Die zehn Gebote (Hermann von Bezzel)/Viertes Gebot II

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Viertes Gebot II.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!

 Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen; sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.

 Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zu dem Herrn. – Und ihr Herren, tut auch dasselbige gegen die Knechte und lasset das Dräuen; wisset, daß auch euer Herr, im Himmel ist, und ist bei ihm kein Ansehen der Person. Eph. 6, 4 u. 9.


 Wir haben in der letzten Betrachtung darüber gesprochen, warum das vierte Gebot an der Spitze der zweiten Tafel stünde. Wir haben abgelehnt alle die äußeren Erklärungen und uns darauf bezogen, daß Gott in den Eltern sein Abbild erblickt und Er die Eltern mit seiner Autorität ziert. Wir haben uns darüber gefragt, warum es nicht heißt „deine Eltern“ sondern „deinen Vater und deine Mutter“, und haben uns daraus die Gleichberechtigung der beiden recht klar werden lassen. Wir haben auch das Wort deine betrachtet mit dem großen Ernste, der in diesem Worte liegt und den sich Eltern, Erzieher, Lehrer, Gebieter nicht oft genug vorhalten können.

 Ich möchte heute über die Pflichten der Eltern, der Lehrer und Erzieher und der Gebieter kurz reden und dann über ihre Rechte in den nächsten Betrachtungen sprechen.

|  Über die Pflichten der Eltern. Sie sollen erziehen durch Sinn, Wort und Wandel!
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 Durch ihren Sinn zuerst. Dadurch, daß heutzutage die Ehen sehr bald geschlossen werden, sind beide Eheteile gar oft sich ihrer hohen Pflichten nicht bewußt. Man stellt sich die Ehe als eine fortgehende Kette von Freude und gegenseitiger Erheiterung und besonderer Liebe vor und vergißt, daß auch die beste und glücklichste Ehe eine Hochschule des Kreuzes ist. Denn bis sich zwei ganz entlegene Persönlichkeiten so aneinander gewöhnen und ineinanderfügen, daß eines des andern Gewissen ist, vergehen viele Jahre, und in den meisten Ehen ist es nie so weit gekommen, daß einer des andern Last trägt und so das Gebot Christi erfüllt. Es ist müßig, eine Statistik über glückliche und unglückliche Ehen aufzustellen und wenn ich es könnte, würde ich sie hier nicht aussprechen. Aber das kann ich sagen, daß der nur allzureiche Blick in eheliche Verhältnisse, der mir im Laufe meines Lebens ermöglicht ward, oft den großen Ernst mir vor Augen führte, den zwei Menschen, ehe sie die Ehe schlossen, nicht bedachten und, nun sie in der Ehe leben, nicht mehr erfüllen können. Aber wenn zwei Eheleute in Gott sich gefunden haben und einander Liebe und Treue versprachen bis der Tod sie scheidet, ja über alle Todestrennung hinüber, dann ist eine solche Ehe das größte Glück, das Gott einem Menschen geben kann, ein Glück, das der Heiland selber zum Abbild seines Verhältnisses der Gemeinde gegenüber wählt und das Johannes der Täufer anführt, wenn er von dem heiligen Bräutigam spricht, der nun die bräutlich gesinnte Gemeinde sein eigen nennt, und von dem Paulus redet, wenn er von dem großen Lebens- und Liebesgeheimnis schreibt, das Christum mit der ganzen Gemeinde und jeder einzelnen Seele in ihr verbindet, von dem Geheimnis, das in der Ehe nur ein schwaches, aber deutliches Abbild hat. Wenn zwei| Menschen in Glaubensgemeinschaft, in Lebens- und Liebesgemeinschaft, vor allem aber in Lebensgemeinschaft stehen, dann erwächst eine Ehe, über die alle Wetter und Wogen hinziehen können und sie wird nur um so fester, inniger, treuer; dann wird ein Christenhaus gebaut, das auf dem Fels gegenseitig gelobter und geliebter Treue gegründet ist. Aus einem solchen Elternhaus, wenn ihm Kinder beschert sind, erwächst die rechte Erziehung durch den Sinn. Wie kann man einen Menschen durch den Sinn erziehen? Das geschieht zunächst durch das Gebet. Wenn ich für einen Menschen bete, wenn ein Vater und eine Mutter eins geworden sind in dem, für das sie beten wollen, so umgibt das Kind, ehe es dies nur ahnt und weiß, ein solch stiller, wirkungsvoller Einfluß und es wird von solch geheimen Mächten tragender Liebe geführt und gestärkt, daß das Gemeine, Gewöhnliche und Unschöne an diesem Kinde vorüberziehen muß. Und wenn Vater und Mutter einander täglich, nicht mit Worten, sondern mit Schweigen, die hohe Verantwortung vorhalten, die solch teure Gottesgabe ihnen auferlegt, daß sie Hüter einer heiligen Seele sind, Wächter über ein geheimes, von Gott erwecktes Innenleben, daß sie für dieses Kind einst eine sauere Rechenschaft geben müssen, wenn Eltern so eines Sinnes geworden sind, dann wird das Kind von einer Verantwortlichkeit gehalten und von einer Zartheit des Gewissens umschirmt, daß es, ehe es dies weiß und dessen inne wird, von geheimen Kräften und starken Mächten getragen und gehoben ist.

