Die zehn Gebote (Hermann von Bezzel)/Drittes Gebot I

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Drittes Gebot I.
Du sollst den Feiertag heiligen!

 Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir die Predigt und sein Wort nicht verachten; sondern dasselbige heilig halten, gerne hören und lernen.

 So du deinen Fuß von dem Sabbat kehrest, daß du nicht tust, was dir gefällt an meinem heiligen Tage, und den Sabbat eine Lust heißest, und den Tag, der dem Herrn heilig ist, ehrest, so du ihn also ehrest, daß du nicht tust deine Wege, noch darin erfunden werde, was dir gefällt, oder leeres Geschwätz: alsdann wirst du Lust haben am Herrn, und ich will dich über die Höhen auf Erden schweben lassen, und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob. Jes. 58, 13, 14.


 Drei Unterschiede macht Luther in den ersten drei Geboten: das erste Gebot, sagt er, betrifft das Herz, das zweite den Mund und das dritte die Hand. Das erste Gebot lehrt dich glauben, das zweite unterweist dich im rechten Reden und das dritte heißt dich nicht wirken, sondern Gott wirken lassen. Denn das ist, wie ich vorausschicke und in der nächsten Betrachtung wird es wohl näher ausgeführt werden müssen, Luthers Hauptgedanke: der Sabbat sei dazu da, daß Gott in uns wirke, daß Er sein Werk in uns habe und wir ihn an und in uns wirken lassen. Wir wollen dieses schwere Gebot, das für Christen ein süßes und leichtes sein sollte, das jetzt durch die verschiedenen Sekten wieder mit dem Schwergewicht des Gesetzes belastet wird, dadurch uns näher zu bringen suchen, daß wir zuerst über die Bedeutung| des Wortes Sabbat, sodann über die Einsetzung des Sabbats, dann über die Geschichte des Sabbats und endlich über die Feier des Sabbats reden.

 Zuerst die Bedeutung des Wortes Sabbat; denn wenn wir den lateinischen Text aufschlagen in unserm großen oder kleinen Katechismus, so lesen wir: Du sollst den Sabbat heiligen. Das Wort Sabbat bedeutet meines Erachtens ein Zweifaches, nicht ein Einfaches, wie es immer erklärt wird.

 Es bedeutet zunächst die Ruhe Gottes am Ende des Sechstagewerkes. Nachdem Er alles vollendet und im Menschenherzen den Reichtum seiner Größe und Güte gleichsam feiernd erschöpft hatte, ruht Er. Von Stufe zu Stufe steigt das Schöpfungstagewerk empor, bis auf der letzten Stufe Gott das Bild nach seiner Ähnlichkeit geschaffen und das Herz geformt hat, das nicht zur Ruhe kommt, bis es in ihm Ruhe findet. Dann, nachdem Er auf der Höhe seiner Gottesgleichheit angelangt ist, ruht Er, feiert und schweigt Gott, ist stille in ihm und läßt die Welt vor ihm stille sein. So oft du also das Wort Sabbat gebrauchst und an den Sabbat denkst, erinnere dich daran, o Christ, das ist der Tag, an dem dein himmlischer Vater feiernd sich so selbst in dir, dem Menschen, erschaut und erfaßt hat; das ist der Tag, an dem Gott sich des Menschen erfreute und erquickte, an dem Er Ruhe fand von seinem Schaffensdrange. Und die Kirche Jesu Christi weiß, daß diese Ruhe Gottes wiederholt und geheiligt worden ist damals, als man an einem Freitag Abend Gottes eingeborenen Sohn, dem das Herz über der Menschheit brach, in die Stille des Grabes eingesenkt hat, von dem fortan die Kirche singt: „So ruhst Du usw.“ Seht, wenn ihr Sabbat zu feiern euch rüstet, dann denkt an die Ruhe des Gottessohnes, der nach einem heißen Erdenwerk und nach schwerer Arbeit der Sünde und des Todes, müde zu seiner Ruhe gelangte und feiernd seine Ruhe genoß.

