Maria Stuart (Schiller-Galerie)

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Autor: Friedrich Pecht
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Titel: Maria Stuart
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aus: Schiller-Galerie. Charaktere aus Schiller’s Werken, gezeichnet von Friedrich Pecht und Arthur von Ramberg. Funfzig Blätter in Stahlstich mit erläuterndem Text von Friedrich Pecht
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: F. A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Elisabeth,
Königin von England.

[Ξ]
ELISABETH, KÖNIGIN VON ENGLAND.
(Maria Stuart.)


Es wäre interessant, genauer den Gedankengang zu kennen, welcher Schiller veranlasste, seinen sonstigen Ansichten entgegen die grosse Königin, der England einen guten Theil seiner Blüte verdankt, mit so auffallender Härte zu behandeln, nur in wenigen Augenblicken die energische Natur, die grosse, königliche Seele, die Vertreterin jenes grossen Princips des Protestantismus in ihr zu zeigen, als welche Elisabeth in der Geschichte erscheint, während Maria, die den Katholicismus repräsentirt, wie dieser selber mit allem berauschenden Farbenreichthum geschildert ist. Es ist dies eine Concession an die Romantik, wie sie ihm sonst fremd ist.

Gleich im ersten Act, wo Burleigh dem Paulet die Nothwendigkeit andeutet, dass Maria sterben müsse, sowie die Gründe, die die Ausführung mislich machen, werden wir gegen Elisabeth eingenommen:

Ihr Mund wagt ihre Wünsche nicht zu sprechen;
Doch vielbedeutend fragt ihr stummer Blick:
Ist unter allen meinen Dienern keiner,
Der die verhasste Wahl mir spart?

Während der Abscheu des protestantischen Volks vor der Herrschaft des Papismus, sowie der daher stammende Wunsch nach der Hinrichtung Maria’s angedeutet wird:

Denn dieses war des Landes ew’ge Furcht,
Sie möchte sterben ohne Leibeserben,
Und England wieder Papstes Fesseln tragen,
Wenn ihr die Stuart auf dem Throne folgte –

so lässt man uns doch die Liebe des Volks zu Elisabeth kaum ahnen. Und wenn sich beim ersten Auftreten richtig das Gefühl ihrer Grösse ausspricht, wenn sie von letzterm sagt:

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Auch meine jungfräuliche Freiheit soll ich,
Mein höchstes Gut, hingeben für mein Volk,
Und der Gebieter wird mir aufgedrungen.
Es zeigt mir dadurch an, dass ich ihm nur
Ein Weib bin, und ich meinte doch regiert
Zu haben, wie ein Mann und wie ein König –

so widert uns doch die Härte an, mit der sie gleich darauf der Bitte um Gnade für Maria aus dem Wege geht; die Heuchelei, mit der sie Burleigh’s Auseinandersetzung der Nothwendigkeit von Maria’s Tod durch einen vorgeblichen Abscheu vor dem Vergiessen alles Blutes beantwortet; die Kälte, mit der sie dennoch gleich darauf Shrewsbury’s Vertheidigung derselben aufnimmt:

Ein warmer Anwalt ist Graf Shrewsbury
Für meine Feindin und des Reichs. Ich ziehe
Die Räthe vor, die meine Wohlfahrt lieben –

und damit ihre eigentliche Gesinnung hinlänglich andeutet.

Nur ein mal sehen wir sie gerührt, als sie Maria’s Brief erhält; und auch da mischt sich Bosheit in die Rührung, wenn sie seufzt:

Was ist der Mensch! Was ist das Glück der Erde!
Wie weit ist diese Königin gebracht,
Die mit so stolzen Hoffnungen begann.

Aber gleich darauf spricht sie richtig das Gefühl der tragischen Nothwendigkeit aus, die sie zur Vernichtung der Gegnerin nöthigt. Während ihr nun der Erfolg deutlich vor Augen schwebt:

Mich immer trifft der Hass der That. Ich muss
Sie eingestehn und kann den Schein nicht retten.
Das ist das Schlimmste! –

empört sie uns aufs höchste durch die Heuchelei, mit der sie ihm entgehen möchte, und die Niederträchtigkeit, mit der sie, während sie Mortimer zum Mord zu stacheln sucht, ihm den Besitz ihrer eigenen Gunst als Lohn für denselben in Aussicht stellt. Mortimer hat ganz recht, wenn er von diesem grenzenlosen Egoismus urtheilt, dass er, da er keiner Hingebung fähig sei, auch keine verdiene.

[Ξ] Nach diesem Ausbruche tödlichsten Hasses und widrigster Lüsternheit empfinden wir es als eine Erleichterung, wenn sie Leicester gegenüber wieder Königin wird:

So glücklich bin ich nicht, dass ich dem Manne,
Der mir vor allen theuer ist, die Krone
Aufsetzen kann! – Der Stuart ward’s vergönnt,
Die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken;
Die hat sich jegliches erlaubt. . . .
Doch zog ich strenge Königspflichten vor.
Und doch gewann sie aller Männer Gunst,
Weil sie sich nur befliss ein Weib zu sein.

