Die Gartenlaube (1880)/Heft 33

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[529]

1870.
(Eine Gedächtnisfeier.)


Heil, Deutschlands Jahr! Zu keinem höh’ren Bilde
Steigt unser Blick in aller Zeiten Lauf:
Der Heerruf tönt; es donnern die Gefilde
Vom deutschen Waffensturm: „das Volk steht auf.“

5
Zu Land und Meer, es wogt auf allen Bahnen,

Es eilt herbei der Jüngling wie der Mann,
Vom Lehrstuhl, aus der Werkstatt, zu den Fahnen –
Und mit den Fahnen an der Marken Bann.
Was lange wir erhofft mit heißem Sehnen,

10
Erblühen muß es jetzt aus Blut und Thränen.


Die Opfer auf des Vaterlands Altar –
Wo ist die Wage, ihren Werth zu messen?
Die greise Mutter bringt den Sohn ihm dar,
Das höchste Kleinod, das ihr Herz besessen,

15
Das junge Weib den Gatten, und die Braut

Des Lebens Zukunft in dem Angelobten –
Und wo ihr in der Krieger Reihen schaut,
Der Opferliebe Zeugen, der erprobten,
Sind Hunderttausende, denn selten Einen

20
Wird keine Seele lieben und beweinen.


Noch einmal steigt, ihr Namen, heut’ empor
In festlicher Erinn’rung Eichenkranze:
Ihr, Weißenburg und Wörth an Deutschlands Thor,
Du, Spichernhöhe, blutgetränkte Schanze,

25
Und du, Dreitagesschlacht, nach Leipzigs Art,

Der heute wir zehnjähr’gen Lorbeer winden –
Und Sedan du mit deiner Kaiserfahrt –
Wo ist ein Gleiches in der Welt zu finden?
Und selbst der Mauern alte Schmach gerochen:

30
Die Besten Straßburg, Metz, Paris gebrochen!


Und wie im Feld – daheim! Wie dort der Wunden,
So brannte hier der Herzen Angst und Pein.
Für Alles war ein Balsam nur gefunden:
Rastlose Sorg’ um unsre „Wacht am Rhein“.

35
Und über unsrer Todten Gräber woben

Den Schleier Dank und Ehre in dem Reich,
Das sie durch That und Tod emporgehoben.
So blieb für Weh’ und Heil die Wage gleich:
Es konnte mit dem Stolz die Trauer gehen,

40
Beim Siegerheimzug Flor und Fahne wehen.


Das Höchste war erlebt und war erreicht:
Ein neues „Dreizehn“ unserm Vaterlande,
Ein einig Reich, das keinem andern weicht,
Und deutsches Selbstgefühl in jedem Stande.

45
Stolz sahn wir auf die Zeit der Schmach zurück,

Die überwunden ward durch „Blut und Eisen“.
Der Freiheit Leuchte, deutscher Wohlfahrt Glück,
Des Rechtes Ordnung – so ward’s uns verheißen –
So hoch war uns vergönnt, uns zu erheben –

50
Das war Begeistrung; das war höchstes Leben. – – –


Zehn Jahre schwanden – – Feiern heute wir
Des Sieges Tage froh in freien Hallen?
Gesenkte Häupter seh’ ich dort und hier:
Ist in des Reiches Lenz ein Reif gefallen?

55
Wir spähen nach der Freiheit Leuchte aus

Und nach des Glückes Stern, ob er noch funkelt –
Und schauen trauernd, wie im Gotteshaus
Und in des Reiches Haus es drohend dunkelt.
Wir grüßen jedes Heldengrab mit Grämen,

60
Als müßten wir uns vor den Todten schämen.


Zehn Jahre – und die Freude ist vergangen
An unserm größten Jahr. Weß ist die Schuld?
Hat unser Volk die Wehre aufgehangen,
Froh seiner alten Kette, der „Geduld“? –

65
Nein, nein, und aber nein! Es konnt’ erlahmen

Auf Augenblicke wohl, doch nimmermehr –
Das schwören wir in seiner Todten Namen –
Giebt es der Freiheit Leuchte wieder her.
Du hehres Fest, stärk’ uns in diesem Glauben:

70
Das deutsche Volk läßt sich das Licht nicht rauben.
Friedrich Hofmann.




Frühlingsboten.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)

Edmund trat zu seinen Gästen, die ihn sofort in ihre Mitte nahmen, und in dem lauten fröhlichen Durcheinander des Aufbruches, in dem allgemeinen Abschiednehmen verschwand für die Gräfin jede Möglichkeit, ihm noch ein Wort zu sagen.

Die Herren eilten fort. Niemand hatte die kurze Scene zwischen Mutter und Sohn bemerkt, Niemand in ihrer Umarmung etwas Ungewöhnliches gefunden. Nur Oswald hatte das Auge nicht von den Beiden gelassen, und es folgte auch jetzt mit einem [530] seltsam forschenden Ausdruck der Gräfin, als diese das Zimmer verließ.

Sie wollte wohl dem Alleinsein mit ihrem Neffen entgehen; denn Hedwig hatte ihren Bräutigam hinunterbegleitet und sah vom Portal des Schlosses aus der Abfahrt zu.

Im Schloßhofe herrschte reges Leben. Eine Anzahl von Schlitten stand bereit, um die Herren aufzunehmen und nach dem ziemlich entfernten Jagdrevier zu führen. Die Dienerschaft eilte geschäftig hin und her; der Jäger des Grafen, der die Hunde an der Leine hielt, vermochte kaum deren Eifer zu zügeln, und auch die Pferde gaben ihre Ungeduld über das lange Warten durch Stampfen und Scharren kund.

Am unruhigsten zeigten sich die beiden schönen Rappen, die vor einen kleinen Schlitten gespannt waren, der nur für zwei Personen Raum bot. Es waren dieselben unbändigen Thiere, die damals den Unfall am Hirschberge veranlaßt und die Gräfin in Lebensgefahr gebracht hatten. Diese benutzte seitdem stets andere Pferde zu ihren Ausfahrten und hätte die Rappen am liebsten gar nicht mehr geduldet, aber Edmund hatte eine Vorliebe für die prächtigen Thiere, die allerdings ihres Gleichen suchten. Er hatte sie auch heute vor seinen eigenen Schlitten legen lassen, den er stets selbst führte, und trat soeben heran, um die Zügel aus der Hand des Dieners zu nehmen.

Es war alles bereit, aber die Abfahrt verzögerte sich noch eine Weile. Irgend eine Bemerkung des jungen Grafen mußte eine Debatte hervorgerufen haben, die von den Herren sehr lebhaft erörtert wurde. Man stritt augenscheinlich für und wider eine Sache; das laute Sprechen und Lachen drang bis zu Oswald herauf, aber die geschlossenen Fenster hinderten ihn, die Worte zu verstehen. Edmund sprach am lebhaftesten, einige der älteren Herren schüttelten die Köpfe und schienen abzumahnen. Endlich war die Sache erledigt; man ordnete sich zur Abfahrt, und auch Edmund nahm in seinem Schlitten Platz. Aber er fuhr seltsamer Weise allein; der Sitz an seiner Seite blieb leer, auch der Kutscher blieb auf seinen Wink zurück, während er selbst Zügel und Peitsche ergriff.

Die Jäger grüßten noch einmal nach dem Portale hin, wo die Braut des Schloßherrn stand. Auch Edmund that das, wie all die Uebrigen, dann aber richtete sich sein Blick empor zu den Fenstern seiner Mutter. Die Gräfin mußte wohl jetzt dort erscheinen; denn das Auge ihres Sohnes hing unverwandt an jenem Punkte. Er warf einen Gruß hinauf, viel leidenschaftlicher und inniger als der, welcher vorhin seiner Braut galt, und in diesem Augenblick brach es mitten durch den so gewaltsam festgehaltenen Uebermuth, wie ein wildes, verzweifeltes Weh. In dem Abschiedsblick, der zu der Mutter emporflog, lag etwas wie eine stumme, flehende Abbitte. Dann sauste die Peitsche nieder, daß die feurigen Rosse sich hoch aufbäumten und im Davonstürmen den Schnee unter ihren Hufen aufstäuben ließen. Die übrigen Schlitten folgten und mit lautem fröhlichem Lärm eilte der Jagdzug dahin.

Oswald war wie im plötzlichen Schrecken vom Fenster zurückgetreten.

„Das sah ja aus wie ein Abschied!“ murmelte er. „Was soll das bedeuten? Was hat Edmund vor?“

Er verließ das Gemach und wollte rasch durch das anstoßende Zimmer dem Ausgange zuschreiten, als ihm Eberhard begegnete, der soeben vom Hofe heraufkam.

„Weshalb gab es noch einen Aufenthalt vor der Abfahrt?“ fragte Oswald hastig. „Was hatten die Herren vor, und weshalb fuhr der Graf allein in seinem Schlitten?“

„Es gilt eine Wette,“ sagte Eberhard mit bekümmerter Miene. „Der Herr Graf will über den Hirschberg fahren.“

„Ueber den steilen Hirschberg? So unmittelbar nach einem Schneefall? Das ist ja gefährlich.“

„Ja, das meinten die anderen Herren auch, aber der Herr Graf verspottete sie wegen ihrer Aengstlichkeit und wettete, er werde, wenn er über den Hirschberg fahre, eine volle Viertelstunde früher in den Forsten sein, als die Anderen. Da half kein Abmahnen und keine Bitte, auch nicht die des gnädigen Fräuleins, die Wette wurde gehalten. Wenn nur nicht gerade die wilden Rappen –“

„Wer hieß denn auch gerade heute die unbändigen Thiere vor den Schlitten meines Vetters legen?“ unterbrach ihn Oswald. „Er fährt ja meist mit den Schimmeln.“

„Es war ausdrücklicher Befehl des Herrn Grafen. Er kam vor dem Frühstück eigens herunter, um es anzuordnen.“

„Und der Kutscher? Weshalb blieb der zurück?“

„Auch auf Befehl! Der Herr Graf wollte durchaus ohne Begleitung fahren.“

Oswald sagte kein Wort. Er ließ den alten Diener stehen und eilte ohne weiteres Besinnen hinüber zu den Zimmern seiner Tante. Die Gräfin stand noch am Fenster, obwohl der Jagdzug längst verschwunden war. Sie wußte nichts von der Scene, die heute Morgen bei ihrem Sohne stattgefunden hatte, aber sie mußte doch irgend etwas ahnen oder fürchten; denn ihre Hände waren wie in stummer Angst gefaltet und auf dem Antlitz, das sie jetzt dem Eintretenden zuwendete, lag eine tiefe Blässe.

Sie schrak zusammen, als Oswald so plötzlich und unangemeldet bei ihr erschien. Es war das erste Mal seit seiner Abreise, daß er ihr allein gegenüberstand. Gestern und heute Morgen hatten sie sich nur in Gegenwart der Fremden gesehen, und ihr Verkehr hatte sich auf eine kurze, förmliche Begrüßung beschränkt. Die Gräfin durfte keine Schonung von dem Manne erwarten, den sie als ihren bittersten Feind betrachtete, und der jetzt vollauf Ursache hatte, es zu sein. Wenn er auch seine gefährlichste Waffe großmüthig aus der Hand gegeben hatte, er kannte sie doch, und schon das gab ihm Macht genug über seine Tante. Aber diese Frau war von jeher nur ihrem Sohne gegenüber schwach gewesen, und so richtete sie sich den auch hier zur äußersten Abwehr entschlossen auf. Sie stand starr und kalt da, bereit keinen Schritt zu weichen, aber auf Alles gefaßt.

Doch nichts von dem, was sie erwartete und fürchtete, kam von den Lippen Oswald's. Er trat nur rasch heran und fragte mit halbunterdrückter Stimme:

„Was ist mit Edmund vorgegangen?“

„Mit Edmund? Was meinst Du?“

„Er ist furchtbar verändert seit unserer Trennung. Es muß irgend etwas geschehen sein, was ihn außer sich bringt und ihm zeitweise fast die Besinnung zu rauben droht. Ich glaubte anfangs den Grund zu errathen, sehe aber jetzt, daß ich mich vollständig getäuscht habe. Was ist geschehen, Tante?“

Ueber die fest zusammengepreßten Lippen der Gräfin kam kein Wort. Sie kannte am besten die unheilvolle Veränderung ihres Sohnes, aber diesem Manne gegenüber konnte sie das nicht eingestehen.

„Verzeih, daß ich eine peinliche Frage an Dich richten muß!“ fuhr Oswald fort. „Es gilt das Schlimmste zu verhüten, und da müssen alle andern Rücksichten fallen. Ich übergab bei meiner Abreise Deinem Bruder ein Päckchen. Ich sagte ihm ausdrücklich, daß es für Dich allein bestimmt sei, daß Edmund den Inhalt nicht kennen dürfe – hat er vielleicht dennoch – – ?“

Die sichtbare Unruhe und Aufregung ihres sonst so kalten, besonnenen Neffen gaben der Gräfin die Gewißheit einer Gefahr, die sie bisher nur geahnt hatte. Sie forschte angstvoll in seinen Zügen, als sie statt aller Antwort fragte:

„Warum ist Edmund allein gefahren? Und was bedeutete der Gruß, den er mir zuwarf? Du weißt es, Oswald.“

„Ich weiß nichts, aber ich fürchte Alles, nach der Scene, die heute Morgen zwischen uns vorfiel. Edmund hat eine tollkühne Wette gemacht. Er will jetzt, bei diesem Wetter, über den steilen Hirschberg fahren. Auf seinen ausdrücklichen Befehl sind die wilden Rappen vor den Schlitten gelegt worden und der Kutscher hat zurückbleiben müssen. Du siehst, es handelt sich hier um Leben und Tod, und darum muß ich die Wahrheit wissen. Kennt Edmund den Inhalt jenes Päckchens?“

Ein halbersticktes „Ja“ rang sich aus der Brust der Gräfin hervor. Mit diesem eine Worte gestand sie Alles zu, gab sie sich vollständig in die Hände ihres Neffen, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht einmal daran. Es handelte sich um Leben und Tod ihres Sohnes – was fragte die Mutter da nach dem eigenen Verderben!

„Um Gotteswillen, dann plant er etwas Schreckliches,“ fuhr Oswald auf. „Jetzt verstehe ich Alles.“

Die Gräfin stieß einen Schrei aus; auch ihr ging jetzt das Verständniß jenes Abschiedsgrußes auf.

„Ich muß ihm nach,“ sagte Oswald rasch entschlossen, indem er die Klingel zog. „Es ist kein Augenblick zu verlieren.“

„Ich – ich werde Dich begleiten,“ stieß die Gräfin hervor, [531] und wollte einen Schritt vorwärts thun, aber sie wankte und wäre gesunken, wenn ihr Neffe sie nicht gestützt hätte.

„Unmöglich, Tante, das erträgst Du nicht. Ueberdies sind die sämmtlichen Schlitten hinaus zur Jagd; es ist kein einziger mehr verfügbar, und mit dem Wagen kommen wir im Schnee nicht vorwärts. Ich werfe mich auf's Pferd und jage nach – das ist die einzige Möglichkeit, die uns noch bleibt.“

Er wandte sich zu dem soeben eintretenden Eberhard.

„Lassen Sie den englischen Fuchs satteln! So schnell wie möglich; ich muß dem Grafen folgen.“

Der alte Diener ging in voller Eile. Er sah, daß es galt, eine Gefahr von seinem jungen Gebieter abzuwenden.

Oswald war wieder zu der Gräfin getreten, welche sich zitternd und todtenbleich an einem Sessel hielt, und suchte sie zu beruhigen.

„Fasse Dich! Noch ist nichts verloren. Der Fuchs ist einer der besten Renner, und wenn ich über Neuenfeld reite, so schneide ich fast ein Drittel des Weges ab. Ich muß Edmund erreichen.“

„Und wenn Du ihn erreichst!“ rief die Gräfin verzweifelnd. „Er wird Dich nicht hören, so wenig wie mich und seine Braut.“

„Mich wird er hören,“ sagte Oswald mit tiefem Ernste, „denn ich allein kann den unglückseligen Conflict lösen. Hätte ich heute Morgen gewußt, was zwischen uns lag – es wäre nicht dahin gekommen. Wir sind ja nicht umsonst Freunde gewesen von unserer frühesten Kindheit an; wir werden auch das überwinden. Muth, Tante! Ich bringe Dir Deinen Sohn zurück.“

Die energische Entschlossenheit des jungen Mannes verfehlte nicht ihren Einfluß auf die geängstigte Mutter. Sie klammerte sich an die Hoffnung, die er ihr gab, klammerte sich an den gefürchteten, gehaßten Oswald wie an einen letzten Rettungsanker. Sie war keines Wortes mächtig, aber der Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, war so hülfeflehend, so herzzerreißend, daß Oswald tief erschüttert ihre Hand in die seinige schloß. In der Todesangst um den Einen, den sie beide mit der gleichen Innigkeit liebten, erlosch die jahrelang genährte Feindschaft, wurden Haß und Anklage begraben.

