Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am 1. Pfingsttage 1836

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Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am heiligen Pfingstfest »
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Am 1. Pfingsttage.
(Bertholdsdorf 1836.)


Joh. 14, 27. Den Frieden lasse Ich euch. Meinen Frieden gebe Ich euch. Nicht gebe Ich euch, wie die Welt giebt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 Am ersten Pfingsttage feiern wir die Ausgießung des heiligen Geistes über die Kirche Christi. Dazu stimmen Evangelium und Epistel des Tages recht gut. Das Evangelium erzählt von den ordentlichen, die Epistel von den außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes. Die außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes sind jene, welche die Jünger zur ersten Aufrichtung der Kirche notwendig haben mußten, als z. B. Wunder thun, fremde Sprachen sprechen etc., welche aber zur Seligkeit nicht notwendig sind, welche man also, nachdem die Kirche einmal aufgerichtet ist, auch leicht entbehren kann. Die ordentlichen Gaben sind die, welche Gott zu allen Zeiten Seiner lieben Kirche schenkt, welche auch zur Seligkeit verordnet und notwendig sind. Von diesen letzteren also handelt das heutige, eben vorgelesene Evangelium. Den ganzen Inhalt des Evangeliums zu erklären, ist mir nicht möglich; ich habe mir daher einen Vers herausgenommen, nämlich den 27. Der handelt von dem Frieden JEsu Christi, und von diesem will ich euch predigen. Denn ich meine, dieser Friede sei eine teure, werte Gabe, die man den Gemeinden nicht genug anpreisen kann, in diesem friedelosen Leben, in dieser Welt voll Streites und Ungemachs.

 Der HErr segne mir meinen Vortrag um JEsu Christi, Seines Sohnes, unseres Heilandes willen! Amen.




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I.

 Wenn wir einander begegnen und grüßen, so sprechen wir: Guten Morgen, guten Tag, guten Abend, gute Nacht, oder wenn’s hoch kommt: Grüß dich Gott! Das sind die gewöhnlichen Grußformeln. Die Juden hingegen in Gegenden, wo sie in größerer Anzahl, nach alten Sitten und Rechten leben, grüßen einander mit dem Gruß, der im gelobten Lande heimisch war und in den Morgenländern heute noch heimisch ist, sie sprechen nämlich: Friede sei mit euch! So hören wir auch unsern HErrn JEsus Christus mehr als einmal sprechen, und so spricht ER auch heute im Evangelium: „Meinen Frieden lasse Ich euch!“ und das ist Sein Abschiedsgruß an Seine Jünger. – Was ist nun das, „Friede“? Was bedeutet dieses Wort? Das ist nun freilich etwas anderes, wenn die gewöhnlichen Juden einander zurufen: „Friede sei mit dir!“ und wenn JEsus Christus es braucht. Denn in Seinem Munde wird jedes Wort verklärt und zu der Würde erhoben, die es haben soll; in Seinem Munde hat es allemal die Bedeutung, welche die tiefste, reichste, kurzum, die Gottes würdigste ist. Denn weil der HErr selber Gott ist, so kann ER auch nur göttlich reden.

 Im Munde des Volkes hieß: „Friede sei mit dir!“ nichts weiter als: Mögest du auf der Welt einen ungetrübten und ungestörten Wohlstand haben, möge dir nichts fehlen zu deinem Erdenglück, mögest du immerfort in ungestörtem Genuß dieses Lebens bleiben! Hingegen im Munde Christi wird das Wort neugeboren, wie ER denn auch selbst Seinen Friedensgruß von dem der Welt unterscheidet und spricht: „Den Frieden lasse Ich euch. Meinen Frieden gebe Ich euch!“ Das heißt in Seinem Munde: Möget ihr in vollkommenem, ewigem Wohlergehen ruhen, möge euch nichts, weder Zeitliches und Irdisches, noch das Reich der bösen Geister in eurem Glücke stören, ja, ja, euch soll’s ewig wohlgehen. JEsu Friede verheißt also vollkommenes Glück, ewiges Glück, umfaßt Zeit und Ewigkeit. Wie viel ist in ihm enthalten! In ihm ist enthalten und gesagt:

|  Ich schenke euch die Vergebung eurer Sünden und heile euer böses Gewissen von aller seiner Krankheit, Ich mache, daß ihr weder im Leben, noch im Sterben, noch dermaleinst im Gericht sollt von eurem Gewissen Pein leiden. Ihr sollt eurer Sünden willen vor Gott und Menschen ruhig sein dürfen. Ich verschaffe euch Frieden mit Gott, die Feindschaft, die ER um eurer Sünden willen gegen euch haben muß, die thue Ich weg, an Mir soll sie ausgehen. Die Strafen, die ihr mit eurem Ungehorsam verdient habt, die will Ich für euch im Garten Gethsemane und an Meinem Kreuze aushalten. Auch die schrecklichste der von euch wohlverdienten Strafen, den ewigen Tod, will Ich verschlingen, die Hölle will Ich für euch überwältigen. So sollt ihr Frieden haben vor allen euren Feinden, und dem größten und gerechtesten eurer Feinde, dem lebendigen Gott, will ich dermaßen Genugthuung verschaffen, daß ER aus eurem Feinde euer Freund, aus eurem Richter euer Vater wird, daß ER sich mit unaussprechlicher Gnade zu euch neigt und beugt, euch Gerechtigkeit und ewiges Leben frei, umsonst und ohne alle andern Bedingungen, als welche ER selbst in euch erfüllen wird, schenkt! Ihr sollt in Frieden sterben, eure Seelen sollen zu Gottes Ruhe eingehen, auch euer Leib soll ruhen in Hoffnung. Am jüngsten Tage wecke Ich die Leiber auf und vereinige sie mit den Seelen zu einer ewigen Ehe. Ich will euch so glücklich und selig machen, einen solchen Frieden will ich euch geben, wie Schafe ihn haben würden, die auf ewigen Auen weiden dürften, in ewiger Jugend, unter dem besten Hirten! – Liebe Brüder! Das ist, aber nur mit schwachen Worten angedeutet, jener Friede, jenes Wohlergehen, von welchem Christus spricht: „Meinen Frieden lasse Ich euch!“ und wenn wir ihn einst in seinem vollen Maße besitzen werden, so werden wir erstaunen, wie leicht das alles gesagt, und welch eine Tiefe und Höhe, Länge und Breite göttlicher Liebe darin enthalten ist!


II.
 Von diesem Frieden sagt JEsus zuerst: „Den Frieden lasse Ich euch“ und dann: „Meinen Frieden gebe Ich| euch.“ Diese Worte bedeuten etwas, denn JEsus Christus spricht nie ein Wort umsonst.

 Wenn ER sagt: „Den Frieden lasse Ich euch,“ so heißt das: Ich lasse ihn euch zurück, wenn Ich nun sterbe, er ist Mein Vermächtnis für euch und Meine liebe Kirche! Welch ein Vermächtnis, und wie teuer ist es erworben, dieses Vermächtnis des Kreuzes JEsu Christi! Was hat ER, der Friedfertigste aller Gotteskinder, was hat ER auf sich genommen, was ausgehalten, was gelitten, um es zu erwerben! Eltern plagen sich ihr Lebenlang, um ihren Kindern ein irdisches Erbe zu sammeln, aber was ist das Erbe, das sie lassen, gegen das Erbe, welches Christus Frieden nennt? Und so gering das Erbe der Eltern gegen das Erbe des HErrn JEsu Christi ist, so gering ist der Eltern Mühe, so hoch sie auch angeschlagen werde, gegen die Mühsal und Pein JEsu Christi, unter welchen ER Seinen Frieden erworben, unsere Strafen getragen, Gottes Feindschaft weggenommen hat! Eltern genießen doch selbst das Erbe mit, das sie ihren Kindern sammeln, sie plagen sich zugleich auch zu ihrem eigenen Besten, aber wie ganz anders ist’s bei JEsu Christo, der den Frieden, den ER uns erwarb, selbst nicht bedurfte, weil er von Geburt an Sein Erbteil war. ER arbeitete bloß für uns, und all Seine Mühe, all Sein Kummer ist ein reines Werk und Leiden der aufopfernden, sich selbst vergessenden Liebe! Eltern, wenn sie ihren Kindern ein Erbe sammeln, haben dafür ein Gebot vom HErrn, denn sie sollen ihre Kinder lieben nach des HErrn Willen, hingegen bei JEsu Christo ist es die freieste, unabhängigste Liebe, welche es giebt. ER sieht, daß wir die elendesten, friedlosesten, allen Übeln freigegebenen und bloßgestellten Geschöpfe sind, Sein Erbarmen treibt Ihn, uns Frieden zu schaffen. ER sieht, daß wir die verruchtesten, blindesten, boshaftesten, hochmütigsten Bettler sind, Seine Gnade treibt ihn, sich dennoch unser herzlich anzunehmen. ER kommt, ER lebt, ER leidet, ER weint, betet, blutet, stirbt, endlich ruft ER: „Es ist vollbracht!“ das ist: das Erbe, der Friede, das ewige Leben ist erworben. „Meinen Frieden lasse Ich euch!“ Ja, das heißt: „Meinen Frieden lasse Ich euch!“