Ach, daß die Erziehung mit dem Sinn und Geist und Herzen doch recht geschehen möchte! Daß der Vater in seinem Innern einen Heiligungskampf kämpfe, damit sein Kind daran gewinne, und die Mutter gegen ihre Unart und ihr Unrecht einen heiligen Kreuzzug antrete, damit das Kind die Frucht ihrer Heiligung erlebe, erkoste, und erfahre, wie sauer es der Mutter tagtäglich wird.

|  Und zur Erziehung durch den Sinn kommt die Erziehung durch das Wort. Liebe Christen! Es gibt eine doppelte Erziehung – eine zu harte und eine zu weiche. Vordem hat man über zu harte Erziehung geklagt. Ein Luther weiß, wie ihn seine Mutter um einer Nuß willen bis aufs Blut gestäupet hat und erzählt noch in seinen alten Tagen, wie er sich vor der Stimme seines Vaters gefürchtet habe. Wohl manch eines unter uns weiß auch von einer harten Jugend zu erzählen. Ein Erzieher, der nicht übersehen kann, hat das Recht zu erziehen verwirkt. Luther sagt einmal: Wer nicht durch die Finger sehen kann, ist kein Regierer. Manche Eltern meinen, sie müssen alles bereden, jede Miene des Kindes, jeden Blick des Kindes, jeden Zug seines Antlitzes und jede Bewegung seiner Hand und dann beginnt das endlose Predigen an das Kind; sie meinen bei dem leisesten Unrecht dem Kinde die schwersten Strafen vor Augen stellen zu müssen. Wenn aber bei kleinem Unrecht schon schwere Strafen angedroht werden, wie soll es dann bei großen werden? Wenn du dem Kinde, das sich nicht wohl hält bei Tisch oder beim Spiel, schon schwere Strafen ansagst, welche Strafe wirst du ihm wohl auferlegen, wenn es lügt? Das ist zu harte Erziehung, daß man dem Kinde nicht die Freude gönnt und so die Erinnerung an die lichteste Zeit des Lebens, an die Jugendzeit, geflissentlich erschwert und verfinstert und vergällt. Es ist eine Gnade Gottes, die ich oft mit heiliger Bewunderung bemerkt habe, daß selten ein Mensch so gesunken ist, daß ihm nicht auch die schwerste Jugend, wenn sie einmal hinterlegt, im hellen Sonnenschein daläge. Wie manchmal habe ich mit armen Gefallenen über ihre Jugendzeit geredet, die ich kannte, und mußte fürchten, daß sie über diese Jugendzeit das schwerste Urteil fällen und ihre Jugend als die Ursache ihres jetzigen Standes bezeichnen werden; statt dessen hörte ich Dank für das Gold, mit dem Gott| ihre Jugend umsäumt hatte, Lob für das Glück, das Er auch auf eine arme Jugendzeit legte. Es ist, als ob Gott der Herr in der Rückerinnerung die Sünde beschwerte und die gute Tat verklärte; als ob Er, wenn die Seele rückwärts sieht, all die Freundlichkeiten ihr um so deutlicher vor Augen stelle, während all das Schwere um so leichter sich ansieht.

