die Kirche umschritten hatte, strömten die Landleute bereits durch das Portal hinein; der eben noch so einsame Friedhof füllte sich mit bunten Gestalten, deren Zahl sich mit jeden Augenblicke [426] mehrte; sie hügelaufwärts und über die breiten Stufen näher kommen zu sehen, bot ein lebendiges Bild.

Meine Gedanken aber weilten nicht bei den Lebendigen, sondern bei den Todten; lebhaft gewecktes Interesse zerstreute mich während des Gottesdienstes und ließ mich ungeduldig dem Moment entgegensehen, wo ich mir vom Pfarrer Aufklärung über das Geschaute erbitten konnte. Sobald mich der würdige Herr in seinem schlichten Studirzimmer begrüßt hatte, wo wir auf das Eintreffen des Wagens zur gemeinschaftlichen Rückfahrt harren sollten, war mein erstes Wort die Frage, durch welchen Zusammenhang das Grab einer Ausländerin sich an so entlegene Stätte verirrt habe und weshalb es in so ungewöhnlicher Weise bezeichnet sei.

„Darüber wüßte ich Ihnen wohl Aufschluß zu geben,“ sagte der Pfarrer, „aber wahrhaftig, ich meine, wir sollten das lieber lassen. Sie schauen so frohherzig drein – da ist es beinahe schade, den gesegneten Sonntagsmorgen mit traurigen alten Geschichten zu verderben. So lange es auch schon her ist mit alledem, wird mir doch jedesmal kalt in meinen paar Haaren, so oft ich daran zurückdenke.“

„Sie haben diese traurigen Dinge also miterlebt, Hochwürden? Ist kein Geheimniß dabei, dann bitte ich dringend, erzählen Sie mir davon!“

Er wiegte nachdenklich den Kopf. „Wissen Sie was? Wir setzen uns in die Bohnenlaube; dort ist’s hübsch kühl, und wenn Sie es denn so wollen, berichte ich Ihnen die Begebenheit. Ich weiß ja, wie es mit den lieben Frauchen steht; erfahren wollen sie Alles; erzählte ich Ihnen die Geschichte nicht jetzt gleich, dann würden Sie im Schlosse danach fragen. Unsere Herrschaften haben es aber nicht gern, wenn die alten Historien aufgerührt werden; geht es sie auch weiter nichts an, so ist es ihnen doch ein unlieber Gedanke, daß so etwas gleichsam auf ihrem Grund und Boden passirt ist.“

Wir saßen in der dichtumrankten Bohnenlaube, welche über den kleinen Nutzgarten des Pfarrhofes hinweg den Ausblick nach dem etwas tiefer gelegenen Brunnenplatze des Dorfes freiließ. Hart an der Fahrstraße, welche sich um die Anhöhe nach dem Saume des Waldes zog, lag die Schenkwirthschaft, das stattlichste Haus des kleinen Ortes.

„Sehen Sie, dort unten in der Schenke hat sich der Anfang der Geschichte zugetragen,“ sagte der Pfarrer und deutete hinab; „das ist nun über fünfundzwanzig Jahre her. Dazumal hat das Haus nur ein Stockwerk gehabt, ist überhaupt viel geringer gewesen, denn Einheimische haben selten über Nacht dort geherbergt, und Fremde sind gar nicht des Weges gekommen. Wer an den See gewollt hat oder in’s Tirol, für den hat’s nähere Straßen gegeben. Ich war damals noch nicht lange hier, und es kam mir gewaltig einsam vor. Man redet so viel vom Wohlleben der katholischen Geistlichkeit. Du meine Güte! Die so sprechen und schreiben, sollten einmal ein paar Jahre auf solch einem ärmlichen Pfarrdorfe sitzen. Jetzt ist das Haus in gutem Stand, damals blies es aber beinahe der Wind um; die Zehrung war kümmerlich und mit Umgang für unser Einen sah es noch übler aus. Am Ort sind Bader, Wirth und Schulze Nummer eins, und bei den Herrschaften konnte ich zuerst die Blödigkeit nicht überwinden. Alles muß gelernt sein. Zur Zeit, als die Geschichte passirte, hat nur der alte Gutsherr im Schlosse gewohnt; die gegenwärtige Herrschaft war für den Winter nach Italien gereist und vom Heimkommen keine Rede, obgleich schon der grüne Frühling in’s Land schaute.

So war es an einem Samstagabend im Mai, als ich hier in der Bohnenlaube saß und meine Predigt für den nächsten Tag memorirte. Da hörte ich Pferdegetrappel und Rädergerolle, wie von herrschaftlichen Wagen. Ich schaute auf und sah zu meiner Verwunderung eine fremde, vornehme Reisekutsche, wie wir sonst nie dergleichen hier zu sehen bekamen. Obgleich tüchtige Rosse vorgespannt waren, bewegte sich das Gefährt ganz langsam, und ich hatte Zeit, mir die Insassen zu betrachten. Das Verdeck war zurückgeschlagen, und auf dem Rücksitze schaute ich ein feines Pärchen. Der Herr hatte seinen Kopf nach der anderen Seite gewendet; ich gewahrte nur, daß er hochgewachsen war und von adliger Gestalt. Um so deutlicher sah ich seine Nachbarin – lieber Gott, das Gesicht ist mir ja nachher wieder vor die Augen gekommen! Es gemahnte mich an die heilige Cäcilia in unserem Musiksaale im Seminar; langes blondes Gelock floß ihr um das helle Gesicht, und blutjung sah sie aus, schaute aber traurig vor sich hin, als ginge sie die ganze Welt nichts an.

Der Wagen hielt vor dem Wirthshause, und während die Beiden noch drinnen sitzen blieben, merkte ich, daß eines der Räder zu Schaden gekommen sein mußte, denn Wirth und Kutscher machten sich daran zu schaffen, worauf die Reisenden ausstiegen und in’s Haus gingen. Ein feiner Bedienter, der auf dem hinteren Bocke gesessen hatte, ließ die Koffer abschnallen, dann wurde der Wagen zum Radmacher gebracht. ‚Nun,‘ dacht’ ich, ‚die sind auch anders zu übernachten gewöhnt, als sie’s beim Hirschwirth finden,‘ und machte mich wieder an meine Predigt.

Ein paar Stunden nachher – ich hatte längst zu Nacht gespeist und wollte mich eben schlafen legen – schellt’ es an der Pfarre, und gleich darauf kommt die Liese mit großem Lamento herein, zu melden, ein Bote vom Schloß sei da, der alte Herr hätte einen Schlaganfall, und das Jagdwägelchen wäre gesandt, mich hinzuholen. Ich frug nach dem Boten, und wie ich hörte, daß der hinab ins Wirthshaus ist, um dort den Bader abzurufen, der vielleicht eine Ader schlagen müßte, lief ich im ersten Schreck barhäuptig hinunter, um nähere Auskunft zu erhalten. Es gab einen kleinen Verzug, weil der Bader nicht gleich zur Stelle war; während ich nun mit dem Wirthe und dem Boten sprach, hörte ich auf einmal durch das offene Fenster des Herrenstübles, wo wir standen, laute Stimmen, die sich von oben her gleichzeitig vernehmen ließen, die eine wie im Schluchzen, die andere wie im Zorn. Es dauerte nur einen Augenblick, dann wurde im oberen Stockwerk ein Fenster zugeschlagen, und dicht hinter mir hörte ich Einen, wie vor sich hin, sagen:

‚Da zanken sie sich schon wieder.‘

Ich schaute um und sah den fremden Kammerdiener, auf den ich zuvor nicht Acht gehabt, bei seinem Schoppen sitzen. Da mir der Sinn auf ganz Anderes stand, war all das nur wie beiläufig an meine Ohren gedrungen, und kam mir erst später wieder in’s Gedächtniß, dann freilich scharf genug. Inzwischen traf der Bader ein; ich begab mich eiligst nach dem Pfarrhofe zurück, wo der Sacristan schon das Nöthige bereit hielt, und wir fuhren ab. Leider trafen wir den alten Herrn in so üblem Zustande, daß auch der Physikus, welcher nach ein paar Stunden aus der Stadt eintraf, nichts mehr vermochte und deswegen gleich wieder umkehrte. Ehe noch der Tag graute, drückte ich dem braven Herrn die Augen zu, ohne daß er sich der heiligen Wegzehrung, die ich ihm gereicht, nur bewußt geworden wäre. Wir rathschlagten mit dem Verwalter, was jetzt zunächst zu thun sei, und waren eben im Begriff noch für ein Stündchen der Ruhe zu pflegen, als wir vor Thau und Tage wieder herausgeklopft wurden. Diesmal war es ein Bote vom Orte, den der Wirth hergeschickt hatte, um wo möglich den Physikus, jedenfalls den Bader so schnell wie möglich dorthin zu bescheiden, weil das fremde Fräulein plötzlich sterbenskrank geworden sei.

Da es im Trauerhause zunächst keine Amtspflicht für mich gab, fuhr ich gleich mit dem Bader zurück; der Physikus hatte sich, wie gesagt, gar nicht aufgehalten. Wir trafen im Wirthshause Alles auf den Beinen und in großer Verstörung; es hieß, das Fräulein sei soeben verschieden.

Ganz bestürzt durch die Plötzlichkeit dieses Falles und in der Meinung, vielleicht irgendwie nützen zu können, blieb ich anwesend, um den Ausspruch des Baders abzuwarten, welchen der Wirth sogleich in das Gastzimmer geführt hatte. Schon nach wenigen Minuten kam Jener wieder von dort herunter und sagte mir achselzuckend, da sei nichts mehr zu machen; ein Herzschlag habe augenblicklichen Tod herbeigeführt. Ich ließ bei dem fremden Herrn anfragen, ob mein Besuch ihm etwa genehm sei, erhielt aber den Bescheid, daß er mich im Laufe des Morgens in der Pfarre aufsuchen würde. Ganz erschöpft von all’ den Erlebnissen dieser Nacht, begab ich mich darauf nach Hause.

Gegen Mittag fand sich der Fremde bei mir ein, um Rücksprache zu nehmen. Er nannte sich Mr. Walton, war nicht, wie wir gemeint, ein Engländer, sondern aus Irland und gleich der Verstorbenen katholischen Glaubens. Sein unverhohlener Kummer flößte mir große Theilnahme ein; so gelassen er sich auch zu [427] erscheinen bemühte, waren doch alle Züge seines schönen Gesichts wie von verzweifeltem Schmerze durchwühlt. Nach meiner Schätzung mochte er ein beginnender Dreißiger sein. Alles, was er sprach und that, hatte vornehme Art. Er fragte mich, ob sich die Bestattung seiner Schwester wohl in der ersten Frühe des folgenden Tages ermöglichen lasse, da er in Familienangelegenheiten zu bestimmt und nahe bevorstehendem Termine erwartet würde. Seine mir vorgelegten Papiere sowohl wie der Todtenschein waren in bester Ordnung, ich erklärte mich also bereit, diesem Wunsche zu willfahren. Als ich die Todte einsegnete, begriff ich ganz die namenlose Verstörung, welche sich in Blick und Miene des Bruders äußerte, dem sie so plötzlich entrissen war. Das schöne junge Kind lag da wie ein Schneeglöckchen, welches der Sturm vom Stengel gerissen; obgleich der Todesengel sie umfing, sah sie doch auch jetzt noch blumenhaft licht und frisch aus. Freilich mochte sie überzart gewesen sein; nie wieder sah ich so feine Händchen.

So wurde sie denn am folgenden Morgen bestattet. Es war mir nicht unlieb, dieser Amtspflicht bald genügen zu können, denn Nachmittags mußte ich in das Schloß, wo sich Keiner recht zu helfen wußte, da von der Verwandtschaft noch Niemand eingetroffen war, und am folgenden Tage sollte die Todesfeier unseres Herrn celebrirt werden, an welcher die ganze Gegend Antheil nahm.

Herr Walton fuhr unmittelbar nach dem Begräbnisse seiner Schwester von dannen. Er hatte eine namhafte Summe für die Ortsarmen zurückgelassen und meine Zusage bekommen, daß Fräulein Emmy’s Grab in gutem Stande erhalten werden sollte.“

Der alte Herr brach ab und putzte nachdenklich seine Brillengläser.

„Hierbei blieb es aber nicht?“ fragte ich nach einer Weile.

„Bewahre, bewahre!“ sagte er kopfschüttelnd. „Es ist erstaunlich, wie Einem nach langen Jahren solche Gesichter wieder vor Augen stehen, die doch längst begraben und vergangen sind. Eben war mir’s, als müßt’ ich mit den Beiden Zwiesprach halten, denn damals, als ich sie vor mir sah, hab’ ich ja nichts von ihnen gewußt und gekannt, und wie merkwürdig sind sie mir später geworden! – Was ich Ihnen bisher berichtet, liebe Dame, war nur der Anfang. Zunächst kam ein großer Schrecken.

Nicht lange nach dem Todesfalle – es mochten ungefähr vierzehn Tage vergangen sein – erschien der Wirth im Pfarrhofe. Sein verstörtes Gesicht und die Heimlichkeit, womit er mich allein zu sprechen begehrte, fielen mir gleich auf, doch war ich wenig auf das gefaßt, was er mir zu sagen kam. Desselbigen Tages wurde in seinem Hofe der Kehrichthaufen fortgeschafft. Seine kleine Dirne spielte dort herum und las sich allerlei glitzernde Porcellan- und Glasscherben zusammen, die bei Aufladen des Gerölls zur Seite fielen. Auf einmal kam es wehklagend zum Vater, sein Kätzchen sei todt, es hätte am Glase geleckt und jetzt wär’ es hin. Das kam dem Wirthe auffällig vor, und als er mit dem Kinde nach der Stelle ging, zeigte es ihm den unteren Theil eines zerbrochenen Glases, auf dessen Grunde noch ein Bodensatz von Zucker klebte. Dem Wirthe schoß es siedend heiß durch den Kopf. In diesem Glase, einem Krystallpokale, der nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wurde, hatte der fremde Bediente in seiner Gegenwart eine Limonade zurecht gemacht, welche von den Gästen begehrt worden war, und sie selbst hinaufgetragen. Kaum eine halbe Stunde nachher war das Fräulein erkrankt. Die Aufregung, mit welcher der Wirth mir diesen Umstand mittheilte, ergriff auch mich. Er hatte den Scherben mitgebracht, welcher in der That noch einen hinreichend starken Bodensatz zeigte, um eine Untersuchung desselben möglich zu machen. Die Plötzlichkeit, mit welcher der Tod des Thierchens stattgefunden, welches davon genossen, rechtfertigte einen schauerlichen Verdacht, und ich saß im ersten Momente sprachlos vor Schrecken. Der Wirth drang in mich, ihm zu rathen, was er thun oder lassen sollte. Er hätte gern von der Sache still geschwiegen, denn er scheute das große Aufsehen, doch hatte er Gewissensscrupel, ob er nicht verpflichtet sei, Anzeige zu machen.

Ich dachte lange nach. Während ich die Wahrnehmungen jener Nacht an meinem Geiste vorüberziehen ließ, kam mir plötzlich jenes kaum beachtete Wort des Dieners wieder in den Sinn: ‚Da zanken sie sich schon wieder.‘ Die tiefe Niedergeschlagenheit des jungen Mädchens, die mir bei ihrem ersten Anblick aufgefallen war, der Streit zwischen Bruder und Schwester, von welchem mein Ohr zwar nur wenige, aber unverkennbare Klänge aufgefangen hatte, die Verstörung Walton’s nach Emmy’s jähem Ende – Alles das, was mir bei völliger Ahnungslosigkeit damals keine Spur von Verdacht eingeflößt hatte, verknüpfte sich jetzt mit einander, und plötzlich stand die Ueberzeugung in mir felsenfest, daß hier ein Verbrechen begangen worden. Nachdem ich mit mir in’s Reine gekommen, und der Wirth seine Frage wiederholt hatte, ob er von dem Vorkommniß gerichtliche Anzeige machen müßte, rieth ich ihm hiervon ab.“

„Sie riethen ab?“ fragte ich befremdet.

