Juedischer Krieg/Buch III 8-10

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Juedischer Krieg
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Achtes Capitel.
Josephus in der Höhle von Jotapata. Verhandlungen mit den Römern und den Gefährten. Tod der letzteren. Josephus wird vor Vespasian gebracht. Seine Vertheidigung und Begnadigung.

340 (1.) Die Römer begannen nun eifrig die Suche nach Josephus, sowohl um ihre eigene Rache an ihm zu kühlen, als auch ganz be- [263] sonders wegen des Feldherrn, dem an der Gefangennahme des Josephus sehr viel gelegen war, weil damit das größte Stück Arbeit im Kriege gethan zu sein schien. Zu diesem Zwecke untersuchten sie die Todten, wie auch die verstecktesten Winkel der Stadt. 341 Doch dem Josephus war es noch im letzten Moment, da eben die Stadt genommen war, geglückt, sich mitten durch die Feinde, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, hindurchzustehlen und in eine tiefe Cisterne hinabzuspringen, von der seitwärts eine breite und von oben nicht wahrnehmbare Höhle abzweigte. 342 Hier traf er bereits vierzig vornehme Männer mit einem so bedeutenden Vorrath von Lebensmitteln, dass man damit schon geraume Zeit das Auslangen finden konnte, versteckt an. 343 Während des Tages blieb nun Josephus wegen der Feinde, die alles besetzt hielten, in seinem Schlupfwinkel, aber bei der Nacht kam er herauf, um nach einer Lücke zu spähen, die ihm die Flucht gestattete, und nach den Stellungen der Wachen Umschau zu halten. Da jedoch alles in der Runde gerade seinetwegen scharf bewacht war, so dass er auf der Flucht sicher entdeckt worden wäre, so musste er wieder in die Höhle hinabsteigen. 344 Zwei Tage blieb er so versteckt. Am dritten aber wurde er durch eine Frau, die auch mit in der Höhle gewesen und von den Römern aufgegriffen worden war, verrathen. Auf der Stelle schickte nun Vespasian hocherfreut die Tribunen Paulinus und Gallicanus hin, um dem Josephus Gnade anzubieten und ihn aufzufordern, dass er von selbst heraufkommen möge.

345 (2.) Vor der Cisterne angelangt, sprachen sie auf den Mann ein und gaben ihm ihr Wort, dass ihm nichts geschehen werde. Aber gerade von dem letzteren vermochten sie ihn durchaus nicht zu überzeugen, 346 da Josephus ja einzig und allein aus der Erwägung, was ein Mann mit einer solchen Vergangenheit und Haltung gegen die Römer ganz natürlich zu erwarten hätte, nicht aber aus dem Charakter der sonst ganz humanen Männer, die ihm zuredeten, seine Verdachtsgründe geschöpft hatte. Er hegte daher die Furcht, dass man ihn nur in den Tod locken wolle, bis endlich Vespasian noch einen dritten, den Tribun Nikanor, zu ihm schickte, einen Mann, der mit Josephus schon lange bekannt und befreundet war. 347 Beim Brunnen angekommen, schilderte ihm dieser die natürliche Milde der Römer gegen jene, die sie schon überwunden hätten, und wie Josephus von ihren Anführern wegen seines Heldenmuthes eher bewundert, als gehasst werde. 348 Auch der Oberfeldherr wolle ihn nicht etwa darum herausbekommen, um ihn der Strafe zuzuführen, die er ja auch dann über ihn verhängen könnte, wenn er nicht herausgehen würde, sondern weil er im Gegentheil einen so wackeren Mann durchaus gerettet wissen wolle. [264] 349 Endlich, bemerkte Nikanor noch, würde weder Vespasian ihm seinen Freund geschickt haben, wenn er Hintergedanken hätte, um auf solche Art das Edelste, was es gäbe, die Freundschaft, zum Deckmantel für das schwärzeste Verbrechen, die Treulosigkeit, zu benützen, noch würde er selbst seinen Auftrag angenommen haben, um einen Freund zu überlisten.

350 (3.) Als Josephus auch auf das Zureden Nikanors hin noch immer schwankte, wollte sich schon die gereizte Soldateska aufmachen, um mit Feuerbränden die Höhle auszuräuchern. Aber der Heerführer, der viel darum gab, den Mann lebendig zu bekommen, hielt sie noch zurück. 351 Unterdessen lag Nikanor dem Josephus unausgesetzt an, und musste letzterer auch bereits die Drohungen der feindlichen Scharen vernehmen, als ihm mit einemmale die Erinnerung an jene nächtlichen Gesichte aufstieg, in denen ihm Gott die über die Juden hereinbrechenden Unglücksschläge und die künftigen Geschicke der römischen Kaiser vorausverkündigt hatte. 352 Denn Josephus beschäftigte sich auch mit der Traumdeutung und war imstande, die dunkelsten Aussprüche der Gottheit auszulegen. Waren ihm ja doch als Priester und Priestersprössling die Weissagungen der heiligen Bücher kein unbekanntes Land! 353 So richtete er denn zur selben Stunde, vom Wehen Gottes ergriffen und aufs neue vom Schauer der jüngsten Traumbilder durchrieselt, aus der Stille seines Herzens folgendes Gebet an Gott: 354 „Da dir, o Schöpfer des jüdischen Volkes, es also wohlgefällt, dasselbe bis in den Staub zu beugen, und alles Glück sich auf die Seite Roms gewendet hat, da du ferner meine Seele auserwählt hast, das Kommende zu enthüllen, so übergebe ich freiwillig den Römern meine Hände, um zu leben. Du aber bist mein Zeuge, dass ich nicht als Verräther, sondern als dein Diener zu ihnen übergehe.“

355 (4.) Mit diesen Worten ergab er sich dem Nikanor. Als aber die Juden, die mit ihm im selben Verstecke waren, sehen mussten, wie er der Aufforderung Folge leisten wollte, da scharten sie sich um ihn und schrien: 356 „Seufzet auf und stöhnet, ihr Gesetze unserer Väter, und Gott selbst möge sein Antlitz verhüllen, derselbe Gott, welcher den Juden einst eine Seele voll Todesverachtung eingehaucht hat! 357 Wie, Josephus, so feige hängst du am Leben und kannst es über dich bringen, als Sclave das Licht der Sonne zu schauen? O wie schnell hast du dich selbst vergessen! Wie viele hat einst dein Wort begeistert, für die Freiheit zu sterben! 358 Also eitel Lüge ist der Ruhm der Mannhaftigkeit, eitel Lüge der Ruhm der Verständigkeit, der dich einst zierte! Oder kannst du wohl als verständiger Mann bei jenen Rettung hoffen, die du einst so erbittert bekämpft hast? Und wenn du auch sicher [265] darauf rechnen könntest, kannst du denn ein tapferer Mann bleiben und dabei von solchen Leuten Pardon erbetteln? 359 Doch wenn auch du unter dem Zauber von Roms Waffenglück dich selbst, sozusagen, nicht mehr kennst, so ist es eben an uns, den Ruhm unserer Väter nicht beschmutzen zu lassen. Wir bieten dir unsererseits Hand und Schwert: gehest du freiwillig in den Tod, so wirst du als Feldherr der Juden, willst du ihm ausweichen, als Verräther sterben!“ 360 Mit diesen Worten schwangen sie ihre Schwerter über Josephus und drohten ihn niederzuhauen, wenn er sich den Römern fügen sollte.

