Pariser Bilder und Geschichten/Bei Béranger

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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten Bei Béranger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 578–580
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[578]
Pariser Bilder und Geschichten.
Von Ludwig Kalisch
Bei Béranger.


Wenn die Gartenlaube auch schon früher ein Lebensbild Béranger’s gebracht hat, so war doch die Persönlichkeit des vom französischen Volke so hochgefeierten Liedersängers eine so interessante und bedeutsame, daß sicher auch jetzt noch charakteristische Züge aus dem Leben des Dichters einer freundlichen Aufnahme sicher sein können. Erlauben Sie mir eine meiner Erinnerungen, die besonders scharfe Schlaglichter auf den Charakter des unvergeßlichen, auch in Deutschland hochgeehrten Mannes wirft, Ihren Lesern heute mitzutheilen.

Béranger liebte die Zurückgezogenheit über Alles; ja, in seinen letzten Lebensjahren versteckte er sich förmlich vor der Welt und war nur für die paar Freunde sichtbar, die ihm der Tod noch nicht entrissen. Ich würde daher nie daran gedacht haben, mich ihm zu nähern, hätte sich mir nicht eine ganz besondere Veranlassung dazu geboten. Ich wurde nämlich beauftragt, ihm eine neue deutsche Uebersetzung seiner Lieder persönlich zuzustellen. Und so machte ich mich denn an einem heitern Maitage 1855 auf den Weg, nachdem es mir, nicht ohne die größte Mühe, gelungen war, seine Wohnung zu erfahren.

Béranger wohnte damals in der Nähe des Tempels und zwar in einem klosterartigen Hause. Drei steile Treppen mußte man ersteigen und dann noch einen unendlich langen, dunkeln Corridor durchmessen, bis man an seine Zimmer gelangte. Ich zog die Schelle. Eine kleine Matrone in einer altfränkischen turbanartigen Haube öffnete mir die Thür und hieß mich eintreten. Diese alte Dame war keine andere als die vielbesungene Lisette.

Ich fand Béranger beim Frühstück.

„Mein Herr,“ sagte er, nachdem er einige Augenblicke den Band durchblättert, den ich ihm übergeben, „es ist mir in der That sehr schmeichelhaft, daß Ihre Landsleute meine armen Lieder so wohlwollend aufnehmen. Leider aber verstehe ich nicht deutsch; ich kann also nicht sehen, wie sich dieselben in Ihrer gewaltigen Sprache ausnehmen. Ich verstehe überhaupt keine fremde Sprache,“ setzte er nach einer Pause hinzu. „Ich habe nie Mittel genug gehabt, um mich mit dem Studium fremder Sprachen zu befassen. Auch hatte ich hinlängliche Arbeit mit der meinigen.“

Ich fragte ihn, ob er niemals in Deutschland gewesen.

„Ich bin nie gereist,“ antwortete er. „Ich bin niemals weiter gekommen als bis nach Tours und Peronne. Es hat mir stets an Geld gefehlt, um mit Bequemlichkeit reisen zu können; und Unbequemlichkeit auf Reisen zu suchen, war eben meine Sache nicht.“

„Ich weiß,“ fuhr er dann fort, „daß Ihre Landsleute der Literatur des Auslandes viel Aufmerksamkeit widmen, und wie ich gehört, sind meine Dichtungen häufig, besonders aber von Chamisso, mit großer Meisterschaft übersetzt worden. Chamisso schickte mir seine deutsche Uebersetzung meiner Chansons, begleitet von einem sehr liebenswürdigen französischen Briefe, in welchem er mich bat, ihm die Schnitzer in seiner Muttersprache nicht übel zu nehmen. Das war aber wohl nicht so ernst gemeint; denn sein Brief war in vortrefflichem Französisch geschrieben.“

Unterdessen hatte mir Béranger einen Stuhl neben seinen Fauteuil gerückt, und während er sein frugales Frühstück fortsetzte, sagte er mir auf einige meiner Bemerkungen über seine Lieder: „Ich war in meiner Jugend nicht ohne Ehrgeiz. Ich wollte etwas recht Großes werden und glaubte, ich könnte als Lustspieldichter herrliche Lorbeeren ernten. Ich blickte natürlich dabei auf Molière, als auf das beste Vorbild. Allein je mehr ich arbeitete, desto riesiger schien mir der Dichter des Tartuffe, desto winziger schien ich mir selbst, und ich gewann endlich die feste Ueberzeugung, daß mir im Dienste der Thalia keine üppigen Kränze blühen werden. Ich wollte aber meine Kräfte nicht anstrengen, um eine Niederlage zu erleben; ich widmete mich also dem Chanson. Das ist ein kleines Genre, dem ich mich gewachsen fühlte. Mein Erfolg war größer, als ich erwartet, viel größer, als ich verdient habe.“

