BLKÖ:Türr, Stephan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 48 (1883), ab Seite: 91. (Quelle)
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Türr, Stephan (österreichischer Deserteur, geb. zu Baja am 19. August 1825). Obgleich überall als Vollblutungar angegeben, ist er doch von deutscher Abstammung, und sein Bruder Albert, seines Zeichens ein ehrsamer Schuster, diente noch 1861 bei Coronini-Infanterie Nr. 6 als braver und zuverlässiger Soldat. Als Studirender trat Stephan am 8. März 1842 zu Zombor in die kaiserliche Armee und wurde im Jahre 1848 vom Feldwebel zum Unterlieutenant im 52. Linien-Infanterie-Regimente, damals Erzherzog Franz Karl, befördert. Das dritte Bataillon dieses in Italien liegenden ungarischen Regiments, welches seinen Werbbezirk in Fünfkirchen hatte, stationirte in Ungarn, wo es durch die Revolution größtentheils in seiner Pflichterfüllung wankend geworden war. Als Türr mit seinem Gesuche um Übersetzung dahin abgewiesen wurde, faßte er im Stillen den Entschluß, seine Fahne, sobald sich ihm Gelegenheit darböte, zu verlassen. Am 17. Jänner 1849 stand er zu Buffaloro auf Vorposten, und dort kam ihm jener von Ladislaus Grafen Teleki [Bd. XLIII, S. 253] unterzeichnete und von dem in Turin weilenden Revolutionsagenten Ungarns Ludwig Splényi [Band XXXVI, S. 207] verbreitete Aufruf in die Hände, in welchem die ungarischen Regimenter in der Armee Radetzky’s zu Eid- und Treubruch aufgefordert wurden. Und Tags darauf, nach der Ablösung von den Vorposten, entwich er meineidig von seiner Truppe. Daß er diesem Schritte lediglich politische Motive unterschob, ist selbstverständlich; doch lagen die Dinge anders. Einer pflichtwidrigen Gebarung mit Compagniegeldern dringend verdächtig und sowohl dieserhalb als wegen leichtsinnigen und unbefugten Schuldenmachens jeden Augenblick einer Untersuchung gewärtig, entzog er sich derselben durch die Desertion. Interessant ist es, wie nun der Deserteur im Hauptquartier zu Vigevano unter den Auspicien eines königlichen Prinzen von Savoyen förmlich eine festliche Aufnahme fand! Wenngleich er unter die damals allgemein gangbare Maske eines wegen politischer Ueberzeugung verfolgten Märtyrers sich hüllte, so kann man doch nicht anders, als annehmen, daß die Begriffe von Recht und militärischer Ehre in der einst so wackeren piemontesischen Armee, selbst bei ihren obersten Führern abhanden gekommen, wenn man einen Mann, der, möge man die Dinge wenden, wie man wolle, immer nur Deserteur war und blieb, in solcher Weise aufnahm. In Turin wurde Türr von Splényi zum Capitän und Commandanten der auf sardinischem Boden versammelten österreichischen Deserteure ernannt. Diese Leute, etwa eine Bande von 150 Mann, organisirte er zu Alessandria in eine Legion und begab sich mit ihr nach Nizza, weil es im Plane lag, von dort nach Fiume und dann nach Ungarn zu ziehen. Allein der vernichtende Sieg Radetzky’s machte diesem Vorhaben ein Ende, und Türr ging nun mit einem Theile seiner Legion nach Baden, wo er von Siegel, der die Aufständischen commandirte, erst zum Major, dann zum Obersten ernannt wurde. Ueber die Motive, welche den Vollblutmagyaren nach Baden trieben, wo doch für die Ungarn zur Erkämpfung ihrer Selbständigkeit nichts geschehen konnte, herrscht noch zur Zeit unaufgeklärtes Dunkel. Nachdem der Aufstand in Baden niedergeschlagen war, ging der Deserteur nach Bern, um sich mit dem daselbst weilenden ungarischen Agenten Draskovich in Verbindung zu setzen. [92] Auch knüpfte er mit dem Grafen Teleki in Paris einen lebhaften Verkehr an und begab sich im März 1850 persönlich dahin. Dort im Palais royal hielten die Häupter der Emigranten, darunter auch Teleki, ihre Zusammenkünfte, in welchen politische Pläne und neue Revolutionsprojecte für die Zukunft entworfen wurden. Von Paris ging er nach London, wo er mit Pulszky [Bd. XXIV, S. 71], dem vor nicht langer Zeit Professor Schwicker in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ ein biographisch-kritisches Denkmal setzte, in Verbindung trat. Pulszky weihte ihn in seine nahen Beziehungen zu dem Hochverräther Kossuth ein und spiegelte ihm auch Hoffnungen auf eine baldige Herstellung eines selbständigen Königreichs Ungarn vor. Doch mochte Türr nicht auf die Erfüllung dieser Hoffnungen warten, wenigstens trug er sich mit dem Plane, in türkische Dienste zu treten, in welchen eben damals schon ein Theil der ungarischen Emigration Verwendung gefunden hatte. Eine Unterstützung, welche ihm aus der Casse des Revolutionscomités zufloß, brachte ihn aber wieder davon ab, und nun entwickelte er eine fast fieberhafte Thätigkeit als Revolutionsagent, wozu ihm die Mittel theils von der Revolutionspropaganda, theils auch von anderer Seite beigeschafft wurden, denn er war immer auf Reisen zwischen London und Paris, zwischen der Schweiz und Piemont, wodurch er nicht nur die Häupter der Emigration aller Länder, wie in der Schweiz Carlo Clerici, Mazzini’s thätigsten Agenten, in London Aurelio Sassi, Mazzini’s Vertrauten, sondern auch zum guten Theile die verschiedensten Pläne