 Aber darauf darf man es eben nicht ankommen lassen, sondern rechte Eltern sollen ihrem Kinde die Jugend licht und lieb machen. Die Mutter, die selbst nichts mehr ißt, um ihrem Kinde den letzten Bissen zu gönnen, bleibt dem Kinde unvergessen und behütet es mehr vor der Sünde als Gottes Wort und Gebot. Der Vater, der ein saueres, arbeitsschweres Leben Tag um Tag ohne Murren und Klagen antritt, damit er seinen Kindern Brot und Kleidung schaffen kann, erscheint ihnen später als ein Held des Erbarmens und als ein Meister der Treue. Nur die kleinen Freuden in der Erziehung nicht vergessen! Und auch das ist zu harte Erziehung und großes Unrecht, wenn man dem Kinde etwas verspricht und vergißt es dann. Wie oft sagen wir dem Kinde, wir wollen ihm dies oder jenes schenken, und im Gedränge der Arbeit und der auf uns einstürmenden Sorgen vergessen wir es. Und das Kind ist an der Wahrheit und an der Liebe irre geworden! Wenn hier solche sind, die mit Kindern umzugehen haben, die werden herzlich gebeten: versprecht wenig und haltet alles! Gebietet wenig und besteht auf dem Wenigen! Verbietet sehr wenig und seid in euerem ganzen Wesen ein Gebot und Verbot!

 Und noch ein anderes! So wenig man Kinder durch Versprechungen, die man nicht hält, täuschen darf, so wenig darf man ihnen mit allerlei törichten Späßen nahen. Kinder necken heißt in das Paradies des Kindeslebens allerlei Ängste und Unruhe hineinbringen. Kinder mit| allerlei Gespenstern und drohenden Gestalten erschrecken heißt das Kindesleben erschweren; sich gar erfreuen am Schrecken der so geängsteten Kinder ist eine Untat, die mancher Vater schon schwer büßen mußte. Ihr seht es oft, daß Leute mit Kindern Mutwillen treiben, sie erzählen ihnen schauerliche Märchen, sie bringen sie auf furchtsame Gedanken und das Kind wird scheu, schüchtern, zaghaft, fürchtet sich da, wo nichts zu fürchten ist, und verliert die Furcht, wo alles gefürchtet werden muß.

 Sei nicht zu streng mit dem Worte und nicht zu lange im Nachtragen! O ihr Eltern und Erzieher, die ihr dem Kinde nie verzeihen könnt, sondern immer wieder auf seine alten Fehler zurückgreift, ihr seid Mörder der Hoffnung des Kindes! Es gibt Erzieher in Kirche und Schule, es gibt Eltern und Anverwandte, die, wenn ein Kind einmal gelogen hat und ein andermal, immer wieder auf das erstemal zurückgreifen und so fort und fort das Kind an all das, was vergeben und vergessen sein sollte, erinnern. Da erwacht im Kinde die Bitterkeit, es hat den Glauben an deine Verzeihung verloren und im Trotz gibt es die Hoffnung auf, daß es mit ihm noch besser werden könnte.

 Manche Eltern meinen, das treue Gedächtnis, mit dem sie ihrer Kinder Unrecht aufzählen und summieren, sei eine Großtat in der Erziehung; nein, das ist der Reif in der Frühlingssaat, das ist der Frost in dem ersten Werden des Lebens! Der da von sich sagt, daß Er siebzigmal siebenmal uns vergebe und unsere Sünde in die Tiefe des Meeres seines Erbarmens versenke, über unsere Missetat wie eine Wolke und über unsere Sünde wie ein Nebel sich breite, daß sie vor der Sonne wie ein wesenlos Schemen verflüchtige, begehrt, daß auch wir von ganzem Herzen vergeben. Und wenn ein Mutterherz hundertmal durch ein Kind getäuscht wird – wenn ein Mutterherz nicht mehr hoffen könnte, wer soll dann noch des Kindes sich annehmen?| Das nenne ich harte Erziehung mit dem Worte: Drohen, unrechte Versprechungen, falsche Gebilde vorzeichnen, nachrechnen, nachtragen.