Diese Reflexionen hindern sie aber nicht, gleich darauf ebenfalls als Weib mit allen Schwächen aufzutreten und zu sagen:

Und ist’s denn wirklich wahr, dass sie so schön ist?
So oft musst’ ich die Larve rühmen hören.

Sogar der niedrige Grund wirkt auf sie, den ihr der Günstling anführt:

Du kannst sie auf das Blutgerüste führen,
Es wird sie minder peinigen, als sich
Von deinen Reizen ausgelöscht zu sehn.
Dadurch ermordest du sie, wie sie dich
Ermorden wollte –

und sie lässt sich durch denselben wirklich berücken.

In der nun folgenden berühmten Scene zwischen beiden Königinnen hat Schiller das Odiose wieder auf Elisabeth fallen lassen, und ebenso, wenn sie die Unmöglichkeit der Versöhnung zwischen ihr und der Kirche ausspricht, deren Repräsentantin Maria ist:

 Draussen, Lady Stuart,
Ist Eure Freundschaft, Euer Haus das Papstthum.

Hier würde ihr unser Verstand unbedingt recht geben müssen, wenn sie unser Gefühl nicht durch den darauffolgenden unnöthigen persönlichen Hass gegen die hülf- und schutzlos vor ihr liegende Feindin so sehr verletzte.

Durch diesen getrieben, durch die Begegnung mit Maria und den Verrath Leicester’s als Weib vollends aufs schwerste gereizt, [Ξ] unterschreibt sie das Todesurtheil endlich doch, nicht ohne vorher noch einmal das Register der Heuchelei aufgezogen zu haben, nur nach langem Kampf, und nicht ohne das Vorgefühl, dass ihr ihr Zweck mislingen wird:

 Ach, wie sehr befürcht’ ich,
Wenn ich dem Wunsch der Menge nun gehorcht,
Dass eine ganz verschiedne Stimme sich
Wird hören lassen – ja, dass eben die,
Die jetzt gewaltsam zu der That mich treiben,
Mich, wenn’s vollbracht ist, strenge tadeln werden!

In diesem Moment der letzten sinnenden Erwägung hat der Künstler die Elisabeth aufgefasst, und wir glauben, dass es vollkommen zu rechtfertigen ist, wenn er das Mächtige, Grossartige, wahrhaft Königliche in ihrem Wesen vor allem uns zur Erscheinung zu bringen gesucht hat.

Wenn Elisabeth auf die Gewissheit hin, dass das Urtheil bereits vollzogen sei, ausruft:

Ich bin Königin von England! . . . .
Jetzt endlich hab’ ich Raum auf dieser Erde.
– Was zittr’ ich? Was ergreift mich diese Angst?
Das Grab deckt meine Furcht, und wer darf sagen,
Ich hab’s gethan! Es soll an Thränen mir
Nicht fehlen, die Gefallne zu beweinen! –

so ist dies wenigstens wahr, wenn nicht edel, und dass die Heuchelei, mit der sie den Schein der That von sich abzuwälzen sucht, keinen Glauben findet, dass die That ihr selbst nicht die Frucht bringt, welche sie davon erwartet, da sie ihr den Geliebten raubt – das Weib also besiegt wird, während die Königin triumphirt –, das eben ist das Tragische in dem Geschick der grossartigen Frau.



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Maria Stuart.

[Ξ]
MARIA STUART.
(Maria Stuart.)


Die schottische Königin hat es dem goldenen Zauberschleier der Poesie zu verdanken, den unser Schiller ihr um das reizende Haupt gewoben, wenn ihr Andenken mit aller Glorie des Unglücks und eines heroischen Todes vor uns steht. Der Dichter bringt in ihr die eigenste Natur des Weibes mehr zum Vorschein als in irgendeinem andern seiner Stücke. Indem er ihr ausser den gewöhnlichen Schwächen des Geschlechts auch noch eine gewisse Unbändigkeit beilegte, so erhöhte er gerade ihre Wirkung auf andere, indem er ihr gleichzeitig das Geschenk einer wunderbaren Schönheit und Anmuth des Geistes wie des Körpers verlieh, die alles dämonisch an sich zieht, während er auf ihre glückliche Nebenbuhlerin alle Schuld eines bösen Gemüths, alle Schmach eines zweideutigen Charakters, ohne irgendeinen versöhnenden Zug – sicherlich nicht mit Recht – häuft.

In solchem Masse hat der Dichter den Zauber dieser Holdseligkeit über die Unglückliche ausgegossen, sie durchdringt und verschönt alles so sehr, was sie sagt und thut, dass sie uns als das Ideal eines schwachen Weibes nur um so verführerischer erscheint, während er die leiseste Spur der gleichen Gabe der mehr männlichen Seele der Gegnerin versagt, und dadurch uns selbst besticht, mit ihm Partei für die schöne Unglückliche zu ergreifen; denn wer liesse sich nicht lieber von dem Reiz der Sinne bethören, als von dem trockenen Verstande leiten?