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III.
 Etwas anderes ist es, wenn der HErr spricht: „Meinen Frieden gebe Ich euch.“ Das heißt so viel als: Was Ich am Kreuz euch erworben, das Erbe Meines, des von Mir erworbenen Friedens, will Ich euch nicht bloß durch Meinen Tod erwerben und nach demselben euch zurücklassen, sondern geben, zueignen will Ich euch das Erbe. Es soll nicht bloß, wie man sagt, legiert, sondern auch extradiert werden. Und das, meine Teuren, ist die eigentliche Pfingstverheißung in unserm Text. Denn wer anders eignet uns Gottes ewige Güter alle zu, wer also auch den Frieden, wer bringt alles, was Christus für uns gethan und erworben, in uns hinein, ja, wer ist der Brautführer, welcher den ewigen Bräutigam Christus, für uns geschlachtet, in uns einführt, daß es ein Christus in uns werde, wenn nicht der heilige Geist? Durch Ihn erfüllt Christus, was ER hier spricht: „Meinen Frieden gebe Ich euch!“ – Liebe Brüder! Was hilft es, zu wissen, daß Christus uns den Frieden nachgelassen hat, wenn wir kein Teil an ihm bekommen? Was hilft es, daß Gott versöhnt, die Sünde überwunden, der Tod getötet, die Hölle besiegt ist, wenn wir noch nichts davon wissen, wenn wir noch im Zorn, in Finsternis der Sünden, im Schatten des Todes, im Schrecken der Hölle sitzen? Wenn unser Gewissen vom Frieden Gottes nichts weiß, wenn wir Gott noch für einen Feind halten, mit dem man nicht reden dürfe, wenn unser Geist noch vom Schrecken Gottes trieft? Der Friede muß uns zugeeignet werden, und das geschieht vom heiligen Geist, und zwar durch das Wort der Predigt, denn der Geist wirket durchs Wort! O ihr armen, elenden, mühebeladenen, sehnsüchtigen Sünder, wenn ihr das glauben könntet, daß euer Pfingsten euch im Worte der reinen, lauteren Predigt anweht, daß der Pfingstgeist über euch im Worte eures Predigers brauset, wie fröhlich könntet ihr zur Stunde werden, welch ein seliges Pfingsten könntet ihr feiern! Denn siehe, in dem Namen JEsu Christi spreche ich zu euch, ja ER und Sein heiliger Geist heißen mich in Seinem Namen sprechen: „Meinen Frieden gebe ich euch!“ „Friede sei mit euch!“| Greift zu, nehmt hin, nehmt hin, Frieden mit Gott, Frieden vor eurem Gewissen, vor Sünden und Strafen! Nehmt hin, Friede sei mit euch! – O du ewig guter Heiland, Dank sei dir für die Füße der Boten, welche auf den Bergen sind und rufen: Friede, Friede! Du kommst, Dein Geist kommt mit ihnen und ihrer Stimme! Freude, Freude! Alle Bäume sollen in die Hände klappen, alle Gräser und Kräuter sollen Stimmen haben und sagen: Der Friede, der Friede kommt, willkommen Friede! Friede auf Erden und Ehre in der Höhe!