Als ich ihn im Laufe der Unterhaltung fragte, warum er nicht Mitglied der französischen Akademie sei, antwortete er: „Ich weiß, daß man der Akademie oft vorgeworfen, mich nicht unter ihren Mitgliedern zu besitzen. Man thut aber in dieser Beziehung der Akademie großes Unrecht; denn sie hat mir nicht nur einmal, sie hat mir zu wiederholten Malen den von Vielen so eifrig erstrebten Sessel angeboten. Ja, sie hat mir sogar zu verstehen gegeben, daß ich sie verbinden würde, wenn ich mich vorschlagen ließe, da sie sonst den Platz einem Andern würde einräumen müssen, der ihr bei Weitem nicht so angenehm wäre. Ich lehnte jedoch entschieden ab, und zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Grundsatz. Ich wollte nämlich nicht mit meinen leichten Liedern in die eigentliche Literatur eintreten. Meine hochgeschürzte Muse hätte sich in der That unter der Kuppel des Instituts curios genug ausgenommen. Wie dem aber sei, ich habe mich persönlich über die Akademie durchaus nicht zu beklagen und ich habe sie, ein kleines satirisches Gedicht ‚L’académie et le caveau‘ abgerechnet, niemals angegriffen. Wenn ich der Akademie einen Vorwurf machen wollte, so würde er darin bestehen, daß sie mit unserer Sprache allzu eigenmächtig schaltet und waltet, daß sie sich das Recht anmaßt, über unsern Sprachschatz eigenmächtig zu verfügen, ohne die übrigen Mitglieder des Instituts zu Rathe zu ziehen. Wollte die Académie française in ihrem Dictionnaire ein wirkliches Nationaldenkmal schaffen, so müßte sie den vier andern Akademien bereitwilligst Sitz und Stimme einräumen und überhaupt viel liberaler verfahren. Sie verbannt aber aus ihrem Wörterbuche unzählige Wörter und Ausdrücke, deren alle Franzosen und die Verfasser des akademischen Wörterbuchs selbst sich jeden Augenblick bedienen. Das ist lächerlich und daher kommt es auch, daß nichts weniger national ist, als das legitime Dictionnaire der französischen Akademie.“

Ich fragte ferner, ob er noch dichte.

„Seit sechs Jahren,“ antwortete er, „habe ich keinen einzigen Vers zu Stande gebracht; doch habe ich einen Band ungedruckter Gedichte liegen, die nach meinem Tode erscheinen werden.“

Wir kamen jetzt auf die deutsche Literatur und auf Goethe’s Faust zu sprechen. Er kannte diese Tragödie bis in deren Einzelnheiten und fragte mich, ob sie aufgeführt werden könnte, und als ich diese Frage bejahte, war er sehr begierig zu wissen, welche Wirkung sie auf der Bühne hervorbringe. Ich versicherte ihm, daß dieses Meisterwerk ganz bewältigend auf der Bühne sei, wenn die Darsteller ihren Rollen gewachsen, und daß ich im Jahre 1833 in Frankfurt einer Vorstellung des Faust beigewohnt, die auf mich, der ich damals noch blutjung war, einen unauslöschlichen Eindruck hervorbrachte. Er fragte mich nach den Hauptdarstellern, und ich nannte ihm Seydelmann und Fräulein Lindner. Ich mußte ihm diese Namen mehrere Male wiederholen.

Er bemerkte hierauf, daß er in Bezug auf Tragödien seinen eigenen Geschmack habe, daß er nämlich ausschließlich das griechische Trauerspiel liebe. Aeschylus, Sophokles und Euripides seien wahre Tragödiendichter. Ueber das deutsche Trauerspiel wolle er nicht urtheilen, da er es nicht kenne; die französische Tragödie habe ihn aber niemals angemuthet, sie sei kalt, zu conventionell.