Hat seine Darstellung also Licht und Schatten zwischen den beiden Feindinnen sicherlich nicht mit historischer Gerechtigkeit vertheilt, so verschweigt er uns doch die Schuld Maria’s nicht, ja gleich im Eingang malt er uns dieselbe. Maria’s Amme selbst sagt von dem Verhältniss der Königin zu Bothwell:

[Ξ]

 Ihr hattet
Kein Ohr mehr für der Freundin Warnungsstimme,
Kein Aug’ für das, was wohlanständig war.
Verlassen hatte Euch die zarte Scheu
Der Menschen; Eure Wangen, sonst der Sitz
Schamhaft erröthender Bescheidenheit,
Sie glühten nur vom Feuer des Verlangens.

Aber während über die doppelte Schuld Maria’s leicht und in ein paar Zeilen weggegangen wird, sehen wir von da an nur Maria’s Reue und Würde, nur die rohe Tyrannei, die sie mishandelt, wir sehen nur das Unrecht, das ihr geschieht, wie wir ihren entschlossenen Muth bewundern, wenn sie gegen Burleigh sich vertheidigt.

Hat sie durch diese glänzende Vertheidigung unser Herz gewonnen, so bezaubert uns die unglücklich Leidende vollends in der Scene, da sie den Spaziergang im Park macht, wo der rührendste Glanz der Poesie im reichsten Masse über sie ausgegossen ist; oder wem schnürt es nicht das Herz zusammen, wenn wir die unglückliche Frau aus dem dumpfen Gefängniss, das sie seit Monden umschlossen, zum ersten mal wieder heraustreten sehen, und sie ihre Hoffnung, ihr Entzücken in den Worten malt:

Lass mich der neuen Freiheit geniessen,
Lass mich ein Kind sein – sei es mit . . . .
Bin ich dem finstern Gefängniss entstiegen?
Hält sie mich nicht mehr, die traurige Gruft?
Lass mich in vollen, in durstigen Zügen
Trinken die freie, die himmlische Luft. . . .
Eilende Wolken, Segler der Lüfte!
Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!
Grüsset mir freundlich mein Jugendland!

Glauben wir da nicht das Klopfen des Herzens zu hören, das Ringen der Hände, die Thränen der anmuthreichen Frau zu sehen?

Der Künstler konnte schwerlich einen günstigern Augenblick für seine Darstellung wählen als diese Scene, die kein Auge trocken, die nur mehr an die Qual des süssen Geschöpfes denken, all seine Schuld vergessen lässt. – Selbst wenn ihr weiblicher Zorn von neuem aufflammt, als sie das Nahen der Peinigerin hört:

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Nichts lebt in mir in diesem Augenblick,
Als meiner Leiden brennendes Gefühl.
In blut’gen Hass gewendet wider sie
Ist mir das Herz –

so fühlen wir es mit, so gut als wenn ihr ahnt, dass daraus nichts Gutes entstehen kann, da sie selbst weit entfernt ist, vergeben zu haben. Ja, dass noch der ganze unbeugsame Stolz der Königin in ihr lebt, wenn sie sagt:

Der Himmel hat für Euch entschieden, Schwester!
Gekrönt vom Sieg ist Euer glücklich Haupt:
Die Gottheit bet’ ich an, die Euch erhöhte! –

finden wir ebenso erklärlich, als dass sie, wenn das Weib in ihr aufs tiefste beleidigt wird, glühend auffährt:

Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt,
Die Macht verführte mich, ich hab’ es nicht
Verheimlicht und verborgen. . . .
Weh’ Euch, wenn sie von Euern Thaten einst
Den Ehrenmantel zieht, womit Ihr gleissend
Die wilde Glut verstohlner Lüste deckt. . . .
– Regierte Recht, so läget Ihr vor mir
Im Staube jetzt: denn ich bin Euer König.

Hier aber bricht das Dämonische ihrer Natur noch einmal heraus, unsere schöne Königin fühlt zunächst nichts als die Befriedigung, den Sieg davongetragen zu haben in diesem weiblichen Zungenduell:

O wie mir wohl ist, Hanna! Endlich, endlich,
Nach Jahren der Erniedrigung, der Leiden,
Ein Augenblick der Rache, des Triumphs!
Wie Bergeslasten fällt’s von meinem Herzen,
Das Messer stiess ich in der Feindin Brust.

Dieser Triumph führt sofort die schwerste Strafe herbei, die ihr werden konnte. Durch Mortimer wird ihr bewiesen, dass die Feindin Elisabeth eigentlich recht hat, da sie selbst in den Augen eines Freundes und Anhängers ebenso tief steht, als in denen der Gegnerin, wenn sie von ihm erfährt, dass dieser vermeintliche Sieg nichts als die wildeste Sinnlichkeit wecken konnte:

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Du hast gesiegt! Du tratst sie in den Staub! . . . .
Wie dich der edle königliche Zorn
Umglänzte, deine Reize mir verklärte!
Du bist das schönste Weib auf dieser Erde!

Ja, als sie ihm abwehrend sagt:

Mein Unglück sollt’ Euch heilig sein, mein Leiden,
Wenn es mein königliches Haupt nicht ist –

hat er keine andere Erwiderung als:

 Du bist nicht gefühllos:
Nicht kalter Strenge klagt die Welt dich an;
Dich kann die heisse Liebesbitte rühren,
Du hast den Sänger Rizzio beglückt,
Und jener Bothwell durfte dich entführen.

Gewiss die tiefste Demüthigung, die ihr werden konnte.

