Prinz Beder

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Prinz Beder
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 297–317
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[297]
26. Prinz Beder.

Es hat immer solche Ungläubige gegeben, wie es ihrer heutiges Tags noch genug gibt, die zu Trotz aller sichern und wahrhaftigen Nachrichten, dennoch an keine Meermenschen glauben wollen.

So ein Ungläubiger war ein Sultan in Persien. An die Fische im Meer glaubte er eben sowohl als an die Vögel unter dem Himmel, er glaubte sogar an den drei Meilen langen Seekraken, an die große Seeschlange, die mit ihren Armen die größesten Kriegsschiffe umwindet, sie in die Tiefen hinabzieht, und dann verschluckt; er glaubte auch an den Vogel Roch, der einen Palast zwischen seine Klauen nimmt und davon trägt, aber an Meermenschen glaubte er durchaus nicht. Indeßen kam ihm der Glaube davon in die Hand.

Der König wollte in seinem Palast das Schönste auf Erden von allerlei Art beisammen haben, denn das allein nur sei für ihn gut genug, dachte er. So hatte er denn auch eine Menge der schönsten Sklavinnen zusammengekauft, die das Auge nur gern ansahe und die im Palaste dienen mußten.

Einsmals brachte ihm aber ein Sklavenhändler eine Sklavin, [298] so schön, das er fast blind geworden wäre, hätte er sie das erstemal allzulange angesehen. – Er kaufte sie für schweres Gold, ließ ihr die schönsten Kleider und Juweelen reichen und sie durch die Frauen in seinem Palaste drei Tage lang hintereinander durch Baden, Salben, Schminken und dergleichen, noch einmal so schön machen als sie schon war.

Nach den drei Tagen besuchte er sie in ihren Zimmern. Da saß sie mit nachläßig aufgestützter Hand am Fenster und sahe schweigend und sinnend ins Meer herab, und als der König eintrat, blickte sie denselben kaum von der Seite an, blieb in ihrer Lage und schauete fort und fort ins Meer.

„Ich bin ja der Sultan!“ sagte er zu ihr; aber sie rührte sich nicht. „Die ist dumm oder stumm,“ dachte er; was gafft denn die Närrin ins Meer, statt meine Herrlichkeit anzuschauen. Jedoch er verzieh es ihr, weil sie so wunderschön war, und tröstete sich damit, daß sie wohl schlecht erzogen sein möchte, daß aber dieser Fehler durch Hofdamen, Tanz- Sing- und Musikmeister in ein Paar Monaten leicht möchte verbeßert werden, und trat näher zu ihr.

„Sonnenauge, sagte er zu ihr, Mondesglanz, Granatblüte, Licht meiner Seele, sprich, o sprich! Ich erhebe dich zu meiner Gemahlin, aber sprich, wo bist du her? – wer sind deine glücklichen Aeltern? – wie bist du zur Sklavin entwürdigt, die du zur Königin des Himmels geboren bist? O sage es mir!“

Der König plauderte wie ein Staarmatz, der eben im guten Zuge ist, sie aber blieb stumm und gleichgültig und da mußte er denn auch endlich wohl aufhören.

„Wofür hat denn das dumme Ding ein so hübsches Schnäutzchen, wenn sie nicht damit sprechen will? sagte der Sultan halb ärgerlich, als er von ihr ging. Die Andern plaudern und schwatzen [299] und klappern bis zum Unausstehlichen, und diese ist unausstehlich stumm!“

Der König glaubte aber nicht ganz an ihre Stummheit, sondern hielt sie für Wirkung eines tiefen Grams und hoffte immer noch sie zum Sprechen zu bringen. Er aß mit ihr, er fragte, wie ihr die Speisen schmeckten? ob der Anblick des Meeres sie vergnüge? ob sie die Nacht wohl zu ruhen geruht habe? Er bemühete sich ihren Gram durch Tanz und Sang, durch Feste und Spiele aufheitern zu laßen, und als Alles nichts helfen wollte, so fragte er: „wie ihr ihre Kleider gefielen? sie wären wohl zu schlecht? sie dürfte nur über beßere befehlen!“

Als sie aber auch nun nicht sprach, da wußte er gewiß, daß sie stumm war, heirathete sie aber dennoch in der Desperation seiner Liebe. So eine Liebe, wie sie der Sultan hatte, macht blind und scharfsichtig, stumm und beredt, traurig und entzückt, weich und wild, verzagt und desperat. Er heirathete sie und gewöhnte sich bald an ihr Stummsein, zumal da sie nicht taubstumm war, sondern Alles verstand, was der König ihr sagte.