und Geheimnisse der revolutionären Actionspartei kennen lernte. Nachdem Kossuth sich nach London begeben hatte, reiste auch er dahin, um sich dem Agitator zur Disposition zu stellen. Daselbst traf er über ein halbes Hundert der vornehmsten Emigranten und wurde in die Pläne eingeweiht, mit welchen man sich in Bezug auf Ungarn trug. In Kossuth’s Auftrag begab er sich nun nach Turin, um dort die weiteren Weisungen abzuwarten, auch hatte er Aufträge, die ihm der Rebell Vetter geben sollte, so anzusehen, als wenn sie unmittelbar von Kossuth selbst ausgingen. Als er im November 1851 wieder in Turin eintraf, erfuhr er von dem Mazzini’schen Agenten Conte Grilli, daß er zum Leiter der revolutionären Unternehmungen entweder im Mailänder oder Venetianischen District ausersehen sei. Im März 1852 erhielt er von Vetter den Auftrag, die Dislocation der k. k. Truppen in Italien genau zu erforschen, dieselben so weit als möglich für die Ziele der Revolution zu gewinnen, sich zu diesem Zwecke geeigneter Unteragenten zu bedienen und über Alles zu berichten. Mit diesen Weisungen verband Vetter aber auch eine Rüge über die geringe Thätigkeit des italienischen Revolutionscomités und die Nachricht, daß er selbst bald nachkommen werde, um Einsicht zu nehmen in den Stand der Dinge und zu energischerem Vorgehen aufzumuntern. So wurde Türr von seiner eigenen Partei vornehmlich zu revolutionären Spionsdiensten verwendet. Im April 1852 erschien bei ihm der Ungar Bognár, welcher, nachdem er sich legitimirt hatte, von ihm die Namhaftmachung jener Individuen der kaiserlich österreichischen Armee forderte, an welche man sich, um sie für Rebellionszwecke zu gewinnen, wenden könne. Auch erhielt Türr um diese Zeit einen Auftrag Kossuth’s, über die Zustände in Italien ausführlich [93] zu berichten und sonst alle nur denkbaren Mittel anzuwenden, um die in Italien liegenden kaiserlichen Truppen zu corrumpiren und zum Treubruch zu verleiten. Der wenig günstige Bericht, den Türr nun erstattete, bestimmte Kossuth, ihn nach London kommen zu lassen, wo dann, nachdem man noch mit Mazzini Rücksprache gepflogen hatte, der Beschluß gefaßt wurde, daß fortan die in allen bedeutenderen Orten Italiens organisirten Revolutionscomités die Corrumpirung der kaiserlichen Truppen zu übernehmen hätten. Im October 1852 von Kossuth förmlich zu dessen Agenten in Italien ernannt, nahm Türr als solcher seinen Aufenthalt in Turin. Wenige Monate später, im Februar 1853, fand der bekannte Aufstandsversuch in Mailand statt. Türr, der mit einer Revolutionsschaar in Stradella Posto faßte, um zu geeigneter Zeit an demselben Antheil zu nehmen, nach Anderen aber aus dem sicheren Verstecke des Cantons Tessin sich an jenem Versuche betheiligte, wurde von einem österreichischen Kriegsgerichte in contumaciam zum Tode verurtheilt und in Fünfkirchen, der Werbbezirksstation des Regiments, aus welchem er desertirt war, in effigie gehenkt. Die sardinische Regierung aber ließ ihn damals festnehmen und über Genua nach Marseille bringen, von wo er nach London ging. Trotz der eben erwähnten mißlungenen Demonstration erhielt er doch von Mazzini im Sommer 1853 neuerdings den Auftrag, sich nach Zürch zu begeben, um mit den dort weilenden Flüchtlingen eine neue Schilderhebung gegen Oesterreich vorzubereiten. Aber durch das Mißlingen des Mailänder Putsches vorsichtig gemacht, lehnte er ab. Die politische Lage war eben damals allen Complotten gegen Oesterreich ungünstig, denn von der Seine erscholl das Losungswort: Ruhe in Italien; in Folge der bereits im Orient begonnenen Verwickelungen fand es der Imperator an der Seine für angemessen, mit Oesterreich das beste Einvernehmen zu erhalten. Den größten Theil des Sommers 1853 brachte Türr in Paris zu. Von dort zeigte er Kossuth seine Absicht an, in den Orient zu gehen, und sah Weisungen des Agitators entgegen. In der Türkei hielt sich zu jener Zeit der größere Theil der ungarischen Emigration auf, welcher sich auch die Emigranten anderer Länder angeschlossen hatten, die nun sämmtlich als Werkzeuge der großen Revolutionspropaganda dort ihre Verhaltungsbefehle erwarteten. Immer actionsbereit, verfolgte man den Verlauf der orientalischen Angelegenheiten, um, wenn der rechte Augenblick käme, denselben zu eigenen Interessen auszubeuten und nöthigenfalls activ einzutreten. So wurde denn Türr mit einem Empfehlungsschreiben an Guyon [Bd. VI, S. 50] gewiesen, und ihm zugleich der Auftrag ertheilt, über alle wichtigen Vorkommnisse und sonstige Wahrnehmungen zu berichten und sich mit Alexander Gál [Bd. V, S. 45 in den Quellen] der als Kossuth’s Generalbevollmächtigter in Constantinopel weilte und dessen Thätigkeit sich auch über Serbien erstreckte, in Verbindung zu setzen. In Malta schloß er sich auch an Klapka [Bd. XII, S. 6] an und ging mit ihm zusammen nach Constantinopel. Da, wie die Verhältnisse eben lagen, ein Eintritt in türkische Dienste nicht räthlich erschien, sah er noch nach Gál’s Eröffnungen anderer Verwendung entgegen. Dieser hatte ihm mitgetheilt, daß er in Widdin bereits über nahezu ein halbes