ADB:Zeuß, Kaspar

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Artikel „Zeuß, Kaspar“ von Edward Schröder in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 132–136, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zeu%C3%9F,_Kaspar&oldid=- (Version vom 24. Februar 2020, 22:06 Uhr UTC)
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Zeuß: Johann Kaspar Z., Germanist und der Schöpfer der keltischen Philologie, wurde als Sohn katholischer Maurersleute zu Vogtendorf bei Kronach in Oberfranken am 22. Juli 1806 geboren, als eben französische Truppentheile auf ihrem Siegesmarsche nach Saalfeld und Jena hier im Quartier lagen. Die Begabung des Knaben ward frühzeitig erkannt und sie bestätigte sich während seiner Gymnasialzeit zu Bamberg (seit 1820) in glänzender Weise. Wenn er hier, wo er als Lateiner hervorragte, zugleich schon ein lebhaftes Interesse für das Studium der Volksdialekte zeigte, so mag er dazu durch das 1821 erschienene Werk Schmeller’s über „Die Mundarten Bayerns“ angeregt worden sein. Wie unter ähnlichen Verhältnissen Schmeller trat auch er in Gegensatz zum sehnsüchtigen Wunsche der Eltern, indem er statt des geistlichen Berufs mit Entschiedenheit den des Gelehrten erkor, und so strebte er denn von Bamberg, wo er vom Herbst 1825 ab den ersten philosophischen Jahrescurs durchmachte, hinüber nach München. Hier wurden in erster Linie Schelling und Fr. Thiersch seine Lehrer, alte Geschichte und Völkerkunde hörte er bei K. Mannert, die semitischen Sprachen trieb er bei J. F. Allioli, Sanskrit bei Othmar Frank, die Grammatik der germanischen Sprachen studirte er, tief eindringend in das Hauptwerk Jac. Grimm’s, wie es scheint, ohne Anleitung: wenigstens hab ich keinerlei persönliche Beziehungen zu Schmeller, der doch von 1827–1829 an der Münchener Universität docirte, entdecken können. Während seiner ganzen Studienzeit erwarb er sich seinen Unterhalt als Privatlehrer, zuletzt als Hofmeister im Hause des Grafen Montgelas, wo er bis Mitte 1832 blieb. Nachdem er inzwischen die philologische Staatsprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, erhielt er eine Beschäftigung am alten Gymnasium, die freilich keine großen Einnahmen brachte, ihm aber Muße zu wissenschaftlichen Forschungen ließ. Die vollgereifte Frucht dieser Studien war das unter pecuniären Opfern zum Druck beförderte Werk „Die Deutschen und die Nachbarstämme“ (München 1837), das einer der beiden Träger seines wissenschaftlichen Ruhmes wurde.

Den Anstoß zu dieser Richtung seiner Gelehrtenarbeit dürfen wir wol, auch ohne daß es Z. selbst ausspricht, in den Schriften und Vorträgen seines Münchener [133] Lehrers K. Mannert erblicken, der im 3. Theil seiner „Geographie der Griechen und Römer“ (2. Aufl. 1820) auch Germanien und die Nachbarländer behandelt hatte, aber in einer Weise, die den mit dem ganzen Apparat auch der nationalen Philologie und Geschichte durch eigenste Arbeit vertrauten Z. schon als Studenten nicht befriedigen konnte. So schuf denn Z. aus den Quellen des späten Alterthums und des frühen Mittelalters heraus, die er bis in alle Ausläufer beherrschte und, wo es irgend Noth that, durch handschriftliche Forschungen und Collationen ergänzte, eine kritische Völkerkunde des alten Nord- und Mitteleuropas, die sich in ihrer Vereinigung von historischer und linguistischer Gelehrsamkeit den grundlegenden Werken Jacob Grimm’s, der „Grammatik“ und „Mythologie“, würdig an die Seite stellen konnte und wie diese durch zwei Generationen hindurch hundertfältig gleich einem guten Lexikon benutzt worden ist, ohne immer das Bewußtsein der Citirpflicht rege zu erhalten. Als Quellenbuch, das den Zugang zu allen Winkeln der mittleren Völkerkunde erschließt, ist es auch durch die mit geschärfter Kritik und größerer Weite des historischen Blicks einsetzende und mit mächtiger Phantasie gestaltende „Deutsche Alterthumskunde“ Müllenhoff’s nicht überflüssig geworden.

