Kreuzeswissenschaft/Aufbau und Zielstellung des Werkes

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Kreuzeswissenschaft
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[282]
§ 2. AUFBAU UND ZIELSTELLUNG DES WERKES

Mit der vorliegenden Studie über den hl. Johannes vom Kreuz liegt uns das letzte Werk vor, das E. Stein zu schreiben vergönnt war. Sie arbeitete noch an seiner Vollendung, als sie am 2.August 1942 verhaftet wurde.

Bei der Sichtung des Nachlasses, insofern er aus den Trümmern des Klosters zu Herkenbosch gerettet werden konnte[1], fanden wir im Zusammenhang mit diesem Werk die folgenden Papiere auf:


[283] in Handschrift:

a) das Hauptmanuskript, bestehend aus einem unvollständigen Inhaltsverzeichnis, einem Vorwort, einer Einleitung, zwei vollständigen Teilen und einem unvollständigen dritten Teil;
b) Vorentwürfe zum Inhaltsverzeichnis;
c) ausgeschaltete Blätter;
d) Exzerpte aus Literatur über den hl. Johannes vom Kreuz und mystischer Literatur, die im Hauptmanuskript erwähnt wird (s. Bibliographie).

BESCHREIBUNG DES HAUPTMANUSKRIPTS[2]: Papier: Einzelblätter 22×17.
Schrift: Lateinschrift, Tinte, Blätter größtenteils zweiseitig beschrieben.
Seitennummerung:

          Inhalt: S. I-IV.
          Vorwort: S. I-III.
          Einleitung: S. 1-10.
          1. Teil: S. 10-14, 14a-45.
          2. Teil: S. 46-258, 258a-2590-6, 260-310, 310a, b, 311-444.
          3. Teil: S. 391-464.

Den Einschüben im 2. Teil entsprechend, unterlag die Seitennummerung des 2. Teils zweimaliger Veränderung, die im 3. Teil jedoch nicht mehr durchgeführt wurde. In Übereinstimmung mit dem Abschluß des 2. Teils auf S. 390 nach alter Seitenzählung beginnt die alte, nicht verbesserte Seitenzählung des 3. Teils mit S. 391.


In Maschinenschrift:

a) die erste Abschrift und einen Durchschlag: S. 1-108 mit Abschrift (Durchschlag) der entsprechenden Abschnitte des Inhaltsverzeichnisses; vgl. im Hauptmanuskript: S. 1-177;
b) einen Durchschlag: S. 48-108, identisch mit obiger Abschrift. Abschrift und Durchschläge tragen Korrekturen von Steins Hand.

[284] Der Grundplan des Werkes, obwohl im Inhaltsverzeichnis nicht vollständig angezeigt, ist aus dem Hauptmanuskript selbst weitgehend zu rekonstruieren. Beabsichtigt ist eine Gliederung des Stoffes in drei Teile, eingeführt durch eine Einleitung und, es darf als wahrscheinlich angenommen werden, beschlossen von einem Schlußwort. Hiervon liegen, wie aus der obigen Beschreibung des Hauptmanuskripts ersichtlich ist, ausgearbeitet vor:

Einleitung: Sinn und Entstehungsgrundlagen der Kreuzeswissenschaft
I. Kreuzesbotschaft
II. Kreuzeslehre
III. Kreuzesnachfolge als Fragment

Während uns – im Text angezeigt[3] und als Inhaltsverzeichnis zusammengefaßt – für den ersten und zweiten Teil eine vollständige Gliederung in Paragraphen gegeben ist, besitzen wir keine Hinweise auf die Gliederung des dritten Teils. Weder Text noch Inhaltsverzeichnis des Manuskriptes, noch andere im Nachlaß befindliche Skizzen geben über den geplanten Aufbau dieses Teils Auskunft.

Gleiches gilt für Aufschrift und Gliederung des Schlußwortes, das man, wie bereits erwähnt, als Zusammenfassung des Stoffes und Bestätigung der Leitgedanken voraussetzen darf.


Die Zielstellung des Werkes ist zweifacher Art: einerseits will E. Stein in gleichzeitiger Betrachtung der Schriften des hl. Vaters, seines Lebensweges und der Entwicklung seiner Persönlichkeit darlegen, daß Leben und Schriften des hl. Johannes vom Kreuz zu einer Einheit im Zeichen des Kreuzes verschmelzen; andererseits versucht die Autorin auf Grund dieser Betrachtungen die Gesetze geistigen Seins und Lebens zu deuten.

