RE:Gaulanitis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VII,1 (1910), Sp. 872–874
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Gaulanitis (Γαυλανῖτις, ἡ Γαυλανῖτις χώρα Joseph. ant. XIII 13, 5. 15, 4. XVIII 4, 6; bell. Iud. II 9, 1. 12, 8. 20, 6. III 3, 1. 3, 5. 10, 10. IV 1, 1; vit. 37; Γαυλανιτική Joseph. bell. Iud. II 20, 6; Γαυλωνῖτις Joseph. ant. XVII 8, 1; bell. Iud. III 3, 1; Γαυλανᾶς Joseph. bell Iud. IV 1, 1), Landschaft im ostjordanischen Palästina, die ihren Namen nach Eusebius (Onom. 242) von dem großen Ort Gaulon erhalten hat (s. Art. [873] Gaulane). Abgesehen von den beiden Stellen, wo Josephus in Wiedergabe alttestamentlicher Berichte G. für das hebräische Basan setzt und mit den beiden Namen Gilead und Golan dementsprechend das ganze ostjordanische Palästina bezeichnet (ant. IV 5, 3 = Num. 21, 33; ant. VIII 2, 3 = I Reg. 4, 13), hat G. bei ihm einen engeren Sinn und meint nur einen Teil der Nordhälfte des Ostjordanlands. Er unterscheidet Auranitis, Trachonitis, Batanäa (s. die betr. Art.) und G. Letztere ist das unmittelbar östlich vom Tiberiassee und Jordan steil aufsteigende Hügelland, an das sich dann weiterhin östlich die Hauranebene (Batanäa und Trachonitis) anschließt. Im Süden bildet die tief eingerissene Schlucht des Jarmuk (Hieromyces) die natürliche Grenze gegen Gilead im engeren Sinn (die heute ʿAdschlūn genannte Landschaft, s. Galaad). Im Norden reicht die G. bis zu der Landschaft Panias, dem Gebiet der Stadt Panias an der Jordanquelle am Südfuß des Hermon, die von Josephus (ant. XVII 8, 1) als selbständiges kleines politisches Gebilde neben G. angeführt wird. Abgesehen hievon ist die Westgrenze (Tiberiassee und Jordan) und die Längenausdehnung von Nord nach Süd bei dem alten G. dieselbe wie bei dem modernen Dschōlān. Nach Osten zu fehlt in der Nordhälfte eine natürliche Grenze. Das Hügelland des Dschōlān geht nach Osten ohne solche unmittelbar in die Hochebene Basan-Batanäa über. Nur in der südlichen Hälfte der Ostseite finden sich mehrere tief eingerissene Täler, die nördlichen Nebenflüsse des Jarmuk: Nahr er-Ruḳḳād und Nahr Allān, sowie das Wādi el-Eḥrēr, der Oberlauf des Jarmuk. Es scheint, daß hier die alte G. weiter nach Osten reichte, als der heutige Dschōlān, wenigstens wenn Saḥem ed-Dschōlān = Gaulan, der Hauptstadt der Landschaft, ist (s. Art. Gaulan). Dieses liegt bereits in der Ebene. Aber eben der Zusatz ed-Dschōlān in seinem Namen zeigt, daß in früherer Zeit die Landschaft Dschōlān bis hieher sich ausdehnte, so daß wir auch für die alte G. das Wādi el-Eḥrēr als ungefähre Ostgrenze annehmen dürfen.

Josephus unterscheidet die ‚obere‘ und die ‚untere‘ G. (bell. Iud. II 9, 1. IV 1, 1), jenes ist der nördliche, dieses der südliche Teil (mit der Stadt Gamala, s. d.). Die Unterscheidung beruht auf einer natürlichen Verschiedenheit des Landes und hat sich bis heute erhalten. Der nördliche Teil ist der ‚steinige‘ Dschōlān, eine rauhe und wilde Gegend, bedeckt von Lavamassen. Zum Ackerbau weniger geeignet, bietet sie herrliche Weideplätze für die Herden der Beduinen. Eine Kette erloschener Vulkane zieht sich von Bānijās aus gegen Süden. Im südlichen Teil, dem ‚ebenen‘ Dschōlān, verlieren sich die harten Lavamassen, und an ihre Stelle tritt der sandig sich anfühlende dunkelbraune Lavaboden, der außerordentlich fruchtbar ist.