Nach einiger Zeit kam sie mit einem Prinzen in die Wochen. Vor Entzücken darüber sprach und that der König seltsames Ding; er setzte den ganzen Palast in Aufruhr; er fiel der Königin tausendmal um den Hals; er küßte den Bart des Oberkämmerlings und hüpfte mit ihm im Zimmer herum; er wollte, daß alle Welt im ganzen Reiche gleich auf der Stelle mit Wein und Braten und dem herrlichsten Obste bewirthet werden sollte und sollte tanzen und Juchhei rufen dazu. Zu dem Allen hatte die Königin heimlich gelächelt, aber da er nun auch große Säcke mit Gold bringen ließ und sie den Tempeldienern zusandte, um glückliche Niederkunft zu beten, da fing die Wöchnerin an laut zu lachen. „Du kannst lachen? du kannst [300] lachen? rief noch entzückter der Sultan, möchtest du doch auch sprechen können.“

„Ich kann es, mein König, und werde von nun an sprechen!“ Das Erstaunen darüber machte den Lärm der Freude stumm, und in einigen Augenblicken hieß es überall am Hofe und in der Stadt: „die Königin kann sprechen!“ und Manche sagten sogar: „die stumme Königin kann sprechen!“

Der König forschte, als er mit seiner Gemahlin allein war, nach der Ursach ihres langen Schweigens. „Krone der Kronen, sagte er, ich bin seeliger als Gott selbst. Aber nun sprich auch, warum du so lange stumm warst?“

Da sprach sie denn.

„Herr, erzählte sie, ich heiße Gülnare oder Meerrose und bin die Tochter eines mächtigen Meerkönigs. – –

„Was? fiel er ein; Meerkönigs? unten im Meer? Menschen dort? Staaten, Länder, Könige, Fürsten und Herren? – Gegen alle Philosophie und Vernunft?“

„Warum denn nicht? fragte sie; ist doch des Meeres weit mehr als des Landes. Aber laßet mich fortfahren.“

Mein Vater hinterließ das Reich meinem Bruder Saleh, aber ein boshafter Nachbar überfiel diesen so unvermuthet, daß ihm kaum Zeit blieb, sich mit mir und unserer Mutter und mit einigen Getreuen in eine unbezwingliche Festung zu retten.

Saleh faßte einen kühnen Gedanken, sein Reich wieder zu gewinnen; aber, sagte er zu mir, da unser Unglück und unsere Erniedrigung in den Reichen des Meeres bekannt sind, so bin ich zuerst für deine Sicherheit besorgt. So schön du bist, würde sich doch der kleinste Meerkönig für entwürdigt halten, dich zum Gemahl zu nehmen, [301] denn du bist unglücklich mit mir; ich will dir einen Erdkönig suchen.

Darüber wurd ich entrüstet und es kam zwischen uns beiden zu harten Worten. Im Unmuth erhob ich mich aus den Tiefen des Meeres und begab mich auf die Mondinsel, wo ich es ganz bequem hatte. Ich hielt mich für sicher, aber als ich einsmals schlief, überfiel mich ein Sklavenhändler mit seinen Leuten, band mich und führte mich fort. Er verkaufte mich an einen Kaufmann, dieser wieder an einen andern, bis ich endlich zu Euch kam, wo ich mir vornahm, meine Erniedrigung zu verschweigen; aber Euer großes Entzücken und Eure Liebe haben mir den Mund geöffnet.

Mit manchem Kopfschütteln und mit: „So? und Hm?“ hatte der Sultan zugehört. „Also doch wahr und wahrhaftig eine Waßerwelt! – Meerprinzen und Meerfräulein, jung und alt! Ich hätte es nimmermehr geglaubt, wenn Ihr mir es nicht sagtet und selber daher wärt. Aber wie gehts und stehts denn dort unten bei Euch zu?“

Herr, sagte Gülnare, es geht dort unten fast so zu, wie hier oben auf der Erde bei Euch. Wir gehen auf dem Boden des Meeres umher, bauen Städte und Schlößer; säen, pflanzen und ernten mancherlei Meergewächs; eßen Meerthiere; athmen Waßer ein, wie Ihr die Luft einathmet; lieben und bekriegen uns, tragen Kleider, die aber nie naß werden; haben aber ungemein scharfe Augen; bewegen uns schneller als der Sturm; haben Feste und Tänze und Wettrennen; Paläste von Marmor oder Korallen oder noch köstlicherm Gestein; haben Marställe mit Seeroßen, vorzüglich zu Lustbarkeiten, und besitzen Gold, Perlen und Edelsteine in großer Menge. Der Staaten und Reiche sind mehr [302] als auf der Erde, die Sitten verschieden, aber alle Meermenschen sprechen nur eine Sprache, nämlich die des großen Propheten Salomo.“

Gülnare äußerte den Wunsch die Ihrigen zu sehen, um sie mit ihrem Gemahle bekannt zu machen. Dieser antwortete, er wünsche das Nämliche, wiße aber kein Mittel es zu bewerkstelligen. Da eröffnete ihm Gülnare, daß die Kinder des Meeres Wunderkräfte besäßen, wovon er Augenzeuge sein sollte, wollte er nur in das anstoßende Kabinet gehen und durch das Gitter Alles mit anschauen.