Er wußte recht gut, daß Goethe oft über ihn gesprochen, [579] wie ich denn im Laufe des Gesprächs seine große Belesenheit zu bewundern hatte. Béranger, der nicht sehr productiv war, las fast den ganzen Tag, und so oft ich ihm später auf der Straße begegnete, hatte er in den tiefen Seitentaschen seines langen, beinahe bis auf die Füße gehenden Rockes eine Menge Bücher und Revuen stecken, die neugierig in die Welt guckten. Im Laufe der Unterhaltung sprach er häufig von den Alten, die er in verschiedenen guten Uebersetzungen oft gelesen und mit neuer Bewunderung immer wieder las.

Er kam abermals auf Goethe’s „Faust“ zurück und da durch diesen das Gespräch auf Hölle und Teufel gelenkt worden, erwähnte er Dante’s „Hölle“, die er in der eben erschienenen Uebersetzung seines Freundes Lamennais las. Lamennais brachte uns auf das schlüpfrige Feld der Politik. Béranger sprach sich frei und offen über die politischen Zustände Frankreichs aus, und ich hatte Gelegenheit, in diesem Gespräche seine Gesinnungswärme kennen zu lernen. Als die Rede auf den Bonapartismus kam, rief er lebhaft: „Ich war niemals Bonapartist, obgleich ich gegen meinen Wohlthäter Lucien die Schuld der Dankbarkeit abzutragen hatte und sie auch, freilich nach meinen schwachen Kräften, abtrug. Ich habe Napoleon den Ersten besungen, weil er eine poetische Erscheinung ist und meine junge Phantasie beschäftigte, und weil sich eine große Epoche meiner vaterländischen Geschichte an ihn knüpft. Ich habe ihn jedoch erst nach seinem Sturze besungen und ganz besonders deshalb, um die Bourbons zu ärgern, die ich haßte, die ich verabscheute. Sie waren mit unseren Feinden nach Frankreich zurückgekommen und in Begleitung des bezopften Adels, des hochmüthigen Junkerthums, umschwärmt von der lieben Clerisei, von Kutten und Capuzen und was sonst an Eulen und Käuzen aus den ultramontanen Nestern zu schlüpfen pflegt. Ich habe mich über Napoleon niemals getäuscht. Er war Despot von Natur, und ich liebe die Freiheit über Alles.“

„Ich habe jetzt,“ fuhr er nach einer Pause fort, „keine Beziehungen mehr zu den Bonapartes. Bei ihrer Ankunft in Paris 1848 besuchten sie mich. Jerome und sein Sohn dankten mir in den herzlichsten Ausdrücken und versicherten, daß sie niemals vergessen würden, was ich für ihre Familie gethan. Louis Napoleon besuchte mich ebenfalls mehrere Male, aber immer zu einer Stunde, wo er annehmen konnte, mich nicht zu finden. Wenigstens habe ich meine Gründe dies zu vermuthen. Indessen nahm ich mir doch vor, seine Besuche zu erwidern und zwar noch vor seiner Ernennung zum Präsidenten der Republik; denn ich wollte nicht gern antichambriren. Ich schob aber meinen Besuch zu lange auf. Louis Napoleon wurde inzwischen zum Präsidenten der Republik ernannt, und so habe ich ihn nicht gesehen und werde ihn auch niemals sehen.“

Béranger hat auch wirklich Louis Napoleon niemals gesehen; dagegen war er einige Zeit nach meinem Besuche nahe daran, die Bekanntschaft der Kaiserin Eugenie zu machen. Als nämlich dieselbe eines Tages die Chansons las, die sie früher nicht gekannt, war sie davon so sehr entzückt, daß sie gegen eine ihrer Hofdamen den Wunsch äußerte, den Chansonnier persönlich kennen zu lernen. Die Hofdame bemerkte, daß die Erfüllung dieses Wunsches nicht so leicht sein dürfte, da Béranger sich schwerlich dazu verstehen würde, den Fuß in die Tuilerien zu setzen, worauf die Kaiserin entgegnete, Béranger sei ein Greis und sie könne ihn wohl, ohne ihrer kaiserlichen Würde etwas zu vergeben, in seiner Wohnung aufsuchen. Und als die Hofdame einwarf, die kaiserliche Equipage vor der Thür des Chansonniers würde großes Aufsehen erregen und allerlei Klatsch verursachen, entschloß sich Eugenie, den Besuch in einer Droschke zu machen.

