Die zehn Gebote (Hermann von Bezzel)/Zweites Gebot III

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Die zehn Gebote (Hermann von Bezzel)
Drittes Gebot I »
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Zweites Gebot III.
Du sollst den Namen deines Gottes nicht mißbrauchen!

 Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir bei seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen, sondern denselbigen in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.

 Was ist euer Leben? Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währet, darnach aber verschwindet er. Dafür ihr sagen solltet: So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun. Jak. 4. 14, 15.


 Das ist der Schluß der Auslegung des zweiten Gebotes, das soll auch der Schluß der Erbauungsstunden in diesem Raume und in diesem Jahre sein. Es ist in diesen Worten die größte Tat empfohlen und der beste Rat gegeben.

 Die größte Tat ist in diesen Worten empfohlen: Loben und Danken! Am Ausgang eines Jahres, das so viel Ernst, Kreuz und Leid mit sich gebracht hat – lauter verdientes –, und so viel Freude und Licht heraufgeführt hat – lauter geschenktes, allein aus Gnade gewährtes –, wissen wir nicht, wie wir den Vorrat von Erfahrungen und den Reichtum von Gnaden recht bergen sollen, wenn wir nicht loben und danken. Wir loben den Herrn zuerst dafür, daß Er die Gesundheit des Leibes immer wieder erhalten und geschenkt hat, den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden gönnte, daß Er immer wieder für die Arbeit des Geistes in dem Leib einen willigen Diener und ein löbliches Gefäß bewahrte und schenkte. Und wenn Er einmal verdientermaßen die Kraft und Frische der leiblichen| Gesundheit entzog, so loben wir ihn dafür, daß Er in die Stille führte und auf ihn merken ließ und uns lehrte, was wir so leicht und gerne verlernen: wie wenig ein Mensch in seinem Reich und in dem Gefüge seiner Gedanken bedeutet und wie rasch sein Werk und Wesen dahin ist. Wer unter uns im vergangenen Jahre irgendwie leibliche Leiden, Gebrechen, Mängel in der Gesundheit verspürte, der lobe den Herrn dafür, daß Er vorahnen ließ, wie wenig er bedeute und wie schnell er dahin sein könne und wie man den Augenblick ausnutzen muß, damit nicht die Ewigkeit uns der Versäumnis beschuldige. Wir loben ihn dafür, daß Er des Geistes Frische uns bewahrte! Es ist diese Frische nicht bloß ein Gut, sondern auch eine schwere verantwortungsreiche Last. Daß wir noch denken müssen, die Schwere des Tages durchkosten und durchdenken müssen, in den Ernst der Zukunft hinauszublicken haben, das legt sich oft beschwerend auf den Geist und man ist versucht, jegliche glücklich zu preisen, die das Denken verlernt haben. Aber wir loben ihn am heutigen Tage, daß Er uns die lange Not der Zukunft zu bedenken gibt und den Ernst der Gegenwart ausmessen heißt, damit wir klug werden. Wir möchten all die schweren, ernstlichen Gedanken nicht missen, sie haben uns ärmer für die Welt und reifer für die Ewigkeit gemacht. – Aber über alles danken und loben wir seinen hl. Namen dafür, daß Er, ob wir’s wohl tausendfach verdient und verschuldet haben, sein heiliges, teueres Wort nicht von uns genommen und den Leuchter des Evangeliums nicht umgestoßen hat. Wir haben es wohl zu erwarten, daß plötzlich in uns jedes Vertrauen zu Gottes Wort ersterbe und wir seinen hl. Geboten gegenüber ebenso ablehnend stünden, als mißtrauisch seinen