Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Montag nach Exaudi 1834

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« Am Sonntag Exaudi 1834 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am 1. Pfingsttage 1836 »
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Am Montag nach Exaudi.
(Nürnberg 1834.)


Luk. 11, 1. HErr, lehre uns beten!

Vom Gebet.

 Wir fahren in unserer gestern angefangenen Betrachtung über das Gebet fort. Die Fragen, welche uns zu beantworten übrig blieben, sind diese:

1. Wie sollen wir beten? – und niemand wird es leugnen, daß diese Frage mit der Bitte der Jünger: „HErr, lehre uns beten!“ ganz nahe zusammenhängt.
2. Wann sollen wir beten? – eine Frage, welche wenigstens niemand unserm Texte fern liegend finden wird.
3. Wo sollen wir beten? – Diese Frage liegt wenigstens für uns in unsern Zeiten im Texte, weil die einen es pur in die Kirche, die andern hierhin oder dahin verlegen wollen.

 Leid thut es mir, daß ich auch heute damit nicht zu Ende komme, und über den Segen des Gebets, sowie über Gewißheit der Erhörung zu reden für ein anderes Mal aufsparen muß.


I.

 Wie sollen wir beten? Diese Frage kann sich zuerst bloß auf das Äußerliche beim Gebet beziehen, und es kann die Frage darin liegen:

 1. Soll man bloß im Herzen oder mündlich und nach einem Buche beten? Antwort: Das Herz ist beim Gebet die Hauptsache, nicht der Mund, wie das in jenem Spruch des| HErrn liegt: „Dies Volk naht sich zu Mir mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von Mir.“ Wer bloß mit den Lippen betet, der ist ein Heuchler oder Gleisner, sein Beten lästert Gott und fordert Seinen Zorn heraus. Hierher gehört das Wort: „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten!“ Denn was anders ist’s, als ein schrecklicher Spott Gottes, wenn du Gott, welcher verlangt: „Gieb Mir, Mein Sohn, dein Herz,“ bloß die Lippen darbringst, als müsse ER mit diesen schon zufrieden sein. – Ich erinnere euch an euren Morgen- und Abendsegen und an euer Tischgebet: wo ist das Herz, während der Mund den Namen JEsu anruft? Wo euer Herz ist, da ist euer Schatz: ist euer Herz bei JEsu, ist ER euer Schatz? Brüder! Überlegt es wohl! Wenn eins fehlen muß beim Beten, so fehle lieber der Mund als das Herz; denn Gott hat auch den Stummen geschaffen, und der hat keine Lippen, während Gott dennoch sein Herz und Herzensgebet verlangt.

 Man kann wohl ohne Mund beten, aber nie ohne Herz. Das sehen wir an Moses, welcher am roten Meere den Mund nicht aufthat in seiner Angst, aber sein Herz betete so laut, daß es in die Ohren Gottes lauter drang, als das Geplärr der Heuchler, und ER vom Himmel rief: „Mose, was schreiest du so?“ (2. Mos. 14, 15). Das sehen wir an Hanna, der Mutter Samuels. Dieselbe war so ins Beten versenkt, daß sie keinen Laut gab und nur die Lippen bewegte vor Inbrunst des Gebets; da ward sie erhört und fand Gnade bei Gott. Das sehen wir an vielen Sterbenden; sie können nicht mehr sprechen, aber ihr Auge, ihre Züge, ihre Gebete, ihre Abgekehrtheit von der äußeren Welt verrät es, daß die heilige Flamme des Gebets ihr sterbendes Leben erheitert. Ja, ein betendes Herz ist die Hauptsache, das schenke uns unser lieber Gott!