Die Analyse und die vergleichende Gegenüberstellung der Schriften fußen auf einer gründlichen Kenntnis des gesamten Schaffens des hl. Johannes und der einschlägigen Fachliteratur[4]. Zur Auslegung der Lehre werden im besonderen die folgenden Werke als Quellenmaterial herangezogen:

[285] Dichtungen:

Geistlicher Gesang
Gesang von der dunklen Nacht
Gesang vom dreifaltigen Quell
Lied vom Hirten
Ohn’ in mir zu leben, leb’ ich

Leitsätze und Denksprüche:

Vier Winke für einen Ordensmann
Leitsätze und Denksprüche aus der Handschrift von Andujar

Briefe

Abhandlungen:

Aufstieg zum Berge Karmel
Dunkle Nacht
Geistlicher Gesang
Lebendige Liebesflamme
Abhandlung über die dunkle positive und negative Gotteserkenntnis

Aus der analytisch-synthetischen Methode der Untersuchung wird offenbar, daß E. Stein im und durch das Studium des Schaffens, Wirkens, Lehrens und Leidens des hl. Johannes zur Formulierung der Kernsätze der Kreuzeswissenschaft gelangt. Dies sind demzufolge nicht der Ausdruck vorgefaßter Ideen, zu deren Rechtfertigung oder Verdeutlichung der vorliegende Stoff herangezogen wird, sondern dem Stoff eigene Früchte[5]: E. Stein kristallisiert die Kreuzeswissenschaft durch schrittweises Zusammenfassen und Deuten aus der Lehre und dem Leben des hl. Vaters.

Durch die Entfaltung des mystischen Gedankengutes wird die Verfasserin jedoch zu selbständigem Schaffen angeregt. Unter dem Diktat dieses charakteristischen Zuges ihrer Persönlichkeit[6] verläßt die große Tochter des Ordensvaters die ursprünglich eingenommene Haltung des ausschließlich einfühlenden Nachschaffens, um seine Kreuzeslehre zu einer Philosophie der Person auszubauen. In skizzenhafter Zusammenfassung der Grundgesetze geistigen Seins[7] werden im besonderen Fragen betreffs Wesen und Bestimmung der menschlichen [286] Persönlichkeit erörtert: Ich, Freiheit und Person einerseits; Geist, Glaube und Beschauung andererseits[8].


  1. E. Stein hinterließ im Karmel zu Echt eine umfangreiche Bibliothek eigener Schriften und Manuskripte, die die Mitschwestern in einem benachbarten Kloster zu Herkenbosch verbargen. Nach der Zerstörung dieses Klosters bei einem Fliegerangriff Ende 1944 konnte S.H. P. Avertanus, damaliger Provinzial der Unbeschuhten [283] Karmeliten, die Mehrzahl der Steinschen Papiere aus den Trümmern des Klosters retten. Die Initiative zu diesem persönlichen Eingreifen ist S.H. P. Prof. H. L. Van Breda o.f.m., dem Direktor des Husserl-Archivs, zu danken, wodurch auch in weiterer Folge dieser viele tausende Blätter umfassende geistige Nachlaß E. Steins dem Archivar des Husserl-Archivs, Dr. L. Gelber, zur Rekonstruktion und wissenschaftlichen Auswertung anvertraut werden konnte.
    Wenn an dieser oder späterer Stelle von Manuskripten E. Steins gesprochen wird, die sich im Besitz des Husserl-Archivs befinden, so ist das dahin zu verstehen, daß es sich um Manuskripte aus dem oben erwähnten Nachlaß handelt. Die Autorenrechte dieser Werke stehen ausschließlich dem holländischen Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten zu.
    Siehe auch den Aufsatz von S.H. P. Romaeus Leuven o.c.d. über Edith Stein in der holländischen Zeitschrift Carmel, April 1949.
  2. Im Besitz des Husserl-Archivs.
  3. Mit Ausnahme der Gliederungsbezeichnungen 2 b), 2 c) und 2 d) in Teil II, § 3, die allein im Inhaltsverzeichnis angezeigt sind. Sie wurden von den Herausgebern dem Gedankengang entsprechend, im Text ergänzt.
  4. Siehe die Bibliographie und im Folgenden die Bemerkungen über E. Steins innere Vorbereitung zur Konzeption dieses Werkes.
  5. Zur objektiven Erhellung dieser Sachlage verweisen wir nach den folgenden Absätzen des Werkes: S. 3 f., 26  f., 30, 144, 157 fff., 243. Durch die Lektüre dieser Absätze kann der Leser einen allgemeinen Einblick in die Zielrichtung und das Ergebnis der Steinschen Analysen gewinnen.
  6. Siehe E. Steins Werke, Bd. II: Endliches und Ewiges Sein, Vorwort, S. XI.
  7. E. Stein selbst verweist S. 136, Anm. 118 nach den ausführlichen Darlegungen in Endliches und Ewiges Sein.
  8. Siehe S. 3.
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