Der Pfarrer richtete seine milden Augen voll auf mich und legte seine welke Hand wie beschwichtigend auf die meinige. „Wir Beichtväter wissen Eines,“ sagte er mit tiefem Ernst. „Damit schwere Verschuldung auch schwere Sühne erfährt, bedarf es keiner weltlichen Strafen. Durch dasselbe Thor, wo die Sünde hinausgegangen ist, kömmt die Vergeltung herein, wenn auch keines Menschen Auge das sieht, keines Menschen Ohr davon hört. Gott läßt sich nicht spotten. Wer sich dunkler Thaten bewußt ist, geht durch Nacht, wo er auch gehen und welche Sonne ihm auch scheinen mag. – Vom weltlichen Standpunkt betrachtet, erschien es äußerst fraglich, ob eine gerichtliche Untersuchung dieses Vorfalls zu irgend einem Resultat führen würde. Wenn ein Verbrechen nachzuweisen war, so sprach jede Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Thäter nicht seinen wirklichen Namen angegeben hatte. Ob diese Beiden überhaupt in geschwisterlichem Verhältnisse gestanden, ob der vielleicht am ehesten zu ermittelnde Diener sich als Zeuge gegen den Verbrecher, oder als dessen Mitschuldiger erweisen würde – wer vermochte das zu beurtheilen? Wir lebten in unruhigen Zeiten; die Reisenden waren Ausländer, und es gab damals keine Telegraphen, die, wie heute, das Verborgene von Land zu Lande tragen. Jedenfalls hätte die Ruhe der Todten gestört, ihr Grab geöffnet werden müssen. Alles das hatte ich bedacht und rieth zum Schweigen.

Der Wirth war dieses Rathes froh, und ich glaube, daß er in der That geschwiegen hat. Dennoch gingen nach kurzer Zeit Gerüchte um, die Fremde sei keines natürlichen Todes gestorben. Sie können dies, gleichsam als Sage, noch heute aus dem Munde jedes Bauernweibes vernehmen. Doch verlor sich das Gerede wieder, gleich allem, das keine Nahrung findet, bis die Errichtung des Marmorkreuzes den Leuten das vergessene Ereigniß neu in den Sinn brachte.“

Ehe ich die Frage aussprechen konnte, welche mir diese letzte Bemerkung auf die Lippen drängte, kam die alte Köchin in den Garten und meldete, der Wagen sei da.

„Kommen Sie noch einen Augenblick in das Haus!“ sagte der Pfarrer, indem wir uns erhoben; „ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Nachdem wir in sein Studirzimmer getreten, schloß er eine Lade seines Schreibpultes auf und enthüllte eine sorgfältig in Seidenpapier verwahrte Photographie, die er mir reichte. Das Bild fesselte mich ganz eigenthümlich; es war das einer Nonne im Habit. Aus dem nicht mehr ganz jugendlichen Gesicht, dessen weiche Linien für Liebe und Freude geschaffen schienen, blickten tief schwermüthige Augen. Trotz der im Grunde dieses Blickes ruhenden Trauer blieb der herrschende Ausdruck der sprechenden Züge ein Abglanz unsagbaren Friedens.

Als ich das Bild dem Pfarrer zurückgab, nachdem Auge und Gedanke lange darauf verweilt hatten, sagte er nachdrücklich: „Von Dieser erzähle ich Ihnen unterwegs. Es ist das Ende.“

Wir fuhren schweigsam durch die belebte Dorfstraße, wo sonntäglich geputzte Mädchen und Kinder vor allen Thüren saßen und sich mit raschem Knix vor uns erhoben. Das Wetter war herrlich, die Wärme durch einen frischen Luftzug gemildert. Eilige Vögel segelten durch die klar blaue Luft. Als wir durch die einsamen Felder und Wiesen fuhren, auf welchen das frischgemähte Grummet in lockeren Haufen stand und jenen mit nichts Anderem vergleichbare würzigen Heuduft ausströmte, nahm der geistliche Herr seine Erzählung wieder auf.

„Seit den damaligen Vorgängen mochten fünfzehn Jahre verstrichen sein,“ sagte er mit etwas gedämpfter Stimme, „da hielt eines Morgens im Spätherbst, als es eben zu dämmern begann, eine verschlossene Reisekutsche vor dem Wirthshause. Keine Bedienung [428] war dabei außer dem Kutscher, kein Gepäck als eine hölzerne Kiste, die am Rücktheil festgeschnallt war. Eine Dame in Trauerkleidung stieg aus, ließ sich ein Zimmer anweisen und erkundigte sich vor Allem, ob der Ortsgeistliche noch an demselben Abend zu sprechen sei. Der Wirth schickte um Nachfrage herauf; bald nachher trat die Fremde bei mir ein. – Sie haben ja das Bild gesehen! Zu jener Zeit war sie jünger, auch versteckt jetzt der Nonnenschleier ihr schimmerndes blondes Haar; sonst ist kein Unterschied, denn schwarz gekleidet und dicht eingehüllt erschien sie damals auch. Nachdem sie mich begrüßt, nannte sie sich mir als Frau Walton und bat mich, ihr die Grabstätte ihrer Schwägerin Emmy zu zeigen. Sie mögen denken, wie überrascht ich war. Also doch! Ich war bisher fast überzeugt gewesen, daß der Name, welcher in jenen Tagen genannt worden, ein fingirter sei.

Froh darüber, das Grab wohlgepflegt zeigen zu können, machte ich mich sofort bereit, Frau Walton zum Kirchhof zu begleiten. Während wir den kurzen Weg zurücklegten, sprach die Dame kein Wort; sie bewegte sich so leise wie ein Schatten; dies fiel mir besonders auf, während die dunkle, leichte Gestalt vor mir her die Stufen zum Kirchwege überschritt – fast schien sie aufwärts zu schweben. Als wir am Ziele waren, kniete sie vor dem Hügel nieder und verhüllte das Gesicht. Ich nahm dies für ein Zeichen, mich zurückziehen zu sollen, und ging heimzu. Es war schon recht herbstlich; auf Schritt und Tritt rieselte das falbe Laub von den Bäumen nieder. Viel zog mir durch Sinn und Gedanken, während ich mich langsam nach Hause begab.

Nach geraumer Zeit trat Frau Walton wieder bei mir ein. Ich rückte ihr den Sorgenstuhl nahe zum Ofen; sie war blaß und zitterte, als fröre sie bis in’s Mark hinein. Kein Wunder, nachdem sie so lange draußen im feuchten Nebel geblieben. ‚Womit kann ich dienen?‘ fragte ich, als wir uns eine Weile schweigend gegenüber gesessen.

Sie erhob ihre traurigen Augen und sagte still, aber mit festem Tone: ‚Ein doppeltes Anliegen führt mich zu Ihnen, Hochwürden. Das Kreuz, welches ich für das Grab meiner armen Schwägerin mitgebracht, bitte ich Sie dort aufrichten zu lassen und mit Ihrem priesterlichen Segen zu weihen. Und dann – hier in der Nähe ist ein Frauenkloster. Könnten Sie mir eine Empfehlung geben, die mir dort Aufnahme als Novize verschafft?‘

‚Sie wollen den Schleier nehmen?‘ fragte ich überrascht. ‚Darf ich fragen, ob Sie diesen Schritt reiflich überlegt haben, ob auch Ihre Familie zustimmt?‘

‚Ich stehe allein,‘ entgegnete sie mit sanftem Tone. Dann beugte sie sich dicht zu mir herüber und frug kaum hörbar, aber eindringlich: ‚Sie haben meine Schwägerin bestattet. Wissen Sie, auf welche Weise sie gestorben ist? – Antworten Sie wie vor Gott!‘

Betroffen schwieg ich einen Moment. ‚Wenn Sie so fragen,‘ sagte ich endlich, ‚dann sollen Sie Wahrheit hören. Nach meinem Ermessen starb Emmy Walton durch ein Verbrechen.‘

Sie senkte tief ihre blasse Stirn. ‚Dieses Verbrechens Ursache war ich.‘

‚Unmöglich!‘ rief ich aus, und das Wort kam aus meinem Innersten. Die lauterste Unschuld sprach aus diesem Gesichte.

Hierauf erzählte sie mir ihre Geschichte. Ja, könnte ich sie mit dem Tone, mit den schlichten und dabei so herzerschütternden Worten wiederholen, welche ich damals vernahm, dann würden Sie einen ganz anderen Eindruck erhalten, als jetzt möglich ist, wo ich Ihnen nur die trockenen Thatsachen erzählen kann.

Ina Walton war eine Deutsche, die Tochter eines hochgestellten Mannes, der kein Vermögen besaß und mit vielen Ansprüchen in der großen Welt lebte. Während einer Reise hatte sie George Walton kennen und lieben gelernt. Der junge Mann legte ihrem Vater den Stand seiner Verhältnisse dar, welche von demselben ungenügend befunden wurden; doch zeigte er sich nachgiebiger, nachdem er erfahren, daß sichere Aussicht vorhanden war, das Vermögen des Bewerbers zu verdoppeln, dessen einzige Schwester im Begriffe stand, den Schleier zu nehmen und dem Bruder ihre Habe zu überlassen. Ina selbst, die mit der Kenntniß solcher Verhandlungen verschont geblieben war, erfuhr nun, daß die Schwester ihres Geliebten Nonne zu werden wünschte und verlangte lebhaft danach, sie zuvor kennen zu lernen. Da sich Emmy gegenwärtig bei einer Verwandten aufhielt, weil nach Klosterregel ein Jahr Zwischenraum erforderlich ist, ehe eine Pensionärin Novize werden kann, versprach der Bräutigam, sie womöglich zur Hochzeit mitzubringen, nachdem er zuvor in seine Heimath gereist war, um sein Haus zu bestellen. Zur Bestürzung der Braut traf aber, als der Hochzeitstag schon ganz nahe bevorstand, ihr Verlobter verspätet, allein und in dieser Verstörung ein, da er während der Reise seine junge Schwester durch den Tod verloren hatte. Trotzdem wurde die Trauung ohne Aufschub in aller Stille vollzogen, und das vereinte Paar reiste nach Irland ab.“

Der geistliche Herr sann einen Augenblick nach.

„Ist mir doch,“ fuhr er dann belebter fort, „als sähe und hörte ich die arme junge Frau eben jetzt! – Ihre Stimme klang so süß und traurig, als sie auf ihre Ehe zu sprechen kam, wie sie Beide einander geliebt, und daß sie doch niemals glücklich gewesen, keinen Tag, keine Stunde lang. Daß ihr der Gatte Alles gab, nur sein Vertrauen nicht, daß sie immer ein Ungesagtes zwischen ihm und sich empfunden, etwas, das man nicht sieht, nur fühlt, etwas, das ihn so lange drückte, bis es ihn erdrückt hat – alles das erzählte sie mir.

Sechs Wochen, bevor sie zu mir kam, war ihr Gatte nach einem wilden Ritte heftig erkrankt und gestorben. In seiner Todesstunde hatte er zu ihr gesprochen.

Was sie mir davon wiederholte, war keine Beichte; sie betonte nachdrücklich, ich möchte damit schalten nach Bedarf, denn sie meinte, weil ich von diesem Verbrechen wisse, würden sicherlich auch Andere davon Kunde haben, und um ihres Todten willen hielt sie nicht mit der Wahrheit zurück. Was ich erfuhr, war allerdings ein Anderes, als was ich noch beim Beginne ihrer Erzählung geglaubt.

Als George Walton, ein glücklicher Bräutigam, nach Irland zurückkehrte, hatte er seiner Schwester Gedanken verändert gefunden; sie verlangte in der Welt fortzuleben, welche sie seit Kurzem kennen gelernt. Dies kam in jeder Weise unerwartet, denn des jungen Mädchens früh gefaßter Entschluß hatte schon aus dem Grunde die Zustimmung ihrer Familie gefunden, weil sie, von Kindheit auf überzart organisirt, durch stete Kränklichkeit auf ein Stillleben angewiesen war. George überzeugte sich bald, daß phantastische Neigung zu einem jungen Wüstlinge, welchem Emmy nie hätte angehören können, die eigentliche Triebfeder ihrer veränderten Entschlüsse war; nicht nur um seinetwillen, auch ihrer selbst willen bot er Alles auf, ihre Gedanken wieder zu wenden. Als er damit scheiterte, blieb ihm nichts übrig, als dem Vater seiner Braut offen mitzutheilen, daß die ihm dargelegten Verhältnisse nicht mehr die gleichen seien. Die Antwort, welche er empfing, überbot seine schlimmsten Befürchtungen; sie sprach Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit aus, beschuldigte ihn absichtlicher Vorspiegelung und kam fast einem Bruche gleich. Walton war ungewiß, ob der Vater seiner Braut wirklich an seiner Ehrenhaftigkeit Zweifel hegte, oder ob der Umstand, daß solche Veränderung seiner Aussichten im letzten Momente zur Sprache kam, nur den erwünschten Vorwand zur Auflösung einer Verbindung lieh, welche überhaupt ungern zugegeben worden – um so gewisser erschien ihm der drohende Verlust der leidenschaftlich Geliebten. Er konnte diesen Gedanken nicht ertragen und schrieb zurück, seine Schwester würde ihn nach Deutschland begleiten und persönlich ihre nur für kurze Dauer erschütterten Absichten zu seinen Gunsten bestätigen. Er selbst glaubte das, oder täuschte sich wenigstens in solchen Glauben hinein.

Emmy’s unglückliche Neigung, ihre schwache Gesundheit, der früher so lebhaft geäußerte Hang zum Klosterleben – das Alles ließ ihm die Aufgabe, ihren Sinn wieder zu wenden, als Nothwendigkeit erscheinen, nicht minder für sie als für sich. Noch hatte er ihr nicht von dem Gewichte gesprochen, welches ihr Entschluß in die Schale seines eigenen Glückes warf; er beredete sie, ihm zu seiner Hochzeit zu folgen. Unterwegs sagte, gestand er ihr Alles, bestürmte sie mit allen Mitteln der Liebe und Bitte, sich seinen Gründen zu fügen. Sie weigerte sich mit einer Ausdauer, welche er von dem zarten Kinde nicht erwartet und die ihn zur Verzweiflung trieb. Er machte mit ihr

[429]
Die Gartenlaube (1876) b 429.jpg

Wallachische Wasserträgerin.
Nach dem Oelgemälde von H. Weber.

[430] einen Umweg nach dem andern; er meinte, zuletzt müßte sie seinem Drängen nachgeben. Jetzt stand nicht sein Glück allein, jetzt stand wirklich seine Ehre auf dem Spiele – wie durfte er vor seine Braut treten, die von Nichts wußte, wie vor deren Vater, wenn er zum zweiten Male nicht wahr machen konnte, was er demselben zugesagt? Seine rastlose, fieberische Angst wuchs zur äußersten Erregung. Der Gedanke an die immer näher drohende Entscheidung umklammerte ihn wie mit Krallen, zuletzt gab sie ihm das grausamste Mittel ein.

Wann und wo, zu welchem Zwecke er sich das unselige Pulver verschafft haben mochte – wer weiß das! In jener verhängnißvollen Stunde, wo alle guten Geister ihn verließen, schüttete er es in Emmy’s Gegenwart in ein Glas und schwur einen hohen Eid, sich vor ihren Augen zu tödten, wenn sie dabei beharre, sein Glück zu vernichten, ohne doch ihr eigenes zu gewinnen. Aber auch sie, die arme Unschuldige, war bis zum Aeußersten getrieben. Unversehens riß sie das Glas an sich und leerte es im gleichen Augenblicke selbst mit einem Zuge.“

Der Pfarrer schwieg. Vielleicht ließ ihn nur der Ausruf abbrechen, welcher mir unwillkürlich entschlüpfte: „Verhängniß!“

Er schüttelte leise den ehrwürdigen Kopf. „Gott sei den armen Seelen gnädig!“ sagte er, „dieses Wort mußte ich auch zu ihr sprechen, als sie geendet hatte und ihr gesenktes Haupt erhob. Flüsternd wie ein Beichtkind hatte sie zu mir geredet, nur daß sie statt eigener Sündenschuld Reue und Buße für die Andern auf ihre unschuldige Seele nahm. Ihr letztes Wort ist mir unvergessen in’s Gedächtniß geschrieben. ‚Sie wissen jetzt, mein Vater, weshalb das Kloster meine Heimath werden muß,‘ sagte sie da, ‚und warum hier. Das irdische Gut sei der Armen! Helfen Sie mir an mein Ziel!‘“

„Und Sie haben ihr geholfen? Und Sie hören zuweilen von ihr?“

Er nickte still bejahend. Ein Luftzug bewegte seine spärlichen weißen Haare, während er das Auge nach dem See hinüberstreifen ließ, dessen schimmernde blaue Fläche fernher glänzte.