Tausend [94] Verbündete verfüge, mit denen eine Demonstration nach Siebenbürgen beabsichtigt werde. Als aber die Guerillabanden von Warady, kaum, daß sie ihre Thätigkeit beginnen wollten, theils zersprengt, theils niedergeworfen wurden, löste sich auch dieser Traum einer neuen Erhebung in Nichts auf. Kossuth hatte auch Serbien in den Calcul seiner Projecte einbezogen, und Türr sollte von dort aus seine revolutionäre Thätigkeit über Ungarn ausdehnen. Aber das schien Türr doch zu gewagt, die mit dieser Mission verbundenen Gefahren ließen es ihm räthlich erscheinen, dieselbe abzulehnen. Dagegen begab er sich mit einer Empfehlung Klapka’s in das Hauptquartier Omer Pascha’s [Bd. XXI, S. 59], wo er bis April 1854 als Volontär verweilte. Daselbst mitten unter zahlreichen ungarischen, polnischen und walachischen Emigranten hatte er die beste Gelegenheit, wahrzunehmen, wie die Chancen der Sache, welcher er diente, stünden, und er konnte bald die Ueberzeugung gewinnen, daß die Dinge nichts weniger als günstig lagen, in welchem Sinne er auch an Kossuth berichtete. Die imposanten Rüstungen Oesterreichs in nächster Nähe sahen ihm für eine neue revolutionäre Erhebung mit einigen hundert Rebellen, die wenig Aussicht hatten, von irgend einer politischen Macht nachhaltig unterstützt zu werden, wenig verlockend aus, und so stand er vorderhand von jeder weiteren revolutionären Action ab. Und da ihm ein Versuch, in den activen Dienst der Pforte zu treten, mißlang, kehrte er wieder nach Paris zurück. Bis zum Frühling 1855 blieb er daselbst, dann begab er sich auf Kossuth’s Geheiß neuerdings in den Orient. Auf der Reise dahin schloß er sich in Malta dem zur Einschiffung nach der Krimm begriffenen 72. britischen Regimente (Hochländer) an, traf Ende Mai 1855 in Constantinopel ein und ging als Volontär in die Krimm. Sein Aufenthalt daselbst war von kurzer Dauer, von den englischen und französischen Officieren hatte keiner Gelegenheit, Türr kennen zu lernen, so wenig bekannt wurde sein Name. Aus der Krimm nach Constantinopel zurückgekehrt, ward er von den Engländern mit dem in ihren Sold übergegangenen türkischen Contingent in den Dienst eines Landtransportcorps übernommen. Sodann mit dem Auftrage betraut, noch einen weiteren Train zu diesem Corps in Bulgarien zusammenzustellen, erhielt er, ohne daß er früher den Eid der Treue für die englische Regierung abgelegt hätte, von dieser, und zwar ohne Ausfertigung des üblichen Patentes den Titel eines Obersten mit entsprechenden Gebühren. Zu dem Ankaufe von Remonten in der Moldau und Walachei beordert, verweilte er längere Zeit in Rustschuk, von wo aus er häufige und sehr enge Verbindungen mit den notorischen Vermittlern der Correspondenz zwischen der ungarischen Emigration und dem Heimatlande unterhielt. Auch in dem von österreichischen Truppen besetzten Giurgevo wagte er es zu erscheinen. Er wurde erkannt, und für den Fall seines Wiederkommens ordnete die kaiserliche Regierung seine augenblickliche Verhaftung an. Im Wahne seiner Unverletzbarkeit als englischer Oberst, nahm er keinen Anstand, sich nach Bukarest selbst zu begeben, wo das k. k. Infanterie-Regiment Erzherzog Franz Karl, dessen Fahne er meineidig verlassen hatte, in Garnison lag. Nun aber war es doch mit dem militärischen Ansehen und der Würde des kaiserlichen Heeres unverträglich, den in effigie gehenkten Deserteur [95] und Hochverräther im Bereiche der eigenen Regimentsjurisdiction, angesichts der Armee, der er angehörte, frei verkehren zu lassen. Er wurde daher am 1. November 1855 in seiner Wohnung festgenommen und, zur Vermeidung jeder Reclamation wegen Verletzung der englischen Uniform mit kaiserlichem Militärmantel und Mütze bekleidet, sofort unter Militärescorte nach Kronstadt abgeführt. Die mündlichen und schriftlichen Proteste des englischen Generalconsuls blieben ebenso unberücksichtigt als die des türkischen Militärcommandanten in Bukarest. In Kronstadt wurde nun gegen ihn der regelmäßige Proceß eingeleitet. Der mehrerwähnten Verbrechen schuldig erkannt und abermals zum Tode verurtheilt, entging Türr durch Verwendung der Königin von England dem Loose, welches ihm die Gerichte zuerkannten, denn der Kaiser begnadigte ihn mit lebenslänglicher Verbannung aus Oesterreich. Enthaftet wurde er nach Corfu gebracht. Von dort begab er sich nach England, und die erste Heldenthat, zu welcher er sich nach wiedererlangter Freiheit aufraffte, war eine verleumderische, von wildestem Haß gegen Oesterreich durchglühte Schmähschrift. Als österreichischer Häftling aber hatte er bei den kriegsgerichtlichen Vernehmungen eine höchst zweideutige Rolle gespielt, da er, um für sich selbst eine günstigere Meinung zu schaffen, das Treiben seiner exilirten Parteigenossen ohne alle Rücksicht bloß stellte. Ein Umstand, den ihm seine politischen Gesinnungsgenossen, die ihn heute noch als einen gemeinen Verräther betrachten, nie vergessen. Man ging damals eben in den Kreisen, welchen er vor seiner Verhaftung angehörte, mit der Absicht um, sein Treiben und seinen Charakter einer näheren öffentlichen