BLKÖ:Neilreich, August

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Neidl, Johann
Band: 20 (1869), ab Seite: 143. (Quelle)
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Neilreich, August (Botaniker, geb. zu Wien 12. December 1803). Die unteren Schulen, das Gymnasium und die Universität besuchte er in seiner Vaterstadt Wien. Nach beendeten Studien der Rechtswissenschaft, welche zu seiner Zeit Männer wie Dolliner [Bd. III, S. 350], Kudler [Bd. XIII, S. 298], Wagner vortrugen, trat er, für die beamtliche Laufbahn sich entscheidend, im Jahre 1828 bei dem Civilgerichte der Stadt Wien als Auscultant ein. Unter stufenweiser Beförderung rückte er bis 1847 zum Civilgerichtsrathe vor. Nach der im J. 1848 erfolgten Aufhebung der Patrimonial-Gerichtsbarkeit wurde N. im J. 1849 zur niederösterreichischen Gerichtseinführungs-Commission berufen und betheiligte sich als Mitglied derselben an den legislativen Arbeiten der damaligen Zeitperiode, worauf er im Jahre 1850 zum Oberlandesgerichtsrathe befördert wurde. In dieser Eigenschaft präsidirte er bei dem Schwurgerichte in Wien, und als im Jahre 1853–1854 eine neue Gerichtseintheilung in’s Leben treten sollte, wurde N. wieder als Mitglied in die n. ö. Landes-Commission berufen. Seine amtlichen Arbeiten, namentlich die Anstrengungen bei der zweiten Gerichtsorganisirung, hatten seine ohnehin nicht zu feste Gesundheit so sehr angegriffen, daß er nach überstandener Todeskrankheit im Jahre 1856 um Versetzung in den Ruhestand zu bitten sich genöthigt sah, welche ihm auch gewährt wurde. Mit diesem kurzen Lebensumrisse wäre wohl die Darstellung von N.’s amtlicher Laufbahn erschöpft, denn N. lebt zur Zeit noch als pensionirter Oberlandesgerichtsrath in Wien, aber für dieses Werk hat er als Naturforscher, und zwar zunächst als Botaniker ein weitaus höheres Interesse. In früher Jugend schon beurkundete N. große Vorliebe für die Naturgeschichte und das in der edleren pädagogischen Literatur bekannte und seiner Zeit vielbenützte Bertuch’sche Bilderbuch – in der Gegenwart durch das nicht minder treffliche Hoffmann’sche „Buch der Welt“ ersetzt – war auch ein Lieblingsbuch in seinen Knabenjahren. Dazu gesellten sich dann noch Willdenow’s Kräuterkunde, Funk’s Naturgeschichte und VietzAbbildungen, welche Schriften im Ganzen jedoch zu wenig befriedigend waren, so daß N., nachdem ihm weiter keine anderen zu Gebote standen, mit seinen botanischen Studien in Rückstand gerieth, bis ihn erst im fertigen Mannesalter die Bekanntschaft mit Karl Ritter von Enderes und Ludwig Ritter von Köchel [Bd. XII, S. 203], dem Studium seiner einstigen Lieblingswissenschaften zurückgab. In der Vorrede zu seiner „Flora von Wien“ sagt Neilreich ausdrücklich von diesen Beiden: „Sie haben mich eingeführt in das Reich der lieblichsten der Wissenschaften, sie haben mir ihres Wissens [144] reichsten Schatz freigebig geöffnet und auf dem weiten Felde der Natur mir alle ihre Freuden und Genüsse verschafft, die ich jenen hiemit herzlich wünsche, die auf gleiche Weise wie ich in der Botanik Erholung und Belehrung suchen.“ Das Studium der Pflanzenkunde im Allgemeinen und der heimatlichen Flora im Besonderen wurde ihm nun zum Bedürfnisse und zur Lebensaufgabe. Seine amtlichen Verhältnisse gestatteten es ihm nicht, entferntere Gegenden zu besuchen, so beschränkte er denn seine Ausflüge auf die nahen Umgebungen der Hauptstadt und machte die Flora seines Heimatlandes zum Gegenstande seines Studiums. So erforschte er denn größtenteils allein, zum Theile aber in Gesellschaft des R. von Enderes, von Köchel, Welwitsch, Joseph Redtenbacher, gegenwärtig Professor der Chemie an der Wiener Hochschule, Ritter von Leithner u. A. das Wiener Gebiet, drei Meilen in der Runde und machte innerhalb 15 Jahren über 800 botanische Ausflüge nach verschiedenen Richtungen. Die Benützung der