„Voriges Jahr besuchte mich der Beichtvater des Klosters vom Wörth. Schwester Celeste hat ihm als Gruß das Bild mitgegeben, welches Sie gesehen, und die Trauerschleife, die sie eigenhändig für das Grabkreuz gestickt.“

„Und was erfuhren Sie sonst von ihr? Hat sie Frieden gefunden?“

„Frieden? Sie war allezeit schuldlos,“ sagte der Pfarrer, „und ihre Sühne ist Liebe, wie auch alles Sündigen in dieser unglückseligen Verkettung von Schicksalen nur übel verstandene Liebe gewesen. Liebe aber wird jedem Unschuldigen zum Frieden.“

Wir fuhren in die zum Schlosse führende Nußbaumallee ein. Von jenseits des Sees klang das Horaglöckchen des Nonnenklosters schwach durch die stille mittägige Luft.
A. Godin.




Nervöse Leiden.
Von Dr. J. Schwabe.
(Schluß.)


Wir dürfen diesen Abschnitt nicht schließen, ohne noch mit einigen Worten der Verstöße zu gedenken, welche gegen die gesundheitsgemäße psychische Diät („geistige Ernährung“) sehr häufig begangen werden, und im Vereine mit anderen Schädlichkeiten die Entstehung der Nervosität befördern. Das Gehirn, welches wir ja doch als Urquell, Regulator und Rückflußreservoir aller Nerventhätigkeit zu betrachten haben, bedarf nicht nur gesunder materieller Ernährung durch das ihm zugeführte Blut, um gesund functioniren zu können, es gehört dazu auch, daß seine Thätigkeit in geeigneter Weise geübt werde. Aber damit, meine geehrten Damen, sieht es bei sehr vielen unter Ihnen wirklich schlimm aus. Ich rede nicht von den wackeren Hausfrauen, deren Verstand, Gemüth und Willensvermögen durch umsichtige Führung des Haushaltes und durch die Sorge für die Erziehung ihrer Kinder hinreichend geübt wird, wenn ihnen auch keine Zeit für geistige Beschäftigung im engeren Sinne des Wortes übrig bleibt. Ich rede von den jungen und älteren Damen, die viele freie Zeit übrig haben und dieselbe mit nichts ausfüllen, was einer ernsten, nützlichen, die geistige Ausbildung fördernden Beschäftigung ähnlich sieht.

Statt einer energischen geistigen Anregung geben sich Viele dem übertriebenen Romanlesen hin, welches den Geist verweichlicht, ihm eine ungesunde träumerische Richtung giebt. Von Zeit zu Zeit einen guten Roman zu lesen, ist ja eine angenehme und selbst anregende Unterhaltung; nur das Uebermaß ist schädlich. Noch eine andere Art der Lectüre, welcher heutzutage recht häufig gefröhnt wird, muß ich aus ärztlicher Erfahrung als höchst schädlich für Alle, die zur Nervosität und Gemüthsverstimmung incliniren, bezeichnen. Es sind dies die dicken, mit zehn oder zwanzig verschiedenen belletristischen Journalen gefüllten Mappen, welche allwöchentlich aus den selbst in den kleinsten Städten zu findenden Journalcirkeln den Familien zugetragen werden. Ist auch ein gutes Journal ohne Zweifel ein gutes Bildungs- und Bindungsmittel am Familientische, so ist doch leicht einzusehen, daß die zehn oder zwanzig verschiedenen Inhalte, auf einmal oder kurz nacheinander genossen, ein Ragout bilden, welches unmöglich eine gesunde geistige Nahrung gewähren kann. Solche Lectüre zersplittert, zerstreut und überreizt, statt den Geist zu sammeln und zu stärken und seine Weiterbildung zu fördern.

Der Frage, wie die Nervosität zu heilen sei, möchte wohl manche Kranke, die See- und andere Bäder, Mineralwasser-, Stahl- und andere Curen und einen Arzt nach dem anderen vergebens gebraucht hat, die mit wenig Vertrauen ausgesprochene andere Frage vorausschicken: ob es denn überhaupt möglich sei, von einmal ausgebildeter Nervosität befreit zu werden? Hierauf antworten wir, gestützt auf vieljährige und reichliche Erfahrung: in jedem, auch dem schlimmsten Falle, ist Besserung der vorhandenen Leiden, und in den meisten Fällen ist Heilung zu erreichen. Nur gehört Geduld und Ausdauer dazu. Immer aber ist es leichter, Krankheiten zu verhüten, als sie zu heilen. Besprechen wir zunächst, wie diese Aufgabe zu lösen ist, deren wichtigster Theil der Erziehung anheimfällt.

Väter und Mütter, Ihr könnt Euern Kindern Eure Liebe durch nichts besser erweisen, als wenn Ihr ihnen vom ersten Lebensjahre an eine in leiblicher wie in geistiger Beziehung etwas harte Erziehung gebt. Der Ausdruck hart ist nicht mißzuverstehen; es soll damit lediglich das Gegentheil von Allem, was geistig und körperlich verweichlicht, bezeichnet werden.

Die Kost des Kindes sei einfach, leicht verdaulich und nahrhaft. Je näher dem ersten Lebensjahre, um so ausschließlicher bestehe sie aus Milch, dem vollkommensten aller Nahrungsmittel. Ganz entgegen dem bornirten Geschwätze alter Fraubasen, die da behaupten, das Kind, das kaum laufen gelernt hat, müsse von Allem mitessen, was auf den Tisch kommt (wodurch dicke Bäuche und dünne, krumme Beine und andere Symptome der Scrophulose erzeugt werden), ist es eine wahre Freude, ein in der Fülle von Kraft und Gesundheit blühendes Kind zu sehen, welches weit über das erste Jahr hinaus ausschließlich mit guter Milch genährt worden ist. Alle aufregenden Getränke, wie Bier, Wein, Kaffee etc. sind zu vermeiden. An dem Volksglauben, daß die Kinder durch Kaffeetrinken grillig und unartig werden, ist etwas Wahres. Schädlich ist der Genuß von Leckereien, wozu jedoch das Obst nicht zu rechnen ist. Sie verderben die Verdauung und die Zähne und schaden überdies dadurch, daß sie das Kind verwöhnen. Ebenso wichtig wie gesunde Kost ist der häufige und reichliche Genuß der freien Luft und tüchtige Bewegung in derselben. In den ersten Lebensmonaten ist das Kind täglich in Wasser von 28 bis herab zu 25 Grad Réaumur Wärme zu baden. Nach dem ersten Lebensjahre muß mit dieser Temperatur ganz allmählich herabgegangen werden bis auf 15° und noch weniger, aber das Wasser von dieser kühleren Temperatur ist nicht als Bad, sondern in der Form von täglichen Abwaschungen des ganzen Körpers zu appliciren. Daneben ist der wöchentlich einmalige Gebrauch eines warmen Bades von [431] 25 bis 26°, welches nicht länger als fünfzehn Minuten genommen werden darf, höchst wohlthätig. Endlich noch machen wir darauf aufmerksam, das für den kindlichen Organismus reichlicher Schlaf dringendes Bedürfniß ist. Im Allgemeinen sind für ein vier- bis sechsjähriges elf, für ein sieben- bis zehnjähriges zehn, für ein elf- bis vierzehnjähriges neun Stunden Schlaf nöthig.

Nicht minder wichtig ist der geistige (moralische) Theil der Erziehung. Man erziehe das Kind nicht so, daß es verleitet werde, seiner kleinen Person eine besondere Wichtigkeit beizulegen und sich als den Mittelpunkt zu betrachten, um den sich die ihm bekannte Welt dreht. Man suche zeitig das Gefühl in ihm zu wecken, daß es Pflichten hat, man gewöhne es an Gehorsam, man lehre das Kind entsagen! Nichts stärkt besser als dies die Willenskraft, und ein starker Wille ist oft für sich allein im Stande, der Nervosität vorzubeugen.

Die oft wiederholte ärztliche Mahnung, den Geist des Kindes nicht zu frühzeitig anzustrengen, muß auch hier wiederholt werden. Die in den meisten deutschen Ländern mit dem sechsten Lebensjahre eintretende Schulpflichtigkeit ist ein großer Mißgriff. Man sollte kein Kind vor vollendetem siebenten Lebensjahre zur Schule schicken. Schwächliche und nervösreizbare Kinder müssen noch länger geschont werden.

Die nämlichen Principien, welche wir für die Kindererziehung als Abwehr einer späteren Entstehung der Nervosität aufgestellt haben, gelten im Allgemeinen auch für die weiteren Lebensperioden, natürlich mit den den veränderten Verhältnissen entsprechenden Modificationen, so namentlich, daß der erwachsene Mensch seine Erziehung selbst in die Hand zu nehmen hat.

Soviel von der Art und Weise, wie der Nervosität vorzubeugen ist. Und nun, Ihr viel duldenden Kreuzträgerinnen, die Ihr der schlimmen Krankheit bereits anheimgefallen seid, laßt Euch sagen, wie Eueren Leiden abzuhelfen ist! Kein Kraut ist es und keine Tinctur, die aus der Officin des Apothekers hervorgehen, kein Hoff’sches Malzextract ist es und keine Nervenpillen sind es, die Euch wieder zur Gesundheit verhelfen können. Nur in der vernünftigen, gesundheitsgemäßen Weise, wie Ihr Euer ganzes Leben einzurichten habt, liegt das Heil. Aber hier bedarf es unumgänglich des festen Entschlusses, auszudauern und consequent zu sein. Denn wenn auch oft schon in wenigen Wochen eine merkliche Besserung erreicht wird, so gehört doch viel längere Zeit dazu, um dieser Besserung Dauer zu geben, und die wirkliche Genesung herbeizuführen.

Die vier großen Mittel, welche (selbstverständlich bei Vermeidung der früher genannten Schädlichkeiten) in allen Fällen krankhafter Nervosität Besserung und in den meisten bei lange fortgesetztem Gebrauche die Genesung herbeiführen sind:

  1. Zweckmäßige Ernährung, mit Einschluß des Genusses der freien Luft.
  2. Die äußerliche Anwendung des Wassers in Form von Abreibungen und Bädern.
  3. Uebung der willkürlichen Muskeln (körperliche Gymnastik).
  4. Psychische Gymnastik.

Zu 1. Es ist bereits oben hervorgehoben worden, wie wichtig für die Gesundheit des Nervensystems und seiner Centren die Bethätigung des normalen Stoffwechsels durch zweckmäßige Ernährung ist. Die Regelung derselbe ist die nächste Aufgabe für Nervenleidende. Also kräftige, leichtverdauliche und einfache Kost! Obenan steht die Milch in Verbindung mit anderen guten Nährstoffen, wohin weichgesottene oder rohe Eier, gebratenes Fleisch, besonders Wildpret, Ochsen- und Hammelfleisch gehören. In manchen Fällen ist eine sogenannte Milchcur von gutem Erfolge. Personen, welche die Milch nicht vertragen können, lernen dies oft, wenn sie dieselbe eßlöffelweise langsam verzehren. Als Getränk ist (außer Milch und Wasser) vielen Patienten ein Glas gutes Lagerbier zu empfehlen. Von höchster Wichtigkeit ist der möglichst reichliche Genuß der freien Luft, besonders auf dem Lande in waldigen Gegenden. Wenn es Jahreszeit und Wetter irgend erlauben, muß die Kranke den größten Theil des Tages im Freien zubringen. Wer so muskelschwach ist, daß er nicht gehen und längere Zeit sitzen kann, der lasse sich im Freien ein Ruhebett aufstellen oder eine Hängematte zurecht machen, um in bequemer Lage die frische Luft zu athmen. Ich kann versichern, daß ich schon einzig und allein in Folge des dauernden Aufenthaltes im Freien, verbunden mit der geeigneten Diät, bei sehr vielen meiner nervösen Kranken binnen kurzer Zeit eine wesentliche Besserung des leidenden Zustandes habe eintreten sehen.

Zu 2. Erwägt man, daß der größte Theil der zahllosen feinsten Verzweigungen der Nerven sich in der unsern ganzen Körper umkleidenden Haut verbreitet, so leuchtet es ein, daß durch eine rationelle Hautpflege normirend auf das Nervensystem gewirkt werden kann. Wir rechnen daher das Wasser zu unseren vier Cardinalnervenmitteln. In welcher Weise aber und in welchem Temperaturgrade das Wasser anzuwenden ist, muß stets sorgsam erwogen werden. Im Allgemeinen gelten folgende Regeln: Bei Blutarmuth und bei großer Schwäche sind kalte Bäder und Waschungen nachtheilig. Dagegen sind warme Bäder von 25 bis 28 Grad Réaumur und einviertelstündiger Dauer, wöchentlich zwei- bis dreimal genommen, bei dergleichen Kranken sehr wohlthätig. Bei nervösen Kranken, die weder blutarm noch sehr schwach sind, leisten tägliche Abwaschungen des ganzen Körpers mit kühlem Wasser vortreffliche Dienste. Anfangs nimmt man dazu Wasser von 20 bis 22 Grad und fällt allmählich auf 15, 12 und 10 Grad. Die Abwaschung wird mit einem in das Wasser getauchten und um den Körper geschlagenen Laken vorgenommen. Dann wird der Körper kräftig mit einem trockenen Laken abgerieben. Die ganze Procedur darf nur fünf Minuten währen. Hierauf werden die Kleider angelegt und ein kurzer Spaziergang im Freien, oder bei schlechtem Wetter auf dem Corridore, vorgenommen. Nach der Abreibung darf man sich nicht etwa gleich wieder in’s Bett legen. In manchen Fällen sind auch Fluß- und Seebäder nützlich, worüber jedoch ärztlicher Rath zu hören ist. Stets ist es gut, neben dem täglichen Gebrauche des kalten Wassers wöchentlich einmal ein warmes Bad zu nehmen.

Zu 3. Von der wohlthätigsten Wirkung ist die Uebung der willkürlichen Muskelthätigkeit, nur darf man Kranken in dieser Beziehung nicht Aufgaben zumuthen, zu deren Ausführung ein gesunder, kräftiger Körper gehört. Die Hauptregel ist, daß die Kranken sich nie bis zur wirklichen Ermüdung anstrengen dürfen. Erst nach längerer Uebung und bei Wiederkehr der Kräfte dürfen z. B. weitere Spaziergänge gewagt werden. Wo die Rücksicht auf große Schwäche nicht nöthig ist, da ist natürlich möglichst ausgiebige Bewegung in der freien Natur nützlich. Neben den Spaziergängen, und wenn diese nicht stattfinden können, als Ersatz derselben, sind gymnastische Muskelübungen von ausgezeichneter Wirkung, aber nur, wenn sie consequent und systematisch täglich vorgenommen werden.

Die Zimmergymnastik ist heutzutage zu einer eigenen Disciplin herangewachsen. Ich habe bei meinen Kranken die von Schreber in seinem bekannten Buche gegebenen Anweisungen befolgt und sehr guten Erfolg gesehen. Nur ist auch hier jede größere Anstrengung zu vermeiden. Die Uebungen sind anfangs auf täglich wenige Minuten zu beschränken und allmählich ihre Zahl und Dauer zu erhöhen. In keinem Falle bin ich über das tägliche Maß einer Stunde hinausgegangen.