Die Hofdame verneigte sich, ermangelte jedoch nicht, den Kaiser von dem Entschlusse seiner Gattin in Kenntniß zu setzen. Der Kaiser lobte die Sympathie Eugeniens für Béranger, bemerkte ihr aber zugleich, daß ihr beabsichtigter Besuch aus vielerlei Gründen unausführbar sei. Hingegen ließ er durch Perrotin, den Verleger Béranger’s, diesem eine Pension anbieten. Béranger lehnte natürlich ab.

Ich komme nach dieser Abschweifung wieder auf meine Unterhaltung mit ihm zurück.

Die rohen und pöbelhaften Angriffe, denen er einige Zeit von Seiten des „Univers“ und der Fusions- und Confusionspartei ausgesetzt war, schmerzten ihn sichtbar. Besonderes Wohlwollen konnte er von diesen Parteien freilich nicht erwarten; daß sie sich aber nicht entblödeten, ihn einen Polisson, einen Sittenverderber und Dummkopf zu nennen, das schien ihn doch viel tiefer zu kränken, als er gestehen mochte. Vielleicht aber kränkte es ihn weniger, auf diese niederträchtige Weise angegriffen zu werden, als zu sehen, daß man in Frankreich solche Gemeinheiten sich erlauben durfte, ohne den Zorn der öffentlichen Meinung zu erregen.

Ich habe oben gesagt, daß Béranger während des Gesprächs sein Frühstück fortsetzte. Dasselbe bestand aus Brod, Butter und einigen Datteln und wurde im Schlafzimmer eingenommen. Mein Stuhl befand sich zwischen dem Bett und dem Tische. Der ärmste Pariser Ouvrier kann nicht einfacher, nicht ärmlicher leben, als der Dichtergreis lebte, dessen Lieder jeder Franzose auswendig weiß, um dessen Gunst die gewaltigsten Minister buhlten und dem es so leicht geworden wäre, große Reichthümer zu erwerben. Allein Béranger hat niemals Reichthum und äußeren Glanz begehrt. Er hat niemals einen hohen Posten verlangt; er hat keinen Titel, keinen Orden angenommen, obgleich man ihm all dies anbot, ja zu Zeiten förmlich aufdrängte. Er hatte sich gegen tausend verlockende Anerbietungen mit allen Kräften zu wehren. Hat ihn doch seine Anspruchslosigkeit zu einem langen, höchst sonderbaren Kampfe mit seinem Verleger getrieben! Béranger verlangte nämlich bloß achthundert Franken jährlicher Rente für seine Lieder, weil er glaubte, diese würden nach und nach in Vergessenheit gerathen. Der Verleger verfünffachte allmählich diese Summe, ohne sich dadurch zu Grunde zu richten.

So gering übrigens Béranger’s Einkünfte waren, er theilte sie dennoch mit den Hülfsbedürftigen und Nothleidenden, ja, er gab die größere Hälfte seines Einkommens hin, ohne es an die große Glocke zu hängen, ohne jemals davon zu sprechen. Die schönen Verse:

Mes besoins ne sont pas nombreux;
Mais, quand je pense aux malheureux,
Je me sens né pour être riche –

waren, wie er bis zu seiner Todesstunde bewiesen, aus tiefstem Herzen gesprochen. Wo seine eigenen Kräfte nicht ausreichten, wendete er sich an einflußreiche Freunde, von denen er niemals etwas für sich selbst verlangte.

Die Persönlichkeit des Dichters war höchst anziehend. Auf seinem breiten heiteren Gesichte, das mehr einen alten rüstigen Landmann als einen Poeten vermuthen ließ, lag die freundlichste Gutmüthigkeit; um seine aufgeworfenen Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln und sein klares großes Auge belebte sich ungemein, wenn er sprach. Seine Unterhaltung war sehr geistvoll, und man hörte ihm um so lieber zu, als er lange und unter den bewegtesten Epochen gelebt, zu den einflußreichsten Männern in vertrautester Beziehung gestanden und auch selbst keine geringe Rolle in der neuesten Geschichte Frankreichs gespielt hat. Welchen Zauber der Chansonnier auf Alle ausübte, die sich ihm näherten, mag Folgendes beweisen.

Als ich einst an einem Sommerabende mit Thackeray vor dem Café Richelieu saß, gesellte sich Appleton, der bekannte amerikanische Buchhändler, zu uns. Er war nach Europa gekommen, um der Krönung des gegenwärtigen Kaisers von Rußland beizuwohnen.