Oswald umfaßte die fast zusammenbrechende Frau und ließ sie sanft auf den Sessel niedergleiten; dann eilte er hinaus. Die Hoffnung, noch retten zu können, gab ihm Muth und Zuversicht, aber die Mutter, die thatenlos und verzweifelt zurückbleiben mußte, erlag fast der Angst. Sie wußte es ja, was es war, das ihren Sohn in den Tod jagte, und dieses Bewußtsein drückte das Siegel auf die Qual der letzten Wochen. Baron Heideck hatte Recht, die arme Frau wurde schwerer gestraft, als sie je gefehlt hatte. –

Eberhard hatte zur größten Eile getrieben. Das Pferd wurde bereits vorgeführt, als Oswald aus dem Schlosse trat; er schwang sich in den Sattel und jagte davon.

Es war mit Sicherheit anzunehmen, daß Edmund die freie Bahn der Landstraße gewählt hatte. Der bedeutend nähere Weg über Neuenfeld führte meist durch Wald und war so schmal und uneben, daß ein Schlitten ihn kaum passiren konnte. Für einen Reiter bot er keine Schwierigkeiten, und der Fuchs war in der That ein vorzüglicher Renner; seine Hufe berührten kaum den Boden, auf dem der Schnee dicht, aber doch nicht so hoch lag, daß er ein Hinderniß gewesen wäre. So ging es vorwärts, durch den in Frost und Eis starrenden Wald, über schneebedeckte Wiesen, durch ein Dorf, das wie ausgestorben in seiner Winterhülle dalag, vorwärts wie im Fluge, und doch immer noch zu langsam für die Ungeduld des Reiters.

Oswald zweifelte keinen Augenblick, daß es hier galt, eine Verzweiflungsthat zu hindern. Es mußte noch ein Mittel geben, diesen unglückseligen Conflict zu lösen. Wenn Oswald nicht anklagte und Rechenschaft forderte, so hatte Niemand ein Recht, das zu thun. Man konnte ja vor der Welt schweigen wie bisher und das Geheimniß begraben sein lassen. Die Beiden, die es zunächst anging, konnten sich die Hände reichen und sich geloben, daß das Haus Ettersberg hinfort zwei Söhne haben solle – und mitten hinein in all diese Hoffnungen und Entwürfe klang immer wieder die Erinnerung an jenes Gespräch am Abende vor der Abreise Oswald's, klangen ihm Edmund's Worte: „Ich könnte nicht leben mit dem Bewußtsein, daß ich einen Makel mit mir herumtrage. Ich muß mit freier Stirn dastehen können vor der Welt und vor mir selber.“

Der Weg mündete jetzt in die Landstraße, wo sich ein freier Ausblick bot. Oswald hielt einen Augenblick sein Pferd an und spähte suchend umher, aber vergebens. Er sah nichts, als die weite weiße Fläche, in einiger Entfernung die dunklen Tannen des Hirschberges und weiter hinaus den grauen Nebel des trüb verschleierten Wintertages. Ringsum war alles öde, kein lebendes Wesen zu erblicken. Die Hoffnung, Edmund den Weg abzuschneiden, erwies sich als trügerisch. Er mußte schon voraus sein, weit voraus – die Spur seines Schlittens zeigte sich deutlich in dem frischen Schnee. Jetzt zum ersten Mal drohte Oswald's Zuversicht zu schwinden, aber er wollte nicht hören, was die schlimme Ahnungen ihm zuflüsterten, sondern gab seinem Roß die Zügel und jagte weiter, bis er am Fuße des Hirschberges anlangte und der ansteigende Weg dem Galopp ein Ziel setzte.

Der nicht allzu hohe, aber sehr steile Hirschberg galt für einen sehr unbequemen Uebergang und wurde gern vermieden. Er war überhaupt nur mit Vorsicht zu passiren; man mußte den Wagen vollständig in der Gewalt haben und der Pferde sicher sein, wenn man diesen Weg wählen wollte. In solcher Jahreszeit vollends waren die eis- und schneebedeckten Abhänge geradezu gefährlich; das erfuhr auch Oswald, der mehr als einmal sein Pferd vor dem Stürzen bewahren mußte. Zum Glück war er ein ebenso geschickter, wie besonnener Reiter, und das kam ihm hier zu Statten, aber mit jeder Minute, die verrann, mit jeder Windung des Weges, die sich vor ihm aufthat, ohne den Gesuchten zu zeigen, wuchs seine Angst. Er trieb das Roß mit Peitsche und Sporen vorwärts, ohne sich und ihm einen Moment Ruhe zu gönnen. Alles Andere trat zurück vor dem einen Gedanken: „Ich muß ihn erreichen!“

Und er erreichte ihn. Das Pferd gewann jetzt schnaubend die Höhe und trabte einige Minuten lang auf ebenem Boden dahin. Drüben senkte sich der Weg wieder steil abwärts. Noch war die Spur des Schlittens sichtbar, aber kaum hundert Schritt weiter, gerade an dem jähesten Abhange, war der Schnee aufgewühlt und zertreten, wie von bäumenden, stampfenden Rossen. Die niedrige Hecke, die den Weg säumte, war durchbrochen, zerrissen, die jungen Tannen am Abhange geknickt, als sei ein Sturmwind darüber hingefahren, und unten in der Tiefe lag eine dunkle, bewegungslose Masse – der Schlitten und die Pferde, zerschmettert im jähen, fürchterlichen Sturze.

Bei diesem Anblicke verließ auch Oswald die Besonnenheit. Er dachte nicht mehr an die eigene Gefahr, sondern jagte auf Leben und Tod den Weg hinunter. Unten angelangt, sprang er vom Pferde und drang in die Schlucht ein.

Der Schlitten lag in Trümmern, die Pferde auf und unter demselben, und einige Schritte davon – Edmund, regungslos auf dem Boden ausgestreckt. Er war im Sturze hinausgeschleudert worden; dies und der hier unten dicht und hoch liegende Schnee hatten ihn vor dem eigentlichen Zerschmettern bewahrt, aber der felsige Grund war trotz alledem verhängnißvoll geworden, das zeigte das Blut, das aus einer Wunde am Hinterkopf strömte und den weißen Schnee ringsum röthete.

Oswald hatte sich neben seinem Vetter auf die Kniee niedergeworfen und versuchte, das Blut zu stillen und den Bewußtlosen in's Leben zurückzurufen. Anfangs waren all seine Bemühungen vergebens. Endlich, nach langen, todesbangen Minuten schlug Edmund die Augen auf, aber der matte, umflorte Blick schien noch nichts zu erkennen. Erst bei dem Ton von Oswald's Stimme, bei dessen angstvollen Fragen kehrte langsam und allmählich das Bewußtsein zurück.

„Oswald!“ sagte er leise. Es war wieder der alte, innige Herzenston, den er stets für den Jugendfreund gehabt hatte. All die Bitterkeit, die wilde Erregung der letzten Stunden waren wie ausgelöscht in diese schmerzvollen, aber ruhigen Zügen.

„Edmund, warum hattest Du nicht Vertrauen zu mir?“ brach Oswald aus. „Warum mußte ich erst jetzt erfahren, was Dich in den Tod trieb? Ich bin Dir nachgejagt, aber ich kam zu spät, vielleicht nur um Minuten.“

Das schon halb verschleierte Auge Edmund's belebte sich und richtete sich fragend auf den Sprechenden.

„Du weißt –?“

„Alles!“

„Dann wirst Du es auch begreifen,“ sagte Edmund matt. „Daß ich auch Dir lügen mußte, daß ich Dein Auge nicht mehr [532] ertrug, das hat am schwersten auf mir gelastet. Jetzt ist es vorbei – Du wirst noch heute Majoratsherr in Ettersberg sein.“

„Um den Preis Deines Lebens!“ rief Oswald außer sich. „Ich kannte ja längst das Geheimniß; das unselige Bild ist ja in meinen Händen gewesen, ehe Du es erblicktest. Ich bewahrte Dich fast gewaltsam davor; denn ich wußte, daß Du daran sterben würdest. Und nun war es doch umsonst; das ganze Opfer ist vergebens gebracht worden. Nur ein offenes Wort heut Morgen zwischen uns, und alles wäre noch gut geworden.“

Edmund machte eine schmerzlich verneinende Bewegung.

„Nein, Oswald, das wäre es nie. Ich konnte die ewige Lüge dieses Lebens nicht tragen, nicht die ewige Scham vor den Menschen und vor mir selbst. Ich habe es ja versucht, wochen-, monatelang. Du weißt nicht, was ich gelitten habe seit jener fürchterlichen Stunde. Nun ist es gut. Du trittst in Deine Rechte, und das Andenken meiner Mutter bleibt rein – es war nur so zu lösen!“

Oswald hielt den Sterbenden in den Armen. Er sah, daß jede Hülfe hier zu spät kam. Es war unmöglich, das Blut zu stillen, unmöglich, das fliehende Leben aufzuhalten; nur die letzten Worte konnte er noch von den Lippen nehmen, die sich nun für immer schlossen.

„Meine Mutter – sage ihr, ich hätte es nicht tragen können – leb' wohl!“

Edmund's Stimme erlosch; seine schönen dunklen Augen verschleierten sich, vom Tode überschattet – nur wenige Minuten noch, und Oswald kniete auf dem schneebedeckten Boden – neben einem Todten. Er drückte seine Lippen auf die Stirn des Geschiedenen, und Niemand hörte mehr seine verzweiflungsvolle Frage:

„Allmächtiger Gott! Mußte das so enden?“




Schon zweimal waren die Schwalben gekommen und gegangen, seit sich die Gruft über Edmund von Ettersberg geschlossen hatte. Jetzt trugen sie zum dritten Male den Frühling in das Land, und wie die Erde nach dem eisigen Frost und Schnee des Winters in neuer Pracht erblühte, so rang sich auch aus den Thränen, die an jenem Grabe geflossen waren, ein neues Lebensglück empor.

Der Tod des jungen Grafen Ettersberg hatte in allen Kreisen die höchste Bestürzung und Theilnahme hervorgerufen, an der die Persönlichkeit Edmund's wohl einen ebenso großen Antheil hatte, wie das schreckliche Ereigniß, dem er zum Opfer fiel. So jung und schön, so reich und glücklich, im Begriff sich zu vermählen! Und nun an einer tollkühnen Wette, an einem bloßen Uebermuth zu Grunde zu gehen, den Armen der Mutter und der Braut entrissen zu werden, ohne daß diese auch nur einen letzten Blick von ihm empfingen – es war ein furchtbares Schicksal!

Wie lebensvoll, wie heiter war der junge Graf noch unmittelbar vor der schrecklichen Katastrophe gewesen! Den geheimen, furchtbaren Zusammenhang ahnte Niemand. Edmund hatte erreicht, was er gewollt: seine Mutter blieb rein von jedem Verdachte, und der wahre Erbe trat in seine Rechte.

In Ettersberg selbst hatte sich im Laufe der letzten beiden Jahre vieles verändert. Der jetzige Majoratsherr, Graf Oswald, auf den mit den Gütern auch der Titel seines verstorbenen Vetters übergegangen war, nahm es ernst mit den Pflichten seiner neuen Stellung. Der Schicksalswechsel, der ihn betroffen, war so jäh und unerwartet, wie er nur selten in das Leben eines Menschen eingreift. Der in Abhängigkeit und Unterdrückung aufgewachsene Oswald, der selbst, als er sich dieser Abhängigkeit entriß, nur einem Leben voll ernster, sorgenvoller Arbeit entgegenging, wurde urplötzlich zum Herrn des ganzen reichen Familienbesitzes. Seine juristische Laufbahn war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte; denn wenn seine Beziehungen zu dem väterlichen Freunde in der Residenz, der ihm damals Schutz und Beistand angeboten hatte, auch ebenso herzlich blieben, so konnte doch von einer Rückkehr dorthin nicht mehr die Rede sein.

Es traten jetzt andere, größere Aufgaben an Oswald heran, und er widmete sich ihnen mit der ganzen Energie seines Charakters. Seine kräftige Hand entriß die lange vernachlässigten Güter dem Verfall, gerade in dem Moment, wo derselbe unabwendbar zu werden drohte, und führte sie jetzt langsam, aber sicher wieder zu ihrer früheren Höhe zurück. Fast das ganze Beamtenpersonal wurde gewechselt und die Verwaltung vollständig umgestaltet; die bedeutenden Summen, welche früher der glänzende gräfliche Haushalt beansprucht hatte, waren seit zwei Jahren ausschließlich zur Hebung der Güter verwendet worden.

Der neue Majoratsherr lebte vorläufig noch einsam und ziemlich zurückgezogen in seinem Schlosse und machte noch nicht die mindeste Anstalt, eine Wahl für seine künftige Heirath zu treffen. Dieser letzte Umstand befremdete einigermaßen in den Kreisen der Nachbarschaft. Man fand, daß der Graf, der jetzt in seinem neunundzwanzigsten Jahre stand, wohl an eine Vermählung denken könne, ja daran denken müsse, da er der einzige und letzte Sproß des Ettersberg'schen Geschlechtes war. Es fehlte nicht an mancherlei Plänen und Bemühungen, deren Ziel diese nunmehr so glänzende Partie war, aber bis jetzt war noch Alles vergebens gewesen.

Ganz ähnliche Pläne und Erwartungen gaben sich auch in Bezug auf Brunneck von verschiedenen Seiten kund. Die Hand der jungen Erbin war ja nun wieder frei geworden, wenn das Zartgefühl für's Erste auch noch jede directe Bemühung verbot. So allgemein und aufrichtig die Theilnahme für die Braut des verstorbenen Grafen auch gewesen war, so nahm man doch an, daß ein achtzehnjähriges Mädchen nicht ewig um den entrissenen Bräutigam trauern werde, und manche Wünsche und Hoffnungen, denen jene Verlobung ein Ende gemacht hatte, tauchten jetzt von Neuem wieder auf.

Vorläufig war aber auch hier Alles umsonst; denn Hedwig entzog sich allen Annäherungsversuchen, indem sie noch vor Ablauf der Trauerzeit Brunneck verließ, um die Mutter Edmund's nach Italien zu begleiten. Die Gräfin war schwer leidend seit dem Tode ihres Sohnes, und das Uebel machte, allen angewandten Mitteln zum Trotz, so stete und bedenkliche Fortschritte, daß die Aerzte nur noch von einem längeren Aufenthalt im Süden eine Rettung hofften. Man fand es sehr aufopfernd, daß Fräulein Rüstow die Heimath und sogar den Vater verließ, um die Kranke zu begleiten. Man wußte eben nicht, daß Hedwig sich um jeden Preis der Heimath entziehen wollte, um eine Schranke zwischen sich und Hoffnungen zu legen, deren Verwirklichung ihr jetzt noch wie ein Vergehen an dem Todten erscheinen mußte.

Fast anderthalb Jahre hatten die beiden Damen im Süden zugebracht. Die ungeduldige Bitten und Mahnungen des Oberamtsraths zur Rückkehr fanden kein Gehör bei seiner Tochter. Sie schützte stets das Befinden der Gräfin vor, die sie weder verlassen könne noch wolle. Jetzt endlich waren die Reisenden wieder zu Hause eingetroffen, mit Rüstow, der ihnen eine Strecke entgegengereist war und nun mit seiner Tochter nach Brunneck zurückkehrte, während die Gräfin sich nach Schönfeld begab, das sie seit dem Tode Edmund's bewohnte. –

Es war am zweiten Tage nach der Rückkehr der Damen, als der Oberamtsrath, wie gewöhnlich, mit seiner Cousine im Balconzimmer saß. Er war voller Freude, seine Tochter endlich wieder zu haben, und ganz entzückt über ihren Anblick nach der langen Trennung. Er behauptete, sie sei viel schöner, viel klüger, viel liebenswürdiger geworden, und der Ausbruch seines Vaterstolzes gipfelte in der feierlichen Erklärung, daß er seinen Liebling jetzt nun und nimmermehr wieder von sich lasse.

Die Cousine war diesmal ausnahmsweise derselben Meinung, aber bei den letzten Worten schüttelte sie den Kopf und erwiderte mit einer gewissen Betonung:

„Sie sollten das nicht mit solcher Bestimmtheit aussprechen, Erich. Wer weiß, ob man Ihnen nicht auch hier in Brunneck den ausschließlichen Besitz Hedwig's streitig macht.“

„Das werde ich mir verbitten,“ fiel Rüstow ein. „Ich zweifle nicht, daß die Gräfin sie am liebsten wochenlang in Schönfeld haben möchte, aber daraus wird nichts. Ich habe mein Kind lange genug entbehrt und will endlich auch einmal zu meinem Vaterrechte kommen.“

„Graf Ettersberg,“ fragte die Cousine, „war ja wohl auf der Bahnstation, als Sie vorgestern mit den Damen ankamen?“

„Gewiß. Es war sehr rücksichtsvoll von ihm, daß er selbst kam, um seine Tante zu empfangen und nach Schönfeld zu geleiten. Nebenbei wollte er auch Hedwig bei der Ankunft begrüßen.“

„Ja wohl – so nebenbei!“ sagte das Fräulein halblaut, aber mit einem sehr spöttischen Zucken der Lippen.

(Schluß folgt.)
[533]
Die Gartenlaube (1880) b 533.jpg

Der kleine Eifersüchtige.
Nach dem Gemälde von L. Horovitz.

Der Hansel ist mein kleiner Mann;
Ich lieb' ihn — das geht Dich nichts an.

Du schlägst nach ihm? Lieb Brüderlein,
Willst Du allein mein Mann denn sein?

Dann laß den Hansel mir in Ruh,
Er ist so gut und schön, wie Du!

Sieh', wie er da im Kissen steckt,
Voll Angst — so hast Du ihn erschreckt.