|  Aber mit diesem einen Begriff – Sabbat – Ruhetag – ist das Wort Sabbat noch nicht erschöpft. Die andere Bedeutung heißt: Tag der Wiederkehr, der Heimkehr, der Einkehr. Wenn der Mensch genug gearbeitet hat und die Arbeit der Erde ihm schwer auf die Seele fällt, weil auch in die ernsteste Arbeit die Sünde sich einstellt und in den edelsten Tag die Schatten des Todes fallen, so s[e]hnt er sich hinaus über die Mühen der Erde, daß er wiederkehre, einkehre, heimkehre zu dem, der aller Ruhe Inbegriff und alles Friedens Quelle, Herr und Hort ist. – Und wie das Wort Sabbat einen heiligen und heiligenden Rückblick auf die Ruhe Gottes in sich schließt, so bringt es auch eine Weissagung und Vordeutung auf die Ruhe in Gott. Gott ruhte und wir ruhen in Gott. Also bedeutet das Wort Sabbat: so wie Gott im Menschen ruhte, so soll einmal der Mensch ganz in Gott ruhen; so wie Gott im Menschen feiernd sich beschaute, soll der Mensch über ein kleines feiernd in Gott sich wieder finden. Zugleich liegt in diesem Worte der Gottesruhe und der Ruhe in Gott die Warnung vor falscher Tatenlosigkeit, als ob Gott ohne Werk, ohne Arbeit fortan die Welt betrachte, in seliger Beschaulichkeit von dem Weltwesen und Weltlauf sich ferne hielte, ein Meister, der das Getriebe eines Uhrwerkes geschaffen, aber den Gang des Uhrwerkes aus den Augen verloren hat. Geliebte! In der Stunde, in der Gott beschaulich, ohne Wirksamkeit der Welt gegenüber sich verhielte, würde die Welt in sich selber zerstäuben, das Gebet würde verstummen, das Atmen der Seele würde unterbleiben und die ganze Menschheit würde vor Durst verschmachten und ihr Leben vertrocknen wie ein Scherbe. Gerade diejenigen – und es finden sich jetzt viele solche – die behaupten, daß Gott ruhe und um die Welt sich nicht mehr kümmere und dieselbe nach bestimmten Gesetzen ablaufen lasse, um sie dann zu vernichten, wissen nicht, daß sie uns eigentlich den letzten Trost nehmen.| „Nun aber,“ spricht der, der von des Vaters Ruhe den herrlichsten Begriff hat, „nun aber sind eure Haare auf dem Haupte alle gezählet.“ „Denn mein Vater wirket bis hieher.“ Und dieses Wirken Gottes in der Welt ist deines Lebens Trost und Teil und deiner Seele Ruhe. Aber so wenig Gott tatenlos ist, so wenig wird auch unsere Seligkeit Ruhe sein. Zwar die Seligkeit unmittelbar nach dem Tode ist Ruhe: Selig sind die Toten usw. Darum ist eben der Zustand des Christen nach dem Tode noch unvollendet, eine Halbheit, etwas Unfertiges und Unabgeschlossenes. Und wenn ihr euere Toten selig preist, so habt ihr nicht ganz die Wahrheit gesprochen; denn diese Ruhe des Leibes in der Erde und der Seele im Frieden Gottes ist zwar ein seliges Los, aber noch nicht das Los der Seligen. Das Los der Seligen besteht darin, daß Leib und Seele sich freuen in dem lebendigen Gott, daß sie für Gott arbeiten, daß sie mit einem Worte Geschichte haben. Unsere Gestorbenen haben keine Geschichte; ihre Vergangenheit ist vorüber, ihre Gegenwart ist tatenlos und die Zukunft ist ihnen noch verschlossen. Geschichte beginnt erst wieder, wenn sie handeln können, und handeln können sie erst wieder, wenn sie des Leibes mächtig sind. Erst, wenn die Seele, ich möchte sagen, in stiller Erinnerung die Summe der Arbeitslust sich wieder gesammelt hat, schenkt der Herr ihr auch den Leib zur Arbeitstat. Erst wenn alle Tränen von den Augen abgewischt und alle Sünden in der Stunde des Todes vergeben sind und alle Missetat bedecket und die Seele unter Jesu Kreuze zur Ruhe gekommen ist, erst dann hebt der Sabbat an, der zu seiner Höhe kommt, wenn die Seele ihres Leibes teilhaftig wird. Jetzt drückt der Leib auf die Seele und die Seele beschwert den Leib. Jetzt wird durch Haß und Neid, durch Eifersucht und Bitternis, durch Schärfe des Urteils, durch unstete Wünsche, die von der Seele herkommen, unser Leib schwer gedrückt, wir| gehen einher unter der Last der Seele. Und wiederum, wenn du krank, müde bist, so leidet deine Seele unter deinem Leibe. Es ist ein fortgesetztes Verhältnis des Sichrächens aneinander. Wenn aber Leib und Seele neu und verneut sein werden, dann wird die Seele die willkommene Freundin des Leibes und der Leib der treue Diener der Seele sein. Dann wird, wie ein großer Denker gesagt hat, die Seele eine willige Herrscherin und der Leib ein williger Knecht sein und beide Eins in Christo. Nicht ruhen in tatenloser Beschaulichkeit, sondern ruhen in tatenfroher Arbeit! Dann wird man sehen, daß die Seligkeit nicht ein Einerlei ist, dem du noch so viel güldene Farben aufsetzen kannst und es bleibt doch etwas Ödes und Unansehnliches, etwas Erkaltendes und Abschreckendes, sondern man wird inne werden, daß die Seligkeit farbenfrohe, farbenreiche Geschichte ist. In des Vaters Hause sind viele Wohnungen und die Wohnung, die Er der Seele erstmals gab, ist noch lange nicht ihre letzte. Wenn es keinen Fortschritt in der Seligkeit gäbe, wenn nicht von dem Leuchten der kleinen Sterne zu dem Lichte der großen sich ein Weg fände, so wäre die Seligkeit Tatenlosigkeit.

