Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/Auf der Pagodenspitze

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Plantagen-Geheimnisse Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
Im Bereich der indischen Bahnen
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Musikant mit Röhrentrommel und Tamtam auf der Plattform über der Spitze des Pagodenturmes.

Drittes Kapitel.
Auf der Pagodenspitze.

Eine der eben erwähnten Dagobas in Anuradhapura überrascht durch den auffallend guten Zustand ihres skulpturenreichen Baues. Opferfreudiger Buddhisteneifer hat den Prinzen Ginavaravansa von Siam[WS 1] veranlaßt, dem weiteren Verfall dieses Wahrzeichens seiner Religion Einhalt zu gebieten und die verfallene Dagoba-Ruine nach Möglichkeit auszubessern. Zufällig traf ich im Winter 1899 mit dem genannten Prinzen wiederholt in Birma[WS 2] zusammen, das er, ebenso wie andere Länder Asiens, in denen der buddhistische Glaube vorherrscht, aber nicht etwa mit prinzlichem Pomp, sondern im schlichten gelben Mönchsmantel bereiste, um sich von dem gegenwärtigen Zustande des entarteten Buddhismus und von den Aussichten zu überzeugen, die der Versuch einer Reinigung und Neubelebung dieser Glaubenslehre haben würde.

In seiner Gesellschaft befand sich eine andere interessante, weit über Indien hinaus bekannte Persönlichkeit, der Präsident der in 402 Zweigvereinen über die ganze Welt verbreiteten, von Frau Blawatzky[WS 3] gegründeten theosophischen Gesellschaft, namens Olkott, der, bezeichnend genug für die Titelliebe amerikanischer Republikaner, stets mit dem Obristen-Rang tituliert wird[WS 4]. Fürst Uchtomsky[WS 5], einer der gründlichsten Kenner des Buddhismus, erwähnt das Wirken Olkotts im Vorwort zu der von Professor Grünwedel[WS 6] herausgegebenen klassischen Studie „Mythologie des Buddhismus“, worauf ich mich hierbei [37] beziehe, allerdings in der wohl etwas optimistischen Voraussetzung, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo sich die zersplitterte buddhistische Welt in ein organisches Ganzes gliedern wird und wo der vor zwei und einem halben Jahrtausend von König Asoka[WS 7] auf dem Platze, wo dem Religionsstifter „das Licht in der Seele aufging“, erbaute Tempel „Buddha Gaja“[WS 8] als Buddhistenschule wiederhergestellt werden und zum Sammelplatz für die Leiter aller in der Welt zerstreut lebenden Anhänger dieser Lehre dienen wird, die zwei Drittel der Gesamt-Bewohnerschaft Asiens umfaßt. Bei unserem letzten Zusammensein in Rangun klagte Oberst Olkott mit bitterem Entsagungsschmerz über die große Flauheit, mit der seine Bestrebungen bei vielen hochstehenden Buddhisten zu kämpfen hätten; es wird also wohl noch ein gutes Weilchen dauern, bevor die erhoffte internationale Buddhisten-Hochschule in Buddha Gaja zu der erstrebten Pflanzstätte kosmopolitisch-buddhistischen Glaubens ausgewachsen sein wird, der, wie in den ersten Zeiten des Buddhismus, auf das brahmanisierte Indien einwirken soll, um sich allmählich dessen zahllose Sekten einzuverleiben und von neuem unzählige Menschen auf die Bahn der Verehrung des „göttlichen Lehrers“ zu lenken. Ob als Oberhaupt dieser religiösen und geistigen Bewegung wirklich, wie es geplant wird, der Dalai Lama[WS 9] hervorgehen wird, kann ebenfalls nur die Zukunft lehren.

Wie Fürst Uchtomsky ausführt, verfolgte Olkott als Präsident der theosophischen Gesellschaft jahrelang den Gedanken, die Glieder der geistigen Kette aufzufinden, welche die Länder verknüpft, in denen Buddha als Gott verehrt wird. Er bereiste Asien, machte sich mit den hervorragendsten eingeborenen Priestern bekannt und verfaßte dann für die Buddhisten der ganzen Welt eine Art Glaubensbekenntnis. Alles Unwesentliche, Konventionelle, alles eng Nationale und rein Zufällige wurde darin beseitigt, da der Buddhismus stets bereit ist, in seine Kultusformen alle möglichen anderen aufzunehmen, wenn sie nur seine Hauptidee nicht beeinträchtigen: die Idee von dem „göttlichen Lehrer“ und der von diesem angewiesenen Bahnen zur Selbstvollendung im Zusammenhang mit der Mahnung des Meisters, allmählich allen lebenden Wesen die Lehre mitzuteilen, durch deren Befolgung sie sich von der Wiedergeburt und den mit ihr verbundenen Leiden endgültig befreien können. Nur das Wesentliche der Lehre sollte in dieses Bekenntnis aufgenommen werden. So wird allmählich vieles aus den religiösen Eigentümlichkeiten Asiens erklärt werden können, die Glaubensformen der Hunderte von Millionen werden sich anschaulicher darstellen, und von der Seele jener Epoche, in der die buddhistische Lehre begründet wurde und wo ihre Verkündigung die Menschen entflammte, wird der Schleier gelüftet werden.

In Japan, Birma und auf Ceylon hat das Programm Olkotts mit den darin enthaltenen 14 Grundbestimmungen bereits Billigung gefunden, und es bleibt abzuwarten, was diese Neuerungen in Bezug auf die Befestigung der geistigen Verbindung zwischen den buddhistischen Völkern in Indo-China, im Innern Chinas und in Korea und Tibet bewirken werden. Die Hauptfrage [38] ist hierbei, ob die 14 Grundwahrheiten von den Buddhisten der ganzen Welt angesichts einer Zeitrichtung anerkannt werden können, in der bereits die vornehmlichste auf wenig praktische Befolgung hoffen darf, die lautet:

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Pungi mit silberner Schale zum Reissammeln.