361 (5.) Da Josephus fürchten musste, es könnten die Juden wirklich über ihn herfallen, und auf der anderen Seite es für einen Verrath an der ihm von Gott übertragenen Aufgabe ansah, wenn er vor der Ausführung seiner Botschaft in den Tod gienge, 362 so begann er nun in seiner bitteren Verlegenheit allerhand weise Betrachtungen anzustellen: „Warum sind wir denn, meine Freunde,“ sprach er, „gar so blutdürstig gegen uns selbst und suchen das, was in schönster Freundschaft miteinander lebt, Leib und Seele meine ich, durcheinanderzubringen? Ich bin nicht mehr der alte, höre ich sagen. 363 Nun, was das betrifft, so haben darüber wahrlich die Römer ein Urtheil! »Es ist schön, im Kriege zu sterben,« aber wohlgemerkt, nach dem Kriegsrechte, das heißt, unter der Hand des siegenden Feindes. 364 Wenn ich mich also feige vor der Klinge des Römers verkrieche, so bin ich allerdings gut genug, um durch mein eigenes Schwert und meine eigene Hand zu enden. Wenn aber die Römer ein Gefühl der Schonung für den Feind anwandelt, ist es in diesem Falle nicht weit mehr noch eine Forderung der Natur, dass auch wir selbst mit uns Mitleid haben? Denn es ist gewiss eine Thorheit, genau dasselbe uns selbst zuzufügen, was wir eben durch unseren Kampf mit den Römern von uns abwehren wollten! 365 »Schön ist es,« sagt man weiter, »für die Freiheit zu sterben:« das behaupte auch ich, aber im Kampfgewühle muss es sein und unter den Streichen derer, die uns die Freiheit rauben wollen. In diesem Augenblicke jedoch ziehen die Römer weder in den Kampf gegen uns, noch wollen sie uns überhaupt ans Leben. Ein Feigling ist aber ebensogut der, welcher nicht sterben will, wenn er soll, wie jener, welcher sterben will, wenn er nicht soll. 366 Ja, was hält uns denn alle für eine Furcht jetzt ab, gleich zu den Römern hinaufzusteigen? Ist es nicht die Furcht vor dem Tode? Und nun sollten wir denselben Tod, den wir von der Hand der Feinde fürchten, und der nicht einmal sicher ist, über uns selbst, und zwar unabweislich verhängen? »Aber nein, die Knechtschaft fürchten wir,«  wird Jemand sagen. 367 Nun, ich gratuliere zu der herrlichen Freiheitsluft in dieser [266] Höhle da! »Aber heroisch ist es,« sagt ein anderer, »sich selbst das Leben zu nehmen.« 368 Was nicht gar, im Gegentheil, es ist das die größte Gemeinheit, sowie, nach meinem Urtheil wenigstens, jener Steuermann die feigste Memme ist, der aus Furcht vor dem Sturme, bevor noch der Orkan losbricht, aus freien Stücken sein Schiff in den Wogen begräbt. 369 Noch mehr, der Selbstmord ist auch ein Monstrum im ganzen Reiche lebender Wesen und ein Frevel gegen Gott, unseren Schöpfer! 370 Was die Lebewesen anbelangt, so gibt es darunter kein einziges, das vorsätzlich und durch sich selbst den Tod erleidet. Denn ein eisernes Gesetz ist allen eingegraben: die Liebe zum Leben! Das ist auch der Grund, warum wir jene, die uns das Leben mit offener Gewalt nehmen wollen, im Kriege als »Feinde« ansehen, und warum wir die Meuchelmörder zum Tode verurtheilen. 371 Was aber Gott betrifft, glaubt ihr denn etwa, er werde sichs ruhig gefallen lassen, wenn ein Mensch ihm seine Gabe vor die Füße wirft? Sowie wir von ihm unser Dasein empfangen haben, so müssen wir es ihm allein überlassen, dasselbe wieder zu nehmen. 372 Der Leib ist nun freilich bei allen sterblich und aus einem verweslichen Stoffe gebildet, aber ihm ist auch stets eine unsterbliche Seele, ein Theilchen von Gott selbst, eingepflanzt. Wie nun? Wenn Jemand das von einem Menschen bei ihm hinterlegte Gut aufzehrt oder schlecht damit schaltet, so hält man ihn für einen Bösewicht und treulosen Mann: wenn aber einer die Hinterlage Gottes selbst aus seinem Leibe hinauswirft, wie sollte der nur wähnen, dem Auge seiner schwer beleidigten Gerechtigkeit entgehen zu können? 373 Mit Fug und Recht bestraft man nach allgemeiner Anschauung entlaufene Sclaven, auch wenn die Herren, denen sie entwichen, schlimme waren: und wir sollten es für keinen Frevel halten, wenn wir uns selbst Gott, dem edelsten Herrn, entziehen? 374 Wisst ihr denn nicht, dass diejenigen, welche nach dem natürlichen Gesetze der Auflösung aus diesem Leben scheiden und das von Gott erhaltene Capital ihm zurückzahlen, wann sein Eigenthümer es zurückverlangt, ewigen Ruhm, ihre Häuser und Nachkommen aber festen Bestand haben werden, während die Seelen der Geschiedenen selbst in aller Reinheit und hilfreichen Gesinnung an der heiligsten Stätte des Himmels, die ihnen als Wohnort zugefallen, verweilen dürfen, um von da, wenn der Kreis der Zeiten abgelaufen ist, aufs neue in fleckenlose Leiber gehüllt zu werden? 375 Wo aber die Hände gegen das eigene Fleisch gewüthet haben, dort muss die Seele zum finstersten Hades fahren, und Gott, ihr Vater, nimmt selbst an ihren Nachkommen noch Rache für den Frevel der Väter. 376 Es wird darum auch, was bei Gott so verhasst ist, schon vom weisesten Gesetzgeber aufs schwerste geahndet. 377 Es besteht nämlich [267] bei uns die alte Satzung, dass man jene, die sich selbst entleibt haben, hinauswerfen und bis Sonnenuntergang unbegraben liegen lassen muss, obwohl wir es für eine heilige Pflicht halten, selbst dem Feinde sogleich ein Begräbnis zu schenken. 378 Bei anderen Völkern muss seit Alters sogar den Leichen der Selbstmörder die rechte Hand, mit der sie sich den Tod gegeben haben, abgehackt werden, weil man von der Anschauung ausgeht, dass die unnatürliche Feindschaft zwischen Leib und Seele auch zwischen Hand und Leib zum Ausdruck kommen müsse. 379 Darum wollen wir, meine Freunde, edelmüthig den Weg des Rechtes gehen und nicht noch zum menschlichen Leid eine Ruchlosigkeit gegen unseren Schöpfer fügen! 380 Zeigt sich uns Rettung, so wollen wir uns auch retten lassen: denn wahrlich nicht ehrlos kann ein Pardon aus der Hand derer sein, vor welchen wir durch solche Thaten den Beweis für unseren Heldensinn geliefert haben. Gilt es aber, zu sterben, nun so wählen wir den Tod der Braven, unter der Faust des Siegers! 381 Wenn ich mich aber jetzt zu dem römischen Heere hinaufbegebe, so geschieht das nicht in der Absicht, um an meinem eigenen Leib zum Verräther zu werden: ich wäre ja dann viel dümmer als jene, die einfach zum Feinde überlaufen, da diese dabei wenigstens ihre Rettung im Auge haben, während ich absichtlich stracks ins Verderben, in mein eigenes Verderben rennen würde. 382 Uebrigens wünschte ich sogar, dass das Ganze nur eine Falle von Seite der Römer wäre: Werde ich nämlich ungeachtet der Zusicherung der Gnade von ihnen massacriert, so werde ich guten Muthes sterben, weil ich dann den Trost mit mir nehmen kann, der mir lieber ist, als eine gewonnene Schlacht, dass der lügnerische Feind durch seine Treulosigkeit sich selbst entehrt hat.“

383 (6.) Dies und noch vieles andere sprach Josephus, um seinen Genossen den Selbstmord auszureden. 384 Aber Verzweiflung hatte ihnen die Ohren verstopft, wie das bei Leuten geschieht, die sich längst schon dem Tode geweiht haben, und so wurden sie nur noch aufgebrachter gegen ihn. Von allen Seiten drang man mit blanken Schwertern auf ihn ein und schalt ihn einen Feigling, so dass Josephus jetzt und jetzt gewärtigen musste, von einem aus ihnen niedergeschlagen zu werden. 385 Nur so, dass Josephus den einen bei seinem Namen nannte, den anderen mit seinem Feldherrnblick durchbohrte, einem dritten in die Hand fiel, einen vierten durch seine Bitte entwaffnete, und auf solche Weise in seiner Bedrängnis mit den verschiedensten Gefühlen rechnete, gelang es ihm, den allseits erhobenen Mordstahl vom tödlichen Stoße abzuhalten, indem er sich nach Art der Thiere, die bereits ein Kreis von Jägern umschlossen hat, immer gleich gegen jenen wandte, der ihm zu nahe kommen wollte. 386 Die Juden aber hatten sich trotz des [268] äußersten Elendes noch soviel Scheu vor ihrem ehemaligen Feldherrn bewahrt, dass auf dieses hin ihrem niedersinkenden Arme der Degen entfiel, und viele, die soeben noch das breite Schlachtschwert geschwungen hatten, es, wie gelähmt, von selbst fahren ließen.