 Sagt es euch oft vor, wenn ihr des Wortes Sabbat gedenkt: Sabbat ist Wiederkehr, ist Heimkehr nicht zum Quell, da man ewiges Vergessen trinkt, sondern zu dem Quell, von dem der 36. Psalm sagt: Bei Dir ist die Quelle des Lebens und in Deinem Lichte sehen wir das Licht.

 So habe ich versucht, zum Ersten das Wort Sabbat nach zweierlei Weisen zu erklären: Ruhe Gottes im Menschen und Ruhe des verneuten und vollendeten Menschen in Gott. Ich komme nun zu dem zweiten Punkte unserer Betrachtung: zur Einsetzung des Sabbats und zur Geschichte des Sabbats.

Drei Punkte gibt es bei der Einsetzung des Sabbats zu bedenken: 1. Moses 1, 2. Moses 16 und 5. Moses 5.| Das sind die drei Stellen, die jeder Christ wissen sollte, wenn es sich um die Einsetzung des Sabbats handelt. Einmal, als unser Herr vom Schöpfungswerke feierte und ausruhte, weil sein Wort erfüllt und sein Wille geschehen war, als Gott in der Schöpfung sich wiederfand, da ruhte Er. Wir werden es nie ganz begreifen, welch eine Freude es war, wie Gott mit heißer, ernster Mühe aus sich heraus die Welt gestaltete und nun nichts an ihr des Meisters spottete, sondern alles sehr gut war; da Gott und sein Bild, Bild und Bildner, Kunstwerk und Künstler, Wort und der es geredet, Werk und der es getan hatte, eines waren und eines blieben in aller Verschiedenheit des Wesens. Das war das Erste: Da ruhte Gott. So tritt der Künstler wohl in stiller Stunde weit weg von dem Gemälde, dem er die letzte Farbe aufgesetzt hat, und beschaut das Gemälde und läßt es zu sich reden. Und es redet ihm von schweren Nächten und einsamen Sorgen und harten Tagen, von vielen Versuchen und manchem Irren, wohl auch von mancher Freude. Und so tritt der Künstler zurück, wenn er den Stein zum letzten Male bearbeitet und aus dem Stein das herausgelöst hat, was im Steine war. Und er läßt die einzelnen Züge zu sich sprechen und feiert eine selige Ruhe. Das Werk hat seinen Meister übermocht, was er geschaffen hat, hat ihn übertroffen. Von jenem Künstler heißt es: Er hat sein Werk angebetet! Doch nicht das tote Werk, sondern den, der es ihm gelingen ließ. Das ist das Eine.
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 Und wenn ihr im 2. Moses 16 vielleicht heute abend nachlest, so werdet ihr finden, daß der Herr, als das wunderbare Brot, das Manna, vom Himmel fiel, dasselbe dem Volke Israel in der Wüstenwanderung am Freitag immer in doppeltem Maße schenkte, damit am Samstag die Arbeit des Sammelns unterbleiben konnte. Aus diesem Gottesgeschenke ist die vierte Bitte entstanden: gib mir heute| so viel Brot, daß es für morgen noch reicht! Seht, welch eine Zartheit Gottes war es, daß er dem fahrenden Volke in der Wüste, das keine Aussicht auf die Heimat hatte, solche Speise darreichte und, damit die Lebensspeise recht am hl. Tag gereicht werde, schon am Vortage alles für des Leibes Nahrung und Notdurft überreichlich bescherte. Es ist, als ob Gott in unsere arbeitsvolle Welt den Trost hineinwerfen wollte: je ernster ihr es mit dem Feiertag haltet, desto reicher will ich euch den Alltag machen. Und je mehr ihr am Feiertag alle äußeren Werke beiseite tut, desto reicher und reiner wird er sein.

 Und das dritte ist: 5. Moses 5: Gedenke des Sabbats, daß du ihn heiligest! Das ist das gesegnete Bundeszeichen, das Gott dem heimatlosen Wüstenvolke bescherte: Ich habe dich aus dem Diensthause geführt. Seht, in dieser göttlichen Stiftungsurkunde liegt sein Gnadenwille, daß die Christenheit sich dessen erinnere, daß sie nicht mehr eine in der Form der Sünde und der täglichen Müh und Arbeit stehende Nation sei, sondern erlöst durch Jesum Christum und zum ewigen und seligen Leben gefreit. Das ist der große Trost in diesem Gotteswort: Der dich aus dem Diensthaus geführt hat usw. Als man in der französischen Revolution den siebenten Tag als Ruhetag abschaffte und alle zehn Tage einen Ruhetag ansetzte – bekanntlich währte dieses Zehn-Tage-System nach göttlicher Ironie zehn Jahre lang –, haben gerade die größten Gottesleugner am ehesten den siebenten Tag wieder einzusetzen verlangt, weil wunderbarerweise der Körper gerade nach sechs Tagen der Arbeit so viel an Kraft und Fähigkeit verbraucht, daß er am siebenten der Ruhe bedarf. Bedeutende Forschungen haben ergeben, daß der menschliche Körper, sogar das Knochengerüste, sich innerhalb sechs Tagen derart abnützt und verausgabt, daß man zur Ergänzung und Wiederherstellung verbrauchter Stoffe als siebenten eines Ruhetages unbedingt benötigt. –

