BLKÖ:Guyon, Richard Esquire (Kurschid Pascha)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 6 (1860), ab Seite: 50. (Quelle)
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Guyon, Richard Esquire, nachmals Kurschid Pascha (Revolutions-General der ungarischen Armee im Jahre 1848, geb. zu Bath in England 1812, gest. in Stambul 12. October 1856). Abkömmling einer alten, im 17. Jahrhundert aus Frankreich nach England ausgewanderten Familie. Er selbst ist nach den meisten Quellen Sohn eines englischen Vice-Admirals, nach Andern (Wanderer 1856, Nr. 512) eines Postcapitäns in der britischen Marine. 1828 – 16 Jahre alt – trat er in die britische Legion in Portugal ein und machte seinen ersten Feldzug gegen Don Miguel mit. Nach Auflösung der Legion trat er 1832 in die österreichische Armee. Nachdem er mehrere Jahre in einem Huszaren-Regimente gedient, Oberlieutenant und Adjutant des Generals Splenyi geworden, nahm er seinen Abschied, vermälte sich 1839 mit der Tochter seines Generals [51] und lebte zurückgezogen auf einem kleinen Edelhofe. Später pachtete er das Cameralgut Csata unweit Gran und war in den aristokratischen Kreisen als tollkühner Reiter und Sportsmann ersten Ranges bekannt. Die Märzbewegung des Jahres 1848 und das Anrücken des Banus riß ihn aus seiner ländlichen Beschäftigung, und er trat in die Reihen der ungarischen Revolutions-Armee. Erst bei Tyrnau (23. Dec. 1848) taucht sein Name auf. General Simunich rückte gegen die Stadt an, welche gar keine Vertheidigungsanstalten getroffen hatte, bis Guyon einzog, Barrikaden errichtete, worauf sich ein mörderischer Kampf entspann, der mit G.’s Rückzug endigte, nachdem er den dritten Theil seine Leute verloren. In der Schwechater Affaire führte G., die Tricolore in der Hand, sein Regiment zum Sturm auf Mannswörth. Bei Komorn (20. April 1849) führte G. das Wagestück aus, mit einem Haufen Huszaren durch das Belagerungscorps in die hartbedrängte Festung zu dringen, und der Besatzung Nachricht von Görgei’s Anmarsch zu bringen. Einige Tage später, als sich nämlich am 26. April zwischen den Kaiserlichen und den Ungarn der Kampf bei Acs entspann, machte G., an der Spitze von 4 Bataillons, einen Ausfall aus Komorn und trug wesentlich dazu bei, daß die Kaiserlichen die Fortsetzung des Gefechtes abbrachen. G. rückte nun zum General vor und begab sich nach Perczel’s Abberufung von der Südarmee an die Grenze der Bacska. Dort behauptete er in dem mörderischen Treffen bei Hegyes (13. auf den 14. Juli) seine Position, warf Vorräthe und Munition in die Festung Peterwardein und hauste, wie seine Gegner erzählen, mörderisch unter den Raizen der dortigen Gegend. Beim Angriffe, den er am 24. Juli auf Mosorin wagte, wurde er von dem Serbengeneral Kničanin zurückgeworfen. Bei Szörög vereinigte G. sein Corps mit denen von Meszaros, Dembinski und Desewffy, disponirte später auf Kossuth’s Rath die italienische und polnische Legion nach Orsova, wodurch er Kossuth’s und seiner Anhänger Flucht auf türkischen Boden deckte. Er selbst suchte Zuflucht auf türkischem Gebiete und fand, ohne zum Islam übertreten zu müssen, glänzende Aufnahme in der türkischen Armee, in welcher er den Namen Kurschid Pascha annahm. Als türkischer General commandirte er einige Jahre in Damaskus, dann in Aleppo, wo er 1850 den Aufstand der alttürkischen Partei gegen die Pforte unterdrückte. Zuletzt wurde er zum Chef des Generalstabes bei der Armee des Kaukasus ernannt. An seiner Seite kämpften mehrere ungarische und polnische Officiere, deren einige den Islam angenommen hatten: Guyon’s Schwager Splenyi (Haider Ali Pascha), der polnische Oberst Bystrzanowski (Aslon Pascha), Graf Branicki, Stein, Kmety (Ismail Pascha) u. A. Doch dieser Haufen ungarischer und polnischer Flüchtlinge war mehr geeignet, die Verwirrung zu erhöhen, als der Sache, um die es sich handelte, zu nützen. G.’s herrisches Benehmen machte ihn überdies unbeliebt, er wurde abberufen und durch den englischen Oberst Williams ersetzt. Guyon, ein Mann der That, aber nichts weniger als ein Feldherrntalent, zeichnete sich nur durch persönliche Kühnheit aus, mit welcher er eine wahrhaft englische Kaltblütigkeit verband. In der Türkei traten seinem Wirken zwei wesentliche Hindernisse entgegen, er war Ausländer und Christ, welch’ letzterer Umstand die Eifersucht der [52] türkischen Befehlshaber erweckte, gegen deren schlimme Folgen ihn nur seine englische Abstammung schützte. Nach dem biographischen Werke: „Die Männer der Zeit“, wäre Kurschid Pascha gegenwärtig General-Gouverneur von Beyrut, für Phönizien und Palästina. Das ist aber irrig, denn er starb am 12. October 1856 zu Constantinopel im Alter von 44 Jahren, und wurde nach anglikanischem Ritus auf dem protestantischen Kirchhofe zu Pera begraben.

Steger (Fr. Dr.), Ergänzungs-Conversations-Lexikon, auch Ergänzungsblätter (Leipzig und Meißen, gr. 8°.) Bd. IX, S. 559. – Zur Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes. Authentische Berichte (Leipzig, Arnold’sche Buchhandlung, 1851, 8°.) Bd. I, S. 216–224. – Levitschnigg (Heinrich Ritter v.), Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn (Pesth 1850, Gustav Heckenast. 8°) Bd. I, S. 90 [auf Seite 93 seine facsimilirte Unterschrift. Levitschnigg charakterisirt ihn folgendermaßen: „wagehalsiger Reiter, daher Kedvencz der Dollmany’s, d. i. Liebling der Huszaren, ein Damjanich in kleiner Ausgabe mit englischem Phlegma, wie dieser prächtig, wenn er fremde Disposition erhalten, gleichmüthig im Glücke wie auf der Retraite. Seine Rolle: Soldatenglück. Seine Parole: Better luck an other time!“]. – Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig 1859, Carl B. Lorck, 4°.) Sp. 419 u. 922 [nach diesem geboren 1815]. – Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon (Leipzig 1857, F. A. Brockhaus, gr. 8°.) Bd. I, S. 415. – Pierer’s Universal-Lexikon. Vierte Aufl., IV, Bd. S. 131. – Wanderer (Wiener polit. Blatt 1856, Nr. 512 [nach diesem wäre er 1856 gestorben]. – Illustrirter Kalender (Prag, K. Bellmann, 4°.) Jahrgang I, 1856, S. 65. – BrockhausConversations-Lexikon (10. Aufl.) Bd. VII, S. 336. – J. Meyer, Das große Conversations-Lexikon (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) III. Suppl, Bd. S. 1241. – Rittersberg, Kapesní slovníček (Prag 1850) Bd. I, S. 545. – Oesterreichischer Volksbote, herausg. von Adolph Bäuerle, 1849, Nr. 274. – Porträt. Ein solches besteht in Miniatur-Format (32°.) Stahlstich mit der Unterschrift: Gen. Guyon. [Guyon ist im Mantel aufrecht stehend, halbseitig und rechtssehend dargestellt.]