Beleuchtung zu unterziehen. Nur die Besorgniß, die geheimen Ziele der Propaganda und die Fäden ihrer Verbindung dadurch bloßzulegen, ließ von der Ausführung Abstand nehmen. Indessen waren über sein Gebaren in englischen Diensten allerlei Umstände bekannt geworden. Wie er schon als österreichischer Officier wegen Veruntreuung dringend verdächtig, durch Desertion sich zu retten suchte, die er zugleich benützte, um sich mit der politischen Gloriole zu schmücken, so trat er auch aus den englischen Diensten nichts weniger als ohne Makel. Die Verwaltung bei den englischen Transportcorps machte ihm öffentlich den Vorwurf, daß er, der über namhafte von der englischen Verwaltung zur Vervollständigung der Trainanstalten im Orient empfangene Summen zu verfügen hatte, seine Rechnungen in unbefriedigendster Weise gelegt und Kaufcontracte ohne alle Garantie für die englische Regierung abgeschlossen habe; daß die gelieferten Wagen schlecht, die angekauften Pferde aber noch schlechter und weit über den Preis bezahlt waren. Ein Gasthofinhaber in Giurgevo beanspruchte von ihm die Summe von zwölfhundert Gulden und belegte zur Deckung eine Anzahl eingelieferter englischer Wagen mit Beschlag. Nur der Umstand, daß die englischen Behörden, Gott weiß wie beeinflußt, die Sache auf sich beruhen ließen, kam dem Defraudanten zu Statten. Nach Beendigung des orientalischen Krieges 1856 arbeitete Türr, der während seiner Umzüge auch den Tscherkessenfürsten Sefer Bei kennen gelernt hatte, in Constantinopel für die Zwecke eines aus einigen Engländern bestehenden Comités, welches sich die Unterstützung der Tscherkessen zu seiner Aufgabe machte. Aber bald darauf von einem Blutsturze befallen, der ihn dem Tode nahe brachte, [96] mußte er auf den Rath der Aerzte in einem milderen Klima Genesung suchen. Er begab sich daher in die Levante und lebte daselbst ein paar Jahre wie verschollen. Erst als 1859 der Krieg zwischen Piemont und Oesterreich ausbrach, tauchte er aus seiner Zurückgezogenheit wieder auf und erschien in Genua, wo er von Garibaldi, der sich eben mit der Bildung seines Freicorps beschäftigte, das Commando eines Bataillons Alpenjäger erhielt, mit welchen er mehrere Recognoscirungen ausführte. Bei Castenedolo durch einen Schuß in den Arm verwundet, mußte er im Hause einer vornehmen italienischen Patriotin seine Genesung abwarten. Wieder hergestellt, schloß er sich im Mai 1860 dem Unternehmen Garibaldi’s gegen Sicilien an und wirkte an der Seite des alten Einsiedlers von Caprera als dessen Adjutant mit dem Range eines Obersten, und zwar von der Landung bei Marsala bis zur Einnahme von Palermo. Bei letzterer erhielt er einen Schuß ins Bein. Er wurde von Garibaldi zum General ernannt, aber seine Wunde hinderte ihn, das Commando einer gegen Messina bestimmten Division anzunehmen, und so verließ er Anfangs Juni mit Urlaub die Insurrectionsarmee. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit brachte er einen Theil des Sommers 1860 in Aix-les-bains zu und machte von da aus einen Ausflug nach Paris. Sein Versuch, eine Audienz bei Kaiser Napoleon zu erlangen, blieb erfolglos, dagegen fand er bei dem „rothen Prinzen“ wohlwollende Aufnahme. Nach Italien zurückgekehrt, trat er das Commando über eine der Colonnen an, welche Garibaldi zum Einfall in Neapel organisirt hatte. Im Jahre 1861 vermälte sich Türr mit Miß Wyse-Bonaparte, einer Tochter des früheren britischen Gesandten in Athen und Enkelin Lucian Bonaparte’s, einer 22jährigen, aber vermögenslosen Dame. Diese Gelegenheit benützten einige ungarische Patriotinen, um der Braut als Hochzeitsgeschenk eine prachtvolle Haube zu übersenden, wofür Lady Türr in einem Schreiben dankte, welches nachstehende charakteristische Stelle enthält: „Durch meine Mutter einer Familie angehörend, deren Oberhaupt für die Nationalitätsangelegenheiten Partei ergreift, bin ich stolz darauf, daß ich die Adoptivtochter eines so edlen Landes sein kann, und meine Wünsche vereinen sich mit den Ihren, daß über diesem mit dem Blute unserer Märtyrer übergossenen Lande bald eine neue Aera beginne“. Im genannten Jahre wurde Türr auch von der italienischen Regierung zum General ernannt. Aber nicht lange behauptete er sich in dieser Stellung. Denn schon 1863 fand auf Grund von Papieren, welche in die Hände des italienischen Kriegsministers geriethen, und durch welche er in schlimmster Weise compromittirt erschien, gegen ihn die kriegsrechtliche Untersuchung statt, welche mit seiner Entlassung aus dem Verbande der italienischen Armee endete. Die Journale glossirten diese Thatsache mit den Worten: „Er war durch den Kriegsminister della Rovera aus schreienden Beweggründen, die nur mit der öffentlichen Moral zu thun hatten, in Disponibilität gesetzt worden“. Zu seiner Erholung von den aufregenden Tagen der langwierigen Untersuchung begab sich Türr im Frühling 1863 nach Bukarest, wo er die denkbar abenteuerlichste Rolle spielte. Er ließ sich nämlich von seiner aus den zweideutigsten Personen bestehenden Umgebung als den künftigen König von Ungarn begrüßen, und nahm als