Ein Küßchen, Schelm? Ich geb' Dir ein's
Und auch dem Hansel ein ganz klein's.

Nun sieh mir lieb den kleinen an —
Du bist ja doch mein großer Mann.

[534]
Das „Schiller-Album“ im Schiller-Hause zu Weimar.
(Schluß.)

Friedr. von Wichert, königl. Hofrath, Bureau-Vorsteher und Bibliothekar bei der königl. Regierung in Königsberg in Preußen, widmet Schiller „im ersten Halbjahr 1848“ ein Sonett dessen Terzinen lauten:

„– – Wohl schwiegest Du nicht länger,
Du unser Stolz, Du edelster der Sänger,
   In solcher Zeit, wo Deutschland groß erstand.

Du ließest jetzt nicht ,blühn nur im Gesange
Das Schöne’, nein, Du sängst mit vollem Klange
  Von schöner That, vom deutschen freien Land.“

Ludwig Storch, der alte Dichter und Patriot und jetzt ältester Mitarbeiter der „Gartenlaube“, legt im August 1848 in Gotha seine Ansicht über die nationale Bedeutung von Goethe und Schiller im Album nieder, und namentlich den zum Kosmopolitismus verführenden Idealismus Schiller’s bekämpfend, kommt er auf den Schluß, den wir hier mittheilen müssen:

„Schiller schrieb 1795 unter Anderem an Jacobi: ‚Wir wollen dem Leibe nach Bürger unserer Zeit sein und bleiben, weil es Nicht anders sein kann, sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen und Dichters, zu keinem Volke und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes Zeitgenosse aller Zeiten zu sein.‘ Dies ist Schiller’scher Idealismus, der, auf das Leben angewandt, sich verflüchtet und uns einem trostlosen Kosmopolitismus anheim giebt. Nein, wir Alle, nicht Philosophen und Dichter allein, sondern das ganze Volk, wir wollen, und nicht blos dem Leibe nach, sondern auch dem Geiste nach, mit allen Kräften desselben, Zeitgenossen unsrer Zeit, Bürger unsres Staats, echte Söhne unsres deutschen Vaterlandes sein und bleiben, und nicht etwa, weil es nicht anders sein kann, sondern aus freier Liebe und lebendiger Ueberzeugung; wir wollen Partei nehmen für uns und unsre gute Sache, für ein freies deutsches Bürgerthum; wir wollen uns festklammern an dieses partikulare Deutschland, wir wollen uns mit Leib und Seele an den bestimmten Zeitangelegenheiten betheiligen. Das ist unsre große und schöne Aufgabe, das ist das unabweisbare Bedürfniß unsres Jahrhunderts. Darum kein starres Schillerthum, so wenig wie ein starres Lutherthum! Vielmehr ewig frisches Ringen und Streben nach Ausbauung und Vollendung des Lebens nach allen Seiten hin, von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und erhöht. Schiller und Luther seien uns und unsern Nachkommen ideale Leitsterne, leuchtende Vorbilder, zu streben und groß zu sein in Gesinnung und That.“

Roderich Benedix, der Leipziger Lustspieldichter und Volksmann, schrieb im October 1848 in Köln am Rhein unter Anderem:

„Blitzartig durchzuckte in diesem Jahr der Gedanke, der Freiheit alle deutschen Volksstämme, und alle erhoben sich zu kräftiger That. – So rasch aber hätte der Blitzfunke der Freiheit nicht gezündet, wenn er keinen Brennstoff in den Gemüthern der Deutschen gefunden: – das war die Liebe zur Freiheit, genährt durch Schiller, der wahrhaft der Freiheitsapostel des deutschen Volkes ist. Jahre lang haben wir uns an den Gestalten eines Verrina, eines Posa, Tell, Stauffacher begeistert und ihre – Schiller’s – unsterbliche Worte leben nicht blos in unserm Gedächtniß, sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Die Geschichte des Jahres 1848 ist vorzugsweise Schiller’s Werk!“

Leopold Schefer, der berühmte Dichter des „Laienbrevier“, widmete zu Muskau am ersten Donnerstag im December 1848 dem Album folgende Dichtung:

                  „Die wahren Potentaten.

Ich stand auf hohem Berge im Maienabendroth,
Da sagte mir ein Wandrer: ‚Gott! – Schiller, der ist todt!‘ ‚Unmöglich!‘ sprach ich damals, ‚unmöglich ist er todt!‘
Er lebte mir im Herzen, als Sonn’ im Morgenroth;
Und jetzt in diesen Tagen erst rief ich laut: ,Er lebt!‘
Er hat mit Macht im Volke am Vaterland gewebt!
Den Tag, der uns umleuchtet, hat Er mit vorgebracht;
Die Todten leben göttlich! Sie sind die größte Macht!
Die großen Genien herrschen in stiller Ewigkeit –
Die kleinen Herrn regieren danach ihr Stündchen Zeit.
Im Geist der Menschen herrschen gar andre große Herrn!
Sie sterben nicht; begraben, bleibt erst ihr wahrer Kern.
Ein solcher Potentate war Schiller allen Herrn
Und allen Völkern eben. Er steht als Feuerstern
Klar über unsrer Erde und schauet jetzt uns gern!
Der Schiller herrscht in Deutschland, und noch auf Erden fern
Und fern in allen Zeiten. Ihn wählet Euch zum Herrn,
Begrüßt ihn alle Morgen als heil’gen Morgenstern.
Schaut Ihn als Posa drängen, als starken Tell Ihn thun.
Vor Brüderfeindschaft warnen, im Freiheitskampf nie ruhn!

Ebenfalls noch im December 1848 schrieb Heinrich König in Hanau in’s Album:

„Schiller hinterließ bei seinem leider! zu frühen Tode, außer dem edelsten Vermächtniß seiner menschlichen und poetischen Begeisterung für die Freiheit, das Legat eines liebenswürdigen Irrthums, den er mit seiner kosmopolitischen Zeit theilte. – ‚Das vaterländische Interesse’ – schreibt er an Körner – ‚ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt.’ – Doch gerade jene Begeisterung löste diese Täuschung. Denn so wie die erste, unserm großen Dichter nachwachsende Generation das Vaterland von fremder Unterdrückung befreite, erwachte das nationale Selbstgefühl, das zuerst durch Franzosenhaß – seit 1813 – dann durch französische Sympathien – seit 1830 – zuletzt durch entschlossene Haltung gegen Frankreich – seit 1840 – fortwährend unter einheimischer Bevormundung, zum Selbstbewußtsein der letzten Märztage reiste. Wir wissen nun, daß das Ewig-Menschliche, dem Schiller huldigte, sich nur in den Eigenthümlichkeiten der Völker offenbart. Sind wir nun aber auch durch wirkliche Reife zum vaterländischen Interesse gekommen, so erinnert doch leider! so vieles in den Bewegungen, wodurch wir jenes Interesse in’s Leben einführen wollen, an Schiller’s ‚unreife Nationen’. Könnten wir doch heut noch einmal des Dichters reine und edle Begeisterung in uns erwecken, die, weit entfernt von unserm Taumeln, die hohe Göttin Freiheit nicht fasennackt und ohne das edle Gefolge von Mäßigung und Humanität, von Würde und Ehrerbietung auf den Thron eines großen Volkes setzen wollte, das sich selbst bisher der höchsten Ansprüche und des herrlichsten Glücks einer freien Nation für so würdig hielt!“

J. M. von Radowitz, der preußische General, Staatsmann und Gelehrte, einer der bedeutendsten Männer und besten Redner des Frankfurter Parlaments:

„Innerlich Freiheit, äußerlich Maß in Allem und Schranke,
Das ist des Lebens Gesetz, wie zu dem Menschen es spricht.

Frankfurt am Main, den 18. Februar 1849. Im neunten Monat des ersten deutschen Parlaments geschrieben.“

Friedrich Wilhelm Schlöffel, aus Schlesien, Reichstagsabgeordneter in Frankfurt am Main, einer der edelsten, muthigsten und entschiedensten Männer der ersten „deutschen constituirenden Nationalversammlung“, preist den Sänger der Freiheit in sechs Distichen, deren Geist wir aus den beiden folgenden erkennen:

„Lernet doch männlich reif die Worte der Muse zu deuten!
Sittliche Freiheit sei Herold der wirklichen nur!“

„Endet entschlossen den Bau auf des Menschenrechts mächtigen Pfeilern:
Thatloses Staunen belohnt nimmer des Dichters Verdienst.“

Der Schluß eines längeren Gedichts, das Moritz Hartmann dem „Schiller-Album“ widmet, lautet:

„Ein treuer Freund ist mir das Volk – symbolisch –,
Das herbergt, birgt und schützt in seinem Schooß
Die Männer, die verfolgt und obdachlos
Den neuen Glauben lehren apostolisch.
So war es stets – so wird es immer sein
Das Volk wird nach des Dulders Worte dürsten,
Und die bedroht von Kerkern ihrer Fürsten –
Die schließt das Volk in seine Herzen ein.

Frankfurt a. M. Paulskirche 27/2. 49.“

Eduard von Peucker, 1848 Reichskriegsminister, preußischer General, schreibt in’s Album am 1. März 1849:

„Nur in der vollkommenen Gleichheit aller Pflichten liegt die sichere Bürgschaft für die Erhaltung gleicher Rechte Aller. Gleichheit vor dem Gesetz und persönliche Ableistung jeder Wehrpflicht als unablösliche Ehrensache, sowohl für den Aermsten, als für den Reichsten, müssen als die wichtigsten Träger jeder Heeresverfassung angesehen werden etc. – Nur einer Heeresverfassung, welche gestattet, alle Kräfte des Landes zu seinem Schutze verfügbar zu machen, ist die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes anzuvertrauen, nur in ihr ist der feste Unterbau zu suchen, auf welchem Deutschland, seiner selbst würdig, den ihm gebührenden politischen Standpunkt behaupten kann. Wenn daher Deutschland, als das Herz Europas, mit frischen und kräftigen Pulsschlägen auf seine Lebensthätigkeit einwirken will, so wird es jeden Tropfen Blutes seiner Söhne in seiner Wehrverfassung aufnehmen und seinen Heeren durch die Vereinigung aller moralischen Kraft und geistigen Bildung seiner Gaue jene höhere Weihe der edelsten Begeisterung, der Vaterlandsliebe und der Intelligenz ertheilen müssen, welche allein den Stand des Kriegers zu adeln, ihn aus den Tiefen roher Kraft auf den Gipfel geistiger Höhe zu erheben vermag.“

[535] Hoher Beachtung Werth ist die folgende Album-Gabe:

„'Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd’ er in Ketten geboren?'

So sang der unvergeßliche Schiller.

Wollten doch Alle dem wahren Geist dieser Worte folgen, wahrlich es wäre mehr Freiheit unter uns. Lebte Schiller jetzt, sähe das allgemeine Ringen und Sehnen nach Freiheit, sicher würde er in das Chaos rufen: ,sucht erst unter Euch der Einheit Blüthe zu entfalten, dann reift die Frucht der wahren Freiheit – die des Geistes – sicher, und dann erst habt Ihr mich richtig erfaßt.’

Dem, was den Jüngling begeisterte, des Mannes Brust mächtig hob, dem zum Lohne verkündeter Wahrheit und vertheidigter Menschenrechte sieben Jahre lang Eingekerkerten Trost und Beruhigung gewährte, und dem Vertrauen auf den endlichen Sieg rechtlicher Freiheit zur festen Stütze diente – den Grundsätzen der Geistes- und Charaktergröße unseres unsterblichen Schiller – bringt, wenn auch mit zitternder Hand, an der Schwelle seines 75. Lebensjahres, dennoch mit inniger Pietät den Zoll seiner Verehrung anmit gerne dar

Bamberg, im März 1849.

Dr. Wilh. Jos. Behr,

vormals Professor der Rechtswissenschaften, dann erster Bürgermeister zu Würzburg, zuletzt Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung.“

Ebenso beachtenswert ist die folgende Inschrift eines ebenso edlen wie begabten Mannes, welchem die „Gartenlaube“ (Jahrgang 1869, Nr. 1, im Artikel „Banz und der Pater Roman“, S. 7) eine Erinnerung gewidmet hat:

„Schiller! Dein großer Geist hat alle Zeiten gelebt, auch die, welche Dein sterbliches Auge nicht sah, denn in der Seele des Dichters spiegelt sich das All, wie in der Natur. Der See, der, vom Föhn aufgewühlt, hier brandet, ist auch ein Beweis davon; Dein Fuß betrat nie sein Gestade und dennoch malt es uns Dein herrliches Gedicht so wahr, als habest Du die Farben dazu aus dem Duft seiner Berge und aus dem tiefen Grün seiner Fluth geschöpft. Theuer gemacht hast Du ihn dem Herzen aller Generationen und ihn mit jenem ewigen Glanz umwoben, welcher dem Morgenlicht gleicht, wenn es die hohen Firnen des Axenberges vergoldet. – Dieser See – o Schiller! – ist auch das Bild meiner Zeit; Baumgarten, der die Hände flehend nach einem Retter ausstreckt – ist er nicht Dein und mein Volk? Doch ihm erscheine kein Tell, es durch die Brandung zu steuern: – es vertraue der eigenen Kraft, die es – ach! so lange mißachtet hat. Nicht nach Frankfurt oder Berlin soll es sich umschauen nach seinen Helfern: daß sie dort nicht sind, fängt es endlich an – zu erkennen.

Dies in Dein Album, Schiller, von einem der Millionen Deiner Verehrer.

Coburg, im März 1649.
Gustav von Heeringen.“

Christian Friedrich Winter, der Vater, Buchhändler und Bürgermeister in Heidelberg, ein tapferer Freiheitsmann, schrieb im März 1849 in’s Album:

„Frei muß man denken, streben und schreiben, das Gedachte, Gesprochene, Gedruckte verbreiten dürfen, wenn das Rechte, Gute und Wahre gedacht und ausgesprochen werden soll. Worte aus meiner Motion am 5. Juni 1819 für Preßfreiheit in der badischen Kammer.“

Dr. Christian Reinhold, Professor der Rechte in Tübingen, theilt einen „Prolog“ mit, eine Dichtung, die ganz ein Gedankenspiegel jener Sturmperiode ist und von welcher wenigstens die erste Hälfte hier Platz finden muß.

März 1849.

„Was soll das Spiel in dieser wilden Zeit,
Wo Alles aus den Fugen scheint zu brechen?
Die Fürsten steh’n, die Völker kampfbereit,
Die Tänze schweigen, die Kanonen sprechen;
Im Osten grollt’s, der Czar ist nicht mehr weit.
Sein Pferd tränkt der Kosak in deutschen Bächen;
Und – während wir vor Stenographen hadern,
Spritzt schon das Blut der Freiheit aus den Adern.

Es war ein Frühlingleuchten angebrochen.
Die Feuerzeichen flammten auf den Bergen;
Den Diplomaten war in’s Herz gestochen.
Sie eilten, sich in Winkeln zu verbergen.
Man sah das Volk an die Paläste pochen.
Die Fürsten bebten zwischen ihren Schergen;
Nun that die harte Faust sich auf zum Segnen,
Und mit Versprechen fing es an zu regnen.

Das war die Zeit, wo Kronen wohlfeil waren.
Das Volk besann sich seiner Majestät,
Es kam, um’s alte Banner sich zu schaaren.
So wie ein einig Volk von Brüdern geht,
Das allzu lang der Trennung Schmach erfahren; –
Wie herrlich stand’s nun da, noch kaum geschmäht!
Was man schon lange nur auf Karten fand.
Da stand’s – das eine deutsche Vaterland.

Auf ewig schien der alte Haß verbannt,
Der uns’re Reih’n so blutig oft gespalten.
Dem Welfen reicht der Ghibellin die Hand,
Der Sachse will es mit den Schwaben halten.
Vereint steht Katholik und Protestant
Und läßt die Stirn den Jesuiten falten.
Ein Frühling war da lachend aufgesprungen,
Wie ihn kein deutscher Dichter noch besungen.“

Max Joh. Ganganelli Seidel, der Regisseur des Hoftheaters in Weimar, weihet dem Album einen „Nachruf an Schiller im Jahre 1849“ in Sonettform. Es ist ein Klagegesang auf die schon damals wieder gesunkene „Freiheit“, dessen letzte Verse lauten:

„Ist frei die Red’? Sind keine Kerker offen?
Sind Deutschlands Fürsten Eins mit ihrem Volke?
Dann hat das Volk auch Gutes nur zu hoffen!
Doch ach! – noch trübet manche finstre Wolke
Den Horizont; ‚Unsterblichkeit‘ hienieden,
Wie Dir, ist unsrer Freiheit nie beschieden.

Weimar, den 18. März.“

Carl Moering, k. k. Hauptmann im Geniecorps, Reichstagsabgeordneter für Wien in Frankfurt am Main, datirt:

„Am Tage der Zerreißung Deutschlands durch die Kaiserwahl, den 28. März 1849.“

Georg Waitz, der berühmte Geschichtsforscher, Abgeordneter des ersten holsteinischen Wahlbezirks der verfassunggebenden Nationalversammlung, schreibt prophetisch:

„Weimars Fürstentochter erzieht den Sohn, von dem Deutschland für das kommende Menschenalter die feste Leitung seiner Geschicke hofft. Wenn die Väter ihm Kraft und Treue zu überliefern haben, so möge der Sinn für die freie geistige Einigung der Nation, wie sie Weimar einst in dem Bunde der Dichter darstellte, ihm als ein mütterliches Erbe zufallen.