387 (7). Da Josephus auch in der bedrängtesten Lage seine Geistesgegenwart nie verlor, so wollte er jetzt im Vertrauen auf den Schutz Gottes im eigentlichen Sinne ein Spiel um sein Leben wagen und machte folgenden Vorschlag: 388 „Weil es nun einmal beschlossene Sache ist, dass wir jetzt sterben, wohlan, so werden wir das Los entscheiden lassen, wer jedesmal Opfer und Henker sein soll. 389 Derjenige nämlich, welcher zuerst vom Lose betroffen wird, soll immer von dem, der nach ihm herausgelost wird, niedergestoßen werden. So werden dann alle und zwar nur nach des Schicksals Fügung an die Reihe kommen, und wird niemand die Gewalt über sein Leben in der eigenen Hand haben, da es nicht in der Ordnung wäre, wenn ein und der andere nach dem Hingang seiner Gefährten am Ende seinen Entschluss wieder bereuen und am Leben bleiben würde.“ Diese Worte fanden das vollste Vertrauen und die vollste Zustimmung bei den Genossen, mit denen nun auch Josephus losen musste. 390 Der erste, den jeweilig das Los traf, stellte sich immer willig dem Schwerte des nach ihm herausgelosten Gefährten: wusste er ja doch, dass auch sein Feldherr gleich darauf sterben werde, mit dem zu sterben ihm süßer war, als begnadigt zu werden. 391 So blieb nur mehr Josephus mit einem zweiten übrig – ob man es nun als Zufall oder als Fügung Gottes zu bezeichnen hat. Da Josephus aber ebensowenig Lust spürte, ein Opfer des Todesloses zu werden, als, im Falle er das letzte Los zöge, seine Hand in das Blut eines Volksgenossen zu tauchen, so brachte er, um beides zu verhindern, den letzteren dahin, dass er die zugesicherte Gnade wirklich annahm.

392 (8.) Auf diese Weise glücklich zwischen den Schwertern der Römer und seiner eigenen Landsleute durchgekommen, ward nun Josephus von Nikanor zu Vespasian geführt. 393 Alle Soldaten liefen zusammen, um ihn zu sehen, so dass die Menge sich förmlich um den feindlichen Feldherrn staute. Aus dem Lärme wurden die verschiedensten Stimmen vernehmbar: die einen drückten ihre Freude über den guten Fang aus, die anderen ergiengen sich in Drohungen, während viele sich bloß neugierig durch die übrigen drängten, um ihn aus der Nähe besser in Augenschein zu nehmen. 394 Die entfernter stehenden forderten mit lautem Geschrei die Hinrichtung des Feindes, wogegen die Näheren sich der Erinnerung an seine Vertheidigungsarbeiten und einem Gefühle des Staunens über den Sturz eines solchen Mannes nicht ver- [269] schließen konnten. 395 Was die höheren Officiere anlangt, so gab es unter ihnen wohl niemand, der, mochte er auch vorher gegen ihn ergrimmt gewesen sein, jetzt bei seinem Anblick nicht milderen Erwägungen Raum gegeben hätte. 396 Vor allem fühlte sich Titus, ganz besonders von der Thatkraft des Josephus im Unglück, angezogen und von Mitleid mit seiner Jugend ergriffen. Wenn er zurückdachte, wie derselbe noch vor Kurzem so rüstig im Kampfe den Römern gegenübergestanden, den er jetzt ohnmächtig in den Händen seiner Feinde sah, so musste sich ihm der Gedanke an die Gewalt des Schicksals, den raschen Umschlag des Kriegsglückes und die Wandelbarkeit alles Menschlichen von selbst aufdrängen. 397 Deshalb machte er auch jetzt seinen Einfluss auf die meisten Führer geltend, um sie zum Mitleid mit Josephus zu bewegen, und war er auch die Hauptursache, dass derselbe bei Vespasian Gnade fand. 398 Allerdings hatte dabei Vespasian noch immer die Absicht, Josephus demnächst zu Nero zu schicken, und gab darum jetzt den Befehl, ihn aufs sorgsamste zu bewachen.

399 (9.) Als Josephus diesen Entscheid vernommen, eröffnete er dem Vespasian, dass er ihm eine vertrauliche Mittheilung zu machen wünsche. Dieser hieß alle Anwesenden, mit Ausnahme seines Sohnes Titus und zweier Freunde, sich entfernen, 400 und nun nahm Josephus das Wort: „Du meinst wohl, o Vespasian, an mir nur einen Kriegsgefangenen gewonnen zu haben, aber ich komme zu dir als Bote der höchsten Verheißungen. Denn hätte ich nicht eine Sendung von Gott zu erfüllen, so hätte ich mich wohl an das erinnert, was in solchen Fällen bei den Juden Gesetz ist, und wie ein Feldherr zu sterben habe. 401 Dem Nero willst du mich schicken? Wie? werden denn Nero und seine Nachfolger, die dir noch vorausgehen sollen, überhaupt noch bis dahin am Ruder sein? Du, o Vespasian, wirst alsdann schon Kaiser sein und Monarch, ja du, sage ich, und dieser dein Sohn da! 402 Fessle mich darum nur ganz sicher und behalte deinen Gefangenen ja für dich allein, der du bereits mein Herr, und nicht bloß der meinige, sondern der Herr über die Erde und das Meer und das gesammte Menschengeschlecht bist. Ich aber möchte für meine Person um eine noch stärkere Wache bitten, auf dass ich ja meiner Bestrafung nicht entgehe, falls ich nur freventlich zu einem leeren Geplauder Gott in den Mund genommen haben sollte.“ 403 Als Josephus geendet, sah man es zunächst Vespasian an, dass er an die Weissagung nicht recht glauben mochte und zur Annahme geneigt war, es sei das Ganze nur von Josephus schlau erdichtet, um sein Leben damit zu retten. 404 Allmählich aber gab er sich doch dem Glauben daran hin, da von jetzt an bereits Gott selbst seine Gedanken auf das Diadem hinlenkte [270] und den Herrscherstab in seinem Hause ihm auch durch andere Zeichen noch vorbedeuten ließ 405 Uebrigens fand Vespasian die Verlässlichkeit des Josephus noch aus anderen Fällen bestätigt. Bei jener geheimen Verhandlung hatte nämlich der eine von den zwei Freunden Vespasians, die derselben anwohnten, die Bemerkung gemacht, dass er es höchst seltsam finde, warum Josephus weder den Bewohnern von Jotapata die Eroberung ihrer Stadt, noch sich selber die Gefangennahme habe weissagen können, und dass er schon darum seine ganze Prophezeiung für leeres Gerede halten müsse, ausgesonnen in der Absicht, um das Gewitter über seinem Haupte zu verscheuchen. 406 Auf das hin theilte Josephus Folgendes mit: „Ich habe auch in der That den Jotapatenern vorausgesagt, dass nach 47 Tagen ihre Stadt erstürmt werden würde, und dass ich selbst lebendig den Römern in die Hände fallen werde.“ 407 Vespasian ließ darauf insgeheim bei den Gefangenen Umfrage halten und fand alles bestätigt. In der Folge begann er auch der auf ihn bezüglichen Weissagung Glauben zu schenken. 408 Zwar erließ er dem Josephus weder Haft noch Banden, aber er gab ihm eine kostbare Kleidung und andere Wertsachen und behandelte ihn von da an stets mit ausgesuchter Freundlichkeit und Aufmerksamkeit. Auch an diesen Gunstbezeigungen hatte wieder der Einfluss des Titus seinen ganz besonderen Antheil gehabt.


Neuntes Capitel.
Vespasians Rückkehr noch Cäsarea. Fall von Joppe. Die Wirkung der Eroberung Jotapatas auf Jerusalem. Vespasian in Cäsarea Philippi. Übergabe von Tiberias.

409 (1.) Am vierten des Monates Panemus kehrte Vespasian nach Abbruch des Lagers mit dem Heere wieder nach Ptolemais zurück und zog von da nach Cäsarea am Meere, das eine der bedeutendsten Städte in Judäa und zum größeren Theile von Griechen bewohnt ist. 410 Sowohl Heer als Feldherr fanden bei den Bewohnern den begeistertsten und zuvorkommendsten Empfang, was in ihrer Anhänglichkeit an die Römer, ganz besonders aber in ihrem Hasse gegen die Besiegten seinen Grund hatte. Dieser Hass machte sich auch unter den dichtgedrängten Scharen in den lautesten Schmähungen gegen Josephus Luft, dessen Hinrichtung man offen begehrte. 411 Vespasian hatte für die diesbezügliche Forderung einer unreifen Menge nur ablehnendes Schweigen. 412 Zwei Legionen quartierte er dann für den Winter in Cäsarea ein, weil die Stadt, wie er sah, für Winterquartiere ganz geschaffen war, die fünfzehnte Legion aber in Scythopolis, um nicht der Stadt Cäsarea durch die Aufhalsung des ganzen Heeres allzustark [271] wehe zu thun. 413 Da Cäsarea in der Ebene und am Meeresstrande gelegen ist, so herrscht daselbst im Sommer eine erstickende Hitze, infolgedessen aber auch zur Winterszeit eine ganz milde Temperatur.