Es ist ein eigenthümlicher Zug der Frauennatur, wenn sie den Muth des Handelns verloren hat, doch den des Leidens zu behalten. Darin übertrifft die schwächste Frau den stärksten Mann, und auch Maria findet ihre ganze Frauenreinheit und königliche Würde wieder, als jede Hoffnung ihr entschwunden, keine Aussicht ihr mehr geblieben ist als die auf das Schaffot. Von diesem Augenblick an sehen wir nur edle und rührende Züge von ihr, ob sie nun den Schmerz des alten Ritters über den Verlust des Neffen theile, ihre Frauen tröste, und die klarste, ruhigste Einsicht in ihre Fehler bei der Beichte zeige:

Von neid’schem Hasse war mein Herz erfüllt,
Und Rachgedanken tobten in dem Busen. . . .
Ach, nicht durch Hass allein, durch sünd’ge Liebe
Noch mehr hab’ ich das höchste Gut beleidigt –

oder von Leicester Abschied nehme:

Ihr durftet werben um zwei Königinnen:
Ein zärtlich liebend Herz habt Ihr verschmäht,
Verrathen, um ein stolzes zu gewinnen –

es verlässt sie so wenig mehr ihre ruhig resignirte Hoheit als unsere wachsende tiefe Theilnahme.



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Leicester.

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LEICESTER.
(Maria Stuart.)


Gerade hochbegabte, machtvolle Frauen schenken – es ist das eine alte Erfahrung – gewöhnlich sehr unwürdigen Männern ihre Gunst und lassen sich lediglich durch den sinnlichen Reiz einer schönen Persönlichkeit blenden; insofern ist es gewiss ein feiner, psychologisch durchaus richtiger Zug, dass Schiller den Geliebten der beiden grossen Königinnen als einen Unwürdigen schildert; dass er ihn dagegen mit solcher übermässigen – Erbärmlichkeit ausstattet, wie er sie in keinem andern Stück irgendeiner Figur mehr zu Theil werden lässt, das beeinträchtigt fast die tragische Wirkung, da wohl Abscheu, keineswegs aber Ekel in den Kreis der Empfindungen gehört, die die Tragödie erregen soll.

Die Einwirkung Goethe’scher Figuren, wie des Clavigo, Weisslingen und anderer scheint hier unverkennbar; aber Goethe wusste diese Charaktere mit einer gewissen verführerischen Liebenswürdigkeit zu umkleiden, die nur aus Schwäche perfid wird und keineswegs bewusst, mit Absicht, während Lord Leicester perfid ist ohne alle und jede Entschuldigung und uns nicht einmal durch seinen Tod, wie Clavigo und Weisslingen, versöhnt, sondern durch seine Flucht „zu Schiff nach Frankreich“ der Niedrigkeit die Krone aufsetzt.

Sehen wir zu, was an ihm etwa zu loben sein möchte, um die Zärtlichkeit der beiden Königinnen für ihn zu erklären.

Das erste, was wir über ihn erfahren, ist, dass Elisabeth’s Günstling und Maria’s Geliebter bei Gericht ohne Bedenken für den Tod der letztern gestimmt hat, dann aber, als Elisabeth Neigung zeigt den französischen Werbungen Gehör zu geben, auch diese sofort verräth, indem er den Vollzug des Urtheils aufzuschieben sucht. Er macht [Ξ] hier jenen feinen Unterschied zwischen den Pflichten des Richters und des Politikers:

Wahr ist’s, ich habe selber meine Stimme
Zu ihrem Tod gegeben im Gericht.
– Im Staatsrath sprech’ ich anders –

der wenigstens für seinen Scharfsinn, seine Gewandtheit und Geistesgegenwart spricht. Von diesen gibt er sofort eine weitere Probe, als sich Maria eine Zusammenkunft mit Elisabeth erbittet, und Burleigh letzterer davon abräth. Da weiss er gleich Elisabeth an der schwachen Seite zu fassen:

Lasst uns in unsern Schranken bleiben, Lords.
Die Königin ist weise, sie bedarf
Nicht unsers Raths, das Würdigste zu wählen.

So sagt man immer zu den Fürsten, wenn man sie zu einem dummen Streiche treiben möchte, und ein ehrlicher Mann davon abräth!

Wie er eigentlich zu beiden Königinnen steht, bekennt er mit cynischer Offenheit vor Mortimer:

Ihr seid verwundert, Sir, dass ich so schnell
Das Herz geändert gegen die Maria.
Zwar in der That hasst’ ich sie nie. . . .
Mein Ehrgeiz war es, der mich gegen Jugend
Und Schönheit fühllos machte. Damals hielt ich
Mariens Hand für mich zu klein: ich hoffte
Auf den Besitz der Königin von England. . . .
 Und nun, nach zehn
Verlornen Jahren unverdrossnen Werbens,
Verhassten Zwangs – o Sir, mein Herz geht auf! – . . . .
Täuscht mich am Ziel der Preis! Ein andrer kommt,
Die Frucht des theuern Werbens mir zu rauben. . . .
So stürzen meine Hoffnungen. – Ich suche
In diesem Schiffbruch meines Glücks ein Bret
Zu fassen – und mein Auge wendet sich
Der ersten schönen Hoffnung wieder zu.

