Eine seltene Frauenfreundschaft

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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Eine seltene Frauenfreundschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, 42, S. 585–587, 604–607
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine seltene Frauenfreundschaft.
Von Ludwig Storch.
Die Gartenlaube (1858) b 585.jpg

Louise Dorothee, Herzogin von Gotha.


Die geschriebene Geschichte ist keineswegs so gerecht und unparteiisch, als sie von phrasenreichen Schriftstellern geschildert wird. Wie könnte sie sonst oft von hervorragenden Persönlichkeiten, die der Fortbildung der Menschheit gerade durch die Pflege des Geistes förderlich gewesen sind, und von seltenen edlen und der Bewunderung würdigen Verhältnissen so wenig Notiz nehmen, daß diese fast im reißenden Strome der Ereignisse verschwinden? Die Aufzeichnungen der Geschichtsbücher sind eben auch ein unvollkommenes Menschenwerk.

Nie drängte sich mir diese Wahrheit schmerzlicher auf, als wenn ich in der allgemeinen Geschichte des vorigen Jahrhunderts die Würdigung einer deutschen Fürstin und ihres merkwürdigen Freundschaftsverhältnisses mit einer adligen Dame vermißte und in der speciellen Geschichte des kleinen Landes, dem sie im eigentlichen Sinne des Wortes als regierende Frau angehörte, nur so obenhin erwähnt fand, die es doch mehr als hundert Kriegs- und Staatsmänner verdiente, ausführlich besprochen und gewürdigt zu werden, weil sie und ihre Freundin hochedle, leuchtende Geistesträger waren, und ihr Freundschaftsverhältniß in der Geschichte hochgestellter Frauen kein Gegenstück hat.

Diese Fürstin war die Gemahlin des Herzogs Friedrich III. von Gotha und Altenburg, welcher von 1732 bis 1772 regierte, ihr Name: Louise Dorothee. Ihre Freundin war ihre Oberhofmeisterin Franziska von Buchwald, geborene Freiin von Neuenstein.

Die großartige Freundschaft dieser beiden Frauen erinnert in Bezug auf äußere Lebensstellung und innere hohe Begabung und Tüchtigkeit ungemein stark an die etwas spätere des Herzogs Karl August von Weimar und Goethe’s; denn man kann die Herzogin Louise Dorothee mit Fug und Recht einen weiblichen Karl August nennen, ebenso Frau von Buchwald einen weiblichen Goethe, wenn sie auch nicht als Schriftstellerin aufgetreten ist. Und merkwürdiger Weise war die Herzogin von Gotha die Pflegemutter und Erzieherin ihres früh verwaisten Cousins, des Erbprinzen Ernst August Constantin von Weimar, des schon im Jünglingsalter verstorbenen Vaters Karl August’s, und übte entscheidenden Einfluß auf die Wahl seiner Gattin, der ihr geistig so sehr ähnlichen Prinzessin Anna Amalia von Braunschweig. Frau von Buchwald aber war die Gönnerin Goethe’s, und er hat als junger Mann in Gesellschaft Herder’s und Wieland’s den Weg von Weimar nach Gotha oft gemacht, um im traulichen Zimmer der von ihm hochverehrten Oberhofmeisterin ihr und einem kleinen auserwählten Kreise, zu welchem der Dichter Gotter gehörte, seine jüngsten Geisteswerke vorzulesen, deren scharfsinnige Bewundererin sie war.

Auch trifft die merkwürdige Parallele auf überraschende Weise bis in die Details zu. Frau von Buchwald war auch um mehrere Jahre älter, als die Herzogin, und auch sie überlebte die fürstliche Freundin eine Reihe von Jahren und erreichte dasselbe Alter wie Goethe. Und ihre gesellschaftliche Stellung am gothaischen Hofe und in der Stadt Gotha in ihrem Greisenalter war ganz dieselbe, wie die des greisen Goethe am weimarischen Hofe und in der Stadt Weimar.

Louise Dorothee war als Tochter des regierenden Herzogs Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen am 10. August 1710 zu Coburg, welche Stadt damals zum Herzogthum Meiningen gehörte und wo ihr Vater mehrere Jahre residirte, geboren, von vier Geschwistern die einzige Prinzessin. Ihre Mutter, die Herzogin Dorothee Maria, eine Tochter des Herzogs Friedrich I. von Sachsen-Gotha und Altenburg und eine Schwester des Nachfolgers desselben, des durch seine Prachtliebe ausgezeichneten Herzogs Friedrich II., verlor sie schon in ihrem vierten Lebensjahre, worauf sich ihr Vater [586] 1714 mit einer Tochter des großen Kurfürsten von Brandenburg, Elisabeth Sophie, anderweitig vermählte.

Diese Fürstin war schon zwei Mal Wittwe, erst vom Herzog Friedrich Kasimir von Kurland und dann vom Markgrafen Christian Ernst von Brandenburg-Kulmbach (Bayreuth), und sie wurde es 1724 zum dritten Male vom Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen. Als die Prinzessin Louise Dorothee ihren Vater verlor zählte sie erst vierzehn Lebensjahre, und wie ihre Erziehung schon seit zehn Jahren von ihrer Stiefmutter geleitet worden war, so hatte die beklageuswerthe Vater- und Mutterwaise sich auch ferner dem Willen dieser Dame zu fügen.

Was das für eine Erziehung gewesen sein muß, geht am besten aus der drastischen und pikanten Charakterschilderung der verwittweten Herzogin von Meiningen hervor, welche die geistreiche Markgräfin Friederike Sophie Wilhelmine von Bayreuth[1] von dieser Fürstin, ihrer Großtante, in ihren Memoiren entworfen hat.

