BLKÖ:Berzeviczy, Gregor von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Bertrand, Gabriele
Band: 1 (1856), ab Seite: 341. (Quelle)
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Berzeviczy, Gregor von (ungar. Publicist, Nationalökonom, geb. zu Groß-Lomnitz 15. Juni 1763, gest. ebendas. 23. Febr. 1822). Entstammt einer alten adeligen Familie. Im zarten Alter (1772) verlor er seinen Vater Alexander, einen Mann, der auch der Wissenschaft huldigte. Seine Mutter Barbara, eine geborene Horváth Stansith de Gradecz, eine Schwester des berühmten Zipser Vicegespanns Emerich Horváth, leitete nunmehr des Knaben Erziehung. Auf dem evangel. Lyceum A. C. zu Käsmark vollendete er die Studien und trat nun bei Stephan von Vay, Districtual-Inspector der evang. reform. Gemeinden j. d. Theiß, in jur. Geschäftspraxis. Nach Erscheinen des Josephinischen Toleranzedictes war er einer der ersten Protestanten, welche zur kön. Tafel als Juraten zugelassen wurden. Seine Sehnsucht, eine deutsche protest. Universität zu besuchen, befriedigte er, als er 1784 nach Göttingen ging und daselbst die Staatswissenschaften unter Schlözer, Beckmann, Pütter, Feder und Meiners hörte. Zu gleicher Zeit studirte er Sprachen, pflegte das Zeichnen und die Musik. 1786 trat er von Göttingen eine Reise nach Frankreich und England an, wo er in den höchsten Kreisen Zutritt fand, und in letzterer Stadt namentlich mit dem berühmten Philologen Reviczky, damals österr. Botschafter am englischen Hofe, mit dem corsischen General Paoli und dem englischen Naturforscher Banks viel verkehrte. Nach einem dreijährigen Aufenthalte in Deutschland, England, Frankreich, Holland, kam er nach Wien zurück. Daselbst hatte er eine Audienz bei dem großen Kaiser Joseph II. und nach einer zweistündigen Unterredung schloß der unvergeßliche Monarch mit folgenden Worten: „Ich bin mit Ihnen ganz zufrieden, und will, daß Sie dem Staate dienen sollen. Wenn Sie dies mit Eifer thun, so soll es Sie nicht gereuen, Mühe und Kosten verwendet zu haben. Von der Ordnung, von unten auf zu dienen, kann ich Sie nicht dispensiren. Auch werden Sie anfangs manche Schwierigkeiten finden. Sie müssen sich mit Geduld waffnen. Führen Sie sich brav auf, ich will für Sie besorgt sein.“ Doch fanden sich Hindernisse für B.’s Anstellung und später erst ernannte ihn Graf Karl Zichy zum Praktikanten der ungar. Statthalterei. 1791 wurde B. Deputirter abwesender Stände beim ungar. Reichstag unter Leopold II. und Deputirter bei der evang. Pesther Synode. Als durch Josephs Tod seine Ernennung zum Concipisten vereitelt worden, zog sich B. 1791 von seinem Amte und auf seine Güter zurück, wo er den Wissenschaften, Künsten und Entwürfen zur Erhöhung der Staatswohlfahrt lebte. Bei der ersten ungr. Insurrection 1797 wurde B. Capitän des Zipser Insurrections-Corps, doch eine schwere Krankheit hinderte ihn an der Beendigung der begonnenen Organisation; zu gleicher Zeit zum [342] Beisitzer der Zipser und Saroszer Gespannschaft gewählt, erschienen mehrere seiner gründlichen Vorschläge im Drucke. Im J. 1801 wurde B. an die Stelle seines Onkels Emerich von Horváth zum Districtual-Inspector der Theißer evang. Superintendenz A. C. erwählt und verwaltete dieses mit manchen Ausgaben, Verdruß und Nachtheilen verknüpfte schwierige Amt 21 Jahre lang bis an seinen Tod mit aller Energie. Durch seine Bemühung kam eine Theißer evangel. Districtualcassa und für arme Studirende ein Studienfond zu Stande. 