414 (2.) Unterdessen hatte sich aus solchen Leuten, die in den vorausgegangenen Bürgerkämpfen ihren Feinden noch entronnen waren, wie auch von jenen, die sich aus den verheerten Gebieten geflüchtet hatten, eine nicht unbeträchtliche Menge zusammengethan, um an dem Wiederaufbau des von Cestius früher verwüsteten Joppe zu arbeiten und aus der Stadt einen sicheren Schlupfwinkel für ihre Streifzüge zu machen. 415 Da das Land bereits von Feinden wimmelte, und sie daher nach dieser Seite so gut wie abgesperrt waren, so beschlossen sie, ihre Thätigkeit auf das Meer zu verlegen. 416 Sie bauten sich also eine große Flotte von Piratenschiffen und verübten damit auf dem ganzen Seeweg längs der Küste von Syrien und Phönicien, wie auch gegen Aegypten hin, ihre Räubereien, so dass sich schließlich in diesen Meeresgegenden kein Kauffahrer mehr sehen lassen durfte. 417 Als Vespasian von diesem Raubneste Kunde erhielt, schickte er eine Abtheilung Fußvolk und Reiterei gegen Joppe ab, welche bei der Nacht in die, wie sie anfangs meinten, unbewacht gebliebene Stadt eindrangen. 418 In Wirklichkeit aber hatten die Einwohner von dem bevorstehenden Angriff Wind bekommen und sich voll Respect vor den Römern, ohne eine Vertheidigung zu wagen, auf ihre Schiffe geflüchtet, wo sie nun außer dem Bereiche der feindlichen Geschosse die Nacht zubrachten.

419 (3.) Zufolge seiner natürlichen Lage entbehrt Joppe eines ordentlichen Hafens, da das Land dort in ein rauhes Felsenufer ausläuft, welches sich noch dazu fast ganz geradlinig hinzieht und nur auf beiden Seiten in zwei schwachgekrümmte Hörner endet. 420 Diese Hörner schließen aber selbst wieder nur mit hohen Steilwänden und mit einer Reihe noch weit ins Meer vorspringender Felsklippen ab. An einer solchen Klippe zeigt man noch jetzt den Abdruck der Ketten, mit denen Andromeda gefesselt war, was jedenfalls ein Beweis für das hohe Alter dieser Sage ist. 421 Da das Gestade unmittelbar den Stößen des Nordwindes ausgesetzt ist, welcher die Wogen an den ihn auffangenden Felsen hoch hinaufschleudert, so wird dadurch die Bucht für Schiffe noch gefährlicher, als selbst die weite Meereswüste es sein könnte. 422 In dieser Bucht also war es, wo die Leute von Joppe vor Anker lagen, als sich plötzlich am Morgen eine gewaltige Windsbraut, die bei den dortigen Schiffersleuten unter dem Namen „schwarzer Nord“ bekannt ist, gegen sie entfesselt. 423 Ein Theil der Schiffe wurde vom Orkan gleich an Ort und Stelle durch den Zusammenstoß mit anderen, ein Theil an den Felsen zerschmettert, während viele andere, die aus Furcht vor den [272] Klippen am Ufer und vor den am Gestade lauernden Römern sich durch die anstürmenden Wogen einen Weg ins offene Meer erzwingen wollten, von der riesigen Hochflut begraben wurden. 424 Es gab weder einen Ausweg zur Flucht, noch war im Bleiben Heil, da der Sturm sie mit aller Gewalt aus dem Meere gegen die Stadt, die Angst vor den Römern aber von der Stadt weg ins Meer hinaus trieb. Grausig war das Angstgeschrei aus den aneinander prallenden Schiffen, entsetzlich das Krachen der berstenden Wände! 425 Ein Theil der darauf befindlichen Leute ward sofort ins nasse Wellengrab hinabgerissen, viele wurden unter den Schiffstrümmern zermalmt; manche stießen sich auch, um dem Tod im Meere durch einen leichteren zuvorzukommen, selbst das Schwert in die Brust: 426 doch die meisten wurden von den Wogen gegen das Gestade geworfen, wo sie an den zackigen Klippen vollständig zerrissen wurden, so dass das Meer sich weit umher von ihrem Blute färbte, und die Küste sich mit Leichen bedeckte: ward einer noch lebend von der Brandung ans User geworfen, so machten ihm natürlich die dort stehenden Römer den Garaus. 427 Die Zahl der von der See im Ganzen ausgespülten Leichen betrug 4200! Die Römer machten dann die ohne einen Tropfen Blutes bezwungene Stadt der Erde gleich.

428 (4.) Auf solche Weise war nun Joppe innerhalb eines kurzen Zeitraumes bereits zum zweitenmal von den Römern genommen. 429 Damit sich aber daselbst nicht neuerdings das Piratengesindel einnisten könnte, legte Vespasian auf der Höhe der Stadt ein festes Lager an, 430 in welchem er die Reiterabtheilung nebst einer kleinen Truppe Fußvolk postierte: während die letzteren an Ort und Stelle bleiben mussten, um das Lager zu bewachen, sollten die Reiter Plünderungszüge in die Umgebung machen und die um Joppe herumliegenden Dörfer und kleinen Städte verwüsten. 431 Nur zu pünktlich ward das ausgeführt: Tag für Tag durchstreiften sie verheerend das Land und verwandelten es in eine völlige Einöde.

432 (5.) Als die Katastrophe von Jotapata in Jerusalem bekannt wurde, schenkten anfänglich die meisten der Nachricht gar keinen Glauben; schien doch das Unglück allzugroß, und hatte sich ja noch kein einziger Augenzeuge dafür eingefunden! 433 In der That war auch nicht ein einziger entronnen, der das Unglück hätte melden können: dafür aber hatte sich nur von ungefähr ein dunkles Gerücht gebildet, dass die Stadt gefallen sei, wie sich denn überhaupt das Gerücht mit Vorliebe gerade an traurige Ereignisse hängt. 434 Allmählich aber brach sich die Ueberzeugung von der Wahrheit zunächst bei den Umwohnenden Bahn, um schließlich bei allen jeden Zweifel an der Thatsache selbst zu verdrängen. Freilich wurde dabei noch immer Wahres und Unwahres durcheinandergeworfen: [273] so war berichtet worden, dass auch Josephus bei der Erstürmung umgekommen sei, eine Kunde, die in ganz Jerusalem die größte Trauer hervorrief. 435 Während alle übrigen Gefallenen nur in den betreffenden Häusern und in der Verwandtschaft, der sie angehörten, betrauert wurden, 436 ward die Trauer um den Feldherrn zu einer Staatsfeier, und während dieser Todte von einem Gastfreunde, jener von einem Verwandten, ein dritter von einem Freunde, ein anderer wieder von einem Bruder beweint wurde, ward es Josephus von allen! 437 Unausgesetzt währte so das Weheklagen in der Stadt bis zum dreißigsten Tage, wobei sich die meisten durch gedungene Flötenspieler zu ihren Trauerliedern aufspielen ließen.

438 (6.) Als aber nach Ablauf einiger Zeit die Wahrheit in ihrem vollen Umfange ans Tageslicht kam, und mit den näheren Einzelnheiten des Dramas von Jotapata auch bekannt wurde, dass der Tod des Josephus nur ein leeres Gerücht gewesen, da er im Gegentheil sicherem Vernehmen nach noch am Leben und zwar im römischen Lager sei, wo er von Seite der Anführer eine bei Kriegsgefangenen sonst gar nicht übliche Aufmerksamkeit genieße, da fassten die Juden einen Zorn gegen den lebenden Josephus, der nicht geringer war, als das Wohlwollen, das sie früher dem vermeintlich todten Helden zugewendet hatten. 439 Die einen schimpften ihn eine feige Memme, die anderen einen Verräther: die ganze Stadt wiederhallte von Zornesausbrüchen und Schmähungen gegen Josephus. 440 Der schwere Schlag steigerte nur ihre Erbitterung, und die Misserfolge fachten die Glut ihres Ingrimmes nur noch stärker an. So wurde gerade der Schaden, der kluge Leute veranlasst, mehr auf ihre Sicherheit bedacht zu sein und sich vor neuen Unglücksfällen inacht zu nehmen, für die Juden ein Sporn, der sie in neues Elend trieb, so dass das Ende eines Uebels bei ihnen stets wieder die Wurzel eines anderen in sich schloss. 441 Auch nach diesem letzten Ereignis war ihre Kampfeswuth gegen die Römer noch gewachsen, da sie sich nunmehr in der Person der Römer auch an Josephus rächen wollten. 442 Das also war der große Sturm, der um diese Zeit die Geister in Jerusalem aufwühlte.