Geschrieben in Frankfurt in den Ostertagen 1849.“

Adolph Schoder, würtembergischer Regierungsrath, der charakterfeste und volkstreue Parlamentsmann von 1848, läßt sich vernehmen:

„‚An’s Vaterland, an’s theure schließ Dich an,
Das halte fest, mit Deinem ganzen Herzen.‘

(Schiller’s ‚Wilhelm Tell‘.)

Möchte diese Aufforderung in den jetzigen Tagen, wo entschieden werden soll, ob die von der deutschen Nationalversammlung beschlossene und verkündigte Reichsverfassung in’s Leben treten werde, in jedes Deutschen Brust dringen! Durch die Einführung dieser Verfassung erst wird den Deutschen das lang entbehrte Vaterland wieder geschenkt. Welcher Deutsche ein Vaterland will, der schaare sich um die Verfassung und unterordne seine persönlichen Ansichten über die beste Staatsform dem höheren Zwecke.

Frankfurt am Main, den 17. April 1849.

Adolph Schoder.“

Noch im April 1849 schreibt Eduard von Bauernfeld in Wien:

„Die deutsche Literatur war unser wahres Vorparlament, unsere geistige Freiheit der Vorläufer der politischen. Der Samen des Wortes, der von Luther und Hutten bis Goethe und Schiller und Börne in den deutschen Volksboden gestreut ward, ist zur vollen reifen Saat, gediehen, die jetzt nur – des Schnitters harrt.“

Ebenfalls vom April 1849 stammt die Inschrift des alten Justinus Kerner in Weinsberg:

„Du würdest, könnte man Dich wecken,
Zu schauen dieses Treiben an.
Erschauern tief und rufen dann:
‚Ja, ja! Der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn!‘“

Jakob Venedey, einer der Führer der Linken im Frankfurter Parlament (vergl. „Gartenlaube“ 1871, S. 297), klagte im Juni 1849:

„Im März des Jahres 1848 sah es fast so aus, als ob das deutsche Volk zum Selbstbewußtsein erwacht wäre, im Juny 1849 lag es in Angst und Demuth wieder auf den Knieen, auf dem Bauche und winselte. Wenn heute ein Deutscher mit einem so großen und so feinen Herzen wie der Schiller lebte, es würde brechen bei dem Gedanken an die Schmach des deutschen Volkes. Der festeste Glaube schwankt, das unwandelbarste Vertrauen in die Zukunft Deutschlands bricht zusammen. Und doch hat ein Schiller dem deutschen Volke gelebt, und doch lebt ein Schiller im Herzen des deutschen Volkes! Der Same wird nie untergehen; wie wenig Früchte er auch bis jetzt getragen hat, er wird einst auf die rechten Felder fallen. Wer aber heute, im Juni 1849, Schiller’s Werke ohne Erröthen lesen kann – für den hat kein Schiller gelebt, kein Schiller gedichtet.“

[536] Jakob Robert Steiger, der schweizerische Patriot und Staatsmann, durch sein politisches Märtyrerthum in Luzern und vom Sonderbundskrieg her eine geschichtliche Person, schrieb am 18. August 1849 für das Schiller-Album Folgendes nieder:

„Kühn wallt mit philosophischem Geiste den Völkern voran die Phantasie des unsterblichen Dichters – kaum noch Gedanke, ein Wort, ein Nebelgebilde. – Aber dem Embryo gleich, erhält das dunkle Gebilde, der Gedanke, das Wort Fleisch und Bein und wird ein lebenskräftig Geschöpf. Wenn oft unförmlich im Beginn, wie der Adler beim Durchbrechen des Ei’s, erreicht die einmal zur That werdende Idee bald die Kühnheit des ersten Gedankens, und die erst gaffende Menge jauchzt zuletzt selbst Triumph dem leitenden Geist zu.

Den Glauben an die Gewalt der Idee lasse im Glück und im Unglück sich Niemand rauben. Dem Unterdrückten ist er der leitende Stern in der Nacht des verfolgenden Schicksals, dem Unterdrücker ein blutig Gespenst für die mißbrauchte Gewalt – Allen die Aussicht des Lohns für den geistigen Werth.

Nicht verzagt! Der deutsche Geist wird eine Wahrheit sein, wie in der Idee, so in der That!“

Zehn Jahre nach der großen politischen Weihe der Paulskirche widmete Bernhard Endrulat dem Album den folgenden Dank, welcher den Schluß unserer Mittheilung bilden mag:

„Als Deutschland unter’m Schritt der Fremden stöhnte,
Da schiedest du, sein bester Geist, von hinnen.
Du sahst nicht mehr das Freiheitswerk beginnen,
Sahst nicht den Sieg, der uns’re Fahnen krönte!

Doch fort und fort dein heil’ger Name tönte;
Dein Geist sprach feurig zu des Jünglings Sinnen,
Scholl ihm im Sturz erstürmter Feindeszinnen,
Und wo der Feldschlacht Riesendonner dröhnte.

So warst du dennoch bei uns, hoher Sänger,
Und deiner Feldherrnschaft ist heiß zu danken,
Daß wir entledigt sind der fremden Dränger.

Du siegtest längst im Reiche der Gedanken
Da trug dein Volk die Schmach des Druck’s nicht länger:
Es schritt dir nach, und alle Fesseln sanken!“

Wenn ich jetzt noch einmal die beiden Album-Bände mit ihren mehr als zweihundert Blättern im Geiste überschaue, so drängt sich mir doch das Gefühl der Verpflichtung auf, noch auf manchen Namen in denselben hinzuweisen, der in unserem engen Rahmen keinen Platz fand.

Vor Allen wollen wir, eben weil es bei der jüngeren Generation nicht mehr Sitte ist, das Alter ehren. Die drei ältesten Einzeichner sind der damals achtzigjährige Hofschauspieler Graff in Weimar, der ebenso alte Geheime Medicinalrath Meyer in Minden und Graf Christian Ernst von Bentzel-Sternau, der Staatsmann und Schriftsteller, der, von seinem Humor noch im zweiundachtzigsten Jahre nicht verlassen, sondern jung erhalten, zwei Jahre später, 1851, auf seinem Landsitze Marienhalde am Zürichsee starb. Aus dem Fürstenstande finden wir den König Oscar von Schweden, den Fürsten Heinrich LXII. von Reuß-Schleiz, die Fürstin Caroline von Schwarzburg-Rudolstadt, den Fürsten Lynar in Dresden; Schiller’s Familie ist noch vertreten durch Schiller’s Schwester Christophine (Reinwald), Ludw. von Gleichen (Schiller’s Enkel), und Schiller’s Töchter Emilie von Gleichen-Rußwurm und Caroline Junot, sowie endlich durch Charlotte von Schiller, des Dichters Gattin.

Zahlreich und sinnig haben die Künstler aller Art dem Dichter ihre Huldigungen dargebracht: durch Inschriften die berühmtesten Namen der Bühne (Auguste Crelinger, L. Dessoir, E. Devrieut, Th. Döring, A. Haizinger etc.), durch Compositionen die Tonmeister (Chelard, W. Ernst, Hiller, Lindpaintner, Lortzing, J. C. Lobe, Drouet etc.) und endlich die Maler (wie Achenbach, Crola, Gegenbaur, C. G. Hammer etc.) durch Bilderschmuck. Hier müssen wir ganz besonders auch Professor Thon und Fräulein Angelika Facius, die Bildhauerin, nennen, welche, jener durch ein Titelblatt, diese durch ein Schiller-Portrait, den Einband künstlerisch ausstatten halfen.

Die im Album vertretenen Schriftsteller, Gelehrten, Dichter und sonstigen Verehrer Schiller’s hier aufzuzählen, wird man uns gern erlassen. Wer auf dem geweihten Boden Weimars weilt, wird es nicht versäumen, auch das Schiller-Haus zu besuchen und das Album aufzuschlagen. Muß doch schon der eine Reiz dazu verlocken, auf diesen Blättern die eigene Handschrift so vieler berühmter und bedeutender Männer und Frauen zu sehen und ihnen geistig dadurch näher zu kommen; denn die Handschrift verräth ja viel vom innersten Menschen, und wir finden sie von allen Arten, von der Verschnörkelung, welche die Eitelkeit liebt, bis zu den ruhigen und festen Zügen des vertrauenswürdigen Charakters, vom raschen Striche der Jugend bis zu den zitterigen Zeilen der Greise. Aus allen aber spricht das, was unser Eingangsgruß uns sagt, wie hoch unser Schiller in den Herzen aller Deutschen steht, wie innig „das deutsche Volk ihn liebt.

Friedrich Hofmann.

Zur Geschichte der Socialdemokratie.
Von Franz Mehring.
9. Die Attentate und das Socialistengesetz. Schluß.

Ueber den Zusammenhang der Attentate Hödel’s und Nobiling’s mit der socialdemokratischen Agitation ist viel gestritten worden; so lange die Wirkungen dieser frevelhaften Verbrechen so tief in unser öffentliches Leben einschneiden, wie gegenwärtig noch, wird der Streit auch niemals aufhören. Für den ruhigen und unbefangenen Beobachter ist die Frage aber eigentlich keine Frage mehr. Es ist zunächst nicht nur zweifellos, daß die Führer der deutschen Socialdemokratie die scheußlichen Thaten weder gefördert noch auch nur gewünscht haben, sondern man kann selbst dreist sagen, daß sie Alles daran gesetzt haben würden, dieselben zu verhindern, wenn sie nur die leiseste Ahnung gehabt hätten, daß solche Dinge bevorständen.

Dies ist aber nur eine Seite der Sache. Anders liegt die Frage, ob die Attentate unter die Folgen der socialdemokratischen Agitation zu rechnen sind. So, wie dieselbe in dem vorigen Abschnitte dieser Darstellung geschildert worden ist, konnte sie eine dreifache Wirkung ausüben. In besonders festen und starken Naturen unter den Arbeitern mochte sie einen revolutionären Trotz erwecken, welcher dieselben zwar in einen finsteren und unheilvollen Gegensatz zu der Mehrheit ihrer Volksgenossen brachte, aber sie persönlich in gewissem Sinne zum Denken, Forschen, Ueberlegen, zum eisernen Zusammenfassen aller ihrer Kräfte anspornte. Solche Gestalten treten auch mannigfach in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie auf, verbissene, aber in ihrer Art ehrliche und treue Naturen.

Anders die große Masse der Arbeiter, die in den wirren Strudel der Bewegung gerissen wurde. Sie wurde entmannt und entnervt wie durch einen Opiumrausch; sie lernte aus der Lehre der neuen Propheten nichts, als Unlust zur Arbeit, Unzufriedenheit mit ihrem Loose und der ganzen Welt, nichts als eine anmaßende Selbstüberhebung, die auch eigene Verschuldung nur im Lichte der ungerechten Einrichtungen von Gesellschaft und Staat sah. Die Fabrikinspectoren schildern übereinstimmend die Arbeiter in allen Gegenden, welche ergiebige Werbeplätze der Socialdemokratie waren, als ein dumpfes, träges, jeder thatkräftigen Selbsthülfe unfähiges Geschlecht. Ihre Berichte entwerfen beispielsweise das dunkelste und trübste Bild von den Arbeiterzuständen im Regierungsbezirk Düsseldorf, der ältesten Heimstätte der kommunistischen Lehren im Preußischen Staate; grauenerregend sind ihre Schilderungen von der geistigen Dumpfheit und Stumpfheit der dortigen Massen, von der gänzlichen Verwahrlosung der Jugend, von dem Ueberhandnehmen des Schnapstrinkens, von dem Kost- und Quartiergängerwesen, das scheußlicher Unzucht einen bequemen Platz am Herde der Familie bietet. Ja, in diesem Bezirke häufen sich selbst jene traurigsten Fälle, in denen die Eltern, entgegen dem schützenden Gesetze des Staats, ihre Kinder in die „Lohnsklaverei“ der Fabriken schleppen wollen, und nur die Barmherzigkeit der „Schlotjunker“ verhindert, daß die Heranwachsende Jugend von Grund aus verwüstet wird. Alles in strenger Consequenz des geflügelten Wortes von Marx, daß die [537] Arbeiter noch zehnmal unglücklicher werden müßten als sie gegenwärtig sind, ehe die Saaten des internationalen Arbeiterbundes aufgehen könnten.

Endlich aber in faulen und schlechten Naturen weckte die socialdemokratische Agitation herostratische Gelüste. Die Frechheit, mit welcher sie die besitzenden und gebildeten Classen in allen ihren Gliedern als verkommen, die Arbeiter dagegen als edle und reine Menschen darstellte, bezauberte jeden dummen Jungen, der nichts gelernt hatte und auch nichts lernen wollte, aber begeistert die Aussicht ergriff, durch Bummeln und Schwatzen und sonstigen öffentlichen Unfug „berühmt“ zu werden. Dieser Größenwahn äußerte sich in mannigfachen Formen und verschiedenen Graden. Die Einen ergaben sich den brodlosen Künsten des Agitirens und Colportirens; die Anderen wurden „Schriftsteller“, zeichneten. als Strohmänner verantwortlich die Zeitungen der Partei und büßten mit harten Geld- und Gefängnißstrafen für die Verleumdungen der Demagogen; die Dritten „vermöbelten“, um in ihrer zarten Sprache zu reden, die „wissenschaftlichen“ Größen der „Bourgeoisie“; die Vierten suchten sich bemerkbar zu machen durch pöbelhafte Beschimpfungen des Reichsoberhauptes; die Fünften schritten vom giftigen Worte zur giftigen That, wie Hödel und, ihn nachahmend, Nobiling.

In diesem Sinne eine schwere Mitschuld des communistischen Wühlerthums an den Attentaten leugnen zu wollen, ist ein ganz vergebliches Beginnen. Hödel war sicherlich ein verkommener und verlotterter Bube, ehe er sich der Socialdemokratie anschloß; er wäre es auch nach allem menschlichen Ermessen geblieben, wenn er nie die Partei kennen gelernt hätte, aber so wie er war, wäre er aus eigenem Antriebe eher auf jedes andere Verbrechen verfallen, als auf den Kaisermord, wenn seine Theilnahme an dem umstürzlerischen Treiben nicht herostratischen Größenwahn in ihm gezüchtet hätte.

Die rasche Nachfolge, welche sein Verbrechen fand, die rohen Aeußerungen nichtswürdiger Schadenfreude, die überall aus den Massen hervorbrachen, bewiesen vollends, daß hier ein organisches Leiden vorliege, welches die höchste Aufmerksamkeit der Gesetzgebung erheische.

Die Folge der Attentate war bekanntlich die gesetzliche Unterdrückung der socialdemokratischen Agitation. Auch das Urtheil über diese Maßregel ist arg verwirrt durch der Parteien Gunst und Haß, weit ärger, als an sich nothwendig wäre. Man muß hier nur zwei ganz verschiedene Dinge aus einander halten. Der Satz, daß eine geistige Bewegung dauernd niemals durch äußere Mittel niedergehalten werden könne, ist richtig und unanfechtbar, aber wenn man ihn auf das Socialistengesetz in verurtheilendem Sinne anwenden will, so wird man doch zunächst nachzuweisen haben, daß die socialdemokratische Agitation eine geistige Bewegung gewesen ist. Der wissenschaftliche Socialismus freilich, ebenso wie das Streben der arbeitenden Classen nach einem höheren Antheil an den Schätzen der nationalen Cultur und des nationalen Wohlstandes, sind geistige Bewegungen; so weit in ihnen geschichtliches Recht enthalten ist, werden sie sich unwiderstehlich durchsetzen, und von einem Versuche, sie zu unterdrücken; gilt ganz und voll das Dichterwort:

Es wär’ ein eitel und vergeblich Wagen,
Zu fallen in’s bewegte Rad der Zeit.

Ganz anders steht es mit der socialdemokratischen Agitation. Sie war ein kühl berechneter und geplanter Versuch schlauer Demagogen, die bestehende Ordnung der Dinge gewaltsam umzustürzen. Sie war die politische Waffe einer politischen Partei; sie förderte mit roh revolutionären Mitteln roh revolutionäre Zwecke. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, die Waffe zu zerbrechen, die nach seinem Herzen gezückt wurde, war nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht des Staates, der, wie jeder lebendige Organismus, den Trieb der Selbsterhaltung hat, auf das Recht wie die Pflicht der Nothwehr niemals verzichten kann. Auch der freieste Staat wird offenen Aufruhr niederschlagen; ein derartiges Vorgehen ist einfach gleichbedeutend mit seinem Wesen und seinen Zwecken. In diesem Falle hatte die Socialdemokratie am wenigsten Recht, sich über Gewalt zu beklagen, welche Niemand anders auf der weiten Welt beschworen hatte, als sie selbst.