„Man soll allen Menschen, wer sie auch seien, mit Duldung, Sanftmut und brüderlicher Liebe begegnen, ebenso soll man den Geschöpfen jeglicher Art mit Milde und Barmherzigkeit entgegenkommen.“

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Junge Pungis, die mit gefüllten Reisschalen zum Kloster heimkehren.

Diesem Buddhisten-Apostel Oberst Olkott, den ich bereits früher vergeblich in seinem Wohnsitz Adija[WS 10] bei Madras aufgesucht hatte, begegnete ich nun nebst seinem prinzlichen Reisegefährten bei einer hervorragend merkwürdigen Gelegenheit. Ich war nach der einstigen Königsresidenz Ober-Birmas, nach Mandale[WS 11], gereist, um einem dort bevorstehenden ebenso seltenen wie großartigen Feste beizuwohnen, der Krönung einer ungeheueren Dagoba mit einem Thi[WS 12] oder, wie ein Linguist schreiben würde, mit einem Hti; auf keiner dem buddhistischen Kultus dienenden Baulichkeit darf ein derartiger Aufsatz aus vergoldeten Bronzereifen fehlen, dessen Gestalt einen Sonnenschirm, das asiatische Wahrzeichen der Erhabenheit, vorstellen und zugleich durch die Zahl seiner Ringe an die verschiedenen bisher erschienenen Buddhas und ihre Himmel erinnern soll. Von unten gesehen erscheint eine solche Verzierung allerdings fast winzig, wenn die Spitze, wie in diesem Falle, etwa hundert Meter über dem Erdboden endigt. In Wirklichkeit ist sie jedoch ein mehrere Meter hohes und viele Zentner wiegendes, also selbst wenn es in einzelne Ringe zerlegt wird, schwer zu bewegendes Stück. In ganz Birma war bereits seit geraumer Zeit für diesen kostspieligen Tempelausputz [39] durch die Pungis Geld gesammelt worden, denn wie aus Ceylon sieht man auch in Birma die jüngeren Pungis tagtäglich mit ihren hier oft durch prachtvolle, getriebene Silberreliefs verzierten Almosenschalen von einer Tür zur anderen pilgern, um auf diese Weise, jedoch ohne darum zu bitten, den Lebensunterhalt für sich und ihre Amtsbrüder einzusammeln. Zur Essenszeit kehren sie reichbeladen in langen Zügen zu den Klöstern zurück.

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Frau aus Katschin.

Nun war endlich der festliche Tag erschienen, wo das hochragende Symbol der Fürstenwürde für immer über der äußersten, höchsten Dagobaspitze befestigt werden sollte; in diesem Falle könnte ich dafür auch Tempelspitze sagen, da diese Dagoba in ihrem unteren Teile tatsächlich mächtige Gewölbe für Gebets- und Opferhandlungen enthielt und nicht nur mehr oder weniger kostbare eingemauerte Reliquien umschloß, wie z. B. in der Dagoba zu Buddha Gaja noch heutigen Tages der Diamantthron des „weißen Fürstensohnes“, d. h. des späteren Buddha, sowie eine Statue desselben verborgen sein soll, die uralter Sage nach aus Elfenbein und sämtlichen indischen Edelsteinarten hergestellt wurde.

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Vornehmes Mädchen aus dem Sikhim-Himalaja.[WS 13]

Aus allen, selbst den entlegensten Teilen Hinter-Indiens, aus den Laos- und Schan-Staaten[WS 14], ja sogar aus Siam und den östlichen Himalajaländern waren zu diesem Feste Buddhisten herbeigeströmt, so daß um die Pagode herum mehr als acht Tage hindurch ein unvergleichliches Völkergetümmel und Sprachengewirr herrschte, wie es selbst beim Turmbau zu Babel nicht ärger gewesen sein kann; ich stehe nicht an, dies Völker-Kaleidoskop, in das ich damals blickte, zu den allerinteressantesten Eindrücken meiner sämtlichen fünf Asienreisen zu zählen, denn an jeder Stelle des Festplatzes tauchten urplötzlich Figuren von erstaunlicher Eigenart auf.

Unterscheiden sich schon die Birmanen, besonders die weiblichen, auf den ersten Blick von den Hindus und den Hindufrauen in Vorder-Indien, so erschienen hier für mich ganz neue Muster indo-chinesischer Völker. Wild und kriegerisch blickende Männer aus Katschin[WS 15], dralle junge Mädchen und abscheuliche, unsaubere und verwitterte Waldhexen [40] aus dem Bunong-Stamme[WS 16], mit riesigen silbernen Ohrringen in Größe von Spritzkuchen nebst Handgelenkspangen in Gestalt unförmlicher, bis zum Arm hinauf reichender Schlangen oder von dem Umfange kleiner Teller bei mehr als fünf Kilo Gewicht! Dazwischen drängten sich Frauen mit ungeheueren Strohhüten in Form spitziger Pyramiden neben Männern mit wild und verwegen gebogenen Kopfbedeckungen auf wüsten „Chignon“-Frisuren[WS 17] hin und her durch das Tor, das in den unteren fensterlosen Tempelraum der Dagoba hinein führt. Die darin sonst in geheimnisvoller Dämmerung ruhenden Buddhabilder und Reliquienschreine wurden jedoch in dieser festlichen Zeit durch ein unruhig funkelndes Meer brennender Wachskerzen erhellt.