Der König ging hinein und Gülnare warf ein Stück Aloeholz auf glühende Kohlen, und während das Holz verbrannte, sprach sie unverständliche Worte dazu. Da fing das Meer an zu brausen, öffnete sich und ein schöner Jüngling mit meergrünem Barte erhob sich aus demselben und nach ihm eine ältliche majestätische Dame mit fünf jungen Damen, so wunderschön als Gülnare. Allesammt schwebten über dem Meere hin und von dem Gestade durchs geöffnete Fenster zu Gülnaren hinein. Es waren der König Saleh mit seiner und Gülnarens Mutter und Nichten. Zärtlich und weinend umarmten sie sich untereinander.

Nachdem sie sich beiderseitig mit ungemeinen Höflichkeiten ihre ungemein große Liebe bezeugt hatten und hatten sich alle Begebniße erzählt, waren sie Alle sehr froh. Gülnare hatte einen liebenden und hohen Gemahl, und Saleh war wieder im Besitz seines Reiches.

Jetzt ließ Gülnare Erfrischungen herbeibringen und ladete ihre Gäste dazu ein. Diese aber wurden im Gesicht, wie wenn Feuerflammen darauf spielten, Blitze schoßen aus den Augen, Rauch und Flammen aus Mund und Nasen und der König in seinem Kabinet [303] gerieth in große Angst, als Gülnare eben zu ihm kam, und ihn hereinzutreten bat.

„Hm! sagte der König, das möcht ich wohl gern, aber die feurigen Gesichter stehn mir keineswegs an.“

Da beruhigte ihn seine Gemahin. „Meine Verwandten sind, sagte sie, blos wegen verletzter Höflichkeit unwillig; darüber daß sie ohne Eure Erlaubniß in Eurem Palaste eingetreten sind und nun auch eßen sollen ohne die Ehre Eurer Gegenwart.“

„Nun! nun!“ sagte der König, und gedachte, daß auch unter Menschenkindern um verletzter Höflichkeit willen oft mehr Feuer und Flammen gespien würden als verletzter Gerechtigkeit wegen, und, um so grimmig große Höflichkeit nicht noch grimmiger zu machen, ging er, aber zitternd, zu ihnen, und freute sich höflichst des hohen Glücks und der unverdienten Ehre ihres glänzenden und entzückenden Besuchs.

Unter den ausgesuchtesten Höflichkeiten genoßen sie die ausgesuchtesten Leckerbißen und Weine und wurden bald mit einander in großer Zierlichkeit vertraut.

Nach der Tafel wurde den Verwandten der junge Prinz gebracht. König Saleh nahm ihn auf seine Arme, wiegte und schaukelte ihn und pries seine blendende Schönheit und im Anfall von entzückter Freude sprang er mit ihm zum Fenster hinaus und ins Meer hinunter.

Der Sultan that einen großen gewaltigen Schrei, aber sie wollten ihn alle beruhigen. „Das ist eine Höflichkeit, sagten sie, die wir ihm schuldig sind. – –“

„Die mich bis zum Tode erschreckt hat,“ fiel der Sultan ein. „Das macht nichts, antwortete die alte Dame mit weisen Gebehrden; Ihr habt nichts zu befahren. Ueber Euren Sohn hat Saleh [304] die Worte gesprochen, die auf Salomos Siegelring stehen, und Ihr sollt wißen, daß er auch die Natur seiner Mutter hat und ihm das Meerwaßer eben so zusagt als die Luft. Er kann künftig eben sowohl auf dem Boden der Abgründe leben, als auf dem Boden der Erde.“

Der Sultan zitterte aber, bis Saleh mit dem Kinde wieder kam. Sie nannten es nun, ohne den Sultan zu fragen, Beder, das heißt, Sonnenblume des Meeres. Der Sultan ließ es sich gefallen, denn er fürchtete der Höflichkeit Feuerrachen. Jetzt aber kam eine Höflichkeit, die er für eine wahre und wahrhaftige erkannte. Saleh hatte ihm in einem Kästchen aus Korallen und Perlmutter ein kleines Geschenk mitgebracht. Es waren dreihundert Diamanten, von der Gröste der Taubeneier, und ein einziger derselben so viel werth, als das Königreich Persien; es waren eben so viel Rubinen und Smaragden und Perlenschnüre. – Der Sultan ward verblendet und stumm, als ihm dieses kleine Geschenk überreicht wurde, und trug es in seine geheimste Schatzkammer.

Nach mehreren Tagen reisten Gülnarens Verwandten unter vielen Thränen, die zur Höflichkeit gehörten, wieder ab, nachdem sie dem König versprochen hatten ihn oft zu besuchen, indem er selbst nicht so wie der Waßerprinz und die Waßerprinzeßinnen des Meerwaßers gewohnt sei, und unter allen Waßern nur mit den gebrannten recht gut bekannt wäre.

In aller Kunst und Wißenschaft war der Prinz Beder schon im zwölften Jahre so vollkommen, daß seine Lehrer gegen ihn nur als Dummbärte anzusehen waren, und als er funfzehn Jahr alt war, übergab ihm sein alter Vater die Regierung, die er so weise regierte, daß die Weßire sich vor ihm schämen mußten und bekennen, daß er den König Salomo weit überträfe.