Ein liebenswürdiger Geständniss kann man doch schwerlich machen, und man begreift nur nicht recht, wie Mortimer nach demselben noch einen Schritt weiter in seinem Vertrauen gehen mag!

[Ξ] Eine tiefe Kenntniss des weiblichen Herzens lässt sich dem aalglatten Lord freilich um so weniger absprechen; die geistreichste Frau hört doch noch lieber ihre Haut als ihr Gehirn preisen, und so lässt sich denn auch Elisabeth, da sie ihn eben mit Mortimer ertappt, beschwichtigen, als er schnell besonnen seine Verblüfftheit durch den Glanz ihrer Schönheit, der ihn geblendet, motivirt. Dieser einzige Zug würde genügen, um Schiller von dem Vorwurf zu reinigen, dass er das weibliche Herz nicht gekannt habe!

Allen Menschen, ganz besonders aber den notorisch geistreichen gegenüber muss man, wenn man einmal überhaupt lügt, nicht wenig, sondern recht dick lügen; denn wenig merken sie viel eher. Wenn es aber sehr arg ist, so denken sie, es müsse doch etwas dran sein, da man ihrem bekannten Verstande gegenüber so viel nicht wagen würde! Man hat dabei nur die Vorsicht zu gebrauchen, dass die Lüge das zum Inhalt hat, was sie sehr fürchten oder sehr wünschen. So sagt denn diesem Recept getreu Leicester zu Elisabeth:

Ich liebe dich. Wärst du die ärmste Hirtin,
Ich als der grösste Fürst der Welt geboren,
Zu deinem Stand würd’ ich heruntersteigen,
Mein Diadem zu deinen Füssen legen. . . .
 Ich stellte
Dich in Gedanken neben die Maria.
– Die Freude wünscht’ ich mir, ich berg’ es nicht,
Wenn es ganz insgeheim geschehen könnte,
Der Stuart gegenüber dich zu sehn!
Dann solltest du erst deines ganzen Siegs
Geniessen! Die Beschämung gönnt’ ich ihr,
Dass sie mit eignen Augen – denn der Neid
Hat scharfe Augen – überzeugt sich sähe,
Wie sehr sie auch an Adel der Gestalt
Von dir besiegt wird, der sie so unendlich
In jeder andern würd’gen Tugend weicht –

was zwar einen recht originellen Contrast bildet mit dem, was er eben gegen Mortimer geäussert, doch aber seine Wirkung nicht verfehlt.

Die Unterredung hat das bekannte Resultat und Leicester sieht sich von Burleigh durchschaut; da opfert er, um sein Benehmen zu [Ξ] krönen, mit rascher Hinterlist den, der ihn edelmüthig retten wollte, Mortimer, – ja er setzt der Verrätherei die Krone auf, indem er auf die Vollstreckung des Todesurtheils gegen Maria jetzt selber dringt. Hier trifft ihn aber das Schicksal durch des Gegners Burleigh Vorschlag:

Da es Mylord so treu und ernstlich meint,
So trag’ ich darauf an, dass die Vollstreckung
Des Richterspruchs ihm übertragen werde.

Die Nerven des weichlichen Grafen waren stark genug den Verrath zu begehen, – sein Resultat mitanzusehen reichen sie nicht aus. Maria, indem sie ihm sagt:

Ihr haltet Wort, Graf Lester – Ihr verspracht
Mir Euern Arm, aus diesem Kerker mich
Zu führen, und Ihr leihet mir ihn jetzt! –

vernichtet ihn so mit Recht. In diesem Moment hat ihn der Künstler aufgefasst. Zwar macht der Lord noch einen Versuch sich zusammenzuraffen:

Willst du den Preis der Schandthat nicht verlieren,
Dreist musst du sie behaupten und vollführen!
Verstumme, Mitleid! Augen, werdet Stein!
Ich seh’ sie fallen, ich will Zeuge sein –

aber die Schauer des Gewissens erlauben es ihm nicht, und er bricht zusammen. Es ist sein Verhängniss, dass seine Besserung dieselbe Wirkung haben muss, wie sein Verbrechen: nachdem er durch seine Doppelzüngigkeit Maria verrathen – verräth er durch seine Reue Elisabeth!

Das Eigenthümliche aller innerlich niederträchtigen Naturen ist, dass sie zwar allenfalls ihre Verbrechen bereuen, sich doch aber ihrer Wirkung möglichst zu entziehen suchen, anstatt sich freiwillig zur Sühne anzubieten. So endet denn mit seiner Flucht auch Leicester, wie er im ganzen Stück war: – erbärmlich.



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Mortimer.

[Ξ]
MORTIMER.
(Maria Stuart.)