gnadenreichen Verheißungen. Er könnte plötzlich die Möglichkeit des Glaubens mit harter Hand in unserem Seelenleben niederreißen und das letzte Aufflackern des Heimwehs| ersticken. Daß Er das noch nicht getan hat, obwohl wir sein Wort oft versäumt und verunehrt und ihm haben Schaden tun lassen, ist eine unaussprechliche Gnade. Und daß bei aller Schärfe des Urteils, die in uns wohnt, diese Kritik ehrfürchtig vor seinem Worte zurückweicht und Er die Schuhe uns ausziehen heißt, wenn wir auf heiligem Boden stehen, dafür preisen wir ihn in dieser Stunde. Es könnte ja auch sein, daß ich von dem Strome der modernen Aufklärung fortgerissen, meinen Heiland verleugnete und des Evangeliums von Christo, des armen, mich schämte! Es könnte auch sein, daß ich, um gebildet zu erscheinen, bei denen stünde, die das alte Gotteswort durch neue Weisheit ersetzen wollen! Daß Er in die Seele Seines Knechtes die Ehrfurcht vor seinem Worte gelegt und in ihr bewahrt hat und daß Er euch immer wieder um dieses arme schlichte Wort sammeln wollte und euch in diesen Bibelstunden nichts anderes – so hoffe ich – darbieten ließ, als seinen lauteren gnädigen Gotteswillen, kein Menschenwerk und kein Menschengedicht, dafür loben wir ihn. – Und wir loben ihn dafür, daß Er dieses Wort, sein heiliges teueres Wort, hat Gestalt annehmen und Mensch werden lassen im Staube der Alltäglichkeit, Jesum Christum, den Heiland der Welt, hat vor uns hergehen heißen, daß Er sich zu uns Mühseligen wende und zu uns Sündern sich kehre und unsre Not auf sich nehme und unsere Schuld sich auflege. Wir loben ihn dafür, daß, wenn Er selber, den niemand gesehen hat, noch sehen kann, unsern Augen langsam entschwand, langsam aus den Tiefen der Sünde, aus den Fernen der Zeiten, aus den Weiten der Welt, seines Sohnes Kreuzesgestalt hervortrat: Sehet, das ist Euer Gott! Daß Er, wenn alles uns zu entfallen drohte, und wir, ganz bettelarm, dem dahinrauschenden Strom der Zeit nachsehen mit der leisen Bitte: trage uns fort und laß uns nimmer sein – seines Sohnes Erbarmen| zu uns reden ließ: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ und das Rauschen des Stromes ward nicht mehr ein erbarmungsloser Ton, sondern Friede, Freude in dem hl. Geist. Daß er uns die Sünden des vergangenen Jahres, so oft wir darum baten und wenn wir nicht mehr darum bitten konnten oder wollten, gnädig vergab und jeden Abend wieder die Gnade uns aufs müde Haupt legte: Sei getrost, ich habe deine Sünde dir vergeben – und daß Er uns, wenn wir unser selber müde wurden und uns kaum mehr tragen konnten, wieder die neue Gnade mit jedem neuen Morgen bezeugte und schenkte, dafür danken wir ihm! –
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 Es ist eine Großtat, am Ende des Jahres für alle Wohltaten Leibes und der Seele, Gutes und Ehren zu danken. Du hast im vergangenen Jahre plötzlich, da du es am wenigsten glaubtest, einen Menschen gefunden, mit dem du beten, mit dem du arbeiten, mit dem du tragen konntest, der dich strafte, wenn es not tat, und dich aufrichtete, wenn du es brauchtest. Und dir hat der Herr einen Menschen zur Seite gestellt, der für dich zur Anfechtung ward, an dem du lernen mußtest Geduld, Gehorsam, Nachsicht, Nachgiebigkeit. Danke ihm auch dafür! Und du hast endlich nach vielen Wanderungen den Ort gefunden, da dein Fuß ruhen konnte, und fandest dich heimisch mitten in der Fremde; und dir ist eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden, als