BLKÖ:Wüllerstorf-Urbair, Bernhard Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 58 (1889), ab Seite: 214. (Quelle)
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Wüllerstorf-Urbair, Bernhard Freiherr (k. k. Vice-Admiral, geb. zu Triest 29. Jänner 1816, gest. zu Gries nächst Bozen in Tirol am 12. August 1883). Sein Vater Leopold war als Gubernialsecretär dem damaligen Regierungspräsidenten in Triest Grafen Saurau zugetheilt. Später Delegat in Rovigno, verlor er durch Zufall sein Leben auf der Jagd (31. December 1813)[WS 1], und so stand der junge Wüllerstorf früh verwaist da, dessen Mutter Julie, eine geborene Gräfin Grochowska (geb. 16. September 1795, sich ein zweites Mal verheiratete, und zwar mit Johann Grafen Marzani, welcher 13. October 1865 als Vizepräsident der Regierung in Venedig starb. Seinem Stiefvater verdankt Wüllerstorf die Gewöhnung an unablässige geistige Thätigkeit, sowie namentlich das rege Streben nach volkswirthschaftlicher Ausbildung. Er besuchte das Gymnasium erst in Padua, dann in Ofen, wo er sich längere Zeit bei den Verwandten seiner Mutter aufhielt. Später trat er in die Pionnierschule zu Tulln und wurde als Cadet bei dem Infanterie-Regimente Nr. 40 assentirt. Einem Aufrufe des damaligen Hofkriegsrathes folgend, meldete er sich 1833 zur Uebersetzung in die Marine und ward bald danach auf der Goelette „Arriana“ eingeschifft. Er gab sich nun eifrig dem Studium des praktischen und theoretischen Seedienstes hin und bestand nach einem Jahre die Prüfung zur effektiven Aufnahme in die Marine in so glänzender Weise, daß sofort seine Ernennung zum wirklichen Seecadeten erfolgte. 1836 kam er als „Officiersdienst thuender Seecadet“ – eine zu jener Zeit übliche Uebergangscharge – auf die Goelette „Sfinge“, deren Commandant Linienschiffslieutenant Milanopulo die glänzenden Fähigkeiten des jungen Seemannes so schätzen lernte, daß er ihm rieth, in Wien unter dem berühmten Littrow, dem Vater des nachmaligen Directors der Wiener Sternwarte, Astronomie zu studiren. Wüllerstorf erhielt hiezu die Erlaubniß und machte solche Fortschritte, daß er 1839 außer der Tour zum Schiffsfähnrich befördert und mit der Leitung der Marine-Sternwarte in Venedig, sowie mit der Lehrkanzel für Astronomie und Nautik an der Marineakademie daselbst betraut wurde. In dieser ehrenvollen Stellung verblieb er bis zum Ausbruch der Revolution 1848 und trat schon damals nicht bloß als scharfer Beobachter, sondern auch als fachmännischer Schriftsteller auf. Mit großem Eifer schrieb er größere und kleinere Aufsätze für die „Marine-Zeitschrift“ und veröffentlichte unter Anderem eine „Geschichte der Uhren“. Er stellt die Formeln auf für die Bestimmung der Breite mittels Beobachtung zweier Sterne auf gleicher Höhe und war der Erste, welcher diese Methode praktisch verwendete; er betheiligte sich an der Zonenbeobachtung des Himmels und hatte die Karte des Sternbildes Orion vollendet, als die Revolution seine stille wissenschaftliche Thätigkeit so gewaltsam abbrach, daß er nicht einmal im Stande war, seine Aufzeichnungen und Rechnungen in Sicherheit zu bringen, sondern nur sein Leben vor der Empörung zu retten vermochte. Und doch hatte er sich während seines vieljährigen Aufenthaltes in der Lagunenstadt nur der Ertheilung des nautischen Unterrichtes und der Lösung wissenschaftlicher Probleme hingegeben. Noch kurz vor seiner Flucht war er mit der Uebertragung der Zeit von der Sternwarte auf den Marcusplatz mittels einer [215] elektromagnetischen, theilweise unterseeischen Verbindung beschäftigt, und da in jenen Tagen Guttapercha noch nicht im Handel vorkam, so bediente er sich einer Mischung von Pech, Wachs und Unschlitt, welche eine vollkommene Isolirung der Fäden gestattete. Zur Zeit des Gelehrtencongresses in Venedig 1847 stand der Apparat