kaiserlichen Sammlungen, welche ihm durch den Custos des k. k. botanischen Hofcabinets, Dr. Fenzl [Bd. IV, S. 179], in liberalster Weise gestattet war, setzte ihn in den Stand, das Ergebniß der eigenen Forschungen mit den vorhandenen Sammlungen zu vergleichen, zu ergänzen, zu berichtigen, und so entstand als Frucht dieser Arbeiten das Werk, welches unter dem Titel: „Flora von Wien. Eine Aufzählung der in den Umgebungen Wiens wild wachsenden oder im Grossen gebauten Gefässpflanzen, nebst einer pflanzengeographischen Uebersicht“ (Wien 1846, Beck, gr. 8°.) im Drucke erschien. Der fortschreitende Bau der Eisenbahnen ermöglichte ihm eine Ausdehnung seiner Wanderungen und schon zog er die Alpen des Kreises u. d. W. W. und den Neusiedlersee in den Bereich seiner botanischen Excursionen, und innerhalb der Jahre 1847 bis 1851 hatte er theils allein, theils in Gesellschaft mit Constantin von Ettingshausen [Bd. IV, S. 111], Hillebrandt [Bd. IX, S. 20, in den Quellen], Kovats [Bd. XIII, S. 68], Botaniker|Pokorny, Grafen Zichy, die genannten Gegenden botanisch durchforscht, so daß er der vorgenannten „Flora von Wien“ das Werk: „Nachträge zur Flora von Wien, nach einem erweiterten Gebiete mit Einbeziehung der benachbarten Alpen und der Leithagegend, nebst einer pflanzengeographischen Uebersicht“ (Wien 1851, Beck, gr. 8°.) folgen lassen konnte. Beide Werke fanden in der Fachwelt die günstigste Aufnahme; in der That wurde auch durch beide einem dringenden längstgefühlten Bedürfnisse nach dieser Seite abgeholfen und manche bis dahin gangbaren Irrthümer über Standortangaben von Pflanzen berichtigt. Als durch den im J. 1851 entstandenen zoologisch-botanischen Verein eine erhöhte wissenschaftliche Thätigkeit auf dem Gebiet der Landesfauna und Landesflora hervorgerufen ward, betheiligte sich N. lebhaft an den Arbeiten des Vereins, in dessen Schriften er mehrere größere und kleinere Abhandlungen über das Fach, das er sich zu besonderem Studium erwählt, veröffentlichte. Auch dehnte N. das Gebiet seiner botanischen Forschungen immer weiter aus, und durch die Benützung der sich immer mehr vervollkommnenden kaiserlichen Sammlungen, durch den Verkehr mit anderen Botanikern Niederösterreichs wurde es ihm möglich, die Flora von Niederösterreich in Angriff zu nehmen. Störend traten zwischen diese Arbeiten die durch die neue Gerichtsorganisation veranlaßte gesteigerte amtliche Beschäftigung und die oberwähnte, dadurch hervorgerufene [145] längere schwere Krankheit, welche N. sogar zwang, den amtlichen Dienst aufzugeben. Nach längeren Leiden war N. wenigstens in so weit hergestellt, die schon angefangenen Arbeiten seines Lieblingsstudiums wieder aufnehmen und das bereits Begonnene fortsetzen zu können, so bereiste er denn nun wieder theils allein, theils in Gemeinschaft mit seinem Freunde Erdinger, mit den Brüdern Anton Joseph und Joseph Kerner [Bd. XI, S. 191], Joseph Boos, dem Sohne des berühmten Franz Boos [Bd. II, S. 61], Alex. Matz, Franz Pokorny u. A. die Voralpen des Kreises ob d. W. W., das obere Donauthal, das Waldviertel, den Kreis u. d. M. B. und einen Theil der Schieferberge des Kreises u. d. W. W. Größere Reisen in entferntere Gegenden Deutschlands, in die Schweiz, Tirol, Böhmen, Oberösterreich und ein längerer Aufenthalt in Venedig machten ihn mit den Vegetationsverhältnissen dieser Länder bekannt und ermöglichten es ihm, sie mit jenen Niederösterreichs zu vergleichen. So war denn bis zum Jahre 1858 seine Arbeit so weit gediehen, daß er sie im genannten Jahre in einzelnen Lieferungen erscheinen lassen konnte. Innerhalb zwei Jahren lag das Werk vollendet vor, betitelt: „Flora von Niederösterreich. Eine Aufzählung und Beschreibung der im Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns wild wachsenden oder im Grossen gebauten Gefässpflanzen, nebst einer pflanzengeographischen Schilderung