 Doch vor diesem Fehler braucht man jetzt nicht mehr zu warnen. Während früher die Kinder um die Liebe der Eltern warben und ein Lächeln der Mutter verdient sein mußte, ist’s jetzt an dem, daß die Eltern ängstlich auf die Miene ihrer heranwachsenden Tochter sehen, ob sie auch gütig gesonnen und freundlich gelaunt ist. Und die Väter werfen sich weg an ihre unreifen Jungen und die Mütter verlieren ihre Ehre, indem sie um die Liebe ihrer unerzogenen Töchter buhlen, und so wird die Erziehung eine allzu schwache. Oder ist’s nicht an dem, daß den Kindern heutzutage kein Wunsch mehr abgeschlagen werden darf? Die Mutter darbt, damit das Kind einen Fingerring tragen kann; der Vater kümmert sich ab, damit der Sohn ein neues Gewand hat, wie er es begehrt, und damit der Sohn Vergnügungen mitmachen kann, die seine Altersgenossen auch haben, die in besseren Verhältnissen sind. Ihr seht es ja allenthalben, wie unserer Jugend nichts mehr verwehrt und versagt sein soll. Hier gebietet der Vater, und statt daß das Kind alsbald und ohne „warum“ zu fragen gehorcht, läßt sich der Knabe auf einen Vergleich mit dem Vater ein und dieser geht mit lächelnder Miene aus solche Anschauungen und Torheiten seines Kindes ein. Der Vater sagt: „Jetzt!“ und das Kind spricht: „Gleich!“ und aus dem Gleich werden Stunden und niemand achtet, welch eine Sünde in dieser Säumigkeit liegt.

 Die Mutter will dem Kinde nichts mehr gewähren und das Kind bittet um ein Stücklein und um noch eines und bettelt es der Schwachheit der Mutter ab. Und die Mutter freut sich noch, so Gelegenheit gefunden zu haben, dem Kinde näher zu kommen und weiß nicht, daß sie zur Mörderin am Willen und an der Seele ihres Kindes ward.| Denn die Kinder, denen in der Jugend nichts versagt wurde, können, wenn sie herangewachsen sind, sich selbst nichts versagen, sondern müssen alles durchkosten, erfahren, erleben und schmecken. Und zu denen, die als Kinder ihren Willen nicht brachen, noch sich brechen ließen, gesellt sich der alte Feind, spiegelt ihnen Dinge vor, die nur in ihrer kranken Phantasie Wirklichkeit sind, und wenn sie die Wirklichkeit erlangen, ist es Verderben. Luther sagt einmal: In der Schwachheit der Eltern leben Schlangen, Skorpionen, allerlei Unrat der Hölle. Und dem ist auch so. Die Mutter, die die Naschhaftigkeit ihres Mädchens leicht trägt, soll sich nicht wundern, wenn später die herangewachsene Jungfrau in törichten Romanen, in schlechter Lektüre herumnascht, bis schließlich furchtbare Sättigung in Schande und Schmach erfolgt. Seht, so erzieht man zu schwach. Man sollte aber lieber auf die Liebe verzichten, als dem Willen nachgeben. Wehe den Eltern, die vergessen, daß man sich an seinen Kindern Hölle und Himmel erwerben kann! Wehe den Eltern, die dem Kinde nicht nachgehen, sondern ihm nachgeben! Und wenn jetzt so viele Eltern sich ihrer Kinder bald entäußern und sie in fremde Hände geben, während sie die Berufenen, ja Erstberufenen zur Erziehung sind, so ist das eben die Frucht: die Kinder sind ihnen über den Kopf gewachsen und Fremde sollen nun das Unkraut ausreuten, das der Mutter Schwachheit und des Vaters Lauheit gesät haben.
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 Erziehe durch dein Wort! Dein Wort sei wahr! Die Kinder müssen wissen, daß nicht rechts, noch links gesehen wird, wenn dieses Wort gesprochen ist. Ich muß sagen, ich gedenke jetzt, wo längst die Tage meiner Jugend hinter mir liegen, noch mit Dank meiner Eltern, daß sie mich zur Pünktlichkeit erzogen haben. Und noch jetzt, wenn ich zwei Uhr schlagen höre, ist es mir, als müßte ich bei der Arbeit sitzen, so war ich es von früh auf gewöhnt.| ÅDie Erziehung zur Pünktlichkeit: nun läutet die Abendglocke! Gleich – und wenn noch so schön das Spiel und noch so unterhaltend das Buch und noch so erbaulich das Gespräch war – wird abgebrochen und die Hausgemeinde versammelt sich zum Gebet. Dein Wort sei kurz und wahr, dein Wort sei klar und bestimmt! Hier kann keine Ausrede standhalten. Dein Wort gebiete und verbiete nur wenig!