Die Universität Erlangen ehrte den Verfasser dieser unvergleichlichen Erstlingsschrift durch Verleihung der philosophischen Doctorwürde, und es war wohlberechtigtes Selbstgefühl, wenn sich Z. bald darauf (1838 und 1839) zunächst in Würzburg, dann in Erlangen um eine neu zu errichtende Professur der deutschen Philologie bewarb. Die kleinlichen Bedenken, denen, bei allem Respect vor seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit, hier seine Person und dort sein Fach begegneten, reiften in ihm den Plan, sich in Heidelberg zu habilitiren. Die Ernennung zum Professor der Geschichte an dem eben begründeten Lyceum zu Speier (im Septbr. 1839) drängte diese Wünsche zunächst in den Hintergrund, und als auch ein von Speier aus (1840) erneuerter und auf die Ablehnung eines vortheilhaften Rufes nach Luzern gestützter Versuch, an der Würzburger Hochschule als Professor der deutschen Sprache und Alterthumskunde und der indischen Sprachwissenschaft anzukommen, an der hartnäckigen Kurzsichtigkeit des dortigen Senats gescheitert war, gab sich Z. in Speier, wo der schlichte Gelehrte allgemein geschätzt wurde, zufrieden, und der bairische Staat schien auf die akademische Verwendung des größten philologischen Genies, das innerhalb der blau-weißen Grenzpfähle aufgewachsen war, endgültig verzichtet zu haben. Im J. 1847 jedoch, bei der einschneidenden Reorganisation der Münchener Universität erinnerte man sich seiner und berief ihn als ordentlichen Professor der Geschichte in die Hauptstadt. Aber nun war es zu spät: weder das Klima noch der Beruf sagten dem lungenschwachen und für den Vortrag im Hörsaal offenbar nicht beanlagten Manne mehr zu, und er bat noch im gleichen Jahre flehentlich, ihn in seine pfälzische Stellung zurücktreten zu lassen, von wo aus er ja wie früher die Bibliotheken von Heidelberg, Karlsruhe und Darmstadt benützen könne. Da die Erfüllung dieser Bitte nicht möglich war, brachte man ihn durch einen Stellentausch mit G. Th. Rudhart an das Lyceum in Bamberg (Octbr. 1847). Hier hat er bei zunehmender Kränklichkeit, aber in ungeminderter Arbeitslust das Riesenwerk der „Grammatica Celtica“ zum Abschluß gebracht. Im Frühjahr 1855 überfiel ihn ein Schleimfieber, von dem er sich nicht wieder erholen konnte; im Herbst nahm er Urlaub für das Wintersemester und weilte in Kronach bei dem Bruder, der das väterliche Geschäft fortführte. Im Frühjahr 1856 ließ er sich für ein Jahr in Ruhestand versetzen, aber er kehrte nicht wieder in sein Amt zurück: im Hause der Schwester in seinem Geburtsort Vogtendorf nahm ihn am 10. November 1856 ein sanfter Tod hinweg.