 Indes ist das mündliche Gebet gar nicht verwerflich, vielmehr für sehr viele Menschen rätlich. Niemals hat Satan nötiger zu thun, um die Spreu fremdartiger Gedanken in unsern Seelen aufzublasen, als wenn er merkt, daß wir beten wollen. Es ist eine schmerzliche Klage vieler christlich gesinnter Menschen, daß sie im Gebet so viel von Zerstreuung zu leiden| haben. Für solche aber ist die mündliche Rede beim Gebet eine wahre Himmelsleiter; durch dieselbe wird uns unter Gottes Segen möglich, unsere Gedanken zusammenzuhalten auf den Einen, zu dem wir beten. Darum sagt auch der HErr in der Antwort auf die Bitte der Jünger in unserm Text: „Wenn ihr betet, so sprechet also: Vater unser etc.“ Ja, wenn das Gebet oft recht dringend, recht brünstig wird, wo wir die Sprache nicht mehr zur Himmelsleiter brauchen, weil das ganze Herz ergriffen ist und zu Gott schreit, dann können wir oft gar nicht anders, wir müssen den Tumult unserer Seele laut werden lassen, und die Sprache findet sich von selbst zum Wort. Darum erzählt uns St. Paulus (Hebr. 5, 7), daß selbst unser HErr JEsus Christus, dessen Gedanken doch immer bei Seinem Vater waren, in den Tagen Seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Thränen geopfert habe zu dem, der Ihm von dem Tode konnte aushelfen. Überhaupt scheint es hier am besten, zu sagen: Ist dein Herz so der Andacht voll, daß du nicht nötig hast, Worte zu machen, so bete im Herzen. Es ist recht und gut. Ist aber dein Herz von einer solchen Andacht ergriffen, daß du reden mußt, so rede. Es ist auch gut. Wenn nur alles ohne Falsch, mit aufrichtigem Herzen geschieht.

 Ebenso ist es keine Hauptfrage, ob man ohne Buch oder im Buche bete. Drängt es dich, dein Herz vor Gott auszuschütten, so brauchst du kein Buch. Wenn du aber nicht selbst die Worte zu deiner Andacht weißt, so suche sie in einem Betbuch, z. B. in Arnds edlem Paradiesgärtlein. Viele thäten besser, im Buche zu beten und ihren Geist andächtig den Worten eines frommen Alten folgen zu lassen; aber sie sind nicht demütig genug, sich in die Worte eines Fremden zu schicken, ihr eitles Herz findet an jedem Betbuch etwas auszusetzen, und nur ihre Worte sind gut genug für sie, wenn sie gleich etwa vor Gott wie Schellen klingen, statt wie die Priesterglöcklein Aarons.

 In der Frage: Wie soll man beten? kann man aber auch und soll man insbesondere auf das Innere sehen, auf die geistliche Beschaffenheit des Gebets. Und hier antworte ich:

|  2. a) Du sollst beten um JEsu willen,

 2. b) in JEsu Namen.

 Um JEsu willen beten heißt hier nicht so viel, als Ihm zuliebe beten, wie man etwa sagt: „Thue das um meinetwillen,“ was dann so viel ist, als: „aus Liebe zu mir.“ Zwar wer um JEsu willen betet, der betet gewiß auch in Liebe zu Ihm, und der HErr, der einst – o großer Gott! – nach unserer, der Sünder Liebe, mehr gedürstet hat, als nach Stillung Seines letzten Durstes, freut sich auch der betenden Liebe der Seinen. Aber „um JEsu willen beten“ heißt doch etwas anderes, nämlich so viel als so beten, daß man die Erhörung nur um JEsu willen begehrt. Der, welcher zu Gott betet, ist ein Sünder. In Gottes allgegenwärtiger Nähe spürt er seine Sündhaftigkeit desto mehr; er empfindet, daß er um seiner selbst willen von Gott keine Erhörung erwarten darf, daß er keiner Gnadengabe, sondern allein großer, ja ewiger Strafen wert wäre, wenn Gott auf sein Verdienst sähe. Das fühlt der rechte Beter wohl. Doch aber sucht er Erhörung, doch sehnt sich sein Herz nach dem heiligen Geiste, sein Leib nach dem täglichen Brote. Da weiß er nicht, um weswillen er diese Güter erbitten soll, damit er sie empfange, außer um deswillen, der sich als Mittler zwischen uns und Gott gestellt hat, der Gottes wohlgefälliger, geliebter Sohn ist, um JEsu Christi willen. Um unsertwillen, das ist nichts anderes, als um unserer Sünden willen, kann uns Gott nichts Gutes erweisen; aber ER hat darum den Eingeborenen in die Welt gesandt, der Eingeborene hat darum sich erniedrigt bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, ist gehorsam gewesen bis zum tiefsten Leiden, damit wir Seiner Liebe uns getrösten und um Seinetwillen erlangen könnten, was uns nötig ist. Darum beten wir: HErr, siehe nicht an uns und unsere Sünden, sondern deinen lieben Sohn, unsern Heiland, der für uns bittet, dem du ja nichts abschlagen kannst, weil ER gerecht ist. ER ist unser Beistand vor Dir, unser Schirm und Schutz, um Seinetwillen thue uns Gutes!

