RE:Arkas 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 11571160
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Arkas (Ἀρκάς). 1) Der Eponymos des Stammes der Arkader. Die Sage von ihm musste also entstehen, als dieser Stamm begann, sich als Einheit zu fühlen, und sich mehr und mehr mit der Verwirklichung dieser Einheitsbestrebungen ausbilden, soweit überhaupt geschichtliche, nicht rein poetische Motive dabei in Frage kommen. Die für uns kenntlichste Epoche auch in der Sagengestaltung ist die Gründung von Megalopolis als arkadischer Bundesstadt.

1) Bis zum J. 371 v. Chr.

Fest steht, dass A. Sohn des Zeus und der Kallisto oder einer anders benannten Hypostase der Artemis, also der beiden arkadischen Landesgötter ist. Für den vielfach umgestalteten Mythus von Kallisto ist auf diesen Artikel und auf Artemis zu verweisen; in der gründlichen Dissertation von Franz De Callistus fabula, Leipzig 1890, ist versucht, den Kern der später durch Katasterismen u. a. Zuthaten erweiterten Sage auf ein hesiodisches Gedicht zurückzuführen (s. auch u.). Das Gedicht des Epimenides, um die Wende des 6. und 5. Jhdts. entstanden, lässt aus der Verbindung von Zeus und Kallisto als Zwillingsbrüder Pan und A., den echtarkadischen Hirtengott und den Eponymen entstehen (frg. 6 bei Kern De Orphei Epimenidis Pherecydis theogoniis; über die Datierung derselben 79ff. und Diels S.-Ber. Akad. Berl. 1891 I 395ff.). Über die Söhne des A. giebt es zwei Überlieferungen: a) A. zeugt von der Nymphe Chrysopeleia den Elatos und Apheidas (Eumelos frg. 15; ähnlich das nur bei Tzetzes erhaltene Scholion zu Lycophr. 480, das Charon [frg. 13] citiert) oder von Leaneira den Elatos, Apheidas und Azan (Schol. Eur. Or. 1646, im wesentlichen aus Pherekydes). Dies setzt, wie [1158] wir unten sehen werden, eine wenn auch nur fingierte Teilung Arkadiens in zwei oder drei grosse Abteilungen voraus. b) Wenn Hellanikos frg. 60 den Mainalos, und natürlich nach älterem Vorgange Aristoteles frg. 482 Teubn. = Strab. VIII 373 den Dryops, der die thessalischen Dryoper im argolischen Asine ansiedelt, zu Söhnen des A. machen, so lässt dies auf andere Genealogien schliessen, die die Eponymen der einzelnen Stämme, Städte, Berge Arkadiens und auch anderer Landschaften in derselben Weise von A. ableiteten, wie dies sonst namentlich in der ,hesiodischen Völkertafel‘ von Lykaon geschieht (Ed. Meyer Forschungen zur alten Geschichte I 63).

2) Von 371 ab.