Die Bildung fürstlicher Kinder war im vorigen Jahrhundert ausschließlich eine sogenannte französische, d. h. enge, kümmerliche und und pedantische. Lehrer und Gouvernante, in der Regel geborene Franzosen von ungenügendem Wissen, verstanden nur das Eine gut, ihre Oberflächlichkeit durch steife Förmlichkeit und künstlichen Schliff zu verdecken. Auch die Herzogin von Meiningen kannte nichts Höheres und war drauf und dran, ihre Stieftochter in der herkömmlichen Weise abrichten zu lassen. Aber ein Glücksstern stand zu Häupten der Prinzessin und eine ungemein günstige Fügung des Geschickes führte ihr trotz aller Verkehrtheiten ihrer Stiefmutter eine gesunde Geistes- und Herzensnahrung zu und machte sie frühzeitig mit den echten Perlen und Edelsteinen des Schatzes der französischen Literatur bekannt.

Ihre Stiefmutter war auf ihre Abstammung vom großen Kurfürsten und auf ihre nahe Verwandtschaft mit dem mächtig aufstrebenden preußischen Königsjause stolz und überragte an Bildung die meisten fürstlichen Frauen der kleineren Häuser, aber sie ließ auch Beides im persönlichen Umgange mit ihrem Schauspieltalente fühlen. Sodann gehörte die verwittwete Herzogin, wie das ganze brandenburgische Fürstenhaus, der reformirten Kirche an; die sächsisch-ernestinischen Häuser hielten aber um so strenger am reinen lutherischen Glauben, als ihr Ahnherr, der Kürfürst Johann Friedrich der Großmüthige zum Märthyrer desselben geworden war, und die albertinische Linie in ihren vornehmsten Gliedern sich wieder zur katholischen Kirche bekehrt hatte. Seit den verunglückten Versuchen des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen, die beiden protestantischen Kirchen zu vereinigen, war die Entfremdung zwischen ihren Bekennern nur noch stärker geworden. Besonders zeigt sich die orthodoxen Lutheraner als die abgesagtesten Gegner der Calvinisten, und der Spruch: „lieber türkisch, als calvinistisch!“ galt als ihr Grundsatz. Es war natürlich, daß die Calvinisten ihnen einen gleichen Trotz entgegensetzten. An mehr als einem thüringischen Hofe hatte sich der fromme lutherische Glaubenseifer zum hallischen Pietismus niedergeschlagen, aber die Spener-Franke’sche Lehre von der innerlichen Gnadenwirkung war in diesen Fürstenconventikeln zum verschwommenen, hochmüthig weinerlichen Separatismus ausgeartet, welchem der demüthig stolze, oberflächliche, innerlich hohle und geistesarme Bekehrungseifer des damals noch jungen Grafen Zinzendorf sehr willkommen kam. Noch nicht Gegner seiner Lehrer, der Hallenser, sang und betete er in den Nachbarstädten Saalfeld, Rudolstadt und Jena mit höchsten und hohen, mit niederen und niedrigsten Personen. Eigentlich hatte er aber doch schon an dem Kunststück zu laboriren begonnen, wie er die ihrem innersten Wesen nach demokratische Christuslehre mit ihren einfach erhabenen Gestalten, welche die Reformation von ungebührlichem Prunke befreit und auf ihre ursprünglich einfache, sittliche Größe zurückgeführt hatte, in eine aristokratische Puppenstube verwandele.

In Gotha donnerte Cyprian als strenger Orthodox, wie in Leipzig Carpzov, in Dresden Löscher, in Hamburg Neumeister, eben so gegen den Calvinismus, wie gegen den Pietismus. – Der alten Herzogin von Meiningen war dagegen der Dogmatismus ebenso ein Gräuel, wie der Pietismus; sie verachtete die Privatandächtelei und den Gnadendurchbruch an den einen Höfen nicht minder, wie die gelehrte, auf die symbolischen Bücher fundirte Theologie an den anderen. Dafür wurde sie, die den strengsten Calvinismus zur Schau trug, der aber in Wahrheit das Bayreuther Silberservice, mit guten Speisen gefüllt, lieber war, als alle Religion, in demselben Grade, wenn nicht noch mehr, von ihren pietistischen und symbolgläubigen thüringischen Verwandten gehaßt und angefeindet. Es war also natürlich, daß man sie möglichst vermied, zumal sie als Wittwe eines kleinen Fürsten, dem sie nicht einmal Kinder geboren, in den Familienangelegenheiten nicht befragt wurde. Ihr beleidigter Stolz zog sich in eine abgeschlossene Stellung zurück, und ihre junge Stieftochter theilte selbstverständlich das Schicksal der Vereinsamung mit ihr.

Endlich lebte das meininger Herzogshaus schon seit Jahren in den verdrießlichsten Erbschaftsstreitigkeiten mit den übrigen von Herzog Ernst dem Frommen von Gotha und Altenburg abgezweigten Dynastien, und diese Streitigkeiten verzogen sich bis zu Louise Dorothee’s Mündigkeit.

Solche verschiedenartige Antipathien herrschten zwischen zahlreichen, hundertfach verwandten thüringischen Höfen.

Unter so deprimirenden Einflüssen verlebte Louise ihre stille Jugend in der kleinen, damals noch häßlichen Stadt Coburg. Aber diese abgeschlossenen und beschränkten Verhältnisse begünstigten die Ausbildung ihres reichen Geistes und Herzens und hielten jede schädliche Einwirkung wie eine schützende Mauer von ihr fern. Keine ungesunde Hoflust verdarb entfaltende köstliche Blüthe. Und diese Jugend war nicht freudenlos. Ihrem Genius hatte sich ein zweiter zugesellt, welcher ihm die höchsten und reinsten Schätze bot, die der hingebenden Liebe und aufopfernden Freundschaft. Kurz vor dem Tode ihres Vaters kam vom herzoglich würtembergischen Hofe zu Stuttgart ein jähriges Fräulein calvinistischen Glaubens als Hofdame der alten Herzogin von Meiningen nach Coburg, ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes und liebenswürdiges Wesen.