 Das heißt: „um JEsu willen beten,“ und manche nehmen es für einerlei mit: „im Namen JEsu“ beten. Indes ist das| Gebet im Namen JEsu ein höheres Gebet, als das um JEsu willen. Um JEsu willen kann ein Mensch schon tausendmal gebetet haben, ehe er einmal in Seinem Namen gebetet hat. Um JEsu willen kann auch der beten, welcher erst im Anfang der Bekehrung stehend sich noch vor Gott fürchtet, den kindlichen Geist noch nicht empfangen, noch nicht freien Zugang zum Vater hat. Hingegen in JEsu Namen beten kann allein, wer den Frieden Gottes und die Freude im heiligen Geist und die Kindschaft des himmlischen Vaters bereits empfangen hat. – Ich will versuchen, euch darzulegen, was es heißt: „in JEsu Namen beten“.

 Gesetzt, es entstände irgendwo Unruhe, die Leute wären widereinander aufgebracht und nahe daran, einer den andern zu mißhandeln. Nun träte irgend ein königlicher Beamter mitten unter sie und geböte in des Königs Namen Frieden. Oder der König wünschte von dem oder jenem ein Stück Landes zu kaufen, und es käme einer seiner Diener und bäte dich in des Königs Namen um den Acker. Was hieße da: „in des Königs Namen?“ Gewiß heißt das nichts anderes, als im ersten Fall: „Ich sage euch: macht Frieden!“ oder im zweiten: „Tritt mir den Acker ab; ich stehe an des Königs Statt, es ist so gut, als beföhle oder bäte der König, und wenn du mir nicht gehorchst oder nachgiebst, hast du dem König nicht gehorcht, nicht nachgegeben. Nicht mit mir, mit dem König hast du’s zu thun. Ich bin bloß sein Instrument, sein Zeichen.“

 Was hieße nun nach diesem Gleichnis: in JEsu Namen beten? Offenbar nichts anderes, als: [„]Mein Gott, ich stehe und bete vor Dir; es ist aber so gut, als betete Dein lieber Sohn an meiner Statt. Denn meine Bitte ist Seine Bitte, und – ja, ich wage es zu sagen – ich stehe bittend an Seiner Statt. Wenn Du mir meine Bitte abschlägst, schlägst Du sie auch Ihm ab, wenn Du mir weh thust, thust Du Ihm weh!“

 Ihr begreifet, meine Brüder, daß das ein viel höheres Gebet ist, als das Gebet um JEsu willen. Wer um JEsu willen betet, beruft sich auf Seine Fürbitte, stellt Ihn als Fürbitter| an seiner Stelle vor Gottes Thron. Hingegen wer in JEsu Namen betet, der tritt an Christi Stelle selbst vor Gott. Jener spricht: sieh mich in JEsu an, dieser: sieh in mir einen Boten JEsu. Und es fragt sich nur, ob wir so beten dürfen, da es in die Augen fällt, daß ich die richtige Auslegung von „im Namen JEsu beten“ darlegte.