Noch weiter ist Joseph. vit. 37 das Gebiet der G. ausgedehnt. Dort reicht G. bis zum Orte Solyma (s. d.) = Sulēm am Westfuße des Dschebel Ḥaurān, umfaßt also auch den südlichen Teil von Batanaea und Auranitis. Doch dürfte dies nur eine ungenaue Ausdrucksweise sein.

Die Landschaft G. hat im ganzen die Geschichte von Batanaea-Basan im weiteren Sinn, dessen Teil sie bildet, geteilt (vgl. Batanaia o. Bd. III S. 116). Zum jüdischen Gebiet kam G. durch [874] die Eroberungskriege des Alexander Iannaeus (102–76 v. Chr.), der gegen Ende seiner Regierung die wichtigsten Städte Golan, Gamala und Seleucia eroberte (Joseph. ant. XIII 15, 3; bell. Iud. I 4, 8). Aber Pompeius nahm den Juden diese Gegend wieder und schlug sie zu der im J. 63 v. Chr. von ihm gebildeten Provinz Syrien, wobei die Stadt Hippos die ‚Freiheit‘, d. h. die Kommunal-Selbständigkeit, wie sie der hellenistischen Städteverfassung eigen war (vgl. Schürer Gesch. des jüd. Volkes § 23), erhielt (Joseph. ant. XIV 4, 4; bell. Iud. I 7, 7). Erst im J. 30 v. Chr. schenkte Augustus unter anderem auch das Gebiet von Hippos wieder an Herodes d. Gr. (Joseph. ant. XV 7, 3; bell. Iud. I 20, 3), dann im J. 23 v. Chr. die Landschaften Batanaea, Trachonitis und Auranitis (Joseph. ant. XV 10, 1; bell. Iud. I 20, 4), endlich im J. 20 v. Chr. die Tetrarchie des Zenodorus, die Landschaften Ulatha und Panias, überhaupt das ganze zwischen der Trachonitis und Galiläa gelegene Land, also eben die G. (Joseph. ant. XV 10, 3; bell. Iud. I 20. Cass. Dio LIV 9; vgl. o. Bd. III S. 116). Die Bevölkerung war immer eine sehr gemischte (Joseph. bell. Iud. III 3, 5, s. o. Bd. III S. 116). Nach dem Tode des Herodes wurde die Stadt Hippos wieder abgetrennt und zur Provinz Syrien geschlagen, die G. kam zur Tetrarchie des Philippus (4 v. Chr.–34 n. Chr.; vgl. Joseph. ant. XVII 11, 4. 8, 1. XVIII 4, 6; bell. Iud. II 6, 3. 12, 8). Als er starb, wurde sein ganzes Gebiet der Provinz Syrien einverleibt, aber bald darauf, 37 n. Chr., erhielt Agrippa I., Enkel des Herodes und der Marianne, die Tetrarchie von C. Caligula (Joseph. ant. XVIII 6, 10; bell. Iud. II 9, 6). Nach dessen Tode im J. 44 n. Chr. wurde es mit dem übrigen Palästina als römisches Gebiet eingezogen und durch einen Procurator verwaltet. Im J. 53 n. Chr. verlieh Claudius die alte Tetrarchie des Philippus und andere Gebiete an Agrippa II. Im jüdischen Aufstand fiel die G., soweit sie jüdische Bevölkerung hatte, von Agrippa ab (Joseph. vit. 37), aber der Aufruhr wurde bald blutig erstickt (vgl. Art. Gamala). Als Agrippa II. starb (100 n. Chr.), wurde die G. endgültig der Provinz Syrien einverleibt.

Seetzen Reisen I (1854). IV (1859). Selah Merrill East of the Jordan, London 1881. W. M. Thomson The Land and the Book 1883. G. Schumacher Der Dschōlān 1887 = ZDPV 50 IX 1886, 165ff. mit Karte (die Ergänzungen dazu ZDPV XXII 1899, 178ff.); Across the Jordan, London 1886; The Jaulān 1888. Buhl Studien zur Topographie des nördlichen Ostjordanlandes 1894; Geographie des alten Palästina 1896. G. A. Smith Historical Geography of the Holy Land 536. 541. 553. Baedeker Palästina⁶ 137ff. Guthe Art. Gaulanitis in Herzog-Hauk Realencycl. f. prot. Theol.³ VI 378ff.; Art. Golan in Encycl. Biblica II 1748. Schürer Gesch. d. jüd. Volkes I 427 u. a. Vgl. auch die Art. Auranitis, Batanaia, Ituraia, Palaestina, Peraia, Trachonitis.