solcher den Titel Stephan VI. an!! Es ist [97] dies kein Märchen, sondern eine erhärtete Thatsache, die wohl mit Napoleon’s damaliger Suche nach einem ungarischen Kronprätendenten, den er auch für einige Zeit in dem berüchtigten Franz Claude August Grafen Croy-Chanel de Hongrie [Bd. XI, S. 382] gefunden, in einigem Zusammenhange stehen mag. Nun aber, dieses königliche Intermezzo, als dessen Held Türr figurirte, war von kurzer Dauer, denn plötzlich verließ er Bukarest – man wollte wissen in Folge dringender Intervention des englischen Consuls in Turin. Für ein paar Jahre zog er sich nun, wie es schien, vom öffentlichen Leben zurück, wenigstens sprachen die Journale nicht von ihm. Da trat er 1867 wieder, und zwar in sehr bemerkbarer Weise in den Vordergrund, indem er im Herbst genannten Jahres mit seiner Gemalin eine Reise, wie es sich später herausstellte, als politischer Agent, nach Ungarn machte und von dort aus Wien und Agram besuchte. Die Meldung einiger Journale: daß man vor seiner Reise nach Ungarn Garantien oder wenigstens Versicherungen gefordert habe, daß er wirklich im österreichischen Sinne wirken werde, entkräftete Türr mit einem eigenen aus Florenz 28. October 1867 datirten Schreiben, in welchem er die ganze Mittheilung für eine Verleumdung erklärte. In Pesth besuchte er den Minister Wenckheim, dem gegenüber er den Wunsch aussprach, eine persönliche Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grafen Andrassy erlangen zu können. Dieser gewährte ihm dieselbe, und Türr begab sich deshalb nach Wien. Ueber den Inhalt der Unterredung ist nichts bekannt geworden. Dagegen berichten die Blätter über sein Verhalten beim Banquett, welches ihm und seiner Gemalin zu Ehren auf der Pesther Schießstätte veranstaltet wurde. Nachdem er für die begeisterten Éljen, die man ihm darbrachte, gedankt hatte, ermahnte er in einer Rede die Nationen der ungarischen Krone zur innigen Verbrüderung, welche der einzige feste Grundstein sei, auf welchem die schönere Zukunft Ungarns aufgebaut werden könne. Nach Agram war er gegangen, um im Auftrage der Deák-Partei für den Ausgleich mit Ungarn zu wirken. Bei dem großen Diner, welches der Eigenthümer der „Agramer Zeitung“ ihm zu Ehren gab, machte er Mittheilungen, welche mit großer Befriedigung aufgenommen wurden. Sie gipfelten in der Versicherung, daß Ungarn nicht die Knechtung des dreieinigen Königreichs beabsichtige, sondern vielmehr mit Croatiens Vertretung als Nation mit Nation verhandeln und alles Mögliche thun wolle, um den beklagenswerthen Verfassungswirren endlich einmal ein Ende zu machen. Noch ist seines aus Pallanze am 12. November 1867 an das Pesther Journal „Hon“, d. i. Vaterland, gerichteten Briefes zu gedenken, in welchem er den Plan der Errichtung einer ungarischen Landwehr anregt. Derselben soll die Organisation der Militärgrenze zu Grunde gelegt werden. Welche Hintergedanken der Rathgeber mit dieser Idee barg, wurde damals von einigen Journalen ziemlich offen dargelegt und dazu bemerkt, daß mit der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht in Oesterreich diese von Türr angeregte Frage als erledigt anzusehen sein dürfte. Im folgenden Jahre 1868 beschäftigte ihn das Verhalten des Lemberger Landtages in staatsrechtlichen Fragen und veranlaßte ihn zu einem Schreiben, welches er am 29. August g. J. an einen hervorragenden Politiker Galiziens von seinem Sommeraufenthalte [98] am Lago Maggiore richtete und aus welchem nachstehende Stelle hervorzuheben ist: „Bei dem Petersburger Banquett. welches zu Ehren der Berliner Oekonomisten veranstaltet worden, verkündete ein Redner öffentlich die Lehre: „„daß blos große Nationen das Recht haben zu leben und zu gedeihen““. Damit wurde einfach das Todesurtheil über alle unter dem Scepter der Habsburger gruppirten Nationalitäten ausgesprochen. Gegen diese Lehre gibt es kein anderes Mittel, als daß wir uns hier im Innern als Schwesterländer eng aneinanderschließen. Das liegt im Interesse Aller“. Nach mannigfachen historischen Reminiscenzen kommt er endlich zu dem Schlusse: „eine wahre Autonomie in Pesth zwischen Ungarn und Croatien wird zu einer aufrichtigen und dauerhaften Vereinigung führen; ebenso wird in Wien eine vollkommene Autonomie und billige Aussöhnung mit Böhmen, Galizien und Mähren den inneren Frieden herbeiführen, und so werden wir Alle an Kraft gewinnen und uns in den Stand setzen, uns sowohl gegen äußere als gegen innere Feinde zu vertheidigen“. Reicher als die vorangegangenen Jahre gestaltet sich das Jahr 1870, welches in veröffentlichten Briefen Türr’s Enthüllungen kostbarster Art darüber zum Besten gab, wie in der hohen Politik der Länderschacher ein stehendes Object zu bilden scheint. Die Redaction des „Neuen Wiener Tagblattes“ brachte in der Nummer 215 vom 6. August 1870 einen von Türr an sie eingesendeten, von demselben an Excellenz Bismarck gerichteten offenen Brief. Dieser Brief, der in Archiven nicht zu finden sein dürfte, von welchem aber der Geschichtsschreiber des Krieges zwischen Oesterreich und Preußen im Jahre 1866 immer wird Act nehmen