bereits soweit fertig, um demonstrirt werden zu können. Es war dies wohl die erste, wenn auch nur ganz kurze unterseeische Telegraphenleitung in der österreichischen Monarchie. Kurz vor Ausbruch der Revolution, am 12. April 1847, vermälte sich Wüllerstorf nach jahrelanger Bewerbung mit Fräulein Anna O’Conor of Connaught (geb. 3. Februar 1824), einer geborenen Engländerin, deren Familie in Venedig ansässig war, und das junge Paar erfuhr rasch aufeinander die Freuden des Honigmondes, sowie alle Schrecken des Aufruhrs, alle Aufregungen der heimlichen Flucht, deren Folgen wenige Monate später, am 29. Juli 1848, der Gattin, die inzwischen Mutter geworden, das Leben kostete. In Triest wurde Wüllerstorf mit der Verwaltung jenes Materials betraut, welches der österreichischen Marine nach dem Abfall der Venetianer noch übrig geblieben war. Eine riesige Aufgabe. Eine fieberhafte Thätigkeit concentrirte sich in seinen Händen. Es galt, Schiffe auszurüsten, Matrosen zu werben, Officiere und Seecadeten aufzunehmen. Erst als Escadreadjutant unter Commodore Kudriafsky [Bd. XIII, S. 303], dann als Adjutant des Marine-Obercommandanten in den verschiedensten Richtungen thätig, wurde er später dem Feldmarschall-Lieutenant Baron Welden [Bd. LIV, S. 214] in Padua zugetheilt, welcher mit einem Armeecorps Venedig bloquirte. Im Frühjahr 1849 von dem Viceadmiral Dahlerup zum Militärreferenten ernannt, nahm er in dieser Eigenschaft an der Organisation der Marine maßgebendsten Antheil. Als ein großes Verdienst muß es ihm angerechnet werden, daß er als Militärreferent in der bisher italienischen Marine in allen Zweigen des Dienstes zuerst die deutsche Sprache einzuführen versuchte. Zu diesem Zwecke übersetzte er die tactischen Vorschriften für die Schiffe in See und führte ein ganz neues Signalsystem ein. Zum Corvettencapitän vorgerückt und mit dem Orden der eisernen Krone dritter Classe ausgezeichnet, erhielt er 1850 das Commando der Brigg „Montecuccoli“. Zu einer Kreuzung nach der Levante gegen Seeräuber ward ihm als erster Lieutenant der damalige Fregattenlieutenant von Tegetthoff zugetheilt, einer der besten Schüler der Marineakademie in Venedig, mit welchem er seitdem in engster Freundschaft verbunden blieb. Im Sommer 1851 wurde Wüllerstorf von dem damaligen Marine-Obercommandanten Grafen Wimpffen zum Präsidialreferenten und Admiralitätsrath ernannt[WS 2] und mit der Organisation der Kriegsmarine auf neuer besserer Grundlage betraut. Mit der im Jahre 1854 erfolgten Ernennung des Erzherzogs Ferdinand Max zum Oberbefehlshaber der k. k. Kriegsmarine trat in der Marineleitung neuerdings eine große Veränderung ein. Ohne die Erprobung des bisherigen Systems abzuwarten, ließ man dasselbe fallen und führte ein neues ein. Wüllerstorf war inzwischen zum Linienschiffscapitän befördert worden und hatte mit der Fregatte „Venus“ längere Kreuzungen in der Levante, sowie Uebungsreisen mit den Zöglingen der Marineakademie [216] unternommen. Im Herbste 1856 wurde er von Erzherzog Ferdinand Max mit der Ausarbeitung von Instructionen für eine große Seeexpedition, sowie mit der Ausrüstung der Fregatte „Novara“ zu diesem Zwecke beauftragt. Auf seine Bitte bestimmte man nun den damaligen Corvettencapitän von Tegetthoff zum Höchstcommandirenden, später jedoch ging man von dieser Verfügung wieder ab, weil sich der Erzherzog mit dem Plane trug, Tegetthoff nach dem rothen Meere zu entsenden, um wo möglich die Insel Socotra für Oesterreich zu erwerben. Der Scharfblick des Erzherzogs hatte schon damals erkannt, daß Tegetthoff ganz der Mann für kühn geplante Unternehmungen war, und in der That hängt es nur von ganz außer der Berechnung gelegenen Umständen ab, daß diese wichtige Insel dermalen nicht eine Seestation Oesterreichs im rothen Meere ist. Am 30. April 1857 ging die