[305] Er richtete und schlichtete Alles selbst, so viel nur möglich; er richtete alle Anstalten beßer ein; er gab große Summen für Wittwen und Waisen, für Greise und Verlaßene her; er reiste im Lande verkleidet herum, zu sehen, ob Alles wohl zustehe; er ließ sein Volk nicht von den Soldaten placken und mißhandeln, weil sie von der Arbeit und dem Fleiße des Volkes leben müßten; er erlaubte dem Mächtigen keine Gewaltthätigkeiten; er ließ die Lehrer seines Volkes reichlich besolden, und wollte das Volk gern selbst zum Gefühl der echten Menschenwürde und der angebornen unverlierbaren Menschenrechte erheben; – mit einem Worte er war ein König, wie sie nicht immer alle gewesen sind, und sein Volk liebte ihn, so roh es auch noch war.

In einigen Jahren schon war Alles im Lande in der löblichsten Verfaßung, als der alte Herr, sein Vater, starb, der an dem Sohne seine herzinnige Freude gesehen und Gülnaren tausendmal die Hand dankbar dafür gedrückt hatte, daß sie ihm solch einen Sohn geboren hätte. Er starb, weil er nun eben nichts mehr auf der Erde zu thun hatte, und wurde beklagt, wie es Sitte war, und Beder regierte fort. Aber der König Saleh kam mit Mutter und Nichten um Gülnaren und Beder zu trösten, und vielleicht auch um zu sehen, wie der neue König regiere und ihm mit ihrem Rath auszuhelfen. Das wollte insonderheit die alte Dame, Gülnarens Mutter, weil Niemand beßer regieren konnte als sie. Als sie aber ersahen, wie trefflich Beder Alles geordnet hatte, behielten sie ihren Rath.

Eines Abends, nachdem die Mahlzeit genommen war, fielen dem König Beder, der deßelben Tages mit Regieren viel Noth und Mühe gehabt hatte, mitten in der Unterredung die Augen zu. Sie dachten, er schliefe und flüsterten leise, aber halb wachte er noch, und [306] bald war er wieder, obwohl mit geschloßenen Augen, ganz wach, denn was er hörte, ging ihn an.

Man lobte seine Schönheit, den Ruhm seiner Regierung, und der König Saleh sagte, es sei hoch an der Zeit ihn zu verheirathen. Er selbst wolle ihn eine unter den Meerprinzeßinnen aussuchen, die jetzt die Schönste auf Erden sei, nämlich Giahauren, die Tochter des hochmüthigen Königs von Samandal; aber eben dieses Hochmuths wegen möchten sich viel Schwierigkeiten finden, daher man dem jungen König jetzt noch nichts sagen müße.

Der aber hatte sich während der Berathschlagung schon bis zum Tode verliebt. Die Flüsternden hatten nichts davon gesagt, ob die Prinzeßin verständig oder dumm, eine gezierte Närrin oder einfach und schlicht, herrisch oder sanft wäre; mit einem Worte, er wußte nichts von ihr, als daß sie die Schönste auf Erden sein solle, (nämlich das Waßer mit dazu gerechnet), aber das war ihm genug und alles Uebrige, Weisheit, Witz und Anmuth seiner Erwählten, erfand er sich mit glühender Einbildung selbst.

Durch tausend Seufzer und Thränen und Bitten überredete er seinen Oheim mit ihm sogleich, ohne Vorwißen Gülnarens, in das Meerreich abzureisen. Saleh gab seinem Neffen einen Ring, in welchen dieselben geheimnißvollen Zeichen eingegraben waren, die auf Salomos Siegelring standen. Sie erhoben sich nun Beide in die Luft und schwebten nach dem nahgelegenen Meere zu, stürzten sich hinein und kamen bald in Salehs Palast an.

Bald begab sich Saleh nach des Königs Samandal Palast, und überreichte diesem stolzen Könige die allerreichsten Geschenke in Diamanten und andern kostbarsten Juweelen. Dieser nahm sie, gegen seine sonstige Gewohnheit, gar übergnädig an. Dieß machte dem König Muth, für seinen Neffen, den er den allervollkommensten [307] und allermächtigsten Erdkönig nannte, um die schöne Giahaure zu werben.

Da erhob der König von Samandal ein so unmäßiges Lachen, daß er in seinen Lehnstuhl zurücksank. Als er sich erholt hatte, fragte er den König Saleh, ob er denn närrisch geworden sei, daß er um die Tochter des größesten Königs für einen Bettelbuben zu werben sich unterstehe?