1815 führte er die von ihm verfaßte, später gedruckte: „Coordinatio Rei religionalis ecclesiasticae Superintendentiae Aug. Conf. Evangel. Tibiscanae“ als Norm ein; die höheren evang. Schulen in Ungarn betrachtete er als die Stützen des ungar. Protestantismus und wirkte trotz aller Hindernisse, Anfeindungen und Kränkungen mit allen seinen Kräften für deren Hebung. Im Jahre 1802 heiratete B. nach erhaltener Dispensation seine Nichte, indem er vorher die Erziehung des geistreichen Mädchens selbst geleitet hatte. Die kön. Gesellschaft von Göttingen ernannte B. zu ihrem Mitgliede und B. erwiederte diese Auszeichnung durch Uebersendung einer von dem Zipser Botaniker Mauksch angestellten Sammlung karpatischer Pflanzen (1803). B. selbst bereiste oft dieses Gebirge und gab berühmten Reisenden als einem Towson, Gimbernat, Da Camera, Dr. Wahlenberg dahin das Geleit; auch besuchte der Erzherzog Palatin 1806 in B.’s Gesellschaft die Karpaten und 1819 führte B. den Erzherzog Johann auf dieselben; die Anrede seines Sohnes Titus an den geliebten Prinzen erschien in André’s „Hesperus“ abgedruckt. B. hat den Tatra theils in Sartori’s „Tibur“, theils in Bredetzky’s „Beiträgen zur Topographie von Ungarn“ anziehend geschildert. Seit seiner Rückkehr von Ofen (1795) widmete B. seine Mußestunden populärer gemeinnütziger Schriftstellerei. Im J. 1796 unternahm er eine Reise nach dem Norden, um die Verhältnisse des ungar.-nordischen Handels genau kennen zu lernen. Die Frucht dieser Reise war das musterhafte handels-statistische Werk: „De commercio et industria Hungariae“ (Leutschau 1797), deutsch: „Ungarns Industrie und Commerz“ (Weimar 1802). In Folge dieser eben nicht umfangreichen aber ausgezeichneten Schrift erhielt er die erwähnte Ernennung zum Mitgliede der Göttinger gel. Societät. Als er später auf seiner Besitzung in Lomnitz Torf entdeckt hatte, führte er denselben in seiner Haushaltung ein und empfahl dessen Benützung seinen Landsleuten zuerst in der „Zeitschrift von und für Ungarn“ von Schedius 1803, und dann in den „Vaterländ. Blättern für den östr. Kaiserstaat.“ Die traurigen Verhältnisse des Bauernstandes in Ungarn und die Absicht, dessen Loos in ein erfreulicheres umzugestalten, veranlaßten die von der ungar. Censur unterdrückte und von Joseph von Mariassy ohne B.’s Wissen und Erlaubniß gedruckte Abhandlung: „De conditione et indole rusticorum in Hungaria“ (Leutschau 1809) Als Mariassy darüber von der ungarischen Statthaltern citirt nach Ofen abreiste, um sich zu rechtfertigen, stürzte er in der Nähe von Ofen aus der Kutsche und brach den Hals. Die Schrift selbst wurde später, in Hormayrs „Archiv für Geschichte, Erdbeschr., Staatskunde u. Kriegswiss.“ 1816 abgedruckt, und. ist seines Freundes Franz von Kazinczy auch im „Archiv“ Hormayrs erschienene, denselben Gegenstand berührende Abhandlung eine berichtigende Ergänzung von B.’s Schrift. Zur Zeit des französ.-preußisch-russischen Krieges (1807), reiste B. nach Warschau, um sich über seinen Lieblingsgegenstand, den ungarisch-nordischen Handel, an Ort [343] und Stelle zu orientiren und verführt, wirklich selbst auf dem Poprad, Dunajec und der Weichsel eine Parthie ungarischer Weine. Die literarische Frucht dieser Reise waren Bruchstücke seines Reisejournals, welche im „Freimüthigen“ von Kotzebue und Kuhn in Berlin und in den „Vaterländ. Blättern für den östr. Kaiserstaat“ in Wien erschienen. Napoleons Continentalsystem veranlaßte B. eine Preisfrage auszuschreiben, in welcher der asiatisch-europäische Welthandel vorzüglich vom historischen und statistischen Gesichtspuncte aufgefaßt und beantwortet werden sollte. Die staatswissenschaftlichen und commerziellen Ansichten beizufügen, behielt sich B. selbst vor. So erschien denn auch die Schrift: „Ansichten des asiatisch-europäischen Welthandels nach dem jetzigen Zeitbedürfniss“ (Pesth 1808, Eggenberger). Dieselbe hatte im histor.-statistischen Theile Dr. G. K. Rumy gearbeitet und dafür von B. den Preis von 100 fl. erhalten. Den politischen und commerziellen hatte B. hinzugefügt. Im Jahre 1814 arbeitete B. diese Schrift um und Graf Desewffy übersetzte sie in’s Magyarische, welche Uebersetzung im 4. Hefte des Tudományos Gyüjtemény von 1817 erschien. Seit 1802 betheiligte sich B. an mehreren in- und ausländischen periodischen Schriften; so erschien von ihm im „Magazin für Geschichte, Statistik und Staatsrecht des östr. Kaiserstaates“ (Göttingen 1806, Vandenhoek und Ruprecht) im I. Bd. S. 3–49: „Bruchstücke über den Zustand der Bauern in Ungarn“ u. S. 69–145: „Ueber den ungarischen Reichstag im J. 1805“; der Aufsatz „Ueber die ungarisch-nordische Handelsgesellschaft“ (ebenda S. 50–65) ist nach B.’s handschriftlichen und mündlichen Daten von dem anonymen Herausgeber jener periodischen Schrift gearbeitet; im „Weimarer Oppositionsblatte“ 1820: „Beiträge zur Geschichte der neuesten Bedrückungen der Protestanten in Ungarn durch den katholischen Clerus.