In der Zeit des Kampfes um die Einigung Arkadiens, wahrscheinlich bald nach dem über die Lakedaimonier im J. 368 erfochtenen Siege stifteten die Arkader eine grosse Statuengruppe nach Delphi, an der Pausanias von Apollonia, Daidalos von Sikyon, Antiphanes von Argos und der arkadische Künstler Samolas gearbeitet hatten (Weihepigramm bei Pomtow Beiträge zur Topographie von Delphi 1889, 54ff. und Taf. XIV; Athen. Mitt. XIV 1889, 15ff.; die Paraphrase des Pausanias, die manche Missverständnisse enthält [X 9, 5], kommt nur noch für die Künstlerinschriften in Betracht). Nach dieser officiellen Fassung ist A. Sohn des Zeus und der Kallisto, Tochter des Lykaon; er zeugt in Arkadien selbst von der Nymphe Erato die hiemit als die legitimen Söhne bezeichneten Elatos, Apheidas, Azan. Von diesen gehört Apheidas unbezweifelt nach Tegea, also in den Südosten; Azan, der Eponym der Azanen, in den Nordwesten und Elatos in den Westen und Südwesten von Arkadien, da nach Pindar Ol. VI 33 sein Sohn Aipytos in Phaisana am Alpheios (= Phrixos?) herrscht. Gegen dieses Zeugnis kommt alle spätere Mache nicht in Betracht (das Nähere s. unter Azan, Apheidas, Elatos). Von anderen Frauen hatte A. zunächst den Triphylos von der Laodameia, Tochter des Lakonen Amyklas (= Leaneira bei Pherekydes), den der Arkader Polybios IV 77 noch kennt, während ihn die Redactoren der arkadischen Königsliste bezeichnenderweise fallen gelassen hatten; und dann noch von Amilo, der Tochter des Gongylos, den Erasos. Dies geht auf den Nordwesten Arkadiens, der dem Bunde noch nicht beigetreten war; Erasos ist der Eponym des in der Argolis mündenden Flusses Erasinos, an dem Stymphalos lag (Ed. Meyer a. a. O. 75. Paus. VIII 22, 3), während Amilo die kleine Stadt Amilos im Norden von Orchomenos bezeichnet (Paus. VIII 13, 5. Curtius Peloponn. I 224f.). Die verschiedene Geburt unterscheidet somit die Söhne und die von ihnen vertretenen Landschaften und Stämme, ganz wie bei den verschiedenbürtigen Söhnen Jakobs und den ionischen Kodriden.

Die Mythen von A. sind in den vorliegenden Fassungen sämtlich erst hellenistisch. Wir dürfen nach den neueren Untersuchungen, namentlich von Maass Aratea 268ff. nicht mehr von einer alten hesiodischen Astronomie reden, aus welcher die in den verschiedenen Brechungen der Aratscholien (bei Robert Eratosth. catast. 50ff. und 74ff.; vgl. 238) erhaltene Überlieferung geflossen ist; doch ist die Annahme von Franz nicht unwahrscheinlich, [1159] dass die Nennung des Hesiod (nämlich der Eoeen oder Kataloge) als Gewährsmann für den Kern des Mythus seine Richtigkeit hat. Kallisto, in Bärengestalt verwandelt, gebiert von Zeus den A., der von Hirten (ΑΙΠΟΛΩΝ, verlesen ΑΙΤΟΛΩΝ bei Hygin. Aetolorum, Robert a. a. O. 1) gefunden und zum König Lykaon gebracht wird. Doch der schlachtet den Knaben und setzt ihn dem Zeus als Speise vor, um seine Allwissenheit zu prüfen, wie Tantalos den Pelops. Zeus ergrimmt, stösst den Tisch um, daher die Stadt Trapezus ihren Namen hat (Preller-Robert Gr. Myth. I 128, 1. Ed. Meyer 59, 2) und verwandelt den Frevler in einen Wolf. Als A. herangewachsen, trifft er seine Mutter noch als Bärin im ἄβατον des Zeus Lykaios; er will sie nach dem strengen Gesetz töten, aber Zeus schreitet ein und versetzt die Mutter als Bärin, den Sohn als Arktophylax an den Himmel. Mehrfach umgeändert ist die Erzählung bei Ovid. met. II 496ff.; fast. II 481 ff. Secundär sind die ganze Auffassung, vor allem auch des Lykaonmythus, sodann auch die Katasterismen. Aber die Bärengestalt der Kallisto ist ein echtes Motiv: nach uralter religiöser Vorstellung mögen sich Zeus und Kallisto beide in Bärengestalt (die Löwengestalt, die man nach Eur. Hel. 376ff. annimmt, erklärt Franz für Corruptel) vermählt haben, wie Zeus mit Europa und Io in Stier- bezw. Kuhgestalt, Poseidon und Demeter in Rossgestalt, vgl. Ed. Meyer 60ff. Der Anklang Ἀρκάς – Ἄρκτος kam der Sagenbildung zu Hülfe, verursachte sie jedoch nicht; denn der Bär ist von jeher das heilige Tier der Artemis gewesen, Preller-Robert I 303. Einfacher ist Apd. III 8, 2, 7: Artemis tötet die ungetreue Jagdgenossin Kallisto, worauf sie Zeus unter die Sterne versetzt und das Kind der Maia zur Erziehung übergiebt. Eigentlich ist dies Sache des Hermes, wie in den Mythen von Dionysos und Aristaios, und wirklich spielt der Gott diese Rolle auf den Münzen von Pheneos (Head HN 378; abgebildet bei Imhoof-Blumer and Gardner Numism. comm. on Pausan. Taf. T 4. 5, vgl. S. 97).