Jede von diesen seltsamen Gestalten trug außer den Pantoffeln ein brennendes kleines Licht in der Hand, das dann vor den Buddhabildnissen oder neben den Gaben für das Tempelfest festgeklebt wurde, während bereits Hunderte von solchen Kerzen an allen möglichen Plätzen bald in der Höhe als winzige Pünktchen, bald mit besorgniserregender Feuergefährlichkeit auf dem Erdboden flammten; wie Geistererscheinungen wogten die hier hell, dort dunkel beleuchteten, [41] spukhaften Schemen dazwischen hin und her. Die ganze Volksmasse war in beständiger fließender Bewegung, und jede der seltsamen Figuren wurde alsbald leise von einer anderen verdrängt, deren Gesichtszüge und Eigenart fesselten; kann es z. B. einen erstaunlicheren Männerschmuck geben, als die beiden spannenlangen Bambusrohre, die der Mot[WS 18] durch die Ohrläppchen steckt, und in deren einem er den Tabaksvorrat, in dem anderen Tabaksblätter zum Herstellen seines Zigarettenbedarfs herumschleppt? Gerade wie der gemeine Mann bei uns zu Lande nach vollbrachtem Kirchgange seine Sonntagsheiligung durch das Brandopfer einer oder mehrerer besonders guter Zigarren ausdrückt, so erreicht bei einem solchen Volksfest in Birma der schon an gewöhnlichen Tagen recht beträchtliche Zigarettenverbrauch einen Umfang, der der beängstigenden Größe der manchmal sogar noch mehr als fusslangen birmanischen Zigaretten ebenbürtig ist; allerdings darf man nicht vergessen, daß dies Familienzigaretten sind, die bald von der Mama oder dem Herrn Vater und bald von dem einen oder anderen der lieben Kinderschar je nach Bedarf und Laune zum Munde geführt und in beständigem Glimmen erhalten werden. Schreit ein Baby gar zu herzbrechend, so wird ihm nicht ein süßes Lutschbeutelchen, sondern die qualmende Zigarre in das Mäulchen geschoben; dann ist es sofort still. Auch über die verschiedenen Arten des Transportes dieser Säuglinge in Körben, Schlingen oder Tüchern konnte ich bei dieser Gelegenheit die unterhaltendsten Studien machen.

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Garkoch, eine Zigarette rauchend.

Von den halbwilden Indo-Chinesen stechen die sauberen einheimischen Birmanen auffällig ab, zumal an solchem Tage, wo sie ihre schönsten blaßfarbigen Seidenbinden um den Kopf und die wundervollsten ihrer buntkarrierten Tücher um die Hüften geschlungen hab-n und einen im höchsten Grade festlichen Gesamteindruck machen. Ist schon jede Bazarhalle in Birma mit den geschmackvoll geordneten, hoch aufgestapelten üppigen Erzeugnissen des Landes und den einschmeichelnden Gestalten ihrer graziösen, heiteren Verkäuferinnen ein entzückend malerisches Bild, so wurden hier die so nett wie bei einer Weihnachtsbescherung auf reinen, weißen Tüchern aufgebauten Opferspenden an Früchten, Blumen und Getreidehaufen, umringt von einer Volksmenge von märchenhafter Buntheit, zu einem leben- und farbensprühenden Gemälde, das sich keine Phantasie vorstellen kann; durch die Ruhe und das anständige, höfliche Benehmen der wirr durcheinanderflutenden Massen wäre tatsächlich der Eindruck eines wunderbaren [42] Märchentraumes entstanden, hätte nicht der merkwürdige, aus Blumenduft, Ausdünstungen und Kerzenqualm zusammengemischte Geruch beständig an die Wirklichkeit des vermeintlichen Zauberbildes gemahnt.

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Gießen der Wachskerzen.

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Tänzer mit Dämonen-Masken.

Ähnlich wie vor Wallfahrtskirchen in europäischen Ländern, und nicht etwa nur in Kevelaar[WS 19], Kerzen und „viel wächserne Füß’ und Händ’“ zum Kauf ausgeboten werden, so war hier gleich im Tempel selbst eine primitive Kerzenfabrik eingerichtet, damit jeder beim Gießen seiner Wachslichter mittels plumper Holzformen zugegen sein und dem Wachs noch irgend welche abergläubische Zutat beimischen konnte, denn krasser Aberglauben und stete Angst vor Dämonen, Geistern und anderen „Nats“[WS 20] spielt bei allen Birmanen, besonders aber in den entlegenen Bergländern Ober-Birmas und Indo-Chinas, eine überaus einflußreiche Rolle. Aus diesem Grunde machten auch die Frosch- und Dämonenmasken, die in tollen Tänzen und Kampfspielen von jüngeren Priestern vorgeführt wurden, ganz ungeheueren Eindruck auf die von dorther erschienenen Naturkinder. Natürlich erhöhen derartige Maskentänze und Bekämpfungen der Dämonen wegen des dabei nie ausbleibenden Sieges der Priester über die Vertreter der feindlichen Geisterwelt das Ansehen und die Einnahmen der Mönche bei ihren sich über alle buddhistischen Lande erstreckenden Bittgängen ganz bedeutend. Manche dieser abergläubischen Ansichten sind überraschend naiv und bezeichnend; so bauen z. B. die Katschins den Nats zum Aufenthalt außerhalb ihrer Dörfer bequeme Gerüste, unter denen sie ihnen Opfertiere [43] schlachten, treiben dann durch Dämonenbanner die Geister aus dem Orte dorthin und verrammeln alle Straßen und Türen mit Speeren. Selbst die einfachsten Naturerscheinungen sind bei ihnen Einwirkungen übernatürlicher Wesen; so erklären sie sich. z. B. die Entstehung des Regenbogens durch eine Riesenkrabbe, die neben der runden Erdscheibe im Weltmeere schwimmt und dabei zu Zeiten, um Atem zu schöpfen, aus dem Wasser emportaucht, wobei dann der Sonnenschein auf ihren mit Perlmutter gesäumten und in allen Farben spielenden Mundrand fällt, der sich beim jedesmaligen Aufklappen des Mundes am Himmelsgewölbe abspiegelt; bei Sonnenfinsternissen wird sogar unaufhörlich mit Pfeilen und Luntenflinten gegen die Sonne geschossen, um zu verhindern, daß diese von einem sie bedrohenden riesigen Frosch-Nat verschlungen wird, und da der Erfolg nie ausbleibt und die liebe Sonne bald wieder fröhlich vom Himmelszelte strahlt, sind die guten Leutchen nicht leicht von derlei Ansichten zu bekehren.