 Wer es darf, der darf und thue es, meine Brüder. Wer es aber nicht darf, der thue es nicht, sondern bete um JEsu willen. Es ist nicht jedermanns Ding. Daß es aber in der Absicht Gottes ist, solche wahrhaft priesterliche Beter aus uns zu machen, das getraue ich mir zu beweisen.

 Ja, es wird ganz bewiesen sein dem, welcher die Stelle aus Joh. 16, 23–27 mit Andenken an die gegebene Erklärung liest. Dort redet der HErr von der Ausgießung des heiligen Geistes, welche an Pfingsten erfolgte, und spricht: „An demselben Tage werdet ihr bitten in Meinem Namen,“ und setzt hinzu: „Ich sage euch nicht, daß Ich den Vater für euch bitten will, denn ER selbst, der Vater, hat euch lieb, darum, daß ihr Mich liebet und glaubet, daß ich von Gott ausgegangen bin!“ Wer also den Sohn liebt und an Ihn glaubt, steht bei dem Vater in solchem Ansehen, daß der Sohn nicht insbesondere für ihn bitten muß, sondern er selbst darf betend zum Vater treten im Namen des Sohnes und wie der Sohn, nur daß er den Sohn liebe und an Ihn glaube. Ja, ist’s denn ein Wunder, daß wir im Namen des Sohnes und an Seiner Statt den Vater bitten dürfen: „erhöre mich,“ da der Sohn im Herzen der Seinen wohnt und wenn sie beten, am wenigsten von ihnen weicht, mit ihnen zugleich, ja in ihnen zum Vater tritt? Sagt nicht der Apostel: „Ich bin der Welt gekreuzigt, die Welt ist mir gekreuzigt; doch aber ich lebe, jedoch nicht ich, Christus lebt in mir“? Und diejenigen, welche kein anderes Leben mehr haben, als Sein Leben, deren Leben Christus ist, die sollten nicht, Christum in sich tragend, an Seiner Statt vor Gott treten dürfen? Der Vater sieht den Sohn verherrlicht in Seinen Erlösten und verherrlicht Ihn eben damit, daß ER die Seinen an- und aufnimmt, wie Ihn, da ER ja in ihnen nichts aufnimmt, als eben Ihn, der| in den Seinigen wohnt. Ist nicht (1. Kor. 6, 17), wer Christo anhanget, ein Geist mit Ihm? Sagt ER nicht selbst: „Ich bin in ihnen“?

 O daß wir alle dahin kämen, daß wir mit JEsu Christo eins wären, ER in uns, wir in Ihm vor den Vater träten, wir in des Sohnes Namen vor dem Vater ständen, dann würde uns auch beim Gebet die Zuversicht und das völlig gläubige Amen, Amen nicht fehlen. Denn der muß wohl seiner Sache gewiß sein, welcher in JEsu Namen zu beten wagt, ihm kann’s kein Zweifel sein, daß Gott seine Gebete angenehm und erhöret sind. Er muß eine Freudigkeit zu Gott haben, die alle Zweifel überfliegt. Er kann nicht wie die Meereswogen in Zweifeln hin und her getrieben werden, nein, in stillem, festen Glauben schaut er den Vater an und spricht: „In JEsu Namen, liebster Vater, Amen!“


II.

 Wir gehen weiter und fragen: „Wann sollen wir beten?“ in welcher Frage auch die zweite eingeschlossen ist: „Wie oft sollen wir beten?“

 „Betet ohne Unterlaß!“ spricht der HErr durch den Mund Seines heiligen Apostels. Damit sind beide Fragen beantwortet und gleichsam bestraft, denn man soll das Beten nicht nach der Zeit messen. Es wird die Ewigkeit ohne Ende ein endloses Gebet sein, Ewigkeit und Gebet sind gleichsam gleichbedeutende Namen. Warum sollte nicht dies arme Erdenleben ein beständiges Gebet sein? dies Leben, wo wir, umrungen von Gefahren, vom Teufel allenthalben mit Welt und Fleisch versucht, nicht anders überwinden können, als durchs Gebet?