du an Gräbern stundest, und eine besondere Gebetserhörung geschenkt, da du es am wenigsten meintest. Es ist das ganze vergangene Jahr eine Kette gnadenreicher Überraschungen. Wenn ein Jahr in dem ganz bestimmten Gleichsatz von Schuld und Strafe, von Verfehlung und Folge der Verfehlung, von Berechnung und Erfolg sich vollzöge, dann wäre es nicht nur ein tötendes Einerlei, sondern jeder Dank wäre unnütz. Daß aber das vergangene Jahr so viel Unerwartetes uns schenkte,| am Abend uns weinen sah und am Morgen uns mit Freude begrüßte und so aus unseren Sünden und seiner Gnade ganz neue Lebensgebilde hervortraten, die unserer Rechnung spotteten und unsere Erwartung beschämten, dafür preisen wir ihn! Wir loben heute seinen Namen und rühmen, daß Er so gerne hilft. Wir danken mit Herzen, Mund und Händen; in der Stille, wo kein Mensch uns belauscht und wir Zwiesprache mit unserem Erbarmer und Erzhirten pflegen, demütigen wir uns in den Staub: was hättest du mit mir ausrichten können, wenn ich dir gefolgt und dir bräuchlich mich hätte erzeigt! In der Stille des Tages, wenn nun der letzte Jahrestag hinabsinkt, kommen wir zu ihm: ich bin nicht wert, daß du mir dies erzeigtest! So loben wir ihn im Herzen. Und was das Herz bewegt, das soll der Mund aussprechen. Daß doch in diesen Tagen der Dank über alle Lippen käme, Frucht der Lippen, die seinen Namen verkündigen! Daß es überall von uns bezeugt würde, im Zwiegespräch, in der Unterhaltung des Tages, im Ernst des Gottesdienstes, im gemeinsamen Gebet, beim Gesang der Neujahrslieder, wie treu Er an uns gehandelt hat! Am allermeisten aber werde dieses Lob in unserem Leben laut! Ein dankbarer Mensch ist im tiefsten Grunde ein freudenreicher. „Wer Dank opfert, der tut es mit Lust.“ Und es ist doch die größte Tat, die wir angesichts der großen Welttrauer und der Befürchtungen für das kommende Jahr und die nahende Zeit dem Herrn und seiner Gemeinde erzeigen, daß wir freudig unsere Arbeit auf uns nehmen und mit großer, siegreicher Gewißheit sie weiterführen. Nur nicht Undank! Nur daß Er das nicht bei uns findet! Wenn Er nun sein Feld besucht und es hat nicht wohlgetragen? Wenn Er den Baum ansieht, drei Jahrelang das Werk seiner Treue, und keine Frucht an ihm findet, so kennt ihr das Urteil: Haue ihn ab, was hindert er das Land? und das unfruchtbare| Feld werde von den Leuten zertreten. Undankbarkeit ist praktische Gottesleugnung, Verwerfung der Heimat, Verbannung der Seele in das, was nicht bleiben kann und darf. Undank ist fortgesetzter Selbstmord. Schließlich kann der Mensch gar nicht mehr danken, der anfangs nicht danken wollte, und wer nicht mehr danken kann, ist bitter arm. Er ist innerlich verdorrt und äußerlich verworfen. Aber wohl uns, daß wir heute einander zurufen dürfen: „Vergiß es nicht, was Er dir Gutes getan hat!“ Wohl uns und Preis ihm, daß wir die Krippe und das Kreuz haben und die Zeichen seiner Treue besitzen! Wohl uns, daß unser Glaube gestärkt wird und ihm Preis, daß Er unserer Armut immer wieder zu Hilfe kommt! So bleibt Dank die größte Tat! Ein dankbarer Mensch ist ein tapferer Mensch, ein tapferer Mensch ist ein freudenreicher Mensch und wer an Freude reich ist, der arbeitet für den Sieg des Lichtes und für die ewige Herrschaft seines Reiches. Wie kannst du beten: „Dein Reich komme“, wenn dir nicht die Freude an seinem Reich und auf dasselbe die Stirne beglänzt und das Herz erweicht?