 Überhaupt ist nicht das die beste Erziehung, die viel straft, sondern die viel Strafen vermeidet. Nicht das ist die beste Erziehung, die ein großes Gesetz aufstellt, sondern das ist die beste, die selbst ein Gesetz ist.

 Darum zum Dritten: erziehe durch deinen Wandel!

 Die Bedeutung des Vorbildes kennt ihr alle. Petrus schreibt im 2. Kap. des 1. Briefes, in der großen Epistel des Sonntags Miserikordias Domini: Er hat uns ein Vorbild gelassen. Wie der Lehrer an der Tafel einen Buchstaben malt, damit der ungelenke Schüler diesen Buchstaben nachmalen und nachfahren könne, so hat Er, der Heiland und Hirte unserer Seele, in sichtbaren und deutlichen Zügen sein heiliges Bild uns vor die Seele gestellt und in die Seele geprägt, daß wir Nachfolgen können, mit zitternder Hand, mit zagendem Fuß, mit irrendem Herzen, aber doch mit der Gewißheit: Er geht voran, ich folge ihm nach! Jesus hat uns ein Vorbild gelassen. Ihr Eltern und Erzieher, wißt ihr, wie man durch das Vorbild, durch den Wandel predigt? Wenn Eltern von ihren Kindern nie betend gesehen werden, dann haben sie die erste Weihe ihres Berufes verloren. Aber das Gebet der Eltern vergißt das Kind nicht. Wenn das Kind Vater und Mutter dabei überrascht, wie sie gemeinsam die Knie beugen vor dem, der ein rechter Vater ist über alles, was Kinder heißt, und es wahrnimmt, wie die Eltern allen Schmerz, alles Sorgen und Leiden vor Gott bringen, so liegt in diesem schweigenden Gebete, in diesem Beten ohne Worte, für| das Kind eine heiligende und bewahrende Macht. Und weil das Kind niemand für größer, besser und herrlicher hält als seine eigenen Eltern, wird es frühzeitig selbst beten lernen wollen.

 Du Mutter, die du in die Gesellschaft gehen mußt und keine Zeit hast, die Händlein deines Kindes zu falten und mit ihm das alte Kinder- und Armeleutegebet zu sprechen, wird dir nicht die Gesellschaft zur Pein und zur Hölle? Dein Kind schläft ungebetet ein! Und du, Vater, der du Abend für Abend in deine Erholung gehst, weil du, wie du meinst, den Tag über dich müde gearbeitet hast, hast du nie Zeit deinem Kinde einmal eine biblische Geschichte zu erzählen, ihm den Mann am Kreuze lieb und teuer zu machen? Weißt du nicht, daß du an deinem Kinde einen Gottesraub begangen hast? Du hast ihm seinen Heiland vorenthalten!

 Und wenn das Kind sieht, wie Vater und Mutter sich gegenseitig in Zucht der Heiligung nehmen: die Tränen im Auge der Mutter, die das Kind beleidigt hat – die Mutter hat kein hartes Wort gesprochen, sondern nur geweint um das Kind – die gefurchte Stirne des Vaters: Ich habe Kinder auferzogen und erhöht und sie sind von mir abgefallen, – das alles bleibt dem Kinde eine wundersame Predigt. O, der schweigende Schmerz ist auch eine Größe!

 Denkt ihr nicht, welch eine Gewalt in euerem Wandel liegt, wenn ihr etwa nicht erlaubt, daß vor euren Kindern über die Lehrer geredet wird! Manch ein Vater hört es sogar gerne, wenn der Knabe über seinen Lehrer witzelt, über seinen Lehrer klagt, und mit heimlichem Lächeln sieht er zur Mutter hinüber: welch ein geistreiches Kind wir haben! O ihr Toren! Und dieses Kind, das eben über den Lehrer gewitzelt hat, wird nach einigen Jahren auch über die Eltern spotten. Seht, wenn Eltern nicht in ihrem| Wandel die Autorität aufrecht erhalten, so sind sie Totengräber der eigenen.