Juliane Franziska Freiin von Neuenstein war die die älteste Tochter des Freiherrn Philipp Jakob vonu Neuenstein aus dem Kanton Ortenau im Elsaß und der einem altfranzösischen Adelsgeschlecht entsprungenen Dame Jeanne Marguerite de Moysen de la Rochelogene und wurde 1707 zu Paris geboren, wo ihr Vater Oberjägermeister des Herzogs von Bouillon, ihre Mutter Hofdame von Herzogin Charlotte Elisabeth von Orleans, Gemahlin des Philipp I. von Orleans und Mutter des nachherigen Regenten von Frankreich, war. Aber schon in ihrem vierten Jahre zog Franziska von Neuenstein mit ihren Eltern, welchen als Hugenotten durch die Glaubensverfolgungen des von Jesuiten und Mainkenon gemißbrauchten alten und schwachsinnig gewordenen Königs Ludwig XIV. der Aufenthalt in Paris verleidet war, nach Stuttgart, wo der Vater Oberjägermeister des Herzogs Eberhard Ludwig von Würtemberg wurde. Die hochgebildete Mutter wurde der Tochter, die sich auf überraschende Weise entfaltete. Franziska hatte von ihrem Vater die deutsche Gründlichkeit, von ihrer Mutter den französischen Enthusiasmus. Zu einer Zeit, wo in Deutschland die Kenntnisse des schönen Geschlechts der der höheren Stände, selbst an den Höfen, selten über Gebetbuch und Katechismus hinausgingen, war Fräulein von Neuenstein in ihrem sechzehnten Jahre in allen schönen Wissenschaften bewandert. Und dabei besaß sie ein Herz, welches mit Recht ein Juwel genannt werden durfte.

Die jugendliche Prinzessin von Meiningen hatte gerade die rechte Empfängniß für ein Wesen, wie Franziska. Welch’ ein Leben begann nun für diese beiden keuschen, hochbegabten Seelen im einsamen coburger Schlosse! Wie ergänzten sie sich in einander und fluthend und flammend! Was kümmerte sie die widrige Sittenverderbniß an den meisten deutschen Höfen? Was die ärgerlichen Glaubenszänkereien? Sie lebten nur sich, der Kunst, der Poesie, der Natur. Es waren fünf selige Jahre, welche die beiden Freundinnen auf diese Weise genossen; es war das Paradies ihrer Jugend, und gerade die Abhängigkeit, in welcher sie von der dicken, stets im hohen Styl sprechenden Herzogin standen, erhöhte den Reiz ihres Lebens und wurde ihnen zur unerschöpflichen Quelle von Heiterkeit und Genuß.

Im Sommer 1729 wurde Louise Dorothee die Gemahlin des Erbprinzen Friedrich von Gotha und Altenburg, ihres Geschwisterkindsvetters.[2] Ihr Herz war bei dieser Wahl nicht befragt [587] worden. Der Erbprinz war ein gutmüthiger, für höhere sittliche Eindrücke nicht unempfänglicher Herr, fast zwölf Jahre älter als seine Gemahlin, von gewöhnlicher Begabung und ohne tiefere Bildung. Einen solchen Gatten konnte die geniale Fürstin nicht mit der Gluth und Schwärmerei lieben, deren ihre Seele fähig war, ja zu welcher sie das Bedürfniß hatte. Aber sie war ihm eine treue Gattin. Nie ist der reine Spiegel ihrer Tugend von einem leidenschaftlichen Hauche getrübt worden. Sie wachte streng über ihrem Herzen und hatte, so jung, so geistreich, so gefühlvoll und lebensfroh sie war, doch die größte sittliche Gewalt über sich. Aber die Kämpfe, die ihr das gekostet haben mag, konnten nicht ohne Einfluß auf ihr späteres Leben und ihren Charakter bleiben, und der dunkle Schatten, der auf das Leben ihres Sohnes, des Herzogs Ernst fiel, und das trübe, fast unheimliche Erlöschen des Fürstenhauses herbeiführte, hat in ihnen gewiß seine erste Wurzel. Für den Erbprinzen und das Land war diese Wahl vorerst vom reichsten Segen. Friedrich war eine lenksame Natur, und erkannte den hohen Werth seiner Gemahlin.

Die Trennungsstunde war für die beiden Freundinnen eine schwere. Die Erbprinzessin hatte ihrer Stiefmutter den Wunsch an’s Herz gelegt, das Fräulein von Neuenstein mit nach Gotha nehmen zu dürfen, aber die alte Herzogin konnte sich nicht entschließen, zugleich beide ihr theuern Wesen von sich zu geben. Oft flogen nun Briefe zwischen Gotha und Coburg hin und her, voll der reinsten und zärtlichsten Herzensergüsse, und kein Jahr verging, daß die Freundinnen sich nicht umarmten.

Schon im Frühling 1732 starb der Herzog Friedrich II. von Gotha und Altenburg erst im höheren Mannesalter, und Friedrich III. trat die Regierung der beiden Fürstenthümer an. Die schöne und fruchtbringende Wirksamkeit der Herzogin Louise Dorothee begann. Ihr Geist hatte nun die volle Reife und Festigkeit erlangt. Sie war das herrlichste und genialste Weib nicht allein des Landes, welches sie als Herrin verehrte. Vielleicht hatte das deutsche Reich keine zweite Frau, welche alle hohen und edlen Eigenschaften des Geistes und Herzens in so vollendeter Weise mit den anmuthigsten körperlichen Reizen vereinigte. Wer hätte in ihre Nähe kommen können, ohne von ihr entzückt und bezaubert zu sein! Um ihren Mund spielten die neckischen Götter süßer Schalkhaftigkeit und edlen Frohsinns; aus ihren Augen leuchtete vom Lichte der Jugend und Freude verklärtes Selbstbewußtsein; auf ihrer Stirn thronte die göttliche Majestät des Genies, und diese entfernte die Nebel der Unwissenheit, des unsittlichen Stolzes, der forcirten Frömmigkeit und des nüchternen Glaubenseifers, von welchen die Schlösser der Großen erfüllt waren, aus ihrer Nähe. Sie wollte die Sonne der Wissenschaft über ihrem Haupte rein glänzen sehen, und ihr Land davon erleuchtet und erwärmt wissen, und das Gestirn strahlte über Gotha, wie die Sonne des Geistes siegend aus dem Auge seiner Fürstin glänzte.