Expedition von Triest aus in See und kehrte am 26. August 1859, nachdem sie die wichtigsten Emporien in vier Welttheilen besucht, wissenschaftliche Beobachtungen und Untersuchungen ausgeführt und überaus zahlreiche naturwissenschaftliche Sammlungen gemacht hatte, wieder nach ihrem Ausgangspunkte, dem adriatischen Golf, zurück. Daß dieses so großartig geplante gewaltige Unternehmen ohne ernsten Unglücksfall mit verhältnißmäßig so geringen Opfern an Menschenleben und so glänzendem Erfolge ausgeführt zu werden vermochte, ist nächst der Staatsverwaltung, welche in so großmüthiger Weise die Mittel dazu geboten, ausschließlich das Verdienst Wüllerstorf’s, welcher erst nach gründlichem Studium der zu besuchenden Länder die Reiseroute feststellte und mit ebenso viel Umsicht als Hingebung die Ausrüstung des Schiffes bis in die kleinsten Einzelheiten persönlich leitete. Nach der Rückkehr wurde Wüllerstorf von Seiner Majestät dem Kaiser mit dem Orden der eisernen Krone zweiter Classe ausgezeichnet und in den erblichen Freiherrenstand erhoben, vom Erzherzog-Obercommandanten aber mit der Ordnung und Zusammenstellung aller während der Expedition unter seiner Leitung ausgeführten meteorologischen, astronomischen und sonstigen Beobachtungen und mit der Herausgabe des nautisch-physikalischen Theiles beauftragt, während Dr. von Scherzer auf Grund der von ihm und Wüllerstorf geführten Tagebücher, sowie der officiellen Berichte der übrigen Naturforscher der Expedition die Redaction des beschreibenden Theiles der Reise übernahm. Unterstützt von der mächtigen Protection des Erzherzogs machte Wüllerstorf’s rastlose Energie die Aufstellung sämmtlicher von der „Novara“ mitgebrachten Sammlungen in kürzester Zeit möglich und lenkte zuerst wieder die Aufmerksamkeit auf jene berühmte und werthvolle ethnographische Sammlung, welche seit mehr als dreißig Jahren auf dem Dachboden des zoologischen Hofcabinets begraben lag! 1860 erhielt Wüllerstorf plötzlich den Befehl über ein kleines Geschwader, das sich zum Schutze der österreichischen Interessen nach Sicilien begab; später wurde er zum Hafenadmiral und Festungscommandanten von Pola, dann zum Contreadmiral befördert und 1861 zum Vertreter des Marine-Obercommandanten beim Reichsrath in Wien ernannt. 1862 unternahm er auf Befehl des Erzherzogs Max eine längere Reise nach Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Belgien und Holland, um die Eisenindustrie mit Rücksicht auf Oesterreich [217] und dessen Marine zu studiren und darüber zu berichten. 1863 wurde er Hafenadmiral und Arsenalcommandant von Venedig und ein Jahr später, als Erzherzog Ferdinand Max sich eben anschickte, die so unheilvolle Reise nach Mexico zu unternehmen, Commandant der sämmtlichen ausgerüsteten Schiffe Seiner Majestät Kriegsmarine, mit dem Befehle, so schnell als möglich nach der Nordsee abzugehen. Die heikle Mission ward überdies erschwert durch den Umstand, daß die Mehrzahl der Schiffe noch zu Pola im primitivsten Zustande lag und das dortige Arsenal nicht im Stande war, den Anforderungen einer schleunigen Ausrüstung zu entsprechen. Mit der Verzögerung der noch auszuführenden Arbeiten wuchs die Ungeduld, und endlich entschloß sich Wüllerstorf, mit dem Linienschiff „Kaiser“ und dem Dampfer „Elisabeth“, die Arbeiter noch an Bord, in See zu gehen. Die Fahrt nach dem Norden war noch ungünstiger und unglücklicher, als man sie in dieser Jahreszeit voraussetzen mochte. Die Escadre, welche fortwährend im adriatischen Golf mit Südstürmen, im Mittelmeer mit West- und Nordstürmen zu kämpfen hatte, wurde im atlantischen Ocean neuerdings von einem heftigen Weststurm überrascht, während das Panzerschiff „Juan d’Austria“ dem Untergang nahe war und das Linienschiff „Kaiser“ in die Pulverkammer Wasser bekam. Als endlich die Escadre im Norden