A. ist schliesslich auch in die arkadische Königsliste aufgenommen, die in zwei Redactionen bei Apollod. III 8. 9 und, weit ausführlicher, bei Paus. VIII 1–5 erhalten ist; die letztere ein Product, das keinesfalls älter ist als die zweite Hälfte des 3. Jhdts. v. Chr.; s. o. S. 1122 und Hiller v. Gaertringen Zur arkadischen Königsliste des Pausanias, Festschr. d. Gymnas. Jauer 1890, 53ff. Ganz willkürlich werden da die Fortschritte der menschlichen Kultur auf die ersten Könige verteilt; so soll A. die Feldfrüchte von Triptolemos, die Kunst der Wollespinnerei von Adristas oder Atristas, woraus manche Neuere Aristaios machen, überkommen haben, Paus. VIII 4, 1. Attisch ist ausser Triptolemos auch Metaneira, Tochter des Eponymen der Krokoniden; s. Toepffer Att. Genealogie 102f. Wenn von den Söhnen Elatos an den Berg Kyllene gesetzt wird und von seinen Nachkommen namentlich Kyllen und Stymphalos schon mit ihren Namen in dieselbe Gegend weisen, so muss dies gegenüber der echten pindarischen Überlieferung von Phaisana zurückstehen. Aber den Anlass zur Umbildung der Sage gaben die [1160] Iamiden, deren in Stymphalos wohnender Zweig sich auch nach Pindar von der Pflegetochter des Elatos ableiteten (Pind. Ol. VI. v. Wilamowitz Isyllos 170; die Umbildung hängt mit der bedeutsamen Rolle zusammen, die die Iamiden durchweg in den eng zusammengehörigen arkadisch-messenischen Geschichten bei Pausanias bis ins 3. Jhdt. hinein spielen; wahrscheinlich waren sie an der Entstehung der ganzen Überlieferung sehr nahe beteiligt).

Locale Sagen, deren Zusammenhang mit der Dichtung ungewiss ist und die gerade deshalb einen guten Eindruck machen, finden sich z. B. in Thelphusa, wo Autolaos, Bastard des A., als Pflegevater des Asklepios genannt wird (Paus. VIII 25, 11); ferner in Mantineia, wo das Grab des A. beim Altar der Hera am Markte lag, Paus. VIII 9, 3f. Curtius Peloponnesos I 238. 315. Fougères Bull. hell. XIV 1889, 255f. und pl. I–XVIII; der Ort hiess Ἡλίου βωμοί. Die Sage lautete, dass man die Gebeine dorthin auf Geheiss des Orakels vom Mainalongebirge her übertragen habe. In Mantineia zeigt man auch das Grab der Diomeneia, Tochter des A., Paus. VIII 9, 9. Nach Elis–Olympia hinüber greift eine andere Tochter, Hyperippe, die Frau des Endymion, nach einer Variante bei Paus. V 1, 4. Endlich hat auch Orchomenos, das zuerst der Einigung Arkadiens heftig widerstrebte, seinen Eponym nicht zum Sohn, sondern sogar zum Vater des A. gemacht (Duris frg. 26, FHG II 475), ein seltsames Gewächs des verkehrten Localpatriotismus.