Ungleich bedeutsamer und weitertragend ist ein anderer Einwand gegen das Socialistengesetz: die Befürchtung nämlich, daß die äußerliche Stille, welche in grellem Gegensatze auf das wilde Toben der zügellosesten Demagogie gefolgt ist, die niemals allzu kraftvolle Initiative des Volks zur Beseitigung der socialen Mißstände und zur Beruhigung der irre geleiteten Massen vollends einschläfern wird. Und leider läßt sich nicht leugnen, daß diese Befürchtung ihren Grund hat, ja zum großen Theile schon eingetroffen ist. Soweit das Socialistengesetz wirken kann und soll, hat es gewirkt; mit unbarmherziger Sichel sind die hochwogenden Saaten der Revolution bis auf’s letzte Hälmchen niedergestreckt und über dem dürren Stoppelfelde heult schon der melancholische Herbstwind der inneren Zwietracht. Es ist eitel Unfrieden ausgebrochen im Lager der Weltumstürzler und Weltverbesserer; sie verschlingen und verzehren sich unter einander; Herr Most erklärt Herrn Liebknecht und Herr Liebknecht erklärt Herrn Hasselmann für einen Verräther; was kundige Urtheiler immer von dieser Spreu von Menschen geurtheilt haben, bestätigt sich vollkommen: der erste rauhe Windstoß hat sie von der Bildfläche gefegt. Käme es nur auf sie an, man könnte getrost der socialdemokratischen Bewegung die Grabschrift schreiben und den Leichenstein setzen.

Allein was die Grundquelle des Uebels angeht, die gerechten Beschwerden der Arbeiter über die Uebelstände, unter welchen sie leiden, so ist seit Erlaß des Socialistengesetzes kaum noch ein Spaten angesetzt worden, sie abzugraben. Alle schönen Vorsätze, die nach den Attentaten laut wurden, sind spurlos im Sande verlaufen; alle feierlichen Verheißungen, welche im Reichstage die Berathungen jenes Gesetzes begleiteten, sind verhallt, ohne ein Echo zu finden; alle tausendmal gehörten Betheuerungen, daß ohne organische Reformmaßregeln mit der bloßen Unterdrückung der socialdemokratischen Agitation nichts gethan sei, sind vergessen worden. Gesellschaft und Staat wetteifern in dieser verhängnißvollen Saumseligkeit. Jene ist matt und müde auf das alte bequeme Lotterbett zurückgesunken; sie läßt die Dinge gehen, als glaubte sie wirklich an das frivole Wort. „Nach uns die Sündfluth!“

In der Presse, im Vereins- und Versammlungsleben herrscht tiefe Stille über die wichtigste Frage des Zeitalters, es sei denn, daß die bekannten wohlwollenden, hunderttausendmal durchgekäuten Redensarten zum hunderttausend und ersten Male wiederholt werden. Nur Herr Stöcker treibt unermüdet die Socialreform in seiner Weise; er hat es den communistischen Demagogen glücklich abgesehen, wie sie sich räusperten und wie sie spuckten, und er liefert in seinen Versammlungen ein trauriges Zerrbild auf das, was sein sollte – auf alles, was sich Herz und Verstand, Wissenschaft und Würde nennt.

Nicht besser sieht es auf staatlichem Gebiete aus. Selbst die dringend notwendige Reform des Haftpflichtgesetzes, von dem durch hundertfache Beweise und das übereinstimmende Urtheil aller kundigen Stimmen feststeht, daß es in seiner jetzigen Form den socialen Frieden weit mehr stört, als fördert, ist noch nicht in Fluß gekommen. Ja, seitdem die Junker und Pfaffen in unseren Parlamenten das große Wort führen, scheint es, als ob unsere socialen Zustände mit Dampfkraft rückwärts revidirt, die besitzenden auf Kosten der arbeitenden Classen begünstigt werden sollen. Die neuen Steuern auf die notwendigsten Lebensmittel, namentlich die Korn- und Viehzölle, drücken die Lebenshaltung der Arbeiter vollends herab, belasten sie unverhältnißmäßig schwerer als die reichen und wohlhabenden Schichten der Nation. Das preußische Feld- und Forstpolizeigesetz löst glänzend eine Aufgabe, an welcher die geriebensten Demagogen der Socialdemokratie immer vergebens geräthselt haben: die Aufgabe nämlich, den communistischen Umtrieben einen bequemen und breiten Weg auf das platte Land zu eröffnen.

Ferner ist es ein offenes Geheimniß, daß mächtige Einflüsse gegen eine weitere Ausbildung des Instituts der Fabrikinspectoren arbeiten, es wohl gar wieder ganz verschwinden lassen möchten. Käme nun gar noch das Tabaksmonopol zu Stande, wie es fast zu Stande kommen zu sollen scheint, so würden einige hunderttausend ländliche und städtische Kleinbesitzer in das besitzlose Proletariat hinabgeschleudert und würde eine fast unerschöpfliche Quelle socialer Unzufriedenheit erweckt werden.

Das Alles eröffnet trübe Aussichten in die Zukunft. Es scheint, als ob, wie in aller Vergangenheit, so auch in aller Zukunft nur „die ungestüme Presserin, die Noth“, sociale Reformen hervorrufen könne. Ein letzter Lichtblick ist die rüstige Arbeit der Wissenschaft an der siegreichen Bewältigung der socialen Probleme. [538] Sie schreitet, unbekümmert um die Launen und Vorurtheile des Tages, ihrem hohen Ziele entgegen, sicher, daß eine ernste, gerechte und unparteiische Forschung nur zu Ergebnissen führen kann, welche das Glück, nicht das Unglück der Masse verbürgen. Die Entwickelung der deutschen Socialwissenschaft bietet, wie Roscher sagt, das Bild eines überaus reichen, vielseitigen Lebens, voll reifer Früchte und hoffnunggebender Blüthen dar. Mit raschen Schritten holen wir auf diesem Gebiete den Vorsprung anderer Völker ein. Werke, wie das monumentale Lehrbuch der politische Oekonomie von Adolf Wagner und Erwin Nasse, wie Held’s socialpolitische Arbeiten, die ebenso mannigfaltig wie verdienstvoll sind, wie Brentano’s lehrreiche Darstellung der englischen Gewerkvereine, Samter’s gelehrte und gründliche Untersuchungen des Eigenthums in seiner socialen Bedeutung, Scheel’s fein- und scharfsinnige Forschungen über den innern Kern der modernen Arbeiterfrage – um nur wenige von vielen trefflichen Namen zu nennen – enthalten eine Fülle der reichsten und tiefsten Belehrung, an welcher kein gebildeter Mann mehr achtlos vorübergehen sollte.

Hoffen wir, daß die Wissenschaft eine wirksamere Bahnbrecherin des socialen Friedens sein wird, als die Politik hat sein könne oder wollen! Drohend und ernst ist die Lage; in allen Gliedern der europäische Welt spukt das sociale Fieber. Vergebens sucht der laute Lärm des Tages das Grollen der unterirdischen Vulcane zu übertönen. Verhängnißvoller denn je schwankt die Wage der Weltgeschicke. Die heute athmen und leben, werde das Ende der nahenden Kämpfe nicht mehr sehen; erst aus ihren Gräbern werden die entscheidenden Würfel fallen. Aber ihr Thun und Lassen wird in erster Reihe maßgebend sein, ob die größte Frage des neunzehnten Jahrhunderts in friedlichen und glücklichen Fluß kommt oder nicht, ob auf unseren Tagen dermaleinst ruhen wird der Fluch oder der Segen der kommende Geschlechter.




Königs-Wusterhausen.
Von Fedor von Köppen.


Es muß ein seltsamer Herr gewesen sein, der sich auf der wüsten Landscholle an der Vereinigung der Nolte und Dahme zwischen Sumpf und Haide vor Jahrhunderten sein festes Haus erbaute. Seltsamlich, fast mürrisch starrte auch bei unserem Besuche, den wir von Berlin aus mittels der Görlitzer Eisenbahn dem etwa drei Meilen in südöstlicher Richtung entfernten Flecken Königs-Wusterhausen abstatteten, der alte Schloßbau auf uns herab. Die beiden hohen Ziegeldächer zu beiden Seiten des hervorspringenden runden Thorthurms trugen eine mächtige Schneelast; auch die Bäume, welche theils in größeren und kleineren Gruppen, theils einzeln, sich von dem nahen Forste bis an das Schloß hinziehen, ließen ihre beschneiten und mit Eiszapfen behangenen Zweige schwer herniederhängen und sahen aus wie bezopfte Riesen. Ringsum herrschte tiefe Stille und der alle Bau glich in dieser Vereinsamung mehr einer verzauberten alten Burg, als einem kaiserlichen Lust- und Jagdschlosse der Gegenwart.

Als die Hohenzollern von der Mark Brandenburg Besitz ergriffen, fanden sie das Schloß – das, wie die Tradition berichtet, zur Zeit des Lützelburger Karl's des Vierten als einstöckiger fester Bau mit Zinnen und Wartthurm dem jetzt ausgestorbenen Geschlechte von Torgau gehörte – bereits in der jetzigen Gestalt und im Besitze der Familie von Schlieben. Ob auch die Schlieben von dieser Burg aus ähnlichen Neigungen nachgingen, wie ihre Zeit- und Standesgenossen, die Quitzow, die Rochow und die Edlen Gänse zu Putlitz oder wie jene späteren, die das Volkssprüchlein nennt: die Köckeritz und Lüderitz, die Itzenplitz und Kracht – darüber verlautet nichts Gewisses. Jedenfalls änderten sich die Zeilen bald, und Wusterhausen ging gegen Erde des fünfzehnten Jahrhunderts in die Hände der Schenk von Schweinsberg über. Allmählich hatten aber auch die Hohenzollern die herrlichen Wusterhäuser Forsten und ihren Wildreichthum schätzen gelernt. König Friedrich der Erste kaufte die Herrschaft Wusterhausen (1697) von seinem Staatsminister von Jena, um dieselbe seinem damals zehn Jahre alten Sohne, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, zu schenken, der sich schon in seiner Jugend als ein tüchtiger Jäger erwies und manches schöne Stück Wildpret in den Wusterhäuser Forsten erlegte.

Das stille Wusterhausen wurde der Lieblingsaufenthalt des Prinzen. Hier war er nicht mehr an das lästige Ceremoniell gebunden, welches ihm am Hofe seines Vaters verhaßt war. Hier konnte er die zierlich gekräuselte Allonge-Perrücke, die von Goldbrokat strotzenden Kleider der Berliner Hoftracht von sich werfen und im einfachen Jagdkleide durch Wald und Fluren streifen oder dem edlen Waidwerke nachgehen; hier fand er in einem großen, wohlverschlossenen Schranke in langen Linien seine Gewehre aufgestellt, die, sämmtlich spiegelblank, von vorzüglicher Güte und Schönheit waren. Hier errichtete sich der Prinz seine eigene Jagdcompagnie, auf deren militärische Ausbildung er bald seine ganze Sorgfalt verwandte. Die zu den größeren Jagden aufgebotenen Treiber aus Wusterhausen und den Nachbardörfern – meistens junge, zehn- bis fünfzehnjährige Bursche – wurden militärisch in Reih und Glied gestellt. Sie vertauschten die Stöcke, mit denen sie sonst durch die Waldungen klapperten, mit kleinen hölzernen Gewehren und empfingen den Prinzen beim Beginn der Jagd, indem sie nach den unzähligen künstlichen Tempos des damaligen Reglements das Gewehr präsentirten. Dreißig der größten und ansehnlichsten Bursche wurden militärisch bekleidet mit weißen Stiefeletten, Beinkleidern und Kamisolen und von dem Prinzen selbst einexercirt. Fehler im Exerciren oder in der Propretät wurden von ihm mit Arrest oder mit dem Stocke bestraft, den er bald meisterlich handhaben lernte.

Diese dreißig jungen Jagdgardisten wurden in drei Glieder rangirt; das erste Glied, in welchem die größten standen, erhielt Grenadiermützen, das zweite und dritte Füsiliermützen. So bildete sich an dieser Duodezarmee jener soldatische Sinn heran, der Friedrich Wilhelm' s Regierung zu einer, wenn auch nicht vorzugsweise kriegerischen, doch zu einer durchweg militärischen gestalten sollte. Unter jenen dreißig Wusterhäuser Jagdsoldaten wuchsen fünf zu einer ungewöhnlichen Leibesgröße heran. Diese bevorzugte der Kronprinz ganz besonders, stellte sie seinem königlichen Vater, wenn dieser zur Jagd nach Wusterhausen kam, mit Stolz vor, und an ihnen zeigte sich zuerst seine merkwürdige Vorliebe für „lange Kerle“, die nach und nach sich zu einer ihn völlig beherrschenden Leidenschaft entwickelte. Als Friedrich Wilhelm (im Jahre 1709) den Feldzug in Flandern mitmachte, nahm er einen Theil dieser seiner Spielsoldaten mit in's Feld, und als er (1713) den Thron bestieg, wurden die sämmtlichen dreißig Wusterhäuser dem ersten Bataillon des Leibregiments einverleibt, desselben Regiments, welches unter der Bezeichnung der „großen Potsdamer Garde“ bald eine europäische Berühmtheit erlangte. Die Tradition hat auch die Namen Einiger der ersten großen Wusterhäuser Jagdsoldaten aufbewahrt. Sie nennt vor Anderen den langen Strux und den lange Rasemann, deren Nachkommen noch heute in Gräbendorf bei Wusterhausen leben, unter den Stammvätern jener weltberühmten Potsdamer Riesengarde.

Unter König Friedrich Wilhelm dem Ersten änderte der Ort auch seinen Namen. Das alte Wendisch-Wusterhausen ward nun in Königs-Wusterhausen umgetauft und zugleich zum Hauptorte des Kirchspiels erhoben – eine Neuerung, mit welcher sich übrigens der Particularismus der Nachbardörfer nicht einverstanden erklärte; ja, die Einwohner der letzteren wollten lieber ganz vom Gottesdienste zurückbleiben, als nach Königs-Wusterhausen in die Kirche gehen. So geschah es, daß der König mit der königlichen Familie und den wenigen Personen seines Hofstaates einige Sonntage außer dem Pfarrer und dem Küster die einzigen Anwesenden beim Gottesdienste waren. Aber Friedrich Wilhelm hatte seine Mittel, um die Leute zum Kirchenbesuche anzuhalten. Er ließ einige Compagnien Grenadiere in die übrigen Dörfer des Kirchspiels – Schenkendorf, Deutsch-Wusterhausen, Hoher-Löhme, Nieder-Löhme, Senzig und Zeesen – als Einquartierung legen und befahl, daß am nächsten Sonntag die Grenadiere sämmtlich ihre Wirthsleute mit in die Kirche bringen sollten. So geschah es, daß die Leute buchstäblich in die Kirche „getrommelt“ wurden. Nachdem dies einige Sonntage nach einander wiederholt worden, gewöhnten sie sich [539] allmählich daran, die Königs-Wusterhäuser Kirche als ihre Hauptkirche anzusehen, und kamen nun auch von selber, ohne auf die Trommel zu warten.

Obschon Lieblingsaufenthalt Friedrich Wilhelm's des Ersten, scheint Schloß Wusterhausen zu seiner Zeit in seiner inneren Einrichtung noch wenig Behagen und namentlich wenig Befriedigung für den ästhetischen Geschmack geboten zu haben, auch wenn wir den Schilderungen der feinsinnigen und geistvollen, aber etwas zur Uebertreibung neigenden Prinzessin Wilhelmine, späteren Markgräfin von Bayreuth, nicht ganz unbedingten Glauben beimessen möchten.

„Das Gebäude“ – so erzählt die Markgräfin in ihren Denkwürdigkeiten – „war von einem Erdwall und einem Graben umgeben, dessen schwarzes und fauliges Wasser dem Styxe glich.[1] Drei Brücken verbanden dasselbe mit dem Hofe, mit dem Garten und mit einer gegenüberliegenden Mühle. Der nach vornhin gelegene Hof war durch zwei Flügel flankirt, in denen die Herren von des Königs Gefolge wohnten, auf der dritten durch ein Staket geschlossen, an dessen Eingange man zwei Bären – beiläufig gesagt, sehr böse Thiere, welche Jedermann anfielen und erschreckten – als Schildwachen angebunden hatte. Mitten im Hofe befand sich ein mit vieler Kunst angelegter Springbrunnen zum Gebrauche für die Küche. Meine Schwester[2] und ich hatten für uns und unser ganzes Gefolge nur zwei Zimmer oder vielmehr zwei Dachstübchen. Wie auch das Wetter sein mochte, wir aßen zu Mittag immer im Freien unter einem Zelte, das unter einer großen Linde aufgeschlagen war. Bei starkem Regen saßen wir bis an die Waden im Wasser, da der Platz vertieft war. Wir waren immer vierundzwanzig Personen zu Tische, von denen drei Viertel jeder Zeit fasteten; denn es wurden gewöhnlich nur sechs Schüsseln aufgetragen, und diese waren so schmal zugeschnitten, daß ein nur halbwegs hungriger Mensch sie mit vieler Bequemlichkeit allein aufzehren konnte. Der König saß nie länger bei Tische als bis ein Uhr; er schlief dann bis zweieinhalb Uhr auf einem Großvaterstuhl im Freien, der ärgsten Sonnenhitze ausgesetzt. Wir hatten dieses Vergnügen mit ihm zu theilen und mußten auf der Erde zu seinen Füßen liegen. . . . In Berlin hatte ich das Fegefeuer, in Wusterhausen aber die Hölle zu erdulden. . . .“

Es ist lange her, seitdem Prinzessin Wilhelmine so geschrieben, aber noch heute werden wir bei Betrachtung der inneren Räume des Schlosses und ihrer einfachen, beinahe kasernenhaften Einrichtung lebhaft in die Zeit Friedrich Wilhelm's des Ersten zurückversetzt. Geräumige, etwas düstere Hallen (weil das Tageslicht nur durch die tiefen Fenster an einer der schmalen Seiten Einlaß findet) durchziehen das Schloß seiner ganzen Länge nach. Aus denselben führen an den beiden langen Seiten Thüren in die angrenzenden Logirzimmer.