anlangte, war die Seeschlacht von Helgoland durch Tegetthoff’s Heldenmuth zum Ruhme Oesterreichs geschlagen und der Feind bereits aus der Nordsee verschwunden. Was unter diesen Verhältnissen zu thun blieb, vollzog Wüllerstorf redlich. Er ließ die Westinseln, welche noch vom Capitän Hammer für Dänemark gehalten wurden, durch die kleinen Fahrzeuge einschließen und nehmen. Nach Beendigung des Feldzuges kehrte er mit der Escadre nach Cadix und bald darauf nach Pola zurück. Im October 1865 wurde ihm von dem damaligen Staatsminister Belcredi das Portefeuille des Handelsministers angetragen. Nach mehrfachen Conferenzen und längerem Ideenaustausch nahm er den Antrag in der Voraussetzung an, daß die Verfassung bald wieder hergestellt werde, und mit dem Vorbehalte, nur als Fachminister, nicht als politischer Minister einzutreten. Nun nahmen die abzuschließenden Handelsverträge, das Eisenbahnwesen, die neue Postordnung, die Ermäßigung des Briefportos und der Frachtbriefe seine ganze Thätigkeit in Anspruch; und so rege und rastlos war dieselbe, daß die Reformen im Postwesen bereits am 1. Jänner 1866 ins Leben gerufen zu werden vermochten. Seiner weisen Initiative verdankt Oesterreich die Herabsetzung des Briefportos von 15 auf 5 kr. für die ganze Monarchie und alle Staaten des deutschen Reiches, sowie die Einführung der Postkarten, deren großer Werth für den allgemeinen Verkehr denselben bald auch in allen anderen Staaten Europas Eingang verschaffte. Mittlerweile war der Handelsvertrag mit England auf die Tagesordnung gesetzt worden, welcher später in schutzzöllnerischen Kreisen so vielfach Anlaß zu Angriffen gab. Allein die Initiative zu diesem Staatsvertrage war nicht von Wüllerstorf, sondern vom auswärtigem Amte (unter Mensdorff) ausgegangen, und Wüllerstorf hatte ebenso wie Graf Beust die Basis für denselben bereits vorgefunden. Gleichzeitig kamen auch Handelsverträge mit Frankreich, Italien, Holland, Belgien und der Schweiz zu Stande, welche sich in ihrer Anwendung günstig und vortheilhaft [218] erwiesen. Während des Krieges mit Italien erwirkte Wüllerstorf den Erlaß jener kaiserlichen Verordnung, kraft deren italienische Kauffahrer in See durch Caperschiffe oder Kriegsschiffe nicht aufzugreifen seien; eine Folge dieser klugen Maßregel war es, daß auch Italien zum großen Vortheil für unsere Handelsmarine Reciprocität übte. Ein besonderes Augenmerk verwendete er auf den Bau von Eisenbahnen in allen Theilen des Reiches mittelst Staatshilfe. Auch das so wichtige Dampfkesselgesetz kam unter seiner Administration zu Stande. Ebenso ward der Hafenbau in Triest eifrig betrieben und mit der Südbahngesellschaft, deren leoninischer Vertrag mit der Regierung der Entwicklung des Verkehrs große Hindernisse in den Weg legte, ein neues Uebereinkommen getroffen, welches den Bau von Parallelbahnen, wie z. B. die Rudolfsbahn, möglich machte. Gleichzeitig wurden mit den wichtigsten Eisenbahngesellschaften Verhandlungen in Bezug auf Ermäßigung der Tarifsätze eingeleitet, und es muß nur der Ungunst der Zeitverhältnisse zugeschrieben werden, wenn diese Berathungen damals das allgemein ersehnte Resultat nicht zur Folge hatten. Auch das Gesetz zur Errichtung von zollfreien Waarenlagern für die Bewerthung und Belehnung von Waaren ist eine Maßregel der Wüllerstorf’schen Verwaltung, aber das Publicum erkannte nicht den hohen Werth derselben für die Entwicklung des Außenhandels, und so blieb dieses wichtige Gesetz unbenützt. Was den Geschäftsgang in seinem Ministerium betrifft, so errichtete er ein eigenes Departement für Handelsstatistik, worüber die Quellen S. 220 berichten. Neben diesen wirthschaftlichen Vorlagen versäumte er es nicht, auch in wissenschaftlicher Beziehung den Einfluß seiner Stellung auszunützen. Auf seine Aufforderung und mit Unterstützung des