Saleh antwortete auf so ungeschliffene Worte mit sehr geschliffenen und spitzen. Aber da funkelten die Augen des Königs von Samandal von Blitzen und die Donner brüllten bald nach den Blitzen mit großer Majestät; sie brüllten: „du Hund von einem Hunde, Sohn eines Hundes; Oheim eines Hundes, du hündischer schäbiger Hund, wer bist du? Greift den Elenden, donnerte er seinen Trabanten zu, und knüpft ihn wie einen Hund auf!“

Mit seinem damaszirten Säbel, von dem Schwerdte des Schwerdtfisches gemacht, arbeitete sich König Saleh durch die wenigen Leute, aus welchen Samandals Leibwache bestand, und fand in dem Hofe des Palastes tausend von seinen Hofbedienten und Verwandten, die ihn seine weise, immer auf Sicherheit bedachte Mutter nachgeschickt hatte, weil sie die ungestüme Art des Königs von Samandal kannte. Dieser wurde sogleich gefeßelt und bewacht, aber Giahaure war nirgends zu finden, denn, erschreckt von dem Lärm bei des Vaters Gefangennehmung, hatte sie sich auf die Flucht begeben, und mit ihren Weibern auf eine wüste Insel gerettet.

Von Salehs Leuten waren einige sogleich entflohn, als der wilde Samandal ihren Herrn wollte aufknüpfen laßen und brachten die Trauerbotschaft zur Mutter Salehs. Beder erfuhr sie sogleich, und da er sich den Anblick seiner Großmutter nicht auszuhalten getraute, floh er eilends davon; weil er aber im Schrecken seine ganze [308] topographische Geographie vergeßen haben mochte, kam er, statt nach Persien, auf die wüste Insel, wo Giahaure war, die er gleich nach seiner Ankunft erblickte, und sogleich auch für das hielt, was sie war.

Nachdem er sie mit zierlichen Redensarten begrüßt und bedauert hatte, erzählte sie ihm, wer sie sei, und wie unglücklich sie wäre, indem ihr Vater in Feßeln gelegt sei, sie aber vielleicht ihr Leben einsam auf dieser menschenleeren Insel werde vertrauern müßen.

Der junge scharfsinnige König sahe nun wohl, wie die Geschichte zusammenhing, und, um die arme Geliebte zu trösten, erzählte er ihr den ganzen Handel, sagte ihr, wie derselbe nur um seinetwillen hergekommen sein dürfte, und wie sie des Vaters Feßeln leicht lösen könnte, wollte sie ihn nur ihrer Gegenliebe würdig finden, um welche er flehentlich bäte.

Sie sprach freundliche Worte zu ihm, indem sie ihm die Hand reichte, und wandelte mit ihm dahin und dorthin, bis sie zu einer Quelle kamen, aus welcher sie eine Hand voll Waßer schöpfte, womit sie den jungen König bespritzte und in einen Vogel verwandelte.

Der arme Vogel war ein wenig verdutzt und wußte nicht, wie Er, als ein so scharfsichtiger und berühmter Prinz so hätte hineintappen und sich so übel berücken laßen können? – Er flog traurig dahin und dorthin, und kam von einer kleinen Insel zur andern.

Gülnare erfuhr bald genug, was sich mit ihrem geliebten Beder bis zu seiner Flucht begeben hatte, ersann einen glaublichen Vorwand seiner Abwesenheit und regierte indeßen. Sie zweifelte nicht ihn bald wiederzusehen, und tröstete sich damit.

Dem verwandelten Vogel hatte Giahaure seine Schönheit nicht nehmen können, sich selbst aber konnte sie den Gedanken an diese Schönheit nicht nehmen, und hätte den Vogel gern wiedergehabt, [309] der aber war weit hingeflattert, und in das Netz eines listigen Vogelstellers gerathen. Dieser verkaufte ihn an den König, welcher aus freien Willen hundert Goldstücke dafür gab, weil der Vogel so wunderschön war, und weil er dachte, so ein wunderschöner Vogel müße durchaus tolles Zeug plaudern können, womit er sich gar zu gern unterhielt. Das konnte der Vogel aber nicht, er konnte nicht einmal: Pip: sagen.

Als aber der König den wunderschönen Vogel seiner Gemahlin zeigte, wußte diese als eine weise Frau sogleich, daß derselbe ein Mensch sei, und zwar der König Beder aus Persien, ein Sohn Gülnarens, ein Neffe des Königs Saleh, und der Enkel seiner Großmutter. Kurz sie war eine wahre und wahrhaftige Frau und verstand sich daher auf die Verwandtschaft der Familien, aber sie verstand sich auch darauf den Vogel zu entzaubern und gab ihm seine natürliche Gestalt wieder.

Nachdem er, wie sich von selbst versteht, dem König des Landes seine Geschichte erzählt hatte, bat er denselben ihn wieder nach Persien zurückbringen zu laßen. Das geschahe auch; aber das Schiff, auf welchem er abfuhr, scheiterte an einem Felsen einer Insel.

Beder hatte sich gerettet, aber als er vom Strande aus tiefer ins Land hinein wollte, kamen von allen Seiten Löwen und Bären, Ochsen und Kühe, Pferde und Esel und allerlei andere Thiere und widersetzten sich ihm brüllend, brummend und schreiend, aber er sahe wohl, daß sie ihn nicht freßen wollten. Da bekam er ein Herz und drängte sich durch. Aber sie umzingelten ihn wieder und wollten ihn abhalten weiter vorzudringen; er aber kam abermals und dann noch einmal durch. So ließen sie ihn denn nun gehen.