Als Herzogin wiederholte sie die Bitte um Franziska von Neuenstein bei ihrer Stiefmutter, aber mit nicht mehr Glück als früher, und erst im Jahre 1735, als sie zum ersten Male Mutterhoffnungen fühlte, erreichte sie das Ziel ihrer Wünsche. Erst nach sieben Jahren wurden die schönsten Wünsche des Fürstenpaares und des Landes erfüllt, aber nun erwachte auch die Sehnsucht nach der Jugendfreundin mit einer Stärke in Louise Dorothee’s Seele, deren stürmischem Verlangen die Herzogin-Wittwe von Meiningen nicht länger widerstehen konnte. Franziska siedelte als erste Hofdame nach Gotha über.

Von jenem Tage der Wiedervereinigung begann ein neues und höheres Leben am gothaischen Hofe, ein ideelles und spirituelles Wirken und Schaffen, wie es kein deutscher Hof weiter aufzuweisen hatte. Die beiden Freundinnen haben sich nicht mehr getrennt; in treuer Liebe sind sie zusammengestanden 32 Jahre lang, eng vereint bis zum Tode der Herzogin 1767, und sie haben Herrliches vollbracht; denn die glänzende Bildung und Humanität Gotha’s zu Ende des vorigen Jahrhunderts war allein ihr Werk. Diese Culturperiode ist freilich gänzlich abgeblüht, und ein unparteiisches Urtheil darüber zum Spruche gereift. Niemand wird die öffentliche Anerkennung der Verdienste dieser beiden Frauen heute eine Schmeichelei zu nennen wagen, und mit ehrfurchtsvollem Staunen darf sich das Auge zurück auf diesen einzigen Freundschaftsbund der beiden Frauen und ihre Größe richten.

Auch Franziska kam reif und gefestigt nach Gotha. Kein adliger Mann hatte es verstanden, ihr Herz zu gewinnen. Alle, mit welchen sie in Berührung gekommen, waren rohe und raffinirte Lüstlinge gewesen, hohle Puppen, bemüht, die sittliche Fäulniß ihres Wesens, an welcher die höhere Gesellschaft krank lag, mit Essenzen und Pomaden zu überduften, oder in ein Bußgewand zu stecken; Bacchus- und Nimrodsbrüder, oder weinerliche Frömmler oder galante lustige Betbrüder. Das waren keine Männer für ein Weib wie Franziska von Neuenstein. Und doch brachte sie ein lebhaftes Interesse für einen jüngeren Mann, als sie selbst war, mit an den Hof nach Gotha, und theilte dieses auch der fürstlichen Freundin mit. Dieser Mann war aber ein Fürst, dessen Gattin Franziska von Neuenstein nicht werden konnte: es war der Kronprinz Friedrich von Preußen.

Die Herzogin von Meiningen stand mit dem ihr blutsverwandten preußischen Hofe in enger Verbindung. Der König Friedrich Wilhelm I. war ihr Neffe. Das Familienunglück, welches die Jugend des Kronprinzen Friedrich verdüsterte, ging ihr nah. Noch innigern Antheil nahm ihre geniale Hofdame daran. Wenn die Augen von ganz Europa sich nach Potsdam und Berlin richteten, als die Flucht des Kronprinzen mißglückt war, durch welche er sich der Tyrannei seines Vaters hatte entziehen wollen, so zitterte in Coburg das Herz dieser Hofdame für das Leben dieses Prinzen; denn sie wußte aus den Familienbriefen, welche ihre Gebieterin empfing, wie sehr dasselbe gefährdet war. Bald nachdem dieser bedrohliche Sturm am Haupte des Kronprinzen vorübergegangen war, reisete die Herzogin von Meiningen mit ihrer Hofdame nach Berlin zur Vermählungsfeier der königlichen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine mit dem Erbprinzen von Bayreuth (1731), und hier sah Franziska zuerst und unerwartet den vom König begnadigten neunzehnjährigen Friedrich, der sie seiner besonderen Aufmerksamkeit würdigte, und von dessen künftiger Größe eine Ahnung in ihrer Seele aufging. Sie überzeugte sich in einigen Unterredungen mit ihm, daß er nicht nur ein genialer Mensch, sie fand auch, daß er ein ausgezeichneter Tänzer sei. Sie hatte die Freude, mit ihm Schwäbisch zu tanzen, worin sie als naturalisirte Schwäbin alle Damen des Berliner Hofes übertraf.

[604] Auf der Rückreise machte die Herzogin von Meiningen einen Besuch am gothaischen Hofe und Franziska ergoß die begeisterten Schilderungen vom Kronprinzen bei der Erbprinzessin und legte damit in Louise Dorothee’s Seele den Grund zu der hohen und innigen Verehrung Friedrichs, welche sie ihm ihr Leben lang treu bewahrt hat.

Drei Jahre später (1734) kam der König von Preußen mit dem Kronprinzen zu seiner Tante nach Coburg, auf einer Reise begriffen, um das Hülfscorps zu besichtigen, das er zur kaiserlichen Armee am Rhein marschiren ließ. Nie konnte es Franziska vergessen und in ihrem späteren Leben liebte sie es, oft zu erzählen, daß der König den Kronprinzen seiner Tante mit den Worten vorgestellt habe: „Da bring’ ich Ew. Liebden meinen großen Jungen.“

– „Ja wohl war’s ein großer Junge!“ pflegte die Erzählerin [605] mit einer launigen Gebehrde hinzuzusetzen. Das Epitheton ist für alle Zeiten an ihm haften geblieben.