müssen, enthält eine Reihe der wichtigsten Enthüllungen aus einem Gespräche, welches zwischen Türr und Bismarck am 10. Juni 1866 im Arbeitszimmer des Staatsmannes und am folgenden Tage unter dem großen Baume in dessen Garten stattgefunden. Die Pointen dieser Unterhaltung gipfeln in Bismarck’s Ausspruche: daß er, um die Chancen des Krieges zu Gunsten Preußens zu stellen, dem Kaiser ’Napoleon’ vorgeschlagen habe, sich Belgien zu nehmen, sogar Luxemburg dazu, und sich die Grenzen Frankreichs zu reguliren. Und im September 1867 traf Türr auf seiner Reise nach Ungarn, welches er nach zwanzigjähriger Verbannung zum ersten Male wiedersah, während seines Aufenthaltes in Belgrad bei dem Consul Italiens Chevalier Slovasso mit dem preußischen Consul Lobareau und dem Präsidenten des serbischen Senates Marinovic zusammen. Während des politischen Gespräches, welches in dieser Zusammenkunft geführt wurde, richtete der preußische Consul an Marinovic die Aufforderung: „daß Serbien sich energisch rüsten solle, um bei der ersten günstigen Gelegenheit die Donau und die Save zu überschreiten, Croatien, die Bácska und das Banat (lauter österreichische Länder) zu nehmen und den Preußen, die über Böhmen nach Wien rücken würden, zu Hilfe zu kommen, während andererseits die Russen vorrücken würden“. Diese paar Auszüge aus dem sonst noch inhaltreichen offenen Briefe, der in der politischen Welt ungeheueres Aufsehen erregte, werden genügen, einerseits um die Überzeugung zu gewinnen, daß Türr’s Reisen nicht den Charakter von Unterhaltungstouren hatten und haben, sondern daß er immer als Agent einer Macht reist, welche Wichtiges und Unheilvolles [99] im Schilde führt, und daß Oesterreich, trotz aller Freundschaftsversicherungen der es umgebenden Mächte, nur auf sich selbst und seine vereinten Völker bauen dürfe, welche noch immer, wenn Gefahr drohte, zur Abwehr zusammenhielten. Wir verweisen hinsichtlich der weiteren Thätigkeit Türr’s im Jahre 1870 auf die chronologisch geordneten Quellen. Es folgten im Hinblick auf die vorerwähnten Enthüllungen von betheiligter Seite sofort Widerlegungen und Entkräftungen, welche wieder Türr von seiner Seite mit einer Reihe von Thatsachen im „Wiener Tagblatt“ (nachgedruckt in der österreichisch-ungarischen Wehrzeitung 1870, Nr. 103; Türr contra Bismarck) entkräftete. Seine 1871 erschienene Flugschrift, betitelt: „Oesterreich-Ungarn und Rußland“ ist nur der Wiederabdruck einer schon 1867 veröffentlichten Flugschrift. Er geht darin von den Aussprüchen zweier Stockrussen, Paskiewicz und Fadejew, aus: Ersterer sagte einmal: „Um nach Constantinopel gelangen, muß man den Weg über Wien nehmen“, Letzterer wieder faßte seine politische Weisheit in das Axiom zusammen: „Es gibt nur zwei Gegner auf der Welt, mit denen wir uns in keinem Stücke vereinigen können, und diese Gegner sind: das ungarische Oesterreich und die Türkei“. Und endlich, da er eine Reihe verschiedener politischer Conjuncturen aufgestellt und erörtert hat, gelangt er zu dem politischen Ausgangspunkte: „daß, um die Pläne Rußlands zu vereiteln, es nothwendig sei, das zu unternehmen, was dasselbe am schmerzlichsten treffen könne. Man müsse die Polen nicht mit Hoffnungen allein nähren, sondern diesem edlen Volke die Mittel geben, zur rechten Zeit aus seinem Verfalle sich emporzurichten und Rußland drohend sich gegenüberzustellen. Gleicherweise müsse man im Oriente den Bosniaken, Bulgaren, Hercegovinern beweisen, daß man Alles thun wolle, um ihre nationale Selbständigkeit zu retten, und daß Griechenland nicht ewig in der Zwangsjacke verbleiben dürfe. Nur so könne ein Damm gegen Rußland aufgeworfen werden. Sollte Rußland ungeachtet dessen angreifen, dann müsse eine europäische Coalition geschaffen werden, um diesen Staat in die Schranken zurückzuweisen. Frankreich, welches noch immer für große Ideen empfänglich sei, werde sicherlich dafür gewonnen werden, zur Wiederherstellung Polens die Hand zu bieten“. Nun, man sieht, das Gute, welches diese Flugschrift enthält, ist nicht neu, und das Neue nicht gut, und der Gedanke, daß Oesterreich die polnische Frage ausspielen soll, um mit Rußland und Preußen anzubinden, ist hypernaiv. Nachdem sich Türr durch seine Enthüllungen und sein Libell „Oesterreich-Ungarn und Rußland“ so zu sagen selbst kaltgestellt hatte, gingen die folgenden Jahre dahin, ohne daß er sich in irgend einer Weise besonders bemerkbar machte. Erst als 1878 der Herzog von Grammont in der „Revue des deux mondes“ die Bemerkung fallen ließ, daß sich Türr gewissermaßen in die Diplomatie eingedrängt und durch seine dilettantische Handlungsweise den Abschluß der französisch-italienischen Allianz vereitelt habe, glaubte sich derselbe gegen diese Insinuation des Herzogs vertheidigen zu müssen und sprach sich in einer sehr umfangreichen Zuschrift an das „Journal des Débats“ ddo. Pesth 2. Mai über die wider ihn vorgebrachten Beschuldigungen aus. Indeß sind seine Widerlegungen so weitschweifig, daß wir auf die schon angegebenen und auch unten angeführten [100] Quellen verweisen müssen. Das jüngste