 Es ist eine alberne Einwendung, welche faule Beter machen: „Ich kann nicht immer Gebet im Munde, das Betbuch in der Hand führen, denn das Sprichwort ist: „Bete und arbeite!“ Ihr habt schon im vorigen Teil gehört, daß man nicht notwendig den Mund und das Buch, sondern das Herz zum Beten braucht, und das edle Sprichwort: „Bete und| arbeite“ lautet eben so und nicht: „Arbeite und bete,“ weil es dein Beten die erste, der Arbeit die zweite Stelle einräumt, weil die Arbeit der Hände unter dem Gebet des Herzens fortgehen soll. Es ist gewiß, daß man unter der Hände Arbeit beten kann, weil man auch mit dem Herzen beten kann, während der Kopf Denkarbeit vornimmt, und das Denken in fremdartiger Wissenschaft wäre, dächte ich, doch noch störender fürs Beten, als die Händearbeit. Ein Geheimnis ist’s, das gebe ich zu. Wenige verstehen es, und unter denen, die es verstehen, übt es in diesem sündhaften Leben keiner treu. Aber das ist uns keine Entschuldigung, vielmehr sollten wir nach dem Verständnis und treuer Übung dieses Geheimnisses aufs eifrigste trachten. Die größte Freude sollte es uns sein, es zu üben, wenn wir’s verstehen, denn wir reden betend mit unserm Vater im Himmel. Da nun Kinder nichts lieber thun, als mit ihrem Vater reden, so sollte uns das Gebot: „Betet ohne Unterlaß!“ nicht ein strenger, widriger Befehl, sondern eine herzlich willkommene Erlaubnis sein; denn wir sollen das Recht haben, mit unserm lieben himmlischen Vater ohne Unterlaß zu reden. Trauern sollte unsere kindliche Liebe, daß wir in diesem unvollkommenen Leben dies Gebot nicht halten können, diese Erlaubnis nicht allezeit zu benutzen vermögen. Daß wir aber darob verdrießlich werden, als über ein unerträgliches Joch, zeigt an, daß wir den Vater und den Umgang mit Ihm nicht lieben, daß wir an Seiner Brust, in Seinem Schoße noch nicht eingewohnt sind!
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 Vielleicht sagt eins oder das andere unter euch: „Wie aber, wenn beten bitten heißt und man bittet ohne Unterlaß, so kommt man ja nie zu Dank und Lob.“ Antwort: Es ist nie ein Gebet, wenn’s rechtschaffen ist, ohne Dank und keins ohne Lob, sondern die drei durchdringen sich im Christenherzen also, daß keins die andern jemals ganz allein läßt, wenngleich auch je nach Umständen eins vorherrscht. Du magst also gleich beten, so mußt du doch schon, wie dort JEsus am Grabe Lazari, wenn du gläubig bist, für die Erhörung danken, ehe du sie spürst; ja dein Amen ist schon ein Dank und ein Lob dazu, denn du giebst Gott die Ehre. Und so| ist’s bei allen dreien. Kein Dank ohne Bitte um fortgesetzte Erhörung, kein Lob der göttlichen Herrlichkeit ohne Dank, daß sie sich uns zum Heil erweist, und ohne Bitte, daß es ferner geschehen möge. Diese drei sind eins.