Von Gotha richtete sich die Aufmerksamkeit der beiden Freundinnen auf das kleine Schloß Rheinsberg, wo Friedrich ganz in ihrem Sinne und Geschmacke, von geistreichen Freunden umgeben, sich dem reizvollen Cultus des Genie’s ergab; ebenso auf das alte Schloß Cirey in Lothringen, wo Voltaire bei der gelehrten Besitzerin desselben, der schönen Marquise du Chatelet, der „göttlichen Emilie“, wie sie Friedrich der Große in einer an sie gerichteten Epistel nannte, wohnte und Geisteswerke schuf, die seinen Namen, mit den unsterblichen Kränzen des Ruhmes geschmückt, über Europa trugen. Die Strahlen, welche von Schloß Cirey ausgingen in den „Elementen der Newton’schen Philosophie“, in den „Gesprächen über den Menschen“, in den Tragödien „Alzire“, „Merope“, „Mahomet“, vergoldeten zuerst die Alpengipfel des Geistes, die geistig und gesellschaftlich hochgestellten Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, und unter ihnen stehen die beiden Freundinnen in Gotha in vorderster Reihe. Mit Stolz darf das Wort ausgesprochen werden, wie der königliche Friedrich der erste Priester des neuen Geistescultus war, so waren Louise Dorothee von Gotha und Franziska von Neuenstein seine ersten Priesterinnen in Deutschland, und wenn sie in der Geschichte nicht so strahlend hervortreten, als ihr Zeitgenosse, der königliche Philosoph und Feldherr, und als das später in sein Zenith tretende Doppelgestirn Karl August’s und Goethe’s, so liegt das in ihrem bescheideneren und stilleren Frauenloose; aber sie haben eben so redlich wie Jener und Diese das Ihrige gethan, die Arbeit des Geistes auf Erden zu fördern.

Von jenen Tagen beginnen ihre Verbindungen mit allen ausgezeichneten Geistern der Zeit, die im Dienste der aus dem damals noch rohen und dumpfen Materialismus, aus der bunten Petrefactenwelt der kirchlichen Zustände auf der einen und aus dem nicht minder starren Dogmatismus der Orthodoxie auf der andern Seite, aus der Chrysalide des Mysticismus und aus der Verschwommenheit des Pietismus sich emporringenden Menschheit standen. Fast die Dauer eines Menschenalters hindurch war der gothaische Hof durch diese beiden Frauen eine Pflegestätte der Wissenschaften und Künste und blieb es auch nachher noch eine geraume Zeit, als Louise Dorothee’s Genius nicht mehr dort unmittelbar waltete. Außer Voltaire waren es Diderot, d’Alembert, Baumele, Holbach, Helvetius, Grimm, mit welchen das hohe Frauenpaar nach einander in briefliche Verbindung kam und deren Werke es studirte. Der Natur der Sache nach mußten sie dem aufstrebenden Genius der Menschheit, als er seine tausendjährigen Fesseln abzuschütteln begann, in den Werken französischer Schriftsteller huldigen; schleuderten doch deutsche Gelehrte, wie Holbach und Grimm, von Paris aus ihre Gedankenblitze gegen die alten Götzen in französischer Sprache in die Welt. Aber die beiden Freundinnen ließen keineswegs den deutschen Genius unbeachtet, als er sich anschickte, die erste Schlangenhaut des Pedantismus abzustreifen. Der Name des deutschen Geistesherkules, des rechtskundigen Bekämpfers der Hydra Aberglaube, Christian Thomasius, war am gothaischen Hofe ein mit Ehrerbietung genannter, wo man sich selbst von der Trockenheit der Wolf’schen Philosophie nicht zurückschrecken ließ, welche damals alle guten Köpfe Deutschlands beschäftigte. An der Hand eines Magisters Schenk, welcher Informator der beiden Prinzen von Meiningen, Brüder der Herzogin, gewesen und von dieser nach Gotha berufen war, ihr und der Freundin Vorträge zu halten, wagten sie sich auf das Gebiet des speculativen Denkens. Noch mächtiger wurden sie von den bedeutenden Entdeckungen angeregt, welche im Bereich der Naturwissenschaften gemacht wurden. Sie studirten die naturgeschichtlichen Werke der Marquise du Chatelet, stolz und glücklich, daß ihr Geschlecht sich im Forschen und Ringen nach Erkenntniß so ruhmreich betheiligte. Professor Hamberger von Jena führte ihnen 1742 die wichtigsten physikalischen Experimente vor, und als nur wenige Jahre darauf die Erscheinungen der Elektrizität Aufsehen zu machen begannen, schickte Professor Winkelmann in Leipzig, einer der Ersten, welche in Deutschland diesen Zweig der Naturwissenschaften cultivirten, einen seiner Schüler mit einer Elektrisirmaschine von seiner Erfindung nach Gotha, um den Hof damit bekannt zu machen.

Jean Jacques Rousseau erzählt in seinen Bekenntnissen, daß ihm die Herzogin von Gotha ein Asyl anbot, als er vom Unverstand seiner Landsleute von der Petersinsel im Bielersee vertrieben wurde.

Schon war Franziska vier Jahre in Gotha, als sie den Bitten der Freundin nachgab und ihre Hand einem würdigen, ebenfalls nicht mehr jungen Hofherrn, dem classisch gebildeten Oberhofmeister Schal Hermann von Buchwald reichte. Es war eine Anstands-, keine Herzensverbindung; aber Franziska’s Schwärmerei gefiel sich in dem Gedanken, auch in dieser Beziehung nicht glücklicher zu sein, als ihre fürstliche Freundin. Es war ein eigenthümliches Geschick, gewissermaßen eine in die äußersten Spitzen verlaufende Rache der von einem Uebermaße von Geistigkeit doch beleidigten Natur, daß diese beiden Frauen, welche auf der Sonnenbahn des Geistes ein Ziel erreichten, welches dem schönen Geschlecht selten zu Theil wird und auch, beim rechten Lichte besehen, über die Grenzen der weiblichen Capacität hinausliegt, die süßesten und sanftesten Gefühle, für die das Weib vorzugsweise geschaffen ist und zu welchen wohl keins mehr Befähigung und Anlage hatte, als gerade sie, niemals befriedigen durften. Der Frühling des Herzens, die Liebe, überschüttete sie nie mit feinen duftenden Purpurblüthen: sie mußten sich mit den Blumen und Früchten des Geistes begnügen. Die sichtbare Rache dieser Versündigung am Herzen trat später im unglücklichen Leben des edlen, hochherzigen Herzog Ernst hervor. – Franziska gab als Frau von Buchwald ihre Stellung als Hofdame auf, blieb aber in der unmittelbaren Nähe der Herzogin, ja, sie behielt sogar ihre Wohnung auf dem Schlosse Friedenstein und wurde bald darauf zur wirklichen Oberhofmeisterin der Fürstin ernannt, womit sie die höchste Würde erreicht hatte, welche die Freundin ihr bieten konnte.