|  Je mehr sich nun das Volk Israel von andern Völkern abhob und seine eigenen Wege ging, desto mehr hat es darauf gehalten, daß die Feier des Sabbats nicht ein bloßes Gesetz blieb, sondern Ausfluß des freien Willens. Immer wieder klingt es aus der Propheten Mund: Freuet euch des Sabbats! und in einem alten Gebete, das nicht in der Bibel steht, heißt es: So komme herauf du Krone der Tage, du Braut des allmächtigen Gottes! Komme herauf, o Sabbat, du Freude des Herrn und du Frieden meiner Seele! Und noch jetzt, wenn der fromme Israelite am Freitag Abend, wenn die ersten Sterne sich am Himmel zeigen, sich zur Sabbatfeier rüstet, soll sein ganzes Haus geschmückt und seine Seele bereit sein; denn an einem Sabbat wird der Messias kommen. Und an jedem Sabbat steht der strenggläubige Israelite abends am Fenster und sieht und lauscht hinaus in die Dunkelheit, ob nicht ein Fremdling bei ihm Einkehr begehre, sich seiner Türe nahend und ihm in diesem Fremdling der Messias erscheine. Und an jedem siebenten Wochen-, Monats- und Jahrestagfest und besonders dem siebenten Jahresfest, also dem 50., dem Hall- oder Jubeljahre, wird wohl der Becher mit köstlichem Wein bereitgestellt, damit der Gesegnete des Herrn eintrete und nimmer länger draußen stehe. „Heute sind wir Knechte, morgen sind wir Freie; heute sind wir Knechte, morgen sind wir Herren.“

 Das sind die Gebete, die alten Tröstungen des Sabbats. Wenn man 39 Sabbatgebote aufgestellt und einen Zaun von Satzungen um seine Feier errichtete, so ist es doch ein Beweis dafür, welch eine Gnade und welch großes Gottesgeschenk Israel in seinem Sabbat erblickt. Das ist es, was zu sagen ist, über des Sabbats Entstehung und über seine Feier. Und nun, Gemeinde des Herrn, was ist denn dir der Sonntag?

 Zwar, wer seinen kleinen Katechismus etwas kennt| oder seine Augsburgische Konfession fleißig liest, weiß, daß alle Äußerlichkeit am Sonntag für unsere Kirche weggefallen ist. Luther sagt: Was man mit gutem Gewissen am Sonntag tun könne, das soll man tun. Denn Christus selbst hebt den Sabbat auf. Darum möchte ich zunächst der englischen Auffassung des Sonntags, wie sie wohl auch bei uns in den Kreisen ernster Christen vielfach Sitte ist, nicht das Wort reden. Im Alten Bunde ist der Mensch um des Sabbats willen da, im Neuen Bunde der Sabbat um des Menschen willen. Und des Menschen Sohn, der in allen Satzungen seines Vaters einherging, hat den Sabbat gebrochen, indem Er heilte, Wunder tat, seinen Jüngern das Ährenraufen gewährte, den Wassersüchtigen heilte und von seiner Not befreite, indem Er darauf hinwies, daß David ungestraft am hl. Orte zur hl. Zeit die hl. Gottesbrote genossen hat. Es ist ein großes Wort, daß der Sabbat um der Menschen willen da sei, 1. damit wir feiern, 2. damit wir heiligen.

 Der Sabbat, welchen Tag du dazu wählst, das bleibe dir unbenommen, sagt Luther, der Sabbat, den die Kirche Jesu Christo bald nach der Auferstehung ihres Herrn auf den Sonntag, den ersten Tag der Woche verlegte, ist dazu gegeben, daß du feierst. Feiertag, Feierkleid, Feierglocken – von Jugend auf sind wir’s gewöhnt den Sonntag auszuzeichnen. Wenn die Glocke den Sonntag einläutet, so ist es uns feierlich zumute; es ist dieselbe Glocke, die am Samstag Abend das Gebet läutete, aber ganz anders klingt sie über Berg und Tal am Sonntagsmorgen: Gottesfrieden, Stille, Ruhe, die der Herr gebot. Und daß wir Feierkleider anlegen – und welch innige Jugenderinnerung ist es uns, wie uns die Mutter am Feiertag die besten Kleider zurechtlegte – das ist ein Rückblick auf ein verlorenes und ein Ausblick auf ein kommendes Paradies: die zieh ich aus, dagegen wird Christus mir anlegen den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