Zu 4. Im Anschluß an die körperliche Gymnastik nennen wir das vierte Cardinalmittel psychische Gymnastik. Denn wie dort, gilt es auch in psychischer Hinsicht, einer täglich zu wiederholenden Uebung sich zu unterziehen, aber mehr noch als dort bedarf es hier der geduldigen Ausdauer. Die Nervöskranke versuche es zunächst, sich der tyrannischen Herrschaft, welche die Krankheit über sie ausübt, täglich auf einige, wenn auch nur kurze Zeit zu entziehen, indem sie während derselben, ich möchte sagen, sich gesund stellt, von ihrer Krankheit nicht spricht, irgend eine kleine Beschäftigung vornimmt und diese Uebung von Zeit zu Zeit ein wenig, wenn auch nur um einige Minuten verlängert. Ich höre schon den Einwurf, daß es unmöglich sei, auch nur auf kurze Zeit sich dem Krankheitsgefühle zu entziehen. Aber ich versichere, daß es bei gutem Willen öfter und besser gelingt, als man denkt. Mit kleinen und langsamen Schritten gelangt man auch zum Ziel. „Was aber soll ich thun,“ wird Manche fragen, „um meinen Willen zu üben und mich von der Herrschaft der Krankheit zu emancipiren?“

Die Antwort liegt sehr nahe. Die Kranke führe pünktlich und gern alle die Vorschriften aus, welche wir soeben unter 1, 2 und 3 besprochen haben. Darin liegt schon eine Uebung [432] der Willenskraft, und wenn wir das Wörtlein „gern“ beifügten, so liegt darin, daß man der üblen Laune widerstehen, daß also die Selbstbeherrschung geübt werden soll, die ein so wichtiges Mittel zur Heilung der Nervosität ist, daß der berühmte Romberg ihr und der Uebung der willkürlichen Muskelthätigkeit den Preis vor allen andern „Nervenmitteln“ zuerkennt. Mag also der Widerwille gegen Spazierengehen oder gymnastische Exercitien, gegen Abwaschungen oder gegen einzelne diätetische Vorschriften noch so groß sein, so muß er doch tapfer überwunden werden. Das mag im Anfang schwer sein, aber auch nur im Anfang, bald wird es ganz gut gehen. Sodann gewöhne sich die Kranke, von ihren Leiden nur im wirklichen Nothfall zu sprechen und sich mit ihrer Umgebung von etwas anderem zu unterhalten, wenn sie auch zur Zeit für gar nichts weiter Interesse hat als für ihre Krankheit. Dadurch werden ihre Gedanken allmählich sich aus dem Zauberkreise befreien, der sie bisher so eng umstrickte. An Augenblicken, wo der Geduldsfaden zu reißen droht und die Kranke sich versucht fühlt, wieder in die alten Klagen auszubrechen, wird es nicht fehlen, aber um so mehr Mühe gebe sie sich, Selbstbeherrschung zu üben. Der auf der Höhe des Leidens stets vorhandene Krankheitsegoismus wird sich mehr und mehr verlieren, das eine und andere Interesse aus früheren gesunden Tagen wird wiederkehren. Und nun wird die Zeit kommen, wo die Kranke eine leichte Beschäftigung aufzunehmen vermag, nützlich für sie selbst, und dreifach nützlich, wenn sie auch Anderen zu gute kommt. Bei der Einen mag dies leichte belehrende Lectüre, bei der Andern häusliche Beschäftigung, bei der Dritten beides zugleich sein. Dabei sei man vorsichtig in der Vornahme weiblicher Handarbeiten. Stricken, Weißsticken und Nähen ist nachtheilig, weil es die empfindlichen Nervenverzweigungen in den Fingerspitzen angreift und leicht einen starken Reflexreiz erzeugt.

Das sind die ersten, allerdings für Viele sehr schweren Schritte auf dem Wege zur Genesung. Wenn dabei auch der gute Wille der Patientin die Hauptsache ist, so ist doch nicht zu leugnen, daß derselbe oft nicht kräftig genug ist, um mit der nöthigen Consequenz jenen Weg zu wandeln, wenn die Umgebung der Kranken ihr nicht eine stete feste und wohlwollende Stütze und Anregung gewährt. In vielen Fällen, wo die Krankheit, besonders nach der psychischen Seite hin, weit vorgeschritten ist, macht es sich nöthig, daß die Kranke sich aus den gewohnter Verhältnissen entfernt und in neue begiebt, wo sie nicht nur die Bedingungen für ihre körperliche Kräftigung vorfindet, sondern auch in eine neue Umgebung eintritt, die andere Gedanken und Anschauungen in ihr erweckt, als die bisherigen eng begrenzten, und ihre Selbstbeherrschung anregt. Ein Landaufenthalt in waldiger, bergiger Gegend, wo die besänftigende Natur, ländliche Ruhe und das Beisammensein mit Menschen, welche der Kranken in ihrem Genesungsbestreben verständig rathend und aufmunternd zur Seite stehen, vereint zu finden sind, wird die Genesung am nachdrücklichsten fördern. Dagegen wirkt das ganz verkehrte Herumziehen auf Reisen und in Bädern fast immer schädlich. Selbstverständlich sind in letzterer Beziehung die übrigens nicht häufigen Fälle ausgenommen, in denen der Gebrauch eines Mineralbades nach ärztlichem Ermessen ganz bestimmt angezeigt ist.

Und wer sich der wiedererlangten Gesundheit freut und einen sicheren Schutz gegen die Wiederkehr der überwundenen Krankheit haben will, der gebe seinem Leben Kern und Gehalt durch Thätigkeit, und zwar durch Nutzen bringende Thätigkeit.




Im Hause des Commerzienrathes.

Von E. Marlitt.
(Schluß.)

Dies Alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen überblickt, dann war sie heimgegangen, um an den Schreibtisch zu treten und noch einige nöthige Geschäftsbriefe zu schreiben. Kaufmann Lenz sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren; bis dahin hatte die junge Herrin noch Manches zu erledigen, um dann, abgelöst von ihrem Posten, auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren Pflegeeltern zu reisen.

Ach, wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute! Wie klopften ihre Pulse, und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder! Und nun trat auch noch die Jungfer der Präsidentin ein; sie hatte den großen, leeren Marktkorb am Arme, „weil sie eben das bischen Bedarf für die Festtage in der Stadt einkaufen wollte“; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle, habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief von Fräulein Flora zum Durchlesen für das „liebe Fräulein Käthchen“ mitgegeben.

Suse wurde sofort beordert, den Korb bis an den Rand mit ihren schöngerathenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der Speisekammer zu füllen, der Brief aber lag noch unberührt auf dem Schreibtische, als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war.

Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einige Male die Zuschriften der Stiefschwester mitgetheilt – es war Käthe zwar stets zu Muthe gewesen, als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern, aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen, um nicht feindselig zu erscheinen. Auch jetzt überschlich sie das Gefühl, als müsse aus dem starkparfümirten Couvert da neben ihr eine Flamme züngeln, um sie zu verletzen. Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem Ellenbogen weiter, sodaß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen verschwand – sie sah nicht ein, weshalb sie sich auch noch durch das Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermuth strotzenden Episteln aufregen solle, wie es bisher stets der Fall gewesen war.

Die Feder wurde wieder aufgenommen, aber nur für wenige Augenblicke. Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach den mitgebrachten Veilchen, die vor ihr im Glase standen, und athmete den kühlen, süßen Duft ein; sie trat an ihren Flügel und spielte zur inneren Beschwichtigung eine harmlose, sanfte Melodie; sie öffnete eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben, die draußen auf dem Sims hockten, und dabei sagte sie sich wiederholt, daß die Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskirtes Attentat auf ihre Speisekammer gewesen sei – aber es mußte ein böser Zauber in dem unseligen Couvert stecken. Das Blut stürmte ihr immer heißer nach dem Kopfe, bis sie, glühend wie im Fieber, plötzlich die Formulare wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff.

Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein versiegelter Zettel heraus – sie bemerkte es nicht – ihre Augen irrten über den Anfang der Zuschrift; sie wurden groß und weit, und unwillkürlich griff das starke Mädchen nach einer Stütze, um sich eine festere Haltung zu geben. Flora schrieb von Berlin aus:

„– Du wirst wohl lachen und triumphiren, liebe Großmama, aber ich sehe ein, es ist besser so – ich habe mich vor einer Stunde mit Deinem ehemaligen Protégé, Karl von Stetten, verlobt. Er ist häßlicher und körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullenbeißergesicht jetzt auch noch eine blaue Brille – fi donc, ich werde mich zeitlebens geniren, an seinem Arm zu gehen, aber seine hündisch treue, wirkliche närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch ein menschliches Rühren, und weil er durch den unerwarteten Tod seines jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden ist, hier zu Hofe geht, und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu sein scheint, so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie einzuwenden –“

Der Brief flog auf den Schreibtisch – Bruck war frei, dergestalt von seiner Kette erlöst, daß er nun auch – in die Schloßmühle kommen durfte. War das denkbar? Eine so jähe, ungeahnte Wendung, nachdem man sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert, nachdem man alle innere Kraft aufgeboten hatte, um das widerspenstige Herz, ja, jeden abirrenden Gedanken zu knebeln, damit man endlich zu der stoischen, todten Ruhe gelange, mit der man den verhaßten Ring in die Hand der Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam, aber ohne Schuld zu Ende gehen konnte!

[433] Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sähe sie ein Gespenst mitten in dem Jubelrausch emportauchen – Gott im Himmel, wenn sie falsch gelesen hätte! Es war doch so? Flora, dieses unberechenbare Wesen, hatte sich verlobt? Sie wollte sich nun doch, nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen, berühmt zu werden, in der zwölften Stunde in die Ehe retten? Käthe griff noch einmal nach dem dicken, duftenden Briefblatt – ja, ja, da stand es wirklich und wahrhaftig in den „großen Krakelfüßen“. Und dann folgte eine genaue Instruction, in welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu bewerkstelligen sei; es war die Rede von der Hochzeit, die mach just um der Vergangenheit willen, auf den zweiten Pfingstfeiertag festgesetzt habe – und dann kam die vorläufige Einladung zu der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst. Das war Alles sonnenklar und unumstößlich, aber nun flog eine tiefe Blässe über das Gesicht der Lesenden, und sie meinte, an der Lähmung, die über sie komme, müsse sie sterben. Flora schrieb weiter:

„Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in L…g aufgehalten. Es wird Dir interessant sein, zu hören, daß einem gewissen Hofrath und Professor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht nur die Berühmtheit in den Schooß, sondern auch eine schöne Gräfin zu Füßen gefallen ist. Man versicherte mir allgemein, er sei im Stillen verlobt mit der reizenden Patientin, die er, nachdem alle anderen Aerzte sie aufgegeben, durch eine kühne Operation, dem Tode entrissen habe. Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus einverstanden sein, und die liebe, gottselige Tante Diakonus scheint ihren Segen auch nicht zu verweigern. Ich sah sie neben dem Brautpaar in der Theaterloge sitzen, fried- und tugendsam wie immer, und, wenn ich nicht irre, Zwirnhandschuhe an den Händen. Das Mädchen ist sehr hübsch, wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist – und Er? Nun, Dir kann ich’s ja sagen, Großmama: ich habe mir die Lippen blutig gebissen vor Grimm und Groll, weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht, weil er hinter dem Stuhl seiner Braut stand, so sicher, zuversichtlich und ruhig, als gebühre ihm alle Auszeichnung von Rechtswegen, und als wisse er nichts von Charakterschwäche – der Ehrlose! … Gieb Käthe den inliegenden Zettel –“

Ach ja, da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die Adresse: „An Käthe Mangold.“ … und die Welt kreiste vor ihren Augen, und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost geschüttelten Händen auf und nieder. Er enthielt nur die Worte: „Habe die Freundlichkeit, den Dir anvertrauten Ring nunmehr der Gräfin Witte zu übergeben – oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem andern!

Flora.“

Käthe war plötzlich sehr ruhig geworden; sie glättete mechanisch den Zettel und legte ihn zu dem Briefe. Sollte die schöne Gräfin Witte der Gast sein, für den man das Fremdenzimmer eingerichtet hatte? Sie schüttelte energisch den reizenden, flechtengeschmückten Kopf, und die braunen Augen begannen auszustrahlen, während sie die Hände fest gegen die tiefathmende Brust preßte. War sie es Werth, ihm je wieder in die Augen zu sehen, wenn sie auch nur secundenlang an ihm zweifelte? Er hatte gesagt: „Zu Ostern komme ich wieder.“ Und er kam, und wenn die glänzendste Menschenberedsamkeit ihr das Gegentheil versicherte, sie glaubte Nichts, als daß er sie liebe, und daß er kommen werde. Nein, nein, solch ein hochmuthberauschter Schloßherr konnte es wohl über’s Herz bringen, der einst Geliebten, der unglücklichen, blonden Edelfrau, die neue stolze Schloßherrin in der Hochzeitsschleppe zuzuführen – aber nicht er, nicht er in seiner Gemüthsinnigkeit. Er brach der Müllers-Enkelin nicht sein Wort, um einer Anderen willen, und wenn selbst diese Andere eine Gräfin sein sollte.

Ein unbeschreiblicher Glückseligkeitssturm wogte in ihr auf und riß alle Gedanken in seinen Wirbel. Sie flog nach dem südlichen Eckfensters, um nur einen Blick nach dem lieben, alten Hause zu werfen – Himmel, dort von der Fahnenstange flatterte eine farbenglänzende Flagge über die Baumwipfel hin. Waren die Gäste schon da? Sollte sie hinübereilen, um die Tante Diakonus in ihre Arme zu schließen? Nein, in dieser stürmischen Aufregung ganz gewiß nicht. Da mußte erst die verrätherische Gluth von den Wangen gewichen und der Herzschlag ruhiger geworden sein, wenn sie sich nicht vor den seelenvollen, klaren Augen der sanften Frau scheuen sollte. … Ruhe, Ruhe! – Sie trat an den Schreibtisch.

Da lag aufgeschlagen das große, dicke Hauptbuch; das Fach hier barg sechs Geschäftsbriefe, die heute noch beantwortet werden mußten, und drunten rasselte schwerfällig einer der Mühlenwagen mit Getreidesäcken in den Hof. Die Hunde bellten einen Bettler, dem Suse ein Stück Brod vom Vorsaalfenster zuwarf, wie toll an; da waren Prosa und rauhe Wirklichkeit übergenug. Und die Neuruppiner Bilderbogen, die, als großväterlicher Nachlaß streng respectirt, immer noch die Wände zierten, sie hatten ganz gewiß nichts Aufregendes, so wenig, wie die dickbäuchigen Federkissen des Kanapee’s d’runter und die Schwarzwälder Standuhr daneben, die so entsetzlich steif und geradlinig die Wand hinaufstieg und den lebensmüden Pendel langathmig hinter dem blinden Glase schwang.

Der Blick des jungen Mädchens streifte langsam alle diese Herrlichkeiten, dann nahm sie einen Briefbogen und tauchte die Feder ein. „Herrn Schilling und Compagnie in Hamburg“ – ach, das konnte ja Niemand lesen! Verzweiflungsvoll fuhr sie mit der Hand über die glühende Stirn, so daß die braunen Locken wegflogen und eine schmale, rothe Narbe hervortreten ließen. Und so verharrte sie einen Augenblick unbeweglich, die Linke über die Augen gelegt und in der Rechten die ungeschickte Feder auf dem Papiere festhaltend; da streifte ein kühles Wehen ihre Wange. Die Zugluft kam durch eine offene Thür, oder vom Fenster her; sie sah auf und da stand er, dort auf der obersten Stufe der in das Zimmer hinabführenden Holztreppe, lächelnd, strahlend in Wiedersehensfreude.

„Bruck! – Ich wußte es,“ jubelte sie auf, und die Feder fortwerfend, breitete sie die Arme aus und lag im nächsten Augenblick an seiner Brust.