 Oder wolltest du etwa sagen: „Wie soll ich immer beten? Ich habe nicht so viel zu beten!“ Wie? Du hast nicht so viel? Wenn ER Seinen Odem wegnimmt, so sterben sie, wenn ER Seine Gnade wegnimmt, sinken sie in die Hölle. Den Odem brauchst du, solange du lebst, die Gnade in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Wenn du also nur um diese zwei Dinge bitten willst, hast du ohne Unterlaß zu thun in Ewigkeit. – Und wieviel andere Bedürfnisse, Hoffnungen, Wünsche hat der Mensch, kannst du sie zählen? Und weißt du nicht, daß jedes Bedürfnis, jede Hoffnung, jeder Wunsch bei Christen nicht innerhalb des Herzens bleibt, sondern im Gebet zu Gott geweiht wird, als Gebet zu Ihm aufsteigt? – Und wenn der Augenblick erschiene, der nie erscheinen wird, wo du für dich nichts zu beten hättest, denk an die große Wirksamkeit des Gebets, von der gestern die Rede gewesen ist, und an das Gebot des heiligen Apostels: „Betet ohne Unterlaß!“ „Thut Bitte, Gebet und Fürbitte für alle Menschen!“ Wie viel hast du zu beten! O ich sage nicht, daß du, wenn du thun willst, was du sollst, zu wenig Stoff, wohl aber, daß du zu wenig Zeit habest, um für den unermeßlichen Stoff des Gebets dich auszubeten! Es hat der heilige JEsus ohne Unterlaß gebetet, der nie mit Seinem Herzen vom Vater wich, – was willst du sagen?


III.

 Wo soll man beten?“ Das ist eine weitere Frage. In der Kammer allein, im Hause mit den Seinigen, in Gesellschaft der Freunde, in der Kirche mit der Gemeinde?

 Antwort: Du darfst an allen diesen Orten beten und sollst es auch.