Wie die Eigenschaft, welche den Besitz Schiller’s für die Nation besonders so ausserordentlich werthvoll macht, seine kraftvolle Männlichkeit ist, darauf haben wir in unsern Erläuterungen schon mehrfach hingedeutet. Nirgends ist bei ihm eine Spur jener sonderbaren Mischung von Cretinismus und Genie, oder doch von weibischem Wesen zu entdecken, die uns so viele unserer Künstler nicht nur zweiter und dritter Klasse als krankhafte Austern erscheinen lässt, in denen das Talent die einzige Perle ist, und deren schwächliches Wesen so vielfach zu der Meinung beigetragen hat, dass die künstlerische Begabung überhaupt eigentlich eine Art von Krankheit sei, die ihren Besitzer mit Nothwendigkeit etwas verschroben und ungesund oder mindestens insipid machen müsse. An sich aber ist die künstlerische Gestaltungskraft gewiss nichts Unnatürliches, den Organismus Störendes, welches die Harmonie der Seele aufheben, ihre Energie schwächen müsste; im Gegentheil hat jeder grosse Mann etwas vom Dichter und Künstler an sich, ja diejenigen, die am weitesten vom Künstlerstand entfernt scheinen, die Feldherren und Staatsmänner, vielleicht gerade am allermeisten.

Die männliche Energie nun, der frische Muth, der ihm verliehen, sind die Eigenschaften, die uns auch mit Mortimer einigermassen aussöhnen, der sonst in keiner Beziehung unsere Theilnahme verdienen würde, trotz der verführerischen Gewalt der Sprache, die ihm der Dichter in den Mund legt, und die uns um so mehr nöthigt, unsere Ansicht über diesen Charakter möglichst scharf auszusprechen, – denn ausser jenen Vorzügen ist so ziemlich alles an ihm nichtswürdig. Sein Hauptcharakterzug ist die starke Sinnlichkeit; nicht nur seine Leidenschaft [Ξ] für Maria athmet die wildeste Glut, selbst schon sein Uebergang zum Katholicismus wird blos durch den Reiz der Sinne, durch den Rausch, in den die Wunderwerke der Kunst in Rom sein phantastischsinnliches Wesen versetzen, den ihm Rafael’sche Frauen, Palestrina’s Musik und Michel Angelo’s Kuppel bereiten, motivirt. Er ist so ganz Romantiker der echten Sorte, es ist nicht der Kern der Sache selbst, der ihn gewinnt, es ist das Drum und Dran, die künstlerische Form, die ihn besticht. So geht er denn auch gleich nach seiner innerlichen Conversion in lustige Gesellschaft, von römischen Kirchenfesten zu „der Franzosen muntern Landsmannschaften“, und wird da reif für den Cardinal, der ihm zeigte

 Dass grübelnde Vernunft
Den Menschen ewig in der Irre leitet,
Dass seine Augen sehen müssen, was
Das Herz soll glauben.

Wenn ihn aber gerade die Vernunft irre leitet, so sieht man nicht ab, wozu sie ihm Gott gegeben, und es ist eben keine Schmeichelei für den Katholicismus, dass er sie erst aufgeben muss, um zu ihm zu gelangen, so poetisch uns dieser Process auch dargestellt wird.

Schwärmerei und Heuchelei sind Zwillingsgeschwister, und so macht denn Mortimer auch sofort die Bekanntschaft der letztern, die dem Engländer ohnehin noch näher lag bei der angeborenen Verschlossenheit, dem starren Egoismus des Charakters. Er lernt „der Verstellung schwere Kunst“, ja er erröthet nicht vor dem ganzen Hofe von England und seiner Königin sich zu einer Handlungsweise zu bekennen, die man im gewöhnlichen Leben – infam nennt; bekennt er doch selbst, dass er sich in der Verbannten Vertrauen gestohlen, um ihre Anschläge auszukundschaften, ja dass er zum Schein sogar seinen Glauben abgeschworen: „so weit ging die Begierde dir (der Elisabeth) zu dienen“ – ein Geständniss, das ihm nach den bisher geltenden Begriffen doch nur die Verachtung jedes Ehrenmanns eintragen konnte! Diese verdient er trotz der Unwahrheit des Geständnisses dennoch, da er ja am Hofe Elisabeth’s und seinem eigenen Oheim gegenüber auch nichts anderes [Ξ] thut. Wenn dergleichen mit der Ehre vereinbar ist, so sieht man nicht ein, was eigentlich nicht mit ihr zusammenzureimen wäre!

Selbst der sicherlich nicht blöde Leicester sagt ihm daher auch mit Recht in der Scene, in der uns ihn der Künstler dargestellt hat:

Ich seh’ Euch zweierlei Gesichter zeigen
An diesem Hofe – eins darunter ist
Nothwendig falsch.

Dass seine Liebe zu Maria ebenfalls ihre Quelle lediglich in der Sinnlichkeit habe, wird uns vom Dichter überall gezeigt, ob er Maria erzählt, welchen Eindruck ihm ihr Bild, oder ob er ihr gesteht, welchen sie selbst ihm mache:

 Raubt Euch
Des Kerkers Schmach von Euerm Schönheitsglanze?
Euch mangelt alles, was das Leben schmückt,
Und doch umfliesst Euch ewig Licht und Leben –

bis zu der letzten Begegnung, wo er ihr in massloser Leidenschaft ihre frühern Liebesabenteuer vorhält, um seine Ansprüche auf ihre Gunst zu rechtfertigen, und diese endlich geradezu als Preis verlangt:

Ich rette dich, ich will es, doch, so wahr
Gott lebt! ich schwör’s, ich will dich auch besitzen.