|  Und daß der Feiertag der Tag ist, auf den man sich freuen kann, das bleibt in der schweren Wirklichkeit des sechs Tage-Betriebes ein so seliges und herrliches Ding. Zwar kann ich mir keinen Christen denken, der sich nicht für jeden Tag eine bestimmte Summe von Freuden zurecht gelegt hätte; denn im Christenleben muß es immer etwas geben, woran man sich freut. Und daran kannst du am besten den Stand deiner Heiligungs-Arbeit erkennen, ob du täglich Gedanken hast, noch am Abend ehe du einschläfst, an denen du dich erfreust, Freuden, die du erlebtest oder denen du entgegen gehst. Menschen, die genau an derselben Stelle morgens das Joch aufnehmen, an der sie es am Abend vorher niedergelegt haben, Menschen, die mit demselben trübseligen Angesichte am Morgen die Aufgabe wieder fortsetzen, mit dem sie dieselbe abends abbrechen, sind arm und bemitleidenswert und fern von aller Heiligung. Und wer etwas zu erziehen hat oder zur Lösung der sozialen Frage etwas beitragen will, wer unter der schwerarbeitenden Schichte fördernd wirken möchte, der sorge dafür, daß eine kleine Freude nicht bloß den Sonntag, sondern jeden Tag verkläre.

 Also dazu, o Seele, ist dir der Sonntag gegeben, daß du feierst, daß du all der Arbeit dich enthältst, die den Sonntag wieder in die Alltäglichkeit, in den Alltag herabzudrängen geeignet ist. Ich greife nur etliches heraus. Es ist auch in christlichen Häusern Sitte, gerade den Sonntag durch besonders gute Gerichte und reichlichere Speisen auszuzeichnen und dadurch den Dienstleuten den Sonntag zu erschweren und zu verbittern. Manche Dame, die Gott auf den Lippen und den Traktat in der Hand hat und die sehr erbaulich über den Sonntag in der Sonntagsschule zu unterrichten weiß, denkt nicht daran, daß zu Hause ihre Magd seufzt unter der Last des Sonntags.