[134] Z. ist in der anfänglichen Ausdehnung wie in der spätern Begrenzung seiner wissenschaftlichen Arbeit dem Programm treu geblieben, nach dem er, früh reif und selbständig, seine Studien eingerichtet und das er in seinem ersten Werke mächtig gefördert hatte: der Verbindung von Sprachwissenschaft und Geschichtswissenschaft, dem Ausbau der vergleichenden Linguistik im Dienste der historischen Völkerkunde. Ausgesprochen hat er sich über diese ihn leitenden Gesichtspunkte in der Vorrede einer kleinen Schrift, mit der er kurz vor seinem ersten Abschied von München der in selbstgefälligem Dilettantismus verharrenden bairischen Gelehrtenwelt ein energisches Quo usque tandem? zurief und zugleich an dem Problem der eigenen Stammesgeschichte die glänzende Probe auf seine Methode machte: „Die Herkunft der Baiern von den Markomannen gegen die bisherigen Muthmaßungen bewiesen“ (München 1839, 2. Ausg. 1857). Mit rücksichtsloser Offenheit beleuchtet und bekämpft er hier die Ignoranz in sprachlichen Dingen, „die philologische Beschränktheit und Verworrenheit“, welche sich seit Vinz. v. Pallhausen’s „Urgeschichte der Baiern“ (1811) in allen Arbeiten über dies Lieblingsthema breitmachten, und nicht zum wenigsten in den von einer diensteifrigen Kritik hochgepriesenen Schriften der Münchener Akademiker A. Buchner und Koch von Sternfeld, dessen selbstgefälliges Buch über das Reich der Langobarden in Italien eben die Presse verlassen hatte. Er betonte mit Nachdruck, daß in der alten Völkergeschichte ohne gründliche und wissenschaftliche Sprachenkunde nicht vorwärts zu kommen sei. „Nur wer das Sprachengebiet der Völker, die er behandelt, mit wissenschaftlichem Blicke übersieht, die Besonderheiten der einzelnen Sprachen kennt, was jeder gehört oder nicht gehört unterscheidet, ist ein tauglicher Arbeiter auf diesem Felde.“

Z. selbst, durch und durch eine Pflichtnatur, die wenig Freuden außer der gelehrten Arbeit kannte, schaffte rastlos zunächst an seiner eigenen Fortbildung. In zwei Stücken war ihm sein Rüstzeug, obwol es das blankste und schärfste war, was damals geschaut wurde, mangelhaft erschienen: in der germanischen Namenkunde und in der Kenntniß des keltischen Sprachenzweigs. Darum stellte er sich zwei große Aufgaben, denen die unermüdliche Thätigkeit seiner im ganzen recht glücklichen Speirer Jahre galt: ein deutsches Namenbuch, zunächst auf Oberdeutschland beschränkt, und eine vergleichende Darstellung der keltischen Dialekte. Aus den Interessen der erstem Art erwuchs die Edition der Traditiones possessionesque Wizenburgenses, die er (Spirae 1842) im Auftrag des historischen Vereins der Pfalz lieferte: eine eminent gewissenhafte Leistung, die nur in ihrem diplomatischen Theile überholt sein mag, in sprachlicher Hinsicht dagegen von einer bis heute unübertroffenen, ja kaum wieder erreichten Akribie. Daß Z. zu der Stadt, wo er neben ausreichender Muße in mildem Klima Vertrauen zu seiner schwachen Gesundheit gefunden hatte, bald eine wärmere Zuneigung faßte, beweist die mit sichtlicher Liebe abgefaßte Schrift „Die freie Reichsstadt Speier vor ihrer Zerstörung nach urkundlichen Quellen geschildert“ (Speier 1843). Mit ihr erhielt Speier eine fast durchweg aus ungedrucktem Material zusammengetragene historische Topographie, wie sie bis dahin keine deutsche Stadt – nur allesfalls Zürich, durch Vögelin – besaß.

Mehr und mehr aber traten die germanistischen und historischen Interessen für Z. in den Hintergrund gegenüber der großen Aufgabe der keltischen Grammatik, deren Plan sich ihm immer deutlicher gestaltete. Auch hier begann er mit dem Aufsuchen und Sichten der ältesten handschriftlichen Quellen, besonders des Irischen, die er an ihren Aufbewahrungsorten, in Karlsruhe, Würzburg und St. Gallen, Mailand, London und Oxford excerpirte oder abschrieb, um sie später theilweise den Appendices seines Werkes einzuverleiben. Zugleich war er unter nur allzu begreiflichen Schwierigkeiten unablässig bemüht, die Idiome der [135] mittleren Zeiten und der Gegenwart aus allen ihm zugänglichen Manuscripten und den besten gelehrten Gewährsmännern kennen zu lernen. Mit scharfem, gelegentlich überscharfem Urtheil schied er gewisse trübe Quellen aus, die nach seiner Ansicht die keltischen Studien irre zu leiten drohten.