Eine uralte Linde, wahrscheinlich dieselbe, unter welcher Prinzessin Wilhelmine sich nasse Füße holte, steht auf der dem Schloßgarten zugekehrten Seite. Die Bären am Eingange des Schloßhofes, welche die Prinzessin erschreckten, sind seit lange nicht mehr zu erblicken; dafür steht am Eingange einer der Jagdhallen ein ausgestopfter gewaltiger Bär mit gefletschtem Rachen hoch aufgerichtet; er ist wohl angethan, dem arglos eintretenden Besucher für den ersten Augenblick Schrecken einzuflößen; er ist ein Geschenk des in Berlin wohnenden Hoflieferanten Ewest für Kaiser Wilhelm. Die Wände der Hallen sind mit Geweihen geschmückt; eine Merkwürdigkeit für Jäger in einer derselben ist das große Geweih eines Hirsches, der mit diesem zwischen den Aesten eines Baumes hängen geblieben. Während das arme Thier qualvoll verenden mußte, wuchsen die grünen Zweige um das Geweih herum lustig weiter und haben sich allmählich der Art mit dem Geweih verschlungen, daß das letztere aus dem Baume selbst hervorzuwachsen scheint.

Auf den Consoletischen – außer einigen Stühlen den einzigen Möbels in diesen Räumen – sieht man die mächtigen Schädel einiger Keiler mit den gewaltigen Fangzähnen, ihrer furchtbaren Waffe gegen die verfolgende Meute. Nach dem Umfange dieser Schädel zu schließen, scheint auch die thierische Generation, welche zu Friedrich Wilhelm's Zeiten in den Wusterhäuser Wäldern hauste, eine ungewöhnliche Größe erreicht zu haben. Heutzutage schießt man so große Keiler hier nicht mehr. Ein merkwürdiges Möbel finden wir in dem ehemaligen Schlafgemache des Königs, nämlich seine „Waschtoilette“ oder vielmehr – wie der uns führende Diener richtiger sagte – seinen „Waschstein“, einen großen Sandsteinblock mit hölzerner Umkleidung und mit einer tiefen, muldenartigen Aushöhlung, auf deren Boden sich eine Oeffnung zum Abfluß des Wassers mit einem Verschlußsteine oder Verschlußzapfen befindet. Man sagt, daß der König, welcher bekanntlich einer der reinlichsten Menschen war, diese Toilette wohl zwanzigmal des Tages benutzte. Das Mittagsmahl wurde unter Friedrich Wilhelm dem Ersten, wie schon Prinzessin Wilhelmine berichtet, nach der Jagd gewöhnlich im Freien, im Schloßgarten, eingenommen:

„Dann saß vor dem Schlosse der fürstliche Jäger
Bei fröhlicher Tafel, das Wildpret darauf;
Die Treiber vom Dorfe, die Hüter und Heger,
Sie füllten die Krüge und warteten auf“ –

Der König pflegte einen starken, waidmännischen Appetit zur Tafel mitzubringen, und es ist nicht erklärlich, wie er mit demselben bei der schmalen Kost – wie Prinzessin Wilhelmine sie schildert – bestehen konnte.

In einem Saale des oberen Stockwerks versammelte sich die berühmte Abendgesellschaft des Königs, das „Tabakscollegium“. Von den hölzernen Stühlen, die an der langen hölzernen Tafel stehen, sind einige von dem Könige selbst gezimmert worden; er hatte es in diesem Gewerbe zu einer gewissen Fertigkeit gebracht; die übrigen sind in späterer Zeit den ersteren nachgebildet worden. Auch die Köpfe, welche aus den Rahmen an den Wänden mit größtentheils sehr nüchternen Mienen herabschauen, sind Portraits von dem Pinsel dieses Königs, die er zum Theil „in tormentis pinxit“ (unter gichtischen Leiden gemalt), obgleich wir nach dieser Unterschrift, die wir unter den lebensgroßen Portraitfiguren seiner Leibriesen im Potsdamer Schlosse häufig erblicken, hier vergebens suchten. Die Originale besaßen übrigens sonst keine andere Berühmtheit, als daß sie eben einmal vom Könige gemalt zu werden die Ehre hatten. In einem anderen Zimmer des Wusterhäuser Schlosses finden wir von des Königs Hand das Bild einer badenden Susanna, über einem Ruhebette hängend, an welches sich eine kleine Anekdote knüpft. König Friedrich Wilhelm dachte nämlich nicht gerade gering von seiner Kunst und sprach öfters selbstgefällig die Ansicht aus, daß er von derselben ganz gut würde leben können, wenn er auch nicht König wäre. Um den Beweis beizubringen, ließ er jenes Bild der badenden Susanna einem Berliner Kunsthändler zum Kaufe anbieten. Dieser zögerte auch nicht, dem Könige den Preis von hundert Thalern dafür zu bieten und wirklich zu zahlen. Er stellte dasselbe darauf in seinem Schauladen zum Verkaufe aus, nachdem er ein Plakat daran befestigt mit der Aufschrift: „Gemalt von Seiner Majestät, dem Könige Friedrich Wilhelm dem Ersten.“ Diese Unterschrift zu diesem Bilde schien dem Könige doch bedenklich, um so mehr, weil sich nun täglich eine Menge Menschen vor dem Schauladen sammelte, um an der badenden Susanna die Kunstfertigkeit des königlichen Malers zu bewundern. Er wünschte deshalb, den Handel rückgängig zu machen. Aber der industrielle Kunsthändler erwiderte dem königlichen Kammerdiener, welcher den Auftrag hatte, ihm die hundert Thaler zurückzuzahlen und dafür das Bild wieder abzuholen: er lebe von dem Handel mit Kunstwerken und könne daher das Gemälde nicht zu demselben Preise verkaufen, den er selbst dafür gezahlt habe. Wolle der König das Bild wieder haben, so möge er nun dreihundert Thaler dafür geben. Schwer entschloß sich der sparsame König, einen so hohen Preis für sein eigenes Gemälde zu zahlen, aber er mußte doch wohl oder übel einwilligen und rückte mit den geforderten dreihundert Thalern heraus, um das Aergerniß zu beseitigen. So kam die badende Susanna nach Königs-Wusterhausen zurück.

Zu den gewohnten Genossen des Tabakscollegiums kam in Wusterhausen noch der Schulmeister loci. Dieser hatte sich nämlich bei dem Könige dadurch in große Achtung gesetzt, daß es dem Letzteren nicht gelungen war, die aus der Schule heimkehrenden Jungen zu dem Rufe zu bewegen: „Unser Schulmeister ist ein Esel.“ Die Jungen blieben dabei, daß der Schulmeister ihnen mehr zu sagen habe als der König.

Wenigstens zwei Monate alljährlich wohnte Friedrich Wilhelm in Wusterhausen. Spätestens am 24. August traf er ein und [540] frühestens am 4. oder 5. November brach er auf. Es wurden in jenen Monaten zwei stehende Feste dort gefeiert, die Gedächtnißfeier der Schlacht bei Malplaquet (11. September), der ersten, welcher Friedrich Wilhelm beigewohnt, und das Hubertus-Fest (3. November). Zur Feier des 11. September wurde jedesmal eine große Parforcejagd angestellt, bei welcher zwei Hirsche gehetzt wurden.

„Des Mittags bei Tafel,“ so erzählt Morgenstern, des Königs lustiger Rath nach Gundling's Tode, in seiner Schilderung des Malplaquet-Festes „mußten sich sowohl die Piqueurs mit ihren Parforcehörnern und Jägergeschrei, als auch das ganze Corps Hautboisten aus Potsdam hören lassen. Man trank scharf, und es gingen große Gläser herum.


Die Gartenlaube (1880) b 540.jpg

Das Tabaks-Collegium: Sonst.
Original-Zeichnung von H. Lüders.


Auch wurden auf dem grünen Platze bei dem alten Schloßgebäude, nahe bei dem türkischen Zelte, einige kleine Kanonen aufgepflanzt und stark bei den Gesundheiten daraus geschossen. Endlich fingen Ihre Majestät der König auch an zu tanzen, aber mit lauter Officiers und absonderlich mit alten Generals. Darunter befand sich der Generallieutenant von Pannewitz, welcher in der Bataille von Malplaquet eine gewaltige Schmarre über den Kopf bekommen. Frauenzimmer befanden sich bei diesem Tanze nicht, sondern der Königin Majestät retirirten sich allemal mit den Prinzessinnen und Dero Damen, sobald das Mittagsmahl vorüber war.“

In ähnlicher Weise wurde das Hubertus-Fest begangen. Aber auch trübe Tage, ja die trübsten Tage seines Lebens, hat Friedrich Wilhelm in seinem Wusterhausen erlebt. Wir heben hier nur zwei Momente hervor, welche dem erschütternden Drama des Conflicts zwischen dem Könige Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, dem Kronprinzen Friedrich, angehören.

Es war im Herbst des Jahres 1728. Das Einvernehmen zwischen Vater und Sohn hatte bereits manche Trübungen erfahren. Vor wenigen Wochen hatte jener unerfreuliche Briefwechsel stattgefunden, in welchem Friedrich den Vater bittet, ihm wieder seine Gnade zuzuwenden, wogegen dieser in seiner Antwort ihn einen „efeminirten Kerl“ schilt, „der sich nicht schämt, nicht reiten, noch schießen kann und dabei malpropre an seinem Leibe, seine Haare wie ein Narr sich frisirt und nicht verschneidet“ etc. In Königs-Wusterhausen wurde gerade das Hubertus-Fest gefeiert, bei welcher Gelegenheit es dieses Mal noch lebhafter herging, als gewöhnlich; denn einige Tage vorher hatte der König August der Zweite von Polen aus Dresden dem Könige allerhand Geschenke übersandt. Darunter befand sich ein silberner Mörser, aus dem eine gleichfalls silberne, vergoldete Granate geworfen werden konnte. Er war so schwer, daß nach Morgenstern „die alten Generale ihn wol kaum mit zweyen Händen halten konnten“. Dieser wurde bei der Hubertus-Feier eingeweiht, aber nicht mit Granatenwerfen, sondern – mit Gesundheiten trinken. „Derohalben ging er,“ erzählt Morgenstern, „auf die Gesundheit Sr. Majestät des Königs von Pohlen wacker herum, und so herrlich, wie selbigesmal, habe ich meines Orts das Hubertus-Fest am Königlichen Preußischen Hofe niemalen begehen sehen.“

In der mit grünen Tannen geschmückten Halle war die Tafel gedeckt. Es stand auch Ungar- und alter Rheinwein darauf. In dem großen Kamin, dessen Kacheln die gemalten Figuren der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg zeigen, flackerte ein lustiges Feuer, und schmetternde Jagdfanfaren schallten durch den Saal. Nicht weit von dem Könige, an der anderen Seite des Tisches, saß der sechszehnjährige Kronprinz, die Wangen vom Weingenuß etwas geröthet, neben ihm der polnische Gesandte von Suhm. Der Kronprinz sprach lauter und lebhafter, als gewöhnlich, ja, er ließ sich fortreißen, zu seinem Nachbar von der Knechtschaft zu sprechen, in der er am Hofe seines Vaters gehalten werde, und fragte den Gesandten, ob König August der Zweite ihm wohl die Erlaubniß zu einer Reise auswirken würde, um ihn wenigstens für einige Zeit aus diesem Zwange zu befreien. Nur wenn der strenge Blick des Vaters ihn traf, unterbrach sich der Kronprinz mit den Worten: „Und ich liebe ihn dennoch.“ Die Königin, welche neben dem Könige saß, ward besorgt, daß der König ihn hören möchte, und athmete auf, als die Tafel aufgehoben ward. Als darauf beim Abschiede der König dem Kronprinzen die Hand reichte, bedeckte dieser sie mit Küssen und warf sich ihm voll überströmenden Gefühls an die Brust. Alle Anwesenden waren tief ergriffen, auch der König schien bewegt, wehrte aber die Liebkosungen seines Sohnes mit den Worten ab: „Schon gut! Werde Du nur ein ehrlicher Kerl!“ – Niemals sah man den König vergnügter, als denselben Abend im Tabakscollegium. – Zwei Jahre später, um dieselbe Jahreszeit, befand sich der König wieder in Wusterhausen, aber die Räume des alten Schlosses blieben öde und finster. Nicht der lustige Schall eines Jagdhorns unterbrach die unheimliche Stille. Die Hubertus-Feier war für dieses Jahr abbestellt worden; auch das Tabakscollegium fand nicht statt. Verhängnißvolle Ereignisse hatten in der königlichen Familie sich zugetragen und die finstere Laune des Königs hervorgerufen. Was vor zwei Jahren flüchtig in der Seele des Kronprinzen aufgetaucht war, die Idee, sich der unwürdigen Behandlung am Hofe seines Vaters durch die Flucht zu entziehen, das war jetzt in der That zur Ausführung gekommen (vergl. Jahrg. 1872, Nr. 39). Im Schlosse zu Köpenick war das Kriegsgericht versammelt, um über den „Oberstlieutenant Fritz“ wegen Desertion das Urtheil zu sprechen, und in Wusterhausen wartete der König Friedrich Wilhelm auf den Spruch. Er wartete auf – das Todesurtheil über seinen Sohn, und der erzürnte König schien ganz in der Stimmung, um der

[541] Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen. Was sollte aus dem Staate werden, den er auf Disciplin, Ordnung und Unterordnung gegründet hatte, wenn der Nächste zum Throne, wenn sein Sohn und Erbe diese Ordnung zu durchbrechen wagte! Wenn er Officiere aus des Königs Dienst verleitete, ihren Fahneneid zu vergessen und seine Fahnenflucht zu begünstigen! – Am 27. October fiel die Entscheidung in Köpenick. Sie fiel anders aus, als der König erwartet hatte. Die Richter erklärten sich für „unvermögend, in einer Sache einen Spruch zu fällen, so hauptsächlich eines großen Königs Zucht und Potestat über seinen Sohn betreffe; in den Kriegsartikeln sei nichts enthalten, was auf diesen Fall passe“.


Die Gartenlaube (1880) b 541.jpg

Das Tabaks-Collegium: Jetzt.
Original-Zeichnung von H. Lüders.


„Sie wagen es nicht,“ dachte der König; „sie wälzen die Verantwortung auf mich zurück. Ich aber will ein Exempel statuiren, damit die Nachwelt nicht sagen möge, ich habe aus Familienrücksichten die Gerechtigkeit schweigen lassen. Fiat justitia, pereat mundus!

Die königliche Familie, die Hauptstadt, das ganze Land harrten angstvoll auf die königliche Entscheidung. Die sämmtlichen gekrönten Häupter, auch der Kaiser Karl der Sechste, legten Fürsprache für den Prinzen ein – wer vermag zu sagen, was in jenen bangen Tagen zu Wusterhausen in der Seele Friedrich Wilhelm's vorging? Es mehrten sich die Anzeichen, daß der König in der That entschlossen war, den alten Römerspruch an einem Beispiele aus seinem eigenen Hause zu bewahrheiten. Auch die Verwendung der fremden Mächte würde keinen Einfluß auf den eisernen Willen des Königs gehabt haben, wenn hier nicht andere vaterländische Elemente dazwischen getreten wären, die seinem Herzen näher standen. Es waren dies die alten Generale des Tabakscollegiums, die Natzmer, Buddenbrock, Flanz, der Herzog von Holstein-Beck, der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau und Andere mehr. Die Meinung dieser ehrenwerthen alten Herren, welche bei Hochstedt, Turin und Malplaquet ihre Treue für das Vaterland bewährt hatten und dem Könige bis zum letzten Blutstropfen ergeben waren, gewann endlich die Oberhand über jede andere Regung in des Königs Seele. Als ein Zeugniß jener ehrenhaften Treue und des unerschrockenen Muthes, welcher auch den Unwillen des Königs nicht scheute, wo es galt, ihn von einem furchtbaren Schritte zurückzuhalten, durch welchen der Ruhm und das Ansehen des preußischen Königshauses und des Vaterlandes schwer geschädigt worden wären, hat die Geschichte die Worte des Generalmajors von Buddenbrock aufbewahrt, der in edler Aufwallung die Uniform aufriß und dem Könige zurief:

„Wenn Ew. Majestät denn Blut verlangen, so nehmen Sie meins! Jenes bekommen Sie nicht, so lange ich noch sprechen kann.“

Während der König noch schwankte, das Urtheil über seinen Sohn zu sprechen, hatte das Kriegsgericht in Köpenick abermals Sitzung gehalten (1. November), um gegen den Lieutenant von Katte als Mitschuldigen des Kronprinzen an seinem Fluchtversuche zu erkennen. Das Urtheil, auf Cassation und mehrjährigen Festungsarrest lautend, lag in der folgenden Nacht zu Wusterhausen dem Könige zur Bestätigung vor, mit demselben zugleich die Verwendungen aus der Familie des Unglücklichen, auch ein rührendes Begnadigungsgesuch von Katte selber: „Ein verdorrender Baum werde noch eine Weile geschont,“ sagt er darin, „er aber treibe schon neue Knospen der Treue und Anhänglichkeit.“ Aber es schien, als ob des Königs harter Sinn nur durch ein blutiges Sühnopfer erweicht werden könne. Er schleuderte die Feder, die er schon angesetzt, um das ihm zu milde dünkende Urtheil des Kriegsgerichts zu bestätigen, wieder von sich und dictirte die berühmte Cabinetsordre aus Wusterhausen den 1. November 1730, welche schließt:

„Seine Königliche Majestät seynd in der Jugend auch die Schule durchgelauffen und haben lateinische Sprüchwort gelernt: fiat justitia, pereat mundus. Also wollen Sie hiemit von Recht und Rechtswegen, daß der Katte, ob er schon nach denen Rechten verdienet gehabt, wegen des begangenen crimen laesae majestatis mit glühenden Zangen gerissen und aufgehenket zu werden, in Consideration seiner Familie, mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode gebracht werden solle. Wenn das Kriegsrecht dem Katte die Sentenz publiciert, soll ihm gesagt werden, daß es Sr. K. M. leydt thäte, es aber besser, daß er stürbe, als daß die Justice aus der Welt käme.
Friedrich Wilhelm.“

Nach dem Tode Friedrich Wilhelm's trat Wusterhausen für lange Zeit in die Dunkelheit zurück. Der nächste Besitzer, Prinz Heinrich, zog das heitere Rheinsberg als Aufenthalt dem düsteren Wusterhäuser Schlosse vor. Nach seinem Tode (1803) wurde das Schloß ausgeräumt und geleert. Die Herrschaft erbte Prinz Ferdinand, der jüngste Bruder Friedrich's des Zweiten. Von diesem ging sie (1813) auf seinen Sohn, den Prinzen August, über, der die Herrschaft bis zu seinem Tode (1843) besessen hat. Die Domäne Königs-Wusterhausen, welche nur einen geringen Theil der Herrschaft bildet, wurde im Jahre 1810, als Napoleon der Erste zur Abtragung der rückständigen Contribution drängte, verkauft. Sie war längere Zeit hindurch im Besitze der Familie Menke, welcher die Mutter des Fürsten Bismarck (bekanntlich die Tochter des Cabinetsraths Anastasius Ludwig Menke, der unter König Friedrich Wilhelm dem Dritten eine einflußreiche Stellung bekleidete) verwandt war. Auch der Vater des Fürsten, Rittmeister a. D. Karl Wilhelm Ferdinand von Bismarck, hatte in der Nähe einen Grundbesitz, die sogenannte „neue Ziegelei“, auf welcher der gegenwärtige deutsche Reichskanzler in seiner Kindheit öfters gewesen und – wie Fama sagt – auf Eseln geritten sein

[542] soll. Von der Familie Menke, welche den Wandel der Glücksgüter an sich erfahren hat, kaufte die königliche Hofkammer 1868 die Domäne zurück.

Das Schloß zu Wusterhausen schien eine Zeitlang fast ganz in Vergessenheit gekommen zu sein. König Friedrich Wilhelm der Vierte, der bekanntlich kein leidenschaftlicher Jagdliebhaber war, scheint für dasselbe keine Neigung gehabt zu haben.

Erst unter König Wilhelm ist das Schloß in seiner inneren Einrichtung wieder hergestellt und seiner alten Bestimmung zurückgegeben worden, und seit dem Jahre 1863 haben, wie das schon erwähnte Jagdbuch nachweist, hier regelmäßig Jagden stattgefunden. Nur im Jahre 1870 sind dieselben, wie es in des Kaisers eigenhändiger Bemerkung heißt: „aus bekannten Gründen“, ausgefallen. Gewöhnlich im Spätherbst, oft auch erst im Winter wird der Besuch des Kaisers und einiger hohen Gäste in Königs-Wusterhausen angesagt. Dann beleben sich wieder die Räume des alten Schlosses, und es bleibt auch kein Winkelchen unbesetzt. Die hohen Herren müssen sich fast sämmtlich, jeder mit einem nicht einmal sehr geräumigen Zimmer begnügen, und das Jagdgefolge wird in den Cavalierflügeln untergebracht. Auch die beiden Zimmer im unteren Stockwerke, welche der Kaiser bewohnt, zeichnen sich nicht vor den übrigen aus. In das Jagdbuch hat der Kaiser eigenhändig das Datum jedes Jagdtages eingetragen. Unter diesem Datum tragen sich die sämmtlichen Gäste, insofern sie zum ersten Male den kaiserlichen Jagden in Wusterhausen beiwohnen, ein. Da begegnen wir nun freilich anderen Namen, als zu Zeiten König Friedrich Wilhelm’s des Ersten. Das Jagdbuch nennt unter den Theilnehmern der letzten Jagd (21. und 22. December 1879) unter Anderem: Wladimir, General-Duc de Russie, Wilhelm, Prinz von Preußen, den Grafen Oubril, russischen Botschafter am kaiserlichen Hofe zu Berlin, den König Albert und den Prinzen Georg von Sachsen, den Großherzog von Mecklenburg und Andere.

Auch das Tabakscollegium ist in gewissem Sinne wieder auferstanden. In demselben Saale, wo einst der absolute Monarch sein berühmtes „Rauchparlament“ um sich versammelte, finden sich am Abend des Jagdtages der Kaiser und die Theilnehmer der Jagd in ihren einfachen, bequemen Hauskleidern zusammen. An demselben langen hölzernen Tische und auf den Stühlen, welche König Friedrich Wilhelm der Erste und seine Genossen, der Fürst von Dessau, Grumbkow, Seckendorf, seine witzigen Junker, die Gröben und Löben, und sein lustiger Rath Gundling einnahmen, läßt sich auch die heutige Tabaksgesellschaft nieder. Man raucht größtentheils holländischen Tabak. Auch der Kaiser, welcher sonst bekanntlich nicht raucht, bläst hier doch einige Male den Dampf durch das thönerne Rohr. Die Gläser werden aus den irdenen Krügen – nicht mit Ducksteiner oder mit Köpenicker Moll – sondern mit echtem baierischem Bier gefüllt, und die Unterhaltung nimmt ihren heiteren Verlauf, wobei jedoch nicht – wie so häufig in dem Tabakscollegium Friedrich Wilhelm’s des Ersten – die politischen Angelegenheiten, sondern die Ereignisse des Tages, die Ergebnisse der letzten Jagd den Hauptgegenstand bilden. Für diejenigen Herren, welche dem Kartenspiele den Vorzug geben, sind einige Spieltische in Bereitschaft gestellt, und für Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse ist durch Aufstellung eines Buffettisches mit kalter Küche in dem Nebenzimmer gesorgt.

Die Ankunft des Kaisers wird in Wusterhausen als ein Fest gefeiert. Möchten die Wusterhäuser sich noch recht oft des Glückes freuen, den Kaiser Wilhelm in dem Schlosse drüben einkehren zu sehen und möchte es dem greisen Helden beschieden sein, noch häufig bei voller Rüstigkeit und Frische in den Wusterhäuser Forsten dem gewohnten Waidwerke nachzugehen!




Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.[3]
11. Vergeßlichkeit und Vergessen.

Wie viel Leid und Aergerniß bringen alle vergessenen Dinge in die Welt! „Ach, wenn es doch keine Vergeßlichkeit gäbe!“ seufzt mehr als eine Hausmutter, wenn sie eben, mit Paketen beladen, aus der Stadt kommt und gerade das Allerwichtigste – das, um dessen willen sie ausgegangen ist – vergessen hat.

„Wenn es doch kein Vergessen gäbe!“ Welch thörichter Wunsch! Wenn uns der Himmel nicht den großen Segen bescheert hätte, vergessen zu können, wie elend wäre unser Dasein! Müßten wir denn nicht alle großen Schmerzen und kleinen Aergernisse unseres ganzen Lebens mit uns fortschleppen bis an’s Grab?

Das „Vergessenkönnen“ ist keine Schwäche; es ist eine der segensvollsten Kräfte unseres Geistes; nur kommt es darauf an, was man vergessen soll. Ich glaube nämlich bestimmt, daß man auch diese Seelenkraft ebenso streng schulen und in seine Gewalt bekommen kann, wie alle übrigen, daß man, bei einiger Selbstbeherrschung, sich stets zwingen kann, das zu vergessen, was man vergessen will. So aber wie jede Tugend zu einem Fehler, wird jede Kraft unserer Seele zur Schwäche, wenn sie falsch benutzt wird. Wie schön ist, beispielsweise, die Tugend des Mitgefühles bei fremdem Leide, und doch kann sie ausarten in weichlich sentimentalen Weltschmerz; wie groß und herrlich steht der echte Wohlthäter der Menschen da, wie lächerlich und erbärmlich Jener, der da „allen Sperlingen Schuhe schaffen“ möchte, und doch entspringt das Thun Beider aus derselben Quelle, aus dem Wunsche, Glück zu verbreiten auf Erden; nur durch die Mittel, welche sie dazu anwenden, unterscheidet sich der wahre Menschenfreund vom lächerlichen Don Quixote.

So geht es mit allen Tugenden und Kräften unserer Seele, so geht’s auch mit dem arg geschmähten Vergessen.

Wir dürfen nicht nur, wir sollen und müssen gar viele Dinge vergessen – aber welche?

Wenn ich darüber nachsinne, so ist mir, als bestünde unser Gedächtnißschrein aus mehreren verschiedenen Fächern. Da giebt es nun Erinnerungen, schöne, traurige oder geheiligte, die soll man ganz tief zu unterst legen, wo sie still und sicher ruhen für ewig, ohne durch den rasch wechselnden Inhalt der obern Fächer gestört zu werden. In diesen obersten Fächern aber, da gilt es, Ordnung zu halten.

Wir haben darin nur einen bestimmt begrenzten Raum und können nur Platz schaffen für das Wichtige, indem wir den alten, unnützen Plunder hinaus werfen.

Ihr schüttelt die Köpfe?

O, probirt es nur, Ordnung zu machen in Kopf und Herzen – dann hat gar wunderbar Vieles Platz in dem kleinen Gehirnkästchen. – Hätte jene Frau, die schwer bepackt aus der Stadt kommt, nicht den ganzen Weg über an das neue Kleid ihrer Nachbarin gedacht und sich dessen Schnitt und Farbe beständig vor das geistige Auge gehalten, hätte sie lieber an das Kleid ihres Kindes gedacht, das sie heute noch zuschneiden will – sicherlich würde sie dann die Zuthat zu demselben einzukaufen nicht vergessen haben und brauchte jetzt nicht, mit tiefen Seufzern über ihre Vergeßlichkeit, umzukehren, um den weiten Weg noch einmal zu machen.

Was wir im Kopfe behalten müssen, ist so gar viel nicht, wenn es ganz allein darin steckt. Für besondere Fälle giebt

[543] es dann noch besondere kleine Hülfsmittel. Der Knoten im Taschentuch ist ein unsicheres, denn wenn du nicht glücklicher Weise den Schnupfen hast, so magst du dir nur gleich noch anders wohin einen zweiten Knoten knüpfen, um den ersten nicht zu vergessen.

Ein besseres Mittel schon ist das Zählen der Dinge, die man sich zu merken hat. „Ich habe sechs Gegenstände einzukaufen; ich will dem Arzte drei Fragen vorlegen; vier dringende Briefe sind morgen zu schreiben etc.“ Diese Zahlen merkst du dir leicht. Besonders nützlich ist es, auf Reisen stets so die Zahl der Gepäckstücke im Kopfe zu behalten. Freilich giebt es auch Leute, bei denen Hopfen und Malz verloren ist, Solche, von denen es heißt: „Gut, daß ihm der Kopf fest angewachsen ist, sonst hätte er ihn sicher auch schon einmal vergessen“, Solche, die mit unglücklicher Miene dastehen und fragen: „Hatte ich denn nur drei Pakete? Mir ist doch, als hätte ich vier gezählt.“ Das ist traurig. Wer sich nicht einmal die Zahl der Dinge merken kann, die er sich merken soll, für den bleibt nur noch das letzte Radicalmittel – das Aufschreiben.

Ehe wir aber von diesem reden, müssen wir noch eine Eigenthümlichkeit vergeßlicher und zerstreuter Personen erwähnen. Wenn dieselben sich noch auf den Ort zu besinnen vermögen, wo sie zuletzt an das Vergessene gedacht haben, und sie suchen diesen Ort auf, so fällt es ihnen meistens wieder ein.

„Ich weiß es genau,“ seufzt eine Hausfrau, „ich stand im Garten, unter dem Apfelbaum, als ich daran dachte.“

Gut, dann stelle dich wieder unter den Apfelbaum! Sorge aber auch, daß du die Augen nach derselben Richtung kehrst, wie damals! Da stehst du. Dort drüben über dem Zaune liegt der Nachbarin Wäsche auf der Bleiche. Ein Blick darauf, und sofort fällt dir wieder ein, daß du neuen Seifenvorrath bestellen wolltest.

Und jetzt also vom Aufschreiben und Notiren!

Das ist entschieden das beste Mittel, um nichts zu vergessen, nur leider passirt es dann zuweilen, daß wir gerade – das Notizbuch vergessen. Auch verwöhnt dieses beständige Aufschreiben unser Gedächtniß in einem solchen Grade, daß wir bald gar nicht mehr ohne Notizbuch leben zu können meinen und etwas, das wir nicht aufgeschrieben haben, dann jedesmal ganz sicher vergessen.

Geradezu erstaunlich ist es, welch treues Gedächtniß oft Menschen aus den niederen Volksclassen haben, die nie etwas aufschreiben, aber freilich auch nur einzig an die einfachen Vorgänge ihres geregelten Tagewerkes zu denken haben. Ich bewunderte darin einen Schuhmacher, der drei Personen Maß nahm, ohne sich die zusammen etwa fünfzehn verschiedenen Nummern dieser Maße zu notiren.

„Sie schreiben es aber doch dann zu Hause auf?“ fragte ich.

„Wäre nicht übel!“ meinte er; „habe ich doch die Maße von zwanzig Kunden genau im Kopfe.“

Ein ähnlicher Gedächtnißkasten ist meine alte Gartenfrau. Die weiß es genau zu sagen, auf welchem Beet vor zehn Jahren die Bohnen gestanden haben oder vor fünfzehn die Gurken, und wenn irgend ein Geräth durch lange Jahre nicht benutzt worden ist, braucht man nur die Alte danach zu fragen; sie weiß es gewiß, wo es Anno dazumal aufbewahrt wurde. Sie weiß es, die siebenzigjährige einfache Frau, die nicht ihren Namen schreiben kann und nie ein anderes Buch gelesen hat, als Bibel und Gesangbuch. – Ein Beweis, daß die vielen Gedächtnißübungen, mit denen man die heutige Jugend quält, nur dann das Gedächtniß wirklich kräftigen, wenn damit auch gleichzeitig eine gewisse strenge Schulung und Erziehung dieser Geisteskraft Hand in Hand geht. Wo aber diese fehlt, da werden gerade die gedächtnißstärksten Menschen oft die vergeßlichsten; hundert komische oder drastische Beispiele zerstreuter Gelehrten beweisen es täglich.

Die Beobachtung des außerordentlich klaren und treuen Gedächtnisses Ungebildeter drängt uns aber auch die Frage auf, ob wir es ihnen nicht auf irgend eine Weise nachthun können. Ja, wir können für bestimmte kurze Zeiträume unseren Kopf ebenso klar machen, wie es der des Schusters und der alten Gartenfrau ist, indem wir ihn freiwillig ebenso – leer machen.

Wer jemals die mühevolle und complicirte Pflege eines geliebten Schwerkranken besorgt hat, der versteht vielleicht am besten, wie ich das meine. Es kommen bei solcher Pflege Stunden, ja ganze Tage, wo wir die Kraft haben, aus unserem Gedächtniß so vollständig jeden anderen Gedanken auszulöschen, daß nichts mehr darin bleibt, als nur der fortschreitende Zeiger der Uhr, der uns angiebt, was in jeder einzelnen Minute bei dem Kranken zu geschehen hat. „Auf Ihre Pünktlichkeit kommt jetzt Alles an,“ hat ja der Arzt gesagt. An dieser unserer Pünktlichkeit hängt also das Leben des Heißgeliebten, und wir denken nichts – nichts mehr, als diese rettende Pünktlichkeit. Auf die Minute genau werden alle Vorschriften befolgt, und nicht die geringste Kleinigkeit wird vergessen. Haben wir doch nicht nur unser Denken, nein, selbst unser Fühlen in diesen engen Kreis gebannt! Still und todt ist es geworden in dem zuckenden Herzen; wir haben eine eiserne Mauer um all unser Denken, Fühlen und Erinnern gezogen. Es ist, als sei der Kranke, der dort liegt, für uns nur ein willenloser Körper, dessen Schmerzensausbrüche und Fieberphantasien uns ruhig lassen; keine Ahnung seines möglichen Scheidens darf unsere Seele streifen.

Nur wo dieses Concentriren aller geistigen Fähigkeiten auf die Pflege und Wartung errungen werden kann, wird die Pflege ebenso gut sein, wie die einer geschulten fremden Wärterin. Wenn du dem Theuersten, was du auf Erden hast, nicht fremd zu werden vermagst in der Stunde der Gefahr, dann taugst du nicht an sein Schmerzenslager.

Aber – du kannst es auch; du kannst vergessen, was dieser Kranke dir jemals war und ist, um – nicht die Minute für die vorgeschriebene Arznei zu vergessen, oder die Zahl seiner Pulsschläge oder die Temperatur des Thermometers. So groß, so unumschränkt ist unsere Gewalt über unser Gedächtniß.