[310] Nach einigen Stunden gelangte er zu einer Stadt, in welcher Alles wie ausgestorben war, obgleich Buden da und dort standen, in welchen aber Niemand sich befand. Er ging Straße auf und ab und Keiner begegnete ihm. Endlich fand er einen ehrwürdigen Greis in einer Bude mit Obst, der ihn zu sich hineinwinkte und in einem Winkel verbarg. „Um Gott, mein Sohn, fragte der Greis, wie kommt Ihr in diese unselige Stadt der Zauberkönigin, die lauter Böses stiftet? Mit Jünglingen, so schön wie Ihr seid, lebt sie vierzig Tage lang in Herrlichkeit und üppigem Schwelgen. Die Jünglinge, die sie berückt hat, dachten, sie wären ins Freudenreich gekommen, zumal die Königin wunderschön ist, aber mitten im Rausche der Freude taumelten sie in die Abgründe des Schreckens hinab, denn sie wurden von der Königin in Thiere verwandelt.“

„Ich verstehe, guter Vater, sagte Beder, was Ihr meint. Durch schwelgerische Freude ist gar Mancher schon zum unvernünftigen Vieh geworden!“

„Wie wahr das auch ist, versetzte der Alte, so meine ich es doch noch wahrer, nämlich ganz wörtlich. Ohne Zweifel haben Euch mancherlei Thiere von dieser Stadt wollen abhalten ohne Euch zu beschädigen, obwohl Löwen und Bären darunter waren. Sehet, das waren verwandelte Menschen, die Euch warnen wollten?“

Beder erschrack sehr, indeßen der Greis richtete ihn wieder auf und sagte: „ich hoffe, Ihr sollt in meinem Hause sicher sein, denn die Königin hat einige Achtung gegen mich. Sie weiß wohl warum? Ich will Euch für meinen Neffen ausgehen, den ich zu meiner Hülfe zu mir genommen habe. So wird es schon gehen!“

Beder drückte dem Greise dankbar die Hand und sagte: „Seid mein Vater!

Die Stadt war nicht unbewohnt, aber die Leute darin scheueten [311] sich ohne Noth auszugehen, der boshaften Königin wegen, die Ihnen viel Gewalt und Schaden that. Man hielt sich darum möglichst eingezogen. Dennoch war es nach einigen Wochen der Königin zu Ohren gekommen, welch einen wunderschönen Neffen der Greis habe, und wenige Tage darauf ritt sie mit ihrem Hofstaat, worunter auch schöne Jungfrauen waren, im Glanz durch die Stadt. Man wußte voraus, wenn sie kam, denn alles Volk mußte alsdann aus seinen Häusern auf die Straße und: Vivat! rufen, bis ihm die Kehle heiser war, und mußte sich entzückt stellen, obwohl es im Herzen die böse Hexe verfluchte.

Sie kam und war bald bei der Bude des Greises, mit dem sie sich in ein freundliches Gespräch einließ. Es schien, als ob sie, nur wie von ohngefähr, den schönen Jüngling bemerkte.“ „Der darf nicht, sagte sie, in dieser Bude versauern. Er soll an meinem Hof glänzen, wie ein Morgenstern, und ich will ihn so hoch machen, als noch Keiner auf Erden gewesen ist!“

Der Greis suchte unter vielerlei Vorwand den Neffen zu behalten; die Königin hatte aber noch listigern Vorwand denselben zu begehren, und da der Neffe, von der Königin Schönheit verblendet, ganz stumm sich verhielt, so willigte der Alte ein, doch bat er sich aus, den Jüngling noch einen Tag zu behalten.

Diesen Tag benutzte der Greis denselben über sein Betragen zu unterrichten. Er gab ihm zugleich zwei kleine Kuchen mit, von welchen er sagte, sie würden sich frisch und wohlschmeckend erhalten. „Neun und dreißig Tage, sagte er, könnt Ihr sicher sein, aber in der Nacht drauf schleicht auf Socken in das Kabinet, das am Zimmer der Königin sich findet; sehet durch das Loch in der Tapete rechter Hand, durch welches das Licht aus dem Zimmer fällt, und wenn Ihr sie Dieß und Das thun [312] seht, so verfahrt dann am andern Tage, wie ich Euch gelehrt habe.“

Am andern Tage kam gegen Abendzeit der ganze Hofstaat der Königin, um auf einem prächtigen Pferde den armen Beder abzuholen. Das Volk bewunderte laut die Schönheit des vorbeiziehenden und fluchte heimlich der Zauberin, deren Opfer er werden sollte.

In aller Ueppigkeit und Schwelgerei verlebte Beder neun und dreißig Tage im Palaste der Königin. Gegen ihre Liebkosungen verhielt er sich freundlich und gefällig, aber sie blieben ihm verdächtig. Jeder Tag brachte neue Feste, aber er ließ nicht seine Sinne berauschen. Er aß und trank, er sang und tanzte mit, aber er hielt sich nüchtern und verständig und darum tugendhaft und rein im Herzen.