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Durch einen Sonnenschirme geschützte Wasserkrüge; ein durstiger Knabe führt eben den Schöpflöffel zum Munde.

Angesichts der erdrückend mannigfaltigen Augenweide überkam mich auf dem Festplatz ein förmlicher Sehrausch, denn selbst die unbedeutendsten Vorgänge werden in Birma sofort zum reizvollen Bilde, sei es ein Barbier, der in einem Winkel des Festplatzes kauert und einem geduldigen Patienten mi einem rostigen Haken einen Zahn zieht, oder ein fast nackter, durstiger kleiner Bengel, der sich aus einem der zum allgemeinen Besten unter einem Sonnenschirm aufgestellten Wasserkrüge mit Hilfe einer an einen Stiel gesteckten halben Kokosnußschale einen kühlen Trunk schöpft, oder ein mohammedanischer Vogelhändler, dem seine gefangenen Papageien und anderen Vögel nur abgekauft werden, um sofort die Freiheit zu erhalten, weil dies von den Buddhisten für ein verdienstliches Werk betrachtet wird.

Inmitten des Platzes waren einige dreieckige Prangergestelle errichtet, an die etwa abgefaßte Diebe gebunden und zur Schau gestellt werden sollten, denn an verbrecherischem Gesindel fehlte es ebensowenig wie an entsetzlich verstümmelten Krüppeln und aussätzigen Bettlern, die alle Zugänge zum Tempel belagerten. Hinter den Zelten und den Schaubuden mit Mißgeburten, Zwergen und Riesen, in denen man, wie auf einem Jahrmarkt, alles Erdenkliche, vorzugsweise aber natürlich Festbedürfnisse wie Lichter, Blumen, Früchte, bunte Bänder, Räucherkerzchen, Blattgold und Kinderspielzeug [44] sowie an Fäden lenkbare Marionetten einhandeln konnte, sandten die von Chinesen gehaltenen Garküchen die streng riechenden Düfte der nationalen Leibspeisen der Birmanen, Ngapi[WS 21] und Kuk-Swe[WS 22], in die Lüfte; letzteres ist ein Ragout von Makkaroni und Schweinefleisch mit spanischem Pfeffer und massenhaftem Zwiebelzusatz, Ngapi aber eine für unsere Geruchs- und Geschmacksorgane unerträgliche Paste aus halb verfaultem Fisch, eine Delikatesse, nach der jedes birmanische Dorf schon von weitem duftet; im geheimen verabreichen die schlauen Chinesenköche jedoch auch geistige Getränke und Opium, zumal in der Nachtzeit, wenn von spekulativen Bankhaltern auf dem Erdboden überall Tücher mit sechs oder sechsunddreißig durch Tierfiguren bezeichneten Feldern ausgebreitet werden. Das einförmige Geklapper der Blechbüchsen, aus denen die mit den entsprechenden Tierbildern bemalten sechsseitigen länglichen Würfel rollen, gehört zu jenen eigenartigen asiatischen Geräuschen, die sich meinem Trommelfell für immer eingeprägt haben, obgleich sie nicht übermäßig laut sind.

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Schiefe Ebene zum Hinaufschaffen des Thi auf die Spitze der Pagode.
Die Schuhe werden auf dem Festplatz in der Hand getragen.

Zu den auffallendsten Figuren eines birmanischen Festplatzes gehören auch die von der Einfalt der Landleute lebenden Wahrsager. Mit schallender Stentorstimme verkünden diese Menschenkenner aus den von ihren Kunden auf Palmblätter gekritzelten Schriftzügen alle möglichen Glücksfälle, verfallen aber dabei ab und zu in ein Geflüster, so daß die Umstehenden höchstens aus dem wichtigen Getue des Schicksalsverkündigers ahnen dürfen, daß es gar bedeutende Dinge sein müssen, die er seinem Opferlamme ins Ohr raunt. Bei den abergläubischen [45] Birmanen hat jeder derartige Humbug auf weit dankbarere Abnehmer zu rechnen als eine Schaustellung mit wissenschaftlichem Anstrich, wie z. B. die ebenfalls vorhandenen Kinematographen und Grammophone.

Auch an Erfrischungen aller Art, an geeistem Sodawasser und fadem Speiseeis, woran man sich den Gaumen zerschneidet, ist ebensowenig Mangel wie an Theebuden, in denen die Leutchen die Zeit verplaudern können, bis der große Augenblick anbricht, wo die Pagodenturmspitze in Bewegung gesetzt und an ihren hochgelegenen Platz gebracht wird

Um den reich geschmückten Thi an seinen Bestimmungsort hinaufzuschaffen, war ein ungeheures schwankes Gerüst aus dünnen Balken, Latten und Bambusstangen aufgerichtet worden, das von der Erde bis zur höchsten Spitze der Pagode hinaufführte; flatternde bunte Flaggen und aufgespannte weiße oder zartfarbige Sonnenschirme gaben dem zierlichen Stangenbau ein überaus heiteres Ansehen, obgleich eine ernsthafte europäische Baupolizei wahrscheinlich allerlei nicht Vorschriftsmäßiges daran entdeckt haben würde.

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Ein Neugieriger guckt durch den photographischen Apparat des Verfassers.