Nicht nur im Schmerz, auch in der Freude müssen wir oft die gleiche Herrschaft darüber bewahren. Seht da die Brautmutter am Hochzeitstage der geliebten Tochter! Vergessen muß sie, daß dieses Kind heute für immer von ihr scheidet, vergessen die Träume von Glück, die sich in die Zukunft desselben hinausspinnen, und die Aufregung der jüngsten Vergangenheit, vergessen Alles, was ihr Herz so stürmisch bewegt, um nicht vielleicht darüber – den Hochzeitskuchen in der Ofenröhre zu vergessen.

Ja, unsere Gedanken losreißen von den Gegenständen, die sie mit Macht gefangen halten, und sie mit Schärfe und Klarheit auf tausend Kleinigkeiten richten, das ist das bittere, aber auch einzig wirksame Recept gegen die Vergeßlichkeit bei wichtigen Veranlassungen.

Wie aber bekämpft man diesen bösen Erbfeind im gewöhnlichen Lauf des Alltagslebens?

Da muß das schon oben erwähnte „Ordnung halten“ in unserm Gedächtnißschrein eintreten. Wir können nicht, wie bei großen Ausnahmefällen, Alles hinauswerfen, was darin ist, aber wir können, wie der Volksausdruck ganz richtig sagt, „unsere Gedanken hübsch ordentlich zusammen nehmen“.

Jeder von uns hat die Aufgabe, den größeren oder kleineren Gedächtnißraum, den ihm Mutter Natur bescheert hat, so nützlich und zweckmäßig wie möglich auszufüllen, nicht aber, wie manches Mädchen seine Schubfächer, mit altem Flitterkram und Naschwerk, neben dem die nöthigen Dinge nicht mehr Raum haben.

Da giebt es zum Beispiel Frauen, die sich mit fast grauenhafter Genauigkeit jedes Wort merken, welches sie jemals haben sprechen hören, die dich moralisch niederschmettern können durch Wiederholung einer vor Jahren flüchtig hingeworfenen Bemerkung, welche vielleicht deinen heutigen Ansichten entgegenlautete. – Es giebt wieder Andere, die ebenso genau vom ersten Ball an, den sie besuchten, bis zur zuletzt stattgefundenen Kaffeegesellschaft herzählen können, welche Toiletten die sämmtlichen Theilnehmer dieser Feste getragen haben. Noch Andere haben das gleiche treue Gedächtniß für Speisen und Getränke oder für Handarbeiten. Eine vierte Sorte – und es ist die schlimmste – vergißt nie ein Aergerniß, einen Streit, ein unangenehmes Ereigniß. Ob auch der Sohn solch einer Mutter selbst schon Vater wäre, immer noch zählt sie bis in’s letzte Detail alle seine Kinderkrankheiten auf und weiß genau, wie viel Brauschen er sich als Schuljunge an die Stirn gestoßen hat. So oft sie es aber herzählt, jammert sie darüber ebenso herzbrechend, wie vor dreißig Jahren.

Von allen diesen Frauen kann man fast mit Bestimmtheit annehmen, daß sie – vergeßlich sind. Sie haben ihren Kopf so voll gepfropft mit überflüssigem Ballast, daß kein Platz darin bleibt für die Bedürfnisse des Augenblickes; sie haben ihr Gedächtniß so ermüdet, so abgestumpft durch das beständige Wiederholen alter Ereignisse, daß ihm die Spannkraft verloren gegangen [544] ist für die rasch wechselnden Anforderungen jedes neuen Tages. Sie Alle müssen vergessen lernen, wenn sie die fatale Vergeßlichkeit los werden wollen. Aber nicht nur aus jenen engherzigen, kleinlichen Naturen recrutirt sich das Heer der „Vergeßlichen“. Auch ein edler interessanter Theil unserer Mädchen- und Frauenwelt liefert sein ansehnliches Contingent dazu. Es sind – die Träumerinnen unter uns.

Wie süß und herzerquickend ist ein waches Traumstündchen, wo man Bild um Bild an der Seele vorüberschweben läßt und all seinen Gedanken freie Audienz giebt, wo auch das tiefste, verborgenste Fach der Erinnerung sich aufthut und seine heiligsten Schätze an’s Licht bringt! Wer kennt nicht den Zauber solcher Stunden, wer möchte nicht jedem fühlenden und denkenden Wesen den Genuß derselben gönnen?

Ja, träumt nur, ihr jungen Mädchen und Frauen, träumt nur, ihr gewiegten Matronen, die ihr eine Stunde stiller Einkehr in euch selbst vielleicht noch nöthiger habt! Aber wenn der einsame Spaziergang, der Sonntagsmorgen im stillen Kämmerlein, der Mondabend im duftigen Garten vorüber ist, dann habt auch die Kraft, mit allen euren Gedanken wieder in die Gegenwart zurückzukehren und mit Herz und Verstand bei dem zu sein, was sie von euch fordert!

Die alten lieben Erinnerungen, die goldigen Zukunftsträume dürfen nicht Theil haben an der Zubereitung des Mahles; sie dürfen nicht mit an das Bügelbrett und an die Nähmaschine treten. – Hinab, hinab mit ihnen in’s stille Heiligthum eurer Seelen, oder – verlaßt euch darauf! – die abscheuliche Vergeßlichkeit wird durch das versäumte Vergessen gerächt.




Blätter und Blüthen.


Chinesen in Steyer. Wer hat nicht schon von der Werndl’schen Waffenfabrik in der so freundllch gelegenen oberösterreichischen Stadt Steyer gehört? Als ein schlichter Waffenschmied, der sich selbst heraufgebildet, hat Werndl dort im Laufe der Jahre eine Industriewerkstätte geschaffen, die heut in ihrem speciellen Arbeitszweige eben so eigen- wie großartig dasteht. Im Anfange der siebenziger Jahre machte der strebsame Fabrikant seine zusammengelegten Werte zum Besitzthum einer gegenwärtig noch blühenden Actiengesellschaft. Wie Krupp in Essen die vollkommenste Kanone in alle Welttheile führte, so ist der Name Werndl wohl für immer mit der Hinterladerbüchse, dem Universalgeschoß der Einzelbewaffnung, verknüpft. Es wird im Bereiche der Civilisation jetzt wohl kaum ein Heer geben, das nicht wenigstens versuchsweise einen Theil seines Schußwaffenbedarfs aus dieser Fabrik entlehnt hätte.

Ganz außerordentlich bezeichnend für die Verhältnisse der Gegenwart ist es, daß in den letzten Jahren argen und weitgreifenden Darniederliegens von Handel und Gewerbe einzig und allein die Fabrikation von Producten für Kriegsmaterial einen in hohem Grade schwungvollen Betrieb entfalten und einen erheblichen Gewinn abwerfen konnte. Nach allen Seiten hin, auf allen Märkten und allen Gebieten friedlicher Arbeit schwere Verluste, Mangel an Absatz, beispiellose Stockung des Bedarfs und der Nachfrage. Die Fabriken Werndl’s aber sahen sich von dieser allgemeinen Krisis nicht berührt; ihre Thätigkeit steigerte sich vielmehr über alles Erwarten, und bei dem Sinken aller andern Wertheffecten behaupteten die sogenannten Werndl-Actien auf der Wiener Börse ein Aufgeld von sechszig und mehr Procent. Aus allen Himmelsgegenden gelangen ununterbrochen kolossale Hinterladeraufträge nach Steyer. Die Regierungen Deutschlands, Oesterreichs, Frankreichs und neuerdings auch Schwedens bezogen von dorther die Schußwaffen für ihre Armee, und um diesem Verlangen zu genügen, fand ein Heer von sieben- bis achttausend geschulten Arbeitern ununterbrochene Arbeit in den betreffenden Fabriken. Das deutsche Reich führte nach Beendigung des französischen Krieges eine vollständige Neu-Armirung in Betreff der Schußwaffen ein und bezog seinen Bedarf an Mauser-Gewehren ausschließlich von Werndl in Steyer.

Erst in der letzten Zeit erfolgte ein Nachlassen der Aufträge und eine Reduction der Arbeitskräfte. Da kommt plötzlich eine überraschende Nachricht aus – China! Die dortige Regierung sei mit der österreichischen Waffenfabrikgesellschaft in Unterhandlungen getreten, denen der Abschluß auf Lieferung von zwei Millionen Hinterladergewehren neuesten Systems, zum Durchschnittspreise von zwanzig Gulden pro Stück, sofort folgen würde. Eine Militär-Commission, bestehend aus einem Feldmarschall, einem General, einem Oberst, einem Major, Hauptleuten und subalternen Officieren, wird in dem oberösterreichischen Städtchen Einzug halten, um Verträge abzuschließen, die gefertigten Schußwaffen zu prüfen, zu übernehmen und in die ferne Heimath zu senden.

Und weil ein Geschäft einen Auftrag in dem Umfange von zwei Millionen Stück Feuerwaffen in kurzem Termine nicht erledigen kann, werden jene chinesischen Militärs sich vor der Hand in Steyer häuslich einzurichten haben. Welch ein interessantes Culturbild moderner Verkehrsbewegung! An den Ufern der Enns eine Colonie chinesischer Gentlemen, in den Händen der bezopften morgenländischen Gestalten eines der raffinirtesten Producte moderner Civilisation und Technik – der Hinterlader! Der Vorgang giebt aber zugleich einen bedeutsamen politischen Wink. Man sieht, es ist den Chinesen Ernst mit ihren Vorbereitungen zum Widerstande gegen Rußland. Wie sie bereits die Forts ihrer wichtigsten Seehäfen mit Krupp’schen Geschützen armirten, soll die Kunst Werndl’s in Steyer nun auch ihre Landarmee zeitgemäß ausrüsten wider einen etwaigen Angriff des russischen Kolosses.

Z.




Phosphorescirende Anstriche im Dienste des täglichen Lebens. Aus dem verbesserten Kanton’schen Phosphor, dessen Bereitungsmethode in unserm Artikel „Geborgtes Sonnenlicht“ (Nr. 1 des laufenden Jahrgangs) angegeben wurde, hat ein englischer Ingenieur, Mr. Balmain, Oelanstrichfarben hergestellt, welche eine lange Winternacht hindurch intensiv leuchten, wenn sie vorher nur wenige Stunden einem mäßigen Tageslichte ausgesetzt gewesen sind.

Da diese Anstrich-Masse eine ziemliche Wetterfestigkeit zu besitzen scheint, so läßt sie sich nicht nur für Illuminationszwecke (leuchtende Grotten, Statuen, Namenszüge etc.), sondern auch für äußerst praktische Zwecke anwenden, wie leuchtende Straßen-Namen, Wegweiser, Aufschriften, Thurm-Uhren, Namen unter Klingelzügen, Erleuchtung feuergefährlicher Orte (Pulverthürme) etc. Eine originelle Benutzung ist die Erleuchtung von Eisenbahn-Tunnels, für welche es genügt, wenn die äußere und innere Decke der Waggons mit dieser Farbe angestrichen wird.

Eine interessante Illustration zu dem alten Satz, daß es nichts Neues unter der Sonne giebt, hat F. V. Dickins in einer chinesisch-japanesischen Encyklopädie gefunden, in welcher der Artikel Ye (Malereien) unter Anderem Folgendes erzählt: „Ein gewisser Sü Ngoh besaß einen gemalten Ochsen, der jeden Tag den Bildrahmen verließ, um grasen zu gehen, und des Nachts dorthin zurückkehrte, um darin zu schlafen. Das Gemälde kam in den Besitz des Kaisers Tai Tsung aus der Sung-Dynastie (976 bis 998 unserer Zeitrechnung), der es seinen Hofleuten zeigte und eine Erklärung von ihnen verlangte, die aber Niemand zu geben vermochte. Endlich sagte ein Buddhisten-Priester, die Japanesen fänden eine leuchtende Substanz in dem Körper einer Art Auster“ – Kanton’s Phosphor wurde sonst durch Glühen von Austerschalen mit Schwefel dargestellt – „die sie sammelten und unter Farbe mischten, um so Gemälde herzustellen, die bei Tage unsichtbar und bei Nacht leuchtend seien.“ – „Es ist kein Zweifel,“ setzt der Autor der Encyklopädie hinzu, „daß man, wenn gesagt wird, der Ochs verlasse am Tage den Bildrahmen, um grasen zu gehen, einfach gemeint hat, daß das Bild des Ochsen bei Tage nicht sichtbar sei.“ Will man ein solches Bild oder die leuchtende Schrift auch bei Tage sichtbar haben, so braucht man die weiße Farbe nur auf einem schwarzen Grunde zu verwenden, z. B. bei Wegweisern.




Nachträge zum Artikel über die internationale Fischerei-Ausstellung. Bei der großen Bedeutung, welche der Transport respective die Aufbewahrung lebender Fische für Nationalökonomie und Naturwissenschaft hat, halten wir es für unsere Pflicht, auf einen Apparat hinzuweisen, der sich bei Gelegenheit der internationalen Fischerei-Ausstellung in Berlin, wie nachträglich zu constatiren ist, glänzend bewährt hat. Es ist der „Luftwasserstrahlapparat“ von Karl Feise in Hannover. Das Princip desselben beruht in der steten Versorgung des Behälters mit Luft, die vermittelst eines Wasserstrahles in der Längsrichtung des Gefäßbodens eintritt. Die Brauchbarkeit des Apparates bezeugte am besten die Specialausstellung von Lindenberg (Berlin), in dessen Aquarien der überaus empfindliche Hering und andere bisher schwer versendbare Fische tagelang beobachtet werden konnten.

Gustav Schubert.




Nachrichten über Vermißte. Auf die Nachfrage in Nr. 26 über Georg Ries (8) wird uns von dem großherzoglich sächsischen Inspectorat der Landesheilanstalt in Jena sowie von dem Abtheilungsarzte, Herrn Dr. Villers daselbst, geschrieben, daß Ries, der am 7. Juni aus der dortigen Irrenanstalt beurlaubt worden war, in Leipzig aufgegriffen und am 22. Juni wieder in die Jenaische Anstalt zurückgebracht worden ist, wo er sich noch befindet. Von der Mutter, der dies sofort gemeldet wurde, ist uns keine Mittheilung darüber gemacht worden.

Dem Charles August Haller zu Kurrachee in Ostindien zur Nachricht, daß als sein einziger Verwandter noch ein Bruder seines Vaters lebt: Peter Haller, großherzoglich hessischer Oberconsistorialkanzlist in Darmstadt, Roßdorferstraße 49.

S. Eitrand zu Indre Kwaröe in Nordland (Norwegen) zur Nachricht, daß, laut einer Auskunft, die wir der Gefälligkeit der Stadtpolizeiverwaltung in Memel verdanken, der elternverlassene Jul. Heinr. Knutson dort vergeblich nach Verwandten mütterlicherseits suchen würde.

Gefunden: Nr. 9, Friedrich Weber, der als Werkführer der Centralwerkstätte der türkischen Eisenbahnen in Jedi Konlé angestellt ist.



Kleiner Briefkasten.

H. K. in E. Sie finden die Werke in jedem Conversationslexicon verzeichnet. Sehen Sie die Artikel über die betreffenden Länder nach!

Frau Wittwe R. in Amsterdam. Ihre Gabe von 10 Fl. holl. ist an Herrn Arnold Wellmer abgegangen.

A. O. in M. Unmöglich! Wir müssen uns auf Fälle von ganz besonderer Natur beschränken. Solche Ansuchen gelangen allwöchentlich dutzendweise an uns.

R. in K. Wir geben kein Gutachten über Heilmittel ab.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der Graben ist erst 1831 zugeschüttet worden, als seine Ausdünstungen Cholerabefürchtungen aufsteigen ließen; von einem Erdwalle ist nichts bekannt.
  2. Prinzessin Charlotte, spätere Herzogin von Braunschweig.
  3. Von der so schnell beliebt gewordenen Verfasserin sind unter dem Titel „Vernünftige Gedanken einer Hausmutter. Prosa und Poesie“ (Leipzig, Ernst Keil) soeben die in unserem Blatte unter dieser Rubrik bereits früher veröffentlichten Aufsätze als Buch erschienen. Diese in der Schule des täglichen Lebens entstandenen, ebenso warmblütigen wie einfachen Aufzeichnungen, welche durch eine Reihe bisher noch ungedruckter gleichartiger Erzeugnisse der Verfasserin eine schätzenswerthe Bereicherung erfahren haben, dürfen bei ihrem inneren Werthe und ihrer sittlichen Gediegenheit wohl einer allgemeinen freundlichen Aufnahme von Seiten der Leser der „Gartenlaube“ gewiß sein, dies um so mehr, als es gerade Stimmen aus diesen Kreisen waren, welche den Wunsch nach einer in Buchform zusammengefaßten Sammlung von C. Michael’s „Vernünftigen Gedanken“ wiederholt dringend aussprachen. Möge das hiermit unseren Lesern dargebotene trefflich ausgestattete Buch (Preis 3 Mark), welches, wie es die Widmung andeutet, die geistige Ausbeute eines vollen Menschenlebens repräsentirt, den deutschen Hausmüttern – denn an diese wendet es sich in erster Reihe – ein bei der ihm innewohnenden Gesundheit und Frische der Lebensansichten stets gern gesehener Freund und Rathgeber werden!
    D. Red.