dieses Landes“ (Wien 1859, Gerold, CXXVIII u. 1010 S. gr. 8°.). Ueber die Bedeutenheit dieser Arbeit herrscht in Fachkreisen nur eine Stimme. Sein Biograph Reissek kennzeichnet in der im „Botanischen Wochenblatte“ mitgetheilten Lebensskizze Neilreich’s auf S. 5 präcis den Standpunct, den Neilreich in der botanischen Wissenschaft überhaupt und mit besonderer Rücksicht auf sein engeres Vaterland Niederösterreich in der Gegenwart einnimmt, auf welche Darstellung hiemit hingewiesen wird. Dieser großen und umfassenden Arbeit gingen theils voran, theils folgten nun noch einige kleinere, theils selbstständig, theils in Fachzeitschriften erschienene, und zwar erstere sind: „Nachträge zu Maly’s Enumeratio plantarum phanerogamicarum imperii austriaci universi. Herausgegeben vom der k. k. zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien“ (Wien 1861, gr. 8°.), es ist dieß ein wichtiger, das Hauptwerk wesentlich ergänzender Anhang zu der Arbeit des verdienten, vom Unglücke schwer heimgesuchten österreichischen Botanikers Joseph Karl Maly [Bd. XVI, S. 349], und einige Jahre später: „Aufzählung der in Ungarn und Slovenien bisher beobachteten Gefässpflanzen, nebst einer pflanzengeographischen Uebersicht“ (Wien 1866, gr. 8°.). Von letzteren, d. i. von den in einzelnen Sammelwerken abgedruckten, von denen ohnehin der größere Theil in seinem großen Werke „Flora von Niederösterreich“ benützt und aufgenommen ist, sind hier anzuführen in den Sitzungsberichten und Abhandlungen des Wiener zoologisch-botanischen Vereins: „Botanische Gärten der österreichischen Flora“ (Bd. III, S. 61); – „Geschichte der Botanik in Niederösterreich“ (Bd. V, Abh. S. 23), zwei interessante Beiträge zur Geschichte der Botanik, insbesondere der letztere, wenngleich nur skizzenhaft gearbeitet, wichtig und als erste Grundlage für jeden künftigen Bearbeiter dieses Gegenstandes unerläßlich. Ueber einige andere kleinere Arbeiten Neilreich’s geben Nachricht der „Bericht über die österreichische Literatur der Zoologie, Botanik und Paläontologie aus den Jahren 1850, 1851, 1852 und 1853“ und über [146] einige Ungarn betreffende Kanitz in seinem „Versuche einer Geschichte der ungarischen Botanik“. Die mannigfachen Verdienste Neilreich’s um seine Wissenschaft wurden von verschiedenen Seiten gewürdigt. Die mathematisch-naturwissenschaftliche Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften hat N. im Jahre 1867 zum correspondirenden Mitgliede gewählt und mit Allerh. Entschließung vom 16. December 1866 wurde N. in „Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiete der vaterländischen Naturforschung“ der Orden der eisernen Krone 3. Classe verliehen. Auch wurde – wie dieß bei der Bezeichnung von neuen Pflanzen oder Gattungen derselben Sitte ist – sein Name mehrfach an Sprößlinge jenes Reiches, dem er sein Wirken widmet, geknüpft: so benannte Fenzl nach ihm eine amerikanische Gattung aus der Gruppe der Buphthalmeen (Neilreichia eupatorioides), Ortmann[WS 1] eine Anthemis (A. Neilreichii), Schott ein Sempervivum (S. Neilreichii) und Kováts eine fossile Carpinus (C. Neilreichii). Uebrigens möchte Neilreich’s botanische Thätigkeit noch lange nicht abgeschlossen sein, und mögen ihm, wie es schon bei vorwärtsstrebenden Männern der Wissenschaft sich von selbst versteht, immer noch höhere Ziele vorschweben.

Kanitz (August), Versuch einer Geschichte der ungarischen Botanik. Aus dem 33. Bande der Linnaea besonders abgedruckt (Halle 1865, Gebauer-Schwetschke, 8°.) S. 231. – Oesterreichische botanische Zeitschrift. Herausg. von Dr. Skofitz, 1859 (IX. Jahrg.), Nr. 1: „Gallerie österreichischer Botaniker“. – Porträt. Facsimile des Namens: August Neilreich. Lith. Eduard Kaiser 1858, nach einer Photographie von Löwy. Druck von Reiffenstein u. Rösch (4°.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ortmannn.