RE:Daktyloi

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 20182020
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Daktyloi. Die Ἰδαῖοι Δάκτυλοι entsprechen den Zwergen der deutschen Volkssage; es sind Däumlinge, die ἰδαῖοι heissen, weil sie im Walde leben (v. Wilamowitz-Moellendorff Götting. Nachrichten 1895, 241; Reden u. Vorträge 176). Der Name ist bereits im Altertum verschieden erklärt worden, Poll. Onomast. II 156 καὶ τοὺς Ἰδαίους Δακτύλους κεκλῆσθαι λέγουσιν οἱ μὲν κατὰ τὸν ἀριθμόν, ὅτι πέντε, οἱ δὲ κατὰ τὸ τῇ Ῥέᾳ πανθ’ ὑπουργεῖν, ὅτι καὶ οἱ τῆς χειρὸς δάκτυλοι τεχνῖται τε καὶ πάντων ἐργάται. Wo ihr Cult zu Hause ist, lässt sich nicht mehr ermitteln. Besonders stark ist ihre Bedeutung dann im Culte der kretischen Rea gewesen. Die wichtigste Quelle für die D. ist Apollodors κατάλογος νεῶν, den E. Bethe Herm. XXIV (1889) 411 als Quelle in dem die Kureten und D. behandelnden Abschnitte Diodors V 64. 65 und Strabons X 473 nachgewiesen hat. Das älteste Zeugnis über die phrygischen D. sind einige Schol. Apoll. Rhod. I 1129 p. 371 K. erhaltene Verse aus dem Epos Phoronis (Kinkel Epic. gr. 211 frg. 2), in denen sie als γόητες (so auch statt αὐλητάς zu lesen bei Strab. X 471; vgl. Bethe Herm. a. a. O. 413, 2) bezeichnet werden, die im Waldgebirge wohnen. Ihre Namen sind Κέλμις (vgl. Hesych. s. κελμὰς θέρμη), Δαμναμενεύς (der, trotzdem er, wie der Daktylos-Name besagt, ein Däumling ist, als μέγας bezeichnet wird und dessen Name von δαμνάω herkommt; vgl. Eur. Alk. 980 τὸν ἐν Χαλύβοις δαμάζεις σὺ βίᾳ σίδαρον; s. Preller-Robert Gr. Myth. I⁴ 658, 2) und ὑπέρβιος Ἄκμων (d. h. Ambos). Die Phoronis bezeichnet sie weiter als die geschickten Diener der Adrasteia, welche die Kunst des Hephaistos als die ersten erfanden in den Waldthälern, das Eisen zum Feuer führten und ein herrliches Werk lehrten. Es sind also werkthätige, kunstgeübte Daimonen, die zum Kreis der grossen Göttin gehören, welche als μήτηρ ὀρείη auch Herrin der in ihren Bergen vorhandenen Erze ist und zu ihrer Bearbeitung der Kobolde bedarf. Vgl. dazu Marmor Parium CIG II 2374. 21, wo Boeckh nach den Phoronisversen ergänzt hat. Auch von Hesiod soll es nach Hesych. Mil. ein Gedicht περὶ τῶν Ἰδαίων Δακτύλων gegeben haben, s. Rzach Hesiodi quae feruntur omnia p. XVI und frg. 186. 187. Hellanikos (Schol. Apoll. a. a. O.) meinte, sie seien Ἰδαῖοι Δάκτυλοι genannt, ὅτι ἐντὸς Ἴδης συντυχόντες τῇ Ρέᾳ ἐδεξιώσαντο τὴν θεὸν καὶ τῶν δακτύλων αὐτῆς ἥψαντο. Nach Stesimbrotos (Schol. Apoll, a. a. O.) soll eine kretische Nymphe die Mutter der D. gewesen sein. Der Apolloniosscholiast citiert auch Sophokles Satyrdrama Κωφοί, in denen die D. als Phryger bezeichnet seien. Sophokles (Strab. X 473. Diodor V 64, 3. Nauck F. Tr. Gr.² 337) hat fünf männliche und fünf weibliche D. unterschieden und von diesen Zahlen her ihren Namen hergeleitet. Die männlichen D. nennt er die Erfinder und Bearbeiter des Eisens. Die Zahl der D. hat aber offenbar mit dem Namen nichts zu thun. Pherekydes (Schol. Apoll, a. a. O.) unterschied rechte und linke D.; die linken bezeichnete er als die verzaubernden, die rechten als die den Zauber lösenden. Er kannte zwanzig rechte und zweiunddreissig linke. Neben anderen hatte auch [2019] Ephoros (Diodor. V 04, 4; vgl. aber Bethe a. a. O. 412, 1), berichtet, dass die D. im phrygischen Idagebirge zwar geboren, dann aber mit Mygdon nach Europa übergesiedelt seien. Ihre Kunst sollten sie von der θεῶν μήτηρ selbst erlernt haben (Diodor. XVII 7). [[RE:Apollonios 71 |Apollonios Rhodios]] (Argon. I 1125 mit Schol.) nennt Titias und Kyllenos die πάρεδροι der idaeischen μήτηρ Phrygiens, die er dann aber trotzdem mit den kretischen D. identificiert. Von Kreta ist der Dienst der D. früh nach Olympia gekommen, dessen Cultus überhaupt von Anfang an starke kretische Einflüsse zeigt (C. Robert Athen. Mitt. XVIII 1893, 40). Pausanias berichtet V 7, 6, dass Rea das eben geborene Zeuskind den idaeischen D. zur Bewachung übergeben habe, die auch den Namen Κούρητες geführt hätten. Sie seien von dem kretischen Idagebirge hergekommen und hätten die Namen Herakles, Paionaios, Epimedes, Iasios und Idas geführt. Der älteste von ihnen sei Herakles gewesen; der habe seine Brüder zu einem Wettlaufe veranlasst und den Sieger mit einem Kotinoszweige bekränzt. So hat nach Pausanias (V 7, 9) der idaeische Herakles den Wettkampf dort eingerichtet und ihm den Namen olympische Spiele gegeben. Dabei setzte er fest, dass die Spiele alle fünf Jahre gefeiert werden sollten, weil er und seine Brüder zusammen fünf waren. Vgl. Strab. VIII 355. Diodor. V 64. Dieser Herakles hatte unter dem Namen Παραστάτης auch einen Altar in der Altis (Paus. V 14, 7) und im Gymnasion von Elis (Paus. VI 23, 3). Seine vier Brüder hatten auch in der Altis Altäre (Paus. V 14, 7); von dem des Idas erzählt Pausanias, dass er von einigen auch Altar des Akesidas genannt würde. Vielleicht ist dies der authentische Name (vgl. Bd. I S. 1163). Der Stifter dieser Altäre soll Klymenos gewesen sein, der Sohn des Kardys, ein Nachkomme des idaeischen Herakles, der fünfzig Jahre nach der deukalionischen Flut nach Olympia gekommen sei (Paus. V 8, 1; vgl. VI 21. 6). Über die olympischen Altäre vgl. auch C. Robert Athen. Mitt. a. a. O. 44, 2. Der Cult dieses idaeischen Herakles war aber nicht auf Kreta und Olympia beschränkt. Wir finden ihn in Erythrai (Paus. IX 27, 8), in Mykalessos (in Verbindung mit Demeter Mykalessia, Paus. IX 19, 5. 27, 8), in Megalopolis (auch zusammen mit Demeter, Paus. VIII 31, 3, der sich dabei auf ἔπη des Onomakritos beruft) und vielleicht in Thespiai (Paus. IX 27, 81. Cicero de deor. nat. III 42, der den im 2. Jhdt. v. Chr. von einem rhodischen Peripatetiker verfassten ps.-aristotelischen Peplos hier benutzt (vgl. darüber die wertvolle Dissertation von Walther Michaelis De origine indicis deorum cognominum, Berlin 18981, behauptet, dass die Koer diesem idaeischen Herakles ein Totenopfer dargebracht hätten. Gegen Gronovs Vermutung, Coi für cui der Handschriften, s. Lobeck Aglaophamus II 1173.