Die unbedingte Zugehörigkeit des Keltischen zur großen indogermanischen Sprachenfamilie war in den Jahren 1837 und 1838 durch die Arbeiten Pictet’s und namentlich Bopp’s sichergestellt worden. Auch die Studien Lor. Diefenbach’s hatten mancherlei Klärung gebracht. Aber trotzdem gab es in der vergleichenden Sprachwissenschaft kein Gebiet, auf dem soviel Wirrniß und Dunkel herrschte, wo nicht nur die trübe Phantasie der Dilettanten, sondern auch die scharfsinnige Speculation der Gelehrten soviel Unheil angerichtet hatte, wie in der keltischen Sprach- und Volksgeschichte. Der Begriff eines Keltologen fiel fast mit dem eines Keltomanen zusammen: er stand außerhalb der ernsten Wissenschaft. Da erschien zu Berlin 1853 in 2 Bänden die „Grammatica Celtica e monumentis vetustis tam hibernicae linguae quam britannicarum dialectorum cambricae cornicae aremoricae comparatis gallicae priscae reliquiis“ – und mit ihr war eine keltische Philologie geschaffen! „Ein Gefühl der Befreiung und Errettung“ ging durch die Gelehrtenwelt, namentlich auch der Schwesterdisciplinen des Germanischen und Romanischen.

Der Reichthum der Quellen und ihr Alter reichte an die germanischen Sprachen fast hinan, übertraf die slawischen. Auch an brauchbaren Ausgaben und Monographien fehlte es wenigstens für die mittlere und neuere Zeit nicht. Aber wer hatte davon bisher Gebrauch zu machen verstanden? Die Praefatio Zeußens führt in lapidarer Kürze ein gewaltiges Stück ordnender Kritik vor und bringt soviel eigenste Vorarbeit ans Licht, wie sie J. Grimm, Diez und Miklosich keineswegs geleistet haben, soweit sie sie überhaupt noch zu thun brauchten. Es verschlägt nichts, ob Z. wirklich hier und da das Alter und den Werth einer Ueberlieferung falsch geschätzt, ein cornisches Denkmal dem Kymrischen zugewiesen, das Altgallische zu nah an den britannischen Zweig gerückt hat u. s. w. Und wie es dieses imponirend schlichte Vorwort ankündigt, ist das ganze Werk in einem monumentalen Stile gehalten. Eine ungeahnte Fülle des Thatsächlichen von den ältesten gallischen Namen herab bis zu den reichlich fließenden Quellen des 14. Jahrhunderts, alles so übersichtlich geordnet und aufgebaut, daß sich eine Generation von Gelehrten ohne Wortindex zu behelfen vermochte – mochte er auch höchst erwünscht kommen, als ihn endlich (1881) Güterbock und Thurneysen lieferten. Der Verfasser ist nicht Linguist im Sinne der Gegenwart, dem sich die sprachlichen Thatsachen aus Beobachtungen an den lebenden Mundarten erhellen, auch nicht eigentlich im Geiste J. Grimm’s, der zwar noch an einen Unterschied zwischen „Geschichte“ und „Verfall“ der Sprachformen glaubte, aber doch überall Leben und Bewegung sah und darstellte. Z. fand die bewährte Methode der historisch-vergleichenden Grammatik vor und hat sie nur nach der philologischen Seite fester ausgestaltet. Denn Z. war mehr Philologe, nicht nur als alle Keltisten, sondern als alle vergleichenden Grammatiker vor ihm. Sein Blick ist scharf und nüchtern und seine Gelehrsamkeit schweift nie ohne Zwang über das erst von ihm fest umzäunte Gelände der keltischen Sprachen hinaus, obwol sich ihm gewiß die Vergleiche und Analogien massenhaft aufdrängten. Es spricht ein strenger sittlicher Zug aus dieser Selbstbeschränkung, wie sie nirgends nothwendiger und erzieherisch heilsamer war, als auf dem vom Dilettantismus überall aufgewühlten, von der Wissenschaft aber nur zaghaft in Anbau genommenen Felde des keltischen Sprachenthums.