IV.
 JEsus Christus spricht im Evangelium weiter: „Nicht gebe Ich euch, wie die Welt giebt!“ Nicht spreche Ich zu euch: „Meinen Frieden gebe Ich euch!“ wie die Welt, Mein Gruß ist nicht, wie ein Gruß der Welt. Wenn die Welt grüßt, so meint sie es oft nicht so, es geht ihr nicht vom Herzen, aber Mir geht es vom Herzen, spricht Christus, Ich habe euch je und je geliebt. Wenn die Welt spricht: „Friede sei mit euch!“ so hilft’s nichts in den meisten Fällen, sie kann ja das nicht verschaffen, was sie unter dem Frieden versteht, es bleibt bei den Worten. Bei Mir ist es anders, spricht Christus, bei Mir sind es nicht bloß Worte, wenn Ich jemand mit Frieden grüße. Wenn Ich mit dem Munde Frieden spreche, so habe Ich gewiß den Frieden in der Hand und die Hand und den Frieden schon ausgestreckt, ihn zu geben. Ich thue, was Ich sage, Meine Worte sind Geist und Leben und Wahrheit, Ich bin auch der Allmächtige und thue, was Ich sage. „Friede sei mit euch!“ heißt bei Mir: Hebe dein Haupt auf, Ich habe die Krone des Friedens in Meiner Hand und setze dir dieselbe auf. Wenn die Welt sagt: „Friede sei mit euch!“ und sie meint es gleich aufs treuste, ja, sie hat auch einmal von oben her die Macht empfangen, zu geben, was sie wünscht: was ist es denn mit ihrer Gabe? Sie hat nur Weltliches, Irdisches, Äußerliches, Wandelbares, Vergängliches, es ist weltlich ihre Gabe, darum hilft es dem Geiste nicht, sie ist irdisch, darum hilft sie für den| Himmel nicht, sie ist äußerlich, darum tröstet sie das bange Herz nicht. Sie ist wandelbar, denn die Güter dieser Welt sind allerlei Feinden unterworfen, zehren sich auch untereinander selbst auf und feinden einander an, daß nichts lange bleibt, wie es ist. Heute ist meine Wohlfahrt gesund, morgen krank, dann geneset sie wieder, aber es ändert sich auch bald, endlich stirbt sie und steht nicht mehr auf. Denn alles, was irdisch ist, das ist nicht bloß wandelbar, sondern auch vergänglich. Bei Mir, spricht Christus, ist es ganz anders. Mein Friede und alles, was er in sich hält, ist nicht weltlich. Darum hat auch nichts Macht an ihm, was weltlich ist. Vom Himmel kommt er und bleibt auf Erden rein; er ist nicht irdisch, denn er kommt von oben her. Er ist nicht äußerlich, sondern inwendig, er ist nicht wandelbar, sondern unwandelbar, nicht vergänglich, sondern unsterblich und ewig, wie Ich selbst bin. Er ist ein Segen über alle Segen, oben entsprossen, blüht und trägt er Früchte auf Erden – für den Himmel. Ich habe ihn gegründet, er ist Mein Friede. Was hilft’s, daß alle überwundenen Feinde, Teufel etc. wider ihn toben? Er bleibt, nur Ich gebe ihn, und nur Ich kann ihn nehmen. Aber Ich nehme ihn nicht, Ich gebe nicht wie die Welt. Die ändert ihr Herz und ihre Gunst über Nacht, sie nimmt morgen wieder, was sie heute gegeben, aber auf Mich könnt ihr euch verlassen. Ich heiße: „JEsus Christus, gestern und heute derselbe und derselbe in Ewigkeit!“ Ich nehme meinen Frieden nicht, Ich lasse Mich Meine Gaben nicht gereuen, Ich gebe und rücke niemand auf. Fürchtet euch nicht, siehe, Ich bin bei euch alle Tage, und mit Mir Mein Lohn, Mein Friede! Ewiger Friede hat Meine Kirche umfangen. Meinen Frieden gebe Ich, Ich, der Unwandelbare, Ich sage es, dabei bleibt es!
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 O Brüder, nehmet, nehmet den Frieden im Worte an, nehmet ihn und behaltet ihn. Unsichtbar hier, wird er dort sichtbar und offenbar werden, und ihr werdet dort erst erkennen, welch himmlische Klugheit es ist, JEsu Frieden anzunehmen! Hier scheint es, als hätte man nur ein Wort, aber das Wort verbürgt ewige Schätze! O nehmt im Wort| die Schätze, welche, weil sie himmlisch sind, hier noch nicht mit Händen gegriffen werden können! – O Vater, o Sohn, o Geist, o heiliger, dreieiniger Gott, suche uns heim, daß wir Deinen Frieden können nehmen und behalten!