Später sind dann auch die D. in den grossen synkretistischen Wirrwarr hineingezogen worden, der durch die Mysterien und die orphische Theologie in Bezug auf Kureten, Kabiren, Teichinen u. s. w. angerichtet ist. In diese Dinge Ordnung irgendwie zu bringen, ist auch dem Scharfsinn Lobecks nicht gelungen (vgl. Preller-Robert Griech. Myth. I⁴ 658 und H. Diels Herm. XXXI [2020] 1896, 368, 5). Später scheinen auch Faunus und Picus mit ihnen identificiert zu sein (Plutarch. Numa 15).

Es lag auch in der Entwicklung dieser Zauberwesen, dass ihnen Künste zugetraut wurden, die zunächst mit der metallurgischen Kunstfertigkeit nichts zu thun zu haben scheinen, so die Musik, (Plutarch. de musica c. 5 p. 8, 3 Volkm. aus Alexandros συναγωγὴ τῶν περὶ Φρυγίας, vgl. Pollux Onomast. II 156 καὶ δάκτυλος ὁ ῥυθμός. Solin. c. 11, 6 p. 72, 13 Momms.² studium musicum inde coeptum, cum Idaei dactyli modulos crepitu ac tinnitu aeris deprehensos in versificum ordinem transtulissent). Aber es ist längst richtig bemerkt worden, dass für diese Annahme die Kunst der Schmiede mit ihrem Tact selbst die Anleitung gab. Vgl. dazu K. Bücher Arbeit und Rhythmus² 1899, 29. 112, der auch 325, 2 richtig auf den Daktylenmythus hinweist. Kunstdarstellungen der D. sind bisher nicht bekannt geworden (Preller-Robert Griech. Myth. I⁴ 657,4).

Litteratur: Lobeck Aglaophamus II 1156–1181. E. Rückert Troias Ursprung, Blüte und Untergang und Wiedergeburt in Latium, Hamburg und Gotha 1846, 15–30. Preller-Robert Griech. Mythol. I⁴ 657f.

[Kern.]