Handelsministeriums ließ das Marine-Commando die kartographische Aufnahme des adriatischen Golfes vornehmen, welche in ihren Resultaten nicht nur Oesterreich zur Ehre gereicht, sondern auch der Schifffahrt große Vortheile gewährt. Unter Wüllerstorf’s Vorsitz ward die Berathung des Gesetzes zur Einführung des metrischen Maßes und Gewichtes zu Ende geführt, und seiner energischen Verwendung ist es zu danken, wenn Professor Steinheil’s berühmte Normalmaße für die Regierung angekauft wurden. Auch auf die Feststellung des Reiseplanes der ostasiatischen Expedition und auf die Vorbereitungen für dieselbe nahm er maßgebenden Einfluß, und es wurde ihm sogar durch ein kaiserliches Handbillet der Oberbefehl über dieselbe übertragen, allein seine tieferschütterte Gesundheit verhinderte, daß er sich an dieser Seeexpedition persönlich betheiligen konnte, was namentlich in wissenschaftlichen Kreisen tiefes Bedauern hervorrief. Im April 1866 stellte bei ihm sich infolge von Ueberanstrengung und Aufregungen aller Art ein Nervenleiden ein, welches so heftig auftrat, daß er sich genöthigt sah, sich von Sr. Majestät seine Entlassung vom Posten eines Handelsministers zu erbitten. In die Zwischenzeit fällt der Ausgleich mit Ungarn, von welchem jedoch Wüllerstorf durch Grafen Belcredi erst Kenntniß erhielt, als derselbe eine vollendete Thatsache war. Die veränderten staatsrechtlichen Verhältnisse, durch die nach seiner persönlichen Ansicht die Macht der Monarchie gebrochen, die Zweitheilung derselben, die Personal- Union vorbereitet und statt der erwarteten Einigung vielmehr neue Mißhelligkeiten verursacht worden, steigerten in ihm den [219] Wunsch, aus dem Rathe einer Regierung zu scheiden, welche für ihn nicht mehr jene Staatsgrenzen darstellte, für deren Interesse und Wohl er bisher sein Denken und Wirken eingesetzt hatte. Er wurde nun in Gnaden entlassen und in Anerkennung seiner großen Verdienste durch die Verleihung des Großkreuzes des Leopoldordens ausgezeichnet, sowie in Hinblick auf seine reichen staatsmännischen Erfahrungen zum lebenslänglichen Mitgliede des Herrenhauses ernannt. Schon zu Anfang seiner ministeriellen Thätigkeit hatte er die Würde eines geheimen Rathes erhalten und war in seinem Range zum Vice-Admiral, dem damals höchsten Range in der k. k. Kriegsmarine befördert worden. In einer Zeit allgemeiner Demoralisation, wo namentlich, und zwar nicht bloß in Oesterreich, gegen Minister häufig der Vorwurf erhoben wird, daß sie ihre Stellung zur Bereicherung und Füllung ihres Privatsäckels ausbeuten, ist es nicht überflüssig hinzuzufügen, daß er von seinem Ministersitze ärmer herabstieg, als er sich darauf niedersetzte. Als er zum Handelsminister ernannt wurde, übersiedelte er aus der Provinz nach Wien, und der Aufwand, den seine Stellung und seine gesellschaftlichen Beziehungen erheischten, stand durchaus nicht im Verhältniß zu seinem Gehalt. Dazu kam noch, daß er auf Grund der bestehenden Normalien als Militär keinen Anspruch auf eine Ministerpension hatte, sondern einfach in seine Stellung in der Marine zurücktrat. Später, 1869, wurde er durch die Gnade des Kaisers und mit Rücksicht auf seine in der Marine geleisteten Dienste mit den Bezügen eines Vice-Admirals in den dauernden Ruhestand versetzt. Fortan lebte er in voller Zurückgezogenheit, nur seinen wissenschaftlichen Arbeiten sich widmend, auf seiner zweiten Gemalin Besitzung Ruhberg bei Graz. Werfen wir nun noch einen Blick auf Wüllerstorf’s wissenschaftliche Arbeiten. Ein großer Theil davon, bald größere, bald kleinere Aufsätze, findet sich in deutschen und österreichischen Zeitschriften und in wissenschaftlichen Fachschriften zerstreut abgedruckt. Einiges ist in Separatabdrucken erschienen. Wir führen daraus an: in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe: „Zur