Es war fast unmöglich, auf dem belebten Platze einen geeigneten Standort zur Aufnahme des seltsamen Gerüstes zu finden; ich mußte lachen, als ich, auf der Suche nach einem solchen zu meinem Apparate zurückkehrend, die bestürzten Mienen der sich darum herumdrängenden Birmanen bemerkte, denen von einem hervorragend Neugierigen, der während meiner Abwesenheit unter das Dunkeltuch geblickt hatte, die Wundermär verkündet worden war, daß in dem Kasten die ganze Pagode mit Gerüst und Fahnen und Menschen auf dem Kopfe stände!

Es hieß allgemein, der Prinz von Siam würde das Gerüst erklimmen, um von seiner höchsten Höhe aus das Hinaufwinden des Thi zu segnen. Kurz entschlossen bat ich ihn, nachdem er bereits kurz zuvor die Liebenswürdigkeit gehabt hatte, mir nebst dem greisen Olkott und den birmanischen Festleitern, sowie deren wie Wachspüppchen bescheiden im Hintergrund kauernden und geduldig ihre Riesenzigarette schmauchenden Gemahlinnen zu einem Bilde zu sitzen, um die Vergünstigung, mich dieser Turmspitzenbesteigung anschließen zu dürfen.

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Prinz Ginavaravansa von Siam und der greise Oberst Olkott; hinten links sitzen die Frauen der vorn kauernden Tempelvorsteher, von denen eine raucht.

Mein Wunsch schien nicht viel Gegenliebe zu finden. So weitgehend auch die Toleranz gegen Andersgläubige sein mag, die der Buddhismus lehrt, so kam doch wohl manchen unter den Vorstehern des Tempels die Erfüllung meines Verlangens wie eine Entweihung des Festes oder des Thi-Kleinods vor. Mir wurde ganz unumwunden gesagt, daß, wenn auch nur der geringste [46] Unfall beim Aufrichten des kolossalen Zierates eintreten sollte, was durchaus nicht unwahrscheinlich sei, die Menge unfehlbar nur mich dafür verantwortlich machen würde, und daß dies bei der Wildheit vieler Festteilnehmer unabsehbare Folgen haben könne; auch wurde mir bedeutet, daß das Ersteigen des Gerüstes keineswegs so leicht und ungefährlich sei, wie es den Anschein hätte.

Da half mir eine frühere Begegnung mit buddhistischen Lamas aus der Not. Um die besorgten Tempelherren zu beschwichtigen, verehrte ich ihrem Wortführer ein Kunstblatt ans meinem „Himalaja-Album“, worauf ich einen berühmten Lama, einen Gesandten des Dalai-Lama, inmitten anderer hoher buddhistischer Würdenträger in der Vorhalle des Buddhistentempels Pemiontschi in Sikhim abgebildet hatte, und erregte dadurch wohl ihren Ehrgeiz, dies denkwürdige Fest der Thi-Aufrichtung in einem meiner künftigen Werke der Nachwelt ebenfalls vor Augen geführt zu wissen. Der Aufstieg wurde mir gestattet, und nun erst sah ich mir meinen Weg zum Gipfel der Pagode etwas näher an.

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Ein Abgesandter des Dalai-Lama
zwischen den Lamas des Buddhistenklosters zu Pemiontschi in Sikhim.

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Trompeter, Musikanten und Sänger auf der Plattform des Gerüstes.

Für den barfuß gehenden Prinzen von Siam und für die Kletterfüße der birmanischen Zimmerleute, in deren braune Schenkel nach landesüblicher Weise blaue Muster eintätowiert waren, war es ein leichtes, die rundlichen Bambussprossen der schiefen Ebene mit den Zehen zu umklammern [47] und so in die Höhe zu steigen. Meine glatten Stiefelsohlen schienen mir aber für diese Kletterei höchst ungeeignet zu sein, so daß ich den schier endlos vor mir ansteigenden schwanken Steg und die oft sehr weit auseinanderstehenden dünnen glatten Leitersprossen mit recht kritischen Blicken betrachtete. Kurz entschlossen zog ich mir deshalb ohne viel Umstände ebenfalls die Stiefel aus, um auf den runden Bambusstäbchen nicht auszurutschen. Ganz unbeabsichtigt und unwissentlich schoß ich durch dieses Schuheablegen einen delikaten Vogel ab, denn mit größter Genugtuung wurde dies von den mich Umringenden als Veweis genommen, daß ich die von den Pungis wie von allen Eingeborenen befolgte Vorschrift, unsaubere Fußbekleidung auf dem Festplatz abzulegen, wenigstens für dies [48] Turmgerüst gelten ließ, auf dem ich nun hurtig emporturnte, während mir ein paar junge Zimmergesellen meine Apparatenkoffer nachtrugen.

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Niederblick von der Plattform des Gerüstes auf den Festplatz;
der mit vier kleinen Sonnenschirmen geschmückte Thi befindet sich noch an dem unteren Ende der schiefen Ebene.