443 (7.) Jetzt wollte Vespasian auch einmal das Reich des Agrippa kennen lernen und wurde in diesem Vorhaben noch durch den König selbst bestärkt, der dabei die doppelte Absicht verfolgte, Heer und Heerführer auf den eigenen Gütern gastlich zu begrüßen, als auch mit deren Unterstützung die vom Aufruhr bereits angesteckten Elemente in seinem Reiche niederzuhalten. So brach er denn von Cäsarea am Meere auf und zog nach dem anderen Cäsarea hinüber, das den Beinamen Philippi führt. 444 Hier ließ er durch zwanzig Tage seine Soldaten sich [274] erholen und hielt selbst auch im Anschluss an die für seine Waffenthaten Gott dargebrachten Dankopfer festliche Gelage ab. 445 Da traf die Meldung ein, dass es in Tiberias gähre, und Tarichää gar schon abgefallen sei, beides Städte, die dem Königreich des Agrippa zugetheilt waren. Einen Feldzug gegen diese Städte hielt Vespasian schon darum für angezeigt, weil es sein Kriegsplan war, die Juden zunächst auf allen Punkten des Landes zu unterwerfen. Er that es aber auch aus Rücksicht für Agrippa, in dessen Interesse er, schon aus Erkenntlichkeit für die gewährte Gastfreundschaft, die genannten Städte zur Vernunft bringen wollte. 446 Er schickte also seinen Sohn Titus mit dem Auftrage nach Cäsarea, das dort noch befindliche Militär nach Scythopolis, eine der größten Städte der Dekapolis und Nachbarstadt von Tiberias, zu führen. 447 Auch Vespasian selbst fand sich hier ein, um sich mit seinem Sohne nach dessen Rückkehr zu vereinigen. Darauf begann er mit drei Legionen seinen Vormarsch und ließ dreißig Stadien von Tiberias entfernt an einem für die Rebellen gut sichtbaren Standort, namens Sennabris, ein Lager aufschlagen. 448 Von hier sandte er dann den Decurio Valerianus mit fünfzig Reitern gegen die Stadt ab, um durch ihn den Bewohnern friedliche Vorschläge zu machen und sie zur Annahme einer Vereinbarung zu bewegen. Es war ihm nämlich zu Ohren gekommen, wie sehr sich das eigentliche Volk nach dem Frieden sehne, und dass es nur von einer kleinen Gegenpartei, die ihm den Krieg aufzwingen wolle, terrorisiert würde. 449 Valerianus ritt auf Tiberias zu, stieg aber, in die Nähe der Mauer gekommen, vom Pferde und ließ auch seine Begleiter absitzen, um nicht den Schein zu erwecken, als ob er bloß scharmuzieren wolle. Bevor es jedoch zum Reden kam, stürmten auch schon die handfesteren Rebellen mit geschwungenen Waffen auf sie heraus, 450 geführt von einem gewissen Jesus, einem Sohn des Saphatus, der das eigentliche Haupt der ganzen Aufrührerbande war. 451 Da Valerian in keinem Falle, selbst dann nicht, wenn der Sieg unzweifelhaft gewesen wäre, die Verantwortung auf sich nehmen wollte, gegen die Befehle des Feldherrn einen Zusammenstoß mit den Feinden herbeizuführen, und jetzt auch noch die Gefahr übersah, in der er mit seiner Handvoll unvorbereiteter Krieger einer solchen kampffertigen Uebermacht gegenüber schwebte, 452 so ergriff er, zumal unter dem Eindrucke der höchsten Ueberraschung, den die unerwartete Verwegenheit der Juden in ihm hervorgerufen, mit noch fünf anderen, wie sie standen, die Flucht, während ihre Pferde zurückblieben. Letztere wurden nun von den Leuten des Jesus mit einem Jubel in die Stadt hineingebracht, als wären sie den Römern im offenen Kampfe und nicht aus einem Hinterhalte weggenommen worden.

[275] 453 (8.) Aus Furcht vor den Folgen dieses Ereignisses flüchteten sich die Aeltesten und Angesehensten der Bürgerschaft ins römische Lager und begaben sich in Begleitung des Königs, 454 dessen Beistandes sie sich versichert hatten, zu Vespasian, den sie kniefällig um Schonung anflehten: „Wende deinen Blick nicht von uns“, baten sie, „und rechne die Thorheit einiger weniger nicht der ganzen Stadt an, 455 sondern lasse Gnade einer Bevölkerung angedeihen, die immer römerfreundlich gesinnt war, und züchtige nur die eigentlichen Anstifter des Abfalles, von denen wir selbst, obgleich es uns schon längst nach einer friedlichen Vereinbarung drängte, bis zur Stunde überwacht worden sind.“ 456 Obwohl der römische Feldherr wegen des Raubes der Pferde gegen die ganze Stadt erbittert war, so ließ er sich doch durch diese Bitten erweichen, besonders da er die Unruhe wahrnahm, in welcher sich Agrippa wegen des Schicksales seiner Stadt befand. 457 Nachdem sich so die Gesandten im Namen der Bürgerpartei mit den Römern abgefunden hatten, hielten es die Parteigänger des Jesus nicht mehr für geheuer, noch langer in Tiberias zu bleiben, und machten sich eilends nach Tarichää auf. 458 Am folgenden Tage schickte Vespasian den Trajan mit einer Reiterabtheilung auf die Berghöhe bei Tiberias, um zu erforschen, ob der Wunsch nach Frieden im Volke auch wirklich ein allgemeiner sei. 459 Als er nun erfuhr, dass die Bürgerschaft vollständig die Gesinnung der früheren Schutzflehenden theile, so begab er sich mit seinem Heere persönlich nach der Stadt, deren Bewohner auch sogleich die Thore öffneten, ihm unter begeisterten Zurufen entgegenzogen und ihn mit lauter Stimme als ihren Retter und Wohlthäter bezeichneten. 460 Da es an den schmalen Eingängen mit dem Einmarsch des Heeres seine liebe Noth hatte, ließ Vespasian an der Südseite der Stadtmauer ein Stück einreißen, um seinen Soldaten einen breiteren Eingang zu verschaffen. 461 Doch gab er aus Rücksicht für Agrippa zugleich den strengen Befehl, sich jeder Plünderung und Gewaltthat zu enthalten, und ließ auch seinetwegen die Mauern sonst intact, nachdem der König sich für die Einwohner der Stadt verbürgt hatte, dass sie von jetzt an treu zu den Römern stehen würden. Auf diesem Wege brachte Vespasian die vom Aufruhr bedrohte Stadt, freilich nicht gerade im besten Zustande, wieder auf seine Seite.


Zehntes Capitel.
Der Kampf um Tarichää.

462 (1.) Nun setzte Vespasian seinen Marsch weiter fort und lagerte dann zwischen Tiberias und Tarichää. Das Lager ließ er diesmal besonders stark befestigen, weil er sich hier auf einen langwierigen [276] Kampf gefasst machte, 463 indem alle Elemente des Aufruhrs im Vertrauen auf die Festigkeit der Stadt und den Schutz des Sees, der bei den Einheimischen unter dem Namen Gennesar bekannt ist, sich ihr Stelldichein in Tarichää gegeben hatten. 464 Die Stadt war, wie Tiherias, von einem Berge überragt und hatte von Josephus ringsum, soweit sie nicht vom See bespült war, starke Befestigungen erhalten, die allerdings hinter denen von Tiberias zurückblieben. 465 Während nämlich Josephus die Befestigung der Ringmauer von Tiberias gleich zu Beginn des Abfalles, wo er noch über reichliche Geldmittel sowohl als Hilfskräfte verfügen konnte, vorgenommen hatte, bekam Tarichää nur das, was ihm von seinem hochherzigen Aufwande noch übrig geblieben war. 466 Dafür hielten sie eine starke Flotille auf dem See in Bereitschaft, welche die Bestimmung hatte, ihnen sowohl für den Fall, dass sie am Lande unterliegen sollten, einen Zufluchtsort zu bieten, als auch unter Umständen bei einer Seeschlacht Verwendung zu finden. 467 Als nun die Römer eben mit der Umwallung des Lagers beschäftigt waren, stürmten auch schon die Anhänger des Jesus, ohne sich im geringsten vor der Menge und Schlagfertigkeit der Feinde zu scheuen, gegen das Lager heran, 468 jagten beim ersten Angriff die Wallarbeiter auseinander, ohne indessen dem Bau selbst sonderlichen Abbruch zu thun, und wandten sich dann, wie sie die Schwerbewaffneten sich sammeln sahen, und bevor sie noch einen Verlust erlitten hatten, eilends zu den Ihrigen zurück. Von den nachsetzenden Römern jedoch gegen die Boote abgedrängt, 469 sprangen sie auf die Fahrzeuge und fuhren damit gerade soweit in den See hinein, dass sie mit ihren Geschossen die Römer noch erreichen konnten: dann ließen sie die Anker herab, schlossen ihre Schiffe wie Schlachtreihen aneinander und begannen nun vom See aus den Kampf mit den Feinden am Ufer. 470 Unterdessen hatte Vespasian in Erfahrung gebracht, dass die Hauptmasse der Juden auf der Ebene vor der Stadt beisammen sei, und sandte deshalb seinen Sohn Titus mit 600 auserlesenen Reitern dorthin ab.