V.
 „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ so schließt unser Text. Wie wunderlich, liebe Brüder! Zuvor die sicherste Verheißung des Friedens – und unmittelbar darauf Erwähnung des Schreckens und der Furcht! Denn wahrlich, wenn nicht Furcht und Schrecken dem Frieden der Christen nachstellten, so bedürfte es dieser Vermahnung nicht. Dort im Himmelreich, wo weder Furcht noch Schrecken mehr sein wird, sondern sichere Stille, dort wird es nicht mehr heißen: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ Warum heißt es denn also hier so? O die Antwort liegt nahe! Wem Christus Seinen Frieden schenkt, wem ER ein ewiges Glück verheißt, dem schenkt der Satan, der Tod, die Welt, das Fleisch, die Sünde inwendig Schrecken, auswendig Furcht. Solange einer ein Weltkind ist, fühlt er von seinem Fleisch nichts Schlimmes, das Fleisch ist sein bester Freund; aber so wie einer zu JEsu Frieden gekommen ist, so wie er in diesem Frieden bleiben will, so setzt ihm das Fleisch zu, er merkt seine Regungen, sie kommen über ihn mit einer Macht, die er früher nicht gekannt hat. Er fürchtet sich und sein Geist erschrickt, und eine Stimme spricht: „Ist das der Friede JEsu, der sichere, bleibende?“ – Wenn einer ein Weltkind ist und keinen Frieden Gottes hat, sondern nur des Teufels Frieden, den Stand der Sicherheit, da weiß er nichts Leichteres, als seine Sünden, die sind ihm zum Lachen, eine Seifenblase ist ihm wichtiger, als die Sünden. Aber wenn einer den Frieden Christi ergreifen will, da bäumen sich seine Sünden, da erscheinen sie ihm wie Gespenster, da heißt es: „Mensch, wie kannst du den Frieden JEsu haben, der du so viel Sünden geboren hast!“ Da rauschen und brausen die Sünden und wollen über ihm zusammenschlagen, er erschrickt wie Petrus, da er auf dem Meere ging, und fürchtet sich und| will verzagen. Wenn einer ein Weltmensch ist, da hat die Welt das Ihre lieb, er liebt sie, sie liebt ihn, aber wenn einer den Frieden JEsu ergreifen will, geht der Krieg mit der Welt an. JEsu Freundschaft ist der Welt Feindschaft. Da spottet, lacht, höhnt, haßt, schmäht, verfolgt die Welt, drohet, und wenn sie könnte, sie erschlüge einen. Ach, da will das Herz erschrecken und sich fürchten vor solchen stechenden Bienenschwärmen, vor solchen bellenden Hunden. – Wenn der Mensch in der Welt lebt, da ist ihm oft der Tod sein letzter Gedanke, er denkt an ihn nicht. Denkt er an ihn, so hat er dennoch von ihm keinen Gedanken, es ist ihm derselbe ein dunkles Land, in das er sorglos schaut. Aber ist JEsu Friede da, ist die Seele durch des Geistes Wirkung aus ihrem Schlummer erweckt und zarter geworden, da schreckt und ängstet der Gedanke des Todes, und Entsetzen fällt über ihn daher, den Christen, wenn er die ernste Gestalt erblickt. – Ist der Mensch ein Weltkind, so läßt ihn der Satan in Ruhe, aber wenn er erwacht ist und nach dem Arzt der Seele sein Auge wendet, da lernt er den Bösewicht und seine Wut kennen, starke, hohe Anfechtungen stürmen an ihn heran, ach, da ist inwendig Schreck, da ist Pein, da ist ein Schreien in der Seele, da wird man am Frieden hoch angefochten, da dünket einem Gott verwandelt, Seine Gnade ausgestorben, der Himmel und die Erde leer und ohne Gott, oder es dünket einem Gott ein Tyrann zu sein! Das alles wußte der ewige Sieger Christus wohl, darum setzt ER zu Seinen Worten: „Meinen Frieden lasse Ich euch!“ auch: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ Diese Worte sind dem, der in Freuden schwebt, eine Warnung und oft traurig zu hören, aber nicht also einem jeden, dem, der in Angst ist, sind sie hohe Tröstung, und für ihn sind sie geschrieben.
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 JEsus Christus sagt zu den Angefochtenen und Traurigen: Glaubet nicht, daß Mein Friede darin bestehe, daß man keine Anfechtung, inwendig keinen Schrecken, auswendig keine Furcht merke, glaubet nicht, daß Ich euch hier einen solchen Frieden gebe, der im Fühlen und Guthaben des alten Menschen bestehe, nein, vielmehr: „In der Welt habt ihr Angst!“ Mein| Friede ist aber ein solcher, der bei jeder äußeren und inneren Angst, bei aller Mühsal des Lebens, ja bei einer immerwährenden Mühsal des längsten Lebens bestehen kann. Mein Friede ist nicht von dieser Welt, darum fühlt man ihn auch in dieser Welt mehrerenteils nicht. Mein Friede hat eine feste Burg, davon entfällt er nicht, er ruht auf Meiner Verheißung: Ich sage euch: „Meinen Frieden gebe ich euch!“ und so habe Ich ihn euch gegeben, ihr aber empfanget ihn im Glauben. Eine Verheißung ist ein Wort. Mein Wort vom Frieden will, wie jedes Wort, Vertrauen haben, und weil es Mein Wort ist, will es das allerhöchste, allerfesteste Vertrauen haben. Ihr sollt mitten im Fleisch, mitten in Sünden, mitten im Tode, mitten in der Anfechtung des Teufels von Meiner Verheißung euch nicht treiben, euer Herz nicht erschrecken, euch nicht Furcht einjagen lassen. Mein Wort ist Wahrheit, alle Anfechtung ist Lüge, Mein Wort wird auf dem Plane bleiben. Wer beim Worte bleibt, der bleibt auf dem Plane, der sieget; der spricht zum Fleisch: locke, schrecke, ich habe Frieden, denn der sagt’s, der alles Fleisches Ende beschlossen hat; zur Sünde: schrecke, brause, ich habe Frieden, ob ich ihn auch nicht fühle, und Mein Gewissen wäscht sich im Blute dessen, der nicht lügt; zum Tode: ich habe Frieden und du bist überwunden; zum Teufel: ich habe Frieden und du nicht, du hast Krieg und bist doch überwunden, du bist als Überwundener nicht ruhig noch sicher!