 Wie die Jünger einmal zum Heiland gesagt haben: Wer kann denn selig werden? und der Herr erwiderte: Bei den Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich; so möchten wir fragen: wer kann erziehen? Wie oft, ach wie oft, haben wir zu den jungen Leuten gesagt: könnt ihr Menschen erziehen? wenn ihnen oft die Unerzogenheit auf der eigenen Stirne stand. Wie oft haben wir sie gefragt: habt ihr auch den Mut ein Haus zu gründen? Ach man kann sehr leicht Bündnisse schließen, aber die Treue zahlen, das ist schwer. Und man kann sehr leicht das Haus sich weiten und vergrößern lassen, aber es sich vertiefen lassen, das ist köstlich und das tut not.

 Ja, wer kann denn erziehen? Nur der Mensch, der täglich bittet: Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen! Du bist mein Gott, frühe wache ich zu Dir. Wie Rückert einmal sagt: Ein Vater soll an jedem Tag zu seinem Herren beten: Herr, lehre mich Dein Amt bei meinem Kind vertreten! Aber die Erziehung ohne Gebet in der Stille, ohne heiligendes und stärkendes Wort, ohne reinen und ernsten Wandel ist, wie wenn man Disteln und Dornen auf den Acker säen würde: Das hat der Feind getan!

 Ich sage nicht zu viel: die meisten Eltern sind Zerstörer an dem Glück ihres Hauses, Räuber an der Wohlfahrt der Gemeinde, Verräter an dem Heil unseres Volkes, Zerstörer der Ehre ihrer Kirche und das alles, weil sie selbst nicht erzogen sind. Ich schließe diesen Teil der heutigen Betrachtung mit einem Worte Luthers; er sagt: Eltern, ihr sollt sein bei eueren Kindern ein Dreifaches: Richter, Doktoren und Prediger.