 Bete gern allein in der Kammer. Dabei ist der Eitelkeit zwar nicht ganz, doch mehr als in Gesellschaft der Weg abgeschnitten.| Nicht ganz, sage ich. Denn die Welt begleitet uns überall hin, und wenn wir uns ins Kloster sperrten, weil der Weltgeist durch Thür und Riegel, ja durch Haut und Bein in unser Herz den Weg findet. Ich weiß wohl, daß manchmal einer im Kämmerlein auf den Knieen betet. Betet er leise, so raunt ihm eine Stimme zu: „Ei, was du für ein stiller Beter bist, was wird der Vater, der ins Verborgene sieht, für große Freude an dir haben!“ Betet er laut und ist allein, so antwortet dieselbe gottlose Stimme: „Ei, wenn dich nun der oder jener beten sähe und hörte, wie sollte er sich wundern, was du für ein Beter bist!“ Aber laß du dich das nicht hindern, erkenne nur, von wannen diese Stimmen sind, und wirf dich desto brünstiger in das Erbarmen, das mit unvollkommenem Gebet in Christo JEsu schon Geduld hat. Bete in deiner Kammer, denn die Kammer hat ihren großen Segen, und es giebt Dinge, welche man in Gemeinschaft der edelsten und liebsten Seelen doch nicht beten kann, weil sie für keinen Menschen taugen, sondern Geheimnisse sind und bleiben, nur für den Beter und seinen Gott offenbar.
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 Bete aber auch im Hause mit den Deinigen. Der Hausgottesdienst ist, wo er besteht, ein unschätzbares Kleinod. In welchen Familien er besteht, die sind glücklich zu schätzen; wo er verschwunden ist, muß man weinen; wer ihn wieder einrichtet, thut, wenn bei reinem Herzen, ein gutes Werk. Wahrlich, die Hausgenossen müssen sich lieben, die miteinander beten können. Leider aber machen sich viele Hausgenossen miteinander so gemein, daß sie sich zu einem gemeinschaftlichen Gebet nicht erheben können. Sie stehen gegenseitig bei einander zu sehr im Rufe, daß es ihnen um die Frömmigkeit kein Ernst ist, als daß die feierliche Erhebung im Gebet für sie gegenseitig erträglich wäre. Es kann nicht sein, daß die vor und miteinander sich zu Gott erheben, die vor und miteinander alle Pfützen der Gemeinheit durchwaten. Da nun aber der Mensch zur Gemeinheit nicht geschaffen ist, mit seinen Hausgenossen aber sich nicht erheben kann, so suchen dergleichen Menschen gern Gebetsgemeinschaft mit Freunden, die ihnen| nicht so nahe stehen, wie die Ihrigen. Und daher kommt es dann oft, daß sich etliche Freunde oft zum Gebet versammeln, und ihr Gebet kehrt unverrichteter Dinge, wie Kains Opferwolke, zur Erde zurück. – Nichts Köstlicheres in den Häusern, als der Hausgottesdienst, und ein Haus, wo eine Familie sich mit wahrem Ernst zum Hausgottesdienst sammelt, ist etwas Selteneres auf dem Erdboden und etwas Köstlicheres, als ein Haus voll Freunde, die ihre Fehler nicht gegenseitig kennen, von denen keiner des andern Last trägt, die nur voneinander wissen, daß sie manchmal miteinander beten. In einer Familie, wo der Hausgottesdienst mit Ernst gehalten wird, kann durchaus kein Unfriede aufkommen, eins muß dem andern mit zarter Achtung und mannhaft christlichem Wesen begegnen, es muß ehrbar und löblich zugehen. Denn miteinander beten und miteinander sündigen stimmt nicht zusammen. Wollte Gott, es fingen alle Hausväter gleich bei Gründung ihres Hauswesens an, mit altväterischem Ernst darauf zu dringen. Wollte Gott, es fingen alle Hausväter, die sich bekehren wollen, damit ihr Werk an, daß sie den Hausaltar wieder aufrichteten, damit würden sie Frieden und Liebe aufrichten, viele Sünden würden verschwinden, eine andere Kinderzucht würde einkehren, und die Kirche würde frohlocken. Denn sie ist auf die Häuser gebaut, und es muß ihr immer wohlgehen und muß Ruhm sein im Himmel, wenn es in den Häusern wohl zugeht. Laßt durch die Stimme der Kirche den Hausgottesdienst zu euch zurückführen, und gebt zum Dank dafür der Kirche die Hoffnung, ja die Gewißheit besserer Zeiten!
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 Vielleicht hat mir mancher unter euch mit einigem Verdruß in diesem Stück zugehört, vielleicht schwebt manchem, gleich als läge das Christentum auf diesem Punkte, die Frage auf den Lippen: „Wie? Verwirfst du es, daß Freunde miteinander beten?“ Antwort: Nein, aber sieh wohl zu, daß du mit Freunden Erbauung suchend rein bleibst. Es müssen Freunde sein, wahrhafte Freunde, – und hast du deren viele? Wirst du wohl mehr als drei oder vier haben? Es giebt Freunde, mit denen man arbeiten, Freunde, mit denen man| über geistliche Dinge reden kann, Freunde, mit denen man Bruder ist in Christo JEsu und Glied an einem Haupte, aber am seltensten ist doch das Freundesgebet. Der Mann muß groß sein in Gottes Augen, der drei oder vier Freunde hat, in deren Gemeinschaft er sein Herz vor Gott ausschütten kann. Wohl dem, der so ist!

 Wo mehr als soviel in der Absicht freundschaftlichen Gebets zusammenkommen, ist große Gefahr der Heuchelei, der Eitelkeit, des Stolzes und einer Menge anderer Gefahren, die nicht leicht zu umgehen sind. Sollen dergleichen größere Freundeszirkel Gott wohlgefällig sein, so müssen Geistliche an der Spitze stehen, welche durch Amt und Beruf dazu befugt sind und für ihr Wirken den göttlichen Segen voraus haben. Wahren Dienern Gottes aber wird es ohnehin allemal am Herzen liegen, die verschiedenen Klassen ihrer Beichtkinder näher an sich zu ziehen und Gottes Wort recht unter sie zu teilen. Wo ohne Zuthun der Geistlichen dergleichen fürs Leben der Gläubigen nötig ist, wie ich denn gar nicht leugne, daß es Zeiten giebt, wo es nötig ist, da ist’s ein Zeichen, daß die Kirche entweder im Kranken oder Genesen, aber nicht in Gesundheit ist, es mag nun die Schuld liegen, an wem sie will.