Draußen kam Suse über den Vorsaal; was sollte denn das heißen? Die Thür stand angelweit offen, im April, wo man noch täglich das „sündentheure“ Holz in den Ösen stecken mußte, und den Aufschrei hatte sie auch gehört. Sie fuhr mit dem blauen Schürzenzipfel, den sie gerade in der Hand hielt, um sich den Schweiß von der Stirn abzutrocknen, vor Schrecken in den Mund, denn da unten, auf den weißgescheuerten Dielen ihrer heiligen Schloßmühlenstube, stand der Herr Doctor Bruck und hielt ihr Fräulein in den Armen, so fest, als wolle er sie in seinem ganzen Leben nicht wieder loslassen – Herr Gott – und sie waren ja doch kein Brautpaar vor den Leuten.

Behutsam schlich sie näher, um die Thür sacht zu schließen, aber Käthe sah sie und bemühte sich, unter heißem Erröthen, der Umarmung zu entfliehen.

Der Doctor lachte lachte wieder so frisch und melodisch, wie früher – und hielt sie nur um so fester. „Nein, Käthe, Du kamst zwar freiwillig, aber ich traue Dir doch nicht,“ sagte er. „Ich wäre ein Thor, wenn ich Dir Zeit ließe, Dich möglicher Weise in die Schwester zurückzuverwandeln. Kommen Sie nur herein, Jungfer Suse!“ rief er über die Schulter – er hatte die alte Haushälterin sehr wohl bemerkt – „Erst müssen Sie bestätigen, daß Sie eine Braut gesehen, dann soll sie ihre Freiheit haben.“

Suse wischte sich die Augen und gratulirte sehr wortreich, dann aber beeilte sie sich, die Thür zuzudrücken, um zu „der Müllerfranzen über den Hof ’nüber, zu laufen,“ und ihr halb glücklich, halb klagend zu sagen, daß es mit der Herrlichkeit in der Mühle wieder aus sei, weil das Fräulein nun doch heirathen wolle. …

Der Doctor trat an den Schreibtisch und schlug feierlich das Hauptbuch zu. „Die Carriere der schönen Müllerin ist geschlossen, denn – Ostern ist da,“ sagte er. „Wie habe ich die Tage gezählt bis zu dem Ziele, das ich mir damals selbst stecken mußte, wenn ich Dich nicht ganz verlieren wollte! Du weißt nicht, wie es thut, ohne Gewißheit gehen zu müssen, wenn man für sein ganzes Lebensglück zittert. Mein einziger Trost waren Deine Briefe an die Tante, diese klaren Briefe voll Willenskraft und strenger Weltanschauung, aus denen ich trotz alledem die heimliche Liebe las – aber wie spärlich kamen sie!“ Er ergriff ihre Hand und zog sie wieder an sich. „Ich habe wohl begriffen, daß ein Zeitraum der Entsagung zwischen der [434] schlimmen Vergangenheit und meinem neuen Leben liegen müsse; ich hatte ja Deinem geschwisterlichen Gefühle Rechnung zu tragen, aber bis zu dieser Stunde ist es mir doch räthselhaft geblieben, weshalb Du gänzlich entsagen und einen einsamen, unbeglückten Weg gehen wolltest.“ Er verstummte plötzlich, und eine tiefe Gluth bedeckte sein Gesicht – da, neben dem zugeklappten Hauptbuche lag ein Zettel; er kannte diese großen und doch so unsicheren Schriftzüge nur zu gut; solcher Papierstreifen waren ihm in der ersten Zeit seines Brautstandes genug zugeflogen.

Mit einer entschiedenen Bewegung legte Käthe die Hand auf die Papiere. Warum diese abscheuliche Intrigue noch einmal an das Licht ziehen? Mochte sie doch begraben sein für immer; ihrem Glücke trat Nichts mehr in den Weg. Aber tiefernsten Blickes zog der Doctor Brief und Zettel unter der Hand hervor. „Ich dulde kein Geheimniß zwischen uns, Käthe,“ sagte er fest, „und hier liegt eines.“

Er las, und nun bestand er unerbittlich auf einer Beichte, und die Seelenkämpfe, denen das junge Mädchen unterworfen gewesen war, zogen an ihm vorüber, er sah aber auch in die Tiefen ihrer selbstlosen Neigung – sie hatte willig ihre ganze Zukunft hingeworfen, um ihn zu erlösen.

„Und wie steht es mit der schönen Gräfin Witte? Ich habe geglaubt, sie begleite die Tante Diakonus und werde drüben im Fremdenzimmer logiren,“ sagte Käthe schließlich unter Thränen lächelnd; sie versuchte gewaltsam das unerquickliche Thema abzubrechen, das den sonst so gelassenen Mann in die furchtbarste Aufregung versetzt hatte, und es gelang ihr. Er lachte.

„Im Fremdenzimmer wohne ich,“ versetzte er. „Ich hatte meine guten Gründe, Dich meine Ankunft vorher nicht wissen zu lasten, und mein Instinct hat mich richtig geleitet. Was aber die junge Gräfin betrifft, so ist sie, behufs einer Cur, drei Monate unsere Hausgenossin gewesen, und legt ihre Dankbarkeit, weil es mir geglückt ist, sie herzustellen, ein wenig zu enthusiastisch an den Tag – das ist Alles. In vierzehn Tagen wirst Du sie kennen lernen, denn bis dahin, mein Lieb, will der Professor seine Professorin heimführen – unser Brautstand hat sieben lange Monate gewährt – das bedenke! Ist es Dir recht, wenn wir da drüben,“ er zeigte durch das Fenster nach einem nahegelegenen Kirchthurme, „an den Altar treten? Ich habe das Dörfchen immer so gern gehabt.“

„Du darfst mich führen, wohin Du willst,“ antwortete sie leise und innig; „aber ich habe hier noch Pflichten –“

„Bah, das Hauptbuch ist geschlossen, und ‚Schilling und Compagnie in Hamburg‘ kann Dein getreuer Lenz abfertigen.

Sie mußte lachen. „Gut denn – wie Du befiehlst!“ erklärte sie. „Ich trete zurück, und damit bricht für den armen Lenz eine bessere Zeit an; er soll die Mühle pachtweise bekommen – sie wird ihm rasch wieder zu blühendem Wohlstände verhelfen.“

Nun wurde auch die Schloßmühlenstube geschlossen, und Käthe schritt an Bruck’s Arm den Fußweg entlang, den sie so oft im Sturm und Unwetter zurückgelegt hatte. Heute war es himmlisch, unter den überhängenden, knospenden Zweigen hinzugehen. Die Blüthenkätzchen der Weiden strichen schmeichelnd über die glühenden Wangen des Mädchens; ein weiches Abendlüftchen flog auf, und die Flußwellen zogen gesänftigt und leise plätschernd an den jungen, zitternden Ufergräsern vorüber. Drüben dehnte sich der Park hin, vornehm still wie immer; man sah die Schwäne auf dem Teichspiegel langsam kreisen, und hoch über den Wipfeln der Parkbäume flatterte eine blaugelbe Fahne auf der Villa – „die Herrschaft“ war zu Hause.

Was Alles fluthete bei diesem Anblicke durch die zwei Menschenseelen, die sich eben Treue geschworen hatten für Zeit und Ewigkeit!

„Weißt Du auch, daß man Moritz in Amerika gesehen haben will?“ flüsterte der Doctor.

Sie nickte. „Vor einigen Tagen wurden der Wittwe Franz anonym fünfhundert Thaler aus Californien zugeschickt – sie zerbricht sich den Kopf über den Wohlthäter, ich aber kenne ihn.“ Und sie erzählte, wie „der Arbeiter mit dem blonden Vollbarte“ die Rehe vor sich hergejagt hatte, um – sie vor einem grauenhaften Tode zu bewahren, weil sie in glücklichen Zeiten seine Lieblinge gewesen. …

Nun lag es vor ihnen, das liebe, alte Haus, von der Abenddämmerung umsponnen. Die Arbeiter hatten den Garten verlassen. Es war so feierlich still – die weißen Götterbilder dämmerten aus den Taxushecken, und die alte Frau kam lautlos, mit ausgebreiteten Armen die Thürstufen herab, um „die Liebste, Beste“, die sie so lange vom Himmel für ihren Liebling erfleht, an das mütterliche Herz zu ziehen. …

Da zitterte tief und voll der erste Glockenton von der Stadt herüber – das Fest wurde eingeläutet – Ostern!




Gallerie historischer Enthüllungen.

Nr. 7. Fürstin Eboli.

Die Stellung der Fürstin Eboli am Hofe Philipp’s des Zweiten von Spanien war eine bei Weitem einflußreichere, als Schiller sie ihr in seinem „Don Carlos“ einräumt. Die Macht der Fürstin verdunkelte sogar das Ansehen der Königin. Ihre vornehme Geburt, ihre Fähigkeit, sich überall Geltung zu verschaffen, noch mehr aber ihr angeborener Stolz, der sich bis zum Hochmuthe steigerte, lehnen die Vermuthung, die Fürstin hätte die ihr von Schiller in seinem Trauerspiele angewiesene nicht gerade einflußreiche Rolle in der Umgebung der Königin wirklich gespielt, durchaus ab. Doch dem Dichter sind ja zu seinen Zwecken dergleichen Freiheiten gestattet, und es handelt sich in unserer Mittheilung auch nicht darum, diese unserem großen Schiller nachzuweisen; wir wollen hier nur den außergewöhnlichen Einfluß, den die Fürstin Eboli auf Philipp’s Handlungsweise ausübte, etwas näher betrachten.

Die Fürstin Eboli, Donna Anna Mendoza de la Cerda, war einer der ältesten, angesehensten und reichsten Grandenfamilien Spaniens entsprossen. Sie hatte kaum ihr achtzehntes Jahr erreicht, als ein Heer von Bewerbern sich um ihre Gunst stritt, ohne daß es einem derselben gelungen wäre, ihren Beifall zu erringen. So schön Donna Anna war, ebenso stolz und ehrgeizig war sie, und ihre Wünsche richteten sich daher auf eine Vermählung mit einem der vornehmsten Granden Spaniens.

Sie sollte in ihren Ansprüchen nicht getäuscht werden; denn als sie am Madrider Hofe erschien, errang sie durch ihr Wesen sofort die Herzen Aller, und wo sie sich sehen ließ, kam man ihr huldigend entgegen. Aber nicht nur der Hof bewunderte sie, sondern auch der König war von ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit sogleich so sehr hingerissen, daß er bald die heftigste Leidenschaft für sie hegte. Die Donna, geschmeichelt durch des allmächtigen Königs Liebe, verstand sich um so schneller zu einem vertraulichen Verhältnisse mit dem Gewaltigen, als sie zur Fürstin erhoben werden sollte. Um seinen Beziehungen zu ihr einen beschönigenden Schleier zu verleihen, verheirathete sie nämlich der König mit einem seiner bevorzugten und in jeder Hinsicht ausgezeichneten Günstlinge, dem Fürsten Eboli Ruy Gomez de Silva, der Staatsbeamter war. Diese Vermählung der Donna diente nicht nur dazu, ihr einen vornehmen Rang zu verleihen, sondern auch dem Könige die Gelegenheit zu verschaffen, mit ihr ohne Aufsehen und nach Belieben zu verkehren. Seine Leidenschaft für sie war so groß, daß er sie täglich zu sehen verlangte, und da der Fürst im königlichen Schlosse eine Wohnung erhalten hatte, so konnte dies leicht geschehen.

Mehrere Jahre hatte dieses Verhältniß bereits ungetrübt bestanden, während welcher sich des Königs Leidenschaft eher gesteigert, als vermindert hatte. Von des Gewaltigen Liebe und Gunst zum höchsten Ansehen gehoben, stand die schöne Fürstin auf dem Gipfel ihres zweideutigen Glückes, als ein Mann in Madrid und am Hofe erschien, der auf dieses Verhältniß einen großen Einfluß ausüben und dasselbe im Laufe der Zeit sogar zu seinem und dem Unglücke der Fürstin zerstören sollte.

Dies war Antonio Perez, ein natürlicher Sohn des Staats-Secretairs Gonzalo Perez, der bereits unter Karl [435] dem Fünften dasselbe Amt bekleidet hatte und sich wegen seiner seltenen Bildung und staatsmännischen Vorzüge der ganz besonderen Gunst Philipp’s erfreute.

Gonzalo hatte seinen Sohn als seinen Neffen erziehen und auf das Sorgfältigste ausbilden lassen, und die seltene Befähigung Antonio’s hatte seine Bemühungen auf das Beste unterstützt. Dieser war nicht allein durch eine hohe Bildung, sondern auch durch die liebenswürdigste Persönlichkeit und ein einnehmendes Wesen ausgezeichnet und überdies höchst geschickt in der Erledigung diplomatischer Geschäfte.

Gonzalo unterließ nicht, seinen Sohn sowohl dem Fürsten Eboli, wie auch dem Könige vorzustellen, und es gelang dem jungen Perez, sich sofort in die Gunst des Letzteren zu setzen, sodaß, als Gonzalo Perez bald darauf starb, Philipp ihn zum Staats-Secretair und später sogar zu seinem Staats-Minister erhob und sich ganz von Perez’ Rath leiten ließ.

Perez war bei seinem Erscheinen am Madrider Hofe sogleich der vergötterte Liebling der Frauen geworden, und auch die Fürstin Eboli vermochte dem Zauber des jungen Staatsmannes nicht zu widerstehen. Perez aber empfing von der Fürstin den lebhaftesten Eindruck und entbrannte in leidenschaftlicher Liebe für sie. Trotz der großen Gefahren, welche sich mit einem vertraulichen Umgange für die Liebenden verbanden, siegte dennoch die Leidenschaft, und jener entspann sich bald nach ihrer Bekanntschaft. Unter Beobachtung der höchsten Vorsicht und Klugheit bestand dieses Verhältniß eine gewisse Zeit, als der Tod des Fürsten Eboli dasselbe noch mehr begünstigte. Auch hatte sich Perez nach seiner Erhebung zum Staats-Minister vermählt, sodaß dadurch ein etwa laut werdender Argwohn gegen ihn beschwichtigt werden mußte.

Gestützt aus die höchste Gunst des Königs, hielten die Liebenden sich jede Besorgniß fern, ihr Verhältniß könnte jemals dem Könige verrathen werden, auch dünkten sie sich viel zu mächtig und sicher, um nicht überzeugt zu sein, schon durch ihr Ansehen jeden Verdacht, falls man einen solchen gegen sie etwa laut werden zu lassen wagen sollte, sogleich und für immer zu vernichten. Das sich stets gleichbleibende gütige Verhalten des Königs gegen sie bestärkte sie noch mehr in der Ueberzeugung, daß derselbe auch nicht den leisesten Argwohn hegte und sie daher nichts zu fürchten hätten. Diese Sicherheit, sowie seine bevorzugte Stellung verleiteten Perez jedoch bald zur Ueberschätzung seines Werthes und zu anmaßendem Stolze, sowie zu dem Bestreben, durch Glanz und Pracht die Großen Spaniens zu überstrahlen. In seinem mit dem höchsten Luxus ausgestatteten Landhause bewirthete er seine Gäste mit fürstlicher Verschwendung und umgab sich mit allem Pomp, den man nur bei gekrönten Häuptern zu finden gewöhnt ist. Die nächste Folge von allen diesen Ausschreitungen war eine Menge Neider, die er sich schuf und die zugleich seine Feinde wurden und sich mit jenen Personen verbanden, die Perez schon lange wegen der ihm verliehenen Macht und königlichen Gunst haßten. Es waren dies meist Männer aus den alten Adelsfamilien, die sich durch Perez’ stolzes Verhalten gegen sie um so mehr verletzt fühlten, als er nicht einmal einer legitimen Ehe entsprungen und lediglich ein glücklicher Emporkömmling war, dem sie sich unterordnen mußten.