Schon auf halber Höhe holte ich den um den Prinzen von Siam gescharten Trupp ein. Angesichts des stetig zunehmenden lebhaften Schwankens des Stangengerüstes und des darunter brausenden Festgetümmels drohte den Prinzen ein Schwindelanfall zu übermannen, so daß er auf die weitere Ersteigung verzichten und umkehren mußte; hierbei möchte ich sogleich zugestehen, daß die mir zu teil gewordene Warnung vor der Besteigung keineswegs grundlos gewesen war, denn auch mir begann das bunte Gekribble in der Tiefe und das vom Wind geschaukelte bewimpelte Stangenwerk vor den Augen zu tanzen und sich umeinander zu drehen, wenn ich eine außergewöhnlich hohe Sprossenlücke zu übersteigen hatte oder wenn mir die als Geländer dienende Stange aus der Hand glitt. Von der Höhe aber dröhnte, rasselte und tutete mir dabei unausgesetzt ein wahrhaft nervenbetäubendes Hörnergeschmetter, Händegeklatsch und Trommelgewirbel entgegen, so daß mich nur die Befürchtung, eine Umkehr könne meinem deutschen Namen zum Schaden gereichen, davon abhielt, dem Beispiel des seekranken Prinzen zu folgen und behutsamst umzukehren. Schließlich stand ich jedoch wohlbehalten auf der für die Musikbande hergerichteten Plattform und winkte den gleich bunten Pünktchen in der Tiefe durcheinander kreisenden Zuschauern unter dem Toben der neben mir bearbeiteten Tamtams und seltsam geformten Pauken mit dem schwarzen Einstelltuch lustige Grüße hinunter, während sich meine Augen an dem krausen Niederblick und der unermeßlichen Aussicht auf die fernere Umgebung Mandales satt zu trinken bemühten.

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Der mit vier kleinen Sonnenschirmen geschmückte Thi nähert sich auf der schiefen Ebene der Pagodenspitze.

Es wurde mir nicht leicht, meinen dreibeinigen Apparat festzustellen und damit brauchbare Photographien aufzunehmen, denn das ganze leichte Gerüst schwankte und bog sich nicht nur vor dem Schnaufen des Windes, sondern erbebte auch unter dem ruckweisen Emporwinden des wuchtigen Thi, ja selbst unter dem wütenden Gehämmere der Pauker, die um so lebhafter auf ihre Instrumente losdroschen, je näher das riesige Ringgestell seinem künftigen Standplatze rückte.

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Der unterste Ring des Thi wird auf der Pagodenspitze befestigt.

An den sechs ersten der sieben Festtage war der Thi nur um ein winziges Teilchen der ganzen Strecke emporgezogen worden, und da ich das Glück hatte, gerade am letzten Tage zugegen zu sein, wurde ich, als der mit vier kleinen rosaseidenen Sonnenschirmen und allerlei flimmerndem Metallschmuck ausgeputzte Karren mit dem Thi endlich die Plattform erreicht hatte, Zeuge von der überwältigenden Ausdrucksfähigkeit, die aus den Kupferpauken und Hörnern birmanischer Musiker hervorbricht, wenn es sich, wie hier, darum handelt, einen musikalischen Jubel ohnegleichen von der· Höhe der Pagode in das weite Land hinauszuschmettern. Richard Wagner hätte bei diesem elementaren Ausbruch äußerster Tonfülle vor Vergnügen sicherlich Kopf gestanden, was er bekanntlich in intimen Kreisen zu tun liebte, wenn er von besonders guter Laune erfaßt wurde.

Die birmanischen Zimmerleute sprangen in dem Gerüst wie behende Akrobaten herum und pfropften die Metallteile des Thi auf dem ungeheuren Balken fest, der mitten durch den Turm und Kern des Tempels bis tief in dessen Fundament hinunterreicht; die reiche Tätowierung ihrer Oberschenkel machte dabei tatsächlich den Eindruck kurzer, prallanliegender blauer Tuchhöschen, und mit wahrem Schmerzgefühl vermißte ich unter meinen photographischen Platten farbenempfindlich gemachte, ohne deren Hilfe die oft unglaublich bizarren dunkelblauen Muster der Tätowierung sich nicht deutlich von der braunen Hautfarbe abheben. Daß die beim Einimpfen der dunklen Tusche erlittenen Schmerzen den birmanischen Jüngling in den Augen seiner Mitbürger erst zum Manne stempeln sollen, ist vielleicht bekannter als die Mogelei, die manche dieser Helden dadurch begehen, daß sie sich während der Tätowierung durch einen Opiumrausch unempfindlich gegen die Nadelstiche machen.

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Links Figur eines ruhenden, rechts die eines sitzenden Buddha.

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Birmanin, mit einer Zigarette im Munde, schlägt mit einem Hirschgeweih an die Opferglocke.

Ich muß es mir versagen, hier ausführlicher von diesem seltsamen Feste zu sprechen, von diesen aus weiter Ferne gekommenen Pilgern, die andächtig von einem Tempel und von einem Buddhabilde zum andern wallfahrten, um davor ihre Opfer an Früchten, Blumen und Wachskerzen darzubringen und die erfüllte Pflicht dann mit einem Hirschgeweihklöppel an eine der großen Glocken zu schlagen, an denen es in den Tempelbezirken nicht fehlt. Der vornehmlich für die Erscheinungen der vorderindischen Welt bestimmte Raum dieses Buches erlaubt mir nur, in aller Kürze einiger der wichtigsten und bezeichnendsten Kulturwahrzeichen zu gedenken, die in Birma unter dem Einfluß buddhistischer Geistesbildung entstanden sind.

Das kostbarste Überbleibsel jener Zeit, wo birmanische Könige in Mandale regierten, ist unstreitig das seinen Namen buchstäblich verdienende „Goldene Kloster der Königin“, ein [51] aus Teakholz geschnitzter, über und über ganz fabelhaft reich vergoldeter und auch im Innern mit goldenen Buddhafiguren ausgestatteter Tempel, an den ein fünfstöckiges Kloster für die zum Tempel gehörigen Pungis und seitlich ein Unterkunftshaus für fremde Mönche angebaut ist; auf dem Bilde liegt dieser Teil links, der mit einem Thi gekrönte Tempel zur Rechten. Von dem märchenhaften Glanz der alle Teile dieser Gebäude überziehenden und, zumal bei blendendem Sonnenlicht, überirdisch strahlenden Vergoldung kann das Bild freilich keine Vorstellung geben, denn das schönste Gold, das gleißendste Gelb wirkt auf die Bromsilberschicht der photographischen Platte nicht anders wie nüchternes Schwarz.