Richter, die nach Gebühr urteilen und strafen. Doktoren und Lehrer, die die Kinder recht unterweisen und wohl berichten; Prediger, rechte, wahre Prediger. Wer schenkt| unserm Volke wieder Eltern gleich denen eines Timotheus? die die Kinder in der Schrift unterweisen und sich nicht schämen, die Kinder bei der Hand zu nehmen: komm, ich und mein Haus, wir sind bereit dem Herrn zu dienen!
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 Aber nicht bloß an die Eltern wendet sich das vierte Gebot, wenn es von den Elternpflichten redet, es spricht auch von den Pflichten der Herren, Lehrer, Erzieher und Dienstherren. Ihr wißt, zu den größten Klagen, die man jetzt allenthalben hört, gehört die über die Dienstbotennot. Und es gibt sehr fromme Leute, die jedes Jahr einige Dienstboten haben. Unsere Väter haben Dienstleute zur Familie gerechnet und Luther sagt einmal im großen Katechismus: Wenn Dienstboten nicht mit dem Haus halten wollen, so stören sie. Liegt es denn wirklich nur an den Dienstboten, wenn so viel Wechsel und Veränderung ist? Ist es wirklich nur die große Leutenot, wenn in manchen Häusern jeden Monat ein fremdes, neues Gesicht dir begegnet? Es kann niemand den Dienstboten recht erziehen, der nicht selbst erzogen ist. Ich wundere mich oft, welch eine Menge von Tugenden ein Dienstbote haben soll und wie genügsam in den Ansprüchen auf sich selbst die Dienstherrschaften sind. Ich wundere mich sehr, wie viel der Herr von seinem Diener erwartet, während er es als selbstverständlich voraussetzt, daß der Diener möglichst wenig von ihm erhoffe. Werdet nicht bitter und macht euere Dienstboten nicht bitter, so möchte ich rufen! Wenn eben ein Dienstbote nirgend zu Dank arbeiten kann und immer beredet wird und stets Tadel erfährt und nie den Sonnenschein der Liebe wahrnimmt, muß er wohl immer mehr eingeengt und eingeschränkt werden. Dann tritt die Bitterkeit ein und das Mißtrauen und der scheele Blick und die scharfe Kritik setzt ein und dem Hause ist der Frieden verloren. Ach, wir wissen wohl, wieviel Schuld unsere Dienstboten landauf und landab haben und sind nicht blind gegen dieses| autoritätslose Geschlecht. Aber doch ermahnen wir herzlich: laßt das Drohen und Wettern! Wisset, daß ihr alle einen Herrn im Himmel habt und bei dem ist kein Ansehen der Person. Seht, wo ist die christliche Dame, die glaubt, daß im Herzen ihrer Dienerin dieselben Nöte, Sorgen und Fragen sich regen wie in ihrem eigenen? Seid ihr nicht der Meinung, daß das Gefühls- und Empfindungsleben eueres Dienstboten um etliche Grade tiefer steht wie euer eigenes? Glaubt ihr nicht, daß manche Fragen bei eueren Dienstleuten gar kein Verständnis fänden, während ihre Seele nach Verständnis schreit? Ich meine, darin liegt ein großer Teil zur Lösung der sozialen Frage, die unsere Zeit beherrscht und zu verschlingen droht, daß ich unter den Untergebenen dieselben Sünden und dieselben Sorgen wie bei mir erblicke und mich dann – nicht in sie hineindenke, nicht mich in sie hineinversetze – sondern mich in sie hineinlebe. Es ist doch ein sehr bedenkliches Zeichen der Zeit gewesen, wenn ein bekannter Geistlicher, der nun ganz zur Sozialdemokratie überging, drei Monate Fabrikarbeiter werden mußte, um wirklich zu wissen, wie es einem Fabrikarbeiter zumute ist; oder ein anderer ein Jahr lang am Kaiser-Wilhelm-Kanal arbeitete, um zu fühlen, wie es einem Kanalarbeiter zu Sinne sei. Das ist nicht christlich; das ist in meinen Augen töricht. Wir können nicht all die sozialen Lagen durcharbeiten, damit wir uns in den Sinn solcher Arbeiter hineindenken können. Aber in das Herz des Arbeiters und in sein Leben, in seine Ängste und Nöte und Sorgen und Sünden, in seine berechtigten Wünsche können wir uns hineinleben und hineinbeten. Darum: Dienstbotennot = Herrschaftsnot!
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 Und das dürft ihr glauben, so bald wir, die wir irgendwie Dienstleute haben, bei uns selber mit der Heiligung ernstlich beginnen, werden wir merken, nicht wie die andern sich bessern, sondern wie sie leichter zu ertragen sind. Und| doch sind mir die Dienstherren noch würdiger, die hart und streng mit ihren Dienstboten sind, als die, die ihrer Seele Verrat sind. Es sind schauerliche Zustände, wenn in Christenhäusern den Dienstboten zur unumschränkten Benützung die Schlüssel ausgehändigt werden; oder wenn die Lektüre, die ins Haus kommt, den Dienstboten zur Verfügung steht, ob sie nun geraten oder ungeraten ist; oder wenn man nie darnach frägt, ob der Dienstbote auch einen Sonntag hat, sondern ihn, eines leckeren Mahles wegen, am Sonntag erst recht lange in die Küche bannt und ihm dann vielleicht abends noch ein paar Stunden zweifelhaften Vergnügens und der Freiheit gönnt. Und warum frägt die Herrschaft nie nach der Ausfüllung der freien Zeit ihrer Dienstleute? Warum sucht sie nicht die Seele ihrer Dienstboten sich zu erschließen, indem sie an deren Sorgen und Leiden, doch auch an ihren Freuden Interesse zeigt und teilnimmt?
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 Wie aus dem Märchenreiche mutet es uns an, wenn wir von Dienstboten hören, die 20, 30 Jahre lang in einem Hause dienten, gute und böse Tage treulich miterlebt und mitgemacht haben. Und doch, wenn dieses Geschenk nicht wiederkehrt, so ist eine Grundsäule des Hauses geborsten und gefallen. Und nun ein letztes Wort denen, die zu erziehen haben. Augustin hat einmal das feine Wort gesprochen: Über jeder Schule, über jedem Lehrsaal, über jedem Raum, wo erzogen wird, sollte das Wort geschrieben stehen: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb! Wer launisch ist, kann nicht erziehen; über Launen kann weder Gabe noch Geschick zum Erziehen hinweghelfen oder diesen Nachteil ausgleichen. Bei wem das Kind erst studieren muß, ob seine Züge auf heiter oder Unwetter deuten, hat das hohe, majestätische Recht: Weide meine Lämmer! verwirkt und verloren; der kann wohl Kinder abrichten, kann ihnen allerlei Kenntnisse und Fertigkeiten beibringen, kann sie| gewöhnen, ihnen äußerlichen Takt zuführen, kann sie schicklich und recht sich benehmen lehren, aber das Herz der Kinder gewinnt er nie und das Herz Gottes hat er verloren.