Vertheilung der Winde auf der Oberfläche der Erde. Die Monsune, insbesondere jene des chinesischen Meeres“ [Bd. XXXVI, S. 145–172]; – „Ueber das Verhalten und die Vertheilung der Winde auf der Oberfläche der Erde, sowie insbesondere über die Windverhältnisse am Cap Horn. Zwei Briefe an M. F. Maury“, mit 6 Tafeln: M. XXXIX, S. 105–148]; – „Bemerkungen über die physicalischen Verhältnisse des adriatischen Meeres“, mit 1 Tafel [Bd. XLVIII, 2. Abtheilung. S. 85–107]; – „Zur wissenschaftlichen Verwerthung des Aneroids als Mittels zur Bestimmung der Schwere auf der Erdoberfläche und zur Berechnung der Abplattung der Erde“ [in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe Bd. XXXI, S. 141–156]; – in der österreichischen militärischen Zeitschrift: „Ueber die Wichtigkeit des adriatischen Meeres für Oesterreich und dessen Vertheidigung“, auch im Separatabdruck (Wien 1861); – „Die meteorologischen Beobachtungen und die Analyse des Schiffscurses während der Polarexpedition unter Weyprecht und Payer 1872–1874“ (ebd. 1875, mit 1 Stammtafel in Groß-Fol.); – „Ueber die physicalischen Verhältnisse des adriatischen Meeres (1863); – „Ueber die Wichtigkeit [220] Fiumes als Seehandelsplatz“ (1871); – „Ueber Epidemien in Luftströmungen“ (1872); – „Die Verbindung der Donau mit der Adria“ (1872); – „Das Eisenbahnnetz im westlichen Theile der österreichisch-ungarischen Monarchie mit besonderer Berücksichtigung des adriatischen Meeres“, mit 3 Tafeln in Qu.-Quart und Fol. (1875). Auch ist die unter der Firma Revoltella erschienene Broschüre: „Oesterreichs Betheiligung am Welthandel“ (1863) von Wüllerstorff verfaßt. Der dem Vice-Admiral von Sr. Majestät dem Kaiser verliehenen Auszeichnungen wurde bereits gedacht, außerdem besaß er das Großofficierskreuz der französischen Ehrenlegion und Großkreuze von Orden Italiens und Belgiens. Auch wissenschaftliche Kreise ehrten den gelehrten Admiral, so war er Ehrenmitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, der königl. bayrischen Akademie in München, der geographischen Gesellschaft in Berlin, der naturforschenden Gesellschaften zu Embden, Gratz, Batavia, Rio de Janeiro, der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie, Meister des freien deutschen Hochstiftes und Ehrenbürger von Fiume, Stadt Steyr, Villach, und St. Veit in Kärnthen. Viele Jahre nach dem Tode seiner ersten Gattin, am 3. August 1861 vermälte sich Wüllerstorf zum zweiten Male, und zwar mit Leonhardine geborenen Gräfin v. Rothkirch und Panthen (geb. 31. Juli 1820). Doch nur aus erster Ehe lebt ein Sohn: Patrick Leopold (geb. 17. Juli 1848), der in der kaiserlichen Marine dient. Während ich eben die vorstehende Lebensskizze des edlen Vice-Admirals beende, finde ich in den Zeitungen die Nachricht, dessen Witwe Frau Leonie Wüllerstorff-Rothkirch habe aus dem Nachlasse ihres verstorbenen Gatten einen Band vermischter Schriften desselben herausgegeben, der aber nur in wenigen Exemplaren und als Manuscript gedruckt worden sei. Nach Allem, was darüber verlautet, verdient derselbe in politischen Kreisen große Beachtung, weil die einzelnen Aufsätze darin Fragen behandeln, die, wie die Stellung der Deutschen im Kaiserstaate, die Handelspolitik Ungarns, das Verhalten des Adels in Oesterreich, im Augenblicke von großer Wichtigkeit sind. Sie verbreiten Licht über manche Episode der neuen österreichischen Geschichte und lassen die Bedeutung Wüllerstorf’s, die übrigens in der vorstehenden Lebensskizze völlig gewürdigt und bekräftigt wird, aufs neue erkennen. Leider kommen solche Schriften mir, dem Autor dieses Lexikons, dem sie doch vor Allen zur Benützung vorliegen sollten, nicht zu; aber ich glaube bestimmt aussprechen zu können, daß ich auch ohne Einsicht in den genannten Band das Lebensbild des Verewigten richtig gezeichnet habe.