Als die bedenkliche Nacht kam, sahe Beder durch das Tapetenloch des Kabinets. Die Königin stand vor einem Kästchen, aus welchem sie eine Büchse mit gelben Pulver hervorholte. Sie streuete einen feinen Strich von dem Pulver queer über das Zimmer. Daraus entstand ein Bach mit klaren Waßer. Sie schöpfte aus diesem Bach, knetete unter Hermurmeln geheimnißvoller Worte, Mehl damit in einem Gefäße, that noch aus verschiedenen Büchsen dazu, und backte von dem Teige einen Kuchen auf Kohlen. Der Bach verschwand auf ein Paar Worte, der Kuchen war gebacken, die Königin legte sich wieder ins Bette und Beder schlich in sein Schlafzimmer zurück. – Grade war Mitternacht vorbei und die Hähne kräheten zum erstenmal.

Als beide am andern Tage zusammenaßen, brachte die Königin den Zauberkuchen, den sie als ein Meisterstück ihrer Backkunst rühmte und nöthigte ihn denselben zu versuchen. Er schien willig [313] dazu, vertauschte aber geschickt ein Stück deßelben mit einem Stück von denjenigen Kuchen, welche ihm der Alte gegeben hatte, und sagte, er sei vortrefflich. Kaum aber hatte er den Kuchen gegeßen, so besprengte sie ihn mit Waßer und sagte: „Lege deine Menschengestalt ab, du Verworfener, und werde ein schäbiger, hinkender, einäugiger Gaul.“

Beder war erschrocken, sie aber war es auch, weil ihre Kunst trog, faßte sich jedoch im Augenblick und sagte: „Noch habt Ihr kein rechtes Vertrauen zu mir. Das wollte ich eben prüfen. Ihr seid aber erschrocken; wie konntet Ihr es, da Ihr wißt, wie sehr ich Euch liebe?“

„O! sagte Beder, wenn man plötzlich mit kalten Waßer besprützt wird, erschreckt man ja immer.“ Aber, gnädigste Frau, fuhr er fort, so vortrefflich Euer Kuchen ist, so glaub ich, daß meine Mutter fast eben so vortrefflich zu backen weiß. Sie hat mich die Kunst gelehrt, in der ich aus Dankbarkeit den Alten, der mich aufnahm, unterrichtet habe, damit er vom Verkauf derselben einigen Vortheil beziehe. Sie finden vielen Abgang, wie ich höre, und ich selbst laße mir von Zeit zu Zeit einen davon kommen. Noch gestern hab ich mir einen bestellt und vielleicht ist er schon angekommen.“

Beder stand auf, den zweiten Kuchen zu holen, den ihm der Greis gegeben hatte. „Hier ist der Kuchen, sagte er beim Wiederkommen; nun habt die Gnade und versucht ihn, und wenn er Euch schmeckt, so sag ich Euch, wie er zubereitet wird und kann es Euch auch zeigen.“

Die Königin nahm ein Stück und aß es, aber dann stand sie auch besinnungslos da. Da nahm Beder Waßer aus der Trinkschale, besprützte sie damit und sagte: „Teuflische Zauberin, werde zu einer Stute.

[314] Im Augenblick war sie es geworden und vergoß häufige Thränen und neigte den Kopf zu Beders Füßen, er aber führte sie zum Stall, und wollte sie satteln und zäumen laßen, aber seltsamer Weise wollte kein einziger Zaum paßen. So ließ er denn durch einen Stallknecht die Stute zu dem Greise hinführen, der bald einen Zaum fand, womit er sie aufzäumte.

„Nun, Herr, sagte der Greis, seid Ihr frei, und werdet wohl thun auf diesem Thiere in Euer Reich zu reiten. Solltet ihr daßelbe einmal verkaufen, so behaltet den Zaum.

Beder ritt fort und kam nach sieben Tagereisen in eine große Stadt, wo ihn ein neugieriger Greis anredete und mit ihm ins Gespräch sich einließ. Darüber kam ein altes, ziemlich zerlumptes Weib herbei, welches sich das Pferd genau besahe. „Ach Herr, sagte die Frau, wenn Ihr das Pferd mir abließet, so wollt ich Euch ewig loben.“ Sie erzählte, ihr Sohn habe ein Pferd gehabt, das sei diesem so ähnlich, daß man Beide gewiß nicht würde haben unterscheiden können; aber es sei vor vier Tagen gestorben und er sei darüber so außer sich, als sei ihm Gott und alle Welt abgestorben. „Ach, wie glücklich wär ich, setzte sie recht kläglich hinzu, wenn der gnädige Herr mir dieses Pferd abließe!“

Als das Weib allzudringend wurde, wollte sich Beder dadurch von ihr losmachen, daß er sagte: „Ich will Euch das Pferd ablaßen, aber nicht unter fünftausend Goldstücken!“ So viel, dachte er, kann ja das zerlumpte Weib nimmermehr besitzen. Aber wie erschrack er, als die Frau sagte: „Es gilt! und zwei große Beutel mit Gold unter der Kleidung hervorzog, die sie so leicht hob, als wären es Pflaumfedern.