Schon lange keimte in ihnen das lebhafte Verlangen, den verhaßten Günstling des Königs zu stürzen. Bei der Stellung des Perez und seiner Macht war das jedoch eine schwierige Aufgabe, besonders da dieser klug und vorsichtig genug war, keine Schwächen zu zeigen, welche ihnen für ihre Absicht hätten nützen könnten. Aber Haß und Neid ruhen nicht, und so gelang es auch endlich ihren unaufhörlichen Bemühungen, Perez’ Verhältniß zu der Fürstin Eboli zu entdecken. Nach dem Tode ihres Gemahls hatte dieselbe das königliche Schloß verlassen und ein Palais unweit der Kirche Santa Maria bezogen; hier, dem Auge des Königs mehr entzogen und sich freier und sorgloser bewegend, sah sie ihr Verhältniß zu dem heimlich geliebten Manne sehr bald von den nie ruhenden Spähern und Neidern entdeckt. Perez’ Feinde frohlockten über diese Entdeckung; sie sagten sich, daß der König bei seiner großen Zuneigung zu der Fürstin, bei seinem Stolz und seiner Eitelkeit durch diesen Betrug auf das Empfindlichste getroffen werden müßte und daß damit auch Perez’ Sturz nun gewiß wäre.

Es wäre jedoch ein sehr gewagtes Unternehmen gewesen, auf ein bloßes Gerücht hin gegen Perez und die Fürstin vorzugehen; denn es fehlten alle Beweise, welche zu einer offenen Anklage in diesem Falle durchaus nothwendig waren.

So sahen die Feinde des Perez sich gezwungen, zu warten, bis ein glücklicher Zufall irgend einen Vorgang herbeiführte, der ihrem Zwecke entgegen käme. Sehr bald trat ein ganz Madrid in den höchsten Aufruhr setzendes Ereigniß ein, das ihrer Absicht dienen konnte. Seit einiger Zeit befand sich nämlich der Secretair von Philipp’s Bruder – dieser selbst, Don Juan d’Austria, lebte damals in Flandern – zur Erledigung von Staatsangelegenheiten in Madrid; eines Morgens fand man denselben, von mehreren Degenstichen durchbohrt, todt in der Nähe seiner Wohnung liegen. Dieses Verbrechen, an einem Diener von Philipp’s Bruder begangen, mußte um so folgenschwerer erscheinen, als Escobedo – so hieß der Secretair – sowohl bei Hofe wie überhaupt sehr geachtet war. Da man dem Manne überdies nichts Uebles nachsagen konnte, so verbreiteten sich die verschiedensten Gerüchte über die Veranlassung zu seiner Ermordung. Diesen Vorfall ergriffen nun Perez’ Feinde, um, unterstützt von sorgsam gesammelten scheinbaren Beweisen, ihre Absicht auszuführen.

Sie bezeichneten Perez öffentlich als den Urheber dieses scheußlichen Mordes und als Grund dafür die Besorgniß des Perez und der Fürstin, ihr vertrauliches Verhältniß von Escobedo verrathen zu sehen, womit dieser der Fürstin gedroht, nachdem er Kenntniß von demselben erhalten hatte. Nachdem sie dieses Gerücht zu verbreiten bemüht gewesen, traten sie mit einer förmlichen schriftlichen Anklage gegen Perez und die Fürstin hervor, welche sie dem Könige einreichten. Sie begründeten ihre Anklage folgendermaßen: Perez stünde schon seit längerer Zeit mit der Fürstin in einem vertrauten Verhältniß; Escobedo, mit dem verstorbenen Gemahl der Fürstin befreundet, hätte jenes zufällig entdeckt, sei darüber in hohem Grade entrüstet gewesen und habe der Fürstin Vorstellungen deshalb gemacht und sich bemüht, sie zum Aufgeben desselben zu bewegen, da dasselbe die Ehre ihres verstorbenen Gemahls befleckte. Seine gute Absicht sei jedoch von der Fürstin sehr übel aufgenommen und er mit den hochmüthigen Worten abgewiesen worden: „daß Kammerdiener nicht darein zu reden hätten, was vornehme Frauen thäten.“

Escobedo, durch eine so schnöde Antwort tief verletzt, aber auch von der wohlmeinenden Absicht erfüllt, dem übeln Treiben der Fürstin ein Ende zu machen, hätte darauf gedroht, dem Könige dasselbe zu verrathen, wenn sie davon nicht lassen würde. Die Folge dieser Drohung sei nicht nur die heftigste Feindschaft zwischen dem Secretair und der Fürstin gewesen, sondern Escobedo habe diese auch auf Perez, den Theilnehmer des Vergehens, übertragen. Aber es habe damit nicht sein Bewenden gehabt, sondern Perez sowohl wie die Fürstin, von der Besorgniß erfüllt, Escobedo könne seine Drohung wirklich ausführen, hätten den Entschluß gefaßt, den Secretair so rasch wie möglich zu beseitigen, um sich die angedrohte Gefahr fernzuhalten. Zu diesem Behufe habe Perez seinem vertrauten Haushofmeister den Befehl gegeben, Escobedo bei einem in seinem Hause gegebenen Gastmahle zu vergiften. Dies sei jedoch mißlungen, so auch andere ähnliche Versuche, sodaß Perez endlich befohlen, Escobedo niederzustechen.

So lautete die Anklage, welche feindliche Rachsucht ersonnen.

Der König kannte das Gerücht, das Perez als den Anstifter des Mordes bezeichnete. Er hatte auch mit Perez, der sich darüber bei ihm beklagte, gesprochen und ihn dieserhalb beruhigt, aber dennoch blieb die Anklage nicht ohne Wirkung. Denn kaum hatte Philipp die veranlassende Ursache zu dem Morde – Perez’ vertrauliche Beziehungen zu der Fürstin – aus der Anklage entnommen, als sein Zorn gegen seine Günstlinge in hellen Flammen ausbrach. Wenige Stunden schon nach Empfang der Anklage ließ er Perez verhaften und gegen denselben eine Untersuchung wegen Escobedo’s Ermordung einleiten. Man wird aus dieser Maßnahme die ganze Wuth des Königs gegen Perez entnehmen, wenn man erfährt, daß Escobedo lediglich auf Befehl des Königs ermordet und Perez damit beauftragt worden war.

Dies hing so zusammen: Perez hatte vom päpstlichen [436] Nuntius am Madrider Hofe erfahren, daß Escobedo seine Vertrauensstellung daselbst mißbrauchte und mit den auswärtigen Mächten, besonders mit Frankreich, in geheimer Verbindung stehen sollte, um mit dem Beistande desselben England niederzuwerfen und alsdann Don Juan d’Austria daselbst zum Könige zu erheben. Perez theilte dies dem Könige mit, und dieser erachtete es für nothwendig, Escobedo auf irgend eine Weise von dem Madrider Hofe zu entfernen. Auf seinen Befehl war darauf der Staatsrath zusammengetreten, um über die geeigneten Schritte dazu zu berathen, und das Resultat der Berathung war, daß man die Ermordung Escobedo’s als das geeignetste Mittel zu seiner Beseitigung vorgeschlagen. Der König war damit einverstanden und beauftragte Perez mit der Ausführung des Mordes, wozu sich dieser bereit erklärte.

Diese Bereitwilligkeit von Seiten Perez’ verdächtigt freilich seinen Charakter und ließ dem Könige die Anklage nur um so begründeter erscheinen, besonders als Perez’ Feinde später, als es bekannt wurde, daß der Mord auf Befehl des Königs geschehen wäre, diesem versicherten, Perez habe ihn lediglich durch Vorgeben von Escobedo’s Schuld in der Absicht getäuscht, um unter dem Deckmantel des königlichen Befehls seinen sowie der Fürstin gefährlichsten Feind beseitigen zu können.

Alle diese Momente kamen dem Könige sehr gelegen, um in dieser das allgemeinste Aufsehen erregenden Angelegenheit nicht nur den guten Schein zu wahren, sondern sich auch die Mittel zu verschaffen, sich für den ihm von seinen Günstlingen gespielten Betrug rücksichtslos zu rächen. Die Fürstin Eboli, zu welcher das Gerücht von Perez’ Verhaftung sowie die gegen sie geführte Anklage sogleich gedrungen war, wurde dadurch tief erschüttert; sie behielt jedoch Muth und Besonnenheit genug, keine Blöße zu zeigen, nun dadurch ihre Schuld nicht zu verrathen.

Der festen Ansicht, daß nur ein kühnes und sicheres Benehmen die Anklage beseitigen und den König von ihrer Schuldlosigkeit überzeugen könne, zögerte sie nicht, sich zu Philipp zu begeben, um persönlich auf ihn zu wirken, ihn ihrer Schuldlosigkeit zu versichern, ihn zu versöhnen und die gegen Perez erhobene Anklage zu vernichten. Sie irrte jedoch in ihrer sicheren Voraussetzung; denn der König ließ sie abweisen und ihr zugleich sagen, daß er ihre Besuche ferner nicht annehmen würde. Erschreckt und tief gebeugt, ließ sich die Fürstin nicht abhalten, den König schriftlich anzugehen, die Anklage gründlich zu prüfen und sich dabei zu erinnern, daß dieselbe von des Perez’ und ihren eigenen Feinden ausgegangen, indem sie ihn zugleich ihrer Treue und tiefsten Ergebenheit versicherte.

Aber auch diese Bemühungen blieben wirkungslos. Philipp war vor solchen Aufregungen in den Escurial geflohen, und so war die Fürstin der Gelegenheit beraubt, mit ihm in Berührung zu kommen. Denn noch immer hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, des Königs Zuneigung würde ihren Umgang nicht lange zu entbehren vermögen, und er, wenn sein Zorn verraucht und einer ruhigeren Ueberlegung gewichen, sich ihr wieder versöhnend nähern. Sie sollte bald erfahren, wie arg sie sich getäuscht hatte. Sie übersah den mißtrauischen Charakter des Königs. Die Erwägung, daß er bereits bejahrt und daher wenig geeignet sei, Frauenherzen für sich zu entflammen, mußte ihm einen Vergleich zwischen sich und dem blühenden, schönen Perez nahe legen und ihn zur Anerkennung der Schuld der Fürstin um so geneigter machen. Aber eben, weil er seine Ohnmacht als Mensch in diesem Falle mehr denn sonst erkannte, gefiel sich der König darin, diese Ohnmacht durch seine Gewalt zu rächen. Hören wir, in welcher Weise dies geschah.

Nach einem etwa vierzehntägigen Aufenthalt im Escurial war er wieder nach Madrid zurückgekehrt, und die Fürstin bereitete sich zu neuen Schritten vor, überzeugt, daß ihr jetzt eine Versöhnung mit ihm nicht mehr schwer fallen würde. Ehe sie diese jedoch auszuführen vermochte, bemerkte man eines Tages beim Neigen der Sonne, daß vor einer abgelegenen Pforte der Kirche Santa Maria eine einfache Sänfte hielt, aus welcher ein in einen dunkeln Mantel tief verhüllter Mann stieg, der mit eiligen Schritten in die Kirche huschte. Ein Diener, der die Sänfte begleitete, folgte ihm. Das Palais der Fürstin Eboli lag der Kirche gegenüber, so daß man von hier aus bequem sehen konnte, was in dem ersteren vorging.

Etwa eine Viertelstunde nach Ankunft des bezeichneten Kirchenbesuchers fuhr vor das fürstliche Palais ein von mehreren Reitern umgebener Reisewagen, aus welchem ein Officier stieg, der sich sofort in das Palais begab und die Fürstin zu sprechen verlangte. Wie maßlos war ihr Schrecken, als der Officier ihr einen königlichen Befehl vorwies, welcher ihn beauftragte, sie in dem bereitstehenden Reisewagen sofort nach der Festung Pinto zu bringen. Die Fürstin war einer Ohnmacht nahe, faßte sich jedoch und erklärte, daß sie sich keiner Schuld bewußt wäre und daß ihr fürstlicher Rang sie vor dergleichen Gewaltmaßregeln schützen dürfte. Der Officier äußerte sein Bedauern, den königlichen Befehl schlimmsten Falles mit Gewalt ausführen lassen zu müssen, und so sah sich die Fürstin genöthigt, ihm nach der Festung zu folgen, wo sie, bis auf Weiteres im Gewahrsam bleiben sollte. Nur von ihrer Kammerfrau begleitet und in der Eile für den Festungsaufenthalt und die Reise nur nothdürftig vorbereitet, fuhr die entrüstete Frau bald darauf durch das Thor ihrem Gefängnisse zu.

Unter welchen schmerzlichen Empfindungen die Fürstin ihre Reise antrat und fortsetzte, braucht kaum näher bezeichnet zu werden; um wie viel schmerzlicher wären dieselben jedoch gewesen, hätte sie gewußt, daß der Verhüllte, der vorher in die Kirche schlüpfte, Niemand anders, als der König selbst war, der sich dahin begeben hatte, um von dort aus ungesehen sich an dem Vorgange ihrer Verhaftung und ihrer Angst und Bestürzung zu weiden! – Diese Handlungsweise des stolzen und allmächtigen Philipp, in dessen Reichen die Sonne nicht unterging, ist geschichtlich festgestellt und wohl geeignet, ihn als Menschen zu kennzeichnen. Aber sie dürfte auch den Maßstab für die Größe seiner der Fürstin geschenkten Zuneigung geben.

Es muß hier noch angeführt werden, daß der König vor der Fürstin Verhaftung sie hatte auffordern lassen, sich mit der Familie Escobedo’s auszusöhnen; ein ähnliches Ansuchen hatte er auch an Perez gestellt, beide hatten jedoch dasselbe mit den Worten abgelehnt, daß sie dazu keine Veranlassung fühlten, und die Fürstin noch hinzugesetzt, daß sie nicht gewöhnt sei, mit Personen so niederen Standes in freundschaftlichen Verkehr zu treten. Ihre Weigerung erbitterte den König und veranlaßte ihre Verhaftung.

Philipp’s Entrüstung über die Ablehnung seines Befehls war darum so groß, weil dieser eigentlich nichts weiter, als eine List war, die Fürstin wie Perez durch Befolgung seines Befehls zur Anerkennung ihrer Schuld zu verleiten. Wie wir erfuhren, waren sie klug genug, des Königs Absicht zu durchschauen, und das eben kränkte den eiteln Philipp tief. Obgleich die Fürstin nach diesen gegen sie gebrauchten verletzenden Gewalt-Maßregeln erkannt haben mußte, daß der König jedes mildere Gefühl für sie verloren und sich nur noch in der Rache gegen sie und ihren Freund gefiel, gab sie doch der Hoffnung Raum, daß der König sie durch die Verhaftung nur habe einschüchtern wollen und diese daher in kurzer Zeit endigen würde. Ebenso war sie überzeugt, daß die eingeleitete Untersuchung gegen Perez auch diesem bald die Freiheit bringen mußte, da ihr bekannt war, daß Escobedo lediglich auf Philipp’s Befehl ermordet worden und seine Unschuld daher leicht bewiesen werden konnte.

Vergebliche Hoffnung! Nachdem der König die Fürstin in solcher Weise gestraft, wandte er seine ganze Rachsucht dem noch mehr als die Fürstin gehaßten Perez zu. Seit seiner Verhaftung wurde dieser unausgesetzten Untersuchungen unterzogen, wobei man sich zuletzt sogar der Tortur bediente, um ihn zum Eingeständniß seiner Schuld zu nöthigen. Es handelte sich für den König dabei zugleich darum, durch Perez’ Geständnis, vor der Welt als schuldlos an Escobedo’s Ermordung zu erscheinen und den Minister zur Herausgabe von Briefen zu veranlassen, die der König in dieser Angelegenheit mit Perez gewechselt hatte. Da sich der Letztere dessen weigerte, so wurde er in der Untersuchung für schuldig befunden und zu zwei Jahren Festungshaft, zehnjähriger Amtsentsetzung und acht Jahren Verbannung vom königlichen Hof, so wie zu einer Geldbuße von fünfzigtausend Ducaten verurtheilt. Als man Perez verhaften wollte, entfloh er, suchte Schutz in einer Kirche, wurde hier jedoch trotz des Widerspruchs der Geistlichen verhaftet und nach der Festung Turnégano gebracht, wo er einstweilen verblieb.