 Und mancher fromme Mann, dem es ernst ist mit| seiner Frömmigkeit, denkt nicht daran, wie sein Diener mit vielen kleinen Aufträgen beschwert ist, daß er müde am Sonntag Abend niedersinkt. Wer seinen Sonntag recht feiert, der muß an ihm alle Arbeit hinten lassen und zurückstehen heißen, die ihn irgendwie beschwert, die irgendwie sein heiliges, freudenreiches Antlitz entstellt. Der Sonntag grüßt dich als ein Vorglanz der Ewigkeit, er ruft deiner Seele zu: frei von dem Dienst des vergänglichen Lebens zu der seligen Freiheit der Kinder Gottes! Wehre ihm nicht, zeichne nicht in sein hl. Angesicht allerlei weltliche Dinge, sondern laß ihn gewähren, damit er dir alle Tage übergülde, verkläre und heilige! Daß man also am Sonntag kein Werk tun darf? Luther würde gerade diese Frage beantworten: o ja, man darf schon Werke tun. Alle Werke kannst du tun, alle Beschäftigungen kannst du vornehmen, wenn sie dir von Gott irgendwie geboten sind. Wo aber kein göttliches Gebot dazu ist, da ist es Sünde. Sorge dafür, daß du am Sonntag deinem Leibe Ruhe gönnst, daß du ihm zeigst, wie du seiner gedenkst. Sorge dafür, daß dein Leib des Sonntags froh wird durch allerlei Weise: durch einen Gang in Gottes schöne Natur, durch Anschauen schöner, edler Bildwerke, durch das Anhören hehrer Klänge der Musik, durch eine stille, vor Gott bestehende Stunde. Sorge nur dafür, daß dein Leib des Sonntags froh werde, so wird auch die Seele seiner froh sein! Seht, wenn man von Sonntagsheiligung so viel spricht, so gedenke man daran, was einmal Kögel in einem seiner besten Vorträge erzählte: Als der große Tunnel durch den Brenner gebaut wurde, da standen mitten in dem Stollen zwei große Glasglocken; die eine entführte die verbrauchte Luft und die andere brachte neue Lebensluft ein. Das ist der Sonntag. Der hat die doppelte Aufgabe für deinen Leib, daß er die verbrauchte, verunreinigte Luft entführt und daß er dir neuen Lebensatem schafft.
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|  Sorget, das ist meine erste Mahnung an euch alle, sorget für den rechten Feiertag, der eurem Leibe zugute kommt! Denke daran, daß Gott der Herr diese wundersame Maschine des Leibes gerade auf sechs Tage Arbeit eingerichtet hat und daß die siebente Ruhepause notwendig von ihm verlangt und verwendet wird! Aber freilich, damit ist nicht alles getan.