 Der letzte Ort, den wir zu erwähnen haben, ist die Kirche. So heilig der Tempel des Alten Testaments, so heilig sind unsere Kirchen auch. Jener war ein Ort, wo Gott Seines Namens Gedächtnis gestiftet hatte, in diesen wohnt Sein Gedächtnis auch, dazu gedenkt man in den heiligen Sakramenten des Todes des Eingeborenen. Doch aber, wie jener Tempel ohne wahrhafte Anbeter nichts war, so auch unsere Kirchen. Die Kirche, wo der Name JEsu verkündigt wird und die Gemeinde sich zum Gebete sammelt, hat einen großen Segen. An ihrer Schwelle soll man alles Irdische niederlegen, hungernd und dürstend und betend nach Geist und Gnade soll man kommen, und der HErr wird finden lassen. Hier vereint sich die Menge der Christen, ein Geist soll sie beseelen, und der vorbetende Hirte soll nur seiner Schafe einmütiges| Gebet aussprechen und ihr Mund sein. Ein Mund, ein Geist soll sein!

 So betet denn, meine Lieben, an allen Orten, in der Kammer, im Hause, in Gesellschaft, in der Kirche! Ja, wo ihr geht und steht, überall erweist euch als das priesterliche Volk, das von dem ewigen Hohenpriester gelernt hat Bitte, Gebet und Fürbitte!




 Endlich, meine Teuren, fragen wir: „Wer lehrt uns beten?“ Nur ER, nur JEsus durch Seinen heiligen Geist. Was hilft’s, meine Teuren, daß ich euch nun vieles vom Gebet vorgesagt habe, ihr habt es großenteils schon vergessen, wie auch ich, und wenn wir’s auch wissen, wer macht aus dem Wissen ein Thun, wer giebt dem Samenkorn der Erkenntnis Lebenskeim, wer führt aus dem Lebenskeim das Leben hervor? Schon Luk. 11 fragten die Jünger über das Gebet, der HErr lehrte sie auch; aber sie wurden doch nicht eher Beter, bis ER aufgefahren war und auf Gottes Stuhle sitzend Macht empfangen hatte, die am Kreuz erworbenen Gaben und Kräfte des heiligen Geistes auf sie herabzusenden.

 Wahrlich, meine Teuren, ihr werdet eher nicht beten lernen, bis Gottes Geist euch ergreifen und das Herz erfüllen wird mit Gebet und Gebetsfreude.

 Jedoch, getrost, wer gern beten will, sei getrost. Betet in Schwachheit, so gut ihr könnt. Könnt ihr nicht beten, so seufzet, versteht ihr auch das nicht, nun, so habt ihr ein zerbrochenes Herz, so weinet über eure Schwachheit. So wahr sich der Regen auf das dürstende Land herabläßt, so wahr der HErr am ersten Pfingsten die dürstenden Herzen der Jünger mit den außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes heimgesucht hat, so wahr, so gewiß wird ER auch euer Sehnen ansehen und sich in eure zerbrochenen und gedemütigten Herzen herablassen. ER sieht an den Geist der Zerschlagenen und das Herz der Gedemütigten. „Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnet, des Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, so| zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf daß Ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen“ (Jes. 57, 15).

 Nun denn, HErr, mache Dich auf vom Sitze Deiner Herrlichkeit, zerreiße den Himmel und steig herab und gieße aus Deinen heiligen Geist über uns und unsere Kinder! Komm! Du bist eingeladen zu uns auf Pfingsten, daß Du wirkest Gebet und Amen! Amen.




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