Obgleich Perez’ Gemahlin später von dem Könige das Versprechen erhielt, daß ihrem Gatten die Freiheit wiedergegeben werden solle, geschah dies doch nicht, auch dann nicht, als Perez

[437]
Die Gartenlaube (1876) b 437.jpg

„Weißt Du vielleicht, wer davon mitraucht?“
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von W. Heine.




dem Könige endlich die verlangten Briefe wegen Escobedo’s Ermordung zusandte. Zwar bewilligte Philipp eine vorübergehende Freilassung des Perez, aber bald folgten ihr neue Anklagen und sogar eine neue Verhaftung des eben Freigegebenen. Staatsverbrechen aller Art, an welche der Unglückliche gar nicht gedacht, wurden ihm zur Last gelegt.

Diese ewigen Quälereien des einst so bewunderten und angesehenen Ministers riefen eine allgemeine Entrüstung hervor und veranlaßten Perez endlich, sich denselben durch die Flucht zu entziehen, da er nur zu wohl erkannt hatte, daß die Rache des Königs ihre Sättigung allein in seinem Untergange finden würde. Von Madrid aus floh er mit Hülfe seiner Freunde in Frauenkleidung nach Arragonien, unter dessen Gerichtsbarkeit, die von derjenigen Madrids durchaus unabhängig war und ihm darum Schutz gewährte, er sich stellte. Aber der König verfolgte ihn auch bis dahin, indem er neue Anklagen gegen ihn erhob. Diese Maßnahmen Philipp’s waren jedoch fruchtlos, denn das arragonesische Gericht schützte den Flüchtling, und als der König ihn auch dort in’s Gefängniß werfen ließ, erhob sich das Volk und befreite ihn. Der Aufstand dehnte sich nach Saragossa aus, wohin Perez zuletzt geflohen war; es kam zum Kampf mit den königlichen Truppen, wobei Viele von beiden Seiten getödtet wurden und Perez sich in der höchsten Gefahr befand, dem Könige ausgeliefert zu werden. Bereits zum Tode verurtheilt, flüchtete er und gelangte endlich nach langem Umherirren im Gebirge und Ueberwindung höchster Gefahren nach dem Schloß [438] Sallen, das einem seiner Freunde gehörte. Von hier aus wandte er sich mit der Bitte um Aufnahme an die Prinzessin Katharina, eine Schwester Heinrich’s des Vierten von Frankreich, die in Bearn residirte und sich damals in Pau befand. Obgleich es seine Absicht war, die Antwort der Prinzessin in Sallen abzuwarten, sah er sich doch durch die ihm zugegangene Nachricht, daß ihn die Inquisition sowie königliche Schergen verfolgten, genöthigt, in der Kleidung eines Hirten zu entfliehen. Das Glück begünstigte ihn dabei; er langte glücklich in Pau an und wurde von der Prinzessin gütig aufgenommen.

Daß Perez jetzt zu den erbittertsten Feinden des Königs zählte, kann nicht überraschen, ebensowenig, daß er sich bemühte, die Prinzessin zu bestimmen, den Arragonesen, die sich erhoben hatten und denen sich Valencia, Catalonien und die Morisken anschließen wollten, mit einem Heer zu Hülfe zu kommen. Die Prinzessin sicherte ihm auch zwanzigtausend Mann für den Fall des Aufstandes zu; dieser jedoch scheiterte; die königliche Macht siegte, so daß die Prinzessin sogar das Einrücken spanischer Truppen in Pau fürchtete und ihr Versprechen in der Besorgniß zurückzog, es könnte ein allgemeiner Krieg herbeigeführt werden.

Die letzte Lebenszeit und das Ende des Perez, dieses unglücklichen Opfers der Rachsucht des Königs Philipp, war eine sehr traurige. Perez blieb in Bearn, stets auf Rache gegen Philipp sinnend, und ging dann an den französischen Hof, ohne jedoch durch diesen seine Begnadigung zu erlangen. Philipp gestattete ihm nur, seine Titel zu führen und sich an dem französischen Hofe aufzuhalten, auch gewährte er ihm eine Pension. Trotz alledem behielt Philipp Perez’ Familie noch immer in der Gefangenschaft, obwohl dieselbe schon viele Jahre währte. Erst des Königs Tod gab ihr die Freiheit wieder.

Auch Philipp’s Nachfolger auf dem Thron gewährte Perez die Rückkehr nach Spanien nicht; ebenso blieben weitere Bemühungen fruchtlos, und der einst so viel bewunderte, geistvolle Staatsmann endete sein Leben in einem kleinen Orte in Frankreich, nachdem man ihm auch die Pension entzogen hatte. Er starb im Jahre 1611 am 3. November, einsam, hülflos und von seinen Freunden verlassen. Und alle diese Leiden gingen ursprünglich aus der Rachsucht Philipp’s hervor, der Perez niemals den gegen ihn mit der Fürstin Eboli geübten Treubruch vergeben konnte.

Auch die Fürstin ward von des Königs Rache hart getroffen; denn fast ein und ein halbes Jahr hielt man sie in der Festung Pinto gefangen, ehe der König ihr die Freiheit wieder gab und die Rückkehr nach Madrid gestattete. Eine Aussöhnung zwischen Beiden hat nicht stattgefunden. Der König vermied es, der Fürstin zu begegnen; sie durfte fortan nicht mehr am Hofe erscheinen. Doch duldete er ihren Aufenthalt in Madrid, wo sie bis zu ihrem im Jahre 1592 erfolgten Tode ohne Anfechtung von Seiten des Königs in strenger Zurückgezogenheit lebte.
Julius Bacher.




Das linguistische Ei des Columbus.


Man hört oft davon reden, daß Jemand wohl diese oder jene fremde Sprache verstehe, sie aber trotz des besten Verständnisses nicht sprechen könne. Wie mißlich eine solche Lage ist, erfährt man erst im Auslande, zumal wenn man sich dort heimisch einrichten will, und wie schwer es ist, den Lautcharakter einer fremden Sprache zu bewältigen, geht daraus hervor, daß es Tausende giebt, die Jahrzehnte hindurch sich im Auslande bewegt haben und dennoch nur den Mund aufzuthun brauchen, um sofort als Fremde erkannt und demgemäß leider nicht immer vorurtheilslos behandelt zu werden. Unter den Flüchtlingen, welche ein zu fernsichtiger, in manchen Fällen vielleicht zu kurzsichtiger Eifer Ende der vierziger Jahre über das Meer vertrieb, nach Albions oder Amerikas Gestaden, waren nicht wenige, die mit der Sprache ihres neuen Vaterlandes vollständig vertraut zu sein glaubten und sich nachträglich auf das Grausamste enttäuscht sahen, als ihr auf Schulen, durch Privatfleiß und Lectüre erworbenes Englisch drüben nicht verstanden wurde. Auch mein Vater befand sich in dieser Lage, und es brachte ihn manchmal fast zur Verzweiflung, wenn er noch nach langjährigem Aufenthalte im volkreichen London selbst von dem sonst so höflichen City-Policeman nicht einmal einen einfachen Straßennamen wie Church-Street oder George-Street erfragen, noch vom Gärtner nebenan die gewöhnlichste Blume erhalten konnte. Oft genug bekam er nach längerem Zuhören, kopfschüttelnd gegeben, die Antwort: „Sir, I dont speak German. (Mein Herr, ich spreche nicht deutsch.)“ Ja, je langsamer er sprach, je mehr er sich quälte und mit seinem dicken Stocke aufstieß, um so weniger wollte es gehen.

Als ich während des Krimkrieges ebenfalls nach England kam, wurde ich ohne Umstände in die Parforceanstalt einer englischen Privatschule geschickt, wo ich, wegen meiner Ausländerschaft viel angefeindet, alsbald im Boxen eine gewisse Routine erlangte, mit der Sprache aber ging es auch bei mir sehr schwer von Statten, obwohl ich als Stettiner Junge Verständniß für das Plattdeutsche besaß, welches dem Englischen im Lautcharakter viel näher steht als das binnenländische Hochdeutsch meines Vaters. Der häusliche Verkehr vollzog sich in dem liebenswürdigen hallenser Idiom; meine Gedanken und Träume folgten der deutschen Syntax, und so kam es dahin, daß, obwohl ich für englische Essays einen mühselig errungenen Preis erhielt, doch mein mündlicher Vortrag nach wie vor Gegenstand der Erheiterung blieb.

Die ganz irrige Ansicht, daß der Engländer anders spreche, als er schreibt, fleischte sich bei mir ein, und wenn ich am väterlichen Heerde mein Herz in Klagen hierüber ausschüttete, so wurde ich zwar belehrt, daß die englischen Lautzeichen andere Werthe hätten als die deutschen, aber worin, abgesehen vom Oberflächlichen, der durchgehende Unterschied bestehe, das blieb uns ein stets dunkler werdendes Geheimniß. Wenn wir über das Wesen auch nur des einfachsten englischen Buchstabens uns verständigen wollten, geriethen wir hoffnungslos auseinander. Das Th erklärte mein Vater für einen F-artigen Laut, ich für ein verschrobenes Z. Und so irrlichterirten wir auf dürrer Haide, auf der kein Wörtchen von wahrem Englisch wuchs. Mit uns theilten dieses Loos Tausende unserer Landsleute, wie Hans Breitmann, der deutsche „Philosopedist“ in Philadelphia, dessen verdrehtes Englisch ich als weltberühmt geworden bezeichnen muß.

Des Räthsels Lösung kam mir unerwartet, als ich mich längst wieder auf deutschem Boden befand und an der Saale kühlem Strande den akademischen Honig sog; es kam mir durch einen deutschen Mimen, der, obwohl er kein Wort Englisch verstand, es dennoch richtiger sprach als ich, der preisgekrönte englische Essayist.

Dieser Mime nämlich, ein oberflächlicher und deshalb um so besserer Copist, erschien mir als rettender Engel in der Rolle des Gibbon, in welcher er zur besonderen Bequemlichkeit eines geehrten Publici sich vornimmt, nur deutsch zu sprechen, dies aber auf englische Weise thun muß, wie solche durch Ueberlieferung beim Völkchen der Schauspieler fest steht. Und seine Weise war denn auch in der That so sehr englisch, daß kein Mensch ein Wort seines Deutsch verstand, aber aus dem Lachen nicht herauskam. Die Lösung lag nun auf der Hand. Wir hatten es in London ebenso gemacht, nur umgekehrt. Mit größter Virtuosität hatten wir drüben Englisch auf deutsche Weise gesprochen und mit dem nämlichen Erfolg.

Die Sache scheint komisch, und doch ist es wahr, daß man sich nur durch einen Aufwand von Schauspielerei, oder treffender von Mimik aus der Lage eines mißverstandenen Ausländers herausreißen kann. Wie Demosthenes erst von dem Komödianten Satyrus einigermaßen reden lernte, wie selbst ein Cicero es nicht verschmähte, von dem Tragöden Aesopus und dem Komiker Roscius das sich anzueignen, was seiner gelehrten akademischen Redeweise fehlte, um ihn unbefangen vor der Volksmasse erscheinen zu lassen, so sollte man auch ein wenig mimischer Bemühung nicht scheuen, wo es sich um einen so tiefgreifenden Zweck handelt, wie der ist, der Rede ihren Charakter, der fremden Sprache ihr Lebenselement zu geben, ja, überhaupt verständlich zu werden.

Die Rede ist nach Kant eine Ausgleichung zwischen den [439] Redenden und erfüllt diesen Zweck um so besser, je weniger sie befremdet. Wie man Jemanden zum Sitzen nöthigt und ihm eine Cigarre anbietet, um sich auf die Basis des Ausgleichs mit ihm zu begeben, so ist es ein alter Gebrauch von erprobter Wirksamkeit, die Sprechweise seiner Umgebung zu beobachten mit der man auf ebener Erde verkehren will und muß. Das Loos des Heimathlosen ist nicht zum Mindesten deshalb so bitter, weil ihm seine Umgebung, wie die Erfahrung lehrt, auch nach langen Jahren noch den Fremdling anhört, der gewöhnliche Mann ihm unhöflicher, der Gebildete ihm mit oft unerträglicher Zurückhaltung begegnet.

Jener Mime und ich wurden bald gute Freunde. Ich lernte von ihm Englisch auf englische Weise sprechen und habe seitdem das Glück gehabt, schon oft, namentlich im „English & American Club“ in Leipzig, für einen geborenen Engländer gehalten zu werden. Wie ich nach Abzug der bühnenmäßigen Uebertreibungen ersah, beruht der Unterschied des Lautcharakters zweier Sprachen oder Dialecte in einer angeborenen oder habituellen Mundstellung; es liegt hierbei meist eine der Race oder denn Volksschlage eigenthümliche Bildung der Sprachorgane zu Grunde.

Die Engländer sind nach Creasby, dem Herausgeber eines isländisch-englischen Dictionärs, ihrer Sprache und ihrem Blute nach weit mehr den skandinavischen als den angelsächsischen oder gar den alemannischen Völkern verwandt. Die binnenländisch-sächsischen Elemente sind in England hinter den seefahrenden normännischen zurückgeblieben: die bequemen Athelstanes in Scott’s „Ivanhoe“ sind fast ausgestorben, und so ist bei den Engländern wie in Skandinavien der Langschädel vorherrschend. Dem langen Schädel entspricht aber eine lange Nase, ein langes Kinn, eine lange Zunge. Dazu kommt, daß das englische Leben durchweg eine gewisse Bestimmtheit des Zweckes, eine rücksichtslose Energie im Menschen zeitigt, welche, ebenso wie das lange Kinn, ein physiognomisches Merkmal der eingeborenen Energie bildet, auch ihrerseits mimisch durch ein vorgeschobenes Kinn zum Ausdrucke kommt. – Und diese Gebärde, so zu sagen, tritt namentlich beim Reden in die Erscheinung. Denn es gilt von der Sprache wie vom Charakter das Wort des Sokrates: „Rede, damit ich Dich sehe!“ Erst beim Sprechen erhält die Sprache ein Gesicht, welches der Sprachlernende in erster Linie beobachten müßte, weil dasselbe aus den Lautcharakter von bestimmendem Einflusse ist.

Der Engländer hat nämlich nicht nur von Natur eine weichere, flüssigere Sprache, ähnlich dem Element, auf welchem er so groß ist, und entsprechend den niedersächsischen Idiomen Deutschlands, Hollands, Skandinaviens, sondern diese Weichheit wird von ihn gewohnheitsmäßig bis zur scheinbaren Schlaffheit getrieben. Die rollenden, schnarrenden, heulenden Consonanten des Deutschen sind dem aalglatten, an Schleifungen, Vocalen, stummen Consonanten und Diphthongen so reichen Englisch fast unbekannt Selbst die gesteigerte Nachlässigkeit unsrer lallenden Gecken kommt dagegen nicht an. Sie bleibt ein Bastard; die englische ist Vollblut.

Trotzdem ist es nicht schwer, sie bis zur Vollendung nachzuahmen, wenn man die Vorsicht gebraucht, beim Englischsprechen einfach den Unterkiefer vorzuschieben. Sofort tritt auch die gewünschte Lautverschiebung ein. Wie mit einem Zauberschlage verwandelt sich dann der deutsche Consonant W in den englischen Vocal Doppel-U. unser sprödes Th wird zu dem unsäglich zarten Lispellaut des Briten und jede Härte zur Unmöglichkeit, selbst das geschnarrte R. welches im Englischen nicht vorhanden ist, verschwindet von selbst. Es ist bei vorgeschobenen Kinn nicht mehr möglich, mit deutscher Entschiedenheit, Deutlichkeit und consonantischer Langsamkeit an Gaumen zu arbeiten, sondern man ist gezwungen, die Zunge vorn an und meist sogar unter den Zähnen des Oberkiefers spielen zu lassen. Sie hat statt langer Wege nur noch kurze zu machen, statt schroffer „Alls“, „Alks“, „Aws“ erscheint der englische Halbdiphthong „Aoh“, aus Knie wird Nie etc.