 O Brüder, was ist das für ein Glauben, der so am Worte hängt und von ihm nicht weicht! Und wie sicher ist der Friede, der auf dem unantastbaren Worte JEsu ruht und von Furcht und Zagen unerschrocken bleibt! Welch eine Gabe des heiligen Geistes!

 Und welch eine Wissenschaft, welch eine Neuigkeit, welch ein immer frischer Trost ist dies Wort, daß alles Fleisch, Sünde, Tod, Welt, Teufel und Fühlen nichts ändert an Seinem Wort, daß wir alles frei verachten dürfen und nur Sein Wort hochachten!

 Ha, so sei auch alles verachtet und für Kot geachtet, und der Friede sei gepriesen, der über alle Vernunft erhaben ist,| der auf Gottes Thron sitzt, dem niemand Seine Krone entreißt! Ei, so sei es denn unsere einzige Sorge, daß nur das Wort von dem Frieden, unser edles Texteswort, nicht zu Boden falle, oder vielmehr, daß wir an ihm uns halten. Und weil der Mensch ja nicht aus eigener Kraft sich ans Wort halten und glauben kann, so helfe uns der Tröster, der heilige Geist, der mache unsere Seele fest im Glauben. Denn unser Friede ist nur im Glauben, und ohne Glauben ist der Himmel ein unbekanntes Land, das kein Schiffer findet!

 Ach, nun, Geist des HErrn, Glauben, Vertrauen aufs Wort, Gewißheit von dem, was geschrieben steht, Zuversicht, zweifelsfreie, ob wir schon nicht sehen, wirke in uns, komm, komm Du und gieb uns Deine Gewißheit, der Du selbst ein gewisser, ewiger Zeuge von der Wahrheit der Worte Christi bist, der Du von dem Seinen nimmst und es uns sagst und giebst! Laß Deine Knechte Dein Wort festiglich für Dein Wort achten! Komm, schenke uns Glauben, ach, um JEsu willen! Dann ist bei uns Pfingsten, dann grünt und blüht Deine Gemeinde, dann ist bei uns eine neue Schöpfung!

 O höre uns, gieb uns Pfingsten, Frieden, Glauben, Frieden des Glaubens! Amen, Amen. O JEsu, JEsu, Amen.




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