Elisabeth beurtheilt daher seine Motive ganz richtig, wenn sie ihm die ihrige in Aussicht stellt, um ihn zu gewinnen, so widrig auch sonst der lüsterne Zug an ihr ist, und nichts berechtigt ihn zu sagen:

Wie du die Welt, so täusch’ ich dich. Recht ist’s,
Dich zu verrathen, eine gute That!
Seh’ ich aus wie ein Mörder? –

um so mehr, als er gleich darauf zeigt, dass sie ihm – nur nicht schön genug ist, um den Preis wünschenswerth zu finden, während er ohne Bedenken für Maria alles, was ihm in den Weg kommt, sogar seinen Oheim, morden will, weil

[Ξ]

Um sie, in ew’gem Freudenchore, schweben
Der Anmuth Götter und der Jugendlust,
Das Glück der Himmel ist an ihrer Brust.

Er unterscheidet sich daher sicherlich nicht durch die Moralität zu seinem Vortheil von Leicester, sondern blos in der Frische und Keckheit; diese allein geben ihm zu dem Vorwurf ein Recht, als jener ihm sagt, ein Befreiungsversuch sei nicht zu wagen:

Nein, nicht für Euch, der sie besitzen will!
Wir wollen sie blos retten und sind nicht so
Bedenklich.

Dieser dreiste Jünglingsmuth versöhnt uns mit ihm denn auch einigermassen, wenn er sagt:

Mit einer kühnen That müsst Ihr doch enden.
Warum wollt Ihr nicht gleich damit beginnen? –

oder gegen Maria ausruft:

 Der Feige liebt das Leben.
Wer dich will retten und die Seine nennen,
Der muss den Tod beherzt umarmen können –

ja es verklärt noch sein Ende, wenn er, von Leicester verrathen, ausruft:

Ha, Schändlicher! – Doch ich verdiene das.
Wer hiess mich auch dem Elenden vertrauen? . . . .
Das Leben ist das einz’ge Gut des Schlechten! –

da wir dem die Achtung niemals ganz versagen können, der für seine Ueberzeugung, sei sie auch noch so falsch, oder liegen ihr selbst – wie bei Mortimer – durchaus egoistische Motive zu Grunde, dennoch muthvoll sein Leben einsetzt.



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Burleigh.

[Ξ]
BURLEIGH.
(Maria Stuart.)


Wenn man Staatsmänner richtig würdigen will, so darf man ihr Thun nicht vom privatrechtlichen Standpunkt aus betrachten. Man muss sich die Zeit und die Umstände, unter denen sie handeln, vor allen Dingen vergegenwärtigen. So sehen wir Burleigh inmitten der heftigsten bürgerlichen Kämpfe auftreten, es ist ihm und der Königin endlich gelungen, dem Reiche eine bisher unbekannte Grösse, Macht und wenigstens äussern Frieden zu verschaffen, das alles wird aber fortwährend durch die Existenz der gefährlichen Prätendentin in Frage gestellt.

Ist in Schiller’s Tragödie bei den beiden Frauen fast ausschliesslich blos die weibliche Natur hervorgehoben, die unversöhnliche Gegnerschaft zweier Nebenbuhlerinnen, die sich nicht nur einen Thron, sondern auch nicht minder das Herz eines geliebten Mannes bestreiten, so sehen wir im Lord-Grossschatzmeister den kalten Repräsentanten der Staatsraison, den unerschütterlichen Vertreter der protestantischen Partei. Der Eindruck einer gewissen Herzlosigkeit ist bei diesem einseitigen hervorkehren blos verständiger Erwägung unvermeidlich, Schiller hat ihn noch durch juridische Arglist geschärft: Burleigh hasst in Maria die Papistin, in Leicester den Günstling der Königin. Er ist vollkommen gleichgültig in der Wahl der Mittel, wenn er nur den Zweck erreicht, ganz wie Mortimer auf der katholischen Seite. Wenn er daher scheinbar die grossen Principien des Rechts festhält, das gegen jedermann ohne Ansehen der Person geltend gemacht werden müsse:

Wie ständ’ es um die Sicherheit der Staaten,
Wenn das gerechte Schwert der Themis nicht
Die schuld’ge Stirn des königlichen Gastes
Erreichen könnte, wie des Bettlers Haupt? –

[Ξ] so zeichnet doch Maria sowol ihn als seine Art richtig, wenn sie ihm vorwirft, dass ihm der Nutzen über die Gerechtigkeit gehe.

Er treibt es kalten Blutes bis zum Justizmord an Maria, ja er möchte sogar, blos um der Ruhestörerin los zu sein, Paulet zum Meuchler an ihr machen:

Sie trotzt uns – wird uns trotzen, Ritter Paulet . . . .
Das Richterschwert, womit der Mann sich ziert,
Verhasst ist’s in der Frauen Hand. Die Welt
Glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes,
Sobald ein Weib das Opfer wird. Umsonst,
Dass wir, die Richter, nach Gewissen sprachen!
Sie hat der Gnade königliches Recht,
Sie muss es brauchen; unerträglich ist’s,
Wenn sie den strengen Lauf lässt dem Gesetze! . . . .
 Also soll sie leben? Nein!
Sie darf nicht leben! Nimmermehr! Dies, eben
Dies ist’s, was unsre Königin beängstigt. . . .
Wohl ständ’s zu ändern, meint die Königin,
Wenn sie nur aufmerksamre Diener hätte. . . .
Die, wenn man ihnen eine gift’ge Schlange
Zu hüten gab, den anvertrauten Feind
Nicht wie ein heilig theures Kleinod hüten.