Es würde wohl zu weit führen, wolle ich diese Beobachtungen hier im Hinblick auf andere Sprachen zu einem Gesetze entwickeln. Dem Praktiker genügt die Andeutung; die Nutzanwendung muß man ihm überlassen. Abgesehen von mimischen Merkmalen, z. B. dem schlaffen oder straffen Gaumensegel der musikalischen und unmusikalischen Idiome, spielt das Kinn die Hauptrolle. Und zwar ist der Regel nach die Zunge und die untere Nase proportionirt. Die Nase steht in einem Rapport mit der Zunge, nicht bloß in Betreff der Geschmacks- und Geruchsempfindungen, welchen beiden der gemeinsame Nerv des vierten Schädelwirbels, der Sensorius, dient, sondern auch in Bezug auf ihre Dimensionen. Eine lange, schmale Nase bedingt eine lauge schmale Zunge und diese eine gelispelte Zahnsprache. Und solche ist die englische. Bei den Celten, Iren und Franzosen herrscht die breite, kurze Nase und Zunge vor; ihre Sprache ist demgemäß eine consonantische, geheulte oder doch eine Gaumensprache. Bei den kleinbenasten Chinesen und Mongolen geht die Heulerei so weit, daß sie lauter einsilbige Wörter haben und ein Wort wie „Christus“ in „Chi-li-si-tu-si“ auseinanderlegen. Sie hoben kein R, und es scheut, daß auch hierin die Extreme sich berühren, da die lispelnden Engländer und die näselnden Chinesen beide dieses Lauts entbehren. Immerhin dürfte der angeregte Gedanke fruchtbar sein, und es sollte den Verfasser freuen, wenn, abgesehen von dem praktischen Werthe, den der gegebene Wink für den Deutschen im Auslande vielleicht hat, aus diesem „linguistischen Ei des Columbus“ etwas sich entwickelte, das dem Grimm’schen Gesetze der Lautverschiebung zur Erklärung diente.

Ott. B.





Blätter und Blüthen.


Water-Closets in den Eisenbahnzügen. Die „Gartenlaube“ hat schon mehrmals das heikle Thema der fehlenden Water-Closets in den deutschen Waggons erwähnt, und erst in Heft Nr. 4 dieses Blattes sprach sich G. Rohlfs über den Vorzug des amerikanischen Wagensystems in dieser Beziehung aus. Wenn wir heute abermals aus den sehr wenig ästhetischen, praktisch aber um so bedeutsameren Punkt zurückkommen, so geschieht dies im Hinblick auf den augenblicklich gerade besonders geeigneten Zeitpunkt und in Anbetracht der großen Wichtigkeit des Themas für die Gesundheit von Tausenden. Da jetzt die Frage der Centralisirung aller deutschen Eisenbahnen unter einheitliche Reichsverwaltung an der Tagesordnung ist, so dürfte es sich gerade für die Direction der Reichseisenbahnen besonders empfehlen, durch Rücksichtnahme auf den Comfort und die Bedürfnisse des reisenden Publicums mit gutem Beispiele darin an der Spitze zu stehen, und würde dieses Vorgehen jedenfalls die Mehrzahl des Publicums für das Project der Einigung aller deutschen Eisenbahnen weit zugänglicher machen. Man wird sicherlich in zehn bis zwanzig Jahren darüber staunen, daß man in der Jetztzeit, wo sich der Fortschritt in Kunst, Industrie, Wissenschaft und Humanität so augenscheinlich offenbart, eine so nöthige Einrichtung für das reisende Publicum aus bloßer Oberflächlichkeit oder kleinlicher Sparsamkeit ganz aus dem Auge lassen konnte, während nicht allein die Humanität, sondern auch die Moralität gebieterisch diese Einrichtung erheischt. Es giebt sehr viele Leute, welche das Reisen nicht gewöhnt sind, und sobald solche fremde Luft athmen oder andere Nahrung genießen, erleiden ihre natürlichen Funktionen gewisse Veränderungen, welche sich aber gerade auf der Reise in unangenehmster und störendster Weise fühlbar machen. Solche Leute sind dann oft den größten Gefahren in Bezug auf ihre Gesundheit beim Reisen ausgesetzt und unterlassen dasselbe, wenn möglich, gänzlich, solange nicht ein neues Eisenbahnsystem oder doch irgend eine Vorrichtung eingeführt worden ist, welche dem beregten Uebelstande gründlich abhilft. Wie schlimm sind doch die Damen in dieser Beziehung auf der Reise daran!

Leidende Personen wissen sich in Schnellzügen oftmals gar nicht zu helfen, den wen nach einigen Stunden der Zug nur wenige Minuten an einer Station verweilt, so ist diese Zeit viel zu kurz, um sich waschen, restauriren und andere Bedürfnisse befriedigen zu können. Daraus erklärt sich auch zum Theil jene nervöse Aufregung des reisenden Publicums, die sich besonders bei Damen so sehr bemerklich macht und während des kurzen Aufenthaltes an der Station oft zu den widrigsten und anstößigsten Scenen Veranlassung giebt. Bei den gewöhnlichen Post- und Personenzügen findet so oft ein Aufenthalt statt, daß die Einrichtung von Water-Closets, wenn auch nicht unnöthig. so doch nicht dringend erforderlich ist, dagegen wäre den Eil- und Courierzügen die sofortige Herstellung derselben eine Pflicht gegen das Publicum, der sich die Eisenbahnverwaltungen für die Länge der Zeit nicht werden entziehen können, um so weniger, als so auch die Reisenden die letzten Preiserhöhungen sich gefallen lassen mußten, ohne bisher in der inneren Einrichtung des Waggons ein Aequivalent dagegen zu erhalten. Sollte sich bei der jetzigen Construction unserer Waggons die nöthige Aenderung absolut nicht bewerkstelligen lassen, so verwende man diese Wagen, die ohnedies zum größeren Theil schon sehr abgenützt sind, für die gewöhnlichen sogenannten „Bummelzüge“; dagegen wird man für die Courier- und Eilzüge dann eben ganz neue Waggons mit Water-Closets und etwas mehr Raum zur freien Bewegung neu anfertigen lassen müssen. Selbst auch eine weitere Erhöhung der Fahrpreise für solche Züge werden sich die Passagiere gewiß gern gefallen lassen, wenn nur ihrer Bequemlichkeit dabei nach moderner Anschauung Rechnung getragen wird. Die starke Frequenz der amerikanischen Schlafwagen [440] dürfte unseren Eisenbahndirectionen wohl einen beherzenswerthen Wink in dieser Hinsicht geben und den Nachweis liefern, daß das Publicum gern in eine Preiserhöhung willigt, wenn ihm nur auch der gewünschte Comfort dagegen geboten wird.


In Mai.[1]

No bist äun glicklich widder da,
Mei liebes Schwalbchen aus’n Siden?
Du werscht d’rsch wuhl gedacht schonn ha,
Daß etz de Bäme widder blihten;

5
Ihr ward bei uns wuhl lieber sei,

Als wie saltong in d’r Terkei.

’s göbt su völ luse Leite salt,
Die eich thun nach ’m Laben stelle,
Ja, wurde ’s hier nur uech su kalt,

10
Da bliebt ihr ömmer bei uns, gelle?

Denn hier thutt eich kä Mensch ä Leid,
Ihr wößt, daß ihr derhäme seid.

Nun röcht dei Heischen widder ein,
Un mach de Stobe blank un räne,

15
Trah nachen a was Wäches nein.

Denn ’s göbt doch nun bald widder Kläne,
Da werd’s bald drönn labennig iei,
Wenn lusgiht erscht de Piepserei.

Nun aber freilich werd’s fer dich

20
A widder neie Sorgen gabe,

Das kläne Volk ös hongerig
Un kann noch nech alläne labe,
De Schnabel woll’n gefittert sei,
Da häßt’s: Alloh, schaff’ Brud ambei!

25
Un macht d’rsch völe Arbeit a,

Du bist doch ömmer guter Dönge,
Un werscht nech epper ängstlich frah:
Wu soll ech nur satt Schnaken fönge?
De Liebe hölst d’r schonn derzu;

30
Das ös bei uns gerade su.

Ein neuer großer Schwindel. Wir erhalten nachstehende Zuschrift „An die Redaction“ und theilen dieselbe, unter Verantwortlichkeit des Unterzeichners für die Wahrheit des Inhalts, unseren Lesern mit:

„Seit einigen Monaten kommen aus Ceuta in Afrika, sowie aus Valencia in Spanien an Fabrikanten und Gewerbtreibende in verschiedenen Städten von Sachsen, Württemberg und Preußen ganz gleichlautende, unfrankirte Briefe in spanischer Sprache.

Die Briefe aus Ceuta sind jedesmal mit dem Namen des Adressaten unterschrieben, der Absender nennt sich den Sohn eines längst verschollenen Verwandten, ist wegen Unterschlagung einer Kriegscasse zu zehn Jahren Festung verurteilt, fühlt sich dem Tode nahe und will seine Tochter mit bedeutendem Vermögen dem Adressaten schicken, den er zum Vormunde derselben bestellt hat.

Die Briefe aus Valencia sind mit einem spanischen Namen unterschrieben der Absender will eine Kriegscasse in der Nähe des Wohnortes des Adressaten vergraben haben, und bittet um Reisegeld für seine Frau, damit dieselbe komme, den Schatz zu heben, von welchem dem Betreffenden der dritte Theil zugesichert wird.

Eine dritte Kategorie solcher Briefe endlich, ebenfalls aus Ceuta, ist von einer Frau unterschrieben, der Wittwe eines auf der Festung gestorbenen Officiers, sie bittet um Reisegeld, um eine von ihrem Manne vergrabene große Summe zu heben.

Dem Unterzeichneten sind schon viele solche Briefe aus Sachsen, Württemberg und Preußen zur Uebersetzung geschickt worden, und er hat natürlich die Adressaten sofort auf den offenbaren Schwindel aufmerksam gemacht. Es wäre aber nicht unmöglich. daß der Eine oder Andere, von dem vielleicht ein Familienmitglied vor vielen Jahren ausgewandert ist, dem Schwindler in Ceuta zum Opfer fiele, wenn auf seinen Brief die Bitte um einen Vorschuß für die Reise der besagten Tochter erfolgte, unter dem Vorwande, daß für den Augenblick nicht über das Vermögen verfügt werden könne.

Die geehrte Redaction wird daher durch Veröffentlichung obiger Zeilen den Betreffenden einen großen Dienst erweisen, ihnen viele Aufregung ersparen und sie vielleicht vor Schaden bewahren.

Leipzig, den 26. Juni 1875.

Dr. Werder, Chef des Uebersetzungsbureaus.“

Einen neuen Beitrag zur literarischen Freibeuterei liefert das in St. Louis erscheinende Blatt „Die Abendschule“ in seiner Nummer vom 22. April d. J. Dasselbe druckt den in Nr. 10 unserer Zeitschrift enthaltenen Artikel „Der Veltliner Protestantenmord“ von Ernst Ziel nicht nur ohne Angabe der Quelle und des Autors, sondern auch in tendenziös geänderter Form ab. Die orthodox-lutherische Zeitung scheuet sich nicht, die „Gartenlaube“ zu plündern, wenn es sich um Füllung der Spalten aus Kosten anderer Blätter handelt, kennen gewisse fromme Herren keinen Unterschied der Farbe.


Kleiner Briefkasten.

L. K. in Drdn. Wir können Ihnen nur wiederholen daß wir gegen alle Verschleppung deutscher Töchter nach der französischen Schweiz principiell eingenommen sind und dazu unsere guten Gründe haben, die Ihnen neulich bereits angedeutet wurden. Einsichtsvolle Eltern dürfen und sollen sich nicht mit dem Französisch-Plappern, dem leidigen Clavierklimpern und einigen salonfähigen Verbeugungen begnügen, und viel mehr wird in der That in dem meisten der dortigen Pensionate nicht exercirt. Die Sache stellt sich freilich um Vieles günstiger, wenn eine deutsche oder doch schweizerisch-deutsche Dame an der Spitze eines Instituts steht, wie dies z. B. in Lausanne oder Montreux der Fall ist. Dort geht ein ernstpädagogisches Streben mit seiner Formenbildung und deutscher Gemüthswärme Hand in Hand, und aus solchen Pensionaten kehren die Töchter dann wenigstens nicht als verbildete Modedämchen in das elterliche Haus zurück.

Für Mädchen von dreizehn bis sechszehn Jahren hat ein solches schweizerisches Pensionat allerdings einen großen und verlockenden Reiz. Wer z. B. das Institut der Frau Doctor Großheim in Montreux, hoch oben auf der Höhe der Villa Bella, besucht und einige Tage dort verlebt hat, der versteht es wohl, daß sich die Zöglinge trotz aller Liebe zu den Eltern immer wieder hinsehnen nach der sanften liebevollen Leiterin des Instituts und der lachenden Gegend mit der wunderbar zauberischen Aussicht auf den grünen vielbelebten See. Viele von diesen Zöglingen hängen mit wahrhaft schwärmerischer Verehrung an der deutsch-protestantischen Frau, die es meisterhaft versteht, Herz und Gemüth der ihr anvertrauten Kinder zu bilden, ohne dabei das zu vernachlässigen, was später in dem Salon an Talenten und Kenntnissen verwertet werden soll. Man muß sie sehen, diese Schaar heiterer, übermütiger Mädchen, aus deren Augen eine ganze Feuergarbe von losen Streichen und Teufeleien blitzt, oder man muß ihnen begegnen in dem Rhonethal bei St. Maurice, wo sie die heißen Sommerwochen in gesunder Waldluft verleben und täglich nach den Lehrstunden stärkende Wanderungen antreten – all’ diesen bunten Wechsel harmloser Jugendlust muß man aus eigener Anschauung kennen gelernt und mit Verständniß durchlebt haben, um zu begreifen, daß den heimgekehrten Zöglingen trotz aller Traulichkeit des Vaterhauses die Thränen der Sehnsucht in die Augen treten wenn sie an die liebe Pflegemutter draußen in der Schweiz und die sonnige, ewig heitere Zeit in der Villa am Genfer See zurückdenken.

Einer für Viele. Wie man in dem Artikel „[[Wunderliche Leute]]“ (Nr. 24 unseres Blattes) einen Abfall von unserem Principe der Popularisirung der Wissenschaften sehen kann, ist uns unbegreiflich. Man verwechsele doch nicht Popularisirung mit Dilettantismus, echte Nutzbarmachung des Wissens mit der hohlen Coquetterie der Halb- und Viertelbildung. Nur die letztere ist es, welche in der Gestalt des „Krawutschke“ der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Ch. D. in L. Ein Lebensbild der jüngst verstorbenen George Sand hat die „Gartenlaube“ bereits im Jahrgange 1861 (Seite 265) aus der Feder von Schmidt-Weißenfels gebracht. Ferner finden Sie im Jahrgange 1864 (Seite 299) einen illustrirten Artikel über die berühmte Dichterin von Josef Dessauer, wie auch unser Blatt in späteren Jahren (1866[WS 1] und 1867) die viel gefeierte Frau als Rednerin und Mutter mehrfach zum Gegenstande der Betrachtung gemacht hat. Angesichts dieser häufigen Beleuchtungen der George Sand glauben wir nunmehr, bei ihrem Tode, nicht mehr auf dieselbe zurückkommen zu sollen.




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das zweite Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das dritte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.


Die nächste Nummer beginnt mit der bereits früher angezeigten Erzählung

Vineta. Von E. Werner,

der dann Novellen von Herm. Schmid, Rud. Gottschall, A. Godin etc. folgen werden.


Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig anstatt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereit erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung.


  1. Als Probe aus dem nächstens erscheinenden siebenten Bande der „Rudolfstädter Klänge“ von Anton Sommer. (Siehe Nr. 12 d. Jahrg.)

Anmerkungen (Wikisource)