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Der Königspalast in Mandale;
davor der Verfasser, der ein Stück Zuckerrohr kauft.

Lange konnten sich freilich die Könige von Birma ihrer Residenz Mandale nicht erfreuen, denn nachdem König Mindummin[WS 23] den früheren Königssitz Amarapura am Irawadi i. J. 1858 verlassen und das im Innern liegende Mandale erbaut hatte, weil ihn jeder Pfiff der auf dem Strom verkehrenden Dampfschiffe an die ihm verhaßten Eindringlinge erinnerte, wurde die Stadt wie das ganze Gold und Edelstein bergende Ober-Birma[WS 24] bereits 1886 von den Engländern verschluckt und mit dem schon in den fünfziger Jahren von dem Riesenrachen englischer Ländergier verschlungenen, von der Natur überreich gesegneten Unter-Birma[WS 25] vereinigt. Die ihr Vaterland tapfer und hartnäckig verteidigenden birmanischen Patrioten wurden ohne Unterschied in der ganzen Welt für rebellische Räuber oder Dakoits[WS 26] erklärt und wenn man sie fing, schlimmer als infame Verbrecher behandelt und planmäßig ausgerottet. Daß es hierbei in Birma so wenig wie im Burenvernichtungskriege in Südafrika für die Engländer an empfindlichen Schlappen gefehlt hat, geben englische Berichte natürlich niemals gern zu; freilich trugen die tapferen birmanischen Häuptlinge ihren Vertilgern nicht so hochherzigen Edelmut entgegen, wie die Buren, sondern ließen ihren Rachedurst walten, wo immer sie konnten, und es war nichts Seltenes, daß ein zur Verzweiflung getriebener Häuptling, wie z. B. Mung Gung Gi[WS 27], die von ihm gefangenen englischen Offiziere lebend als Köder in Tigerfallen einsperren ließ.

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Schwemodo-Pagode;
der obere Teil ist mit Blattgold überzogen.

Aus weit älterer Zeit als Mandale, ja sogar aus den Anfängen des geschichtlichen Ober-Birma, d. h. aus dem sechsten Jahrhundert, stammt Pegu[WS 28], an dessen einstige Ausdehnung jetzt nur noch seine gewaltigen Mauerreste erinnern. Hier steht eine der heiligsten Dagobas des Landes, die Schwemodo-Pagode,[WS 29] [52] die der Schwe Dagon-Pagode[WS 30] zu Rangun zum Verwechseln ähnlich ist und in deren innerstem Kern zwei Haare des „großen Lehrers“ eingemauert sein sollen. Mehr als hundert Meter hoch erhebt sich dieses ebenfalls ganz und gar übergoldete glockenförmige Gebäude auf einem achteckigen Sockel, auf dessen mehr als fünfzig Meter langen Seiten 128 kleine Dagobas aufgestellt sind. Beständig haben einige Goldschmiede damit zu tun, an dieser weit ins Land hinaus strahlenden, auf einem Hügel liegenden Pagode die von Wallfahrern gespendeten Blättchen Gold auf dem Mauerwerk zu befestigen; ganz fabelhaft müssen die Summen sein, die im Laufe der Zeit in diese Vergoldungen gesteckt wurden, denn die grundlegende Übergoldung der Schwe Dagon-Pagode bei Rangun soll z. B. dem Könige Mindon Min mehr als eine Million Mark gekostet haben! Allerdings steht diese bei allen Buddhisten Indo-Chinas in höchstem Ansehen, da sie nicht weniger als acht Haare des „Erleuchteten“ und verschiedene Reliquien anderer „großer Lehrer“ enthält. Auch hier ziehen an festlichen Tagen wahre Völkerströme durch das zu diesem Tempelbezirk führende phantastische Eingangstor, neben dem zwei hellgetünchte Leogryphen[WS 31] Wache zu halten scheinen. Diese bizarren Tierfiguren sollen die Erinnerung an eine Löwin wachrufen, von der ein in der Wildnis ausgesetzter birmanischer Königssohn gesäugt und auferzogen wurde, die aber schließlich an gebrochenem Herzen verendet sein soll, als man ihr diesen Prinzen von der Seite nahm.

Nach Auffassung der Brahmanenphilosophie ist alles, was uns umgibt und was wir erleben, überhaupt gar keine objektive Wirklichkeit, sondern nur eine in unserer Einbildung bestehende Scheinwelt, in der es sich der Mühe nicht verlohnt, nach ebenfalls nur eingebildeten Gütern und Genüssen zu streben [53] oder Gewicht darauf zu legen. Im Gegensatz dazu huldigt der Birmane unbesorgt dem Grundsatze Leben und Lebenlassen und zwar nach vollen Kräften, läßt aber auch seine Landsleute von seinem Reichtum mit genießen, indem er auf seine Kosten heute eine für jedermann zugängliche, tagelang dauernde Theatervorstellung veranstaltet, morgen eine den Verkehr hebende Brücke bauen oder übermorgen - zum Besten des Seelenheils seiner Nachbarn - eine neue Dagoba errichten läßt.

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Eingang in die Schwe Dagon-Pagode in Rangun.

Doch damit genug von dieser Abschweifung nach Birma, dem Lande der kindlichsten Kinder, der lebenslustigsten, faulsten Männer und der geduldigsten, fleißigsten Frauen! Aber halt! Es wäre doch gar zu ungalant, von dieser anmutigen Frauenwelt gar so hastig und ohne Abschiedsgruß wegzuschlüpfen.

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Junge birmanische Frauen.