 Zur größten Tat am Ausgang des Jahres der beste Rat! Man gibt euch jetzt allerlei gute Ratschläge, jeder Neujahrswunsch, der an euch tritt, ist ein guter Rat. Die Einen sagen euch: denkt nicht was morgen sein wird, man kann es doch nicht ändern, es ist alles fest beschlossen, es ist gut, daß man nicht weiß, was kommt, es ist sehr gnädig, daß die Zukunft verborgen ist, wir wollen ihren Schleier nicht lüften; wie schwer wäre es, wüßte man, was das nächste Jahr bringt. Die anderen sagen: vertrau deinem Stern, der wird dich recht leiten und deinem Arm, der wird die Welt teilen! So gibt es unter Weltmenschen und unter Christen manchen guten Rat. Aber der beste heißt doch, den Namen Gottes in allen Nöten anrufen und beten.

|  In allen Nöten! Da ist zuerst die Not der Ungewißheit. Was ist euer Leben? Ein Dampf ist es, eine Rauchsäule, die sich ein wenig über die Niederungen der Erde erhebt, so glänzt die Sonne hinein und die Rauchsäule spielt in allerlei bunten, frohen Farben, hier drückt der Nebel sie nieder und der Rauch sinkt zu Boden – man weiß nicht, ob er gen Norden sich richtet oder gegen Süden geht, man sieht nicht, ob er hoch steigt oder bald zur Seite sich wendet – und ehe man’s sich recht überlegt, ist er zerflattert als eine dünne Luft. Was hülfe es dem Menschen, wenn diese Rauchsäule sonnig beglänzt wäre, und er nähme Schaden an seiner Seele? Und was schadet es dem Menschen, wenn diese Rauchsäule immer im Dunkeln sich fortschleicht, und er gewinnt Jesum Christum seinen Herrn! Es ist eine schwere Not die Ungewißheit, daß ich keinen Augenblick meines Lebens sicher und gewiß sein kann; daß ich heute in die Stadt kann, die morgen mir das Grab bereiten kann, heute ein Werk beginne, um es morgen einem andern zur Fortsetzung zu überlassen. Es ist eine große Ungewißheit: was wird das neue Jahr bringen? Hat es in den Falten seines Mantels den Frieden? Bringt es mit strengem, harten Antlitz den Krieg? Wird es unsere Kirche, so wie sie jetzt gefügt und geformt ist, noch weiterleben sehen, oder wird diese Kirche langsam sich anders formen und gestalten? Wird dem Massenabfall auf der Kanzel und unter der Kanzel wirksam begegnet und der hl. Geist mit neuer Kraft sich am Werke erzeigen oder wird der Herr seine Hand zurückziehen und kräftige Irrtümer werden das Feld behaupten? Was wird in meinem eigenen Hause sich vollziehen? Werde ich an Gräber geführt werden, wo ich’s am wenigsten meine, und werde ich die Schwierigkeiten, die ich am meisten fürchte, erleben müssen? Werde ich selbst das Jahr überdauern und ihm die Zeit abgewinnen und diese Zeit recht ausnützen können? Oder wird mich| das Jahr in die Stille führen und in den Staub legen? Es ist peinigend, so ungewiß einer Größe gegenüber stehen, die man doch beherrschen soll! Sonst wird jede Aufgabe ein wenig dir vorher zergliedert und erklärt; du sagst vielleicht, wenn ich ihre Schwierigkeit ganz gekannt hätte, hätte ich sie nicht übernommen – aber etwas ahntest du doch von ihr! Dagegen die nächste erste Pflicht, ein Jahr zu durchleben, ist zugleich die Pflicht dem völlig Ungewissen gegenüber. Und nun wes soll ich mich trösten, da jede Stunde mir ein neues Rätsel ist und jeder Tag neues Geheimnis bringt? Ich hoffe auf dich! Unsere Väter liefen zu Dir und wurden nicht zu schanden, zu Dir riefen sie und Du halfst ihnen aus! Wenn ich alles bedenke, wie Du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet. Ich will den Namen Gottes in der Not der Ungewißheit anrufen: „Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen möge, der Du zugesagt hast, mir zu helfen!“ Wenn alles ungewiß ist, „sei Du mir nur nicht schrecklich, meine Hilfe zur Zeit der Not!“ Du einiger Fels wandle dich nicht für mich – wenn ichs gleich verdient habe – in Flugsand, daß ich nicht mehr wüßte, wo mein Fuß ausruhen und Stand haben kann!

 Sei du mir nicht schrecklich, meine Hilfe zur Zeit der Not!