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 Alle Sonntagsgesetze sind nütz und gut, unser Volk wird durch Sonntagslosigkeit zerstört, kommt durch Unruh und Unrast immer mehr zurück. Es ist wunderbar: gerade am Sonntag geschehen die meisten Selbstmorde der Frauen, die der Männer meist am Montag; am Samstag findet man auffallend wenig Selbstmorde auch bei Frauen. Da scheuern und putzen sie und hoffen, wenn gleich schon tausendmal enttäuscht, von dem Sonntag eine stille Zeit, einen gemeinsamen Spaziergang mit dem Mann und Vater ihrer Kinder, eben etwas von Sonntagsfeier. Und wenn dann der Sonntag trübe verläuft, ist sein Abend oft Zeuge einer schrecklichen Tat. Am Montag begeben sich die meisten Selbstmorde der Männer; der Wochenverdienst ist dahin, vergeudet im unsinnigen Genuß, die Arbeitslust ist tot, so wird dem Leben ein Ende gemacht. Es sind ganz eigentümliche Gesetze, die bei der äußeren Sonntagsfeier mitsprechen. Man merkt, ein sonntagsloses Volk verarmt. Die große Weltausstellung in St. Louis in Amerika war Sonntag für Sonntag geschlossen, damit die Arbeiter und Bediensteten einen Ruhetag hatten und sie endete mit einem großen Überschuß. Die letzte Ausstellung in Gent war am Sonntag bei ermäßigtem Preise geöffnet und schloß mit einem sehr ansehnlichen Fehlbetrag. Alle die Betriebe, die grundsätzlich die Sonntagsarbeit ausschließen, arbeiten mit Gewinn und die Betriebe, die Sonntagsarbeit ansetzen, arbeiten mit viel zu großem Verbrauch von Menschen- und Sachmaterial. Es ist ganz wunderbar, daß| das Volk, welches bei allen sonstigen nationalen Schäden den Sonntag so streng feiert, – ich meine die Amerikaner – eines unvergleichlichen Nationalwohlstandes sich erfreut, während Frankreich, das bekanntlich keinen Sonntag kennt, an schweren Bank- und Geldnöten leidet. Gott ist eben auch in diesen Dingen gerecht und steht über seinem Worte.

 Darum feiere den Sonntag und hilf, daß er gefeiert werde und schmücke ihn mit all den kleinen Freuden. Es hat ein moderner Nationalökonom, Riehl, in seinem Buch über die Familie ausgeführt, was es um den Sonntag in der Dichtung sei. Kein Volk feiert seinen Sonntag so in Dichtungen wie die Deutschen – Eichendorff, Schenkendorf, Kl. Groth –; es ist, als ob die ganze Poesie im Preise des Sonntags eins wäre.

 Noch einmal: Feiere deinen Sonntag und hilf ihn feiern! Mache ihn poetisch verklärt, gönne dir Freuden, halte von ihm ab harte, beschwerende Arbeit! Aber freilich erschöpft ist damit die Bedeutung des Sonntags noch lange nicht. Denn nicht: Du sollst den Sonntag feiern, sagt der Herr, sondern: Du sollst den Feiertag heiligen. Und in der Erklärung hat Luther kein einziges Wort vom Sonntag und seiner Feier, um so ernster aber von seiner Heiligung geredet. Alle Dinge aber werden geheiligt durch Gottes Wort und Gebet.

Amen.





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