„Ich habe,“ sagte er, „ein gewaltiges Stück Eures Welttheils gesehen und gar viele Eurer politischen, literarischen und artistischen Größen kennen gelernt; aber unter allen diesen Größen hat nur ein Mann einen bleibenden Eindruck in mir zurückgelassen, und dieser Mann ist Béranger.“

Dies ist leicht zu erklären. Bei der persönlichen Bekanntschaft mit bedeutenden Dichtern wird man oft sehr enttäuscht. Der naive Leser hat deren Ideale in sich aufgenommen und hält den Schöpfer derselben ebenfalls für ein Ideal, für einen erhabenen Priester, der mit der weißen Binde um die Schläfen am Altare die heilige Flamme der Menschenliebe nährt und an nichts Irdisches denkt. Nach der ersten Begrüßung hören wir aber von dem erhabenen Priester nur bittere Klagen über die Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit der Recensenten, über die Engherzigkeit und den Geiz der Verleger, allerlei boshafte Bemerkungen über seine Mitbrüder in Apollo und die schmeichelhaftesten Ausdrücke über sich selbst. Bei Béranger erlebte man solche Täuschungen nicht. Er sprach von sich selbst sehr wenig [580] und mit wahrer Bescheidenheit, und von Anderen mit aufrichtigem Wohlwollen. Man fand ihn im Leben, wie man ihn in seinen Dichtungen findet. „Mes chansons, c’est moi,“ hat er gesungen, und sobald man ihn persönlich kennen lernte, überzeugte man sich von der vollen Wahrheit dieser Worte.

Und dieser Mann hatte nicht nur erbitterte Feinde unter den Pfaffen und Reactionären, er hatte auch zahlreiche Widersacher unter den Republikanern. Sie erklärten ihn für einen Komödianten, der seine eigene Rolle spiele. Seine Uneigennützigkeit, seine Verachtung aller irdischen Güter, seine unbegrenzte Wohlthätigkeit, seine Zurückgezogenheit vom Geräusche der Welt: dies Alles war ihnen blos eine auf Effect berechnete und mit Talent durchgeführte Rolle. Nun, wenn Béranger ein Komödiant war, so hätte man zu wünschen, daß es Tausende solcher Komödianten gäbe. Wir armen harmlosen Zuschauer würden dann die Darstellungen auf der Weltbühne gewiß viel erbaulicher und erquicklicher finden.

Während Béranger sprach, warf ich mehrere Male einen Blick auf seine fünfundsiebenzigjährige Freundin, welche, in die Lectüre vertieft, sich an der Unterhaltung nicht betheiligte. Es war dies die zweite, des Poeten würdige Lisette. Die erste Lisette, welche Béranger in seinen ersten Liedern besungen, war ein Schmetterling von der flatterhaftesten Art. Als Béranger sie kennen lernte, hatte er kaum das siebenzehnte Jahr zurückgelegt, hatte sie kaum das sechszehnte Jahr erreicht. Sie war schön, liebenswürdig und gutmüthig, aber auch sehr launenhaft und sehr leichtsinnig. Béranger’s Verhältniß zu ihr dauerte nicht lange; denn bevor noch ein Jahr dahin geschwunden, verschwand sie selbst spurlos wie Schiller’s Mädchen aus der Fremde.

In dieser Lisette hatte Béranger nichts verloren als eine Maitresse. Er sollte bald eine treu ergebene, edelgesinnte und gebildete Freundin in Judith Frère finden. Fräulein Frère, die zweite Lisette, lebte mit dem Dichter seit 1798, seit siebenundfünfzig Jahren. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen. Man bewunderte an ihr die klaren blauen Augen, den tadellosen Wuchs, das wallende blonde Haar und die sanften Gesichtszüge; noch mehr aber bewunderte man an ihr das biedere edle Herz, die aufopferungsfähige Treue und das unermüdliche Streben nach geistiger Vervollkommnung. Sie war sehr unterrichtet und suchte ihre Erholung in der Lectüre. Ich betrachtete ihre gefurchte Stirn und erinnerte mich dabei der herzlichen Verse, die Béranger seiner „Alten“ gewidmet. Sie war drei Jahre älter als er; doch hoffte er, daß sie ihn überleben würde. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Zwei Jahre nach meinem Besuche ward sie ihm entrissen, nachdem sie fast zwei Menschenalter an seiner Seite gelebt. Der greise Chansonnier folgte ihr einige Monate später in’s Grab.