Auch die Regierungsgeschäfte gehörten zum Ressort der beiden so engverbundenen Frauen und wenn die Herzogin den Sitzungen des Ministeriums beiwohnte und ihre maßgebende Stimme abgab, so nahm die Oberhofmeisterin gewissermaßen die Stelle eines Cabinets-Ministers ein.

Man kann sich denken, mit welchem Jubel sie ihr Idol auf dem preußischen Königsthrone begrüßten!

Für die verschiedene Geistesrichtung der beiden Freundinnen ist es bezeichnend, daß, als J. J. Rousseau’s Stern am Literaturhimmel des gebildeten Europa aufging und sein Glanz Voltaire’s Neid erregte und dessen unwürdige Angriffe hervorrief, die Herzogin Voltaire’s, die Oberhofmeisterin Rousseau’s Partei nahm.

Als Voltaire durch seine unedlen Leidenschaften seinen königlichen Verehrer so gegen sich erbittert hatte, daß er am 26. April 1753 Berlin verlassen mußte, besuchte er auf der Rückreise nach seinem Vaterlande den gothaischen Hof, wo er mit offenen Armen aufgenommen wurde und fast bis zu Ende des Monats Mai verweilte. Seine Bewunderung und Ehrfurcht gegen die beiden Freundinnen, deren Umgang den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht hatte, spricht sich in seinen Briefen und Memoiren in voller Weise aus. Die Herzogin nennt er „die beste Prinzessin der Erde, die sanfteste, weiseste, die gerechteste.“ Die Oberhofmeisterin redete er in einem Briefe also an:

Grande maîtresse de Gotha
Et des coeurs grande maîtresse.

Er kann gar nicht glänzende Worte genug finden für das hohe Glück, das er „à la cour enchantresse de Gotha“ „dans ce palais enchanté“ bei „la Minerve de l’Allemagne“ genossen. Er wollte auch durchaus nach Gotha zurückkehren, um seine Reichsannalen, mit deren Abfassung er sich von der Herzogin hatte beauftragen lassen, obgleich er weder Lust, noch Talent, noch Kenntnisse für ein solches Werk hatte, dort zu vollenden. Und doch hatte er das Klima in Gotha abscheulich gefunden. Sein Körper fror, aber die Seele des neunundfünfzigjährigen Philosophen stand in Flammen, welche die hohe Liebenswürdigkeit der beiden Frauen entzündet hatte. Seine Briefe an die Herzogin, welche im herzoglichen Archiv zu Gotha aufbewahrt werden, reichen bis ein Jahr vor ihren Tod (1766).

Nicht anders erging es Friedrich dem Großen, als er die persönliche Bekanntschaft der Herzogin von Gotha gemacht und die ihrer Oberhofmeisterin erneuert hatte. Auch er ist wie berauscht von den hohen und glänzenden Eigenschaften der beiden Damen und auch zwischen ihm und der holden genialen Fürstin entspinnt sich ein Briefwechsel, welcher die charakteristischen Eigenschaften Beider zur Erscheinung bringt und die Verehrung ausdrückt, welche sie für einander hegen. Dieser Briefwechsel ist in der von Preuß zusammengestellten Prachtausgabe der Werke des Königs abgedruckt. Aus ihren Briefen lernt man die fürstliche Frau kennen und überzeugt sich, daß der ihr von Voltaire gegebene prächtige Name der [606] „deutschen Minerva“ keine leere Schmeichelei war. König Friedrich hat seine Freundin und Verehrerin zwei Mal in Gotha besucht, beide Male während des siebenjährigen Kriegs, 1757 und 1762. Der erste dieser Besuche ist mit eigenthümlichen Umständen verknüpft. Bei dem bekannten Ausbruch des Krieges, dem Einfalle Friedrich’s in Sachsen, war man in Wien ungehalten auf den gothaischen Hof, weil derselbe ein Bündniß mit England abgeschlossen (die Prinzessin von Wales, Auguste, Mutter des Königs Georg III., war die Schwester des Herzogs Friedrich III. von Gotha und Altenburg) und sich Preußen geneigt gezeigt hatte. Der Kaiserin Marie Theresie war die Verehrung der Herzogin Louise Dorothee für König Friedrich bekannt und sie war derselben deshalb nicht gnädig gesinnt. Nicht ohne Besorgniß erfuhr man in Gotha, daß das kleine Land ausersehen sei, den Vereinigungspunkt der französischen und der Reichsarmee zu bilden. Ein französisches Corps fiel im August unvermuthet im Herzogthum ein und verlangte unter dem Vorgeben, als habe der Herzog seine Verpflichtung als Reichsfürst nicht erfüllt, eine große Contribution, die inzwischen nie bezahlt wurde.

Am 21. August kam das französische Hauptheer nach Gotha, Tags darauf sein Befehlshaber, der seine und liebenswürdige Prinz Soubise, der Günstling der Frau von Pompadour. Die Reichsarmee unter dem Prinzen von Hildburghausen bezog wenige Tage später ein Lager zwischen Arnstadt und Ichtershausen. Prinz Soubise begab sich am 25. August mit seinem Generalstabe nach Erfurt, wo die Vereinigung mit der Reichsarmee stattfinden sollte; täglich gingen französische Durchmärsche durch Gotha. Plötzlich erfuhr man das Heranrücken der preußischen Armee unter dem König. Die Reichsarmee zog sich erschreckt durch das gothaische Land nach Eisenach zurück. Die ganze französische Armee warf sich von Weimar und Erfurt zurück nach Gotha. Die Preußen kamen heran; es schien, als sollte es hier zu einer entscheidenden Schlacht kommen. Aber die französische Armee zog am 13. September nach Eisenach. Dafür rückten österreichische Truppen in Gotha ein. Am 15. September früh zeigten sich plötzlich preußische Dragoner in der östlichen Umgebung der Stadt, es kam zu einem kleinen Scharmützel, die Oesterreicher und was noch von Franzosen da war, zogen sich eilig über die westlichen Höhen nach Eisenach zu. Prinz Soubise, vom Zauber des gothaischen Hofes zurückgehalten, soll mit Mühe in der weißen Jacke und Küchenschürze eines französischen Kochs entkommen sein.

Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, der König sei selbst da und reite bereits in die Stadt. Der Zulauf und Jubel der Bevölkerung war ungeheuer. Gegen 3 Uhr kam der gefeierte Held mit seinen Generalen auf Schloß Friedenstein an, wo er von der herzoglichen Familie im Hofe empfangen wurde. Dem Herzog bezeigte der König auf freundliche, verbindliche Weise seine Theilnahme an der beängstigenden Lage, in welcher er sich befinde, der Herzogin eine Hochachtung und Aufmerksamkeit, welche selbst seine Umgebung in Erstaunen setzte. Er führte sie zur Tafel, an welcher seine Generale mit der herzoglichen Familie und auf des Königs ausdrücklichen Wunsch Frau von Buchwald, „seine alte, gute Freundin“, wie er sie nannte, Platz nahmen, und welche bereits für die österreichischen und französischen Officiere servirt war. So ereignete sich das komische Qui-pro-quo, daß für die Oesterreicher gekocht und gedeckt war und die Preußen speisten. Nach der Tafel küßte der König der Herzogin sogar die Hand, bei ihm etwas Unerhörtes, und empfahl sich wieder. Er ritt nach Erfurt zu und übernachtete im Dorfe Gamstedt.

Beim zweiten Besuch hatte der König die schweren Schläge des Jahres 1761 überstanden. Die Welt hatte ihn für verloren gehalten, aber wider Aller Erwarten war im Laufe des Jahres 1762 sein Stern glänzender, als je, aufgeflammt. Nach der Niederlage der Oesterreicher durch den Prinzen Heinrich, Bruder des Königs, bei Freiberg am 29. October, wurde ein Waffenstillstand abgeschlossen, der Husarengeneral von Kleist züchtigte mit 1000 Mann überraschend schnell die noch widerspenstigen Reichsstände, Frankreich schloß mit England Friede; die Waffen ruhten überall. Da gedachte der große König die Muße zu einem zweiten Besuche bei seiner verehrten Freundin in Gotha, mit welcher er selbst während des Krieges in lebhaftem Briefwechsel gestanden hatte, zu benutzen. Am 3. December langte er mit dem Prinzen Heinrich in einem mit acht Pferden bespannten Wagen an, auf das Ehrenvollste empfangen. Als er aus seinen Zimmern zur Tafel abgeholt wurde, erschien er zum Erstaunen seiner Umgebung in Schuhen und seidenen Strümpfen. Seit dem Kriege hatte man ihn nicht in solchem Costüme gesehen. Mit ungemeiner Galanterie führte er die Herzogin unter den für ihn selbst bestimmten Baldachin und nahm neben ihr Platz. Er sprach und lachte während der Tafel ungewöhnlich viel und fühlte sich dem Anscheine nach sehr wohl. Nach der Tafel begleitete der König die Herzogin auf ihr Zimmer, wo er, die herzogliche Familie, Prinz Heinrich und die Frau von Buchwald (sie gehörte also ganz zum fürstlichen Hause) sich ohne Zeugen unterhielten. Aufflackernd vor Entzücken über die geistreichen Dinge, die der König sprach, rief die Oberhofmeisterin plötzlich: „Ach, welcher Mann! Ich muß mich vor ihm beugen.“ Der König versetzte lächelnd: „Nein, Madame, es ist an mir, vor Ihnen auf die Kniee zu fallen und ich sterbe vor Vergnügen. Aber ich tauge nichts zu Scenen großer Leidenschaften.“

Um 11 Uhr entfernte sich der König, um auf seinem mitgebrachten Feldbette zu ruhen. Am folgenden Morgen musicirte er auf der Flöte, nahm dann Abschied von der fürstlichen Familie und fuhr um 7 Uhr früh, begleitet von einem starken Commando, über Langensalza und Freiburg nach Leipzig zurück, wo er sein Winterquartier nahm.

Es ist auffallend, daß die herzogliche Familie diese Besuche später nicht erwiderte. Niemals ist Louise Dorothee nach Berlin gekommen. Vielleicht hielt sie zunehmende Kränklichkeit davon ab. So scheinen sich auch die Herzogin und die ihr ähnliche (nur milder war Louise Dorothee) und mit ihr im gleichen Alter stehende Markgräfin von Bayreuth nicht persönlich gekannt zu haben, obgleich der von der Herzogin gestiftete Orden der lustigen Einsiedler auf dem Lustschlosse Friedrichswerth eine Nachahmung des Einsiedlerordens auf der Eremitage bei Bayreuth war. – [3]

Die französischen hohen Officiere, welche während des Kriegs Gäste auf Schloß Friedenstein waren, zeigten sich nicht minder entzückt von den Eigenschaften der Herzogin. Prinz Soubise, Graf Lugnac, Graf Scey und Andere überboten einander in Lobeserhebungen und Artigkeiten; sie nannten Gotha das zweite Versailles. Ein Marquis de Custine, welcher bei Roßbach drei Säbelhiebe in den Kopf erhalten hatte, an welchen er sterben mußte, begann im heftigen Wundfieber einen sehr drolligen Brief in Versen an die vergötterte Herzogin, den zu vollenden ihm der Tod verwehrte.