“ Sein letztes und wichtigstes Werk, das er kurz vor seinem Tode beendet und das erst ein Jahr nach demselben die Presse verließ, ist: „Nachrichten über den jetzigen Zustand der Evangelischen in Ungarn“ (Leipzig 1822), welches Werk aber nicht mit seinem früheren, anonym erschienenen: „Ueber den gegenwärtigen Zustand der Protestanten in Ungarn unter der Regierung des Kaisers und Königs Franz II.“ (Göttingen 1803, Vandenhoek) zu verwechseln ist. Auch war von ihm: „De prohibito transitu Catholicorum ad ecclesiam Evangelicam (s. a.)“ erschienen. In den letzten Jahren war B.’s Gesundheit sehr geschwächt und er durch gichtische Anfälle hart geplagt worden. Der Tod überfiel ihn plötzlich in Ausübung seiner Amtsgeschäfte. Doch wurde er schon 1818 für todt ausgegeben und B. las selbst seinen Nekrolog in den „Vaterländ. Blättern für den östr. Kaiserstaat“, im „Preßburger Unterhaltungsblatt“ und in Röslers „Ofner gemeinnützigen Blättern.“ In Handschrift hinterließ er eine gediegene „Abhandlung über das Militärsystem in Ungarn.“ Auch soll er ein politisches Werk über Ungarn, das aber erst nach seinem Tode herauskommen und der Nachkommenschaft eine vieljährige vielgeprüfte politische Ueberzeugung mit Freimüthigkeit, Wahrheit und Vaterlandsliebe überliefern sollte, vollendet haben. Wohin aber dasselbe gekommen, ist nicht bekannt. B.’s Charakter war der Inbegriff von Humanität, er war Feind des Hochmuths und fremd den Standes- und National-Vorurtheilen. Wahrheit und Recht, wofür er mit Wort und Schrift kämpfte, waren ihm stets heilig. Ein zärtlicher Gatte und Vater suchte er Erheiterung im Lesen römischer und deutscher Classiker und in Musik. Da er sich vorzugsweise durch ausländische Literatur gebildet, so vernachlässigte er, und dies mit Unrecht, die magyarische Sprache und Literatur und [344] hielt das Streben der Magyaren, beide mehr auszubreiten und zu heben, für eine der Cultur nachtheilige Isolirung. Die deutsche Sprache schrieb B. als seine Muttersprache, lateinisch im bekannten ungarischen Latein und was von ihm in magyarischer Sprache erschienen, ist von Andern in dieselbe übersetzt. B. ist einer jener Gelehrten der ungarischen Nation, der nicht im falschen Verständnisse neuer Magyarophilen, welche durch Uebersetzung ungarischer alltäglicher Poesien die Kenntniß des Landes zu vermitteln glauben, sondern auf Grundlage wissenschaftlicher gründlicher Bildung, gediegenen Wissens, edlen Charakters und genauer Kenntniß des Vaterlandes und seiner Bedürfnisse die Verbindung zwischen Deutschland und Ungarn, wie dies einst Engel, Rumy, Schwardtner u. A. so erfolgreich gethan, thatsächlich bewerkstelligt hat.

Hormayr, Taschenbuch für die vaterländische Geschichte (Wien 1820, 8°.) I. Jahrg. S. 131: „Ahnentafel der Familie B.“ – Annalen der Literatur u. Kunst in dem östr. Kaiserthume (Wien, A. Doll) Jahrg. 1811, I. Bd. S. 245 unter: „Biographische Notizen über inländische Gelehrte“ (gesammelt von J. Glatz in Wien). – Vaterländische Blätter für den östr. Kaiserstaat, 1818, Nr. 48 u. 49 [welcher Nekrolog, der noch in andere Blätter überging, bei Berzeviczy’s Lebzeiten erschien, da er ja erst 4 Jahre später starb]. – Tudományos Gyüjtemeni (Pesth 1822, Trattner) V. Hft. S. 63–72: „Nekrolog nach B.’s eigenhändigen Mittheilungen bearbeitet“ Ersch (J. S.) u. Gruber (J. G.), Allgem. Encyklopädie der Wissensch. u. Künste (Leipzig 1822 u. f., Gleditsch, 4°.) I. Sect. 9. Thl. S. 254–258, von Rumy. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la direction de M. le Dr. Hoffer (Paris 1853) V. Bd. Sp. 786. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1845, Bibl. Inst, 8°.) IV. Bd. 4. Abth. S. 693. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer u. Czikann), (Wien 1835, 6 Bde.) I. Bd. S. 281.