Gewiß ist die Lebensarbeit Jacob Grimm’s, wie sie eine glücklichere war, auch eine unvergleichlich reichere und weiter ausgreifende gewesen: auch die [136] „Grammatica Celtica“ ist ohne seine Lehre und sein bahnbrechendes Vorbild undenkbar. Aber trotzdem darf man es aussprechen, daß niemals ein Sprachgelehrter mit mehr Recht als „Vater und Schöpfer“ seiner engern Disciplin bezeichnet worden ist, als Kaspar Zeuß, der es unter den schwierigsten Verhältnissen für die keltische Grammatik wurde.

Dem mächtigen Eindruck des Werkes entzogen sich am wenigsten die Meister in den Nachbarphilologien, die sich freudig hier als Schüler bekannten. M. Haupt hatte schon zu den Vorarbeiten beigesteuert, den Verleger geworben und dem Verfasser bei der Correctur zur Seite gestanden. K. Müllenhoff war gleichmäßig von Respect für Zeuß’s methodische Gelehrsamkeit wie für seinen sittlichen Ernst erfüllt und übertrug diese Hochachtung auf seine Schüler. Pott versuchte auch einem größern Publicum nahe zu bringen, welche grundlegende Arbeit hier gethan sei. J. Grimm nannte die Gr. C. ein epochemachendes Werk und war nur von einer gegen ihn gerichteten Stelle der Vorrede um so peinlicher getroffen, als gerade sie von den Recensenten nicht ohne Schadenfreude hervorgehoben wurde; um so mehr freute es ihn nachher, aus einem der letzten Briefe, die Z. geschrieben haben mag, zu erfahren, daß er den dort erhobenen Einspruch gegen die Verwerthung des Marcellus Burdigalensis fallen lasse.

Die unmittelbare Wirkung der Grammatica Celtica entsprach dieser Aufnahme bei den Besten nicht. Die Hoffnung, daß ein solches Werk den Wirrköpfen und Phantasten, die sich gerade auf diesem Gebiete seither so wohl gefühlt hatten, das Handwerk legen werde, schien sich als trügerisch zu erweisen. In den nächsten Jahren gaben Bücher wie Ad. Holtzmann’s „Kelten und Germanen“ (1855) und Frz. Jos. Mone’s „Keltische Forschungen zur Geschichte des Mittelalters“ (1857) lautes Zeugniß, daß die Keltomanen nicht gesonnen waren, sich ihre Kreise stören zu lassen. Eine Schule hatte Z. niemals bilden können, daß aber sein Beispiel und Umgang erzieherisch wirkte, das bewiesen schon die Namenforschungen Ludwig Steub’s und ganz direct die Arbeiten Chr. Wilh. Glück’s, der sich mit Stolz seinen Freund und Schüler nannte und der leider in der A. D. B. IX, 256 ff. als Keltist nicht die verdiente Würdigung gefunden hat.

Und allmählich ist die Saat, die Z. gesät hat, doch reichlicher aufgegangen. Schon Hermann Ebel, der Zeuß’s Forschungen scharfsinnig und mit verfeinerter Methode weiterführte und nach Glück’s Erkrankung und Tod zur Neubearbeitung der „Grammatica Celtica“ (Berlin 1871) berufen wurde, war mit diesem Werke aufs innigste verwachsen. Und wenn es heute in England, Deutschland und Skandinavien, in Frankreich und Italien zahlreiche Meister und Jünger der keltischen Philologie gibt, die sich schon um zwei eigene Zeitschriften, eine französische und eine deutsche, schaaren, so weiß man, daß in ihren Kreisen das monumentale Werk, an dem zwei deutsche Gymnasiallehrer in Süd und Nord geschaffen haben, unvergänglich fortlebt, nicht wie ein Orakelbuch, aber wie das lebendige Brot der Wissenschaft.

Zum Biographischen: Chr. W. Glück in den (Münchener) Gelehrten Anzeigen 1857, Nr. 61, 62. – Zur allgemeinen Orientirung über die keltische Philologie: E. Windisch bei Ersch u. Gruber, II. Sect. Bd. 35, S. 132 bis 180. – R. v. Raumer’s Geschichte der German. Philologie kennt den Namen Zeuß nicht!