 Und zur Not der Ungewißheit kommt als andere Not: die Not der Gewißheit. Diese Not, daß ich nicht weiß, was morgen sein wird, das ist nicht mehr Ungewißheit, sondern die allergrößte Gewißheit! Die Gewißheit, daß der Morgen der letzte sein kann und daß ein Morgen der letzte sein muß. Eine schreckhafte Gewißheit: daß ich sterben muß, daß ich Wünsche anlege, die die Zeit nicht einlöst, Arbeiten beginne, die die Zeit nicht fertig bringt, Vorsätze fasse, die an meinem Grabe unerfüllt stehen! Eine furchtbare Gewißheit, daß ich sterben muß! Und| manchmal will uns die Sorge beschleichen, ob überhaupt unsere Arbeit noch einen Wert hat, weil sie ja doch aufhört, und ob unsere Treue überhaupt Bedeutung hat, weil ja doch alles ein Ende nimmt. Eine Menge schwerer Gewißheiten, die dadurch nicht leichter werden, daß man ihnen ins Auge zu sehen sich weigert, sondern je weniger du sie mit Ernst ins Auge faßt, desto stiller werden sie, um auf einmal aus der Stille wie ein gewappneter Mann hervorzubrechen und dich zu zermalmen. Folge meinem Rat, er ist treu gemeint und ich darf sagen, wohl erprobt: denke fleißig an das Allergewisseste deines Lebens: „Ach Herr lehre doch mich, daß es ein Ende mit mir haben muß und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß. Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Die ihr nicht wißt, was morgen sein wird, aber wohl wißt, was morgen nicht mehr sein wird: euer Leben! In dieser schweren Not, daß ich täglich arbeiten muß um der Gewißheit des Nimmer-Arbeitens entgegen zu kommen, in dieser schreckhaften Gewißheit, daß diese lebhafte Hand bald kalt und starr und das frische Auge bald stumpf und still stehe, in dieser niederdrückenden, ja fast entkräftenden Gewißheit flüchte ich zu dem, der der Quell alles Lebens ist: hast du mich dazu geschaffen, daß ich den Staub vermehre? Hast Du mich dazu beten lehren, daß ich meines Gebetes nie froh und seiner Erhörung nie teilhaftig werde? Hast Du mir dazu Deinen Sohn gesandt, daß man sein Kreuzeszeichen an meinem Grabe aufpflanze, ein Zeichen des Todes an der Stätte des Todes? Aber indem ich in dieser großen Not, die so demütigt und entmutigt zugleich, zu meinem Herrn flüchte, höre ich: Fürchte dich nicht, ich war tot und bin lebendig geworden! Und aus der das Leben verneinenden und zerstörenden Gewißheit des Todes blüht durch die österliche Gnade des Todes Jesu Christi die siegreiche Gewißheit des Lebens auf: Ich lebe und ihr sollt| auch leben! Tod wo sind nun deine Schrecken? Seht, das ist es, was wir euch raten in dieser Stunde, daß ihr in den Nöten des Todes, in den Schrecken, wenn ihr euch selbst begrabt, zu dem hinflüchtet, der dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen an das Licht gebracht hat, und daß ihr den Saum des Gewandes eures Lebensfürsten anrührt: sprich zu meiner Seele: Ich bin dein Jesu, deine Hilfe, dein Trost und Erretter.

 Und zu der Not der Ungewißheit und der Not der Gewißheit: die Not der Alltäglichkeit! Der Alltäglichkeit, die wir an jedem Morgen als neu erblicken, obwohl wir wissen, daß sie am Abend genau so niederdrückend ist: immer noch auf Erden, immer noch in Sünden, der gute Vorsatz des Frühgebetes nach zehn Minuten vom Feinde höhnend zerpflückt, der Anlauf zur Heiligung nach wenigen Stunden von dem Todfeind meiner Seligkeit lächelnd aufgehalten! Und jeder Tag mit derselben schauerlichen Rechnung: früh eine Summe von Versprechungen und am Abend der keines gehalten! In der Angst, daß Er einmal meine Versprechungen gar nicht mehr hören, dagegen meine Meineide wägen und zählen werde, in der allerschwersten Anfechtung, daß Er meiner vergessen müsse, weil ich sein so oft vergessen habe, rufe ich zu ihm, „denn bei Dir ist die Gnade und viel Erlösung bei Dir.“