471 (2.) Titus fand jedoch auf Seite des Feindes eine allzugroße Uebermacht vor und schickte die Botschaft an den Vater, dass er eine noch größere Streitmacht benöthige. Da er nun den größten Theil seiner Reiter vor Ungestüm brennen sah, noch vor Eintreffen der Verstärkung zum Kampfe überzugehen, während er andererseits doch auch auf manchen Gesichtern ein geheimes Grauen vor dieser Masse von Juden lesen konnte, so hielt er von einer Stelle aus, wo er allen gut verständlich war, folgende Ansprache: 472 „Römer!“ „Passend, fürwahr, muss euch gleich das erste Wort meiner Anrede an eure Abstammung gemahnen, damit ihr euch wohl vor Augen haltet, welches unsere Ver- [277] gangenheit, und wer der Gegner ist, den wir angreifen wollen. 473 Unserer Faust ist bis zu diesem Augenblick nichts entkommen, was da auf dem Erdkreis lebt; nur die Juden – zu ihrer Ehre sei es gesagt – sind trotz ihrer beständigen Niederlagen noch immer nicht am Ende! Was für eine Schande für uns, mitten in unserem Siegeslaufe zu ermatten, wenn jene unter solchen Schlägen noch aufrecht stehen! 474 Ich freue mich allerdings zu sehen, dass eure äußere Haltung an Kampfesmuth nichts zu wünschen übrig lässt, aber ich habe doch Bedenken, ob nicht manchem von euch die feindliche Uebermacht wenigstens ein stilles Gruseln einjagt. 475 Möchte doch ein solcher immer und immer wieder erwägen, was für ein Blut in ihm rollt, und wer sein Widerpart im blutigen Streite ist: Leute, die, wenn sie auch mit der größten Verwegenheit und Todesverachtung kämpfen, auf der anderen Seite doch von keiner Taktik und Kriegserfahrung etwas wissen und eher den Namen einer Horde, denn eines Heeres verdienen. Was brauche ich aber erst viele Worte über unsere eigene militärische Schulung und Disciplin zu verlieren? Ist ja doch gerade das der Zweck unserer Waffenübungen, die nur von uns, Römern, auch in Friedenszeit angestellt werden, dass wir im Kriege nicht erst unsere Zahl mit der des Feindes ängstlich abzuwägen brauchen. 476 Was hätte denn der unausgesetzte Kriegsdienst noch für einen Wert, wenn wir es schließlich immer nur in gleicher Stärke mit ungeübten Feinden aufnehmen wollten? 477 Ihr müsst außerdem beachten, dass ihr Schwerbewaffnete seid, jene aber, mit denen ihr euch im Kampfe zu messen habt, nur Leichtbewaffnete, dass ihr Pferde habt, jene keine, dass ihr eine militärische Führung habt, jene keine: kurz, solche Vortheile, welche die Bedeutung eurer Zahl um das Vielfache steigern, während beim Feinde die geschilderten Mängel das Gewicht seiner numerischen Uebermacht um vieles verringern müssen. 478 Nicht von der Masse, selbst wenn sie aus lauter wehrfähigen Männern besteht, hängt der günstige Ausgang eines Kampfes ab, sondern von der Tapferkeit der Krieger, mag auch deren Zahl eine geringe sein. Gerade die kleine Truppe ist schnell schlagfertig und flink zur gegenseitigen Unterstützung, während die übergroßen Truppenkörper sich selbst oft mehr schädigen, als dies von den Feinden geschehen könnte. 479 Die Juden folgen nur dem Impuls ihrer Verwegenheit und Tollkühnheit, also blinden Leidenschaften, welche zwar im Glücke mächtig aufflammen, aber beim kleinsten Unglück wieder auslöschen: bei uns dagegen hat die wahre Tapferkeit, die Subordination und der Hochgemuth die Führung, lauter Eigenschaften, welche, wie sie in glücklichen Waffenthaten ihre glänzendsten Blüten treiben, so auch im Unglück nie vollständig untergehen können. 480 Ihr habt auch um Höheres zu ringen, [278] als die Juden! Denn während die Juden für Freiheit und Heimat den Kampf wagen, gibt es dagegen für uns nichts höheres, als Ruhmesglanz und Ehre, die von uns verlangen, dass wir auch nicht den Schein aufkommen lassen, als müssten wir nach Bezwingung einer ganzen Welt die Macht des jüdischen Volkes noch als einen gleichwertigen Gegner betrachten. 481 Schließlich wäre noch zu berücksichtigen, dass kein Grund vorhanden ist, gleich das Allerschlimmste zu befürchten, da eine beträchtliche Verstärkung und zwar aus nächster Nähe im Anzuge ist, ja, dass wir im Gegentheil für uns allein schon mit kecker Hand den Siegeskranz erringen könnten, und schon aus dem Grunde den vom Vater uns geschickten Hilfstruppen zuvorkommen sollten, damit die Heldenthat unser ausschließliches Werk und ihr Ruhm ganz ungeschmälert bleibe. 482 In dieser Stunde handelt es sich nach meiner Ueberzeugung um nichts geringeres, als um die Ehre meines Vaters, um die meinige und um eure Ehre: um die Ehre meines Vaters, dass der Glanz seiner früheren Waffenthaten nicht getrübt werde; um meine Ehre, dass ich mich eines solchen Vaters würdig zeige, wie ihr eures Führers Titus! Meinem Vater ist ja der Sieg ein gewohntes Bedürfnis, und was mich betrifft, so würde ich es nicht über mich bringen, vom Feinde überwältigt, mich wieder vor ihm blicken zu lassen. 483 Ihr Soldaten aber, wie müsstet ihr euch schämen, wenn ihr vor dem Feinde zurückweichen würdet, während euer Führer im dichtesten Kampfgewühl sich befindet! Denn wisset, dass ich nur an eurer Spitze der Gefahr ins Auge schauen und der erste beim Sturme auf die Feinde sein werde! 484 Also nur immer mir nach, in der festen Ueberzeugung, dass, wo immer ich mir Bahn brechen will, Gott als Mitkämpfer mir zur Seite stehen wird, und wisset zum voraus, dass die Frucht eines Sieges sicher nicht auf den bloßen Kampf vor der Mauer beschränkt bleiben wird.“

485 (3.) Bei diesen Worten des Titus fiel es wie göttliche Begeisterung auf die Seelen der Männer, so dass sie, als wirklich noch vor dem Zusammenstoß Trajan mit 400 Reitern zur Verstärkung eintraf, darüber sogar in Aerger geriethen, da sie durch deren Betheiligung am Kampfe ihren eigenen Siegesruhm verkümmert sahen. 486 Vespasian hatte außerdem noch den Antonius Silo mit 2000 Bogenschützen zu Hilfe geschickt und ihnen die Aufgabe zugewiesen, den der Stadt gegenüberliegenden Bergabhang zu besetzen und von da aus die Juden auf der Stadtmauer zurückzujagen. 487 Während nun die Schützen den erhaltenen Befehlen gemäß die Leute auf der Mauer, welche die ihrigen unterstützen wollten, in der That vollständig in Schach hielten, jagte Titus auf seinem Pferde zu vorderst gegen den Feind, hinter ihm [279] unter gewaltigem Brausen seine Schwadronen, die sich dabei nach der ganzen Breite der feindlichen Stellungen auf der Ebene aufrollten und so noch viel zahlreicher zu sein schienen, als sie wirklich waren. 488 Obwohl ganz betroffen von der Wucht und Exactheit des Reiterangriffes, hielten doch die Juden den Ansturm eine Weile aus, bis sie, theils von den Lanzen der Reiter niedergestochen, theils von den dröhnenden Hufen der Pferde über den Haufen gerannt, förmlich zerstampft wurden. 489 Unter einem allgemeinen Blutbade wurden die Juden auseinandergesprengt und flohen, so schnell einen jeden die Füße trugen, der Stadt zu. 490 Viele wurden dabei einzeln von Titus eingeholt und niedergehauen, viele sanken mitten im Schwarm, durch den er sich durchhieb, anderen wieder eilte er voraus und stieß sie dann von vorne nieder; oft stürzte einer über den andern und wurden von dem auf den Knäuel einsprengenden Titus miteinander erschlagen. 491 Er hätte schließlich noch allen den Weg zur Mauer verlegt und sie wieder auf die Ebene zurückgejagt, wenn sie nicht endlich doch mit der Gewalt ihrer Masse den Durchbruch erzwungen und fliehend die Stadt erreicht hätten.