Es hat etwas, was uns an des alten Cato „Ceterum censeo“ erinnert, wenn wir den starren Mann mit furchtbarer Beharrlichkeit beständig wieder auf die Forderung des Todes der schottischen Königin zurückkommen sehen:

 Es fordert
Das Haupt der Stuart. – Wenn du deinem Volk
Der Freiheit köstliches Geschenk, das theuer
Erworbne Licht der Wahrheit willst versichern,
So muss sie nicht mehr sein. – Wenn wir nicht ewig
Für dein kostbares Leben zittern sollen,
So muss die Feindin untergehn! . . . .
Kein Friede ist mit ihr und ihrem Stamm!
Du musst den Streich erleiden oder führen.
Ihr Leben ist dein Tod, ihr Tod dein Leben! –

wenn er alles, was die Erreichung dieses Ziels hindern könnte, aus dem Wege zu räumen sucht, wie den Besuch Elisabeth’s bei Maria:

[Ξ]

Die Gunst des königlichen Angesichts
Hat sie verwirkt, die Mordanstifterin,
Die nach dem Blut der Königin gedürstet.
Wer’s treu mit seiner Fürstin meint, der kann
Den falsch verrätherischen Rath nicht geben . . . .
Sie ist verurtheilt! Unterm Beile liegt
Ihr Haupt. Unwürdig ist’s der Majestät,
Das Haupt zu sehen, das dem Tod geweiht ist.
Das Urtheil kann nicht mehr vollzogen werden,
Wenn sich die Königin ihr genahet hat,
Denn Gnade bringt die königliche Nähe –

wenn er endlich nach dem unglücklichen Ausfall der Zusammenkunft und dem Mordversuch auf die Königin die Gelegenheit gekommen glaubt, um sie zur Vollziehung des Urtheils zu vermögen, die Ausfertigung mit grösster Eile besorgt, um von Elisabeth’s leidenschaftlicher Erregung Nutzen zu ziehen. Der entschlossene Charakter zeigt sich am meisten in den Scenen mit dem französischen Gesandten, mit Leicester, dessen Ränke er bald durchschaut, den er mit schneidendem Hohn überschüttet, mit kalter Bosheit zwingt, Maria selbst zum Tode zu führen:

Graf! Dieser Mortimer starb Euch sehr gelegen . . . .
Da es Mylord so treu und ernstlich meint,
So trag’ ich darauf an, dass die Vollstreckung
Des Richterspruchs ihm übertragen werde.

Die ganze Ueberlegenheit der Logik des Staatsmanns zeigt sich bei ihm, den übrigen, die blos von ihren Privatleidenschaften getrieben werden, gegenüber, als Elisabeth zögert, das Todesurtheil zu unterschreiben. Von dem Augenblick an, da er ihr sagt:

 Gehorche
Der Stimme des Volks, sie ist die Stimme Gottes –

da er Shrewsbury’s Einwendung, dass die Königin in dieser Stimmung nicht richten dürfe, beseitigt:

Gerichtet ist schon längst. Hier ist kein Urtheil
Zu fällen, zu vollziehen ist’s

[Ξ] bis dahin, wo er mit Freimuth und einer Heftigkeit, wie sie nur das Bewusstsein, der Vertreter eines Princips zu sein, geben kann, der Königin ihre Pflicht vorhält:

Erwarte, zögre, säume, bis das Reich
In Flammen steht, bis es der Feindin endlich
Gelingt, den Mordstreich wirklich zu vollführen.
Dreimal hat ihn ein Gott von dir entfernt;
Heut’ hat er nahe dich berührt: noch einmal
Ein Wunder hoffen, hiesse Gott versuchen. . . .
– Du sagst, du liebst dein Volk, mehr als dich selbst,
Das zeige jetzt! Erwähle nicht den Frieden
Für dich und überlass das Reich den Stürmen.
– Denk’ an die Kirche! Soll mit dieser Stuart
Der alte Aberglaube wiederkehren?
Der Mönch aufs neu’ hier herrschen, der Legat
Aus Rom gezogen kommen, unsre Kirchen
Verschliessen, unsre Könige entthronen? . . . .
Des Volkes Wohlfahrt ist die höchste Pflicht;
Hat Shrewsbury das Leben dir gerettet,
So will ich England retten – das ist mehr! –

und mit denen er die Achtung wiedergewinnt, welche seine anscheinende Herzlosigkeit ihm entzogen, da wir nun sehen, dass, wenn ihm an den Personen nichts liegt, doch das Wohl des Vaterlandes der höchste und letzte Grund all seiner Handlungen ist. Diese höhere Pflicht lässt ihm die starre, unbeugsame Haltung noch, als er das Todesurtheil zum Vollzug bringt, in welchem Moment ihn der Künstler, Maria’s letzte Wünsche vernehmend, aufgefasst hat.