Im Anfange ihres Wirkens als Herzogin hatte Louise Dorothee eine eigenthümliche Stellung zu ihrem der bissigsten Orthodoxie ergebenen Hofprediger, Kirchenrath Cyprian, der sich wohl gern den lutherischen Papst nennen hörte. Er donnerte in der Schloßkirche ihr sein Verdammungsurtheil ihrer philosophischen Richtung in die Ohren, ja er ging einst so weit, zum Thema einer Predigt den Satz aufzustellen: Alles Uebel kommt uns aus Meinungen. (Die Doppelsinnigkeit entspringt aus der damals mehr gebräuchlichen Form Meinungen für Meiningen.) Sie urtheilte mild über den Zionswächtereifer des Mannes, und unterwarf sich allen kirchlichen Formen. Im Beichtstuhl redete er sie einst ebenso pathetisch als abgeschmackt an: „Durchlauchtigste gnädigste Herzogin! Große, große, erhabene Sünderin!“ Auf dem Rückwege nach ihren Gemächern lächelte der sie begleitende Page. „Er hat gewiß gehorcht?“ fragte ihn die Fürstin. „Je nun, der Mann meint es doch gut.“

Als Zinzendorf, dessen religiöse Richtung von der ihrigen so himmelweit verschieden war, aus seinem Vaterlande vertrieben, sie bat, mit seinen Glaubensgenossen eine Synode in Gotha halten zu dürfen, wurde ihm vom Herzog auf ihren Betrieb gegen Cyprians und des Oberconsistoriums Willen, die Erlaubniß dazu ertheilt. Ihrem Einfluß war es zuzuschreiben, daß der Versuch, eine Herrnhutercolonie in Neudietendorf zu errichten, endlich doch nicht [607] mißlang. So großartig tolerant war diese fürstliche Frau. – Nach Cyprian’s Tode erhielt freilich ein persönlicher Freund J. J. Rousseau’s und Voltaire’s, Klüpfel, dessen Stelle, ein ausgezeichneter Gelehrter, aber rationaler Theolog, ja, wenn man mündlichen Ueberlieferungen unbedingt trauen darf, ein Stück Freigeist und eine Art französischer Abbé. Ein merkwürdiger Contrast zwischen Cyprian und ihm! Die Extreme berühren sich. Gotha’s Bildung hat Klüpfeln viel zu verdanken.

Erst 57 Jahre alt, starb die Herzogin, fest in ihren Grundsätzen. Ihre Freundin überlebte sie 22 Jahre, und genoß bis an ihren späten Tod die höchste und ausgezeichnetste Achtung am gothaischen, wie an den übrigen thüringischen Höfen, in Stadt und Land. Zuletzt wurde Frau von Buchwald von Jedermann „la Maman“ genannt, selbst von den hohen Gästen des herzoglichen Hauses. Sie war die Liebe und Wohlthätigkeit selbst; wie ein höheres Wesen waltete sie auf Schloß Friedenstein, wo sich ihr Name an der Gallerie, die sie bewohnte, verewigt hat. („Die Buchwald’sche Gallerie.“) An Kunst und Poesie blieb ihr ein lebendiges Interesse bis fast zu ihrem Ende, und mit ganzer Seele freute sie sich der großartigen Entwickelung des deutschen Genius. Wieland, Herder und Goethe waren mit ihr in Verbindung. Oberon, Egmont u. A. wurden „am grünen Kanapee“ (in ihrem Boudoir) im Manuscript vorgelesen. Der berühmte Thalberg schrieb eine besondere Brochüre über sie.

Ueber ihre greisen Züge vermochte zuletzt der Widerschein des ersten Gluthstrahls der Neuzeit nicht mehr zu zucken. Paris war ihre Geburtsstadt, aber Frau von Buchwald war in der letzten Zeit ihres Lebens abgestorben für die Außenwelt. Sie starb eben so unbekehrt, wie ihre Freundin, am 19. December 1789. Der Dichter Gotter dichtete folgendes Distichon auf sie:

Lange die Zierde der Menschheit, entschlief sie müde des Lebens,
Aber noch immer dem Wunsch zärtlicher Freundschaft zu früh.





  1. Siehe Gartenlaube 1856. Nr. 28.
  2. Es bat sich die Sage erhalten, die holde und geniale Prinzessin von Meiningen sei von ihrer Stiefmutter dem Großneffen derselbenm den Kronprinzen Friedrich von Preußen, zur Gemahlin bestimmt gewesen; die Partie habe sich aber an der Abneigung des Königs oder der Königin gegen eine solche Verbindung zerschlagen. Man kann sich des Gedankens nicht entschlagen: was würde aus Friedrich dem Einzigen geworden sein, wenn Louise Dorothee seine Gemahlin und die Mutter seiner Kinder geworden wäre! Und wie weit großartiger würde sich der preußische Staat, würde sich Deutschland entwickelt haben.
  3. Wie ich im Jahrgang 1856 der Gartenlaube das Bild der berühmten Markgräfin in der Ordenstracht der Einsiedler gab, so führe ich heute das Bild ihrer Geistesverwandten, der Herzogin von Gotha, ebenfalls in der Ordenstracht der lustigen Einsiedler von Friedrichswerth, deren Priorin sie war, vor. Das Original befindet sich in köstlicher Farbenfrische im sogenannten Damenzimmer des Schlosses zu Molsdorf, diesem einst so berühmten Lustsitze des Grafen Gotter. Ich werde diesen merkwürdigen Mann und sein Schloß in einem spätem Artikel besprechen, eben so werde ich interessante Mittheilungen über Friedrichswerth und die lustigen Einsiedler machen, obgleich sie von einer andern, aber mit den Verhältnissen nicht genau bekannten Feder in diesem Blatte schon kurz abgehandelt worden sind. Die Herzogin trägt den bebänderten Schäferstab und an der Busenschleife die bedeutungsvolle Ordensdevise: Vive la joie! welche auch in den vier Deckenecken des großen Saales zu Molsdorf en relief mit goldenen Lettern prangt. – Von Frau von Buchwald habe ich leider kein Bild weiter auftreiben können, als das nach einer von Fr. Wilh. Döll gearbeiten Marmorbüste, die sie als hohe, ehrwürdige Greisin darstellt.