Als ich am ersten Tage meines Aufenthaltes in Birma in das Kontor des großen deutschen Reisausfuhrgeschäftes Zaretzky, Bock & Comp.[WS 32] eintrat, prallte ich verlegen zurück, weil ich am Diplomatenschreibtisch, dem Kaufherrn gegenüber, eine junge, in zartfarbige Tücher gehüllte Birmanin erblickte. In der Befürchtung, unbeabsichtigt Mitwisser eines zarten Geheimnisses geworden zu sein, wollte ich mich schleunigst zurückziehen, als mir der Geschäftsinhaber munter lachend zurief: „Bleiben Sie getrost, das ist nur ein Geschäftsfreund von mir!“ Binnen wenigen Minuten brachte darauf das Frauchen mit größter Sachlichkeit und ohne jede Aufregung ein Geschäft ins reine, bei dem es sich um den Ertrag der Reisäcker ihres Gatten, also um viele tausend Mark handelte. Daß das Reisgeschäft wegen des ungleichen und gar nicht vorherzusehenden, aber im voraus gekauften Ernteertrages für den Käufer ein recht aufregendes Hazardspiel bedeutet, war für mich eine Neuigkeit, eine weit erfreulichere aber dieses erste Bekanntwerden mit der liebenswürdigen birmanischen Weiblichkeit, die schuld [54] daran wurde, daß ich Birma mit schwerem Herzen verließ. Trotzdem nämlich diesen nicht besonders schönen, aber äußerst anmutigen Frauen von ihren bequemen Gatten sogar die Abwickelung der Handelsgeschäfte mit europäischen Kaufleuten, hauptsächlich der Verkauf der Reisernte oder des Teakholzgefälles, aufgebürdet wird, haben sie sich doch echt weibliches und darum unwiderstehlich bezauberndes Wesen bewahrt. Derartige, zugleich praktische und sanfte Gattinnen sind ein wahres Glück für jähzornige Männer, die, wie die Birmanen, nur eine ausgesprochene Anlage haben, Geld zu vertun, nicht aber solches zu „machen“, was dagegen die in Birma arbeitenden Europäer wie Chinesen um so besser verstehen.

Da ich gerade bei dankerfüllten Erinnerungen weile, darf ich des deutschen Klubs in Rangun[WS 33] nicht vergessen, dessen Leitung im Jahre 1899 in den Händen der Herren von Bock und von Kottwitz ruhte. Nicht alle der mir bekannten deutschen Vereine des Auslandes, und ich kenne diese von New York und Kristiania[WS 34] bis nach Tokio und Wladiwostok verfügen über ein so vornehmes und hervorragend schönes Heim; aber daß in allen stets ein so bewundernswert kameradschaftlicher, wahrhaft deutscher Geist lebendig sein und blühen, wachsen und gedeihen möge, wie in dem deutschen Klub zu Rangun, das ist der Herzenswunsch, mit dem ich stets an Birma zurückdenke und womit ich dieses Kapitel über einen meiner merkwürdigsten dort verlebten Tage beschließe.

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Haartracht der Schan-Männer.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Prinz Ginavaravansa von Siam: vergleiche Prinz Prisdang von Siam (1851–1935), Mönchsname Jinavaravamsa
  2. WS: Birma: vergleiche Myanmar
  3. WS: Frau Blawatzky: vergleiche Helena Petrovna Blavatsky (1831–1893)
  4. WS: Oberst Olkott: vergleiche Colonel Henry Steel Olcott (1832–1907)
  5. WS: Fürst Uchtomsky: vergleiche Prinz Epser Uchtomski (1861–1921)
  6. WS: Professor Grünwedel: vergleiche Albert Grünwedel (1856–1935)
  7. WS: König Asoka: vergleiche Ashoka (304 bis 232 v. Chr.)
  8. WS: Buddha Gaja: vergleiche Bodhgaya
  9. WS: Dalai Lama: vergleiche Thubten Gyatsho (1876–1933), 13. Dalai Lama
  10. WS: Adija: vergleiche Adyar
  11. WS: Mandale: vergleiche Mandalay
  12. WS: Thi: vergleiche Hti
  13. WS: Sikhim: vergleiche Sikkim
  14. WS: Schan: vergleiche Shan
  15. WS: Katschin: vergleiche Kachin-Staat (zum Territorium) sowie Jingpo (zum Volk)
  16. WS: Bunong: vergleiche Pnong people (en)
  17. WS: Chignon: vergleiche Haarknoten
  18. WS: Mot: Ethnie/Volksgruppe, konnte noch nicht identifiziert werden
  19. WS: Kevelaar: vergleiche Kevelaer
  20. WS: Nat: vergleiche Nat (birmanisches Geistwesen)
  21. WS: Ngapi: vergleiche Ngapi (en)
  22. WS: Kuk-Swe: vergleiche Khauk swè thoke (en)
  23. WS: Mindummin: vergleiche Mindon Min
  24. WS: Ober-Birma: vergleiche Upper Burma (en)
  25. WS: Unter-Birma: vergleiche Lower Burma (en)
  26. WS: Dakoits: vergleiche Dacoity (en)
  27. WS: Mung Gung Gi: Eigenname, konnte noch nicht identifiziert werden
  28. WS: Pegu: vergleiche Bago
  29. WS: Schwemodo-Pagode: vergleiche Shwemawdaw Pagoda (en)
  30. WS: Schwe Dagon-Pagode: vergleiche Shwedagon
  31. WS: Leogryph: vergleiche Yali (Mythologie)
  32. WS: Zaretzky, Bock & Comp.: letzte auffindbare Presseerwähung dieser Gesellschaft stammt von 1929
  33. WS: Deutscher Klub in Rangun: bestand von 1867 bis 1914. Seit 1917 von einer Kirchengemeinde genutzt. Vgl. Hans-Bernd Zöllner: „Birma zwischen Unabhängigkeit zuerst - Unabhängigkeit zuletzt“, S. 202. Digitalisat
  34. WS: Kristiania: vergleiche Oslo