 Jeder der 365 Tage hat es mir bezeugt, bekräftigt, versiegelt, wie gnädig der Herr ist; so rufe ich in der schweren Not, daß ich mir selber allzu treu bleibe und nicht anders werde, zu Dir: wende Du mich, bekehre Du mich, ich gebe mich Dir ganz zu eigen; hier ist mein Wille, zerbrich ihn, zermalme ihn, verwirf ihn, nimm ihn, wenn es sein soll, aber verwirf mich nicht! Hier ist mein Weg, verzäune ihn, verbaue ihn, verkürze ihn, aber laß ihn nicht im Abgrund enden! Hier ist mein Wesen, nimm alles was lebenswert an ihm scheint, mache mich zu einem Deiner Tagelöhner,| aber daß dein Tagelöhner nicht von dir verworfen werde, daß ich nicht ein Tagelöhner des Feindes sein müsse, der meiner Seele unablässig nachstellt! – Seht, das heißt man in allen Nöten anrufen, vor der Gnadentüre nicht mehr zaghaft pochen wie einer, dem gar nichts daran liegt, ob geöffnet wird oder nicht, sondern hinstürmen mit seiner Not: hier liege ich vor der Türe deines Hauses, schreite über mich hinweg, aber verwirf mich nicht! Der Du dem sinkenden Petrus die Hand darreichtest, daß er nicht versank, und dem verleugnenden Petrus das Auge zuwandtest, daß er nicht verzweifelte, der Du aus Tränen und Reue Deiner Knechte Dir den liebsten Dienst bereitest, verwirf uns nicht und vergiß unser nicht! Aus der schwersten Not, daß dieses Leben mit einem furchtbaren Mißklang wie zerrissene Saiten abtönen möge, aus der schwersten Not, daß meine letzte Stunde jäh in der Hölle erwache, rufe ich Herr zu Dir! Das heißt man in den Nöten der Ungewißheit und der Gewißheit und der Alltäglichkeit zu ihm rufen. Wie dort das arme Weib den Richter übertäubte, daß er schließlich nachgab und ihr Huld erzeigte, so laßt uns unserem Gott Jesu Christi Bild vorhalten, daß Er uns gnädig werde, und ihn auf das Leiden seines Sohnes hinweisen mit der Berufung: dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben; „das Blut Jesu Christi Deines Sohnes macht mich rein von aller meiner Sünde“, und um seinetwillen sei mir gnädig! Dieses Anrufen ist, ich möchte sagen, die Stimme der Seele und das Beten ist die Stimmung der Seele. Denn darauf kommt es an, daß im neuen Jahre unsere Seele immer zum Gebet gestimmt sei. Was erbitte ich euch Besseres und mir Größeres als diese adelige Gesinnung der Seele, das Heimweh, das Verlangen nach dem Herrn, diese Feierabendstimmung mitten im Drang der Arbeit, diese Stille im Herrn mitten im Brausen der Welt, daß unser ganzes Wesen in ihm begründet und versenkt sei!| „Ich habe dich je und je geliebet“, ruft Er uns zu und wir antworten in tiefster Bescheidung: dieser Liebe will ich mich allezeit freuen und trösten.

 Gebetsstimmung! Jetzt werden, wenn der Schnee die Straßen bedeckt, ringsum alle Wege gereinigt, daß der Fuß nicht stille stehe oder strauchle; so reinige du auch, wenn allerlei Weltrat und Weltwesen deine Seele bedeckt und wenn das Schneetreiben von Zweifeln und Bedenken in dein Herz einzieht und die Wegweiser in die Heimat verweht und verschüttet und die Fingerzeige alle vergessen sind, so reinige auch du mit Fleiß dein Herz und bitte ihn um die Feierstimmung der Seele! Meine Seele denket allezeit an Dich! So in allen Nöten anrufen und beten! Betende Menschen sind tätige Menschen, betende Menschen sind leidende Menschen, die je mehr sie tun, desto mehr leiden und je mehr sie leiden, desto mehr tun.

 So wollen wir in das neue Jahr hinein gehen mit dem einfachen Gelübde, das St. Jakobus, der Mann praktischen Gebets, uns eben vorgesprochen hat: So der Herr will und wir leben, wollen wir dies und das tun! Wir wollen den Namen des Herrn verkündigen unseren Brüdern, den Armen und Kranken, seine Liebe durch die unserige erzeigen, nicht allein den Gütigen und Gelinden, sondern auch den Wunderlichen! Wir wollen an uns selber arbeiten in der Stille und an uns arbeiten lassen mitten im Treiben der Welt. Wir wollen unsere Hände ausstrecken zur Tat, noch lieber aber, daß wir gebunden werden und geführt dahin und auf den Weg, den wir nicht wollen, aber doch gehen sollen.

 So fassen wir den Dank und des Dankes Großtat in das Bekenntnis zusammen und in den Wunsch: „Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme!“

 Und das Anliegen unserer Gebete in der schweren Not fassen wir in die Bitte: „Dein Wille geschehe wie im Himmel| also auch auf Erden!“ In der Heimat geschieht er mit lauter Lust, mit seligem Frohlocken als Lebenselement und Lebensinhalt. Hilf, daß die Fremde durch den Gehorsam zur Heimat werde und die Heimat aus der Fremde uns endlich aufnehme!
Amen.





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