I. Wüllerstorf’s Departement für Handelsstatistik. Dieses Institut hat wie die ehemalige administrative Bibliothek im k. k. Ministerium des Innern seine instructive Geschichte, welche einen interessanten Beitrag zur Geschichte bureaukratischer Wandlungen bietet. Wüllerstorf fand es für nöthig, in seinem Handelsministerium ein eigenes Departement für Handelsstatistik, welches bis dahin nicht bestand, zu gründen und dessen Leitung dem Novara-Reisenden Dr. von Scherzer zu übertragen. Hier sollte alles auf die wirthschaftlichen Verhältnisse des Kaiserstaates Bezug nehmende statistische Material gesammelt und in der umfassendsten Weise im Interesse des Handels und der Industrie Gesammtösterreichs verwerthet werden. Mehr als ein halbes Hundert Zeitungen in den verschiedensten Sprachen wurden hier täglich kritisch gelesen und das Wichtigste, Wissenswertheste daraus sofort theils zur Kenntniß des Ministers selbst gebracht, theils den verschiedenen Departements mitgetheilt. Die neueste [221] nationalökonomische Literatur des In- und Auslandes ward in gleicher Weise studirt, geprüft und verwerthet und in einer besonderen Bibliothek systematisch geordnet zum Gebrauch für die Beamten des Ministeriums aufbewahrt. Zugleich besorgte das Departement die Redaction der handelspolitischen Wochenschrift „Austria“ nach erweitertem Programm, arbeitete auf Grund des gesammelten wirthschaftlichen Materials Gutachten und Denkschriften aus und leitete einen directen Verkehr mit den bedeutendsten Journalen des In- und Auslandes ein, um auch in dieser Richtung in Bezug auf die Absichten und Zwecke des Handelsministeriums informirend, belehrend und berichtigend zu wirken. Als dann im Mai 1867 Herr von Becke das Handelsministerium provisorisch übernahm, schien er einen besonderen Werth darauf zu legen, alle Maßregeln seines Vorgängers rückgängig zu machen, alle Zweige neu zu organisiren und mit Personen nicht glimpflicher vorzugehen als mit Departements. Das Departement für Handelsstatistik, eine Lieblingsschöpfung Wüllerstorff’s, fiel dieser Präpotenz der Unwissenheit am ersten zum Opfer. Die wunderlichsten Gründe wurden hervorgesucht, um gerade das Gegentheil von dem zu beweisen, was Becke’s Vorgänger anderthalb Jahre früher mit den triftigsten Gründen darzuthun sich bemühte. Und es ist wohl die größte Genugthuung für Wüllerstorf, daß mehrere Jahre später das Departement für Handelsstatistik als unbedingt nothwendig auf gleicher Basis wie das von Dr. Scherzer organisirte wieder hergestellt und sogar noch bedeutend erweitert wurde, so daß dasselbe gegenwärtig eines der wichtigsten und nützlichsten Departements im Barbarastift bildet.
II. Porträts. 1) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges: „Wüllerstorf. L.-Schiffscap.“ Kriehuber (lith.) 1857. Druck von S. J. Haller (Fol.) [treffliches, sprechend ähnliches, ganz in der idealen Weise Kriehuber’s ausgeführtes Bildniß]. –2) In der Mitte eines Gruppenbildes: A. Basso, G. Frauenfeld, Béla Gaál de Gyula, F. Hochstetter, Ign. Kohen, Dr. A. Lallemant, A. v. Littrow, Ed. v. Marochini, Baron v. Pöck, Dr. K. Ruzicska, Dr. K. v. Scherzer, Dr. E. Schwarz, Dr. v. Seligmann, J. Selleny, J. Zelebor, sämmtlich Mitglieder der „Novara“-Expedition, in der „Illustrirten Zeitung“ 16. Jänner 1858, S. 41. – 3) Zugleich mit Dr. Karl Ritter von Scherzer in zwei Medaillons, in Waldheim’s „Illustrirter Zeitung“, 10. Mai 1862, Nr. 19. – Holzschnitt aus E. Hallberger’s xyl. Anst. in „Ueber Land und Meer“, Bd. VI, 14. Juli 1861, S. 656, nach einer Photographie [treffliches und sehr ähnliches Bildniß als Commodore]. – 3) Holzschnitt in der Payne’schen „Glocke“ (Leipzig, Fol.) 1861, Nr. 171, S. 108. – 6. Lithographie von E. Kaiser (Wien 1866, bei Stammler und Karlstein, kl. Fol.). – 7) Unterschrift: „Bernhard de Wüllerstoff (sic) et Arbair (sic), commandant la flotte autrichienne dans la Baltique“, in der Pariser „Illustration“, 43. Bd., 1864, Nr. 1109, S. 340. – 8) Holzschnitt in Waldheim’s „Illustrirten Monatsheften“. 1865, S. 321. – Holzschnitt in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ (J. J. Weber, Fol.) 4. November 1865, Nr. 1166. – Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in der „Neuen Illustrirten Zeitung“ vom 19. August 1883. S. 741.