Lebenszeichen des ehemaligen österreichischen Deserteurs datirt aus dem März 1883, wo die Journale die Nachricht brachten, daß gegen die Mitte dieses Monats in Paris ein neues politisches Blatt „Étendard“ als Organ der lateinischen Nationen erscheinen werde, zu dessen Verwaltungsrathe Graf von Dienheim-Brochocki, Marquis Dupputi, früher Ordonnanzofficier des Königs von Italien, Emile Castelar, ehemaliger Präsident der spanischen Republik, Mézières, Mitglied der französischen Akademie und Vicepräsident der Patriotenliga, dann die französischen Deputirten Lockroy, David, Ténot und Sarlat und auch General Türr gehören. In dem Prospect dieses Blattes heißt es: „Es handelt sich darum, eine Fusion aller Interessen der lateinischen Welt mit Unterstützung der slavischen Race gegen das stetig fortschreitende Uebergreifen des Germanenthums herbeizuführen. Vor unserem Lande (Frankreich) richtet sich jetzt das Dilemma auf: Sein oder Nichtsein. Es interessirt alle lateinischen Völker in gleichem Grade wie uns und findet seine gleiche Anwendung auf Schweden, Dänemark, Belgien, Holland, selbst Rußland. Dies will sagen, daß wir, indem wir die französischen Interessen vertheidigen, auf die Unterstützung eines großen Theiles des Auslandes rechnen können“. Wir begleiten dieses originelle Programm nur mit folgenden zwei Glossen: Der österreichische Deserteur Stephan Türr ist, wie Eingangs dieser Lebensskizze bemerkt und aus seinem Namen deutlich herauszulesen ist, selbst von deutscher Abstammung, und seit wann gehören Dänemark, Holland, Schweden und die belgischen Flamländer zu den „lateinischen Nationen“ ? Vielleicht bringt uns die erste Nummer des „Étendard“ Aufschluß darüber. Was die publicistische Thätigkeit Türr’s betrifft, so können wir uns hier, da wir seiner Enthüllungen und Vertheidigungsartikel in der Lebensskizze gedacht haben, nur noch auf Angabe seiner Libelle beschränken, und die Titel derselben sind: „Arrestation, procès et condamnation du Général Turr, racontés par luimême“ (Paris 1863, Dentu), „Der ungarische Congress in Wien“ (Zürch 1864 [Meyer und Zeller], gr. 8°.); – „Die Nationalitätenfrage in ihrem Zusammenhange mit der Wehrfrage“ (Wien 1868 [Jos. Klemm], Wallishausser, gr. 8°.); – „Türr István altábornagy a Corvináról“, d. i. General Türr über die Corvina (Pesth 1869, Aigner, 16°.) und die in der Lebensskizze angeführte Flugschrift: „Oesterreich-Ungarn und Russland“ ist auch in ungarischer Sprache unter dem Titel: „Ausztria-Magyarország és Oroszország“ (Pesth 1871, Ráth, 8°.) erschienen. Türr’s Gemalin hat außerdem an die ungarischen Damen für die gespendete Haube geschriebenen Dankbrief auch eine komische italienische Operette, betitelt: „La Mascherata“, verbrochen, welche sie im Jahre 1863 dem Volkstheater in Ofen überreichte, und in welcher der größte Theil der Mitwirkenden unter dem Publicum placirt wird! Ob das Ofener Theater diese Operette zur Aufführung brachte, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Zur vorstehenden Lebensskizze wurden sorgfältig alle Quellen der verschiedensten Parteischattirungen benützt. Wie man die Sache auch drehen und wenden mag, es kommt immer schmutzige Wäsche zu Tage. Erst Fahnenflucht ob Veruntreuung und darüber der Deckmantel politischen [101] Märtyrerthums geworfen; dann Missionen und Spionsgeschäfte im Auftrage des Hochverräthers Kossuth; darauf in englischen Diensten, in welchen seine Lieferungs- und Ankaufsgeschäfte auf das entschiedenste bemängelt werden, später in Diensten der italienischen Freischaaren und der königlichen Armee, aus welch letzterer er nach kriegsgerichtlicher Untersuchung in wenig erbaulicher Weise auszuscheiden gezwungen war, und endlich seine Reisen als unzünftiger Diplomat, bei welchen er mit seinen indiscreten Enthüllungen zwar die Umtriebe der heutigen Staatsmänner in schonungsloser Weise aufgedeckt, dagegen auch sich nur als gewöhnlichen Agenten, aber nicht als Diplomaten documentirt hat, alles dies zusammen bietet kein Material zu einer erbaulichen Darstellung, und bezeichnend schließt einer der zahlreichen Biographen des österreichischen Deserteurs mit den Worten: „Individuen von dem Charakter und der Denkweise Türr’s sind ein Zeichen kranker Zeit, sie sinken in ihr Nichts zurück, so wie die ersten Symptome der Genesung, die freilich sich noch immer nicht zeigen wollen, eintreten“.