 Wer erziehen will, der bete jeden Tag, daß er ein rechtes Vorbild sei, ein Mensch Gottes, zu allem guten Werk geschickt! Was können die zu Erziehenden dafür, wenn du im Leid bist, im Kreuz stehst, in Krankheit dich findest? Warum sollen sie es büßen, wenn dir es schwer ist? Darum, wer erziehen will, der sei freudigen Geistes, daß ihm Gott der Herr ein solch Ehrenamt und solch priesterliche Gewalt gegeben und für dieselbe nur eine einzige Prüfungsfrage verordnet hat: Hast du mich lieb?

 Ach, daß unsere Lehrer in den Schulen, die sich so beeifern, ihre Kinder mit allem Wissenswerten bekannt zu machen, diese Frage des königlichen Meisters so gern und so leicht überhören! Noch ehe du die Türe zur Schule öffnest, laß dich von dem Hirten und Bischof deiner Seele, von Jesus Christus fragen und mahnen: Hast du mich lieb? Und wenn du dann, zögernd, zaudernd, zagend, ängstlich, dem beichtest, der alle Dinge weiß, deine Lauheit, deine Leerheit, deine Torheit und deinen Eigendünkel, dann sprich, wenn auch zaghaft, doch aus tiefstem Grunde: Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe! Und dann gehst du als ein neuer Mensch über die Schwelle: Weide meine Lämmer!

 Seht, wenn unsere Lehrer und Lehrerinnen, unsere Erzieher und Erzieherinnen wüßten, daß sie all die Kinder dem Erzhirten zuführen müssen, dem Erzhirten, der sie mit seinem heiligen, teueren Blute erlöst und sich zugeeignet hat, dir aber gönnt, sie ihm zu weiden, dann würden vielleicht weniger Bücher über Erziehung geschrieben und weniger Geistreichigkeit an die Lösung erziehlicher Fragen verschwendet, aber die ganze Erziehung würde dann vielleicht wie aus einem Guß und einem Gang: „Daß| ein Mensch Gottes sei vollkommen zu allem guten Werk geschickt.“

 Ihr seht, o Eltern und Herren, euer wartet und auf euch ruht ein unübersehbares Gebiet von Pflichten! Man möchte darob erschrecken und sprechen: wer ist hiezu tüchtig? bis Er selber, der große Erzieher und heilige Meister, der da vergibt und gibt, die Hand auf unser Haupt legt und spricht: Nehmet hin den heiligen Geist, den Geist der Erziehung, den Geist der Wahrheit, der Weisheit und Stärke, den Geist der Kraft, den Geist der Erkenntnis und den Geist meines Vaters! Nehmt hin den heiligen Geist, ihr Eltern, daß ihr euren Kindern Jesum vorlebt; und ihr Dienstherren, ihr Dienstfrauen, daß ihr ein Halt für euere Dienstleute und ein Trost für deren Leben und ein Gewissen für ihre Sünde seid. Und ihr alle, die ihr zu erziehen habt, und es werden wohl kaum unter uns Erwachsene sein, die nicht erziehen müßten, nehmet hin den heiligen Geist, der alles glaubt und alles hofft und alles duldet und alles trägt und doch nie enttäuscht wird, weil er weiß, die Saat, die der Herr Jesus Christus gestreut und bestellt hat, trägt nicht immer hundertfältige, nicht fünfzigfältige und nicht zehnfältige Frucht, aber sie trägt dennoch Frucht in Geduld! Alle Erziehungsfragen sind schließlich in der einen Bitte beschlossen: Ach, heilige Du meinen Willen, daß ich nichts für mich begehre und von mir erwarte, alles aber von Dir erbete und für Dich begehre! Heilige Du mein Herz und meinen Willen, lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen!

Amen.





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