492 (4.) Drinnen erwartete aber die Flüchtlinge ein verhängnisvoller Widerstand von Seite der eigenen Leute. Die eigentlichen Bewohner der Stadt hatten nämlich, besorgt um ihr Hab und Gut, wie auch um die Existenz der Stadt selbst, schon von Anbeginn keine rechte Lust zum Kriege und jetzt nach der Niederlage natürlicher Weise schon gar nicht mehr. 493 Da aber die in großer Anzahl daselbst befindlichen Fremdlinge sie noch weiter dazu zwingen wollten, so kam es infolge der gegenseitigen Verbitterung zu lärmenden und wirren Auftritten, und es hatte den Anschein, dass man jetzt und jetzt zur blutigen Austragung des Streites schreiten würde. 494 Kaum hatte Titus, der gerade in der Nähe der Mauer stand, das wüste Getöse erlauscht, als er auch schon mit erhobener Stimme seinen Soldaten zurief: „Jetzt ist der rechte Augenblick da! Was zaudern wir noch, Waffengefährten, da Gott selbst uns die Juden ausliefert? Auf zum Siege! 495 Hört ihr nicht das Geschrei? In den Haaren liegen sich gegenseitig, die unseren Händen noch entkommen sind. Unser ist die Stadt, wenn wir rasch zugreifen. Freilich braucht es dazu noch ein Stück Arbeit und einige Bravour: es will ja nichts Großes ohne Gefahr zu Stande kommen. 496 Es gilt aber jetzt nicht bloß der Einigung unter den Feinden zuvorzukommen, die die Noth gewöhnlich schnell wieder einander näher bringt, sondern auch der Hilfsaction der Unserigen, damit wir nach dem Siege über eine so ungeheure Uebermacht, den unsere Handvoll jetzt erfochten, uns auch noch rühmen können, die Stadt selbst ganz allein erobert zu haben.“

[280] 497 (5.) Mit diesen Worten sprang er auf das Pferd und galoppierte an der Spitze gegen den See hinab, den er durchschwamm, um als der erste in die Stadt einzudringen, hintendrein die übrigen. 498 Entsetzen überfiel beim Anblick dieses verwegenen Stückleins die Vertheidiger auf der Mauer, und Niemand aus ihnen wagte es mehr, sich dem Feinde mit den Waffen in der Hand entgegenzuwerfen oder wenigstens an Ort und Stelle sich zur Wehre zu setzen: sie verließen vielmehr ihre Posten und flohen auseinander. Die Parteigänger des Jesus schlugen den Weg nach der Landseite ein, 499 andere rannten gegen den See hinab und fielen gerade den hier heraufrückenden Feinden in die Hände: die einen empfiengen in dem Augenblick den Todesstreich, da sie schon den Fuß auf die Schiffe gesetzt hatten, manche beim Versuche, die schon ausgefahrenen Boote noch schwimmend zu erreichen. 500 In der Stadt selbst wurden die Juden massenhaft zusammengehauen, zum Theil nach heftiger Gegenwehr, darunter namentlich jene Fremden, die nicht mehr Zeit zum Fliehen gehabt, zum Theil ohne jeden Widerstand, wie die Einheimischen, welche in der Hoffnung auf Pardon und im Bewusstsein, den Plänen der Aufständischen ferne gestanden zu sein, nicht zu den Waffen greifen wollten. 501 Endlich, da bereits die Schuldigen gefallen waren, ließ Titus dem Gemetzel aus Erbarmen mit der eigentlichen Bevölkerung Einhalt thun. 502 Als nun die auf das Wasser geflohenen Juden die Stadt genommen sahen, fuhren sie so weit, als möglich, aus dem feindlichen Bereiche weg auf die Höhe des Sees hinaus.

503 (6.) Jetzt schickte Titus an seinen Vater einen Reiter ab, um ihm die Siegesbotschaft zu melden. 504 Dieser war, wie natürlich, über die Tapferkeit und den Waffenerfolg seines Sohnes, der nach seinem Urtheil mit einem ganz gewaltigen Stück Arbeit im Kriege wieder aufgeräumt hatte, überaus erfreut und kam sofort persönlich nach Tarichää. Hier ordnete er zunächst die Umschließung und strengste Bewachung der Stadt an, damit Niemand heimlich daraus entweichen könnte, und gab den Wachen den Auftrag, solche Personen ohneweiters niederzustoßen. 505 Am anderen Tage gieng er zum See hinab, um dort Anstalten zum Bau von Kriegsbooten zu treffen, die gegen die Flüchtlinge auf dem See verwendet werden sollten. Da Holz im Ueberfluss vorhanden war, und eine Menge Zimmerleute daran arbeiteten, gieng die Herstellung derselben rasch vonstatten.

506 (7.) Der See Gennesar hat seinen Namen von dem an ihm sich hinziehenden Landstrich und besitzt eine Breite von vierzig Stadien während seine Länge die Breite noch um hundert Stadien übertrifft. Er ist trotz dieser Ausdehnung nur ein Süßwassersee und gibt [281] ein geradezu vorzügliches Trinkwasser; 507 denn sein Nass hat vor dem dicken Sumpfwasser den Vorzug, das es ganz dünnflüssig ist, und da sein Gestade auf allen Seiten in scharfe Uferlinien und Sandflächen ausläuft, so bleibt das Wasser auch rein. Dasselbe hat dann, wie man es schöpft, schon die rechte Temperatur, indem es milder, als Fluss- oder Quellwasser, aber doch immer frischer ist, als man es von einer so ausgedehnten Wasserfläche erwarten möchte. 508 Ja, wenn man das geschöpfte Wasser im Freien stehen lässt, wie es die Anwohner in Sommernächten zu thun pflegen, so gibt es sogar dem Schneewasser an Kälte nichts nach. Die Fischarten, die sich im See finden, haben im Vergleich mit den anderswo vorkommenden einen eigenthümlichen Geschmack und Körperbau. 509 Der See wird mitten vom Jordan durchschnitten, dessen Quelle scheinbar bei Panium entspringt, während er in Wirklichkeit aus dem sogenannten Phialesee entsteht und von da unter der Erde nach Panium seinen verborgenen Lauf richtet 510 Den Phialesee selbst trifft man 120 Stadien von Cäsarea entfernt, auf dem Wege zur Trachonitis hinauf, rechter Hand und nicht weit von der Straße. 511 Was den Namen anlangt, so hat der See von dem kreisförmigen Umfang seine natürliche Bezeichnung Phiale oder Schale bekommen. Der Wasserspiegel deckt sich bei ihm stets mit dem Rande, ohne je darunter hinabzusinken oder ihn zu überschreiten. 512 Erst von Philippus, dem Tetrarchen der Trachonitis, wurde der bis dahin unbekannte Ursprung des Jordan aus diesem See in der Weise ermittelt, 513 dass er Spreu in den Phialesee werfen ließ, die er dann beim Panium, dem von den Alten festgehaltenen Ursprung des Flusses, wieder an die Oberfläche kommen sah. 514 Das von Natur aus schon reizend gelegene Panium wurde übrigens auch noch mit königlichen Prachtbauten verschönert, auf die Agrippa seine reichsten Mittel verwendete. 515 In der daselbst befindlichen Grotte fängt nun das offene Gerinne des Jordan an, der hierauf die Sümpfe und das Marschland des Semechonitischen Sees durchquert und nach Zurücklegung von weiteren 120 Stadien unterhalb der Stadt Julias den See Gennesar mitten durchschneidet, um dann nach Durchmessung einer ausgedehnten wüsten Strecke sich in den Asphaltsee zu ergießen.