III. Denkmal Wüllerstorff’s. Dieser verdienstvolle und wie es denn so oft vorkommt, erst nach dem Tode seinen Verdiensten entsprechend gewürdigte Viceadmiral und Großösterreicher ist auf dem Friedhofe in Gries nächst Bozen begraben. Dort ruht er zu den Füßen der Berge, die er über Alles liebte, und auf seinem Grabdenkmal liest man folgende Inschrift:

Dein Weg das Weltenmeer,
Dein Heim das Sternenheer,
Dein Todtenbett die freien Bergeszinnen,
So stand’st Du fest und schlicht,
Ein Steuer und ein Licht,
Und wie der Tag verglüht,
Gingst Du von hinnen.

IV. Zur Genealogie der Freiherren von Wüllerstorf-Urbair. Der Adel dieser Familie, deren ursprünglicher Name Hörmann ist, reicht in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, in welcher der königliche Richter Balthasar mit Diplom des Kaisers Ferdinand II. ddo. 13. September 1627 mit Bestätigung des von seinen Eltern und Vorfahren ererbten adeligen Wappens als von Wüllerstorf und Urbair in den Reichsritterstand erhoben wurde. Den Freiherrnstand erlangte mit Diplom ddo. 13. Februar 1860 unser Viceadmiral Bernhard. Dieser besaß noch eine Schwester Rosalie (geb. 1815), [222] welche seit 1834 mit Ernst Freiherrn von Bonar, Majoratsherrn zu Fingreth und Rinneardington, verheiratet ist.
V. Wappen. Senkrecht getheilt. Vorn in Gold bricht aus der Theilungslinie ein schwarzer Reichsadler halb hervor; hinten in Schwarz ein schräglinker goldener Balken, der seiner Lange nach mit drei rothen Rosen belegt ist, von denen die beiden äußeren silbern und die mittlere rothsilbern besamt ist. Auf dem Schilde ruht ein gekrönter Helm, dessen Krone einen geschlossenen schwarzen Adlerflug trägt, der mit dem Schrägbalken nebst den Rosen belegt ist. Die Helmdecken sind zu beiden Seiten schwarz mit Gold.
VI. Quellen zur Biographie. Allgemeine Zeitung (München, gr. 4°.) 7. December 1883, Nr. 340. Von Karl von Scherzer [auch im Separatdrucke]; auch ist in der „Allgemeinen Zeitung“ im Laufe des Frühlings 1889 in der Beilage ein längerer Artikel über den Admiral anläßlich des von seiner Witwe herausgegebenen Nachlasses erschienen, den ich genauer zu bezeichnen außer Stande bin. – Die feierliche Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 29. Mai 1884 (Wien, Staatsdruckerei, 8°.) S. 9 u. f. – Fremden-Blatt (Wiener polit. Blatt). Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 276. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 45. Bd., 4. November 1865, Nr. 1166: „Der neue Minister für Handel und Volkswirthschaft in Oesterreich“. – Constitutionelle Volkszeitung (Wien, Fol.) 15. October 1865, Nr. 103: „Handelsminister Freiherr von Wüllerstorf “. – Mußestunden (Wiener illustr. Blatt) 1862, S. 216 u. 227: „Scherzer und Wüllerstorf.“ – Neue illustrirte Zeitung (Wien, Zamarsky, Fol.) XI. Jahrg., 19. August 1883, Nr. 47, S. 739: „Bernhard Freiherr Wüllerstorf-Urbair,“ Von Heinrich von Littrow. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 402: „Freiherr von Wüllerstorf“; 1867, Nr. 947: „Freih. v. Wüllerstorf“; 1867, Nr. 961: „Adresse der Krakauer Handelskammer, anläßlich des Rücktrittes Wüllerstorf’s vom Posten eines Handelsministers“; 14. Februar 1889, Nr. 8792, Abendblatt. – Ueber Land und Meer (Stuttgart, Fol.) Bd. VI, 1861, Nr. 42, S. 667. – Das Vaterland (Wiener politisches Blatt, Fol.) 5. November 1865, Nr. 254: „Die Handelspolitik des Freiherrn von Wüllersdorf.“ – (Waldheim’s) Illustrirte Zeitung (Wien, Fol.) 1862, S. 217. – Derselbe. Illustrirte Blätter (Wien, gr. 4°.) 1865, Nr. 41; „Der neue Handelsminister.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Nach Anderen 31. Dezember 1817.
  2. Vorlage: erannnt.