Quellen. I. Biographien und Biographisches. Curti. Arrestation, procès et condamnation du Général Türr, racontés par lui-même (Paris 1863) [nur mit bei äußersten Vorsicht zu benützen, denn das Buch strotzt von Schmähungen und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen auf Oesterreich]. – Pesth-Ofener Zeitung, 1861, Nr. 46: „Zwei militärische Führer der Revolution“. [Der Eine ist Türr, der Andere der nicht minder berüchtigte ehemalige Fleischhauergeselle, nachmalige Satellit Türr’s Figyelmessy.] – Sarkady (István). Hajnal. Arczképekkel és életrajzokkal disztíttet Album, d. i. Die Heimat. Bilder- und Biographien-Album (Wien 1867, Leop. Sommer, gr. 4°.) Blatt 23. – Tarka Világ és Képes Regélő (Pesth) I. Jahrg. (1869) S. 11. – Jó-Barát. Nagy képes Naptár (Pesth) 1869, S. 55. – Unsere Zeit (Leipzig, gr. 8°.) IV. Jahrg. (1860), S. 528. – Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig 1862, Karl B. Lorck, gr. 4°.). Zweite Serie, Sp. 262. – Donau-Zeitung (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1861, Nr. 250 und 251, im Feuilleton: „Stephan Türr“. – Gratzer Zeitung, 1861, Nr. 236, 237 und 238: „Stephan Türr“. – II. Einzelheiten zur Biographie. Chronologisch. 1856. Italia e Popolo (Turiner polit. Blatt) 1856, Nr. 297, im Feuilleton: „Processi politici in Austria“. – 1860. Glocke (illustr. Blatt, Leipzig, bei Payne) 1860, Nr. 98, S. 314. – Illustrated London News (London, Fol.) July 14, 1860: „General Türr“. – Didaskalia (Frankfurter Unterhaltungsblatt, 4°.) 1860, Nr. 187. – 1861. Pesther Lloyd (polit. Blatt, gr. Fol.) 1861, Nr. 11. – Frankfurter Conversations-Blatt (Unterhaltungsbeilage der „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung, 4°.) 1861, Nr. 248, 249, 250 und 251: „Stephan Türr“ [Mittheilungen aus Bukarest über Türr]. – Militär-Zeitung. Herausgegeben von Hirtenfeld (Wien, gr. 4°.) 1861, S. 491: in den „müßigen Briefen“.– Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt (Leipzig, Ernst Keil, 4°.) 1861, S. 490: „Pariser Bilder und Geschichten“. Von Sigmund Kolisch. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 233, Abendblatt [Nachricht über Türr’s Heirat]. – Werschetzer Gebirgsbote, 1861, Nr. 45: „Dankschreiben der Frau Türr an die Ungarinen, welche ihr die Haube zum Hochzeitsgeschenk gemacht“. – 1862. Breslauer Zeitung, 1862, Nr. 73: „Eine Episode aus Türr’s Leben“; Nr. 83: „Eine Widerlegung der Episode aus Türr’s Leben“. – Presse, 1862, Nr. 296, Abendblatt: „Die ungarische Legion. Von unserem Genueser Correspondenten“. – Didaskalia, 1862, Nr. 20 und 21: „Episode aus Türr’s Leben“. – 1863. Morgenpost (Wiener polit. Blatt) 1863, Nr. 280, im Feuilleton: „Der Proceß des Generals Türr“. – Militär-Zeitung. Herausgegeben von Hirtenfeld (Wien, gr. 4°.) 1863, S. 111. – Kölnische Zeitung, 1863, Nr. 67. – Wiener Zeitung, 1863, Nr. 141, Abendblatt. – Kronstädter Zeitung, 1863, Nr. 95: „General Türr als König von Ungarn“. – Mährischer Correspondent (Brünn, Fol.) 1863, [102] Nr. 135: „Türr als König von Ungarn“. – 1864. Wiener Abendpost 1864, Nr. 273, S. 1094: „Türr“. – 1867. Neue Freie Presse, 1867, Nr. 1159: „Ungarische Landesvertheidigung“. – Presse, 1867, Nr. 252 und 290: „Türr in Pesth und in Agram“. – Wanderer, 1867, Nr. 306: „Ein Brief Türr’s“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1867, Nr. 256: „Ueber das Türr zu Ehren gegebene Bankett in Pesth“. – Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 254: „Graf Andrássy und Türr“. – 1868. Neue Freie Presse, 1868, Nr. 1449: „Türr an die Polen“. – 1870. Oesterreichisch-ungarische Wehr-Zeitung (Wien, gr. 4°.) 1870, Nr. 103: „Türr gegen Bismarck“. – Neues Wiener Tagblatt. Demokratisches Organ. 1870, Nr. 5: „Türr in Arad“; 1870, Nr. 215: „An Se. Excellenz den Grafen Bismarck Stephan Türr“; Nr. 220: „Meine letzte Antwort“. – Oesterreichisch-ungarische Wehr-Zeitung (Wien) 1870, Nr. 100: „Contra Bismarck“; Nr. 103: „Türr gegen Bismarck“; Nr. 105: „Türr über Oesterreich-Ungarn“. – Neue Freie Presse, 6. August 1870, Nr. 2133: „Stephan Türr an den Grafen Bismarck“. – Gratzer Volksblatt, 8. August 1870, Nr. 179: „An Se. Excellenz den Grafen Bismarck“. – Neues Tagblatt (Gratz, 4°.) 9. August 1870, Nr. 211: „Ein zweiter Brief des Generals Türr“. – Presse, 1870, Nr. 215: „Enthüllungen und kein Ende“. – 1871. Oesterreichisch-ungarische Wehr-Zeitung, X. Jahrg., 21. April 1871, Nr. 47: „Oesterreich-Ungarn und Rußland“. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt, Fol.) XXI. Jahrg., 18. April 1871, Nr. 106: „Oesterreich-Ungarn und Rußland von General Türr“. – Neues Wiener Tagblatt, 1871, Nr. 106: „Oesterreich-Ungarn und Rußland“. – 1878. Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1878, Nr. 136, Beilage, S. 2004. Rubrik: „Frankreich“. – 1883. Augsburger Post-Zeitung, 14. März 1883, Nr. 63. – Auch der Roman har sich die Schicksale des österreichischen Deserteurs nicht entgehen lassen, und es erschien vor einigen Jahren das Buch „Stephan Türr. Historisch-romantisches Zeitgemälde aus Oesterreichs jüngster Vergangenheit“. Von H. J. Schwarz (Wien 1868, Albert Last).
Porträte. 1) Unterschrift: „Türr István | Olasz altábornagy és Olaszország királyának tiszt | Szárnyhadsegédje“. Marastoni Jos. 1868 (lith.), 4°. – 2) Unterschrift: „General Türr, Garibaldi’s chief aide-de-camp“. Holzschnitt in den „London Illustrated News“, July 14, 1860, p. 28. Ohne Angabe des Zeichners und Xylographen. – 3) Holzschnitt, ohne Angabe des Zeichners und Xylographen, in der illustrirten Zeitschrift „Glocke“, 1860, Nr. 98. – 4) Unterschrift: „Türr G.“ (Wien, Heinrich Gerhart, lith., Fol.). – 5) Gezeichnet von C. v. Stur in der illustrirten Beilage des „Floh“. V. Jahrg., 29. November 1873, Nr. 66 [der Text ist eine förmliche Apotheose des österreichischen Deserteurs].