516 (8.) An dem See Gennesar zieht sich ein gleichnamiger Landstrich von wunderbarer Triebkraft und Anmuth hin. Der Boden ist so fett, dass er sich mit was immer für Gewächsarten bepflanzen lässt, wie denn auch die Bewohner in der That hier alles mögliche angebaut haben. Ueberdies herrscht ein temperiertes Klima, welches für die verschiedenartigsten Producte wie berechnet erscheint. 517 So grünen hier sogar eine Unzahl von Nussbäumen, die bekanntlich die kältesten [282] Gegenden lieben, daneben blüht die Palme, die nur in sengender Glut gedeiht, in Gesellschaft von Feigen- und Oelbäumen, für die wieder eine weniger heiße Temperatur angezeigt ist: 518 kurz, man könnte die Gegend als einen Wettstreit der Natur bezeichnen, welche hier alles aufgeboten hat, um ihre Gegensätze auf einen einzigen Kampfplatz zusammenzuziehen, ein holdes Ringen der verschiedenen Jahreszeiten, von denen jede, sozusagen, das Land für sich gewinnen möchte. Denn nicht bloß, dass hier die Natur überhaupt gegen ihre sonstige Gepflogenheit die grundverschiedensten Baumfrüchte zeitigt, sie setzt damit auch gar nie aus! 519 So spendet sie gerade das alleredelste Obst, Traube und Feige, den Bewohnern unausgesetzt durch zehn Monate, die übrigen Früchte aber neben ihnen in wechselnder Reife sogar das ganze Jahr hindurch! Die milden Lüfte unterstützt hiebei eine reichliche Quelle, welche die Landschaft bewässert, und die von den Einwohnern Kapharnaum genannt wird. 520 Manche haben die Meinung ausgesprochen, dass sie gar eine Wasserader des Nils sei, weil sie das Lebenselement eines Fisches bildet, der dem im Alexandrinersee vorkommenden Rabenfisch ganz ähnlich ist. 521 Die Längenausdehnung dieses Landstriches am Gestade des gleichnamigen Sees beträgt an die dreißig Stadien, seine Breite zwanzig. Das ist das Bild des Sees Gennesar und seiner Umgebung.

522 (9.) Als die Kriegsschaluppen hergestellt waren, besetzte sie Vespasian mit so viel Mannschaft, als nach seinem Ermessen erforderlich war, um den Feinden auf dem See die Spitze bieten zu können, und steuerte dann gegen das offene Wasser hinaus. Bald waren die Juden von allen Seiten zusammengedrängt, ohne die Möglichkeit, sei es auf das Land zu flüchten, wo alles vom Feinde unsicher gemacht war, sei es eine Seeschlacht, auch nur mit einiger Aussicht auf Erfolg, annehmen zu können. 523 Sie hatten nämlich nur kleine Kähne, die zwar gut genug für Plünderungszüge, aber den Kriegsbooten durchaus nicht gewachsen waren, und auch die wenigen Leute, die jeweilig in den einzelnen Kähnen fahren konnten, getrauten sich nicht recht, die heranrudernden starkbesetzten römischen Fahrzeuge aus der Nähe anzugreifen. 524 Doch suchten sie wenigstens in einem weiteren Bogen die Schaluppen zu umkreisen und die Römer durch Steinwürfe aus der Ferne zu verwunden, hie und da drangen sie aber auch gegen die Römer vor, so dass ihre Kähne die feindlichen Fahrzeuge streiften, und schlugen aus nächster Nähe auf die Gegner los. 525 In beiden Fällen war aber der Schaden nur auf ihrer Seite, da sie mit ihren Kieselsteinen keine andere Wirkung, als nur ein fort währendes Klingen der davon getroffenen feindlichen Panzer erzielten, [283] indes sie selbst schutzlos den Geschossen der Römer ausgesetzt waren, falls sie sich aber näher heranwagten, noch bevor sie einen guten Schwertstreich gemacht, schon verloren waren und sammt ihren Nachen versanken. 526 Wollten sich einzelne Kähne mit Gewalt durchschlagen, so wurde ihre Bemannung zum großen Theil von den Lanzen der herandringenden Römer durchbohrt; manche fielen auch unter dem Schwerte der in die Kähne hineinspringenden Feinde; einige wurden von den sich zusammenschließenden Schaluppen in die Mitte genommen und sammt ihren Nachen einfach aufgehoben. 527 Wenn Schiffbrüchige wieder auftauchen wollten, so bekamen sie sofort einen Schuss oder sie geriethen unter ein Boot, und machten sie gar in ihrer Verzweiflung Anstrengungen, um in ein feindliches Fahrzeug zu kommen, so hackten ihnen die Römer Kopf oder Hände ab. 528 Ueberall ereilte das Verhängnis, hier in dieser, dort in einer anderen Gestalt eine Menge von Juden, während die Uebriggebliebenen auf ihrer Flucht von den Römern, die schon von allen Seiten ihre Nachen umschwärmten, aus dem See hinaus gegen den Strand gedrängt wurden. 529 Hier wurde vielen schon die Landung abgeschnitten, und dieselben noch im See drinnen über den Haufen geschossen, viele, die noch aus den Schiffen springen konnten, wurden von den Römern am Lande niedergestreckt. Weithin erschien der See mit Blut geröthet und mit Leichen angefüllt. Denn gerettet wurde Niemand! 530 Der Gestank, der sich in den folgenden Tagen in der ganzen Gegend verbreitete, wie auch der Anblick, den sie bot, war geradezu furchtbar! Die Ufer waren über und über mit Schiffstrümmern und hoch aufgedunsenen Leichnamen bedeckt, die unter der Einwirkung der Sonnenglut und der modernden Feuchtigkeit einen wahren Pesthauch in die Lüfte entsandten, so dass diese Metzelei nicht bloß ein höchst trauriges Ereignis für die verunglückten Juden war, sondern auch denen, die sie vollbracht, ein Gegenstand widerwärtigen Ekels wurde. 531 So endete der Seekampf auf dem Gennesar. Alles in allem hatten, mit Einschluss derer, die schon früher in der Stadt gefallen waren, 6500 Juden ihr Leben eingebüßt.

532 (10.) Nach der Schlacht saß Vespasian in Tarichää zu Gericht, um das zugelaufene Volk, das offenbar am Kampfe zunächst schuld war, von den Einheimischen zu sondern, und hielt dann mit seinen Generälen Rath, ob man auch diese Fremden begnadigen sollte. 533 Die Truppenführer sprachen sich sämmtlich dahin aus, dass deren Freilassung nur Schaden bringen könnte, da solche aus ihrem Heimatsort vertriebene Leute, einmal freigegeben, sicher keine Ruhe halten würden, zumal sie auch imstande wären, ihre Unterstandsgeber [284] mit Gewalt in die kriegerische Bewegung hineinzureißen. 534 Vespasian musste selbst einsehen, dass diese Leute eine Begnadigung nicht verdienten und nach erhaltener Freiheit nur die Güte der Römer missbrauchen würden. Es konnte sich also bei ihm nur mehr um die Erwägung handeln, wie sie sich am besten aus dem Wege räumen ließen. 535 Durch eine Massenhinrichtung an Ort und Stelle fürchtete er, die Einheimischen zur blutigen Rache aufzureizen, da dieselben der Hinmetzlung so vieler Menschen, die ehedem bei ihnen Schutz gesucht, schwerlich ruhig zugesehen haben würden. Diese Leute aber auf Gnade aus der Stadt zu entlassen und erst nachträglich über sie herzufallen, dazu konnte er sich zunächst nicht entschließen. 536 Doch drangen schließlich seine Freunde mit ihrer Meinung durch, dass den Juden gegenüber gar nichts unerlaubt sein könne, und dass man den eigenen Vortheil dem Gebote der Anständigkeit vorziehen müsse, wenn man schon zwischen beiden nothwendig zu wählen habe. 537 Vespasian sagte nun den Juden, allerdings in zweideutiger Form, Straflosigkeit zu und gestattete ihnen, sich aus der Stadt zu entfernen, aber nur auf der Straße, die nach Tiberias führt. 538 Was man wünscht, das glaubt man gern, und so zogen denn die Juden vertrauensselig mit Sack und Pack, wie sie waren, in der angewiesenen Richtung von dannen. Unterdessen aber hatten die Römer die ganze Straße bis Tiberias besetzt, damit Niemand von derselben abbiegen könnte, und trieben auf solche Weise wirklich alle Fremden in die letztere Stadt zusammen. 539 Als Vespasian nachgekommen war, ließ er alle in die Rennbahn bringen und daraus die Greise, wie auch sonstige Untaugliche in der Zahl von 1200 hinrichten. 540 Aus den jungen Leuten suchte er 6000 der allerkräftigsten heraus und schickte sie dem Kaiser Nero nach dem Isthmus, während er die übrige Masse, bei 30.400, jene abgerechnet, die er davon dem Agrippa schenkte, verkaufen ließ. 541 Jene Gefangenen, die Unterthanen des Agrippa waren, stellte er, wie bemerkt, dem König zur Verfügung, er konnte damit machen, was er wollte. Der König verkaufte übrigens ebenfalls diese Leute. 542 Bestand ja doch das auswärtige Volk, das theils aus der Trachonitis, theils aus Gaulanitis, wie auch aus Hippus und dem Gebiet von Gadara stammte, zumeist nur aus Rebellen, Geächteten und solchem Gesindel, dem eine schmachvolle Vergangenheit vor dem Kriege endlich das Schwert des Aufruhrs in die Hand gedrückt hatte. Ihre Gefangennahme ereignete sich am achten des Monates Gorpiäus.

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