Beder erschrack nun über seine Unvorsichtigkeit und sagte, mit dem Verkaufe sei es ja nur Spaß, denn er könne das Pferd nicht [315] laßen. Da aber sagte der Greis: „Mein Herr, im Handel und Wandel spaßt man in dieser Stadt nicht, und jede Unwahrheit gilt das Leben! darauf verlaßt Euch.“

Das Leben war Beder doch lieb. Er stieg bestürzt vom Pferde, welches die Alte sogleich beim Zügel ergriff. Mit einer Hand voll Waßer und mit zwei Worten hatte sie daßelbe wieder zur natürlichen Gestalt gebracht. Die Alte war aber die Mutter der Königin, die erst von ihr die Zauberkunst erlernt hatte. Sie pfiff jetzt und Augenblicks erschien ein scheußlicher Geist, der die Königin nebst dem König Beder in den Palast der Erstern wieder zurückbrachte.

Wie verwünschte nun die Königin den unglücklichen Beder! Sie verwandelte ihn in eine große Fledermaus und gab einer Sklavin den Befehl sie einzusperren und verhungern zu laßen. Die Sklavin aber gab dem Thiere Nahrung und dem Greise, deßen Freundin sie war, brachte sie Nachricht von dem, was sich begeben hatte.

„Garan!“ rief der Alte mit einer besonderen, quikenden Stimme; und sogleich erschien ein Geist. Dieser bekam seine Anweisung und war die Minute darauf in Persien, in dem königlichen Palaste und stand in freundlicher Gestalt vor der Königin Gülnare und deren anwesenden Mutter, der er Alles berichtete, was ihm aufgetragen war.

Gülnare war entzückt. Trommeln und Pauken mußten wirbeln und Trommeten und Hörner blasen, um die Rückkunft des Königs zu verkündigen. In zwei Augenblicken war eine große Macht unter Salehs Anführung aus dem Meere aufgestiegen, in drei Augenblicken hatte dieselbe Stadt und Palast der Zauberkönigin erfüllt. Diese wurde niedergemacht und das Volk jubelte über seine Erlösung, und Beder wurde wieder der allerschönste Erdkönig, den [316] Gülnare nicht satt genug küßen und herzen konnte. Man zog mit dem Alten und mit der mitleidigen Sklavin durch die Luft nach Persien. Der Alte verlangte für seine Dienste nicht Gold noch Stelle. „Was soll ich damit? sagte er; gebt mir ein ruhiges Alter, das ist Alles, was ich wünsche. Braucht Ihr meinen Rath, so will ich Euch damit dienen; braucht Ihr ihn nicht, so ists desto beßer. Gebt mir indeßen ein Stück Garten, damit ich Etwas zu schaffen habe; denn das Leben ohne Thätigkeit ist Todt für mich.

Der Alte ward zufrieden gestellt; die Sklavin war auch zufrieden, denn sie blieb keine Sklavin, aber Gülnarens Freundinn blieb sie; alle Welt war zufrieden, nur Seine Majestät, der König Beder waren es nicht, denn HochSie verlangten nach Giahauren.

„Wie? sprach König Saleh zu ihm, bist du ein Kind oder ein Mann? Sie, die dich berückt, die dich in einen Vogel verwandelt hat und hat dir ihre Verachtung sattsam zu erkennen gegeben, willst du noch heirathen? Hast du noch Ehre in dir?“

Es half nichts, was der König Saleh auch sagen mochte. Beder antwortete, er habe wohl viel Ehre, aber noch weit mehr Liebe, welche die Ehre verschlungen hätte, und der Prinzeßin habe die Mißhandlung gewiß schon längst gereut. – Er sprach viel thörichtes Zeug.

Man ließ den König von Samandal kommen, den seine Gefangenschaft ganz erträglich vernünftig gemacht hatte; denn als Beder vor ihm niederfiel und ihn um die Tochter bat, sagte er: „Wem kann sie anders gehören als dem liebenswürdigsten Prinzen auf Erden?“

Giahaure wurde aufgesucht und auf der wüsten Insel bald aufgefunden. „Der ruhmwürdigste Monarch der Erde, sagte ihr Vater [317] zu ihr, nachdem sie angekommen war, der erste Monarch auf Erden, verlangt Eure Hand, und gibt Euch dadurch einen Vorzug vor allen Prinzeßinnen der Welt.“

Den Vorzug ließ sie sich nicht entgehen und gab dem König Beder also ihre Hand, zumal da er schön war. Sie soll ihn aber nachher noch oft in einen Staarmatz, Gans, Tölpel und andere Vögelarten verwandelt haben. Doch weiß man das nicht mehr so ganz genau. Aber das ist gewiß, bei der Vermählung wurden in der Hauptstadt Redouten zu Gunsten der Armen gegeben, die kosteten an zweimal hunderttausend Goldstücke, und die Armen bekamen zwanzig Goldstücke davon. Da hatten sie eine Freude! nämlich die Armen!